ein Feldstein von absonderlicher Form und so dicht mit Flechten überwachsen , daß sich ein paar halbverwitterte Schriftzeichen daran nur mühsam erkennen ließen . Und auf diesen Feldstein setzten sie sich . » Was bedeutet der Stein ? « fragte Grete . » Ich weiß es nicht . Vielleicht ein Wendengrab . « » Wie denn ? « » Weißt du denn nicht ? Dies ist ja das Feld , wo die große Tangerschlacht war . Heiden und Christen . Und die Heiden siegten . Und zu beiden Seiten des Erdwalls , auf dem wir hier sitzen , vor uns bis dicht an den Wald und hinter uns bis dicht an den Floß , liegen sie zu vielen Tausenden . « » Ich glaub es nicht . Und wenn auch , ich mag nicht davon hören . Auch nicht , wenn die Christen gesiegt hätten ... Aber sieh , wie schön . « Und dabei zeigte sie mit der Hand auf die vor ihnen ausgebreitete Landschaft , die sie jetzt erst , von dem hochgelegenen Stein aus , mit ihrem Blick umfassen konnten . Es war dasselbe Bild , das sie letzten Herbst schon von der Burgund dem Gemäuer aus vor Augen gehabt hatten , nur die Dörfer , die damals mit nichts andrem als ihren Kirchturmspitzen aus dem Schattenstriche des Waldes hervorgeblickt , lagen heute klar und deutlich vor ihnen , und die Strohdächer mit ihren Storchennestern ließen sich überall erkennen . » Weißt du , wie die Dörfer heißen ? « fragte Grete . » Gewiß weiß ich ' s. Das hier rechts ist Buch , wo der Herr von Buch lebte , der einen Schatz in unsrer Tangermünder Kirche viele Jahre lang verborgen hielt , um ihn zuletzt als Lösegeld für seinen Herrn Markgrafen zu zahlen . Denn die Magdeburger hatten ihn gefangengenommen . Und er hieß Markgraf Otto . Otto mit dem Pfeil . Ein schöner Herr und sehr ritterlich und war ein Dichter und liebte die Frauen . Weißt du davon ? « » Nein ... Aber hier das Dorf mit dem blanken Wetterhahn ? « » Das ist Fischbeck . « » Ach , das kenn ich . Da wohnt ja der alte Pfarr ... aber nun hab ich seinen Namen vergessen . Oh , von dem weiß ich . Der war eines Fischbecker Bauern Sohn und sollte seines Vaters Pferde hüten . Aber er wollt es nicht und lief ihm fort , denn er wußt es bestimmt in seinem Herzen , daß er ein Geistlicher und ein frommer Mann werden müsse . Und er wurd es auch , und nun hütet er am selben Ort sein Amt und seine Gemeinde . Und sein Vater hat es noch erlebt . « » Aber Grete , woher weißt du nur das alles ? Die Geschichte von der großen Tangerschlacht und von dem Tangermünder Schatze , die weißt du nicht , und die von dem Fischbecker Pastor weißt du so genau ! « Grete lachte . » Und weißt du , wie lang ich sie weiß ? Seit gestern . Und weißt du von wem ? Von Gigas . « » Das mußt du mir erzählen . « » Freilich . Das will ich auch . Aber da muß ich weit ausholen . « » Tu ' s nur . Wir haben ja Zeit . « » Nun sieh , Valtin , du weißt , ich bin immer weit fort ; weit fort in meinen Gedanken . Und du weißt auch , um deshalb halt ich ' s aus . Und immer abends , wenn ich mit der Regine bin , les ich von Kindern oder schönen Prinzessinnen , die vor einem bösen König oder einer bösen Königin geflohen sind , und es gibt viele solche Geschichten , und nicht bloß in Märchenbüchern , viel , viel mehr , als du dir denken kannst , und mitunter ist es mir , als wären alle Menschen irgendeinmal ihrem Elend entlaufen . « Valtin schüttelte den Kopf . » Du schüttelst den Kopf . Und sieh , das tu ich auch . Oder doch von Zeit zu Zeit . Und so war es auch gestern , denn ich hatte wieder einen Traum gehabt , wieder von Flucht , und es war , als flög ich , und mir war im Fliegen so wohl und so leicht . Aber als ich aufwachte , war ich bedrückt und unruhig in meinem Gemüt . Und da dacht ich , das soll ein Ende haben : du wirst Gigas fragen , der soll dir sagen , ob es etwas Böses ist , zu fliehen . Und so ging ich zu ihm , gestern um die Mittagsstunde , trotzdem ich wohl gehört hatte , daß er selber in Sorg und Unruh sei . « » Und wie fandest du ihn ? « » Ich fand ihn in seinem Garten zwischen den Beeten , und wir gingen auf und ab , wie er ' s gern tut , und sprachen vielerlei , und zuletzt auch von unserm Herrn Kurfürsten , der , wie wir ja schon wußten , eine Nacht und einen Tag auf seiner Tangermünder Burg zu verbleiben gedenke . Und als ich sah , daß er sich in seinem Gewissen sorgte , gerade so , wie sich ' s Trud und Gerdt , als sie von ihm sprachen , in unsrem Hause schon zugeflüstert hatten , da faßt ich mir ein Herz und fragt ihn : was er wohl mein ' . Ob Flucht allemalen ein bös und unrecht Ding sei . Oder ob es nicht auch ein rechtmäßig und zuständig Beginnen sein könne . « » Und was antwortete er dir ? « » Er schwieg eine ganze Weile . Als wir aber an die Bank kamen , die zu Ende des Mittelganges steht , sagte er : › Setz dich , Gret . Und nun sage mir , wie kommst du zu solcher Frag ? ‹ Aber ich gab ihm keine Antwort und wiederholte nur alles und sah ihn fest dabei an . Und all das konnt ich , ohne mich ihm zu verraten , denn ich hatte wohl bemerkt , daß er an nichts als an den gnädigen und gestrengen Herrn Kurfürsten dachte , der genferisch geworden , und daß er immer nur alles Fährliche vor Augen sah , was ihm selber noch bevorstehen könne . Und endlich nahm er meine Hand und sagte : › Ja , Grete , das ist eine schwere Frag , und ich denke , wir müssen zum ersten allemal beten , daß wir nicht in Versuchung fallen , und zum zweiten , daß uns die Gnade Gottes überall , wo wir zweifelhaft und unsicher in unsrem Gemüte sind , den rechten Weg finden lasse . Denn die richtigen Wege sind oft wechselvolle Wege , und wenn es heut unsre Pflicht ist , zu gehorchen und auszuharren , so kann es morgen unsre Pflicht sein , nicht zu gehorchen und uns durch Flucht einem schlimmen Ansinnen zu entziehn . Aber eines gilt heut und immerdar : wir müssen in unsrem Tun , ob wir nun fliehen oder ausharren , einem höheren Rufe Folge leisten . ‹ Und nun erzählte er mir von dem Fischbeckschen Pastor und seiner Flucht . « » Aber er muß dir doch noch mehr erzählt haben ? « » Nein . Vielleicht daß er ' s getan , aber der alte Peter Guntz kam und unterbrach uns . Und ich wußte ja nun auch , was ich wissen wollt und daß auch eine Flucht das Rechte sein könne . Und als ich heimging , zählt ich mir her , wer alles geflohen sei . Joseph und Maria floh . Und auch Petrus floh aus seinem Gefängnis . « » Aber ein Engel des Herrn führte sie « , sagte Valtin . » Und sie flohen um Gott und Glaubens willen . « Es schien , daß diese Worte Greten ins Gewissen trafen , denn sie schwieg . Endlich aber sagte sie : » Ja , um Gott und Glaubens willen . Aber auch um Lebens und Rechtes willen . Ich mag kein Unrecht sehen und auch keines leiden . « » Du weißt aber , daß wir Geduld üben und unsere Feinde lieben sollen . « » Ja , ich weiß es ; aber ich kann es nicht . « » Weil du nicht willst . « » Nein , ich will es nicht . « Und als sie soweit gesprochen , wandten sie sich wieder und sahen , daß der Sonnenball unter war und die Burgtürme bereits im Abendrote glühten . » Es ist Zeit , daß wir heimgehen « , sagte Valtin , » oder wir verpassen ' s , und Trud ist eher zu Haus als wir . « » Laß sie « , sagte Grete leicht . » Ich mag nicht mehr nach Haus . Mir ist , als wäre dies mein letzter Tag und als müßt ich fort . Heute noch . Gleich . Willst du ? « Valtin sah sie bang und fragend an . » Du willst nicht ? Sag ' s nur . Du fürchtest dich . « » Ich will , Grete . Ganz gewiß , ich will . Aber ich muß es einsehen , daß es nicht anders geht . Und hab ich dir ' s anders versprochen , damals auf der Burg , als die Mädchen sangen und die Sommerfäden zogen , so darfst du mich nicht beim Worte nehmen . Es war ein Unrecht . « Sie warf den Kopf , aber sagte nichts und nahm seinen Arm . Und so schritten sie wieder auf die Fähre zu . Die Sterne waren bald herauf und spiegelten sich in dem stillen Strom , während Mückenschwärme wie Rauchsäulen über ihnen standen . Oben auf der Burg schimmerten noch die Lichter , sonst aber war alles still , und nur aus weiter Ferne her hörte man noch ein Singen , das mehr und mehr verklang . Es waren die kleinen Leute , die , samt ihrem Gesinde , vom Außenhofe her wieder in die Stadt zogen . Und dazu klatschten eintönig die Ruderschläge des Fährboots , und nun lief es auf , und Valtin und Grete sprangen ans Ufer . Die Stadt gedachten sie soweit wie möglich zu meiden und nahmen ihren Weg an den Tangerwiesen hin , über die jetzt , mit ihnen zugleich , feuchte , weiße Nebel zogen . Die hohen Nachtkerzen ragten mit ihren Spitzen über die Nebelstreifen fort und mischten ihren Duft mit dem Dufte des Heues , das frisch gemäht zu beiden Seiten des Weges lag . Sie sprachen nicht , und Valtin suchte nur den Fledermäusen zu wehren , die , von dem alten Kirchengemäuer her , neben und über ihnen flatterten . So kamen sie bis an das Wassertor und bogen in denselben Zirkelgang ein , auf dem sie gekommen waren , immer zwischen den Gärten und der Stadtmauer hin . Und nun hielten sie vor der Mindeschen Gartenpforte . » Gute Nacht , Valtin « , sagte Grete ruhig und beinah gleichgültig . Als dieser aber ging , ohne sich umzusehen , rief sie noch einmal seinen Namen . Und er wandte sich wieder und lief auf sie zu . Und sie umarmten sich und küßten sich . » Vergiß , Valtin , was ich gesagt hab . Ich weiß , daß du dich nicht fürchtest . Denn du liebst mich . Und die sich lieben , die fürchten sich nicht . Und nun noch eines . Komm in einer halben Stund in den Garten , in euren , und wart auf mich . Mir ist so wunderlich , und ich muß dich noch sehen . Denn sieh , ich weiß es , es geschieht etwas ; ich fühl es ganz deutlich hier . « Und dabei legte sie die Hand aufs Herz und zitterte . Und er versprach es , und sie trennten sich . 13. Kapitel . Flucht Dreizehntes Kapitel Flucht Die Pforte war nur angelehnt , und schon vom Garten aus ließ sich ' s erkennen , daß Trud inzwischen ins Haus zurückgekehrt sein müsse . Die Fenstervorhänge hingen noch herab , und das rasch wechselnde Schattenspiel zeigte deutlich , daß ein Licht dahinter hin und her getragen wurde . Grete stieg nun die Stufen hinauf , die von dem Garten in den Hof führten , drückte das Gitter ins Schloß und fühlte sich , über Flur und Treppe hin , bis an das Hinterzimmer des oberen Stocks . Die Türe stand noch offen , wohl der Schwüle halber , und Grete sah hinein . Was sie sah , war nur das Erwartete . Die Wiegendecke lag zurückgeschlagen , und Trud , in allem Putz und Staat , den sie bei der Festlichkeit getragen , mühte sich in gebückter Stellung um das Kind , das still dalag und nur dann und wann in Krämpfen zusammenzuckte . Ihre hohe Krause war zerdrückt , ihr Haar halb herabgefallen ; ihren silbernen Hakengürtel aber , der ihr beim Aufnehmen und Niederlegen des Kindes hinderlich gewesen sein mochte , hatte sie von sich getan und über das Fußbrettchen der Wiege gehängt . Und jetzt richtete sie sich auf und sah Greten vor sich stehen . » Ei , Grete . Schon da ! « sagte sie bitter , aber ersichtlich noch mit ihrer inneren Erregung kämpfend . » Wo warst du ? « » Fort . « » Fort ? Und ich hatt es dir doch verboten . « » Verboten ? « » Ja ! Und nun sieh das Kind . Ein Wunder Gottes , wenn es uns am Leben bleibt . Und wenn es stirbt , so bist du schuld . « » Das darfst du nicht sagen , Trud , « antwortete Grete ruhig , während es um ihren Mund zuckte . » Schilt mich . Schilt mich , daß ich ging , das darfst du , das magst du tun . Aber du darfst mich nicht schelten um des Kindes willen . An dem Kind ist nichts versäumt . Ich ließ es bei Reginen , und Regine , was sag ich , ist dreißig Jahr im Haus . Und war Kindermuhme bei Gerdt , und dann war sie ' s bei mir und hat mich großgezogen . « » Ja , das hat sie . Aber wozu ? Du weißt es , und ich weiß es auch . Und die Stadt wird es bald genug erfahren ... Armes Ding du ! Aber ' s ist Erbschaft . « » Sage nicht das , Trud . Nichts von ihr . Ich will davon nicht hören . « » Aber du sollst es . Undankbare Kreatur ! « Grete lachte . » Lache nur , Bettelkind ! Denn das bist du . Nichts weiter . Eine fahrende Frau war sie , und keiner weiß , woher sie kam . Aber jetzt kennen wir sie , denn wir kennen dich . Eine fremde Brut seid ihr , und der Teufel sieht euch aus euren schwarzen Augen . « » Das lügst du . « Trud aber , ihrer Sinne nicht mehr mächtig , erhob ihre Hand und schlug nach ihr . Grete war einen Schritt zurückgetreten , und es flimmerte ihr vor den Augen . Dann , ohne zu wissen , was sie tat , griff sie nach dem über der Wiege hängenden Gürtel und schleuderte ihn der verhaßten Schwieger ins Gesicht . Diese , vor Schmerz aufschreiend , wankte und hielt sich mühsam an einem hinter ihr stehenden Tischchen , und Grete sah nun , daß die scharfen Ecken des langen silbernen Gehänges Truds Stirn oder Schläfe schwer verletzt haben mußten , denn ein Blutstreifen rann über ihre linke Wange . Aber sie schrak vor diesem Anblick nicht zurück und hatte nichts als das doppelt selige Gefühl ihres befriedigten Hasses und ihrer errungenen Freiheit . Ja , Freiheit ! Sie war dieses Haus nun los . Denn das stand fest in ihrer Seele , daß sie nicht länger bleiben könne . Fort . Gleich . Und sie flog die Treppe hinab und über Flur und Hof in den Garten . Da wuchsen wieder die Himbeerbüsche wie damals , wo sie hier mit Valtin zwischen dem hohen Gezweig gestanden und über den Hänfling und sein Nest geplaudert hatte ; aber ihre verwilderte Seele dachte jener Stunden stillen Glückes nicht mehr . Sie kletterte nur rasch hinauf und horchte gespannt , ob Valtin schon da sei . Er war es noch nicht . Und so sprang sie vom Zaun in den Zernitzschen Garten hinunter und versteckte sich in der Laube . Denn daß er kommen würde , das wußte sie . Eine Viertelstunde war vergangen , als Grete Schritte vom Hofe her hörte . Er war es , und sie lief ihm entgegen . » Valtin , mein einziger Valtin . Ach , daß du nun da bist ! Es ist gekommen , wie ' s kommen mußte . « Und nun erzählte sie , was geschehen . » Ich wußt es . Alles , alles . Und ich muß nun fort . Diese Nacht noch . Willst