bei Tag und auch nich bei Nacht , und wankt immer so rum und is mal im Hof und mal im Garten . Das hab ich von der Male ... Hören Sie , Mutter Jeschke , wenn ich so mal nachtens hier auf Posten stehen könnte ! Das wäre so was . Line bleibt mit auf , und wir setzen uns dann ans Fenster und wachen und kucken . Nich wahr , Line ? « Line , die schon vorher das Weißzeug beiseite gelegt und ihren blonden Zopf halb aufgeflochten hatte , schlug jetzt mit dem losen Büschel über ihre linke Hand und sagte : » Will es mir noch überlegen , Herr Geelhaar . Ein armes Mädchen hat nichts als seinen Ruf . « Und dabei lachte sie . » Kümmen S ' man , Geelhaar « , tröstete die Jeschke , trotzdem Trost eigentlich nicht nötig war . » Kümmen S ' man . Ick geih to Bett . Wat doa to siehn is , ick meen hier buten , dat hebb ick siehn , dat weet ick all . Un is ümmer dat Sülwigte . « » Dat Sülwigte ? « » Joa . Nu nich mihr . Awers as noch keen Snee wihr . Doa ... « » Da . Was denn ? « » Doa wihr se nachtens ümmer so rümm hier . « » So , so « , sagte der Gensdarm und tat vorsichtig allerlei weitere Fragen . Und da sich die Jeschke von guten Beziehungen zur Dorfpolizei nur Vorteile versprechen konnte , so wurde sie trotz aller sonstigen Zurückhaltung immer mitteilsamer und erzählte dem Gensdarmen Neues und Altes , namentlich auch das , was sie damals , in der stürmischen Novembernacht , von ihrer Küchentür aus beobachtet hatte . Hradscheck habe lang dagestanden , ein flackrig Licht in der Hand . » Un wihr binoah so , as ob he wull , dat man em seihn sull . « Und dann hab er einen Spaten genommen und sei bis an den Birnbaum gegangen . Und da hab er ein Loch gegraben . An der Gartentür aber habe was gestanden wie ein Koffer oder Korb oder eine Kiste . Was ? das habe sie nicht genau sehen können . Und dann hab er das Loch wieder zugeschüttet . Geelhaar , der sich bis dahin , allem Diensteifer zum Trotz , ebensosehr mit Line wie mit Hradscheck beschäftigt hatte , ja , vielleicht mehr noch Courmacher als Beamter gewesen war , war unter diesem Bericht sehr ernsthaft geworden und sagte , während er mit Wichtigkeitsmiene seinen gedunsenen Kopf hin und her wiegte : » Ja , Mutter Jeschke , das tut mir leid . Aber es wird Euch Ungelegenheiten machen . « » Wat ? wat , Geelhaar ? « » Ungelegenheiten , weil Ihr damit so spät herauskommt . « » Joa , Geelhaar , wat sall dat ? wat mienen S ' mit › to spät ‹ ? Et hett mi joa keener nich froagt . Un Se ook nich . Un wat weet ick denn ook ? Ick weet joa nix . Ick weet joa joar nix . « » Ihr wißt genug , Mutter Jeschke . « » Nei , nei , Geelhaar . Ick weet joar nix . « » Das ist gerade genug , daß einer nachts in seinem Garten ein Loch gräbt und wieder zuschüttet . « » Joa , Geelhaar , ick weet nich , awers jed ' een möt doch in sien ejen Goarden en Loch buddeln künn ' . « » Freilich . Aber nicht um Mitternacht und nicht bei solchem Wetter . « » Na , rieden S ' mi man nich rin . Un moaken Se ' t good mit mi ... Line , Line , segg doch ook wat . « Und wirklich , Line trat in Folge dieser Aufforderung an den Gensdarmen heran und sagte , tief aufatmend , wie wenn sie mit einer plötzlichen und mächtigen Sinnenerregung zu kämpfen hätte : » Laß nur , Mutter Jeschke . Herr Geelhaar wird schon wissen , was er zu tun hat . Und wir werden es auch wissen . Das versteht sich doch von selbst . Nicht wahr , Herr Geelhaar ? « Dieser