Wirklichkeit nicht mehr als achtzig waren . Sie trugen sämtlich eine Uniform von braunen wollenen Kleidern nach ganz altmodischem Schnitt und lange , baumwollene Schürzen . Es war die Stunde , in welcher sie ihre Aufgaben für den morgenden Tag lernten und das Gesumme von Stimmen , welches ich zuerst vernommen , war das vereinigte Resultat ihrer geflüsterten Repetitionen . Miß Miller machte mir ein Zeichen , mich auf eine Bank nahe der Thür zu setzen ; dann ging sie an das obere Ende des großen Zimmers und rief mit sehr lauter Stimme : » Aufseherinnen , sammelt die Schulbücher zusammen und legt sie an ihren Platz ! « Augenblicklich erhoben sich vier große Mädchen von verschiedenen Tischen , nahmen die Bücher zusammen und legten sie fort . Von neuem ertönte Miß Millers tönendes Kommandowort : » Aufseherinnen , holt die Bretter mit dem Abendessen ! « Die großen Mädchen gingen hinaus und kehrten augenblicklich zurück . Jede trug ein großes Präsentierbrett mit Portionen von irgend welchem Essen – ich konnte nicht unterscheiden , was es war – und in der Mitte eines jeden solchen Brettes stand ein Krug mit Wasser und ein Becher . Die Portionen wurden umher gereicht , wer wollte , konnte auch einen Schluck Wasser trinken , der Becher war für alle gemeinsam bestimmt . Als die Reihe an mich kam , trank ich , denn ich war durstig ; die konsistentere Nahrung ließ ich unberührt . Aufregung und Ermüdung machten es mir unmöglich zu essen , indessen sah ich jetzt , daß es ein dünner Kuchen von Hafermehl war , der in Stücke geschnitten worden . Als die Mahlzeit vorüber war , las Miß Miller das Abendgebet vor , und die Klassen gingen in Reihen von zwei und zwei nach oben . Jetzt hatte die Müdigkeit mich vollständig überwältigt , ich bemerkte kaum , welche Art von Aufenthaltsort das Schlafzimmer eigentlich war ; ich sah nur , daß es ebenso lang war wie das Schulzimmer . Diese Nacht mußte ich das Bett mit Miß Miller teilen , sie half mir beim entkleiden . Als ich mich niederlegte , blickte ich auf die lange Reihe von Betten , von denen jedes schnell mit zwei Teilhabern sich füllte , nach zehn Minuten wurde das einzige Licht ausgelöscht . Stille und vollständige Dunkelheit herrschten ; ich schlief ein . Die Nacht verstrich schnell . Ich war sogar zu müde und abgespannt , um träumen zu können . Nur einmal erwachte ich und vernahm , wie der Wind in wütenden Stößen durch die Bäume brauste . Der Regen fiel in Strömen . Jetzt gewahrte ich auch , daß Miß Miller ihren Platz an meiner Seite eingenommen hatte . Als ich die Augen wieder öffnete , schlug der laute Ton einer Glocke an mein Ohr . Die Mädchen waren bereits aufgestanden und kleideten sich an ; der Tag war noch nicht angebrochen , und ein oder zwei Lichter brannten im Zimmer . Widerwillig erhob auch ich mich , es war bitter kalt , und ich kleidete mich an so gut wie ich es vor Kälte bebend vermochte . Als eine Waschschüssel frei geworden war , wusch ich mich . Allerdings mußte ich lange auf diese glückliche Fügung warten , denn auf den Waschtischen , welche durch die Mitte des Zimmers entlang standen , befand sich nur immer eine Schüssel für je sechs Mädchen . Wieder ertönte die Glocke . Alle traten wie am vorigen Abend zwei und zwei in die Kolonne , und in dieser Ordnung gingen sie die Treppe hinunter . Sie traten in das trübe erhellte und kalte Schulzimmer ; hier las Miß Miller das Morgengebet vor ; dann rief sie laut : » Bildet die Klassen ! « Hierauf