du , Valtin ? « Sie waren , während Grete diese Worte sprach , vorsichtshalber , um nicht gesehen zu werden , von dem Mittelsteige her auf die Schattenseite des Gartens getreten , und Valtin sagte nur : » Ja , Gret , ich will . Was es wird , ich weiß es nicht . Aber ich sehe nun , du mußt fort . Und das hab ich mir geschworen , so ich ' s nur einseh , daß du fort mußt , so will ich ' s auch und will mit dir . Und dann sieh , ich bin ja doch eigentlich schuld . Denn du wolltest nicht weg von dem Kind , und ich hab dich überredet und dich trotzig gemacht und dich gefragt , wer dir ' s denn verbieten wolle . « » Sage nicht nein « , fuhr er fort , als er sah , daß sie den Kopf schüttelte . » Es ist so . Und am Ende , was tut ' s ? Du oder ich , es ist all eins , wer die Schuld hat . Es mußte zuletzt doch so kommen , für dich und für mich . Auch für mich . Glaub es nur . Emrentz ist nicht wie Trud , und wir leben jetzt eigentlich gut miteinander . Aber auf wie lang ? Es ist ein halber Frieden , und der Krieg steht immer vor der Tür . Eine Stief ist eine Stief , dabei bleibt ' s. Und soviel sie lacht , sie hat doch kein Herz für mich , und wo das Herz fehlt , da fehlt das Beste . « » So willst du ? « » Ja , Grete . « » So laß uns gehen . In einer Stunde schon . Um elf wart ich draußen ... Und nun eile dich ; denn mir brennt der Boden unter den Füßen . « Und damit trennten sie sich . Als Grete gleich darauf wieder drüben in ihrem eigenen Garten war , huschte sie den Zaun entlang und an dem Weinspalier vorbei bis auf den Hof . Hier aber befiel es sie plötzlich , daß sie , beim Eintreten in das Haus , vielleicht ihrem Bruder Gerdt begegnen könne , der , wenn gereizt , nach Art schwacher und abgespannter Naturen , alle Müdigkeit abtun und in Wutausbrüche geraten konnte . Wenn er ihr jetzt in den Weg trat ? wenn er sie mißhandelte ? Sie zitterte bei dem Gedanken und schlich so geräuschlos wie möglich die Treppe hinauf . Als sie bei der nur angelehnten Türe des Hinterzimmers vorüberkam , hörte sie , daß Trud und Gerdt miteinander sprachen . » Sie muß aus dem Haus « , sagte Trud , » ich mag die Hexe nicht länger um mich haben . « » Aber wohin mit ihr ? « fragte Gerdt . » Das findet sich ; wo ein Will ist , ist auch ein Weg – sagt das Sprüchwort . Ich hab an die Nonnen von Arendsee gedacht , das ist nicht zu nah und nicht zu weit . Und da gehört sie hin . Denn sie hat ein katholisch Herz , trotz Gigas , und immer , wenn sie mit mir spricht , so sucht sie nach dem Kapselchen mit dem Splitter und hält es mit ihren beiden Händen fest . Und schweigt sie dann , so bewegen sich ihre Lippen , und ich wollte schwören , daß sie zur Heiligen Jungfrau betet . « Mehr konnte sie nicht erlauschen , denn das Kind , das bis dahin ruhig gelegen , begann wieder zu greinen , und Grete benutzte den Moment und fühlte sich vorsichtig weiter bis an das zweite Treppengeländer und in ihre Giebelstube hinauf . Der Mond schien auf die Dächer gegenüber , und sein zurückfallender Schein gab gerade Licht genug , um alles deutlich erkennen zu lassen . Die Tür zu der Kammer nebenan stand offen , und Regine saß eingeschlafen am Fußende des Bettes . » ' s ist gut so « , sagte Grete und öffnete Schrank und Truhe , nahm heraus , was ihr gut dünkte , band ein schwarzes Seidentuch um ihren Kopf und verbarg unter ihrem Mieder ein kleines Perlenhalsband , das ihr , an ihrem Einsegnungstage , vom alten Jacob Minde geschenkt worden war . Anderes hatte sie nicht . Und nun war