auch die Damen mit den Tannenzweiglein beschenkt wurden am Schluß . Ich sehe die Heide wieder , die Häuser eines Dorfes mit dem geschnitzten Gebälk am Giebel , ich sehe die blausilbernen Reiter , und weit dahinter einen Eichenwald . Das Gras wächst auf dem Marktplatz des Städtchens , die Laternen schwanken an Ketten über der Straße , und der einzige Kirchturm ist beinahe so schief wie der von Pisa . Aber Geschichten kann man da finden – o – man glaubt nicht , was alles die alten Giebelhäuser wissen in den engen Gassen . Gehen wir also in S . . . auf die Suche . 83 Kling ! Kling ! Kling ! Die Vorplatzklingel ! – Lieber Himmel , da kommt Besuch , Besuch in meine schönste Arbeitsstimmung hinein ! Ich höre meine Zofe parlamentieren im Korridor , eine Männerstimme sagt : » Nur einen einzigen Augenblick – melden Sie mich nur , ich gehe ja gleich wieder ! « Donna Hedwig kommt lächelnd herein zu mir : » Herr Seeberg ! « Albert Seeberg ? Den kann man nicht abweisen , denn erstlich ist er ein alter Bekaunter , zweitens ist er ein sehr guter Gesellschafter und drittens ein liebenswürdiger Künstler , einer von denen , dessen Bildern man noch ansehen kann , was sie vorstellen sollen . Also , herein mit Herrn Albert Seeberg ! » ' n Abend , Fräulein Heimburg – störe ich ? « fragt er gleich darauf . » Nein , nein ! « sage ich höflich . » Doch nicht bei der Arbeit ? « » So ganz noch nicht , ich suche nach – . Wissen Sie keinen Stoff für eine neue Geschichte ? « Er schüttelt den Kopf . » Haben Sie denn nicht ein altes Tintenfaß aus Lenkwitz , das Sie diesmal › verknacken ‹ können ? « sagt er und macht sich ' s bequem in einem Fauteuil . Ich verneine lachend . » Ich möchte ' mal etwas anderes erzählen als von alten Tintenfässern und dergleichen . « » Ja , wissen Sie , Verehrteste , auf Kommando erscheint die Muse nicht , das weiß ich aus eigener Erfahrung . Warten Sie , bis Sie ungerufen kommt , und erzählen Sie sich lieber etwas mit mir . « » Schön , fangen Sie nur an ! « erwidere ich . » Das Wetter war famos , warum gingen Sie nicht spazieren heute ? « fragt er statt dessen . » Weil ich arbeiten wollte . Übrigens das Wetter ist ein vielversprechender Anfang zum Plaudern . « » Na ja , mit etwas muß man doch beginnen , « meint er . » Das ist sehr richtig ! Sagen Sie , wie geht ' s daheim , in Holstein ? « » O , ick dank veelmal – geiht so , « antwortet er auf Plattdeutsch , denn er ist ein A . . . er Kind und hält viel auf seine » ollen Öllern « un op sin Vaderstadt . 84 Nun ist A . . . zwar nicht meine Vaterstadt , aber H . . . ist meines Vaters Geburtsstadt , beide stehen in sehr naher Beziehung zueinander , ich liebe sie sehr , die alte stolze Hansestadt , und folglich auch A . . . Im Umsehen befinden wir uns in einem Gespräch und vergleichen H . . .s und Dresdens Reize , und von da kommen wir auch auf das Künstlerleben beider Städte , und dann ist ' s wieder nur ein Schritt , daß wir auf Meister Alberts Kunst im besonderen kommen . » Wann haben Sie sich denn entschlossen , Maler zu werden ? « erkundige ich mich . » Wollten Sie es von vornherein oder wünschten es Ihre Eltern ? « » Wissen Sie denn das nicht ? « fragt er zurück . » Nein ! Sie waren grad nicht sehr mitteilsam bisher über diesen Punkt . « » O , eigentlich spreche ich nicht gern davon , « verteidigt er sich , » weil ' s mich immer so ein bißchen weich macht , so , so – – . Habe ich Ihnen davon wirklich noch nicht gesprochen ? « » Tatsächlich nicht . Bitte , bitte , erzählen Sie doch , vielleicht – « » Ach so ! Nun gedenken Sie möglicherweise mich zu › verknacken ‹ anstatt des Tintenfasses ? « » Großer Gott , wieder der Ausdruck ! Möglicherweise – ja ! wenn ' s mir paßt . « » Also los ! « sagt er . » Wenn