nickte zutraulich und sagte mit plötzlich verändertem und wieder freundlicher werdendem Tone : » Werde schon machen , Mamsell Line . Schulze Woytasch läßt ja , Gott sei Dank , mit sich reden und Vowinkel auch . Hauptsach is , daß wir den Fuchs überhaupt ins Eisen kriegen . Un is dann am Ende gleich , wann wir ihn haben und ob ihm der Balg heut oder morgen abgezogen wird . « 11. Kapitel Elftes Kapitel Vierundzwanzig Stunden später kam – und zwar auf die Meldung hin , die Geelhaar , gleich nach seinem Gespräche mit der Jeschke , bei der Behörde gemacht hatte – von Küstrin her ein offener Wagen , in dem , außer dem Kutscher , der Justizrat und Hradscheck saßen . Die Luft ging scharf , und die Sonne blendete , weshalb Vowinkel , um sich gegen beides zu schützen , seinen Mantel aufgeklappt , der Kutscher aber seinen Kopf bis an Nas und Ohren in den Pelzkragen hineingezogen hatte . Nur Hradscheck saß frei da , Luft und Licht , deren er seit länger als vier Wochen entbehrt hatte , begierig einsaugend . Der Wagen fuhr auf der Dammhöhe , von der aus sich das unten liegende Dorf bequem überblicken und beinah jedes einzelne Haus in aller Deutlichkeit erkennen ließ . Das da , mit dem schwarzen , teergestrichenen Gebälk , war das Schulhaus , und das gelbe , mit dem gläsernen Aussichtsturm , mußte Kunickes sein , Kunickes » Villa « , wie die Tschechiner es spöttisch nannten . Das niedrige grad gegenüber aber , das war seine , das sah er an dem Birnbaum , dessen schwarzes Gezweig über die mit Schnee bedeckte Dachfläche wegragte . Vowinkel bemerkte wohl , wie Hradscheck sich unwillkürlich auf seinem Sitze hob , aber nichts von Besorgnis drückte sich in seinen Mienen und Bewegungen aus , sondern nur Freude , seine Heimstätte wiederzusehen . Im Dorfe selbst schien man der Ankunft des justizrätlichen Wagens schon entgegengesehen zu haben . Auf dem Vorplatz der Igelschen Brett- und Schneidemühle , die man , wenn man von der Küstriner Seite her kam , als erstes Gehöft zu passieren hatte ( geradeso wie das Orthsche nach der Frankfurter Seite hin ) , stand der alte Brett und Schneidemüller und fegte mit einem kurzen storrigen Besen den Schnee von der obersten Bretterlage fort , anscheinend aufs eifrigste mit dieser seiner Arbeit beschäftigt , in Wahrheit aber nur begierig , den herankommenden Hradscheck eher als irgendein anderer im Dorf gesehen zu haben . Denn Schneidemüller Igel , oder der » Schneidigel « , wie man ihn kurzweg und in der Regel mit absichtlich undeutlicher Aussprache nannte , war ein Topfkucker . Aber so topfkuckrig er war , so stolz und hochmütig war er auch , und so wandt er sich in demselben Augenblicke , wo der Wagen an ihm vorüberfuhr , rasch wieder auf sein Haus zu , bloß um nicht grüßen zu müssen . Hier nahm er , um seine Neugier , deren er sich schämen mochte , vor niemandem zu verraten , Hut und Stock mit besonderer Langsamkeit vom Riegel und folgte dann dem Wagen , den er übrigens bald danach schon vor dem Hradscheckschen Hause vorfahren sah . Frau Hradscheck war nicht da . Statt ihrer über nahm es Kunicke , den sie darum gebeten haben mochte , den Wirt und sozusagen die Honneurs des Hauses zu machen . Er führte denn auch den Justizrat vom Flur her in den Laden und von diesem in die dahinter befindliche Weinstube , wo man einen Imbiß bereitgestellt hatte . Vowinkel nahm aber , unter vorläufiger freundlicher Ablehnung , nur