sie fertig und hielt ihr Bündel in Händen . Aber sie konnte noch nicht fort . Nicht so . Und an der Schwelle der Kammertür kniete sie nieder und rief Gott um seinen Beistand an , auch um seine Verzeihung , wenn es ein Unrecht sei , was sie vorhabe . Und heiße Tränen begleiteten ihr Gebet . Dann erhob sie sich und küßte Reginen , die schlaftrunken auffuhr und den Namen ihres Lieblings nannte ; aber ehe sie den Schlaf völlig abschütteln und sich wieder zurechtfinden konnte , war Grete fort und glitt , mit ihrer Rechten sich aufstützend , die steilen Stufen der Oberstiege hinunter . Und nun horchte sie wieder . Das Kind wimmerte noch leis , und die Wiege ging in heftiger Schaukelbewegung , während Trud , über das Kind gebeugt , rasch und ungeduldig ihre Wiegenlieder summte ; Gerdt schwieg . Vielleicht , daß er schon schlief . Und im nächsten Augenblicke war sie treppab , über Hof und Garten , und hielt draußen an der Pforte . Valtin wartete schon . Er hatte sich zu dem Joppenrock , den er gewöhnlich trug , auch noch in eine dicke Friesjacke gekleidet , und in dem wuchernden Grase vor ihm lag eine schmale , hohe Leiter , wie man sie um die Kirschenzeit von außen her an die Bäume zu legen pflegt . Grete trat auf ihn zu und gab ihm die Hand . Der breite Schatten , der auf das Gras fiel , hinderte sie , die Leiter zu sehen , desto deutlicher aber sah sie seine winterliche Einkleidung . Und sie lachte . Denn der Sinn für das Komische war ihr geblieben . Und Valtin lachte gutmütig mit und sagte : » ' s ist für dich , Grete , wenn du frierst . Die Nacht ist kalt , auch eine Sommernacht . « Und derweilen schlug es elf , und die Glockenschläge mahnten sie wieder an das , was sie vorhatten . Valtin legte die Leiter an die Mauer , und Grete stieg hinauf . Und im nächsten Augenblicke war er selber oben und zog die Leiter nach und stellte sie nach außen . Und nun waren sie frei . Sie sahen sich an und atmeten auf , und der Zauber des um sie her liegenden Bildes ließ sie minutenlang ihres Leids und ihrer Gefahr vergessen . Die Nebel waren fortgezogen , silbergrüne Wiesen dehnten sich hüben und drüben , und dazwischen flimmerte der Strom , über den der Mond eben seine Lichtbrücke baute . Nichts hörbar als das Gemurmel des Wassers und die Glocken , die von einigen Stadtkirchen her verspätet nachschlugen . Beide hatten sich angefaßt und eilten raschen Schrittes auf den Fluß zu . » Willst du hinüber ? « fragte Grete . » Nein , ich will nur einen Kahn losmachen . Sie glauben dann , wir seien drüben . « Und als sie bald danach den losgebundenen Kahn inmitten des Stromes treiben sahen , hielten sie sich wieder seitwärts , über die tauglitzernden Tangerwiesen hin , bogen in weitem Zirkel um den Burghügel herum und mündeten endlich auf einen Feldweg ein , der , hart neben der großen Straße hin , auf den Lorenzwald zuführte . Als sie seinen Rand beinah erreicht hatten , sagte Grete : » Ich fürchte mich . « » Vor dem Wald ? « » Nein . Vor dir . « Valtin lachte . » Ja , das ist nun zu spät , Grete . Du mußt es nun nehmen , wie ' s fällt . Und wenn ich dir deinen kleinen Finger abschneide oder dich totdrücke vor Haß oder Liebe , du mußt es nun leiden . « Er wollt ihr zärtlich das Haar streicheln , soweit es aus dem schwarzen Kopftuche hervorsah , aber sie machte sich los von ihm und sagte : » Laß . Ich weiß nicht , was es ist , aber solange wir in dem Wald sind , Valtin , darfst du mich nicht zärtlich ansehen und mich nicht küssen . Unter den Sternen hier , da sieht uns Gott , aber in dem Walde drin ist alles Nacht und Finsternis . Und die Finsternis ist das Böse . Ich weiß es wohl , daß es kindisch ist , denn wir gehören ja nun zusammen in Leben und in Sterben , aber ich fühl es so , wie ich dir ' s sag , und du mußt mir zu Willen sein . Versprich es . « » Ich versprech es . Alles , was du willst . « » Und hältst es auch ? « » Und halt es auch . « Und nun nahm sie wieder seine Hand , und sie schlugen den Weg ein , der sie bis an die große Waldwiese führte . Hier war es taghell fast , und sie zeigten einander die Stelle , wo der Maibaum damals gestanden und wo sie selber , am Schattenrande der Lichtung hin , auf den umgestülpten Körben gesessen und dem Taubenschießen und dem Tanz um die Linde her zugesehen hatten . Und dann gingen sie weiter waldeinwärts , immer einen breiten Fußpfad haltend , der sich nur mitunter im Gestrüpp zu verlieren schien . Sie sprachen wenig . Endlich sagte Grete : » Wohin gehen wir ? « » Ins Lüneburgsche , denk ich . Und dann weiter auf Lübeck zu . Da hab ich Anhang . « » Und weißt du den Weg ? « » Nein , Grete , den Weg nicht , aber die Richtung . Immer stromabwärts . Es kann nicht weiter sein als fünf Stunden ; dann haben wir die Grenze , die bei Neumühlen läuft . Und die tangermündschen Stadtreiter , auch wenn sie hinter uns her sind , haben das Nachsehen . « » Glaubst du , daß sie sich eilen werden , uns wieder zurückzuholen ? « » Vielleicht . « » Ja . Aber auch nichts weiter . Sie werden uns ziehen lassen und froh sein , daß wir fort sind . Und wenn dein Vater es anders will , so wird ' s ihm Emrentz ausreden . Und wenn nicht Emrentz , so doch Trud . « Und nun erzählte sie das Gespräch zwischen Trud und Gerdt , das sie von der nur angelehnten Türe des Hinterzimmers aus belauscht hatte . So mochten sie zwei Stunden gegangen sein , und der Mond war eben unter , als Grete leise vor sich hin sagte : » Laß uns niedersitzen , Valtin . Meine Füße tragen mich nicht mehr . « Und es war alles wie damals , wo sie sich als Kinder im Walde verirrt hatten . Er aber bat sie , brav auszuhalten , bis sie wieder an eine hellere Stelle kämen . Und siehe , jetzt war es wirklich , als ob sich der Wald zu lichten begänne , die Stämme standen in größeren Zwischenräumen , und Valtin sagte : » Hier , Grete , hier wollen wir ruhn . « Und todmüde , wie sie war , warf sie sich nieder und streckte sich ins Moos . Und schon im nächsten Augenblicke schlossen sich ihre Wimpern . Er schob ihr ihr Reisebündel als Kissen unter und deckte sie leise mit seiner Winterjacke zu , von der er sich selber nur ein Zipfelchen gönnte . Und dann schlief er an ihrer Seite ein . 14. Kapitel . Auf dem Fluß Vierzehntes Kapitel Auf dem Fluß Als sie wieder erwachten , lag alles um sie her in hellem Sonnenschein . Sie hatten dicht am Rande des großen Lorenzwaldes geschlafen , der hier mit einer vorspringenden Ecke bis hart an den Strom trat , und der rote Fingerhut stand in hohen Stauden um sie her . Ein paar seiner Blüten hatte der Morgenwind auf Greten herabgeschüttelt , und diese nahm eine derselben und sagte : » Was bedeutet es mir ? Es ist eine Märchenblume . « » Ja ; das ist es . Und es bedeutet dir , daß du eine verwunschene Prinzessin oder eine Hexe bist . « » Das darfst du nicht sagen . « » Und warum nicht ? « » Weil es Trud immer gesagt hat ... Aber weißt du , Valtin , daß ich Hunger habe ? « Und damit erhoben sie sich von ihrer Lagerstatt und gingen plaudernd immer am Wasser hin , bis