, einen Wechsel zu fälschen ? ... Aber man versteht es ja auch ... Es hat etwas gegen sich , und man will nicht aus seiner Sphäre herausfallen . So steht es nun auch wieder im Fall Idiot - Balailoff . Henry hält es für unfair , sich direkt einzumischen , und will abwarten , bis der Idiot auf Grund der göttlichen Gerechtigkeit in seine eigene Grube fällt . Ich dagegen bin überzeugt , daß das gerade diesem Typus niemals passieren wird . Die Braut ist sehr vorsichtig geworden . Es hat den Anschein , als sei der Flirt zwischen den beiden ganz abgebrochen , sie begegnen sich nur noch mit kühler Höflichkeit . Aber es liegt auf der Hand , daß sie gegen uns intrigieren , denn Balailoff wird immer unliebenswürdiger . 14 Nun , inzwischen ist die Bombe geplatzt , und diesmal scheint Henry recht zu behalten , daß die gute Sache durch sich selbst siegen muß . Die Spannung wurde immer peinlicher und der Idiot immer anmaßender . So rang man sich schließlich zu dem Standpunkt durch : er oder wir . Wir beschlossen , den einzigen Trumpf auszuspielen , der uns zur Verfügung stand , und Balailoff auf die Eheschließung in England aufmerksam zu machen . Mochte er dann in Gottes Namen heiraten , wenn es uns nur gelang , den Schwarzen zu stürzen oder wenigstens zu diskreditieren . Henry bat also Balailoff um eine Unterredung , bei der Lukas und ich ebenfalls zugegen waren . Balailoff kam und war anfangs etwas reserviert . Als Henry ihm aber die Sache mit viel Beredsamkeit vortrug , dabei erwähnte , daß wir schon vor längerer Zeit in Gegenwart seines Sekretärs über einen ähnlichen Fall gesprochen hätten ... da wurde er sehr nachdenklich . Dann fragte er , warum wir ihn nicht eher darauf aufmerksam gemacht hätten ? Nun , man habe sich erst vergewissern wollen , ob es wirklich so einfach sei , und sich des näheren erkundigt - Henry nahm ein Bündel Briefe aus der Tasche , schwenkte sie bedeutungsvoll und steckte sie dann wieder ein . Inzwischen sei aber jener schwarze ... Herr aufgetaucht , und seit Balailoff ihm in solchem Maße sein Vertrauen geschenkt , fühle keiner von uns mehr den Wunsch , sich in seine Angelegenheiten einzumischen . Es sei das auch jetzt nicht unsere Absicht , wir wollten ihm nur die Frage vorlegen , ob die Beamtenbestechungen und anderen Manöver seines Sekretärs wohl Aussichten hätten , schneller zum Ziel zu führen . Der arme Balailoff - ich glaube , er ist im Grunde horndumm , aber jetzt schienen ihm doch einige Schuppen von den Augen zu fallen . Außerdem ging ihm plötzlich das Herz über , und er gestand , daß er dem Sekretär verschiedene Geldangelegenheiten übertragen habe , ohne sich weiter darum zu kümmern . Wenn der Mann , den er bisher dafür gehalten , am Ende doch nicht ganz zuverlässig sei - hier folgten einige russische Flüche , worauf er Henry bewegt umarmte , Lukas und mir die Hand schüttelte , uns alle für seine wahren Freunde erklärte und lebhaftes Verlangen nach Alkohol äußerte . So wurde nach langer Entfremdung der erneuerte xxxFreundschaftsbund , die Eheschließung in England und daneben auch wieder einmal die Petroleumaffäre begossen . Seit diesem bedeutungsschweren Abend ist er also wieder unser und eifrig dabei , seine Anordnungen für die Reise nach England zu treffen . Den Sekretär wollte er nicht Hals über Kopf entlassen , um alles Aufsehen zu vermeiden , läßt ihn aber durch einen Detektiv überwachen , und es scheinen da noch allerhand Schwindeleien in größerem Maßstab herauszukommen . Aber er hat ihn vorläufig in seinem Dienst behalten und verwendet