Wolf schreiben und noch ’ mal borgen . eine nette Summe , die da schon zusammengekommen ist – zahlbar nach der Heirat ! ! Er riß die Uniform auf und stürmte im Zimmer hin und her ein Zug von Ekel glitt über sein Gesicht . Was war aus ihm geworden ! Einer , der Schulden macht auf das Geld seiner künftigen Frau , viel Schulden ! Ja freilich , er ist nicht der einzige , Hunderte giebt es , die thun ’ s kaltblütig , aber er , ach , er hatte doch noch Ideale gehabt ! Und dann will er noch heiraten und sich als den Gebieter aufspielen . Es darauf ankommen lassen , ob sie sich seinem Willen beugt oder nicht , er , der so mit Haut und Haar der Gnade ihres Geldbeutels verfallen ist . Lächerlich ! Was soll er denn für ein Gesicht machen , wenn ihm nach der Hochzeit etwa , wenn man von der Reise zurückkommt – die Schuldscheine präsentiert werden ! Als sogenannter Hofmarschall – jeder alte abgelebte Hofschranze könnte den Posten ausfüllen – war er doch vielleicht imstande , aus eigener Kraft abzuzahlen , als Offizier nie ! Er lachte bitter auf . Na , denn zu ! Es ist ja ganz gleich , als was man seine Sklavenketten schleppt , als Soldat oder als Beamter , verpfuscht war das Leben doch einmal ! Er trat nach wenigen Minuten bei seiner Tante ein , mit hartem Gesichtsausdruck . Toni Ribbeneck saß in einem der tiefen Fauteuils am Kaminofen und sah ihm fragend und neugierig entgegen . Frau von Gruber erhob sich und verließ das Zimmer . Sie mochte nicht anhören , wie er die Rolle des Gebieters spielte , „ der dumme Junge “ , wie sie ihn innerlich wütend nannte . Sie erhaschte nur noch den Anblick einer wenig zuvorkommenden Begrüßung seitens der Braut , die , von Frau von Gruber auf eine mögliche Enttäuschung hinsichtlich des Hofmarschalls vorbereitet , die Miene einer tyrannisierten Frau aufgesetzt hatte . Um so erstaunter war sie , als nach zehn Minuten die junge Dame in das Zimmer kam , in das sie sich zurückgezogen hatte , und ihr mit triumphierender Miene sagte : „ Aber , liebste Frau von Gruber , was redeten Sie denn . Er ist ja ganz einverstanden , wie ein Lamm ist mein guter Heinz ! Er hat sich wahrscheinlich nur gesträubt , weil Sie als Tante ihm die Sache plausibel machen wollten . Sobald ich die Rede darauf brachte , erklärte er , sich meinen Wünschen fügen zu wollen . “ „ Wahrscheinlich ! “ stotterte die alte Dame ganz verblüfft . Und als sie gleich darauf vor ihm stand , der am Tische saß und gedankenlos in einem Album blätterte , sagte sie nicht ohne Aerger . „ Es freut mich , Heinz , daß du Tonis Wunsch erfüllst . “ „ Es ist ja doch schließlich ganz egal “ , antwortete er , den Deckel zuklappend , und in dem Blick , mit dem er zu ihr aufsah , lag etwas so Trostloses , Müdes , daß sie erschrak . „ Du bist krank , Heinz , das Unglück zu Hause hat dich angegriffen , nicht wahr , Toni , wir entlassen ihn – du mußt dich ausruhen Heinz ! “ „ Aber nein , “ rief die junge Dame , „ ich habe mich so gefreut auf heute abend ! Wovon soll er denn müde sein . Nicht wahr , Heinz , du gehst noch nicht , wir plaudern noch . Bist du gar nicht neugierig , wo wir wohnen sollen . Hier im Schloß – “ „ Ist das auch bereits bestimmt ? “ unterbrach er sie scharf . „ Ja , natürlich ! Durchlaucht ist zu reizend , zu rührend , als ob sie eine Tochter verheiratete , so lieb . Hier über uns , deine Zimmer gehören mit dazu , die Aussicht nach dem Platz und der Stadt ! “ „ Ach ! “ machte er , und dann kam ihm zu Sinn , wie es nun doch so komme , daß er die Oberförsterei täglich vor Augen haben müsse , aber vielleicht gewöhnte er sich auch daran wie an alles andere Schwere , Trostlose . Und plötzlich fragte er wie aufatmend , daß doch noch ein Lichtstrahl bei der Sache für ihn sei : „ Die Wohnung ist groß . “ „ Denke dir – zehn Zimmer ! Durchlaucht ist rührend , “ wiederholte Toni . „ Dann wird ja wohl eines dabei sein , in dem meine Schwester wohnen kann . Sie muß eine Heimat bei uns haben . “ Toni antwortete nicht , aber Frau von Gruber , in welcher der Familiensinn stark entwickelt war , nickte ihm zu „ Das ist recht von dir , Heinz ! “ „ Aber wird Durchlaucht gestatten ? “ „ Durchlaucht wird gestatten “ , sagte er laut und bestimmt . „ Wenn sie sich den Luxus eines verheirateten Hofmarschalls gönnt , so muß sie auch dessen verwaiste Schwester dulden . Uebrigens , das lasse meine Sache sein , liebe Toni , ich selbst werde mit Durchlaucht darüber sprechen . Von dir setze ich voraus , daß du so menschlich und edel denkst , um einem armen Mädchen , das lange die Sonne nicht gesehen hat , ein paar warme Strahlen zu gönnen . “ „ Gewiß ! “ antwortete sie , aber ihre rosige Laune war verschwunden und man trennte sich ziemlich kühl . [ 069 ] Im Mayschen Hause herrschte gehobene Stimmung ; Frau Rätin war einfach selig in ihrer Stellung als künftige Schwiegermutter und Großmama . Das neue Paar hatte bei den Hofbeamten Brautvisite gemacht , auch bei den Bekannten im Städtchen , die Besuche waren erwidert worden , und mittags von zwölf bis ein Uhr hatte ununterbrochen die Hausthürklingel geschellt . Briefe von allen Erden und Enden waren angelangt , und im Auftrage Ihrer Durchlaucht war eines Nachmittags Frau von Gruber erschienen , um die Glückwünsche der hohen Frau zu übermitteln nebst einem Strauß Orchideen aus den herzoglichen Gewächshäusern . Frau von Gruber war eine volle Viertelstunde lang geblieben und hatte sich sehr herzlich gezeigt , wie Frau Rätin allen versicherte , die es hören wollen . Nach des Oberförsters Wunsch sollte die Hochzeit schon um Weihnacht stattfinden , spätestens anfangs Januar , und deshalb hatte Frau Rätin die Aussteuer für Aenne ganz energisch in Angriff genommen . In der Eßstube rasselte heute bereits die Nähmaschine ; eine ältliche dicke Person mit großer runder Brille auf dem Stumpfnäschen saß zwischen Bergen weißer Leinwand , [ 070 ] und Tante Emilie war zum Heften kommandiert . In der Küche stand Aenne neben der Mutter , angethan mit einer großen , weißen Küchenschürze , und horchte mit ernsthaftem Gesicht auf die praktischen Lehren für ihren künftigen Hausfrauenberuf . „ Immer erst einen Probekloß kochen - verstehst du , Aenne ? Falls er auseinander fällt , kann man die Masse noch fester machen . - Unsinn , Kind , ein richtiger Kloß muß mit der Hand gedreht werden , thu doch nur nicht so zimperlich , was soll denn dein künftiges Dienstmädchen von dir denken ? “ Aenne erwiderte kein Wort , sondern folgte den Weisungen der Mutter mit dem nämlichen undurchdringlichen Gesicht , wie sie es schon seit dem Tage ihrer Verlobung zeigte . „ Und heute nachmittag müssen wir hinüber gehen , Aenne , ich bekomme sonst keinen Schimmer von dem , was du an Tischwäsche und Handtüchern brauchst . Er sagt zwar , es ist noch genug da von der ersten Frau , das mag ja auch sein , aber man muß doch selbst sehen . So um Drei herum , habe ich sagen lassen an die Stübken , würden wir kommen . - Ein Glück ist ’ s doch , Aenne , daß du dich nur gleich so hineinsetzen kannst in die fertige Wirtschaft , denn , wo die Jungens so viel kosten - Vater hätte gradezu Geld borgen müssen für deine Ausstattung ! “ Aenne blieb stumm . „ Morgen mittag könnt ihr ja dann noch die letzten paar Brautvisiten machen , hast du übrigens eine Ahnung , wann Günther heute heimkommt ? “ „ Ich habe ihn nicht gefragt , Mutter . “ „ Ach , so was ! Ich weiß gar nicht , wie du bist , Aenne ! - Aber Kind , wie du ungeschickt den Kochtopf anfaßt ! Hast du dich verbrannt ? Na , das ging noch ’ mal so . Ja , was ich sagen wollte , Aenne , ich habe die Kleinen zu Mittag herüber bitten lassen , sie essen so gern Klöße , und du mußt dich jetzt doch etwas mehr um sie kümmern , finde ich . Die Aelteste ist doch eigentlich recht scheu dir gegenüber . Was mag das nur sein ? Manchmal denke ich , das Kind hat so dumme Stiefmuttermärchen gelesen oder erzählen hören , meinst du nicht auch ? Aber so – – “ Das Klingeln der Hausthür unterbrach den Redestrom der geschäftigen Frau . „ Herrgott , schon wieder Besuch ? Aber ich wüßte gar nicht , wer da noch kommen sollte , sie waren ja schon alle hier ! “ Sie nickte Aenne Stillschweigen zu und schlich zur angelehnten Küchenthür hinüber , um zu horchen , wer da sei . Eine Männerstimme fragte nach Frau Rätin und dem Fräulein ; das junge Dienstmädchen antwortete , daß die Damen zu Hause seien , die Herrschaften möchten nur eintreten in die „ gute Stube “ , sie wolle es gleich melden . Aenne stand plötzlich mit sonderbar kühlem , blassem Gesicht da , Frau Rätin kam eilig zurück zu ihrem brodelnden Kessel . „ Der Heinz Kerkow , Aenne ! An den habe ich gar nicht mehr gedacht ! Geh ’ nur immer hinein ! Sobald es die Klöße erlauben , komme ich nach . “ Langsam band Aenne die Küchenschürze ab , wusch sich die Hände und streifte die Aermel ihres rotbraunen Wollkleides herunter . Als sie die Küche verließ , wo das Dienstmädchen ganz aufgeregt der Frau Rätin erzählte , daß sich die Braut vom Herrn Lieutenant aber fein gemacht habe , trug sie ihre alte freundliche Miene zur Schau , nur daß sie den Kopf ein bißchen stolz in den Nacken gebogen hatte . „ Er muß glauben , daß ich glücklich bin , daß ich nie an ihn gedacht habe - es gilt , Aenne , es gilt , beiße die Zähne auf einander ! “ sagte sie sich . Als sie die Hand auf den Drücker legte , kam sie einen Augenblick ein Grauen an vor dem Wiedersehen und ein Zweifel an ihrer Standhaftigkeit , aber das ging vorüber , sie öffnete rasch und trat ein . Heinz Kerkow hatte ebenfalls seine ganze Energie aufgeboten , um diesen Besuch endlich auszuführen . Erst hatte er ihm von Tag zu Tag aufgeschoben unter allerhand Vorwänden - es wurde ihm so unsagbar schwer , das Mädchen wiederzusehen , von dem er genau zu wissen meinte , daß es ihn liebte , trotz ihres Schreibens . von Glück und Brautjubel ; dann hatte er sich gesagt , daß ein Verzögern die Qual nicht mindere , und hatte sich , seinem raschen Temperament entsprechend , entschlossen , sofort hinunter zu gehen Eigentlich wollte er allein ihr gratulieren , einen Besuch machen wie in alten Tagen , aber da war es Toni plötzlich eingefallen , daß sie der kleinen May auch gratulieren müsse und daß sie außer dem etwas mit dem Medizinalrat zu besprechen habe , und so waren sie beide gekommen . Aenne erblickte beim Eintreten die Hofdame vor einem der Photographiealbums , die auf der Plüschdecke des Sofatischs lagen ; Heinz stand am Fenster , nach dem Schlosse hinaufstarrend . „ Wie liebenswürdig , gnädiges Fräulein , Herr von Kerkow “ , sagte sie unbefangen und lächelte , wobei ein rosiger Hauch über ihr Gesicht flog . Und indem sie neben Toni auf dem Sofa Platz nahm und Heinz Kerkow den Sessel neben sich anwies , wandte sie das Gespräch auf den Verlust , den der junge Offizier durch den Tod seiner Mutter erlitten . „ Wie leid thut es mir , Herr von Kerkow - solch ein schwerer Schlag gerad ’ in die glücklichste Zeit des Lebens ! Sie müssen nämlich wissen , Fräulein von Ribbeneck , daß Ihr Herr Bräutigam und ich uns schon seit den Kinderjahren kennen , daß ich ein bißchen eingeweiht bin in seine Familiengeschichte und daher ermessen kann , was dieser Verlust für ihn bedeutet . Und Ihre Schwestern , Herr von Kerkow ? Was wird denn nun aus Fräulein Hedwig ? Sie kann doch nicht allein bleiben , sie ist noch viel zu jung dazu . “ „ Sie sind sehr freundlich , “ antwortete er mit einer Stimme , die fast heiser klang . „ Meine älteste Schwester ist seit kurzem schwer erkrankt , unheilbar , und Hedwig ist allein geblieben , bis auf weiteres . “ „ Ganz allein ? “ rief Aenne , „ aber das ist ja traurig ! “ „ Ehrlich gestanden “ , mischte sich Toni ein , „ das kann ich nicht finden . Tausende von Mädchen leben in noch schwereren Verhältnissen allein . “ „ Gewiß ! “ gab er zu , „ sie stirbt nicht daran ! “ Aber es geschah mit einem so müden Ton , daß Aenne erschrak . Sie hatte bis jetzt nicht gewagt , ihn anzusehen , nun that sie es . Er hielt den Helm auf dem Knie und zwischen seinen Brauen stand eine Falte , die Aenne nicht kannte in diesem frischen , sonst so lachenden Antlitz . Er sah den Blick und raffte sich auf , weshalb sollte denn dieses ruhige freundliche Mädchen , das wie das verkörpertes Glück aussah , erfahren , wie es um ihn stand ? Ihrem Schreiben hatte er nicht geglaubt , ihrem Wesen mußte er glauben , sie war wie getaucht in lächelndes Glück und rosige Glut . „ Haben Sie schon gehört , Fräulein May , daß ich mich bei Ihrer Durchlaucht als Stütze der Hausfrau verdingt habe ? “ fragte er nun , sein Unbehagen über die künftige Stellung mit leichtem Spott verbergend . Sie sah ihn verständnislos an , Toni zog ein Gesicht , sie fand den Witz absolut nicht nach ihrem Geschmack . „ Sie sehen in mir , “ fuhr er sich verbeugend fort , „ den künftigen Hofmarschall Ihrer Durchlaucht der Frau Herzogin von Breitenfels . Wissen Sie , was das heißt ? Das heißt Hand- , Küchen- , Kellerverwalter sein , Gesellschaften arrangieren , auf die unsterblichen Schimmel ein Auge haben sowie auf sämtliches Personal des Haushaltes , die Fleischer- , Bäcker- und sonstigen Rechnungen kontrollieren , Konzerte veranstalten , hohen Gästen entsprechend einen längeren Küchenzettel entwerfen , kurz - ein Mädchen für alles ! “ Aenne hatte ihm einen vorwurfsvollen Blick zugeworfen . Einen Augenblick , einen einzigen , hatte sich ihr Gesicht verfärbt - hier wollte er bleiben ? Das hieße ja für sie ein immerwährender Schmerz , ewige Unruhe , unausgesetzte Qual ! - „ Wirklich ? “ fragte sie . „ Gewiß ! “ bestätigte Toni , „ finden Sie es nicht reizend von Durchlaucht ? Die Herzogin will mich nicht von sich lassen , rührend ist sie ! Dort droben , wo Heinz jetzt logiert , wird unsere Wohnung hergerichtet.