ein kleines Glas Portwein und trat dann in den Garten hinaus , wo sich bereits alles , was zur Dorfobrigkeit gehörte , versammelt hatte : Schulze Woytasch , Gensdarm Geelhaar , Nachtwächter Mewissen und drei bäuerliche Gerichtsmänner . Geelhaar , der , zur Feier des Tages , seinen Staats-Czako mit dem armslangen schwarzen Lampenputzer aufgesetzt hatte , ragte , mit Hilfe dieser Paradezutaten , um fast drei Haupteslängen über den Rest aller Anwesenden hinaus . Das war der innere Zirkel . Im weitern Umkreis aber standen die , die bloß aus Neugier sich eingefunden hatten , darunter der schon stark gefrühstückte Kantorssohn und Dorfdichter , während einige zwanzig eben aus der Schule herangekommene Jungens mit ihren Klapp-Pantinen auf das Kegelhaus geklettert waren , um von hier aus Zeuge zu sein , was wohl bei der Sache herauskommen würde . Vorläufig indes begnügten sie sich damit , Schneebälle zu machen , mit denen sie nach den großen und kleinen Mädchen warfen , die hinter dem Gartenzaun der alten Jeschke standen . Alles plapperte , lachte , reckte den Hals , und wäre nicht Hradscheck selbst gewesen , der , die Blicke seiner alten Freunde vermeidend , ernst und schweigend vor sich hin sah , so hätte man glauben können , es sei Kirmes oder eine winterliche Jahrmarktsszene . Die Gerichtsmänner flüsterten und steckten die Köpfe zusammen , während Woytasch und Geelhaar sich umsahen . Es schien noch etwas zu fehlen , was auch zutraf . Als aber bald danach der alte Totengräber Wonnekamp mit noch zwei von seinen Leuten erschien , rückte man näher an den Birnbaum heran und begann den Schnee , der hier lag , fortzuschippen . Das ging leicht genug , bis statt des Schnees die gefrorne Erde kam , wo nun die Pickaxt aushelfen mußte . Der Frost indessen war nicht tief in die Erde gedrungen , und so konnte man den Spaten nicht nur bald wieder zur Hand nehmen , sondern kam auch rascher vorwärts , als man anfangs gehofft hatte . Die herausgeworfenen Schollen und Lehmstücke wurden immer größer , je weicher der Boden wurde , bis mit einem Male der alte Totengräber einem der Arbeiter in den Arm fiel und mit der seinem Stande zuständigen Ruhe sagte : » Nu giw mi moal ; nu kümmt wat . « Dabei nahm er ihm das Grabscheit ohne weiteres aus der Hand und fing selber an zu graben . Aber ersichtlich mit großer Vorsicht . Alles drängte vor und wollte sehn . Und siehe da , nicht lange , so war ein Toter aufgedeckt , der zu großem Teile noch in Kleiderresten steckte . Die Bewegung wuchs , und aller Augen richteten sich auf Hradscheck , der , nach wie vor , vor sich hin sah und nur dann und wann einen scheuen Seitenblick in die Grube tat . » Nu hebben se ' n « , lief ein Gemurmel den Gartenzaun entlang , unklar lassend , ob man Hradscheck oder den Toten meine ; die Jungens auf dem Kegelhäuschen aber reckten ihre Hälse noch mehr als vorher , trotzdem sie weder nah noch hoch genug standen , um irgendwas sehn zu können . Eine Pause trat ein . Dann nahm der Justizrat des Angeklagten Arm und sagte , während er ihn dicht an die Grube führte : » Nun , Hradscheck , was sagen Sie ? « Dieser verzog keine Miene , faltete die Hände wie zum Gebet und sagte dann fest und feierlich : » Ich sage , daß dieser Tote meine Unschuld bezeugen wird . « Und während er so sprach , sah er zu dem alten Totengräber hinüber , der den Blick auch verstand und , ohne weitere Fragen