ihn nur noch für unwesentliche Kommissionen . Der Idiot ist etwas konsterniert und weiß nicht recht , was er denken soll . Er schaut immer noch dumm genug drein , aber sein Gesicht hat doch etwas mehr Ausdruck bekommen , nämlich einen gespannten . Es ist beinah , als betrachte er uns mit einer Art schmerzlicher Ironie . Die Braut ist öfters wieder am Tisch , aber man wird nicht recht aus ihr klug , sie behandelt uns nach wie vor wie Luft . Wir gehen ihr möglichst aus dem Weg , sitzen wieder in tiefem Seelenfrieden auf der Terrasse und lassen die immer noch schwülen Tage an uns vorübergehen . Abends kommen unsere Freunde , sie haben jetzt auch Balailoff kennengelernt , der sich uns immer mehr anschließt und entzückt von ihnen ist . Schauspieler und Russen sind immer entzückt voneinander . Am zehnten August soll die Fahrt nach England angetreten werden . Er plagt uns , daß wir mitfahren sollen , als Trauzeugen . Aber wir mochten weder die geschäftlichen Dinge , noch unsere Privatinteressen im Stiche lassen , noch auch das Sanatorium , an dem wir wirklich mit Heimatliebe hängen . Andererseits ist ja noch zu erwägen , ob es nicht unzweckmäßig ist , ihn so ganz aus den Augen zu lassen ... Er schwört zwar , er käme wieder zurück . 15 Der Entschluß ist uns erspart geblieben , dafür hat es einen sogenannten Skandal gegeben . Nur schade , daß wir nicht soviel Spaß daran haben können wie die anderen Patienten , die ihn in vollen Zügen genießen . Balailoff war auf einige Tage fortgefahren und hatte die Braut mitnehmen wollen , aber sie drückte sich unter dem Vorwand , leidend zu sein . Am zweiten Morgen , nachdem er fort war , klopfte sein Diener , der uns immer das Frühstück heraufbringt , verzweifelt an sämtliche Türen . Wir waren spät aufgewesen , und niemand hatte Lust , sich schon zu ermuntern ; so rief man ihm von allen Seiten zu : er möge alles in den Korridor stellen und uns schlafen lassen . Aber er bestand darauf , irgend jemand persönlich zu sprechen . Wir beschieden ihn also mit sämtlichen Frühstücken in den gemeinsamen Salon und versammelten uns in rasch improvisierter Toilette . Das Klavier stand noch offen und überall Weingläser vom vorigen Abend , es war die richtige ungemütliche Morgenstimmung mit einigem Katzenjammer . Und nun erfuhren wir , daß die Braut über Nacht mit dem Herrn Idioten , wie der brave Iwan sich höflich ausdrückte , davongegangen war , unter Mitnahme alles beiderseitigen Gepäcks - also anscheinend , um nicht mehr wiederzukehren . Iwan , der seinem Herrn sehr ergeben ist , war ganz außer sich . Wir setzten gleich ein Telegramm an Balailoff auf und schickten ihn damit weg . Eine halbe Stunde später erschien der Professor , wollte wissen , was wir wüßten , und war ungemein aufgeregt . Glücklicherweise hatten wir in der Zwischenzeit aufräumen lassen und saßen ordentlich und zivilisiert jeder vor seinem Kaffee , nur Lukas hatte einen etwas sonderbaren Schlafrock an . Wir waren diesmal wirklich mehr als unschuldig , was er uns anfänglich nicht glauben wollte . Aber dann drehte Henry den Spieß um und erklärte , er habe Balailoff in diesem Punkt nie begriffen - und ebensowenig , daß man ein solches Subjekt so lange hier geduldet hätte . Dem Mann sei doch auf der Stirne geschrieben gewesen , daß er ein Schwindler war . In diese Ausführungen stimmten wir alle lebhaft ein . Jedoch wir haben nun einmal das Pech , auf diesen verbohrten alten Professor nicht überzeugend zu wirken . Er sah sich um , als ob die Niedertracht nur so auf Stühlen und Tischen