folgte ein großer Tumult , der einige Minuten anhielt . Inzwischen rief Miß Miller zu wiederholten Malen : » Ruhe ! « und » Ordnung ! « Als diese endlich eingetreten , sah ich , daß alle sich in vier Halbkreisen vor vier Stühlen aufgestellt hatten , welche vor vier Tischen standen . Alle hielten Bücher in den Händen und ein großes Buch , einer Bibel ähnlich , lag auf jedem Tisch vor dem leeren Stuhl . Nun entstand eine minutenlange Pause , während welcher man nichts vernahm , als das leise Gemurmel von Zahlen . Miß Miller ging von Klasse zu Klasse und machte diese unbestimmten Laute verstummen . Aus der Ferne ertönte eine Glocke . Gleich darauf traten drei Damen ins Zimmer . Jede derselben ging an einen der Tische und nahm ihren Platz ein . Miß Miller nahm den vierten Stuhl , welcher der Thür am nächsten stand und um den die kleinsten Kinder sich versammelt hatten ; dieser letzten Klasse wurde auch ich zugewiesen und zwar als letzte in derselben . Jetzt begann die Arbeit . Die Kollekte des Tages wurde wiederholt , dann wurden mehre Texte aus der heiligen Schrift hergesagt , und endlich folgte das Lesen von Kapiteln aus der Bibel , welches eine ganze Stunde dauerte . Als wir mit dieser Übung zu Ende gelangt , war der Tag vollständig angebrochen . Die unermüdliche Glocke ertönte jetzt zum viertenmal . Die Klassen sammelten sich und marschierten in ein anderes Zimmer , wo das Frühstück eingenommen wurde . Wie froh war ich bei der Aussicht , jetzt endlich etwas zu essen zu bekommen . Der Hunger hatte mich beinahe schon krank gemacht , denn Tags zuvor hatte ich fast gar keine Nahrung zu mir genommen . Das Refektorium war ein großes , niedriges , düsteres Gemach . Auf zwei langen Tischen dampfte etwas Heißes in kleinen Näpfen , das indessen zu meiner größten Enttäuschung einen Geruch ausströmte , der nichts weniger als einladend war . Als der Dampf dieser Mahlzeit in die Geruchsorgane derjenigen drang , welche bestimmt waren , selbige zu vertilgen , bemerkte ich eine allgemeine Kundgebung der Unzufriedenheit . Aus dem Nachtrab der Prozession , den die großen Mädchen der ersten Klasse bildeten , hörte man die geflüsterten Worte : » Ekelhaft ! Der Haferbrei ist schon wieder angebrannt ! « » Ruhe ! « gebot eine Stimme . Es war nicht diejenige Miß Millers , sondern sie gehörte einer der Oberlehrerinnen , einer kleinen dunklen Person , die hübsch gekleidet war , hingegen sehr mürrisch und unangenehm aussah . Diese nahm an dem oberen Ende an einem der Tische Platz , während eine behäbigere Dame an dem anderen präsidierte . Umsonst hielt ich Umschau nach der Gestalt , welche ich am ersten Abend gesehen hatte , sie war nicht sichtbar . Miß Miller hatte am unteren Ende des Tisches Platz genommen , an welchem ich saß und eine seltsam fremdartig aussehende , ältliche Dame – die französische Lehrerin – wie ich später erfuhr – nahm denselben Platz am nächsten Tische ein . Ein langes Gebet wurde gesprochen , eine Hymne gesungen , dann brachte eine Dienerin den Thee für die Lehrerinnen herein und die Mahlzeit nahm ihren Anfang . Vollständig ausgehungert und ermattet verschlang ich mehrere Löffel voll von meiner Portion , ohne an den Geschmack zu denken ; als aber der erste , quälende Hunger gestillt war , bemerkte ich , daß ein übelriechendes Gemisch vor mir stand . Angebrannter Haferbrei ist beinahe ebenso abscheulich wie verfaulte Kartoffeln ; selbst die Hungersnot schreckt davor zurück . Die Löffel