- Nehmen Sie sich in acht , Fräulein May , wir können der künftigen Frau Oberförsterin mit dem Feldstecher die ganze Wohnung ausspähen , fügte sie scherzend hinzu . „ O , das freut mich , daß Sie hier bleiben , “ log Aenne ; weiter kam sie nicht – es war so namenlos schmachvoll , dieses Komödienspiel ! Zum Glück trudelte jetzt die freudestrahlende Frau Rätin ins Zimmer . Sie gehörte zu den kleinbürgerlichen Frauen , die überschwengliche Höflichkeitsphrasen für solche Gelegenheiten aufgespeichert haben , und so hörte man in den nächsten fünf Minuten nichts weiter als die Schlagwörter . Ehre – Glück – Freundlichkeit – zu gütig – reizend etc. [ 071 ] „ Wie schnell das gekommen ist , “ fuhr sie fort , Aennes Platz neben der Hofdame einnehmend , „ vor vierzehn Tagen hatte noch niemand eine Ahnung von einer Verlobung . Wissen Sie , gnädiges Fräulein , an dem Konzertabend , wo Aenne das Lied sang von der Abendsonne - ja , damals dachte niemand an ein solches Ereignis , und am andern Tage gleich zwei ! Ueberrascht waren wir , gnädiges Fräulein , ich sage Ihnen - überrascht über alle Begriffe ! “ Aenne stand wie auf Kohlen . „ Mütter sind immer überrascht , selbst wenn sie ganz genau wissen , wie es um das Herz der Tochter steht , “ sagte sie gezwungen lachend . „ Glauben Sie es nicht , “ verteidigte Frau Rätin ihre Mutterwürde , „ ganz allein hat sie die Geschichte mit sich ausgemacht , und steht dann da plötzlich vor einem : „ Mama , ich habe mich verlobt , Basta ! – Jawohl , du Trotzkopf ' ! “ „ Frau Rätin “ , unterbrach die Hofdame gelangweilt , „ ist der Herr Doktor zu sprechen ? “ „ Gewiß , er hat ja eben noch Sprechstunde “ , erwiderte die lebhafte Frau und erhob sich sofort , um Fräulein von Ribbeneck den Vortritt vor einigen andern Patienten zu verschaffen , und nach kaum einer Minute streckte sie den Kopf zur Thür hinein . „ Mein Mann läßt bitten , gnädiges Fräulein . “ Toni flüsterte ein „ Auf Wiedersehen “ und verschwand . Aenne und Heinz standen sich allein gegenüber . die Frau Rätin war vermutlich wieder in die Küche geflogen zu ihren Klößen . Eine lange Pause herrschte , keiner von ihnen fand ein Wort . Endlich sagte er mühsam scherzend - er hatte sich erhoben und war vor sie hingetreten . „ Also , das ist Aenne , die liebe lustige Aenne als Braut ? “ Sie ging darauf ein . „ Und das ist Heinz von Kerkow als Bräutigam ? “ „ Ja ! “ sagte er kurz und nickte ihr ernsthaft zu . „ Wie freue ich mich , Aenne , daß Sie so glücklich sind , “ sprach er dann herzlich . „ Sehr bin ich es , sehr ! “ versicherte sie eifrig . „ Und so ernsten Pflichten gegenüber - drei Stiefkinder ? Arme kleine Aenne ! “ „ Darauf freue ich mich gerade ganz unbändig , “ rief sie fröhlich . Er sah sie lange und forschend an , blieb aber stumm . Sie ward ein wenig rot unter der Lüge , sprach dann aber hastig weiter : „ Heinz - ach pardon ! - Herr von Kerkow , ich muß Ihnen noch etwas sagen . Vorhin , als von Ihrer Schwester die Rede war , wurden Sie so traurig - bitte , bitte , schreiben Sie ihr , daß wir sie mit offenen Armen aufnehmen wollen , ich kann für meine Eltern einstehen . Lassen Sie sie zu uns kommen , lassen Sie sie nicht so allein jetzt ! Sehen Sie , “ fuhr sie erregt fort , in den Fehler aller Leute fallend , die einen andern um jeden Preis etwas glauben machen wollen , den Fehler der Uebertreibung , „ sehen Sie , Heinz , wenn Ihre Braut sich ein wenig sperrt in dieser Angelegenheit , so kann man ihr das nicht verdenken - sie fürchtet eben den dritten im Bunde , den Jemand , mit dem sie Ihr Herz ein wenig teilen müßte . Ich aber , Heinz , bin nicht Ihre Braut und infolgedessen auch nicht eifersüchtig , ich würde mich so unbeschreiblich freuen , die Schwester meines Jugendfreundes bei mir zu haben ! “ Er sah ganz starr zu ihr hinüber . Was war denn das ? Was sollte das heißen ? Glaubte sie nötig zu haben , ihm mit klaren Worten zu sagen , daß sie ihn nie geliebt ? Mein Gott , davon mußte er wohl auch so überzeugt sein ! „ Ich danke Ihnen , Fräulein Aenne , ich glaube auch alles , was Sie mir da sagen , glaube es gern , “ antwortete er , „ seien Sie versichert , es thut mir jedes Wort wohl , befreit mich von Sorgen , die ich mir arroganterweise gemacht hatte ! Was nun aber Hedwig anbetrifft , so muß ich leider für jetzt Ihre Freundlichkeit ablehnen , ein solcher Trauergast würde in Ihr frohes Haus nicht passen - Später , wenn Sie als junge Frau Oberförsterin drüben wohnen und Hedwig in unserem Hause ein Heim gefunden hat , dann nehmen Sie sich ihrer , bitte , ein wenig an ich werde Ihnen sehr dankbar dafür sein ! “ Sie hatte ihn recht verstanden , denn sie fühlte , wie ihr das Blut in die Wangen stieg , . also - er war doch in Sorgen um sie gewesen ! Ob er jetzt sich überzeugt hat , daß sie ihn niemals geliebt hat ? Weiterlügen , mehr lügen ! stürmte es in ihr , sie suchte nach einer Antwort und fand keine . Wie erlöst eilte sie gleich darauf der Thüre zu , an der sich der Drücker bewegte , ohne daß jene aufging . Sie öffnete , und ihr fröhliches „ Ei ! ei ! Was kommt denn da ? “ ließ den jungen Offizier in seiner Wanderung durch das Zimmer einhalten . Drei Kinder kamen über die Schwelle , das jüngste , ein Mädel mit krauser blonder Lockenfülle , dick und pummelig wie der Apfel , den es in der Hand hielt , nahm Aenne gleich auf den Arm und küßte es . Der Bub im Sammetkittelchen mit Lederschurzfell , Papierhelm und hölzernem Säbel war die Miniaturausgabe des Oberförsters , derb , untersetzt , mit trotzigen blauen Kinderaugen , die verwundert von Aenne zu Heinz schauten . Die Aelteste , ein mageres Kind von sieben Jahren mit spitzem altklugen Gesicht und straff zurückgekämmtem weißblondem Haar , hielt in jedem Arm eine Puppe , sie machte einen Knix vor dem fremden Herrn und sah ihn ebenfalls mit unverhohlener Neugier aus hellen wimperlosen Augen an . Aenne hatte sich mit ihrer Last auf den Fenstertritt gesetzt und barg ihr Gesicht in das krause Blondhaar des Kindesköpfchens . Der Junge stand ihr zugewandt und beobachtete sie stumm . Heinz , den in diesem Augenblick der ganze große Schmerz seiner verlorenen Liebe überfiel , betrachtete irgend eins der