herumläge , fragte dann , ob wir mit den Zimmern zufrieden wären ... es sei aber möglich , daß auch in diesem Flügel bauliche Veränderungen vorgenommen würden und wir noch einmal umziehen müßten . Auch Baumann bekam bei dieser Gelegenheit einige bissige Bemerkungen ; der Chef hat irgendwie erfahren , daß er psycho-analysiert , und das hat ihn sehr unangenehm berührt . Es darf jetzt wirklich nichts Auffallendes mehr passieren . Schließlich ging er dann wieder , und wir frühstückten nachdenklich weiter . Leider mußten wir einstimmig zugeben , daß der schwarze Idiot doch entschieden intelligenter gewesen war als wir alle zusammen . Eine deprimierende Einsicht , aber wer weiß , vielleicht kann gerade die Begebenheit noch zum Heil der Petroleumsache ausschlagen . Henry wenigstens meint , es komme nur darauf an , Balailoff jetzt richtig anzufassen . Aber Henry ist ein Illusionist ... Nun ja ... da war nicht viel richtig anzufassen . Balailoff kam auf unser Telegramm hin sofort zurück . Seine Wut war anfangs unbeschreiblich , und es blieb nichts anderes übrig , als ihn beständig unter Alkohol zu setzen , was Henry mit wahrem Löwenmut auf sich nahm . Gleichzeitig wurde nach allen Himmelsrichtungen recherchiert , und man brachte in Erfahrung , daß die Flüchtlinge sich nach England gewandt haben . Das hat ihn fast noch am meisten getroffen . Außerdem hat der Idiot es verstanden , ganz beträchtliche Summen auf Balailoffs Namen zu erheben und sie mitzunehmen . Sonst wäre es ja eigentlich nicht zu bedauern , daß die beiden spurlos verschwunden sind . Es ist viel gemütlicher ohne sie . 16 Ihr müßt nicht so neugierig sein und nicht so ungeduldig , Maria . Nehmt Euch doch endlich ein Beispiel an der christlichen Ergebung , mit der ich selbst die Entwicklung der Dinge abwarte . Versteht man es nicht , mit Ausdauer und Beharrlichkeit gute Miene zum bösen Spiel zu machen , so wird man nervös . Diese schwere Kunst habe ich nun allmählich mit vieler Mühe üben gelernt , und Ihr dürft mich nicht immer darin stören . Die Feste feiern , wie sie fallen ... das Petroleumfest , das zu so schönen Erwartungen berechtigte , ist gründlich ins Wasser gefallen , und zwar gerade in dem Moment , wo man dachte , es nun ungestört feiern zu können . Der schwarze Idiot soll so ungeheuerliche Summen defraudiert haben , daß Balailoff rundweg erklärte , er müsse sein Kapital zurückziehen und seine Ländereien verkaufen . Vergebens suchte Henry ihn zu überzeugen , er könne sich durch dieses Unternehmen am besten wieder rangieren und die Sache sei schon so weit gediehen , daß er auch im Interesse der übrigen Beteiligten nicht mehr zurücktreten dürfe . Vergebens suchten wir ihn aufzuheitern , indem wir allabendlich unsere Freunde aus der Stadt versammelten - manchmal hatten wir fast die ganze Truppe da und saßen auf Kohlen , daß der Spektakel sämtliche Patienten aufwecken möchte . Balailoff betrank sich nur , und war er wieder nüchtern , so beteuerte er immer wieder , durch die Geschichte mit seinem Sekretär habe er den Glauben an die Menschheit verloren und wolle von nichts mehr wissen , weder von Braut noch von Petroleum . Es war nichts dabei zu machen . Henry und er haben sich schließlich endgültig überworfen . Dann beschwerte er sich bei dem Professor , daß er es nicht fertig gebracht habe , ihm das Trinken abzugewöhnen - an all seinem Unglück sei nur der Alkohol schuld . Daraufhin kamen sich die beiden auch noch in die Haare , und Balailoff hat unter Protest das Sanatorium verlassen . Lukas meint , wir hätten es