aller Kinderbälle , des Vorzugs genoß , eine ganz besondre Schaustellung erwachsener und voll erblühter Schönheiten zu sein . Und wenn ich sage , › voll erblühter ‹ , so sag ich noch wenig . In der Tat , an keinem Ort und zu keiner Zeit hab ich je so schöne Dreißigerinnen auftreten sehen als auf Kinderbällen . Es ist , als ob die Nähe der bewußt oder unbewußt auf Umsturz sinnenden Jugend alles , was heute noch herrscht , doppelt und dreifach anspornte , sein Übergewicht geltend zu machen , ein Übergewicht , das vielleicht morgen schon nicht mehr vorhanden ist . Aber gleichviel , meine Herren , es wird sich ein für allemal sagen lassen , daß Kinderbälle nur für Erwachsene da sind , und dieser interessanten Erscheinung in ihren Ursachen nachzugehen wäre so recht eigentlich ein Thema für unsren Gentz . Ihr philosophischer Freund Buchholtz , lieber Sander , ist mir zu solchem Spiele nicht graziös genug . Übrigens nichts für ungut ; er ist Ihr Freund . « » Aber doch nicht so « , lachte Sander , » daß ich nicht jeden Augenblick bereit wäre , ihn Eurer Königlichen Hoheit zu opfern . Und wie mir bei dieser Gelegenheit gestattet sein mag hinzuzusetzen , nicht bloß aus einem allerspeziellsten , sondern auch noch aus einem ganz allgemeinen Grunde . Denn wenn die Kinderbälle , nach Ansicht und Erfahrung Eurer Königlichen Hoheit , eigentlich am besten ohne Kinder bestehen , so die Freundschaften am besten ohne Freunde . Die Surrogate bedeuten überhaupt alles im Leben und sind recht eigentlich die letzte Weisheitsessenz . « » Es muß sehr gut mit Ihnen stehn , lieber Sander « , entgegnete der Prinz , » daß Sie sich zu solchen Ungeheuerlichkeiten offen bekennen können . Mais revenons à notre belle Victoire . Sie war unter den jungen Damen , die durch lebende Bilder das Fest damals einleiteten , und stellte , wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt , eine Hebe dar , die dem Zeus eine Schale reichte . Ja , so war es , und indem ich davon spreche , tritt mir das Bild wieder deutlich vor die Seele . Sie war kaum fünfzehn , und von jener Taille , die jeden Augenblick zu zerbrechen scheint . Aber sie zerbrechen nie . › Comme un ange ‹ , sagte der alte Graf Neale , der neben mir stand und mich durch eine Begeistrung langweilte , die mir einfach als eine Karikatur der meinigen erschien . Es wäre mir eine Freude , die Bekanntschaft der Damen erneuern zu können . « » Eure Königliche Hoheit würden das Fräulein Victoire nicht wiedererkennen « , sagte Schach , dem der Ton , in dem der Prinz sprach , wenig angenehm war . » Gleich nach dem Massowschen Balle wurde sie von den Blattern befallen und nur wie durch ein Wunder gerettet . Ein gewisser Reiz der Erscheinung ist ihr freilich geblieben , aber es sind immer nur Momente , wo die seltene Liebenswürdigkeit ihrer Natur einen Schönheitsschleier über sie wirft und den Zauber ihrer früheren Tage wiederherzustellen scheint . « » Also restitutio in integrum « , sagte Sander . Alles lachte . » Wenn Sie so wollen , ja « , antwortete Schach in einem spitzen Tone , während er sich ironisch gegen Sander verbeugte . Der Prinz bemerkte die Verstimmung und wollte sie kupieren . » Es hilft Ihnen nichts , lieber Schach . Sie sprechen , als ob Sie mich abschrecken wollten . Aber weit gefehlt . Ich bitte Sie , was ist Schönheit ? Einer der allervagesten Begriffe . Muß ich Sie an die fünf Kategorien erinnern , die wir in erster Reihe Seiner Majestät dem Kaiser Alexander und in zweiter unsrem Freunde Bülow verdanken ? Alles ist schön und nichts . Ich persönlich würde der beauté du diable jederzeit den Vorzug geben , will also sagen , einer Erscheinungsform , die sich mit der des ci-devant schönen Fräuleins von Carayon einigermaßen decken würde . « » Königliche Hoheit halten zu Gnaden « , entgegnete Nostitz , » aber es bleibt mir doch zweifelhaft , ob Königliche Hoheit die Kennzeichen der beauté du diable an Fräulein Victoire wahrnehmen würden . Das Fräulein hat einen witzig-elegischen Ton , was auf den ersten Blick als ein Widerspruch erscheint und doch keiner ist , unter allen Umständen aber als ihr charakteristischer Zug gelten kann . Meinen Sie nicht auch , Alvensleben ? « Alvensleben bestätigte . Der Prinz indessen , der ein Sicheinbohren in Fragen über die Maßen liebte , fuhr , indem er sich dieser Neigung auch heute wieder hingab , immer lebhafter werdend , fort » › Elegisch ‹ , sagen Sie , › witzig-elegisch ‹ ; ich wüßte nicht , was einer beauté du diable besser anstehn könnte . Sie fassen den Begriff offenbar zu eng , meine Herren . Alles , was Ihnen dabei vorschwebt , ist nur eine Spielart der alleralltäglichsten Schönheitsform , der beauté coquette : das Näschen ein wenig mehr gestupst , der Teint ein wenig dunkler , das Temperament ein wenig rascher , die Manieren ein wenig kühner und rücksichtsloser . Aber damit erschöpfen Sie die höhere Form der beauté du diable keineswegs . Diese hat etwas Weltumfassendes , das über eine bloße Teint- und Rassenfrage weit hinausgeht . Ganz wie die katholische Kirche . Diese wie jene sind auf ein Innerliches gestellt , und das Innerliche , das in unserer Frage den Ausschlag gibt , heißt Energie , Feuer , Leidenschaft . « Nostitz und Sander lächelten und nickten . » Ja , meine Herren , ich gehe weiter und wiederhole : › Was ist Schönheit ? ‹ Schönheit , bah ! Es kann nicht nur auf die gewöhnlichen Schönheitsformen verzichtet werden , ihr Fehlen kann sogar einen allerdirektesten Vorzug bedeuten . In der Tat , lieber Schach , ich habe wunderbare Niederlagen und noch wunderbarere Siege gesehn . Es ist auch in der Liebe wie bei Morgarten und Sempach , die schönen Ritter werden geschlagen , und die häßlichen Bauern triumphieren . Glauben Sie mir , das Herz entscheidet , nur das Herz . Wer liebt , wer die Kraft der Liebe hat , ist auch liebenswürdig , und es wäre grausam , wenn es anders wäre . Gehen Sie die Reihe der eigenen Erfahrungen durch . Was ist alltäglicher , als eine schöne Frau durch eine nicht schöne Geliebte verdrängt zu sehn ! Und nicht etwa nach dem Satze toujours perdrix . O nein , es hat dies viel tiefre Zusammenhänge . Das Langweiligste von der Welt ist die lymphatisch-phlegmatische beauté , die beauté par excellence . Sie kränkelt hier , sie kränkelt da , ich will nicht sagen immer und notwendig , aber doch in der Mehrzahl der Fälle , während meine beauté du diable die Trägerin einer allervollkommensten Gesundheit ist , jener Gesundheit , die zuletzt alles bedeutet und gleichwertig ist mit höchstem Reiz . Und nun frag ich Sie , meine Herrn , wer hätte mehr davon als die Natur , die durch die größten und gewaltigsten Läuterungsprozesse wie durch ein Fegefeuer gegangen ist . Ein paar Grübchen in der Wange sind das Reizendste von der Welt , das hat schon bei den Römern und Griechen