zugestimmt . Herr Carovius legte sich auf die Lauer . Er spähte in den Gesichtern der neuen Mieter und forschte nach ihrem Umgang . Er wußte , wann sie abends das Licht auslöschten und am Morgen die Fenster öffneten . Er wußte , wieviel Teppiche sie besaßen , wieviel Fleisch sie verzehrten , wieviel Kohle sie verbrauchten , wieviel Briefe sie bekamen , welche Spaziergänge sie bevorzugten , welche Personen sie grüßten und von welchen sie gegrüßt wurden . Zum Überfluß verschaffte er sich alle Schriften , die von Friedrich Benda im Buchhandel erschienen waren und las im Schweiße seines Angesichts die schwierigen wissenschaftlichen Untersuchungen . Er ärgerte sich , daß ihm das Urteil darüber fehlte , und hätte jeden umarmt , der ihm gesagt hätte , es seien nichtswürdige Machwerke . Als er einmal im Frühjahr um die Dämmerstunde in den Hof ging , um dem Hunde Cäsar Futter zu reichen , gewahrte er , emporblickend , seine Schwester Margaret oben auf der Galerie . Sie sah ihn nicht , sie blickte ebenfalls empor , denn auf der Galerie im zweiten Stock , schräg ihr gegenüber , stand Friedrich Benda und erwiderte stumm ein stummes Zeichen , das sie ihm gemacht . Dann schauten sie einander bloß an , bis Margaret endlich ihren Bruder bemerkte und lautlos hinter der grünverhangenen Glastür verschwand . Oho , dachte Herr Carovius , da geht etwas vor . Eine wohltätige Aufregung durchrieselte seine Adern . Von nun an mied er den Hof . Aber er saß stundenlang jeden Tag in einer Kammer , von wo er durch einen Spalt zwischen den Gardinen die Fenster und Galerien genau beobachten konnte . Er entdeckte , daß vom ersten in den zweiten Stock durch die veränderten Stellungen eines Blumentopfes auf dem Geländer bestimmte Signale gegeben und daß die Signale erwidert wurden , indem oben ein gelbes Tuch bald an einem Längs- , bald an einem Querbalken flatterte . Bisweilen trat Margaret scheu hervor und sandte einen Blick in die Höhe , bisweilen kam Benda , blieb an der Brüstung stehen und verlor sich in anscheinend trübe Gedanken . Beide zusammen ertappte Herr Carovius nur noch ein einziges Mal ; er riß den Fensterflügel auf und steckte das Ohr in die Öffnung , aber da wurde in einem Nachbarhof eine Kiste zugehämmert , und infolge des Lärms konnte er nicht verstehen , was sie sagten . Seit jenem Tag hatten sie einander keine Signale mehr gegeben und sich auf den Galerien nicht mehr gezeigt . Herr Carovius rieb sich die Hände bei dem Gedanken , daß der majestätische Andreas Döderlein am Ende gar Hörner aufgesetzt bekäme ; aber seine Freude verringerte sich durch die Vorstellung , daß zwei andere Personen aus diesem Unternehmen einen Gewinn zogen . Dies durfte nicht sein , dem mußte gesteuert werden . So stand er manchmal am Abend in dem schmalen Flur vor seinen Stuben , der Schlafrock hing ihm faltenreich um den dürren Leib , und die brennende Kerze tragend , lauschte er in die Stille des Hauses . Auch kam es vor , daß er spät in der Nacht mit einer Blendlaterne Schritt um Schritt die Treppen hinaufging und lauschte , gierig lauschte . Es war etwas in der Luft , das ihm Kunde zutrug von geheimen und schändlichen Beziehungen . Trug es ihm auch Kunde zu von der Verdunkelung in Margarets Geist und Gemüt ? Von ihrer Gewissensangst und dem wachsenden Wahn ihres geschreckten und für immer gebrochenen Herzens ? Später erfuhr er von Ausbrüchen törichter Angst um das Leben des Kindes ; daß sie das Kind nicht mehr von ihrer Seite lassen wollte ; daß ihr die natürliche Körperwärme als eine fieberhafte Verfassung erschienen war und daß sie jeden Morgen an Dorotheas Bett gejammert , das Mädchen auf den Arm gehoben , den Puls befühlt , den Körper in Decken gehüllt hatte und Nacht für Nacht wachend und betend neben der ruhig Schlummernden gesessen war . So erzählte später die Magd . Eines Tages kam Herr Carovius nach Hause und sah einen Krankenwagen und gaffende Menschen vor dem Tor . Da ging er die Stiege hinauf und hörte ein dumpfes Wimmern . Margaret wurde von zwei Männern aus der Wohnung geschleppt und Andreas Döderlein schritt mit anklagendem