von Anfang an falsch gemacht , indem wir seiner Neigung zum Trunk Vorschub leisteten . Man hätte ihn ruhig dem Professor überlassen und nur in nüchternem Zustande mit ihm verhandeln sollen . Vielleicht wäre dann so etwas wie ein Kontrakt zustande gekommen , auf dem man jetzt fußen könnte . Baumann dagegen hält es für ein schweres Versäumnis , daß er ihn nicht analysiert hat . Auf diesem Wege wäre es sicher möglich gewesen , ihn von seinem Heiratskomplex zu heilen und die ganze Geschichte mit dem schwarzen Idioten zu vermeiden . Henry beteiligte sich nur wenig an diesen nützlichen und erbaulichen Diskussionen . Er ist nachdenklich , aber durchaus nicht niedergebeugt durch den neuen Fehlschlag . » Vielleicht ist es besser so « , sagte er mit voller Überzeugung ... » man zersplittert sich so leicht , wenn man zuviel um die Ohren hat . Ich müßte jetzt abwechselnd nach Südafrika , Rußland und Norwegen fahren , wo wir demnächst ... « » Schon wieder ein neues Projekt ? « fragte Lukas entsetzt . » Bei dem sich in wenigen Jahren ein Bombengeld verdienen läßt , aber darüber reden wir ein anderes Mal ... « » Ja , bitte « , murmelte Lukas mit schwacher Stimme . Nach all diesen Aufregungen sind wir etwas marode , und es hat eine Art Sinn bekommen , daß wir in einer Nervenanstalt sind . Darüber wird es nun allmählich Herbst , die Schauspieler sind fort ... es war halt nur ein Sommertheater . So sind auch die Feste im Separatflügel eingeschlafen und wir stille Patienten geworden , ein wenig abgespannt , ein wenig reizbar , also gerade , wie es sich gehört ? Der Professor behandelt uns wieder auf unsere Nerven hin , Baumann behandelt unsere Komplexe . Henry und ich sind uns längst klar darüber , daß es völlig zwecklos ist , denn der beiderseitige Geldkomplex steigert sich seit Balailoffs Verschwinden bedenklich . Wird mir hier oben die Welt zu eng , so flüchte ich zu ihm ins Bureau . Er sitzt am Schreibtisch , rechnet , rechnet , macht Überschläge und murmelt Zahlen , ich sehe die Sanatoriumsrechnungen durch , die immer mehr anwachsen , und Lukas sitzt resigniert dabei . » Keine Nachricht von Ihrem Herrn Gemahl ? « » Gemahl ? ... nein ... ja doch , er wird nächstens hier eintreffen . « Ich bin zu sehr in die Rechnungen vertieft und kann mich nicht gleich besinnen . » Sie sollten sich aber doch daran gewöhnen , den betreffenden Herrn mit seinem rechtmäßigen Titel zu bezeichnen . Oder gedenken Sie ihn hier schlechthin als Miterben einzuführen ? « - » Keine Ahnung , wie ich das machen soll . Daß wir verheiratet sind , glaubt ja doch niemand . Wir nennen uns Sie , und ich weiß von seinem Leben so wenig wie er von meinem . Es möchte sich doch sonderbar ausnehmen , wenn wir uns bei jeder Gelegenheit erst gegenseitig darüber aufklären müssen . « » Führen Sie ihn als Ihren Vetter ein . « Ich fand den Vorschlag ganz gut , aber Henry war übler Laune und warf mir vor , ich wollte immer nur Films veranstalten , und diese ganze Heirat sei schon Film genug . Sehr mit Unrecht , denn was kann ich dafür ? Du weißt ja ungefähr , wie die Sache war ... Er wollte heiraten , weil er fürchtete , sonst enterbt zu werden , und setzte die Hälfte seines Erbes als Preis dafür aus . Ich saß gerade in Paris und wußte nicht recht , was ich tun sollte , als gemeinsame Bekannte mir den Fall unterbreiteten und ziemlich hohe Ziffern dabei spielen ließen . Lebhaft erinnere ich mich , wie man in einem kleinen Montmartre-Café saß und beriet : soll sie es tun ? ... soll sie es nicht tun ? ... Ich selbst wurde eigentlich