aber der Wald war endlos , und sie kamen nicht heraus . Da befiel den Herzog eine tiefe Trauer , zumal wenn er an sein Land und seine Herzogin gedachte . Denn es ging nun schon in das siebente Jahr , daß er ausgezogen war . Und als er so lag , erschien ihm der Versucher und sagte : › Gestern mittag ist ein anderer bei dir eingezogen und will Wirtschaft halten . Und er nimmt dein Weib und dein Land . ‹ Und bei diesen Worten grämte sich der Herzog mehr noch als zuvor , denn er liebte die Herzogin ; und er rang und betete , wie wir alle tun , wenn wir in Not und Bitterkeit des Herzens sind , und rief Gott an um seine Hülfe und seinen Beistand . Und das alles hörte der Versucher und sagte : › Du redest umsonst zu deinem Gott ; ich aber , ich werde dir helfen und dich bis in deine Stadt führen , heute noch , und dich ohne Schaden auf den Giersberg niederlegen . Danach aber werd ich in diesen Wald zurückkehren und auch deinen Löwen einholen . Und alles , was du zu tun hast , ist , daß du zwischeninne nicht schlafen sollst ; und schläfst du nicht , so hast du gewonnen , und schläfst du doch , so hast du verspielt und bist mein mit Leib und mit Seele . ‹ Darein willigte der Herzog , und der Versucher ergriff ihn und trug ihn im Sturme durch die Luft . « In diesem Augenblick aber zuckte Hilde heftig zusammen , denn ein Windstoß , als wär es der Sturm , von dem Melcher Harms eben gesprochen hatte , fuhr über die Stelle fort , wo sie saßen , und die Schalen der Bucheckern , die bis dahin oben am Waldesrande hin gelegen hatten , tanzten an ihnen vorüber . Und dann war es wieder still , und der Alte , der des Zwischenfalles nur wenig geachtet hatte , nahm den Faden wieder auf und erzählte weiter : » Und siehe , der Versucher hielt sein Wort und legte den Herzog auf den Giersberg nieder und fuhr auch im Fluge wieder zurück , daß er den Löwen hole . Den Herzog aber überkam eine Todesmüdigkeit , und wiewohlen er wußte : › Wachet und betet ‹ , so war seines Fleisches Schwäche doch größer als seine Kraft , und er schlief ein . Fest und schwer . Und als nun der Böse mit dem Löwen abermals herankam und schon aus der Ferne den Herzog schlafen sah , da wurd ihm wohl in seinem teuflischen Herzen , und er freute sich seines Sieges ; aber der Löwe hatte seinen Herzog auch gesehen , und weil er den Schlafenden nicht als schlafend erkannte , wohl aber ihn schon gestorben glaubte , so fing er an zu brüllen vor Schmerz über den Tod seines Herrn . Und von diesem Gebrüll erwachte der Herzog und war gerettet , gerettet durch die Treue . Ja , Hilde , die rettet immer . Und Gott erhalte sie dir , so du sie hast , und gebe sie dir , so du sie nicht hast . « Es war ersichtlich , daß er in gleichem Sinne noch weitersprechen wollte . Wie von ungefähr aber wurd in eben diesem Augenblick ein Knistern hörbar , und als beide sich umblickten , sahen sie , daß Martin auf dem Heidensteine stand und das Mantelstück ihnen wie zu Gruß und Willkomm entgegenschwenkte . » Hoiho ! « Und gleich danach sprang er auf sie zu , bot ihnen guten Tag und setzte sich . » Von wo kommst du ? « fragte Hilde . » Von woher ich immer komme . Von den Holzschlägern . Es ist jetzt da hin , daß sie schlagen , keine fünfhundert Schritt hinter Ellernklipp . Und wenn Vater Harms den Wiesenstrich nimmt , der zwischen dem Kamp und dem Walde läuft , dann ist es zum Abrufen nah . « » Aber wie kamst du nur auf den Stein ? « » Ich schlich mich ran und duckte mich . « Unter diesem Gespräche war Melcher Harms immer ernster und unruhiger geworden . Hilde jedoch hatte seiner