Bilder an der Wand . Er konnte sie nicht tändeln sehen mit dem Kinde dieses andern , er konnte sie überhaupt nicht mehr sehen , es ging über seine Kräfte . Mehr als ein bestimmtes Maß von Elend kann der Mensch nicht ertragen ! Sie hatte ihn nie geliebt , nun gut , aber er liebte sie desto mehr , wie sehr , das fühlte er in diesem Augenblick erst . Und Aenne spielte ihre Komödie weiter und hatte ein Gefühl dabei , als müßte irgend etwas in ihrem Herzen zerreißen , als müßte sie schreien . „ Glaube mir , glaube mir ! Du mußt mir glauben ! Siehst du denn nicht , daß ich beinahe sterbe an den Lügen ? “ Da klang auf einmal eine Kinderstimme durch das stille Zimmer , eine grollende freche Jungenstimme : „ Warum küßt du denn heute Mariechen immerzu ? “ Aennes Gesicht tauchte erschreckt empor . „ Was meinst du damit , Hermänne , “ fragte sie streng , „ ich küsse das Mariechen doch alle Tage ? “ „ Das ist ja gar nicht wahr ! “ rief der Junge , „ und wenn sie auf deinen Schoß will , setzt du sie immer wieder auf den Boden . “ „ Du bist ein ganz ungezogenes Kind , Hermann ! Agnes , bitte , nimm deinen Bruder und geh mit ihm hinaus ! “ rief sie . Aber die ältere Schwester ließ ihren Bruder nicht ohne weiteres tadeln . „ Ja , “ sagte sie mit ihrer ganzen altklugen Wichtigkeit , „ und einen Schnitz hast du ihm auch nicht an die Peitsche machen wollen , und Puppenkleider willst du auch nicht nähen für meine Lucie , und Fräulein Stübken sagt auch , du verstellst dich bloß , du hättest uns gar nicht lieb , weil du nie mit uns spielst ! “ Aennes Lachen machte den unartigen kleinen Mund verstummen . „ Na , nun aber rasch hinaus ! “ rief sie , „ geht zu Großmama in die Küche , ihr armen dummen Gören - faßt das Mariechen ordentlich an , damit es nicht hinfällt ! “ „ So ! “ Sie hatte die Kinder aus der Thüre geschoben und lachte noch immer , sie wußte es selbst kaum . Ganz mechanisch setzte sie sich wieder auf den Fenstertritt und sah scheu zu Heinz hinüber , der dies kurze Zwischenspiel gar nicht bemerkt zu haben schien . Er ' stand noch immer vor dem Bilde , die Zähne aufeinander gebissen . „ Kinder und Narren - - “ sagte er still für sich . Sie atmete auf . Nein , er hatte ihr armes blutendes Herz nicht gesehen , von dem die Kinder soeben erbarmungslos den Schleier gerissen den sie so sorglich darüber gebreitet hielt . „ Ihre Braut bleibt recht lange beim Vater “ , bemerkte sie möglichst ruhig . Er wandte sich langsam zu ihr . Sie saß da , die Arme verschränkt , den Kopf , wie erschöpft , an die Spiegelkonsole gelehnt , die Schultern emporgezogen , als fröstelte es sie , das Gesicht blaß und wie verfallen . [ 074 ] „ Es ist kalt in diesem Zimmer “ , beantwortete sie seinen verdunkelten Blick , in dem der ganze grenzenlose Jammer um sie beide lag . „ Benachrichtigen Sie , bitte , meine Braut , ich sei vorausgegangen in den Marstall , Fräulein May , “ sagte er plötzlich . „ Ich habe nämlich augenblicklich die Aufgabe , mich in meinen Beruf möglichst rasch einzuleben . “ Ehe sie sich noch erheben konnte , hatte er sich verbeugt und das Zimmer verlassen . Sie sah ihm nach , wie er über den Platz schritt , und dann blickte sie in der Stube umher , als habe sie dieselbe nie vorher gesehen . Da ertönte von draußen ein gellendes Geschrei des kleinen Mariechen und die