. Sie hatte zwar schon öfter etwas von Lisett gehört ; sie wußte , daß es ihre Großtante gewesen , und die Muhme sprach den Namen immer mit einer gewissen Feierlichkeit aus , aber da man ihr nie Näheres mittheilte , so interessirte es sie auch nicht , daß sie dort oben gewohnt . Sie schämte sich aber jetzt , daß sie so kindlich geweint vor der Muhme ; was sollte diese nur eigentlich glauben ? Am Ende gar , daß sie den Army – – ? Sie wurde dunkelroth und dachte es nicht aus , sondern fing an zu singen , währeud sie in die Wohnstube lief , um Onkel und Tante Pastor zu begrüßen . Die Muhme aber folgte ihr mit bangen Blicken . „ Herr des Himmels , “ murmelte sie , „ verschone uns in Gnaden mit solch einem zweiten Unglück ! Denn ein Unglück wird ’ s ; es ist noch nichts Gutes von da droben gekommen , seit die Alte auf dem Schlosse Athem holt . Herr Gott , behüte die Gedanken des Mädchens ! Sie weiß es selbst noch nicht , aber es ist wahr , was ich da gehört – sie hat ihn gern , den Army . O du lieber Gott , wie soll man da schon helfen ? “ Und die Muhme grübelte und grübelte , während sie das Abendbrod in der blitzblanken Küche rüstete , und wenn Lieschens helle Stimme einmal aus der Wohnstube her in ihr Ohr drang , dann schüttelte sie mit dem Kopfe , und beim Abendessen betrachtete sie verstohlen das lachende Gesichtchen , von dem die letzten Thränenspuren verschwunden waren . Das war aber auch eine vergnügte Tafelrunde , die in dem kühlen Eßzimmer um den mit schneeweißem Damast gedeckten großen runden Tisch saß . Der Hausherr oben an mit seinem wohlwollenden , von einem großen Vollbarte umrahmten hübschen Gesichte , der Herr Pastor , dem man das Behagen ansah , mit welchem er bei dem Jugendfreunde zu Gaste saß , und Rosine , seine kleine runde Frau , die immer vergnügt war , obgleich sie zu Hause eine ganze Reihe Kinderchen hatte , die wie die Orgelpfeifen auf einander folgten , und für die sie oft nicht wußte , wo sie die neuen Röckchen und Jäckchen hernehmen sollte . Selbst an den Donnerstagabenden auf der Mühle , wo sie sich von den Strapazen der Woche erholen wollte , vermochte sie kaum auf dem Sopha neben der Hausfrau zu sitzen , ohne ein Kinderstrümpfchen in der Hand , an dem sie eifrig strickte , und nicht selten legte dann Frau Erving ihr lächelnd ein ganzes Paket fertiger Strümpfe in den Schooß : „ So , liebe Pastorin , da habe ich ein Bischen geholfen ; nun lassen Sie es heute Abend aber auch einmal gut sein mit dem Stricken und singen uns ein Lied ! “ Und dann sang die Frau Pastorin mit ihrer leisen hohen Stimme irgend ein einfaches Liedchen . Nachher aber griff sie doch mechanisch wieder zum Strickzeuge und sagte , selbst darüber lächelnd : „ Laßt es gut sein , Minnachen ! Ich kann einmal nicht anders . “ Die Hausfrau befand sich heute Abend ganz besonders wohl und erzählte sich mit Rosine lange Haushalts- und Wirthschaftsgeschichten , und Lieschen neckte sich mit dem Vater und dem Herrn Pastor herum ; nur die Muhme war still und hatte heute nicht einmal ein Lächeln für die Lobsprüche , die ihrer Kochkunst galten ; sie nahm kein Schlückchen von dem duftenden Moselwein , der in dem grünen Römer so verlockend vor ihr stand . „ Weißt Du auch , Pastor , “ fragte der Hausherr , „ daß ich jetzt einen Sohn von unserem alten Schulfreunde Selldorf hier habe ? “ „ Von Selldorf einen Jungen ? Ei , was Du sagst ! Wie ist es dem denn eigentlich ergangen ? “ „ Der hat eine große chemische Fabrik in Thüringen . “ „ Ei , was Tausend , und der Junge soll – ? “ „ Der Junge soll einmal seine Nase in mein Geschäft stecken , weil der Alte