gegolten , und ich bin nicht ungalant und unlogisch genug , um einer Grübchen-Vielheit einen Respekt und eine Huldigung zu versagen , die der Einheit oder dem Pärchen von alters her gebührt . Das paradoxe › le laid c ' est le beau ‹ hat seine vollkommne Berechtigung , und es heißt nichts andres , als daß sich hinter dem anscheinend Häßlichen eine höhere Form der Schönheit verbirgt . Wäre meine teure Pauline hier , wie sie ' s leider nicht ist , sie würde mir zustimmen , offen und nachdrücklich , ohne durch persönliche Schicksale kaptiviert zu sein . « Der Prinz schwieg . Es war ersichtlich , daß er auf einen allseitigen Ausdruck des Bedauerns wartete , Frau Pauline , die gelegentlich die Honneurs des Hauses machte , heute nicht anwesend zu sehn . Als aber niemand das Schweigen brach , fuhr er fort : » Es fehlen uns die Frauen und damit dem Wein und unsrem Leben der Schaum . Ich nehme meinen Wunsch wieder auf und wiederhole , daß es mich glücklich machen würde , die Carayonschen Damen in dem Salon meiner Freundin empfangen zu dürfen . Ich zähle darauf , daß diejenigen Herren , die dem Kreise der Frau von Carayon angehören , sich zum Interpreten meiner Wünsche machen . Sie , Schach , oder auch Sie , lieber Alvensleben . « Beide verneigten sich . » Alles in allem wird es das Beste sein , meine Freundin Pauline nimmt es persönlich in die Hand . Ich denke , sie wird den Carayonschen Damen einen ersten Besuch machen , und ich sehe Stunden eines angeregtesten geistigen Austausches entgegen . « Die peinliche Stille , womit auch diese Schlußworte hingenommen wurden , würde noch fühlbarer gewesen sein , wenn nicht Dussek in eben diesem Moment auf den Balkon hinausgetreten wäre . » Wie schön « , rief er und wies mit der Hand auf den westlichen , bis hoch hinauf in einem glühgelben Lichte stehenden Horizont . Alle waren mit ihm an die Brüstung des Balkons getreten und sahen flußabwärts in den Abendhimmel hinein . Vor dem gelben Lichtstreifen standen schwarz und schweigend die hohen Pappeln , und selbst die Schloßkuppel wirkte nur noch als Schattenriß . Einen jeden der Gäste berührte diese Schönheit . Am schönsten aber war der Anblick zahlloser Schwäne , die , während man in den Abendhimmel sah , vom Charlottenburger Park her in langer Reihe herankamen . Andre lagen schon in Front . Es war ersichtlich , daß die ganze Flottille durch irgendwas bis in die Nähe der Villa gelockt sein mußte , denn sobald sie die Höhe derselben erreicht hatte , schwenkten sie wie militärisch ein und verlängerten die Front derer , die hier schon still und regungslos und die Schnäbel unter dem Gefieder verborgen wie vor Anker lagen . Nur das Rohr bewegte sich leis in ihrem Rücken . So verging eine geraume Zeit . Endlich aber erschien einer in unmittelbarer Nähe des Balkons und reckte den Hals , als ob er etwas sagen wollte . » Wem gilt es ? « fragte Sander . » Dem Prinzen oder Dussek oder der Sinumbralampe . « » Natürlich dem Prinzen « , antwortete Dussek . » Und warum ? « » Weil er nicht bloß Prinz ist , sondern auch Dussek und › sine umbra ‹ . « Alles lachte ( der Prinz mit ) , während Sander allerförmlichst » zum Hofkapellmeister « gratulierte . » Und wenn unser Freund « , so schloß er , » in Zukunft wieder Strohhalme sammelt , um an ihnen zu sehen , › woher der Wind weht ‹ , so wird dieser Wind ihm allemal aus dem Lande geheiligter Traditionen und nicht mehr aus