manchmal › en plattdütscher Snack ‹ mit vörkommt , verzeihen Sie wohl ? « » Natürlich ! Ick verstah all . « » Also , in A . . . . . am Rathausmarkt bin ich geboren , und mein Vater war Kunsthandwerker , der höllisch arbeiten mußte für sin Fru un sine sös leewen Kinner . Sobald ich verständig genug war , mußte ich ihm helfen in meinen freien Stunden , denn he kost doch gar to veel Geld , so ' n Sles . Aber darum war ' s doch eine schöne Kinderzeit , und Gelegenheit zum Spiel und zu dummen Streichen blieb immer mehr , als gut war . Und manche Tracht Schläge hat Mudder mi spendeert 85 wegen zerrissener Büxen un Kittels . Mein liebster Spielgefährte war Korl Lorensen . – – – – – – Herrje , Fräulein Heimburg , dieser Korl , der wär ' am Ende einer , den Sie grad brauchen könnten für Ihre neue Geschichte , der wär ' wirklich so ein Stück für eine Novelle ; armer Kerl , dieser Korl Lorensen ! Er wohnte bei seinem Onkel im Hinterhaus , seine Mutter hatte er nie gekannt , sie war gestorben , als er dreiviertel Jahr alt war . Auch sein Vater war ihm unbekannt geblieben , der befand sich , während Korl geboren wurde , als Schiffskoch auf dem » Glück von Dänemark « und ging mit verloren , als die Brigg verloren ging an der Küste von Schottland . Ein Onkel nahm Korl hin , oder vielmehr eine Tante tat es . Na , der Onkel , das war einer ! Er hieß Eduard Heß und war ein verbummeltes Künstlergenie , war hinter dem Ladentisch fort zu den Schauspielern gelaufen , aber nie über die stummen Knappenrollen hinausgekommen . Dann hatte er sich der Malerei in die Arme geworfen , darin er auch liegen blieb , obgleich er nie einen Pinselstrich leistete , der einen Heller wert gewesen wäre , trotzdem er ' mal eine Zeitlang in Dresden » studeerte « . Dieses Studium hatte ihm indessen zu weiter nichts geholfen , als zu einem ganz niedlichen Größenwahn und einer ältlichen schwärmerischen Ehefrau mit kleinem Vermögen , die sich in das holsteinische Genie mit seinen Künstlerlocken , seinem Samtbarett und seinem » Wahnsinnsmantel « so blindlings verliebt hatte , daß sie ihm ohne weiteres , im Vertrauen auf sein Talent , von Dresden nach A . . . folgte und die einzige Seele blieb , die nie den Glauben an Eduards Künstlertum verlor – bis zuletzt , wo der nahende Tod sie hellsehend machte ! Die alternde Frau hatte in Not und Entbehrungen gelebt mit ihrem Eduard , hatte ihn geschützt vor dem Verhungern mit ihrer Hände Arbeit und getreulich seinen Größenwahn ertragen , ohne je einen Vorwurf zu machen , obgleich er nie ein Bild fertig malte , nie eins verkaufte . Noch am Rande ihres Grabes nahm sie Korl Lorensen aus den starren Armen der eben gestorbenen Mutter , die ein Stück Verwandtschaft von Eduard Heß 86 war , zu sich in ihr armseliges Heim . Dann , nach kurzer Zeit ist auch sie gestorben , doch wohl aus Gram , daß von all ihrem erträumten Glück nicht weiter übriggeblieben war als die Künstlerlocken , das Samtbarett und der Wahnsinnsmantel ihres Eduard und Herr Eduard selber . Meine Mutter saß im Hinterhause bei dem armen Weibe , als es starb , und war zugegen , als sie ihren über alles geliebten Eduard ermahnte , doch seinen Stolz zu beugen und dem Bäcker op de anner Sid von Morkt das verlangte Aushängeschild mit den Rundstücken und Kringeln zu malen , denn er wolle doch essen und Korl Lorensen auch , und letzterer dürfe nie etwas anderes werden als ein braver Handwerker , das müsse Eduard ihr versprechen . Und Eduard hatte denn auch , heulend vor Jammer und Schmerz , gelobt , er wolle das Bäckerschild malen und Korl Lorensen solle Handwerker werden . Und Korl Lorensen hatte dabei in seinem hohen Stühlchen am Tische gesessen , mit den Beinchen gebaumelt , kreischend und lachend ; er