beabsichtigt , eine Papierfabrik , vulgo Lumpenmühle anzulegen – hat übrigens Glück gehabt ; er kam als Buchhalter in das Geschäft , das er jetzt selbst besitzt , heirathete das einzige Töchterchen seines Principals und war ein gemachter Mann ; ist ein gescheidter Kopf und ein durch und durch reeller Charakter . Mußt Dir übrigens den Jungen einmal ansehen , frappant wie der Alte damals aussah , dieselbe blonde Lockenperrücke , dieselben Augen . Ich dachte , ich wäre wieder jung geworden , als er so vor mir stand . “ „ Wo hast Du ihn denn ? “ „ Drüben im Geschäftshause . Ich halte ihn nicht um ein Haar anders wie die übrigen jungen Leute ; heut Mittag hat er hier gespeist , aber damit ist ’ s gut – Du weißt , ich lasse mich nicht gern stören im Kreise meiner Familie . “ Der Paftor nickte : „ Muß ihn mir wirklich einmal ansehen . Was sagt denn aber Lieschen dazu ? “ fragte er scherzend das junge Mädchen . „ Gar nichts , Onkel , “ erwiderte sie . „ Das ist wenig , “ lachte dieser . „ Aber apropos , da fällt [ 708 ] mir ein , Lieschen , der Army war ja hier . Ich sah ihn von der Post kommen , als er gerade angelangt war , à la bonheur , ist das ein hübscher Junge geworden ! Hast ihn gesehen , Kleine ? “ Lieschen nickte , aber sie war dunkelroth geworden ; die Muhme sah auch gar zu scharf herüber . „ Es kränkt mich aber doch , “ fuhr der Pastor fort , „ daß er es nicht der Mühe werth hält , einmal mit zu uns heran zu kommen ; es ist doch nicht hübsch , daß er seinen alten Lehrer nicht mehr kennt – das ist so ein Zug von der alten Baronin . “ „ Sie können sich nicht allein beklagen , “ sagte die Hausfrau . „ Hier ist er auch nicht gewesen . Aber Nelly kommt zu uns . “ „ Ein allerliebstes Mädchen , “ meinte die Frau Pastorin . „ So recht dem Großvater ähnlich , “ tönte jetzt die Stimme der Muhme , „ das war ein Mann . Na , aber : Wen unser Herrgott liebt , dem giebt er ein großes Leid . “ „ Er hat ja wohl sehr unglücklich mit seiner Frau gelebt ? “ fragte die Frau Pastorin , zu der Alten gewandt . „ O , Frau Pastorin , wo die hintritt , da kommt ’ s Unglück hinterdrein ; sie hat nicht blos die eigene Familie zu Grunde gerichtet , auch über andere Häuser hat sie Kummer und Sorge genug gebracht . “ „ Ja , sie muß toll gewirthschaftet haben , “ nickte der geistliche Herr , „ man hört so mitunter etwas von den Dorfleuten . “ „ Meine Familie könnte auch ein Lied davon singen , nicht wahr , Muhme ? “ fragte der Hausherr . „ Das weiß der Allmächtige ! “ rief die alte Frau „ was sind für Thränen geflossen um dieses Weibes willen ! Aber Gott hat sie alle gezählt , “ nickte sie rasch aufstehend und schritt aus dem Zimmer . „ Es thät ’ gar nichts schaden , “ murmelte sie , als sie dann in ihr Stübchen trat und noch einmal Alles überdachte , was sie so bekümmerte , „ es thät ’ gar nichts schaden , wenn ich der Liesel die Geschichte erzählte ; es könnte ihr doch ein Lichtel aufgehen , wie sie sind da droben . “ Dann stand sie auf , suchte einen Schlüssel hervor , ging leise aus dem Zimmer die Treppe hinan und schloß die Thür zu Lisett ’ s Stübchen auf . Es war ein kleiner Raum , den sie betrat , und in dem Dämmerlicht , das bereits herrschte , konnte man kaum die einfache Ausstattung erkennen . Zwischen den Fenstern eine Kommode mit blitzenden Messingbeschlägen , darüber ein Spiegel in geschnitztem Holzrahmen , der oben seltsam geschnörkelt war , eine schmale Bettstelle , grün gestrichen und mit einer plumpen Rosenguirlande bemalt , davor ein winziges Tischchen mit drei Beinen und einem eingelegten Stern auf seiner Platte , und an der gegenüberliegenden