dem Lande der Vorurteile zu kommen scheinen . « Als Sander noch so sprach , setzte sich die Schwanenflottille , die wohl durch die Dusseksche Musik herbeigelockt sein mußte , wieder in Bewegung und segelte flußabwärts , wie sie bis dahin flußaufwärts gekommen war . Nur der Schwan , der den Obmann gemacht , erschien noch einmal , als ob er seinen Dank wiederholen und sich in zeremoniellster Weise verabschieden wolle . Dann aber nahm auch er die Mitte des Flusses und folgte den übrigen , deren Tête schon unter dem Schatten der Parkbäume verschwunden war . Achtes Kapitel Schach und Victoire Es war kurz nach diesem Diner beim Prinzen , daß in Berlin bekannt wurde , der König werde noch vor Schluß der Woche von Potsdam herüberkommen , um auf dem Tempelhofer Felde eine große Revue zu halten . Die Nachricht davon weckte diesmal ein mehr als gewöhnliches Interesse , weil die gesamte Bevölkerung nicht nur dem Frieden mißtraute , den Haugwitz mit heimgebracht hatte , sondern auch mehr und mehr der Überzeugung lebte , daß im letzten immer nur unsre eigene Kraft auch unsre Sicherheit beziehungsweise unsre Rettung sein werde . Welche andre Kraft aber hatten wir als die Armee , die Armee , die , was Erscheinung und Schulung anging , immer noch die friderizianische war . In solcher Stimmung sah man dem Revuetage , der ein Sonnabend war , entgegen . Das Bild , das die Stadt vom frühen Morgen an darbot , entsprach der Aufregung , die herrschte . Tausende strömten hinaus und bedeckten vom Halleschen Tor an die bergansteigende Straße , zu deren beiden Seiten sich die » Knapphänse « , diese bekannten Zivilmarketender , mit ihren Körben und Flaschen etabliert hatten . Bald danach erschienen auch die Equipagen der vornehmen Welt , unter diesen die Schachs , die für den heutigen Tag den Carayonschen Damen zur Disposition gestellt worden war . Im selben Wagen mit ihnen befand sich ein alter Herr von der Recke , früher Offizier , der , als naher Anverwandter Schachs , die Honneurs und zugleich den militärischen Interpreten machte . Frau von Carayon trug ein stahlgraues Seidenkleid und eine Mantille von gleicher Farbe , während von Victoirens breitrandigem Italienerhut ein blauer Schleier im Winde flatterte . Neben dem Kutscher saß der Groom und erfreute sich der Huld beider Damen , ganz besonders auch der ziemlich willkürlich akzentuierten englischen Worte , die Victoire von Zeit zu Zeit an ihn richtete . Für elf Uhr war das Eintreffen des Königs angemeldet worden , aber lange vorher schon erschienen die zur Revue befohlenen , altberühmten Infanterieregimenter Alt-Larisch , von Arnim und Möllendorf , ihre Janitscharenmusik vorauf . Ihnen folgte die Kavallerie : Garde du Corps , Gensdarmes und Leibhusaren , bis ganz zuletzt in einer immer dicker werdenden Staubwolke die Sechs- und Zwölfpfünder heranrasselten und -klapperten , die zum Teil schon bei Prag und Leuthen und neuerdings wieder bei Valmy und Pirmasens gedonnert hatten . Enthusiastischer Jubel begleitete den Anmarsch , und wahrlich , wer sie so heranziehen sah , dem mußte das Herz in patriotisch stolzer Erregung höher schlagen . Auch die Carayons teilten das allgemeine Gefühl und nahmen es als bloße Verstimmung oder Altersängstlichkeit , als der alte Herr von der Recke sich vorbog und mit bewegter Stimme sagte : » Prägen wir uns diesen Anblick ein , meine Damen . Denn glauben Sie der Vorahnung eines