war eben fünfviertel Jahre alt . Meine Mutter nahm damals das kleine Unglückswurm mit zu sich ins Vorderhaus , für so lange wenigstens , bis der betrübte Witwer ein paar Tage später in seinem Wahnsinnsmantel , den er in düsteren Falten umgeschlagen hatte , und in seinem ganzen verdrehten Uptog vom Kirchhof zurückkehrte . Dann aber trug sie Korl Lorensen dem sogenannten Onkel wieder zu , der in malerischer Stellung in seinem Atelier saß vor einer leeren Leinwand , auf der er eben , unter rinnenden Tränen , die ersten Kohlenstriche machte zu dem Porträt seiner Entrissenen , die er aus dem Gedächtnis zu malen gesonnen war . Meine Mutter hat mir oft erzählt von diesem Anblick , und daß sie zu dem Eduardo gesagt habe : » So , min leew Herr Heß , da is nu de Jung – ick hew fif egene , de kosten uns naug . Nu hangen ' s man den ollen Mantel an Nagel un setten en ordentlich anständig Mütz op un malen Se Schiller . De Jung 89 will leewen – hest Se mi verstahn , min leewe Herr Eduard Heß ? « Nun ja , daß der kleine Korl Lorensen essen wollte , das hatte er ja wohl verstanden , und er malte in verzweifelter Entsagung das Bäckerschild , und da es sehr schön ausfiel , so malte er auch fernerhin Schilder , durch welche Tätigkeit er sich und Korl Lorensen satt machte , ja er brachte es sogar so weit , daß oll Mudder Sörrensen die Aufwartung , die Pflege des Kleinen , die Reinlichkeit und das Kochen übernahm für wenige Schillinge den Monat . Aber der Wahnsinnsmantel , das Samtbarett und die ambrosischen Locken , die blieben , von denen trennte er sich nie , und nach wie vor liefen die Gassengören ihm hinterdrein und trieben ihren Spaß mit ihm , sobald er sich in den Straßen zeigte , um malerische Stimmungen zu erlauschen . Die Ausdrücke » malerisch « und » Stimmung « und ähnliche Schlagwörter klangen in meine kleinen Ohren hinein , als ich noch » en ganz dummer Jung « war , der weder lesen noch schreiben konnte , und blieben sitzen in meinem Kindergehirn , so fest , als seien sie eingeschroben . Ja , wenn ich recht bedenke , so ist Eduardo Heß schuld daran , daß ich Maler geworden bin . Korl Lorensen hatte von dem Tage an , wo er selbständig zum ersten Male auf noch unsicheren Beinchen , halb kriechend , den Weg in das Vorderhaus und in unsre Wohnung fand , ein für allemal den unbeschränkten Eintritt erworben . Meine gute Mutter trug das Herz auf dem richtigen Fleck . Der kleine Bursche , der da zwischen dem » verballerierten « Maler , wie sie Eduard Heß zu bezeichnen pflegte , womit sie wohl » verballhornisiert « meinen mochte , und der alten mürrischen Madam Sörrensen aufwuchs ohne jede Zärtlichkeit und liebevolle Pflege , jammerte sie , und sie litt es gern , daß wir Kameraden wurden , obgleich Korl Lorensen anderthalb Jahre jünger war als ich . Zuerst spielten wir noch unter ihren Augen ; als wir größer und dreister wurden , auf der Treppe vor dem Hause oder im Hofe , und auch , als wir zur Schule gingen , blieb unsre Freundschaft unzertrennlich , trotzdem Korl in die Armenschule und ich in eine höhere Schule ging . Wir konnten kaum erwarten , uns in der 90 freien Zeit auf der Straße zu treffen , um dann gemeinschaftlich unsre Spiele zu treiben , entweder bei uns im Zimmer oder auf der Straße . Mein Höchstes und Schönstes aber war , wenn Korl Lorensen mich mit in seines Onkels Atelier nahm – » Atalihr « sprach Korl es aus , und ich ebenfalls – , während der Zeit , wo dieser seinen künstlerischen Entdeckungen und Stimmungen nachging . Dieses » Atalihr « hat als Tempel der Kunst mich seinerzeit mit den heiligsten Schauern erfüllt , obgleich es weiter nichts war als eine einstmals weiß getünchte schiefe Stube , deren Wände mit Skizzenblättern zweiselhaftester Güte