Wand ein hochlehniges , dünnbeiniges Sopha , das ordentlich aufseufzte , als jetzt die Muhme sich hineinsetzte ; über dem Bett hing ein kleines schwarzes Crucifix unter einem bunten Bilde , das ein Mädchen mit einer Taube in der Hand vorstellte , zwischen Bett und Fenster aber hatte ein Kleiderschrank mit aus dunklem Holze eingelegten Figuren Platz gefunden , während am andern Fenster ein kleiner Nähtisch mit einem hochlehnigen Stuhle davor stand . Unter dem Spiegel hing ein verwelkter Kranz mit verblaßter blauer Schleife , der seltsam contrastirte mit dem duftigen frischen Fliederstrauß in dem alten geschliffenen Glase auf der Kommode . Letzteres Liebeszeichen stellte die Muhme alljährlich hin , wenn der Flieder blühte ; die einstige Bewohnerin hatte die blauen Blüthen so sehr geliebt , und diese Zeit rief immer ein schmerzlich süßes Gedenken in dem Herzen der Alten wach . So saß sie nun heute Abend wieder in dem Stübchen der schönen Lisett , und in ihrer Seele mischten sich Vergangenheit und Gegenwart : es war ihr , als sei sie wieder das frische junge Mädchen , und die schlanke Gestalt der Freundin stehe dort drüben am Fenster und blicke mit den schönen Augen so sehnsuchtsvoll zu dem südlichen Thurme des Schlosses hinüber . „ Er kommt , Mariechen ; er kommt – ich habe das Licht gesehen , “ hatte sie einst oft gerufen und dabei in seliger Freude die Hände zusammengeschlagen , und dann waren sie hinunter gegangen in den Garten , und da , in der dunklen Jasminlaube , da hatte dann ein schönes glückliches Liebespaar gesessen in aller Zucht und Ehrbarkeit – – Und dann ? Dann lag sie auf jenem Bett , die schöne Gestalt , gebrochen unter der Last des Schmerzes , die Wangen schneeweiß und die blauen Augen voll heißer Fiebergluth . War es nicht genug , einmal solche Qual ansehen zu müssen ? „ Herr Gott , behüt ’ meinen Liebling , mein Liesel ! “ betete sie und legte den Kopf auf die Lehne des Sophas . Die Hände sanken ihr eng gefaltet in den Schooß , während sich Thränen in die alten Augen drängten . Da faßten ein Paar kleine Hände die ihren ; eine weiche Wange schmiegte sich an die ihre , und als sie aufblickte , da schauten sie ein Paar tiefe blaue Augen an und eine leise Stimme fragte : „ Was weinst Du denn , Muhme ? Bist Du immer noch bös auf mich ? “ Die alte Frau antwortete nicht sogleich ; ihr war es , als sähe sie eine holde Erscheinung in diesem Augenblicke , dann aber fragte sie : „ Wie kommst Du hierher , Liesel ? “ „ Verzeih , Muhme ! Ich suchte Dich drunten in Deiner Stube ; sie sprechen soviel von einem Baron Fritz und der Großtante Lisett , und da wollt ich Dich bitten , mir Etwas von ihnen zu erzählen , und bin Dir nun hierher nachgekommen . “ „ Dann bist Du zur guten Stunde gekommen , Liesel ! Laß sie unten immerhin sprechen . Es weiß es Keiner so gut wie ich , denn ich hab ’ es mit erlebt ; zwar wollt ’ ich , Du solltest noch lange nicht wissen , wie bunt es manchmal im Leben hergeht , aber es ist besser für Dich – komm , setz Dich – ! “ Das junge Mädcheu gehorchte , nachdem sie sich scheu in dem Zimmer , in das sie nur einmal als kleines Mädchen einen Blick geworfen , umgesehen , und die alte Frau strich sich die Schürze glatt , und indem sie die Hände wieder faltete , schickte sie sich zum Sprechen an . Aber sie blieb doch stumm und blickte wie verlegen um sich . Sollte sie dem jungen Kinde die traurige Geschichte erzählen und Haß und Groll und verwirrendes Mißtrauen in die reine Seele streuen ? Das Mädchen , das in stummer Erwartung da neben ihr saß , es war ja noch ein Kind ; der Army flog ihr sicher bald aus