Unruhe nicht acht und sagte nur : » Ich will das Ende hören . « Und der Alte bezwang alles , was von Furcht und Sorge während dieser letzten Minuten über ihn gekommen war , und sagte , während er sich wieder zu Hilde wandte : » Die Treue seines Löwen also hatte den Herzog gerettet . Und so ging er bis vor das Schloß und hörte von der Halle her eine große Musik von Trommeln und Pfeifen , und er wußte nun wohl , daß es eine Hochzeit sei . Da nahm er einen Ring vom Finger , gab ihn dem alten Burckersrode – dem Kämmerling – und beschwor ihn , daß er den Ring zur Herzogin Mechthildis hineintrage . Und als diese des Ringes ansichtig wurde , hob sie sich von der Tafel und sagte : › Das ist meines lieben Herrn Ring , und er ist wieder da und ist nicht tot , und ich will ihn sehen und wieder die Seine sein . ‹ Und als sie so gesprochen , führte man den Fremden , von dem der Ring kam , in die Halle des Schlosses , und die Herzogin sank vor ihm nieder und rief : › Ich danke Gott , daß er mein still Gebet erhöret hat . ‹ Und sie lud ihn neben sich , und alle sahen nun , daß es der Herzog war , und jeder gedachte der alten Zeit ; aber des falschen Bräutigams , um dessentwillen die Hochzeitstafel angerichtet worden , gedachte keiner mehr . « Da jubelte Hilde , daß es so gut gekommen , und Melcher Harms freute sich ihres Frohsinns und schloß : » Und ein fromm und herrlich Regiment begann all umher und konnte nicht anders sein in seiner Nähe . Denn er war , wie Fürsten sein sollen : treu und tapfer und gnädig und gerecht . Und hatte den Glauben . Und als er siebzig alt war , da ließ er sein Gemahl rufen und sagte : › Meines Lebens Leben ist nicht lange mehr , und ich befehle nun Leib und Seele Christo Jesu , meinem lieben Herrn . Der wolle mein pflegen in Ewigkeit . ‹ Und so starb er , und das Land ging in Trauer , und in Trauer ging Mechthilde , sein Gemahl . Aber der Löwe legte sich auf seines Herrn Grab und nahm nicht Speise noch Trank . Und so lag er und regte sich nicht , bis auch er gestorben war . « » Und das ist da , wo noch heute der Löwe steht . Weißt du , Martin ? « Und Hilde dankte dem Alten und sah nach dem Schloß hinüber , das eben jetzt im vollen Scheine der Nachmittagssonne dalag . Ein Habicht schwebte still und mit ausgebreitetem Flügelpaar darüber und schoß endlich in den finsteren Eichenwald nieder , der den alten Giebelbau drüben in seinen Armen hielt . Und alle drei sahen ' s und hingen ihren Gedanken nach und hörten nichts als das nahe und ferne Herdengeläut und dann und wann das Echo , wenn ein Schuß in den Bergen fiel . Am stillsten aber war der Alte geworden , und Hilde , die gern wissen wollte , was es sei , sagte : » Geh vorauf , Martin . « » Ihr wollt wieder allein sein « , lachte dieser . » Aber wie du willst . Nur verplaudere dich nicht und bleib nicht zu lang . Um die sechste Stunde will der Vater wieder dasein . Du weißt , er hat es nicht gern , wenn wer fehlt . Und nun gar heut . « Und damit lief er schräg über die Berglehne fort und auf die lange Buchenhecke zu , die zu des Heidereiters Hause herniederführte . Beide sahen ihm eine Weile nach . Dann sagte Hilde : » Ihr habt etwas , Vater Harms . Und es ist was mit dem Martin . Ich weiß wohl , Ihr seht alles und habt nichts Gutes gesehen . Sagt mir , was es ist . « Er schwieg und schien unschlüssig in sich abzuwägen . Endlich nahm er Hildens Hand und sagte : » Ja , du hast recht , es ist was mit dem Martin ... Er hat auf dem Heidenstein gelegen . « » Oh , das hab ich auch . « » Es ist ein Opferstein . Und sie sagen : wer darauf