wurden ganz langsam in Bewegung gesetzt , ich sah , wie jedes Mädchen die ihr vorgesetzte Nahrung kostete und versuchte , sie hinunterzuschlucken , aber in den meisten Fällen wurden diese Bemühungen aufgegeben . Das Frühstück war vorüber und niemand hatte gefrühstückt . Wir sprachen das Dankgebet für etwas , was wir gar nicht bekommen hatten , und nachdem eine zweite Hymne abgesungen worden , leerte das Refektorium sich und wir begaben uns in das Schulzimmer . Ich war eine der letzten , die hinausging und als ich die Tische passierte , sah ich , wie eine der Lehrerinnen einen Napf mit Haferbrei nahm , um den Inhalt desselben zu kosten ; sie blickte die anderen an ; die sämtlichen Gesichter drückten Entrüstung aus , und eine der Damen , die behäbige , flüsterte : » Abscheulicher Mischmasch ! Das ist empörend ! « Eine Viertelstunde verging , bevor die Stunden wieder begannen . Während dieser Zeit herrschte in dem Schulzimmer ein glorreicher Aufstand ! In dieser Viertelstunde schien es nämlich erlaubt , frei und laut zu sprechen ; und die Mädchen machten den umfassendsten Gebrauch von diesem Privilegium . Die ganze Konversation drehte sich um das Frühstück , auf das eine und alle ungeniert schalten . Die armen Dinger ! Es war der einzige Trost , den sie hatten ! Außer Miß Miller war keine andere Lehrerin im Zimmer . Einige der erwachsenen Mädchen bildeten eine Gruppe um sie und sprachen mit ernsten , trotzigen Geberden . Ich hörte von einigen Lippen den Namen Mr. Brocklehursts . Miß Miller schüttelte mißbilligend den Kopf , aber sie machte keine großen Anstrengungen , um die allgemeine Wut und Empörung zu dämpfen ; ohne Zweifel teilte sie dieselbe . Eine Uhr im Schulzimmer schlug die neunte Stunde . Miß Miller verließ den Kreis , welcher sich um sie gebildet hatte , trat in die Mitte des Zimmers und rief mit lauter Stimme : » Ruhe ! Auf die Plätze ! « Die Disziplin trug den Sieg davon . Nach fünf Minuten war Ordnung in die wirre Menge gekommen , und verhältnismäßige Ruhe folgte auf die Sprachenverwirrung von Babel . Die Oberlehrerinnen nahmen jetzt pünktlich ihre Posten ein , und doch schienen alle noch auf irgend etwas zu warten . Auf den Bänken , welche sich an den Seiten des Zimmers entlang zogen , saßen achtzig Mädchen bewegungslos und kerzengerade ; eine seltsame Versammlung in der That – allen war das Haar glatt aus der Stirn gekämmt , nicht eine Locke war sichtbar – in ihren braunen Kleidern , die bis an den Hals reichten und oben mit einer schmalen Rüsche abschlossen – mit kleinen Taschen aus baumwollenem Stoffe , ( ungefähr so geformt wie die Säcke der Hochländer ) die an der Vorderseite des Kleides befestigt waren und den Zweck hatten als Arbeitstasche zu dienen – dazu die wollenen Strümpfe und die einfach gearbeiteten Schuhe , welche mit Messingschnallen befestigt waren – ja , in der That , eine seltsame Versammlung ! – Ungefähr zwanzig der auf diese Weise gekleideten Mädchen waren erwachsen oder eigentlich schon über die allererste Jugend hinaus ; das Kostüm kleidete sie schlecht und gab selbst der hübschesten unter ihnen ein sonderbar abstoßendes Aussehen . Ich betrachtete sie noch , und dann und wann auch die Lehrerinnen , von denen keine einzige mir besonders gefiel , denn die Behäbige hatte etwas gewöhnliches , die Dunkle sah sehr trotzig aus , die Fremde heftig und grotesk und Miß Miller , das arme Ding , sah blaurot und abgehärmt und überarbeitet aus – da plötzlich , als meine Blicke noch von einem Gesicht zum anderen wanderten , erhob die ganze Schule sich gleichzeitig und wie auf Kommando , als hätte eine einzige Sprungfeder sie alle in die Höhe geschnellt . Was war denn geschehen ? Ich hatte keinen Befehl vernommen – ich war ganz bestürzt . Bevor ich mich noch gesammelt und orientiert hatte , saßen die Klassen schon wieder . Da sich jetzt aber alle Blicke auf einen Punkt richteten , so folgten auch die meinen jener Richtung – und fielen auf die Dame , welche mich am vorhergehenden Abend empfangen hatte . Sie stand am Kamin , am unteren Ende des Zimmers , an jedem Ende desselben befand sich nämlich ein Kaminfeuer . Ernst und ruhig musterte sie die beiden Reihen der Mädchen . Miß Miller näherte sich ihr und schien eine Frage zu thun . Nachdem sie die Antwort erhalten , ging sie an ihren Platz zurück und sagte laut : » Aufseherin der ersten Klasse , gehen Sie und holen Sie den Globus . « Während diese Weisung befolgt wurde , ging die Dame , welche befragt worden war , langsam durch das Zimmer . Ich glaube , mein Organ der Ehrerbietung muß stark entwickelt sein , denn noch heute erinnere ich mich des Gefühls von staunender Bewunderung , mit welchem ich ihren Schritten folgte . Jetzt im hellen Tageslicht sah sie schlank , groß und stattlich aus . Braune Augen mit wohlwollendem , klarem Blick und fein gezeichnete Wimpern , welche sie umgaben , hoben die schneeige Weiße ihrer Stirn noch besonders hervor . Nach der Mode jener Zeit , wo weder glatte Scheitel , noch lange Schmachtlocken en vogue waren , trug sie ihr schönes , dunkelbraunes Haar in kurzen , dicken Locken an den Schläfen zusammengefaßt . Ihre Kleidung , ebenfalls nach der Mode des Tages , bestand aus dunkelviolettem Tuch mit einer Art von spanischem Besatz aus schwarzem Sammet . Eine goldene Uhr ( Uhren wurden in jenen Tagen noch nicht allgemein getragen ) hing an ihrem Gürtel . Um das Bild vollständig zu machen , muß der Leser sich noch feine , vornehme Züge hinzudenken , eine bleiche , aber klare Gesichtsfarbe , eine stattliche Haltung und Gestalt – und dann hat er , so deutlich wie Worte ihn zu geben vermögen , einen richtigen Begriff von dem Äußeren der Miß Temple – Maria Temple , wie ich später einmal in einem Gebetbuche las , welches mir anvertraut wurde , um es in die Kirche zu tragen . Die Oberin oder Vorsteherin von Lowood ( denn dieses Amt bekleidete die Dame ) nahm ihren Sitz vor einem Globus ein , der auf einem der Tische stand , rief die erste Klasse auf , sich um sie zu sammeln , und begann dann , eine Unterrichtsstunde in Geographie zu geben . Die niederen Klassen wurden von den Lehrerinnen aufgerufen : Repetitionen in der Weltgeschichte , Grammatik u. s. w. Dies dauerte eine Stunde . Dann folgte Arithmetik und Schreibunterricht , und Miß Temple gab einigen der größeren Mädchen Musikstunde . Die Dauer jeder Unterrichtsstunde wurde nach der Uhr bemessen . Endlich schlug es zwölf . Die Vorsteherin erhob sich : » Ich habe einige Worte an die Schülerinnen zu richten , « sagte sie . Der Tumult , welcher stets nach Beendigung der Schulstunden einzutreten pflegt , hatte sich bereits erhoben , aber er legte sich sofort beim Klange ihrer Stimme . Sie fuhr fort : » Ihr habt heute morgen ein Frühstück gehabt , welches ihr nicht essen konntet , ihr müßt hungrig sein – ich habe befohlen , daß für euch alle ein Gabelfrühstück von Brot und Käse aufgetragen wird . « Die Lehrerinnen richteten