dem Sinn – nein , sie durfte diese thränenvolle Geschichte nicht erzählen . Und doch – wenn sich ’ s noch einmal wiederholen sollte , und sie hätte ihren Liebling nicht gewarnt ! „ O , Du allgütiger Gott ! “ murmelte sie leise , „ was kann ich da schon thun ? “ „ Mach ’ erst das Fenster auf , Liesel ! “ bat sie ; „ die Luft ist hier so eingeschlossen . “ Das junge Mädchen öffnete beide Flügel ; der Regen hatte aufgehört ; nur so ein leises Tröpfeln von Blatt zu Blatt ging noch durch die alten Bäume , und jener frische Erdgeruch zog in das kleine Stübchen , der immer nach einem Regen die Luft erfüllt . „ Liesel , “ sagte sie dann halblaut . „ Muhme ? “ fragte das junge Mädchen , und streichelte über das alte Gesicht . „ Liesel , Du – ich glaube , es wäre besser , Du gehst nicht mehr so oft zur Nelly , – – nachher , mein ’ ich , später , wenn der Army wieder da ist , und die Cousine , “ begütigte sie , als Lieschen den Kopf mit dem Ausdruck der Ueberraschung zu ihr wandte . „ Sieh , es ist nicht – ich denke – ich – “ sie stotterte und schwieg . „ Laß das , erzähle lieber von der Lisett ! “ schmeichelte das junge Mädchen in der Angst , die Muhme könnte wieder auf das gefürchtete Thema von vorhin kommen . „ Was ich von der Lisett erzählen wollte ? “ rief die alte Frau hastig , „ das sag ich , daß sie das liebste Geschöpf auf Gottes weitem Erdboden war , und daß sie hat sterben müssen , nur weil – weil – – höre , Liesel , wenn jemals Einer was auf Deine Großtante sagt , dann widerstreit es , denn es hat nie ein reiner Herz gegeben , aber auch keines , das auf so schändliche Art gebrochen worden – “ Sie schwieg eine Weile . „ Geh ’ nicht mehr auf ’ s Schloß , Liesel ! “ fuhr sie fort , indem sie die Hand des Mädchens ergriff und heftig drückte ; sieh , „ ich kann Dir nicht Alles sagen , wie es war ; es will mir nicht über die Lippen ; später sollst Du es erfahren , aber glaub ’ mir , es thut nicht gut , die alte Baronin , – die – – “ „ Hängt das mit der Geschichte von Tante Lisett zusammen ? “ fragte das junge Mädchen . „ Sag ’ es , Muhme , bitte , bitte ! “ „ Ich sag ’ weder Ja noch Nein , Liesel , “ erwiderte diese , „ aber das sag ’ ich , “ rief sie feierlich , „ es ist noch nicht aller Tage Abend , und wenn es ihr noch schlechter ginge auf Erden und sie käme als Bettlerin hier vor ’ s Haus , ich stieße sie fort und ließe sie weiter ziehn , denn wo die hintritt , da ist ’ s verflucht in alle Ewigkeit , und einmal im Leben , da werd ’ ich ihr ’ s doch noch in ’ s Gesicht sagen , daß sie ein – – “ [ 709 ] „ Muhme ! “ rief Lieschen mit einer abwehrenden Bewegung , so bang und laut , daß die alte Frau erschreckt innehielt . „ Es ist gut , “ murmelte diese . „ Ich will nichts weiter sagen . Aber Du darfst nicht auch so unglücklich werden wie die Lisett . Ich könnt ’ s ja nicht noch einmal durchleben , wenn – – Ach Du mein Gott , Kind , ich wollt ’ Dir ja nicht weh thun . Ich wollt ’ Dich nur warnen , Lieschen , “ fuhr sie fort , als sie das schluchzende Mädchen an ihre Brust gezogen , „ Du sollst ja Deine Freundin nicht missen , um Alles in der Welt nicht , aber sieh , wenn Eins jung ist , da kommen mitunter gar thörichte Gedanken in ’ s Herz [ 710 ] – – Lieschen , Kind , “ flüsterte sie ängstlich , „ gelt , Du thust es fühlen , daß ich es gut meine ? “ Lieschen nickte : „ Ja , ich weiß ; daß Du es gut meinst , Muhme , aber – – . “ Sie schwieg ; es war ihr so weh zu Muthe , so weh wie noch nie im Leben . – – Drunten in der Wohnstube saßen sie auch noch und schwatzten mit einander von alten Zeiten , von der schönen Lisett und dem Baron