kaum um meine Ansicht gefragt . Aber ich gab dann schriftlich mein Jawort und fuhr dorthin , wo mein zukünftiger Eheherr sich aufhielt . Man hatte ihn mir als degenerierten Baron geschildert , und auch das lockte mich . Aber er sah aus wie ein Seeräuber in Zivil , und seine Degeneriertheit bestand nur darin , daß er trank . Die Familie verhielt sich etwas skeptisch und wollte vor allem wissen , ob ich Vermögen hätte . Nein , aber später eines zu erwarten , was ja im Falle unserer Heirat auch der Wahrheit entsprach ... Alles Weitere entwickelte sich dann merkwürdig günstig , die unwahrscheinlichsten Umstände kamen mir zu Hilfe , so daß ich kurze Zeit hindurch selbst in den Augen seines Vaters - eben des alten Herrn , der jetzt das Zeitliche gesegnet hat - mit Glück die Rolle des guten Engels spielte . An diesen Glanzpunkt meiner Laufbahn denke ich immer noch mit Wehmut zurück und muß mir selbst alle Anerkennung zubilligen , denn weder andere noch ich hätten das jemals für möglich gehalten . Es dauerte denn auch nicht lange - eben , bis es gar zu auffallend wurde , daß wir keinen gemeinsamen Haushalt gründeten , daß unsere beiderseitigen Niederlassungen sich vielmehr an entgegengesetzten Endpunkten des In-oder Auslandes befanden und , falls es gelegentlich in Frage kam , keiner über den Aufenthalt oder die Schicksale des anderen auf dem laufenden war . Schließlich kam dann auch noch die Geschichte mit dem Kontrakt auf ... Das alles mußte ich Lukas noch einmal eingehend schildern , wie auch die Persönlichkeit meines Gatten und Miterben . Wir einigten uns dann dahin , ihn doch lieber in der Stadt wohnen zu lassen . Der Professor hat sicher vorläufig genug von Alkoholikern , und soweit ich diesen kenne , ist er von ungemein aufrichtigem Charakter und wäre nicht imstande , den Wunsch nach einer Entziehungs- oder anderen Kur auch nur vorzutäuschen . 17 Habe ich wirklich einen ganzen Monat nicht geschrieben ? Was soll ich denn auch schreiben - immer wieder dasselbe : es ist noch nicht da , ich warte . Tröste Dich damit , daß ich meine sämtlichen Korrespondenzen schon lange so gut wie abgebrochen habe . Niemand wußte mehr den Ton anzuschlagen , den ich vertragen konnte . Die einen wollten mich mit dieser Erbschaft , die niemals kommt , aufziehen und schienen zu meinen , daß das Ganze nur ein Witz sei . Andere gratulierten mir zu dem unverdienten Glück , das mir so mühelos in den Schoß gefallen wäre . Wenn ich nur das nicht mehr hören soll . Es begreift wohl niemand , was für eine ungeheuerliche Leistung dieses Warten bedeutet , und niemand hat auch nur eine Ahnung , was für Leiden ein Geldkomplex mit sich bringt . Seit etwa zwei Wochen beginnt es allmählich zu tagen . Es hat wenigstens den Anschein - ich will mich lieber noch vorsichtig ausdrücken . Der Miterbe ist wohlbehalten hier eingetroffen - ich betone das wohlbehalten , denn wie leicht hätte ihm bei der langen Reise etwas zustoßen können . Bei den verschiedenen Zwangsvorstellungen , die mich plagen , kam es mir äußerst wahrscheinlich vor . Er hat mir nun weitläufig erklärt , was alles noch geschehen müsse , bis es an die hiesige Bank überwiesen wird . Die erste Frau hat sich mit einer mäßigen Summe abfinden lassen und die Beschlagnahme zurückgezogen . Im übrigen war er anfangs etwas verstimmt gegen mich . Es scheint aus hinterlassenen Briefen hervorzugehen , daß er auch ohne Heirat hätte Universalerbe werden können und ohne den verhängnisvollen Kontrakt jedenfalls nicht wäre gepflichtteilt worden . Er fühlt sich