alten Mannes , wir werden diese Pracht nicht wiedersehen . Es ist die Abschiedsrevue der friderizianischen Armee . « Victoire hatte sich auf dem Tempelhofer Felde leicht erkältet und blieb in ihrer Wohnung zurück , als die Mama gegen Abend ins Schauspiel fuhr , ein Vergnügen , das sie jederzeit geliebt hatte , zu keiner Zeit aber mehr als damals , wo sich zu der künstlerischen Anregung auch noch etwas von wohltuender politischer Emotion gesellte . » Wallenstein « , die » Jungfrau « , » Tell « erschienen gelegentlich , am häufigsten aber Holbergs » Politischer Zinngießer « , der , wie Publikum und Direktion gemeinschaftlich fühlen mochten , um ein erhebliches besser als die Schillersche Muse zu lärmenden Demonstrationen geeignet war . Victoire war allein . Ihr tat die Ruhe wohl , und in einen türkischen Shawl gehüllt , lag sie träumend auf dem Sofa , vor ihr ein Brief , den sie kurz vor ihrer Vormittagsausfahrt empfangen und in jenem Augenblicke nur flüchtig gelesen hatte . Desto langsamer und aufmerksamer freilich , als sie von der Revue wieder zurückgekommen war . Es war ein Brief von Lisette . Sie nahm ihn auch jetzt wieder zur Hand und las eine Stelle , die sie schon vorher mit einem Bleistiftsstrich bezeichnet hatte : » ... Du mußt wissen , meine liebe Victoire , daß ich , Pardon für dies offne Geständnis , mancher Äußerung in Deinem letzten Briefe keinen vollen Glauben schenke . Du suchst Dich und mich zu täuschen , wenn Du schreibst , daß Du Dich in ein Respektsverhältnis zu S. hineindenkst . Er würde selber lächeln , wenn er davon hörte . Daß Du Dich plötzlich so verletzt fühlen , ja , verzeihe , so pikiert werden konntest , als er den Arm Deiner Mama nahm , verrät Dich und gibt mir allerlei zu denken , wie denn auch andres noch , was Du speziell in dieser Veranlassung schreibst . Ich lerne Dich plötzlich von einer Seite kennen , von der ich Dich noch nicht kannte , von der argwöhnischen nämlich . Und nun , meine teure Victoire , hab ein freundliches Ohr für das , was ich Dir in bezug auf diesen wichtigen Punkt zu sagen habe . Bin ich doch die ältere . Du darfst Dich ein für allemal nicht in ein Mißtrauen gegen Personen hineinleben , die durchaus den entgegengesetzten Anspruch erheben dürfen . Und zu diesen Personen , mein ich , gehört Schach . Ich finde , je mehr ich den Fall überlege , daß Du ganz einfach vor einer Alternative stehst und entweder Deine gute Meinung über S. oder aber Dein Mißtrauen gegen ihn fallenlassen mußt . Er sei Kavalier , schreibst Du mir , › ja , das Ritterliche ‹ , fügst Du hinzu , › sei so recht eigentlich seine Natur ‹ , und im selben Augenblicke , wo Du dies schreibst , bezichtigt ihn Dein Argwohn einer Handelsweise , die , träfe sie zu , das Unritterlichste von der Welt sein würde . Solche Widersprüche gibt es nicht . Man ist entweder ein Mann von Ehre , oder man ist es nicht . Im übrigen , meine teure Victoire , sei gutes Mutes , und halte Dich ein für allemal versichert , Dir lügt der Spiegel . Es ist nur eines , um dessentwillen wir Frauen leben , wir leben , um uns ein Herz zu gewinnen , aber wodurch wir es gewinnen , ist gleichgiltig . « Victoire faltete das Blatt wieder zusammen . » Es rät und tröstet sich leicht aus einem vollen Besitz heraus ; sie hat alles , und nun ist sie großmütig . Arme Worte , die von des Reichen Tische fallen . « Und sie bedeckte beide Augen mit ihren Händen . In diesem Augenblick hörte sie die Klingel gehen , und gleich danach ein zweites Mal , ohne daß jemand von der Dienerschaft gekommen wäre . Hatten es Beate und der alte Jannasch überhört ? Oder waren sie fort ? Eine Neugier überkam sie . Sie ging also leise bis an die Tür und sah auf den Vorflur hinaus . Es war Schach . Einen Augenblick schwankte sie , was zu tun sei , dann aber öffnete sie die Glastür und bat ihn einzutreten . » Sie klingelten so leise . Beate wird es überhört haben . « » Ich komme nur , um nach dem Befinden der Damen zu fragen . Es war ein prächtiges Paradewetter , kühl und sonnig , aber der Wind ging doch ziemlich scharf ... « » Und Sie sehen mich unter seinen Opfern . Ich fiebre , nicht gerade heftig , aber wenigstens so , daß ich das Theater aufgeben mußte . Der Shawl ( in den ich bitte mich wieder einwickeln zu dürfen ) und diese Tisane , von der Beate wahre Wunder erwartet , werden mir wahrscheinlich zuträglicher sein als › Wallensteins Tod ‹ . Mama wollte mir anfänglich Gesellschaft leisten . Aber Sie kennen ihre Passion für alles , was Schauspiel heißt , und so hab ich sie fortgeschickt . Freilich auch aus Selbstsucht ; denn daß ich es gestehe , mich verlangte nach Ruhe . « » Die nun mein Erscheinen doch wiederum stört . Aber nicht auf lange , nur gerade lange genug , um mich eines Auftrags zu entledigen , einer Anfrage , mit der ich übrigens leicht möglicherweise zu spät komme , wenn Alvensleben schon gesprochen haben sollte . « » Was ich nicht glaube , vorausgesetzt , daß es nicht Dinge sind , die Mama für gut befunden hat , selbst vor mir als Geheimnis zu behandeln . « » Ein sehr unwahrscheinlicher Fall . Denn es ist ein Auftrag , der sich an Mutter und Tochter gleichzeitig richtet . Wir hatten ein Diner beim Prinzen , cercle intime , zuletzt natürlich auch Dussek . Er sprach vom Theater ( von was andrem sollt er ) und brachte sogar Bülow zum Schweigen , was vielleicht eine Tat war . « » Aber Sie medisieren ja , lieber Schach . « » Ich verkehre lange genug im Salon der Frau von Carayon , um wenigstens in den Elementen dieser Kunst unterrichtet zu sein . « » Immer schlimmer , immer größere Ketzereien . Ich werde Sie vor das Großinquisitoriat der Mama bringen . Und wenigstens der Tortur einer Sittenpredigt sollen Sie nicht entgehen . « » Ich wüßte keine liebere Strafe . « » Sie nehmen es zu leicht ... Aber nun der Prinz ... « » Er will Sie sehen , beide , Mutter und Tochter . Frau Pauline , die , wie Sie vielleicht wissen , den Zirkel des Prinzen macht , soll Ihnen eine Einladung überbringen . « » Der zu gehorchen Mutter und Tochter sich zu besondrer Ehre rechnen werden . « » Was mich nicht wenig überrascht . Und Sie können , meine teure Victoire , dies kaum im Ernste gesprochen haben . Der Prinz ist mir ein gnäd ' ger Herr , und ich lieb ihn de tout mon cœur . Es bedarf keiner Worte darüber . Aber er ist ein Licht mit einem reichlichen Schatten oder , wenn Sie mir den Vergleich gestatten wollen , ein Licht , das mit einem Räuber brennt . Alles in allem , er hat den zweifelhaften Vorzug so vieler Fürstlichkeiten , in Kriegs- und in Liebesabenteuern gleich hervorragend zu sein , oder es noch runder herauszusagen , er ist abwechselnd ein Helden- und ein Debauchenprinz . Dabei grundsatzlos und rücksichtslos , sogar ohne Rücksicht auf den Schein . Was vielleicht das allerschlimmste ist . Sie kennen seine