Fritz , und nun stand die kleine Frau Pastorin auf , setzte sich an ’ s Clavier und sang mit ihrer innigen Stimme ein kleines Lied : Auf ihrem Grab , da steht eine Linde ; Drin pfeifen die Vögel und Abendwinde , Und drunten sitzt auf dem grünen Platz Der Müllerbursch mit seinem Schatz . Die Winde , die wehen so kalt und so schaurig ; Die Vögel , die singen so süß und so traurig , Die schwatzenden Buhlen , die werden stumm , Sie weinen und wissen selbst nicht warum . „ Wo ist denn unser Lieschen ? “ fragte sie dann , „ sie muß doch auch einmal singen . “ Und Lieschen saß noch immer oben neben der Muhme , und als sie den Gesang von dort unten hörte , da weinte sie auch , – und wußte selbst nicht warum . Es war , als sinke ein Nebel vor ihren Augen herab , die goldne Jugendzeit verhüllend mit all den fröhlichen Spielen , mit Sonnenschein und Blüthenschnee , und zwei lachende Kindergesichter verschwanden immer mehr und mehr , und der Nebel ward dichter und dichter und baute sich auf zu einer hohen Wand , und davor stand die stolze schöne Schloßherrin aus dem Ahnensaal dort oben , mit den wunderbar schwarzen Augen und dem blauen Sammetkleide , und sie streckte ihr wie abwehrend die Hände entgegen : „ Was willst Du hier ? Hier ist ’ s gefeit , und Du gehörst nicht zu Uns . Du bist Lumpenmüllers Lieschen , kehre um , sonst wird ’ s Dein Tod . Denk an Lisett , die schöne Lisett und – – . “ Da sprang sie hastig auf und flüchtete aus dem kleinen Stübchen in ihr Zimmer , und da warf sie sich auf ’ s Bett und weinte im heißen Schmerz um ein Etwas , das sie selbst noch kaum recht erfaßt , recht begriffen , und das nun mit seinem Schwinden ihr das Leben so leer , so traurig erscheinen ließ . Die Muhme aber stand an ihrer Thür und horchte auf das bange Schluchzen da drinnen . „ Herr Gott , “ sagte sie leise , „ ich hatt ’ schon richtig gesehen ; sie ist ihm gut , dem Army , wär ’ s doch noch zur rechten Zeit gekommen , daß ich sie gewarnt ; es ist besser jetzt geweint , als dann . Du armes Ding , ja – so eine erste Lieb ’ , sie ist ja gar zu süß – . “ Und drunten , da gingen eben die Gäste fort , und die Muhme hörte deutlich die Worte die zum „ Gute Nacht ! “ gesprochen wurden . „ Ja , ja , Bernhard , so ist das Leben , “ sagte der Herr Pastor im Anschluß an ein vorhergegangenes Gespräch , „ ’ s hat Leid und Freud , – na , wenn wir hier erst einmal als alte Leute sitzen und uns etwas erzählen von ferner Zeit , da ist ’ s hoffentlich nicht so traurig wie die Geschichte heut ’ Abend , und wir können dann zu den Enkeln sagen : Guckt , Kinder , uns ist ’ s besser ergangen , als wir es verdient haben ; na Bernhard , ich seh ’ Dich wirklich schon als Großpapa , und das Lieschen neben so einem netten Mann hier aus der Mühle ; ’ s kommt Alles , wie der heutige Tag . Nun , Gott behüt ’ Euch , auf Wiedersehn zu Pfingsten , den zweiten Festtag , – den dritten kommt Ihr dann zu uns , nicht Rosina ? “ „ Gute Nacht , gute Nacht ! Grüßt das Lieschen und die Muhme ! “ Und es wurde still im Hause , nur in Lieschen ’ s Stübchen verstummte das bange Schluchzen noch nicht , und erst spät stieg die alte Frau die Treppe hinunter und ging in ihr kleines Zimmer . „ Jetzt schläft sie , “ murmelte sie . „ Gott schenk ’ ihr ein fröhliches Erwachen und Lebenslust , und dereinst viel Lieb ’ und Segen ! Sie ist ja noch so jung , so jung , und das Leben ist so schwer und lang , ja für die Meisten – die Allermeisten . “ Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum nächsten Teil zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Lumpenmüllers Lieschen aus : Die