behangen waren . In der einen Ecke stand eine Staffelei mit dem immer noch unfertigen Porträt der seligen Frau Heß , in der andern eine zweite Staffelei , auf welcher irgend ein Firma- oder Wirtshausschild prangte , in welchem Genre Herr Eduard Heß nachgerade einen bescheidenen Ruhm erlangt hatte . Sonst war da , außer schmierigen Pinseln , stark bekleckster nie gereinigter Palette , einem Farbekasten mit ausgequetschten und gefüllten Farbenblasen , Näpfen , Papierschnitzeln , Zigarrenasche und zerbrochenen Spachteln , die ein anmutiges Durcheinander bildeten , nichts Bemerkenswertes als das jeweilige Modell für den Künstler , das in Gemüse , in Obststillleben , in Bücklingen oder dergleichen bestand . Die Wirtshausschilder malte er nach seiner Phantasie , wovon mir das » Zum blauen Wasser « noch erinnerlich geblieben ist , weil die Wellen , die darauf abgebildet waren , wirklich ganz auffallend , ganz wunderbar blau erschienen . Im übrigen herrschte ein unglaublicher Schmutz in diesem geweihten Raum , der mich ebenso mit Staunen erfüllte wie alles andre , denn ich entstammte einem sehr reinlichen Haushalt . Meine gute Mutter hat ihr Lebtag Scheuern und Waschen für das A und O aller Gesittung und Kultur gehalten . – Eines Tages kam Herr Eduard Heß ungewohnt früh von seinem Spaziergang zurück und ertappte uns in seinem Allerheiligsten . Es mochte ihn mein andächtiges Gesicht , mit dem ich ihn und seine Leistungen anstaunte , erfreuen , denn er begann sehr leutselig ein Gespräch über Kunst mit mir dummem Jungen ; es strotzte nur so von erhabenen Worten und Bildern , daß mir ganz schwindlig und benommen wurde und ich unwillkürlich die Hände 91 faltete und mit offenem Munde zuhörte . Was er alles sagte , weiß ich nicht mehr , aber der Schlußsatz ist mir in Erinnerung geblieben und hat vielleicht mein ganzes Schicksal bestimmt : » Dresden ist die wahrhafte Wallfahrtsstätte , zu der jeder kunstbegeisterte strebende Jüngling pilgern sollte , und wäre es nötigenfalls auf nackten Sohlen , wenn er keine Schuhe besitzt . Und dort möge er beten zu den Füßen der Sixtinischen Madonna , daß der Geist Raffaels über ihn komme . « Zu jener Zeit nun , wo uns Eduard Heß die Raupen in den Kopf setzte von Dresden und Raffael , war bereits stark die Rede 92 davon , daß Korl demnächst in die Lehre treten sollte bei Discher Maadsen nebenan . Und mit diesem Tage begann Korls Kampf um die Zukunft , begannen seine stillen Proteste gegen die Tischlerlehre und begannen seine heimlichen Malübungen , seine Versuche , malerische Stimmungen zu entdecken , von denen sein Pflegevater phantasierte und die er bisher vergebens herbeigesehnt hatte . Natürlich blieb ich nicht dahinten . Zunächst zwar verstand ich noch alles nicht recht , aber das Verlangen , mit Maleraugen sehen zu können , war übermächtig auch in mir vorhanden , und eines Tages war es da , das Wunder , so daß es mir durch die Seele fuhr wie ein elektrischer Funke : Herr Gott , wenn du malen könntest , so einfach festhalten – das – gerade das ! Im Jahre 1864 war ' s , als mitten in der Nacht ein Zug dänischer Gefangener über den Rathausmarkt geführt wurde . Die Mondsichel droben am Himmel , haarscharf und silbern über dem Rathausdach , aus den Fenstern der Giebelhäuser am Markt das rötliche Licht der Anwohner , die , aus ihrer Ruhe geschreckt , an den Fenstern lauschten , auf dem Platz eine dicht gedrängte Menschheit und dazwischen der Zug marschierender Soldateska : hie und da blitzt ein Bajonett auf , leuchtet eine Pickelhaube vom Licht getroffen , das Ganze schattenhaft in einer gewissen bläulichen dämmerhaften Beleuchtung – Herr Gott , ist das schön , das muß es sein , was Eduard Heß » malerisch « nennt ! » Mudder , ick much , ick künn dat malen , « flüsterte ich beklommen der Mutter zu . » Bist woll ganz ut de Tüüt ? « fragte sie zurück , » malen ? Wie kamst up malen ? Willst woll ock so ' n Snurrer warden as dat verballerierte Genie , de oll Eduord Heß ? Malen – dat is för Lüd , de to nix anners good sünd . « O weh , mein Ideal ! Aber mein Glaube war stärker . – Korl Lorensen teilte ich andern Tages mit , daß ich gestern meinen unzweifelhaftesten Beruf entdeckt habe und nunmehr fest entschlossen 93 sei , Maler zu werden und nach Dresden zu gehen , um den Geist Raffaels auf mich herabzuflehen . » Ja , Albert , dat must du , « gab er zu mit feierlichen sehnsüchtigen Augen , » un ick , ick gah mit un wenn ick utkniepen müst von Discher Maadsen . Un nahsten Sünndag gahn wi na H . . . un studeeren Malerisches un denn könnt wi dat alles noch besprecken . « Na , das geschah ja wohl , und auch des öfteren . Ich hatte für nichts mehr Sinn als für meine Zukunft , und als gar meine Schwester sich mit dem Zeichenlehrer einer Schule verlobte , da wuchs mir der Mut , denn meine Mutter konnte doch sehen , daß Leute , die zeichneten , schließlich nicht durchaus Tagediebe waren . Und so in diesem Beharren kamen die Jahre und verschwanden . Korl Lorensen und ich wurden konfirmiert an dem nämlichen Tage . Er war allerdings , wie gesagt , anderthalb Jahre jünger , aber für einen Tischler war frühes Eintreten in die Lehre erwünscht , und der vierzehnjährige rotblonde stämmige Junge mit den rotgefrorenen mächtigen Fäusten , der gedrungenen Figur , dem runden Apfelgesicht und den im Widerspruch mit all diesen Zeichen einer robusten bäuerlichen Natur stehenden sehnsüchtig verträumten blauen Augen schüttelte mir die Hand , als wir vor der Kirchtür auseinander gingen , und sagte : » Albert , ick mutt nu doch to Maadsen , aber Dresden gew ick nich op , un du blifst min Fründ , Albert , und du seggst mi dat woll , wenn du so wit bist , un denn komm ick mit . Min 94 Unkel Heß mutt un mutt dat för mi dohn , ick kann nich Discher blieben , ick will Maler warn . « » Och ja , Korl Lorensen , ick will di dat woll seggen , wann ' t so wit is , un Sünndags gahn wi , as sünst immer , spazeeren , dat wöllt wi fast hollen . Lat di god gahn , Korl ! Ick sall ja nu woll bi minen Vadder in ' t Geschäft . « Ja , so war ' t ock . Ick kam denn nu to min allen goden Vadder un schufte da vör alle Gewalt . Und Abends machte ich Studien in meiner kleinen Kammer für meinen künftigen Malerberuf , und was mein Schwager war , der hatte schon ein paarmal zu meiner Mutter gesagt : » Er hat ein büschen Talent , ein ganz nüdliches Talent hat der Albert . « Aber keines der Eltern zeichnete darauf , keine Seele wollte auf meinen Herzenswunsch eingehen , nur einzig und allein Korl Lorensen verstand mich . So oft ich konnte , schlich ich durch das Nachbarhaus auf den Hof , natürlich Feierabends , und rief zu den Fenstern der Tischlerwerkstatt hinauf : » Korl , bist du bald fertig ? « Manchmal kam er dann herunter , müde und matt , aber mit leuchtenden Sehnsuchtsaugen , die beständig in einer andern Welt zu sein schienen . Manchmal auch rief er : » Noch nich , Albert , hüt abend nich , min Beddstell is noch nich fertig . « Der arme Junge mußte nämlich jeden Tag eine Bettstelle fertigen von sehr primitiver Art , aber fertig mußte jeden Tag eine werden , da half ihm nix von . Discher Maadsen lieferte solche in Masse für Gott weiß welche Zwecke . Der Lehrjunge hatte eine zu machen , die Gesellen mehr als das . Aber wenn Korl Zeit hatte , standen wir flüsternd zusammen in irgend einem Winkel und schwärmten und schwiedeten einen Plan nach dem andern und stärkten unsre moralische Kraft für den Widerstand , dessen wir unsern Alten