schläft , den opfern die finsteren Mächte . « » Ja , wer darauf schläft ! « » Aber ich denke , Kind , ich hab es weggebetet . « » Könnt Ihr das , Vater Harms ? « » Nicht immer . Aber oft . Das Gebet kann viel , und du wirst es noch erfahren . Aber erfahr es nicht zu früh , Hilde . Denn ich muß es dir noch einmal sagen , wir beten erst , wenn wir im Unglück sind . Und ich wünsche dir glückliche Tage . Ja , Kind , auch irdisch Glück ist süß . « Über Hilden ergoß es sich blutrot , und es war ihr , als hab er in ihrem Herzen gelesen . » Ich muß mich nun eilen « , sagte sie , während sie sich rasch erhob und , ohne sich um die leergebliebene Kufe zu kümmern , über die Wiese hin bergab lief , immer in derselben Richtung , die Martin vor ihr genommen hatte . Der alte Melcher aber war nur noch ernster und nachdenklicher geworden und redete halblaut und in abgerissenen Sätzen vor sich hin : » Ich werd es nicht wegbeten , und keiner wird es . Ihr Blut ist ihr Los , und den Jungen reißt sie mit hinein . Es geschieht , was muß , und die Wunder , die wir sehen , sind keine Wunder ... Ewig und unwandelbar ist das Gesetz . « 9. Kapitel . Des Heidereiters Geburtstagabend Neuntes Kapitel Des Heidereiters Geburtstagabend Es war eine Stunde später , und Martin und Hilde sahen von der Vorlaube her , unter der sie Platz genommen hatten , immer den Weg hinauf , auf dem der Vater zurückkommen mußte . Dabei traf ihr Blick , sie mochten wollen oder nicht , auch auf den halb in einer Brombeerhecke versteckten Backofen , vor dem Grissel emsig beschäftigt war und den eisernen Vorsetzer abwechselnd auf- und zuschob . Jetzt aber schien sie zufrieden mit dem Befund und zog auf einer breiten Holzschippe die Bleche heraus , auf denen sie die Geburtstagskuchen für den Abend gebacken hatte , einen Streusel- und einen Kronsbeerkuchen , welchen letzteren der Heidereiter allem anderen vorzog . Aber der Rand mußte braun sein und am liebsten halb verbrannt . Eine Luftwelle trug den brenzlig-würzigen Duft herüber , und Martin sagte : » Freust du dich auf den Abend ? « » O gewiß ! So sehr ich mich freuen kann . « » So sehr du dich freuen kannst ! Was heißt das ? Du wirst dich doch freuen können . Jeder Mensch kann sich freuen . « » Ja « , wiederholte Hilde , » jeder Mensch kann sich freuen , und ich auch . Und wenn ich sage , so sehr ich mich freuen kann , so mein ich an unserem Tisch und in unserem Haus . « Als Hilde so gesprochen hatte , nahm Martin ihre Hand und seufzte : » Ja , das ist es . Und daß ich ' s dir nur gesteh , ich hatte dich auch recht gut verstanden . Ich wollt es nur deutlicher hören . Ach , was ist das für ein Leben ! Ich möchte vergehen . Er meint es ja gut mit uns , mit mir vielleicht und mit dir gewiß ... Ja , ja , Hilde , das darfst du nicht bestreiten : er zieht dich vor . Aber glaube nur ja nicht , daß es das ist . Nein , nein , er soll dich vorziehen ; ich bin nicht böse darüber und gönne dir alles . Alles und dann immer noch was dazu . Nein , Hilde , das ist es nicht . Sie sollen dich lieben , jeder , und , versteht sich , am meisten ich ... Ach , ich glaub , ich sterbe , so lieb hab ich dich . « Und dabei glitt er nieder und legte schluchzend den Kopf auf ihre Knie . Das aber gab ihr einen Schreck und eine Herzensangst , und sie bat und beschwor ihn , abzulassen und wieder aufzustehen . » Ich hätte den Tod , wenn ' s die Grissel säh . Ach , ich kenne sie ; sie war anders sonst ; aber jetzt hat sie nur spitze Reden für mich und ist hämisch und neidisch , weil ihr so gut gegen mich seid und mir alles zu