Gartenlaube 1878 , Heft 44 , S. 721 – 724 Fortsetzungsroman – Teil 5 [ 721 ] 7. So war der Sonnabend vor Pfingsten gekommen ; lächelnd und golden schien die Sonne vom blauen Himmel herab auf die Erde , küßte im Garten der Lumpenmühle die vielen Röschen wach , guckte durch die blüthenweißen Gardinen in die Stuben und brannte heiß auf die Sandsteinbänke vor der Hausthür . Die Muhme stand im Garten und pflückte Blumen in die Schürze ; Lieschen half ihr ; sie hatte einen großen runden Strohhut auf und Gartenhandschuhe an den kleinen Händen und suchte und schnitt die allerschönsten Blüthen ab . Ihr Gesicht hatte einen veränderten Ausdruck bekommen ; besonders die Augen schauten so ganz anders drein als sonst , und gar nicht so fröhlich , wie es sich für einen so blauen lächelnden Frühlingstag paßte , und die Muhme war zärtlicher gegen sie als jemals . – Vom Dache schossen zirpend ein paar Schwalben an ihnen vorbei und schwangen sich dann hoch auf in den blauen Aether . Im Hause war Alles schon spiegelblank und sauber ; selbst oben standen die Fenster der altmodischen Putzstuben weit geöffnet , um überall die frische Gottesluft einzulassen , und überall duftete es nach Festkuchen . Drüben im Geschäftshause und in den Fabrikräumen war schon früh das Klappern und Stampfen der Maschinen verstummt ; die Arbeiter rüsteten daheim auch zum Feste . Herr Erving gab gern einen solchen Tag frei – dafür ging ’ s nachher auch um so fröhlicher an die Arbeit . Der Herr Buchhalter und die zwei anderen jungen Leute aus dem Comptoir waren schon heute früh singend in die Welt gezogen , um eine kleine Pfingsttour zu machen , nur Herr Selldorf war zurückgeblieben . Er promenirte vergnügt im Ellerngange am Mühlbache auf und ab und ergötzte sich an den Sonnenstrahlen , die das Wasser bis unten auf den Grund durchschimmerten , und an dem Gewimmel der winzigen Fischchen , die an solch einer sonnigen Stelle so possierlich flink durcheinander schossen ; zuweilen schaute er verstohlen nach dem Garten hinüber , ob da nicht bald wieder ein großer weißer Strohhut mit kornblumenblauen Bändern auftauchen würde , unter dem ein Paar so tiefe liebe Augen hervorleuchteten , wie er sie in seinem ganzen Leben noch nicht gesehen . Am geöffneten Fenster der Wohnstube , die nach dem Garten hinaus sah , saß Frau Erving und nähte himmelblaue Schleifen auf ein weißes Kleid für ihr Lieschen zum Feste ; sie hatte ihrem Manne gewinkt , der eben eingetreten war , und zeigte ihm jetzt die beiden Gestalten dort unter den Blumen im Garten . „ Sieh , Erving , wie die Muhme das Mädchen hätschelt ! “ sagte sie lächelnd , „ sie hat ’ s schon immer verzogen , aber seit einiger Zeit ist es noch viel ärger damit geworden ; seit die Liesel neulich ein paar Tage so blaß aussah , da will sie das Kind förmlich auf den Händen tragen . “ „ Laß sie , Minnachen ! “ erwiderte Erving , „ sie ist wohl aufgehoben bei der Muhme , aber Du hast Recht , sie sah ein bischen blaß aus , die Liesel , und weißt Du , was mir noch auffiel ? Sie ist seit einer vollen Woche nicht auf dem Schlosse gewesen , und die Nelly war doch schon drei Mal hier . “ „ Je nun , das sind so Mädchenlaunen , vielleicht haben sie irgend etwas mit einander gehabt , die Beiden ; aber sie geht morgen sicher hin ; ich dächte , sie hat davon gesprochen . “ „ Morgen ? “ fragte Erving , „ hm , da ist ja der Selldorf unser Gaste was sollen wir Beide allein mit ihm anfangen ? “ „ O , sie bleibt ja nicht lange oben ; sie haben Besuch auf dem Schlosse , die Cousine , von der Nelly erzählte , und den Army , aber Lieschen ist bis jetzt immer gegangen