abzuwarten , geschäftsmäßig sagte : » Ja , der hier liegt , liegt hier schon lang . Ich denke zwanzig Jahre . Und der Pohlsche , der es sein soll , is noch keine zehn Wochen tot . « Und siehe da , kaum daß diese Worte gesprochen waren , so war ihr Inhalt auch schon bewiesen , und jeder schämte sich , so wenig kaltes Blut und so wenig Umsicht und Überlegung gehabt zu haben . In einem gewissen Entdeckungseifer waren alle wie blind gewesen und hatten unbeachtet gelassen , daß ein Schädel , um ein richtiger Schädel zu werden , auch sein Stück Zeit verlangt und daß die Toten ihre Verschiedenheiten und ihre Grade haben , geradesogut wie die Lebendigen . Am verlegensten war der Justizrat . Aber er sammelte sich rasch und sagte : » Totengräber Wonnekamp hat recht . Das ist nicht der Tote , den wir suchen . Und wenn er zwanzig Jahre in der Erde liegt , was ich keinen Augenblick bezweifle , so kann Hradscheck an diesem Toten keine Schuld haben . Und kann auch von einer früheren Schuld keine Rede sein . Denn Hradscheck ist erst im zehnten Jahr in diesem Dorf . Das alles ist jetzt erwiesen . Trotz alledem bleiben ein paar dunkle Punkte , worüber Aufklärung gegeben werden muß . Ich lebe der Zuversicht , daß es an dieser Aufklärung nicht fehlen wird , aber ehe sie gegeben ist , darf ich Sie , Herr Hradscheck , nicht aus der Untersuchung entlassen . Es wird sich dabei , was ich als eine weitere Hoffnung hier ausspreche , nur noch um Stunden und höchstens um Tage handeln . « Und damit nahm er Kunickes Arm und ging in die Weinstube zurück , woselbst er nunmehr , in Gesellschaft von Woytasch und den Gerichtsmännern , dem für ihn servierten Frühstücke tapfer zusprach . Auch Hradscheck ward aufgefordert , sich zu setzen und einen Imbiß zu nehmen . Er lehnte jedoch ab und sagte , daß er mit seiner Mahlzeit lieber warten wolle , bis er im Küstriner Gefängnis sei . So waren seine Worte . Und diese Worte gefielen den Bauern ungemein . » Er will nicht an seinem eignen Tisch zu Gaste sitzen und das Brot , das er gebacken , nicht als Gnadenbrot essen . Da hat er recht . Das möcht ich auch nicht . « So hieß es , und so dachten die meisten . Aber freilich nicht alle . Gensdarm Geelhaar ging an dem Zaun entlang , über den , samt andrem Weibervolk , auch Mutter Jeschke weggekuckt hatte . Natürlich auch Line . Geelhaar tippte dieser mit dem Finger auf den Dutt und sagte : » Nu , Line , was macht der Zopf ? « » Meiner ? « lachte diese . » Hören S ' , Herr Gensdarm , jetzt kommt Ihrer an die Reih . « » Wird so schlimm nicht werden , Lineken ... Und Mutter Jeschke , was sagt die dazu ? « » Joa , wat sall se seggen ? He is nu wedder rut . Awers he kümmt ook woll wedder rin . « 12. Kapitel Zwölftes Kapitel Eine Woche war vergangen , in der die Tschechiner viel erlebt hatten . Das Wichtigste war : Hradscheck , nachdem er noch ein Küstriner Schlußverhör durchgemacht hatte , war wieder da . Schlicht und unbefangen , ohne Lücken und Widersprüche , waren die Dunkelheiten aufgeklärt worden , so daß an seiner Unschuld nicht länger zu zweifeln war . Es seien ihm , so hieß es in seiner vor Vowinkel gemachten Aussage , durch Unachtsamkeit , deren er sich selber zu zeihen habe , mehrere große Speckseiten verdorben , und diese möglichst unbemerkt im Garten zu vergraben , hab er an jenem Tage vorgehabt . Er sei denn auch , gleich nachdem seine Gäste die Weinstube verlassen