nachträglich wieder solidarisch mit dem toten Vater und hätte jetzt lieber mit ihm gegen mich intrigiert , wie er vorher mit mir gegen ihn intrigierte . Wenigstens glaubt Baumann seine Gefühle für mich in dieser Richtung auslegen zu dürfen . Natürlich ist es aber jetzt zu spät , und in Anbetracht dessen entwickelt sich eine durchaus friedliche Beziehung zwischen uns . Ich finde ihn sogar in seiner ganzen Art ganz sympathisch , ein wenig Balailoff der Zweite , nur wirkt er noch russischer , obwohl er kein Russe ist und nur die Stammgüter seiner Familie in Finnland liegen . Balailoff war nur spleenig und trank , ohne daß es ihm oder anderen Freude schuf . Dieser trinkt auch , aber seine Räusche sind produktiver , und er weiß sie glückhafter auszugestalten . Er wohnt im Hotel drunten am Marktplatz , hat , da die Ankunft des Pflichtteils jetzt auch dem Laien außer Frage steht , unbeschränkten Kredit , hält sich ein Mietauto , mit dem er den ganzen Tag herumsaust , und läßt abends eine italienische Musikbande kommen , die ihm bis nach Mitternacht vorspielen muß . Ferner kauft er sich alle möglichen Schießgewehre - er braucht die nicht , denn er ist kein Jäger , aber sie machen ihm Vergnügen , ebenso wie seine Tiere , drei Bernhardiner und ein Wolfshund . Tagelang ist er mit dem Auto unterwegs gewesen , bis er diese Meute zusammengebracht hat . Die Bernhardiner sitzen oder liegen dekorativ vor dem Hotel herum und verursachten anfangs Volksaufläufe , da man hier noch nie dergleichen Tiere gesehen hatte . Der Wolfshund dagegen zeichnet sich durch unbändiges Temperament aus und richtet allnächtlich ein Hotelzimmer zugrunde , er zerreißt die Betten , beißt die elektrischen Drähte ab und ähnliches . Aber mein rauher Gatte lacht sich vor Vergnügen halbtot , wenn man ihm die Rechnung dafür präsentiert , und fordert alle auf , das Benehmen dieses Teufelskerls zu bewundern . Um ihn nicht zu kränken , stimme ich aus vollem Herzen bei - solange er ihn nicht ins Sanatorium bringt . Der Hotelbesitzer ist ebenfalls Feuer und Flamme für das Tier wie für seinen Herrn , weil er auf diese Weise sämtliche Zimmer neu hergerichtet bekommt . Man weiß natürlich in der Stadt , daß wir verheiratet sind und daß große finanzielle Ereignisse uns umwittern . Da hier sonst wenig Sensationelles passiert , sind wir mythische Persönlichkeiten und ungeheuer populär . Allzu oft lasse ich mich zwar nicht blicken , aber es kommt doch manchmal vor , daß ich an der Seite meines Gemahls mich dem erstaunten Volk zeige . Mit den anderen habe ich ihn nicht erst bekannt gemacht , er paßt nicht zu ihnen und ist ausgesprochen menschenscheu . Er ist überhaupt sehr merkwürdig und spricht wenig . Was andere sagen , pflegt er zu überhören und reagiert nur selten darauf . Will ich also etwas von ihm wissen - er zitiert mich manchmal zu einer wichtigen Besprechung - , so heißt es ruhig dasitzen und abwarten , bis er davon anfängt . Er läßt Wein bringen , die Musikanten warten immer schon an der nächsten Straßenecke , bis man sie herbeiwinkt . Dann stehen sie auf der Piazza vor dem Hotel und spielen , er wirft ihnen Geld zu und läßt ihnen zu trinken geben . Ich spende ihnen hier und da ein huldvolles Lächeln und warte darauf , daß er mit der Besprechung beginnen wird . Irgendwann kommt denn auch der Moment , wo er sich daran erinnert und mit der Hand unter seine Lederjacke fährt - er hat einen merkwürdigen Kleidungskomplex , denn ich habe ihn noch nie in einem anderen Kostüm gesehen als : Schaftstiefel , Kniehosen und lederne