und hat frohe Feiertage gewünscht , da wird sie es auch diesmal kaum unterlassen , “ meinte Frau Erving bittend . Er nickte zerstreut . „ Er ist ein netter Junge , der Selldorf , “ sagte er dann . Seine Frau sah ihn an und lächelte , und er lachte wieder . „ Jetzt weiß ich , was Du denkst , Alter , “ rief sie fröhlich . Er bog sich zu ihr herunter . „ Wirklich , Minna ? Nun , und wär ’ s denn so schlimm ? Sieh , ich muß schon einmal einen Schwiegersohn haben , der in ’ s Geschäft paßt , und er ist ein prächtiger Mensch ; ich habe ihn kennen gelernt – derselbe biedere Charakter wie sein Vater . “ „ Mann , “ sagte sie , und ihre schönen großen Augen sahen ihn fast flehend an , „ ich bitte Dich , mach ’ keine Pläne ! Sie ist ja fast noch ein Kind . “ „ Warst Du denn älter , als Du meine Frau wurdest , Minnachen ? “ „ Nein , Bernhard , aber – “ „ Und sind wir denn nicht glücklich zusammen gewesen bis jetzt , und wollen es auch noch ferner sein ? “ Sie nickte und griff zum Taschentuch , das sie vor die Augen preßte . „ Das meinte ich auch nicht , “ sagte sie , während er ihre Hand ergriff und den Arm um sie schlang , „ aber ich möcht sie so gern noch ein wenig ganz ungetheilt für mich haben , denn wer weiß , wie lange ich – “ sie brach ab , und versuchte die hervorquellenden Thränen zu unterdrücken . „ Laß nur ! “ bat sie , [ 722 ] als sie bemerkte , wie sein Gesicht sich veränderte und ein trauriger Zug darüber flog , „ mir ist heute so bang um ’ s Herz – geh nicht fort ! “ Sie lächelte schon wieder zu ihm auf . „ Sieh , Erving , ich freue mich auch , wenn sie einen lieben Mann bekommt , er muß aber auch ebenso gut und so ehrenwerth sein , wie Du – “ Er sah ihr innig in die Augen . „ Der Allerbeste muß es sein , “ bestätigte er , „ und Du sollst entscheiden . “ „ Erving , “ sagte sie dann nachdenklich und schaute der schlanken Gestalt entgegen , die da oben den Gartenweg hinaufschritt mit der Schürze voll Blumen . „ Erving , ich muß jetzt einmal Acht haben auf Deinen Selldorf da drüben . “ „ Thu das , Minnachen ! “ erwiderte er und ließ ihre Hand frei , „ Du wirst ein braves Gemüth kennen lernen . “ Und damit küßte er sie freundlich auf die Stirn und ließ sie allein mit ihren Träumen . Die duftige Arbeit glitt von ihrem Schooß ; ihre Gedanken schweiften in eine ferne Zukunft , und allmählich legte sich ein weiches , glückliches Lächeln um ihren Mund . – Und so war nun der erste Pfingstag angebrochen ; vor der Hausthür der Mühle standen zwei kerzengerade hellgrüne Maibäumchen , und von den obersten Zweigen wehten rothe Bänder im warmen Frühlingswinde ; die Tauben saßen alle der Reihe nach auf dem Dache und gurrten und putzten sich , und der Peter , der so stolz von seinem Bock aus die muthigen Braunen regierte , hatte ebenfalls ein rothes Band an die Peitsche gebunden . An den Seiten des bequemen offenen Wagens steckten frische Birkenzweige , und nun erklang von da unten aus dem Dörfchen die Kirchenglocke , und die Mine – die Dörte mußte heut daheim bleiben und kochen – ging im schönsten Sonntagsstaat , das Gesangbuch in der Hand , am Wagen vorüber und nickte dem Peter verstohlen zu . Nun trat auch der Hausherr aus der Thür und hob seine Frau in den Wagen . Lieschen und die Muhme folgten hinterdrein . Erstere sah in ihrem duftigen weißen Kleide mit den blauen Schleifen hübscher denn je aus , und die Muhme prangte im schwarzen Seidenkleide ihre Haube war heut mit Spitzen und blauen Bändern verziert und in der Hand hielt sie das Gesangbuch nebst Taschentuch und Sträußchen ; auch Lieschen hatte ein paar Rosenknospen in der Hand . Dörte