Blicke auf sie , welche das größte Erstaunen verrieten . » Es soll auf meine Verantwortung geschehen , « fügte sie hinzu , gewissermaßen in einem erklärenden Tone für die Damen ; gleich darauf verließ sie das Zimmer . Brot und Käse wurden alsbald hereingebracht und verteilt , zum größten Ergötzen und zur höchsten Befriedigung der ganzen Schule . Und nun erging die Ordre : » In den Garten ! « Jede Schülerin setzte einen groben , häßlichen Strohhut mit Bändern von buntem Kaliko auf und band einen Mantel von grauem Fries um . Ich wurde in gleicher Weise equipiert , und dem Strome folgend machte ich meinen Weg in die frische Luft hinaus . Der Garten war ein weiter Plan , der mit so hohen Mauern umgeben war , daß er jeden Blick in die Außenwelt unmöglich machte ; eine überdachte Veranda zog sich an der einen Seite entlang , und breite Kieswege umschlossen einen Mittelraum , der in unzählige , kleine Beete abgeteilt war . Diese Beete waren den Schülerinnen zum Bebauen und zur Pflege übergeben , und jedes Beet hatte eine Besitzerin . Ohne Zweifel waren sie sehr hübsch , wenn sie mit blühenden Blumen bedeckt waren , aber jetzt gegen Ende des Monats Januar boten sie dem Auge nur ein Bild der winterlichen Zerstörung und des traurigen Verfalls . Es durchschauerte mich , als ich so dastand und umherblickte . Der Tag war der Bewegung im Freien durchaus nicht günstig , es war kein ordentlicher Regen , der alles durchnäßte , sondern ein dicker , gelber , herabrieselnder Nebel . Der Boden unter unseren Füßen war durch den gestrigen Regen noch gänzlich durchweicht . Die kräftigeren unter den Mädchen liefen umher und belustigten sich mit fröhlichen Spielen : aber unter der Veranda stand eine ganze Schar bleicher , magerer Gestalten , die ängstlich zusammenkrochen , als suchten sie hier Schutz und Wärme . Oft ertönte aus ihrer Mitte , als der dichte Nebel ihnen fast bis auf die Haut drang , ein hohler , Böses verkündender Husten . Bis jetzt hatte ich noch mit niemand gesprochen und niemand schien mir sonderliche Beachtung zu schenken , ganz einsam stand ich da ; aber an dieses Gefühl der Vereinsamung war ich ja gewöhnt , es bedrückte mich nicht mehr als sonst . Ich lehnte mich gegen einen Pfeiler der Veranda , zog meinen grauen Mantel fest um mich zusammen und indem ich versuchte , die Kälte , die mich von außen schmerzte , und den unbefriedigten Hunger , der von innen an mir nagte , zu vergessen , gab ich mich ganz der Beschäftigung hin , zu beobachten und nachzudenken . Meine Reflexionen waren zu unbestimmt und zu fragmentarisch , als daß sie einer Erwähnung verdienten . Ich wußte noch kaum , wo ich mich eigentlich befand . Gateshead und mein bisheriges Leben schienen in einer unermeßlichen Ferne zu verschwinden , die Gegenwart war seltsam und vag und von der Zukunft wagte ich nicht , mir irgend ein Bild zu machen . Ich blickte in dem klösterlichen Garten umher , dann zum Hause hinauf . Es war ein großes Gebäude , dessen eine Hälfte grau und alt erschien , während die andere ganz neu war . Dieser neue Teil , welcher das Schulzimmer und den Schlafsaal enthielt , hatte vergitterte Bogenfenster , die ihm ein kirchenähnliches Aussehen gaben . Eine steinerne Tafel oberhalb der Thür trug die Inschrift : » Institut von Lowood . – Dieser Teil des Hauses wurde wieder erbaut an . dom . ... durch Naomi Brocklehurst von Brocklehurst-Hall in dieser Grafschaft . « » Lasset euer Licht leuchten vor den Leuten , daß sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen . « Ev . Matthäi , 16. Wieder und wieder las ich diese Worte . Ich fühlte , daß sie noch eine Erklärung haben mußten , und war außer stande , ihren ganzen Inhalt zu erfassen . Noch dachte ich über die Bedeutung des Wortes » Institut « nach und bemühte mich , einen Zusammenhang zwischen den ersten Worten und dem Bibelvers zu finden , als ein hohler Husten hinter mir mich veranlaßte , den Kopf zu wenden . Ich sah ein Mädchen auf einer nahen Steinbank sitzen , sie war über ein Buch gebeugt , dessen Inhalt sie vollständig zu fesseln schien . Von der Stelle aus , wo ich stand , konnte ich den Titel lesen – es war » Rasselas « , ein Name , der mich seltsam dünkte und mich infolgedessen fesselte . Als sie ein Blatt umwandte , blickte sie zufällig auf , und sogleich sagte ich : » Ist dein Buch interessant ? « Ich hatte bereits den Entschluß gefaßt , sie eines Tages zu bitten , daß sie es mir leihen möge . » Mir gefällt es , « sagte sie nach einer Pause von einigen Sekunden , während welcher sie mich angeblickt . » Wovon handelt es denn ? « fuhr ich fort . Noch weiß ich kaum , woher ich den Mut nahm , in dieser Weise eine Konversation mit einer gänzlich Unbekannten anzufangen , – es war so gänzlich meiner sonstigen Gewohnheit und meiner Natur entgegen , aber ich glaube , daß ihre Beschäftigung irgend eine sympathische Seite in mir berührt hatte , denn auch ich liebte die Lektüre , obgleich die meine stets kindisch und nichtssagend gewesen war ; die schwere und ernste konnte ich weder verstehen noch verdauen . » Du darfst es dir ansehen , « sagte das Mädchen und gab mir das Buch . Das that ich . Eine kurze Besichtigung überzeugte mich , daß der Inhalt weit weniger fesselnd war als der Titel . » Rasselas « schien meinem seichten Geschmack höchst langweilig ; ich fand nichts von Feen , von Genien , die eng gedruckten Seiten schienen keine fröhliche Abwechselung zu bieten . Ich gab ihr das Buch zurück . Sie nahm es ruhig und ohne ein weiteres Wort zu sprechen war sie im Begriff , sich ganz ihrer früheren Beschäftigung wieder hinzugeben , als ich noch einmal wagte , sie zu stören : » Kannst du mir sagen , was die Inschrift dort auf dem Stein über der Thür bedeutet ? Was ist » Institut von Lowood ? « » Es ist das Haus , in welchem du hier lebst . « » Und weshalb nennen sie es Institut ? Ist es denn in irgend einer Weise von anderen Schulen verschieden ? « » Es ist zum Teil eine Mildthätigkeits-Schule . Du und ich und alle übrigen sind Mildthätigkeits-Zöglinge . Ich vermute , daß du eine Waise bist ; ist nicht dein Vater oder deine Mutter tot ? « » Sie sind beide tot , schon lange , ich habe gar keine Erinnerung mehr an sie . « » Nun , all die Mädchen hier haben entweder Vater oder Mutter oder beide Eltern verloren , und man nennt dies ein Institut für die Erziehung von Waisen . « » Bezahlen wir denn kein Schulgeld ? Werden wir hier umsonst erhalten ? « » Wir oder unsere Verwandten bezahlen fünfzehn Pfund Sterling jährlich . « » Weshalb nennt man uns denn Mildthätigkeits-Kinder ? « » Weil fünfzehn Pfund nicht hinreichend sind für Kost und Schule – und das Fehlende wird durch Subskriptionen aufgebracht . « » Wer subskribiert denn ? » Verschiedene barmherzige Damen und Herren in dieser Gegend und in London . « » Wer war Naomi Brocklehurst ? « » Die Dame , welche den neuen Teil dieses Hauses gebaut hat , wie die Inschrift besagt , und deren