Beziehungen zu Frau Pauline ? « » Ja . « » Und ... « » Ich billige sie nicht . Aber sie nicht billigen ist etwas andres als sie verurteilen . Mama hat mich gelehrt , mich über derlei Dinge nicht zu kümmern und zu grämen . Und hat sie nicht recht ? Ich frage Sie , lieber Schach , was würd aus uns , ganz speziell aus uns zwei Frauen , wenn wir uns innerhalb unsrer Umgangs – und Gesellschaftssphäre zu Sittenrichtern aufwerfen und Männlein und Weiblein auf die Korrektheit ihres Wandels hin prüfen wollten ? Etwa durch eine Wasser – und Feuerprobe . Die Gesellschaft ist souverän . Was sie gelten läßt , gilt , was sie verwirft , ist verwerflich . Außerdem liegt hier alles exzeptionell . Der Prinz ist ein Prinz , Frau von Carayon ist eine Witwe , und ich ... bin ich . « » Und bei diesem Entscheide soll es bleiben , Victoire ? « » Ja . Die Götter balancieren . Und wie mir Lisette Perbandt eben schreibt : › Wem genommen wird , dem wird auch gegeben . ‹ In meinem Falle liegt der Tausch etwas schmerzlich , und ich wünschte wohl , ihn nicht gemacht zu haben . Aber andrerseits geh ich nicht blind an dem eingetauschten Guten vorüber und freue mich meiner Freiheit . Wovor andre meines Alters und Geschlechts erschrecken , das darf ich . An dem Abende bei Massows , wo man mir zuerst huldigte , war ich , ohne mir dessen bewußt zu sein , eine Sklavin . Oder doch abhängig von hundert Dingen . Jetzt bin ich frei . « Schach sah verwundert auf die Sprecherin . Manches , was der Prinz über sie gesagt hatte , ging ihm durch den Kopf . Waren das Überzeugungen oder Einfälle ? War es Fieber ? Ihre Wangen hatten sich gerötet , und ein aufblitzendes Feuer in ihrem Auge traf ihn mit dem Ausdruck einer trotzigen Entschlossenheit . Er versuchte jedoch , sich in den leichten Ton , in dem ihr Gespräch begonnen hatte , zurückzufinden , und sagte : » Meine teure Victoire scherzt . Ich möchte wetten , es ist ein Band Rousseau , was da vor ihr liegt , und ihre Phantasie geht mit dem Dichter . « » Nein , es ist nicht Rousseau . Es ist ein anderer , der mich mehr interessiert . « » Und wer , wenn ich neugierig sein darf ? « » Mirabeau . « » Und warum mehr ? « » Weil er mir nähersteht . Und das Allerpersönlichste bestimmt immer unser Urteil . Oder doch fast immer . Er ist mein Gefährte , mein spezieller Leidensgenoß . Unter Schmeicheleien wuchs er auf . › Ah , das schöne Kind ‹ , hieß es tagein , tagaus . Und dann eines Tags war alles hin , hin wie ... wie ... « » Nein , Victoire , Sie sollen das Wort nicht aussprechen . « » Ich will es aber und würde den Namen meines Gefährten und Leidensgenossen zu meinem eigenen machen , wenn ich es könnte . Victoire Mirabeau de Carayon , oder sagen wir Mirabelle de Carayon , das klingt schön und ungezwungen , und wenn ich ' s recht übersetze , so heißt es Wunderhold . « Und dabei lachte sie voll Übermut und Bitterkeit . Aber die Bitterkeit klang vor . » Sie dürfen so nicht lachen , Victoire , nicht so . Das kleidet Ihnen nicht , das verhäßlicht Sie . Ja , werfen Sie nur die Lippen – verhäßlicht Sie . Der Prinz hatte doch recht , als er enthusiastisch von Ihnen sprach . Armes Gesetz der Form und der Farbe . Was allein gilt , ist das ewig Eine , daß sich die Seele den Körper schafft oder ihn durchleuchtet und verklärt . « Victoirens Lippen flogen , ihre Sicherheit verließ sie , und ein Frost schüttelte sie . Sie zog den Shawl höher hinauf , und Schach nahm ihre Hand , die eiskalt war , denn alles Blut drängte nach ihrem Herzen . » Victoire , Sie tun sich unrecht ; Sie wüten nutzlos gegen sich selbst und sind um nichts besser als der Schwarzseher , der nach allem Trüben sucht und an Gottes hellem Sonnenlicht vorübersieht . Ich beschwöre Sie , fassen Sie sich und glauben Sie wieder an Ihr Anrecht auf Leben und Liebe . War ich denn blind ? In dem bittren Wort , in dem Sie sich demütigen wollten , in eben diesem Worte haben Sie ' s getroffen , ein für allemal . Alles ist Märchen und Wunder an Ihnen ; ja Mirabelle , ja Wunderhold ! « Ach , das waren die Worte , nach denen ihr Herz gebangt hatte , während es sich in Trotz zu waffnen suchte . Und nun hörte sie sie willenlos und schwieg in einer süßen Betäubung . Die Zimmeruhr schlug neun , und die Turmuhr draußen antwortete . Victoire , die den Schlägen gefolgt war , strich das Haar zurück und trat ans Fenster und sah auf die Straße . » Was erregt dich ? « » Ich meinte , daß ich den Wagen gehört hätte . « » Du hörst zu fein . « Aber sie schüttelte den Kopf , und im selben Augenblicke fuhr der Wagen der Frau von Carayon vor . » Verlassen Sie mich ... Bitte . « » Bis auf morgen . « Und ohne zu wissen , ob es ihm glücken werde , der Begegnung mit Frau von Carayon auszuweichen , empfahl er sich rasch und huschte durch Vorzimmer und Korridor . Alles war still und dunkel unten , und nur von der Mitte des Hausflurs her fiel ein Lichtschimmer bis in Nähe der obersten Stufen . Aber das Glück war ihm hold . Ein breiter Pfeiler , der bis dicht an die Treppenbrüstung vorsprang , teilte den schmalen Vorflur in zwei Hälften , und hinter diesen Pfeiler trat er und wartete . Victoire stand in der Glastür und empfing die Mama . » Du kommst so früh . Ach , und wie hab ich dich erwartet ! « Schach hörte jedes Wort . » Erst die Schuld und dann die Lüge « , klang es in ihm . » Das alte Lied . « Aber die Spitze seiner Worte richtete sich gegen ihn und nicht gegen Victoire . Dann trat er aus seinem Versteck hervor und schritt rasch und geräuschlos die Treppe hinunter . Neuntes Kapitel Schach zieht sich zurück » Bis auf morgen « , war Schachs Abschiedswort gewesen , aber er kam nicht . Auch am zweiten und dritten Tage nicht . Victoire suchte sich ' s zurechtzulegen , und wenn es nicht glücken wollte , nahm sie Lisettens Brief und las immer wieder die Stelle , die sie längst auswendig wußte . » Du darfst Dich , ein für allemal , nicht in ein Mißtrauen gegen Personen hineinleben , die durchaus den entgegengesetzten Anspruch erheben dürfen . Und zu diesen Personen , mein ich , gehört Schach . Ich finde , je mehr ich den Fall überlege , daß Du ganz einfach vor einer Alternative stehst und entweder Deine gute Meinung über S. oder aber Dein Mißtrauen gegen ihn fallenlassen mußt . « Ja , Lisette hatte recht , und doch blieb ihr eine Furcht im Gemüte . » Wenn doch alles nur ... « Und es übergoß sie mit Blut . Endlich am vierten Tage kam er . Aber es traf sich , daß sie kurz vorher in die Stadt gegangen war . Als sie zurückkehrte , hörte sie von seinem Besuch ; er sei sehr liebenswürdig gewesen , habe zwei- , dreimal nach ihr gefragt und ein Bouquet für sie zurückgelassen . Es waren Veilchen und Rosen , die das Zimmer mit ihrem Dufte füllten . Victoire , während ihr die Mama von dem Besuche vorplauderte , bemühte sich , einen leichten und übermütigen Ton