gegenüber so nötig bedurften . Eduard Heß hatte nämlich eine genau so schroffe Stellung gegen die Wünsche seines Pflegesohnes eingenommen wie meine Eltern gegen die meinen , nur daß Eduardo viel weniger zart verfuhr mit Korl Lorensen als die Meinen mit mir . Wie eine Beleidigung für seine Kunst sah er es an , daß so ein Slüngel , so ' ne grobfadige Narur , so eine Knechtsseele – 95 wie er sich ausdrückte – sich unterstehen könne , auch nur die Falten des Gewandes ergreifen zu wollen , das die Muse der göttlichen Kunst umhüllt ! Und der arme Junge zitterte und weinte nach solchen Szenen , und sein Kopf mit den rotblonden stacheligen Haaren bog sich in seine Hände und die Tränen flossen zwischen den plumpen Fingern hervor . Es war zum Jammern . Ich weinte zwar nicht , aber ich war trotzig , zum Verzweifeln trotzig , und wo ich konnte , brachte ich zu Hause mein Sprüchlein vor : » Ich will Maler werden ! Vadder , lat mi doch ! Mudder , ick bitt di , help mi doch ! « Und als ich eines Tages nach Rücksprache mit meinem Schwager ein paar gar nicht üble Blätter vorlegte , die selbst meine ganz unkünstlerische Mutter verblüfften durch die Ähnlichkeit , mit der ich meine Schwester getroffen , und gar den » verballerierten « Eduard in seinem Wahnsinnsmantel , da ward Vater schwankend trotz des Jammerns und Abredens meiner Mutter und begann die Frage des Geldpunktes aufs Tapet zu bringen , die allerdings trostlose Resultate ergab . » Wo sall dat hen ? Wo sölln wi dat Geld hernehmen tau ' n Studeeren ? Uns annere leewen Kinner sin doch ock noch dor ? Un wo kein soll Vadder helpen Geld verdeinen , wenn Albert in Dresden is ? Un wenn da nu nix ut ward als en büschen Klüterkram un ick erlewen müst , dat he so ' n olles verballeriertes Genie ward as Eduard Heß – o , so ' n Kummer , nee – so ' n Kummer – ick wär ' en unglücklich Froo ! « 96 Na , das Gejammer war schrecklich , und einzig nur mein Vater überlegte es sich und handelte , trotzdem er am meisten verlor durch mein Weggehen : meine Hilfe in seinem Geschäft . Er setzte sich den » Sündagshoot « auf , nahm meine beiden Zeichnungen in die Hand und ging mit mir den schweren Weg eines Bittenden , um reiche kunstliebende Leute für mich zu interessieren . Und nach manch abschlägigem Bescheid , vielleicht nach mancher Demütigung , um die ich dem alten Mann noch heute zuweilen verstohlen und dankbar sein » grises Hor « streichele , erlangte er , daß man mir ein Stipendium gab für drei Jahre des Studiums in Dresden , und da es bitterwenig war , so fanden sich noch ein paar mitleidige Seelen , die sich für mehrere Jahre zu einem kleinen bestimmten Zuschuß verpflichteten . Viel war ' s nicht , meine Gnädige . Herrgott , ich begreife jetzt manchmal nicht , wie ich damit durchgekommen bin , aber damals , in meinem Glückstaumel , schien mir die Summe unsagbar großartig und einen beseligteren Menschen mag es zu jener Zeit schwerlich in ganz A . . . , und H . . . dazu , gegeben haben wie mich . Ich schämte mich ordentlich , Korl Lorensen diesen Sieg mitzuteilen , jedenfalls tat ich es so schonend als möglich ; es war auf dem Spaziergang am folgenden Tage . » Je , Korl , ick gah nu aber wirklich na Dresden , « begann ich . Er blieb stehen und sah mich mit seinen blauen Sehnsuchtsaugen an . » Du geihst na Dresden ? « fragte er , » wiß un wohrhaftig , Albert ? « » Ja ! Na , en büschen benaut is mi ja nu doch woll , « log ich , um ihn nicht zu sehr zu betrüben . » O , ick gah mit , Albert , ick gah mit ! « 97 » Korl , min leewe gode Korl , dorto is ' n groten Geldbüdel nödig . « » Je , Albert , hest du em denn ? « » Ja , Korl , min Oll , de hett jawoll wat opdrewen . « » Ick gah to min Patin , Albert , se mutt un – se mutt mi Maler