hätten , ans Werk gegangen und habe , genauso wie ' s die Jeschke gesehn und erzählt , an dem alten Birnbaum ein Loch zu graben versucht ; als er aber erkannt habe , daß da was verscharrt liege , ja , dem Anscheine nach ein Toter , hab ihn eine furchtbare Angst gepackt , in Folge deren er nicht weiter gegraben , sondern das Loch rasch wieder zugeschüttet habe . Der Koffer , den die Jeschke gesehen haben wolle , das seien eben jene Speckseiten gewesen , die , dicht übereinandergepackt , an der Gartentür gelegen hätten . » Aber wozu die Heimlichkeit und die Nacht ? « hatte Vowinkel nach dieser Erklärung etwas spitz gefragt , worauf Hradscheck , in seiner Erzählung fortfahrend , ohne Verlegenheit und Unruhe geantwortet hatte : » Zu dieser Heimlichkeit seien für ihn zwei Gründe gewesen . Erstens hab er sich die Vorwürfe seiner Frau , die nur zu geneigt sei , von seiner Unachtsamkeit in Geschäftsdingen zu sprechen , ersparen wollen . Und er dürfe wohl hinzusetzen , wer verheiratet sei , der kenne das und wisse nur zu gut , wie gerne man sich solchen Anklagen und Streitszenen entziehe . Der zweite Grund aber sei noch wichtiger gewesen : die Rücksicht auf die Kundschaft . Die Bauern , wie der Herr Justizrat ja wisse , seien die schwierigsten Leute von der Welt , ewig voll Mißtrauen , und wenn sie derlei Dinge , wie Schinken und Speck , auch freilich nicht in seinem Laden zu kaufen pflegten , weil sie ja genug davon im eignen Rauch hätten , so zögen sie doch gleich Schlüsse vom einen aufs andre . Dergleichen hab er mehr als einmal durchgemacht und dann wochenlang aller Ecken und Enden hören müssen , er passe nicht auf . Ja , noch letzten Herbst , als ihm ganz ohne seine Schuld eine Tonne Heringe tranig geworden sei , habe Schneidigel überall im Dorfe geputscht und unter anderm zu Quaas und Kunicke gesagt : › Uns wird er damit nicht kommen ; aber die kleinen Leute , die , die ... ‹ « Der Justizrat hatte hierbei gelächelt und zustimmend genickt , weil er die Bauern fast so gut wie Hradscheck kannte , so daß , nach Erledigung auch dieses Punktes , eigentlich nichts übriggeblieben war als die Frage , » was denn nun , unter so bewandten Umständen , aus dem durchaus zu beseitigenden Speck geworden sei ? « Welche Frage jedoch nur dazu beigetragen hatte , Hradschecks Unschuld vollends ins Licht zu stellen . » Er habe die Speckseiten an demselben Morgen noch an einer anderen Gartenstelle verscharrt ; gleich nach Szulskis Abreise . « – » Nun , wir werden ja sehn « , hatte Vowinkel hierauf geantwortet und einen seiner Gerichtsdiener abgeschickt , um sich in Tschechin selbst über die Richtigkeit oder Unrichtigkeit dieser Aussage zu vergewissern . Und als sich nun in kürzester Frist alles bestätigt oder mit anderen Worten der vergrabene Speck wirklich an der von Hradscheck angegebenen Stelle gefunden hatte , hatte man das Verfahren eingestellt , und an demselben Nachmittage noch war der unter so schwerem Verdacht Gestandene nach Tschechin zurückgekehrt und in einer stattlichen Küstriner Mietschaise vor seinem Hause vorgefahren . Ede , ganz verblüfft , hatte nur noch Zeit gefunden , in die Wohnstube , darin sich Frau Hradscheck befand , hineinzurufen : » Der Herr , der Herr ... « , worauf Hradscheck selbst mit der ihm eigenen Jovialität und unter dem Zurufe » Nun , Ede , wie geht ' s ? « in den Flur seines Hauses eingetreten , aber freilich im