Willen tut : der Vater und der alte Sörgel und der alte Melcher Harms oben . Ich bitte dich , Martin , steh auf ... Sieh , sieh nur , jetzt hat sie ' s gesehen ! « » Laß sie . Mir gilt es gleich . Sie soll es sehen . Jeder soll es sehen . Und er auch . « » Um Gottes willen , nein , er nicht ! Ich weiß nicht , Martin , was es ist , aber er darf es nicht sehen . Ich les es ihm von der Stirn , er will es nicht . Er will , daß wir Geschwister sind , das mußt du doch auch wissen , und Bruder und Schwester ist sein drittes Wort . Und was er sonst noch will , das weiß ich nicht . Nur das weiß ich , daß er mich immer so ansieht , als ob ich was anderes wär und was Apartes und alles nicht gut genug für mich . Auch du nicht . Und letzten Erntekranz , als er uns tanzen sah , da hört ich auch so was . Und ist doch alles Torheit und Unverstand und schafft mir bloß Neid und Mißgunst . Und bedrückt mich bloß . Ja , das ist es . Ach , Martin , ich bin ihm gut , weil er gut gegen mich ist ; aber ich weiß nicht , ich fürchte mich vor ihm . « » Und ich auch , Hilde . Ja , ja , das ist es . Aber ich will mich nicht länger fürchten und schäme mich meiner Furcht . Denn vor seinem Vater soll man sich nicht fürchten . « » Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren ! « » Ehren ! wohl . Aber da liegt eben der Unterschied . Ehren soll man sie und Respekt haben . Und wenn du das zusammentust , so hast du die Ehrfurcht . Und die Ehrfurcht , die ist gut . Aber bloß Furcht , das ist falsch und schlecht und feig . Und ich will es nicht länger ! « » Ich glaube wohl , daß du recht hast . Aber übereile nichts . Und jedenfalls nicht heute . Du weißt ... « In diesem Augenblicke hörten sie das Anschlagen eines Hundes vom Dorfe her , und gleich darauf wurde der Jagdwagen zwischen den Zweigen des Weges sichtbar . Es war also höchste Zeit , abzubrechen , und beide huschten um so rascher und ängstlicher ins Haus , als sie sich nach dem eben geführten Gespräch unfähig fühlten , eine rechte Freude bei des Vaters Ankunft zu zeigen . Und so fand sich denn nur Joost ein und nahm die Leinen aus des Heidereiters Hand , während Grissel , die gerade Zucker und Zimmet über die Kuchen streute , von ihrem Backofen her aufsah und grüßte . Freilich nur mit einem flüchtigen und vertraulichen Kopfnicken , wie Dienstleute zu tun pflegen , die sich daran gewöhnt haben , auch ihren Gruß innerhalb gewisser Grenzen zu halten . Und nun kam der Abend , und um die siebente Stunde saß alles um den runden Tisch . Auf einem der Ständer aber standen die Kuchen und der Ziderwein , auf den hin die Grissel eine Reputation hatte , und alles war festlich und gemütlich , oder doch so gemütlich , wie ' s in des Heidereiters Haus und unter der Kontrolle seiner buschigen Augenbrauen überhaupt sein konnte . Der Ofen , in dem ein Reisigfeuer brannte , gab eine gelinde Wärme , während doch gleichzeitig ein Luftzug durch die Fenster kam und die Sterne mitsamt dem erleuchteten Schloß von drüben her hereinsahen . Alles war Frieden ; die Lichter im Zimmer flackerten nur leise hin und her , und kleine Rauchsäulen stiegen auf und schlängelten sich an der Decke hin . Der Heidereiter war ersichtlich in bester Laune von Ilseburg zurückgekehrt und plauderte mit vielem Behagen von dem kleinen buckeligen Gerichtsschreiber , dessen Buckel nur noch von seiner Wichtigkeit übertroffen werde . Dazu bracht er auch eine Neuigkeit mit , und zwar die : daß die Preußen bald wieder einen Krieg haben würden ; denn ohne Krieg könnten sie nicht sein . Und zuletzt kam er , wie gewöhnlich , auf die gnädige Gräfin , von der ein Gerede gehe , daß sie katholisch werden wolle . Darüber war nun die Grissel natürlich außer sich ; aber ehe sie noch ein passend-gemäßigtes Wort der Empörung finden konnte – denn der Heidereiter hielt auf Respekt gegen die Herrschaft – , fuhr dieser in eigenem Unmut fort : » Und wer ist schuld daran ? Wer anders als dieser alte Kamm-Melcher , der jeden Abend oben steckt und unserem alten Sörgel über den Kopf weg seinen Mischmasch von Weisheit und Unsinn zum besten gibt . Versteht sich , heimlich . Aber was ist heimlich bei vornehmen Leuten ? Und was ist heimlich überhaupt ? › Ist auch noch so fein gesponnen , muß doch alles an die Son nen . ‹ Und ist auch ein Trost und ein Glück , daß es so ist . Denn alles Unrecht muß heraus . Und was ein rechtes Unrecht ist , das will auch heraus und kann die Verborgenheit nicht aushalten . Und eines Tages tritt es selber vor und sagt : hier bin ich . Ja , Kinder , so hab ich ' s immer gefunden , auch bei den Soldaten schon , und ich entsinne mich ... Aber ich sehe wohl , ich hab es schon erzählt und bin noch nicht alt genug , um immer bloß fürs Alte zu sein und am wenigsten für alte Geschichten . Aber für ein Altes bin ich , und am End ihr auch – wenigstens unsere Grissel hier , denn die hat eine feine Zung und eine spitze dazu , nicht wahr ? Aber das tut nichts , wenn ' s hier nur stimmt und der Katechismus in Ordnung ist und der Wandel und die gute Sitt – aber was ich sagen wollte , für ein Altes bin ich . Und hier ist der Schlüssel , Martin , und nun geh und hol eine von den weißgesiegelten , ohne Zettel . Bah , Zettel ! Zettel hin , Zettel her ! Der Zettel macht ' s nicht , aber was drin ist , das macht ' s. Und dafür steh ich . Also von den weißgesiegelten , Martin . Oder bringe lieber gleich zwei . Denn es wird einem wohler und wärmer ums Herz , wenn man nicht gleich mit der Angst anfängt : › Ei , du mein Mäusle , was wird ? ' s is halt schon wieder vorbei . ‹ Nein , nein , was es auch sei , man muß immer was Sicheres vor sich haben , und der freie , ruhige Blick in die Zukunft , das ist überhaupt das Beste vom Leben . Und nun geh , Martin . Aber sieh dich vor bei der drittletzten Stufe , die liegt nicht fest , und zerschlage mir nichts , denn ich bin abergläubisch . Und an meinem Geburtstage soll mir kein Glas in Scherben gehen . Und auch keine Flasche . « Martin ging und kam wieder und stellte die Flaschen auf den Tisch . Und mit einem langen Pfropfenzieher , an dessen Griff eine Bürste war , zog jetzt der Heidereiter den Kork aus der ersten Flasche , putzte die Lackkrümelchen sorgfältig weg und goß unter Schmunzeln und doch zugleich mit einer gewissen Feierlichkeit in alle vier Gläser ein . Und nun nahm er seins , hielt es gegen das Licht und freute sich , daß es wie kleine Geister darin auf- und niederstieg . » Auf ein glückliches Jahr ! « Alle Gläser klangen zusammen , und alle tranken aus . Nur Hilde nicht . Aber darin versah sie ' s , und der Alte sagte : » Wer nicht austrinkt , meint es nicht gut . Und du hast bloß genippt , Hilde . Wer mein Liebling sein will , muß austrinken ; werde nur nicht rot , der Martin gönnt dir ' s und die Grissel auch . Nicht wahr , Grissel ... ? Und wißt ihr , wo der Wein herstammt ? Der stammt drüben vom Schloß und ist noch vom seligen Grafen , von meinem gnädigen alten Herrn , der nun auch drüben unterm Stein liegt , lange vor der Zeit . Ja , daß ich ' s sagen muß , lange vor der Zeit . Aber das mit dem jungen , das war ihm zuviel . « Er wollte behaglich weiterplaudern , aber er unterbrach sich plötzlich , weil ihm einfiel , daß er sich selber vorgesetzt hatte , von dem Tode des jungen Grafen und überhaupt von dem jungen Grafen in Hildes Gegenwart nie sprechen zu wollen . Als er diese jedoch völlig unbefangen bleiben und nur neugierig Augen machen sah , fuhr er auch seinerseits in wiedergewonnener Unbefangenheit fort : » Ja , das mit dem jungen , das war ihm zuviel . Und als ihn die Halberstädter anbrachten , immer mit Trommeln und Pfeifen – denn anderes hatten sie nicht , weil die richtige Musik mit zu Felde war – , und es immer so wirbelte durch ganz Emmerode hin , an dem Kirchhof und dem Stachelginster vorbei , bis an die Kirche , die schwarz ausgeschlagen war , und brannten alle Lichter , aber keine Gesangbuchsnummer an der Tafel und bloß die Orgel spielte – da war es dem Alten doch zuviel , und er hat ' s nicht lange mehr gemacht . Aber das sag ich euch , das war ein Mann , der hätte das nicht geduldet mit dem Kamm-Melcher und mit dem Katholischtun , und hatte für jeden ein Herz und eine Hand , und als mein Ehrentag war mit deiner Mutter , Martin , die nun auch drüben schläft und vor Gott bestehen wird , weil sie Gott im Herzen hatte , da war er noch frisch und gut bei Weg , und ich dachte : der wird achtzig . Und eben den Tag war es , da kam auch ein Flaschenkorb mit Wein herüber und ein Zettel dran , auf dem war zu lesen : › Für den Hochzeiter und Heidereiter ‹ , und darunter stand : › Auf gute Nachbarschaft . ‹ Ja , › Auf gute Nachbarschaft ‹ hatte der gute gnädige Herr geschrieben , und alles eigene Handschrift . Und von dem Wein ist dieser . Damals , an demselben Tage noch , hab ich den weißen Lack von der ersten Flasche geklopft und heute von dieser zweiten , und ich denke , Kinder , es soll nicht die letzte gewesen sein . « Und Baltzer Bocholt , der , als er so sprach , ohne Wissen und Wollen aufgestanden war , setzte sich jetzt wieder und strich sich ein Mal über das andere den vollen Bart ; denn es gefiel ihm wohl , was er gesagt hatte , und in der Eitelkeit seines Herzens und in dem frohen Blick in die Zukunft , den er sich gönnte , vergaß er zum ersten Male , trotzdem er doch von ihr gesprochen und ihrer in Ehren gedacht hatte , nach dem Sofa hinzusehen , über dessen hoher Lehne das nur handgroße Pastellbild seiner Seligen hing . Es rührte von einem Halberstädter Zeichenlehrer her , der in den Ferien alles abmalte , die Gegend und die Menschen , am liebsten aber die Brautpaare . Und es war damals kurz vor der Hochzeit gewesen . Ja , zum ersten Male heute hatte der Heidereiter nicht nach dem Bilde hinübergesehen ; aber er sprach noch vielerlei von Freud und Leid und von Gutem und Schlimmem und sprach zuletzt auch von der großen Kränkung seines Lebens , davon , daß ihm die Gräfin , als es doch Zeit gewesen , den » Titul « nicht gegeben habe . Denn ein Heidereiter sei doch eigentlich nur was Kleines und Geringes und eigentlich bloß dazu da , Bettel- und Weibsvolk , das sich Reisig sammelt , ins Prison oder Spinnhaus zu bringen . Und das sei nichts für einen alten Soldaten und einen » Richtigen aus dem Wald « , der seine Büchse hab und immer ins Blatt träfe , Mensch oder Tier . Aber das sei ' s eben , das hab ihn um die Reputation gebracht , daß er fester und flinker gewesen als der Maus-Bugisch , und das hab ihm die Gräfin nicht verziehen . Und er verbitterte sich wieder darüber und schloß endlich : » Aber das weiß ich , Kinder , lebte der noch , der mir diesen Wein ins Haus geschickt hat und mir immer ein gnädiger Herr war , da wär es alles