Stimme der Mutter . „ Aenne , bekümmere dich doch um die Kinder ! “ Sie ging hinaus und hob das schluchzende Kind auf den Arm . Die Oberförsterei , die nur durch einen Baumgarten von dem Hause des Medizinalrats getrennt lag , war eins der stattlichsten Gebäude des Platzes . Die Herzöge von Breitenfels hatten stets der Jagdpassion in hohem Maße gehuldigt . Ehemals , als Breitenfels noch ein selbständiges Land bildete , hatte in diesem Gebäude der Oberforstmeister gewohnt nun , nachdem schon seit hundert Jahren die beiden Herzogtümer verschmolzen waren , bestand diese hohe Charge nicht mehr in Breitenfels und der Oberförster bewohnte das Gebäude . Die alten Mauern des zweistöckigen Giebelhauses bargen herrschaftliche Räume mit stuckverzierten hohen Plafonds , parkettierten Fußböden und breiten Flügelthüren . Im Flur hingen alte lebensgroße Oelbilder fürstlicher Jäger und unzählige Geweihe , und die schöne breite Treppe schmückte ein kunstvolles schmiedeeisernes Geländer . An diesem Nachmittag war zu Ehren des erwarteten Besuches über die roten , frisch gescheuerten Fliesen des Hausflurs verschwenderisch Sand gestreut , und ein durchdringender Geruch von Räucherpulver quoll den Eintretenden entgegen . Aenne , die mit der Mutter das Haus ihres Verlobten betrat , fuhr fast zurück vor dieser süßlichen schweren Luft , die sich betäubend um ihren schmerzenden Kopf legte . Aus der Wohnstube rechts kam der Oberförster ihnen entgegen , hinter ihm drängten die Kinder nach . Der große Mann war sichtlich bewegt und streichelte leise die Hand des jungen Mädchens , die er behutsam in seinen Arm genommen hatte , sie zu küssen wagte er nicht in Gegenwart so vieler . „ Kommen Sie herein , Mamachen , legen Sie im Zimmer ab - tritt ein , Aenne , “ bat er einfach . Fräulein Stübken , die jetzt im schwarzen Kleid und zierlichen Schürzchen auf der Schwelle erschien , zeigte sich sehr dienstbeflissen bei Abnahme der Sachen . Es war schon ein wenig dämmerig in dem großen Gemach , in das der einfache Hausrat gar nicht zu passen schien , aber der Feuerschein des Ofens spielte traulich auf dem altersbraunen Fußboden , der Kaffeetisch war mit blendend weißem Tuch bedeckt und aus der großen weißen Porzellankanne quoll ein würziger Duft entgegen . „ So , Frau Schwiegermama , nun wollen wir zuerst gemütlich Kaffee trinken . - Fräulein Stübken , wo haben Sie Ihre Waffeln ? - Kommt , Kinder - wer von euch will auf der andern Seite der neuen Mama sitzen ? “ Es meldete sich keines , und so zog er die Aelteste heran . „ Hier , Aenne , ich hoffe , sie wird dir bald eine kleine Stütze werden . Sei artig , Agnes , und präsentiere Großmama den Kuchen ! “ Man saß dann und genoß den Kaffee . Fräulein Stübken machte die Wirtin und nötigte überflüssig viel . Ganz besonders aufmerksam war sie Aenne gegenüber , was diese absolut nicht zu bemerken schien . Aenne hatte durch die Kinder erfahren , wie die Hausdame ihres Bräutigams über sie dachte , zürnen that sie ihr nicht , denn es war ja die Wahrheit , aber sie ignorierte sie . Wozu auch ihr gegenüber lügen ? Es war ja genug , daß sie Heinz belog ! Die Stübken , eine Dame von ungefähr dreißig Jahren , etwas mehr geputzt als sonst nötig und mit höchst moderner Haarfrisur , hatte einen verkniffenen Zug um den Mund , wie er den unglücklichen