selben Augenblick auch wieder mit einem erschreckten » Was is , Frau ? « zurückgefahren war . Ein Ausruf , den er wohl tun durfte . Denn gealtert , die Augen tief eingesunken und die Haut wie Pergament , so war ihm Ursel unter der Tür entgegengetreten . Hradscheck war da , das war das eine Tschechiner Ereignis . Aber das andere stand kaum dahinter zurück : Eccelius hatte , den Sonntag darauf , über Sacharja 7 , Vers 9 und 10 gepredigt , welche Stelle lautete : » So spricht der Herr Zebaoth : Richtet recht , und ein jeglicher beweise an seinem Bruder Güte und Barmherzigkeit . Und tuet nicht Unrecht den Fremdlingen , und denke keiner wider seinen Bruder etwas Arges in seinem Herzen . « Schon bei Lesung des Textes und der sich daran knüpfenden Einleitungsbetrachtung hatten die Bauern aufgehorcht : als aber der Pastor das Allgemeine fallenließ und , ohne Namen zu nennen , den Hradscheckschen Fall zu schildern und die Trüglichkeit des Scheines nachzuweisen begann , da gab sich eine Bewegung kund , wie sie seit dem Sonntag ( es ging nun ins fünfte Jahr ) , an welchem Eccelius auf die schweren sittlichen Vergehen eines als Bräutigam vor dem Altar stehenden reichen Bauernsohnes hingewiesen und ihn zu besserem Lebenswandel ermahnt hatte , nicht mehr dagewesen war . Beide Hradschecks waren in der Kirche zugegen und folgten jedem Worte des Geistlichen , der heute viel Bibelsprüche zitierte , mehr noch als gewöhnlich . Es war unausbleiblich , daß diese Rechtfertigungsrede zugleich zur Anklage gegen alle diejenigen wurde , die sich in der Hradscheck-Sache so wenig freundnachbarlich benommen und durch allerhand Zuträgereien entweder ihr Übelwollen oder doch zum mindesten ihre Leichtfertigkeit und Unüberlegtheit gezeigt hatten . Wer in erster Reihe damit gemeint war , konnte nicht zweifelhaft sein , und vieler Augen , nur nicht die der Bauern , die , wie herkömmlich , keine Miene verzogen , richteten sich auf die mitsamt ihrem » Lineken « auf der vorletzten Bank sitzende Mutter Jeschke , der Kanzel grad gegenüber , dicht unter der Orgel . Line , sonst ein Muster von Nichtverlegenwerden , wußte doch heute nicht wohin und verwünschte die alte Hexe , neben der sie das Kreuzfeuer so vieler Augen aushalten mußte . Mutter Jeschke selbst aber nickte nur leise mit dem Kopf , wie wenn sie jedes Wort billige , das Eccelius gesprochen , und sang , als die Predigt aus war , den Schlußvers ruhig mit . Ja sie blieb selbst unbefangen , als sie draußen , an den zu beiden Seiten des Kirchhofweges stehenden Frauen vorbeihumpelnd , erst die vorwurfsvollen Blicke der Älteren und dann das Kichern der Jüngeren über sich ergehen lassen mußte . Zu Hause sagte Line : » Das war eine schöne Geschichte , Mutter Jeschke . Hätte mir die Augen aus dem Kopf schämen können . « » Bis doch sünnst nicht so . « » Ach was , sünnst . Hat er recht oder nicht ? Ich meine , der Alte drüben ? « » Ick weet nich , Line « , beschwichtigte die Jeschke . » He möt et joa weeten . « 13. Kapitel Dreizehntes Kapitel » He möt et joa weeten « , hatte die Jeschke gesagt und damit ausgesprochen , wie sie wirklich zu der Sache stand . Sie mißtraute Hradscheck nach wie vor ; aber der Umstand , daß Eccelius von der Kanzel her eine Rechtfertigungsrede für ihn gehalten hatte , war doch nicht ohne Eindruck auf sie geblieben und veranlaßte sie , sich einigermaßen zweifelvoll gegen ihren eigenen Argwohn