studeeren laten . « » Je , hest du denn ne rike Patin , Korl ? « » Ja , wat de Froo Senator Sonnebohm is in H . . . Vör de hett min Mudder wat snidert , un nahsten hett se bi mi Paten stahn . « » Denn gah man tau , vör wat sünd de Patens in de Welt , « ermunterte ich . » Glick – meenst du , Albert ? « » Ja , Korl . Ick reis ' in veertein Dag na Dresden , un wer weet , ob de oll Madam sick nich en büschen besinnt , eh se na ehrn Geldbüdel grippt . « » Denn man glick , Albert , kumm mit bit an de Dör , se wohnt am Börsenplatz . « Und so wanderten wir denn stumm , das Herz voll Hoffnung , nach H . . . und nach dem Börsenplatz . Am Hause verabschiedete sich Korl Lorensen von mir und zog die Klingel . Ich sollte doch hier ein büschen täuwen , meinte er . Ich wartete denn auch getreulich , aber es dauerte gar nicht lange , da kam er wieder mit ganz niedergeschlagener Miene . » So ' n Unglück , « sagte er , » nu is de oll Madam grad gistern storben – je , nu weit ick nix mehr , Albert ! « setzte er hoffnungslos hinzu . Still kamen wir zu Hause an , und still ging jeder von uns in seine Wohnung , Korl Lorensen , um zu weinen , ich , um mich zu freuen , allerdings nicht ohne mitleidig an den armen Jungen zu denken . Armer Korl Lorensen ! Als Eduard Heß an demselben Abend noch hörte , daß ich nach Dresden ginge und sogar ein » büschen « Talent haben sollte , kam der gemiedene , verhöhnte , sonst so menschenscheue Geselle , 98 wie von einem Magnet angezogen , zu uns herüber und geradeswegs in die Wohnstube hinein , was bisher noch nie geschehen war . Meine Mutter erschrak so , daß sie den Schlucken bekam , als er da so plötzlich stand in seinem » verdreihten Uptog « , der mit den Jahren so unansehnlich und fadenscheinig geworden war und den er doch nicht ablegte in seinem Künstlerwahn . Sein langes Haar war gebleicht und stark gelichtet , der Henriquatre struppig und ungepflegt , und auf dem Gesicht des mächtig erregten , entschieden geisteskranken Mannes flackerte eine unnatürliche Röte . » Mein Sohn , « begann er feierlich mit seinem tiefen Organ , » ich höre , du gehst nach Dresden – ich will dich nicht ziehen lassen , ohne dich gewarnt zu haben vor den Klippen und Gefahren , die dir dort drohen , damit du nicht erlebst , was ich erleben mußte – verkannt , verhöhnt , verspottet , verstoßen zu werden ! Ach , Madam Seeberg , ermahnen Sie Ihren Sohn – « und nun trat er auf meine Mutter zu mit ausgebreiteten Armen , wobei ihm der » Wahnsinnsmantel « entglitt und er in einer schier unmöglichen Toilette vor der sehr » schenierlichen « Frau stand , worüber sie , ganz » ut de Tüüt « , zu schreien anfing und zu entfliehen suchte , während mein Vater , in der Meinung , es sei Feuer , aus der Arbeitsstube nebenan mit allen Zeichen des Entsetzens gestürzt kam . Eduard Heß aber redete und schrie und gestikulierte und ließ sich durch nichts beruhigen . Es war unzusammenhängendes , wahnsinniges Zeug , was er hervorsprudelte , und es blieb meinem Vater nichts übrig , als einen Konstabler heraufzuwinken und mit dessen Hilfe den armen Menschen , nicht etwa in seine Wohnung , sondern nach dem Krankenhause zu schaffen . » Sie werden alle sagen , du seist ein Pfuscher , mein Sohn , « schrie er noch von unten herauf , » du habest keinen Funken von Talent – werden sie sagen ! Neid ist ' s , Bosheit ist ' s ! Glaub ' s nicht , es geht dir sonst wie dem Eduard Heß , dem großen , verkannten Eduard He – Heß – – ! « Am Abend schlich ich hinüber zu Korl Lorensen . Er saß im » Atalihr « – jetzt schrieb er das Wort aber richtig , dank seiner 99 fortgesetzten Bemühungen sich zu bilden – und starrte die Skizzen an , die verstaubt und vergilbt an den Wänden hingen . Als er mich erblickte , stand