anders und gäbe keinen Heidereiter mehr , und ich hätte den Titul . Und weiß es Gott , ich wollt ihm Ehre machen , und sollte keines Menschen Schad oder Schande sein . « Es hatte Hilden einen Stich gegeben , als des Maus-Bugisch und jenes unheimlichen Tages wieder Erwähnung geschehen war ; Martin aber fühlte wie der Vater und vergaß für den Augenblick wenigstens aller eigenen Kränkung und nickte und trank ihm zu . Und so vergingen Stunden , und als endlich der Heidereiter , des Sprechens müde , sich in den Stuhl zurückgelehnt und seinen Meerschaum angezündet hatte , rief er Hilden zu , daß sie was singen solle , was recht Hübsches und Trauriges , so was , wie sie letzten Geburtstag mit dem Martin zusammen gesungen habe : das » vom Junker von Falkenstein « . Oder auch was anderes . Und so sangen sie denn das Lied vom » eifersüchtigen Knaben « , und Baltzer hörte so fromm und andächtig zu , als ob es aus einem Gesangbuch gewesen wär , und blies dabei seine Wolken in die Luft . Und auch Grissel schien eine Weile lang ganz Ohr ; als aber die Strophe kam : Ich kann und mag nicht sitzen , Mag auch nicht lustig sein , Mein Herz ist mir betrübet , Feinslieb von wegen dein ... , da stand sie vom Tisch auf und ging in die Küche hinaus , erst , um wieder Ordnung zu machen , und danach auch , um ihren Staat vom Boden zu holen . Denn der nächste Tag war ein Sonntag , und sie versäumte nicht gern die Kirche ; so wollt es der Heidereiter , und so war sie ' s gewöhnt von Kindheit an . In der Stube mittlerweile reihte sich unablässig Vers an Vers , immer monotoner und immer trauriger , weil sich die Kinder zugeblinkt hatten , es ihm recht traurig zu machen ; und als gegen das Ende hin die Stelle kam : Was zog er ihr vom Finger ? Ein rotes Goldringlein ... , da sahen sie zu nicht geringer Freude , daß des Alten Kopf auf seiner linken Schulter ruhte . Wirklich , er war eingeschlafen , müde von der Fahrt und dem Wein , am müdesten aber von der Einförmigkeit ihres Gesanges ; und weil ihnen nichts ferner lag , als ihn wecken zu wollen , so schlichen sie sich fort und drückten so geräuschlos wie möglich die Tür ins Schloß . Auf der Diele draußen aber , um völlig sicherzugehen , taten sie noch ihre Schuhe von sich und tappten sich bis an die Treppe , wo sie , bevor sie hinaufstiegen , einen Augenblick stehenblieben und horchten und kicherten . Oben aber , gerade der Stelle gegenüber , wo die Treppe mündete , war ein Lattenverschlag , und hier saß Grissel all die Zeit über und nahm aus einer großen Truhe , deren Deckel hoch aufgeklappt war , ihren Sonntagsstaat heraus : Latz und Kopftuch und Rock und Mieder . Und sie schien ganz in ihren Staat vertieft . Als sie jedoch das Kichern unten hörte , blies sie das Licht aus und duckte sich bis an die Erde . Denn es war Mondschein , und der Schatten , der strichweise unter dem Dache hinlief , verdeckte sie nur halb . Und nun waren Martin und Hilde die Treppe hinauf und standen unter einer Luke , durch die von oben her ein breiter Lichtstreifen einfiel . Und hier war ' s , wo sie sich trennen und in ihre Giebelkammern nach rechts und links hin abbiegen mußten . Und sie trennten sich auch wirklich . In demselben Augenblick aber , wo Martin an seiner Tür hielt und eben schon die Klinke faßte , wandt er sich und rief mit gedämpfter Stimme zweimal über die Diele hin : » Gute Nacht ! « Und auch Hilde hatte sich gewandt , als ob sie ' s nicht anders erwartet habe , und wie vom selben Geiste getrieben , liefen beide wieder auf die Stelle zu , wo sie vorher gestanden , und umklammerten