zu stellen . Sie hatte Respekt vor Eccelius , trotzdem sie kaum weniger als eine richtige alte Hexe war und die heiligen Handlungen der Kirche ganz nach Art ihrer sympathetischen Kuren ansah . Alles , was in der Welt wirkte , war Sympathie , Besprechung , Spuk , aber dieser Spuk hatte doch zwei Quellen , und der weiße Spuk war stärker als der schwarze . Demgemäß unterwarf sie sich auch ( und zumal wenn er von Altar oder Kanzel her sprach ) dem den weißen Spuk vertretenden Eccelius , ihm sozusagen die sichrere Bezugsquelle zugestehend . Unter allen Umständen aber suchte sie mit Hradscheck wieder auf einen guten Fuß zu kommen , weil ihr der Wert einer guten Nachbarschaft einleuchtete . Hradscheck seinerseits , statt den Empfindlichen zu spielen , wie manch anderer getan hätte , kam ihr dabei auf halbem Wege entgegen und war überhaupt von so viel Unbefangenheit , daß , ehe noch die Fastelabend-Pfannkuchen gebacken wurden , die ganze Szulski-Geschichte so gut wie vergessen war . Nur sonntags im Kruge kam sie noch dann und wann zur Sprache . » Wenn man wenigstens de Pelz wedder in die Hücht käm ... « » Na , du wührst doch den Pohlschen sien ' Pelz nich antrecken wulln ? « » Nich antrecken ? Worümm nich ? Dat de Pohlsche drinn wihr , dat deiht em nix . Un mi ook nich . Un wat sünnst noch drin wihr , na , dat wahrd nu joa woll rut sinn . « » Joa , joa . Dat wahrd nu joa woll rut sinn . « Und dann lachte man und wechselte das Thema . Solche Scherze bildeten die Regel , und nur selten war es , daß irgendwer ernsthaft auf den Fall zu sprechen kam und bei der Gelegenheit seine Verwunderung ausdrückte , daß die Leiche noch immer nicht angetrieben sei . Dann aber hieß es , » der Tote lieg im Schlick , und der Schlick gäbe nichts heraus , oder doch erst nach fünfzig Jahren , wenn das angeschwemmte Vorland Acker geworden sei . Dann würd er mal beim Pflügen gefunden werden , geradso , wie der Franzose gefunden wär . « Ja , geradeso wie der Franzose , der jetzt überhaupt die Hauptsache war , viel mehr als der mit seinem Fuhrwerk verunglückte Reisende , was eigentlich auch nicht wundernehmen konnte . Denn Unglücksfälle wie der Szulskische waren häufig , oder wenigstens nicht selten , während der verscharrte Franzos unterm Birnbaum alles Zeug dazu hatte , die Phantasie der Tschechiner in Bewegung zu setzen . Allerlei Geschichten wurden ausgesponnen , auch Liebesgeschichten , in deren einer es hieß , daß Anno 13 ein in eine hübsche Tschechinerin verliebter Franzose beinah täglich von Küstrin her nach Tschechin gekommen sei , bis ihn ein Nebenbuhler erschlagen und verscharrt habe . Diese Geschichte ließen sich auch die Mägde nicht nehmen , trotzdem sich ältere Leute sehr wohl entsannen , daß man einen Chasseur- oder nach andrer Meinung einen Voltigeur-Korporal einfach wegen zu scharfer Fouragierung beiseite gebracht und stillgemacht habe . Diese Besserwissenden drangen aber mit ihrer Prosa-Geschichte nicht durch , und unter allen Umständen blieb der Franzose Held und Mittelpunkt der Unterhaltung . All das kam unsrem Hradscheck zustatten . Aber was ihm noch mehr zustatten kam , war das , daß er denselben » Franzosen unterm Birnbaum « nicht bloß zur Wiederherstellung , sondern sogar zu glänzender Aufbesserung seiner Reputation zu benutzen verstand . Und das kam so . Nicht allzu lange nach seiner Entlassung aus der Untersuchungshaft war in einer