Sohn hier alles überwacht und anordnet . « » Weshalb thut er das ? « » Weil er der Schatzmeister und Verwalter des ganzen Instituts ist . « » Dann gehört dieses Haus also nicht der großen , schlanken Dame , welche eine Uhr trägt , und die sagte , daß wir Brot und Käse bekommen sollten ? « » Miß Temple ? O nein ! Ich wollte , es gehörte ihr ! Sie ist Mr. Brocklehurst für alles , was sie thut , verantwortlich . Mr. Brocklehurst kauft alle Nahrungsmittel und alle Kleider für uns . « » Wohnt er hier ? « » Nein – zwei Meilen von hier , in einem großen , prächtigen Herrenhause . « » Ist er ein guter Mann ? « » Er ist ein Geistlicher , und man sagt , daß er sehr viel Gutes thut . « » Sagtest du , daß die schlanke Dame Miß Temple heißt ? « » Ja . « » Und wie heißen die anderen Lehrerinnen ? « » Die eine mit den roten Wangen heißt Miß Smith , sie muß auf die Handarbeiten achten und schneidet zu – denn wir nähen unsere eigene Wäsche , unsere Kleider und unsere Mäntel – kurzum alles ; die kleine mit dem schwarzen Haar heißt Miß Scatcherd , sie lehrt Geschichte und Grammatik und überhört die Repetitionen der zweiten Klasse ; die dritte , die ein Tuch trägt und das Taschentuch mit einem gelben Bande an der Seite festgebunden hat , ist Madame Pierrot , sie kommt aus Lisle in Frankreich und lehrt Französisch . « » Liebst du die Lehrerinnen ? « » O ja , so ziemlich . « » Liebst du auch die kleine Schwarze und die Madame – – – ? Ich kann ihren Namen nicht so gut aussprechen wie du . « » Miß Scatcherd ist heftig – du mußt dich hüten , sie ärgerlich zu machen . Madame Pierrot ist gerade keine böse Person . « » Aber Miß Temple ist die beste – nicht wahr ? « » Miß Temple ist sehr klug und sehr gut ; sie steht über all den anderen , weil sie viel mehr weiß , als sie . « » Bist du schon lange hier ? « » Zwei Jahre . « » Bist du eine Waise ? « » Meine Mutter ist tot . « » Fühlst du dich hier glücklich ? « » Du thust eigentlich zu viele Fragen . Für jetzt habe ich dir genug geantwortet . Jetzt will ich lesen . « In diesem Augenblick erklang die Glocke , die uns zum Mittagessen rief . Alle kehrten zurück in das Haus . Der Geruch , welcher jetzt das Refektorium füllte , war kaum appetitlicher als jener , welcher unsere Nasen beim Frühstück regaliert hatte . Das Mittagessen wurde in zwei unendlich großen Zinnschüsseln serviert , aus denen ein scharfer Dampf aufstieg , der stark an ranziges Fett erinnerte . Ich fand , daß dieses Gemengsel aus bedeutungslosen Kartoffeln und seltsamen Fetzen rötlichen Fleisches bestand , die untereinander gerührt und zusammen gekocht waren . Von dieser köstlichen Speise wurde jeder Schülerin eine ziemlich große Portion vorgesetzt . Ich aß so viel ich konnte und fragte mich still verwundert , ob die Kost der anderen Tage nicht besser sein würde als diese . Nach dem Mittagessen verfügten wir uns sofort in das Schulzimmer . Die Stunden begannen von neuem und dauerten bis fünf Uhr . Die einzig bemerkenswerte Begebenheit des Nachmittags bestand darin , daß ich sah , wie das Mädchen , mit dem ich in der Veranda gesprochen von Miß Scatcherd mit Schimpf und Schande aus der Weltgeschichtsstunde gejagt wurde und inmitten des großen Schulzimmers stehen mußte . Die Strafe schien mir im höchsten Grade entehrend , besonders für ein so großes Mädchen , das mehr als dreizehn Jahre zu zählen schien . Ich erwartete bei ihm Anzeichen von großer Scham und Verzweiflung zu sehen , aber zu meinem größten