Jacke - er sucht eine Zeitlang , fördert ein arg zerknittertes Schreiben oder Aktenstück zutage und teilt mir das Wissenswerte daraus mit . Das Wissenswerte ist immer nur eine neue Verzögerung oder Schwierigkeit . Ich äußere meine Besorgnis , daß immer noch und immer noch ... Er hört kaum darauf hin und sagt mit gewaltiger Stimme : » Ich verstehe den Krempel ja auch nicht ... ich verstehe überhaupt nichts von Geldgeschichten ... aber seien Sie nur ruhig , gnädige Frau , es wird schon alles gut werden . « Dann vertieft er sich wieder in die Vorzüge seiner Hunde , fragt mich , ob die Leute gut spielen , zeigt mir einen neuen Revolver , den er für besser hält als den vorigen , trinkt ein Glas nach dem anderen , und man hat den Eindruck , als ob er sich recht glücklich fühle . Selten , selten gelingt es mir , ihn etwas redseliger zu machen - ich bin jetzt auch selbst so konstelliert , meine Gedanken kreisen wieder einmal wie in einem monotonen , betäubenden Wirbel immer um dasselbe : wann kommt das Geld ? So ist dieser Mann zweifellos die gegebene Gesellschaft für mich . Aber wie gesagt , es kommt auch vor , daß er ein wenig mehr auftaut , Fragmente von sich selbst erzählt oder fragmentarische Ansichten über Menschen und Dinge äußert . Die über Menschen sind kurz und bündig . Von Männern läßt er nur den Typus Teufelskerl gelten , der ungeheuer trinken , spielen oder sonst etwas kann . Die anderen interessieren ihn nicht . Findet er einen solchen , so bewundert und protegiert er ihn , stopft ihm die Taschen voll Geld , sofern er selber welches hat usw. Er selbst ist in seiner Jugend von der Schule durchgebrannt , um Matrose zu werden , und späterhin jahrelang Goldgräber gewesen . Sobald das Pflichtteil da ist , will er in den Ural gehen und wieder graben . Aber vor allem müsse man dazu Geld in der Tasche haben , sonst käme nichts dabei heraus . Ob ich ihn nicht doch mit Henry bekannt mache ... Und in dieser Umgebung unter Matrosen und Goldgräbern habe er Teufelskerle kennengelernt ! ... Ob er sich selbst als vollgültigen Teufelskerl ansieht , ist mir nicht ganz klar , jedenfalls ist es sein heimlicher Ehrgeiz , und er ist vielleicht nur zu bescheiden , sich den Titel beizulegen . Die Frauen verachtet er ziemlich gründlich , zum Teil ist wohl seine erste Ehe daran schuld . Denn als ich einmal flüchtig jene Frau erwähnte , gab es eine lange Pause . Mindestens dreiviertel Stunden trank er schweigend weiter und sagte dann plötzlich voll ingrimmiger Überzeugung : » Die Weiber sind alle Halunken . « Ich hatte längst vergessen , wovon die Rede war , und sah ihn wohl etwas erstaunt an , denn er setzte milder hinzu : » Nein , Sie meine ich nicht , gnädige Frau . « Damit war die Konversation für diesen Tag beendigt . Ich glaube , es war eines der größten Komplimente , die mir jemals gemacht wurden , und weiß es auch vollkommen zu würdigen , wie überhaupt diese Flitterwochen nicht ohne Stimmung sind . Meine Bekannten im Sanatorium haben ihre Freude daran und kommen manchmal zur Stadt , um sich die Sache aus der Ferne anzusehen . Nur der Professor glaubt immer noch nicht , daß ich mit diesem Mann , der soviel von sich reden macht und anscheinend über beträchtliche Mittel verfügt , verheiratet bin . Sonst hätte er ihm als meinem Arzt doch längst einen Besuch gemacht und könnte ebenso gut meine Rechnung zahlen wie Auto fahren und sich eine Meute halten . Diese und andere gehässige Bemerkungen sind mir von einer Patientin hinterbracht worden und geben mir wieder einmal zu denken . - Herr , wie lange noch ? - Ich mag auch keine Briefe mehr abschicken , wahrscheinlich ist das eine Art Neurose . Henry hat etwas Ähnliches - er kann sich nicht entschließen , Briefe aufzumachen , weil er die Zwangsvorstellung hat , es möchte etwas Unangenehmes darin stehen . Es ist momentan wirtschaftliche Krisis bei ihm , er wartet auf eine wichtige Nachricht , die alles mit einem Schlage ändern soll , und ehe die nicht da ist , rührt er kein Schriftstück mehr an . Auf seinem Schreibtisch ist ein Extrafach , wo die uneröffneten Korrespondenzen hineinkommen . Es sind Briefe aus allen Weltgegenden darunter , auch eingeschriebene und Eilbriefe . Manchmal vergißt er es und schimpft , daß man von dieser oder jener Sache gar nichts mehr hört . » Aber es ist seit drei Wochen ein eingeschriebener Brief da , mach ihn doch endlich auf . « » .... Nein , das kann ich nicht . « Hier und da sitzen wir vor diesen Briefen , betrachten sie und malen uns aus , was wohl darin stehen mag . Soll man sie öffnen ? Soll man sie liegenlassen ? Und wie lange ? Sollen wir den Moment bestimmen oder abwarten , bis er sich von selbst ergibt ? Ich glaube , wir sind im Grunde überzeugt , daß sie durch das Lagern besser werden , und daß Nachrichten , die bei voreiligem Öffnen noch ungünstig lauten würden , sich vielleicht mit der Zeit in eine gute verwandeln . Das wagt aber natürlich keiner dem anderen einzugestehen . Drei sind da von Gottfried , und die lasten uns beiden auf dem Gemüt . Wir wollen sie aufmachen , sobald es da ist . Eher können wir ihm doch nicht helfen , und es würde uns nur unnötig das Herz zerreißen , zu wissen , daß es ihm schlecht geht . Früher war es immer Lukas , der den Kopf schüttelte und Blicke gen Himmel warf , jetzt schüttelt auch Baumann . Er hält uns allmählich für schwere Fälle , vor denen die Wissenschaft , wie er sich ausdrückt , einstweilen haltmachen muß . Das heißt , er hat es aufgegeben , uns in dem gegenwärtigen Stadium weiter zu behandeln , und wir sind todfroh darüber . Von Komplexen , Analyse und vor allem Geld darf nach stillschweigendem Einkommen überhaupt nicht mehr gesprochen werden . Seitdem herrscht eine präokkupierte Grabesstille an unserer Tafelrunde , und es gibt nichts mehr , worüber wir uns unterhalten könnten . Soll ich nun abschicken oder nicht ? Warten bis - nein , ich bringe es nicht mehr über die Lippen und nicht mehr aus der Feder , dieses fürchterliche bis - und wenn ich darauf warte , dauert es vielleicht noch länger . 18 Es ist da , Maria - das heißt noch nicht ganz , aber so gut wie . Letzten Mittwoch fing es an . Der Miterbe war plötzlich wie vom Erdboden verschwunden oder ließ sich verleugnen . Man brachte nur in Erfahrung , daß er den ganzen Tag mit Auto und Hunden unterwegs war , in den verschiedensten Ortschaften der Umgegend Teufelskerle um sich versammelte und bewirtete und abends bei seiner Rückkehr nicht mehr vernehmungsfähig sei . Wir schlossen darauf mit gutem Grund , daß das Pflichtteil nähergerückt oder etwas Verhängnisvolles damit passiert sein müsse . Denn er pflegt sowohl freudige wie trübe Erregungen auf diese Weise auszuleben , und man muß solche Zustände vorübergehen lassen , ehe man sich wieder ins Einvernehmen mit ihm setzt . Schließlich erschien er dann eines Morgens in eigener Person hier oben , was noch nie vorgekommen war . Den Wolfshund hatte er an der Leine , aber der riß sich los , rannte verschiedene Patienten fast über den Haufen und verursachte eine Panik . Der Professor kam aus seinem Sprechzimmer , um zu sehen