Kirchen-Gemeinderatssitzung , der Eccelius in Person präsidierte , davon die Rede gewesen , dem Franzosen auf dem Kirchhof ein christliches Begräbnis zu gönnen . » Der Franzose sei zwar « , so hatte sich der den Antrag stellende Kunicke geäußert , » sehr wahrscheinlich ein Katholscher gewesen , aber man dürfe das so genau nicht nehmen ; die Katholschen seien , bei Licht besehen , auch Christen , und wenn einer schon so lang in der Erde gelegen habe , dann sei ' s eigentlich gleich , ob er den gereinigten Glauben gehabt habe oder nicht . « Eccelius hatte dieser echt Kunickeschen Rede , wenn auch selbstverständlich unter Lächeln , zugestimmt , und die Sache war schon als angenommen und erledigt betrachtet worden , als sich Hradscheck noch im letzten Augenblick zum Worte gemeldet hatte . » Wenn der Herr Prediger das Begräbnis auf dem Kirchhofe , der , als ein richtiger christlicher Gottesacker , jedem Christen , evangelisch oder katholisch , etwas durchaus Heiliges sein müsse , für angemessen oder gar für pflichtmäßig halte , so könne es ihm nicht einfallen , ein Wort dagegen sagen zu wollen ; wenn es aber nicht ganz so liege , mit andern Worten , wenn ein Begräbnis daselbst nicht absolut pflichtmäßig sei , so spräch er hiermit den Wunsch aus , den Franzosen in seinem Garten behalten zu dürfen . Der Franzose sei sozusagen sein Schutzpatron geworden , und kein Tag ginge hin , ohne daß er desselben in Dankbarkeit und Liebe gedenke . Das sei das , was er nicht umhingekonnt habe hier auszusprechen , und er setze nur noch hinzu , daß er , gewünschten Falles , die Stelle mit einem Gitter versehen oder mit einem Buchsbaum umziehn wolle . « Die ganze Rede hatte Hradscheck mit bewegter und die Dankbarkeitsstelle sogar mit zitternder Stimme gesprochen , was eine große Wirkung auf die Bauern gemacht hatte . » Bist ein braver Kerl « , hatte der , wie alle Frühstücker , leicht zum Weinen geneigte Kunicke gesagt und eine Viertelstunde später , als er Woytasch und Eccelius bis vor das Pfarrhaus begleitete , mit Nachdruck hinzugesetzt : » Un wenn ' s noch ein Russe wär ! Aber das is ihm alles eins , Russ ' oder Franzos . Der Franzos hat ihm geholfen , und nu hilft er ihm wieder und läßt ihn eingittern . Oder doch wenigstens eine Rabatte ziehen . Und wenn es ein Gitter wird , so hat er ' s nicht unter zwanzig Taler . Und da rechne ich noch keinen Anstrich und keine Vergoldung . « Das alles war Mitte März gewesen , und vier Wochen später , als die Schwalben zum ersten Male wieder durch die Dorfgasse hinschossen , um sich anzumelden und zugleich Umschau nach den alten Menschen und Plätzen zu halten , hatte Hradscheck ein Zwiegespräch mit Zimmermeister Buggenhagen , dem er bei der Gelegenheit eine Planzeichnung vorlegte . » Sehen Sie , Buggenhagen , das Haus ist überall zu klein , überall ist angebaut und angeklebt , die Küche dicht neben dem Laden , und für die Fremden ist nichts da wie die zwei Giebelstuben oben . Das ist zuwenig , ich will also ein Stock aufsetzen . Was meinen Sie ? Wird der Unterbau ein Stockwerk aushalten ? « » Was wird er nicht ! « sagte Buggenhagen . » Natürlich Fachwerk ! « » Natürlich Fachwerk ! « wiederholte Hradscheck . » Auch schon der Kosten wegen . Alle Welt tut jetzt immer , als ob meine Frau zum mindesten ein Rittergut geerbt hätte . Ja , hat sich was mit Rittergut . Erbärmliche tausend Taler . « » Na , na . « »