Erstaunen weinte sie weder noch errötete sie ; gefaßt , wenn auch ernst , stand sie da , aller Blicke waren auf sie gerichtet . » Wie kann sie das so ruhig – so gefaßt tragen ? « fragte ich mich . » Wenn ich an ihrer Stelle wäre , so würde ich doch gewiß wünschen , daß die Erde sich öffnen möchte , um mich zu verschlingen . Sie sieht aus , als dächte sie an etwas , das über ihre Strafe hinaus liegt – – über ihre ganze Lage , an etwas , das nicht um sie , nicht vor ihr ist . Ich habe von wachen Träumen gehört – träumt sie jetzt einen solchen Traum ? Ihre Augen sind auf den Boden geheftet , aber ich bin überzeugt , daß sie ihn nicht sehen – ihr Auge scheint nach innen gewendet , in ihr Herz gesenkt , sie sieht nur die Dinge , die in ihrer Erinnerung leben , nichts , was die Gegenwart ihr bringt . Ich möchte doch wissen , was für ein Mädchen sie ist – ob gut oder unartig . « Bald nach fünf Uhr Nachmittags hatten wir wieder eine Mahlzeit , die aus einem kleinen Becher Kaffee und einer halben Schnitte Schwarzbrot bestand . Ich verschlang mein Brot und trank meinen Kaffee mit wahrem Ergötzen . Aber ich wäre froh gewesen , wenn ich doppelt so viel gehabt hätte – ich war noch hungrig . Darauf folgte eine halbstündige Erholung , und dann begannen die Studien von neuem . Schließlich kam das Glas Wasser mit dem Stückchen Haferkuchen , das Gebet und das Schlafengehen . – Das war mein erster Tag in Lowood . Sechstes Kapitel Der nächste Tag begann wie der vorige . Wir standen beim Lampenlicht auf und kleideten uns an , aber an diesem Morgen mußten wir von der Zeremonie des Waschens dispensiert werden – das Wasser in den Wasserkrügen war gefroren . Am Abend vorher war eine Veränderung im Wetter eingetreten , und ein scharfer Nordostwind , der die ganze Nacht durch die Ritzen in unseren Schlafzimmerfenstern gepfiffen , hatte uns in unseren Betten vor Kälte beben und den Inhalt der Waschkrüge zu Eis gefrieren gemacht . Bevor die langen anderthalb Stunden des Gebets und des Bibellesens zu Ende waren , war ich nahe daran , vor Kälte ohnmächtig zu werden . Endlich kam die Frühstückszeit , und an diesem Morgen war der Haferbrei nicht angebrannt , die Qualität war eßbar , die Quantität ließ viel zu wünschen übrig . Wie klein erschien mir doch meine Portion ! Ich wünschte , sie wäre doppelt so groß gewesen . Im Laufe des Tages wurde ich der vierten Klasse als Schülerin eingereiht , und regelmäßige Aufgaben und Beschäftigungen wurden mir angewiesen ; bis jetzt war ich nur Zuschauerin bei den Vorgängen in Lowood gewesen , jetzt sollte ich eine der Mitspielenden werden . Da ich wenig daran gewöhnt gewesen , auswendig zu lernen , schienen die Aufgaben mir unendlich lang und schwer , auch der häufige Wechsel des Gegenstandes der Lektionen verwirrte mich ; ich war daher froh , als Miß Smith mir gegen 3 Uhr Nachmittags einen zwei Ellen langen Streifen weißen Mußlins samt Fingerhut und Schere gab und mir gebot , mich in einen stillen Winkel des Schulzimmers zu setzen , wo sie mir Anweisungen gab , wie ich säumen sollte . Um diese Zeit nähte auch die Mehrzahl der anderen Mädchen , nur eine Klasse war noch um Miß Scatcherds Stuhl gruppiert und mit Lesen beschäftigt . Da tiefe Stille herrschte , konnte man den Gegenstand des Unterrichts deutlich vernehmen und ebenso die Art und Weise , wie jedes Mädchen sich ihrer Aufgabe entledigte , oder Miß Scatcherd ihre Mißbilligung oder Anerkennung zu verstehen gab . Es war