Gesicht hinterher . Die Zimmertür war offen , drinnen lagen Scherben von Gläsern und Geschirr , und mitten in den Scherben saß Dorothea , die Lippen zum Weinen verzogen , die Stirn mit einem Tuch umbunden . Die Magd stand händeringend auf der Schwelle , und auf einer Treppenstufe zum zweiten Stock stand bleich und verstört Friedrich Benda . Margaret wehrte sich nur noch schwach ; ihre Augen flohen zurück und suchten das Kind . Herr Carovius vergrub die Hände in den Taschen seines Mantels und folgte der traurigen Karawane bis auf die Straße . Das arme Weib wurde in die Irrenanstalt nach Erlangen gebracht . Herr Carovius sagte sich , daß hier Schuldige sein mußten , und schwor , daß er die Schuldigen zur Rechenschaft ziehen wolle . Nicht aus Schmerz , nicht aus Bruderliebe , sondern aus Haß gegen eine bewegte Welt , in deren Mitte er zur Unbeweglichkeit verdammt war . 5 Von Döderleins Magd war wenig zu erfahren und die Bemühung , aus der kleinen Dorothea etwas herauszuholen , war ebenfalls fruchtlos . Dorothea war immer mit sich selbst beschäftigt , mit ihrem Putz , mit ihren Spielen , mit ihren kleinen Erlebnissen , und sie hörte kaum zu , wenn er sie auf der Stiege anhielt und seine schlau ersonnenen Fragen stellte . Eines Tages fuhr er nach Erlangen , um seine Schwester in der Irrenanstalt zu besuchen . Möglicherweise , dachte er , gibt sie mir irgendeinen Aufschluß über das Geheimnis . Margaret saß in einem Winkel der Kammer und strählte unaufhörlich ihr langes , gelbes Haar . Ihr Auge war zu Boden gerichtet , und keine List des Bruders war imstande , ihr nur ein einziges Wort zu entlocken . Der Arzt sagte : » Sie ist ein sanfte Kranke , aber verschlossen und leidenschaftlich . Sie muß viele Jahre lang unter großem seelischen Druck gelebt haben . « Als Herr Carovius im Sonnenschein zum Bahnhof wanderte , wurde er zu seinem Unbehagen gewahr , daß das Bild der schwermütigen Frau von seinem inneren Auge nicht mehr weichen wollte . Er trank in einer Schenke einen starken Bauernschnaps . Während der Rückfahrt saß ihm gegenüber ein Mütterchen , das ihn verständig betrachtete . Beunruhigt vom Menschenblick , setzte er sich auf einen andern Platz . Ich habe Zeit , sagte er sich , als er die Schwierigkeiten erkannt hatte , auf die er bei seinen Nachforschungen stieß . Es blieb ihm noch übrig , den Doktor Benda irgendwie zu fassen und auszuhorchen . Er war einmal Zeuge , wie Friedrich Benda der kleinen Dorothea auf der Stiege begegnete , und die sonderbare Ängstlichkeit , mit der er dem Kinde auswich , gab ihm zu denken . Es sollten Gasröhren gelegt werden und so hatte Carovius als Hausherr einen Anlaß , zu Friedrich Benda zu gehen . Es war die Zeit , wo Benda den letzten Versuch machen wollte , seine Rechte , die Rechte des Menschen und des Gelehrten , gegen eine Verschwörung unangreifbarer Feinde durchzusetzen . Er war allein zu Hause und führte Herrn Carovius durch den Flurgang in sein Studierzimmer . Die Wände des Ganges waren , wie die des Zimmers , bis oben hinauf von Büchern verdeckt . Benda sagte , er sei im Begriff abzureisen , und die peinliche Artigkeit , mit der er einen Stuhl von Büchern frei machte , der gespannte Blick dann , mit dem er Herrn Carovius ansah , raubten diesem den Mut zu allem Scheingerede , und er sprach von den Gasröhren . Mit zwei Worten hatte Benda die Angelegenheit erledigt und erhob sich . Herr Carovius stand ebenfalls auf , nahm aber den Zwicker von der Nase und putzte mit seinem blitzblauen Taschentuch die Gläser . » Wohin geht die Reise , wenn man fragen darf ? « erkundigte er sich teilnehmend . Benda erlaubte sich nie , wegen einer bloßen Antipathie einen Menschen nachlässig zu behandeln , und erwiderte höflich , er gehe nach Kiel , um sich an der Universität zu habilitieren . » Bravo , « rief Herr Carovius , auf einmal in den Ton plumper Vertraulichkeit fallend , » man muß den Kerlen nur zeigen , daß man keine Bange hat . Bravo . « » Ich verstehe Sie nicht ganz , « sagte Benda verwundert , und seine wachsende Abneigung war bloß an dem sich ängstlich zurückziehenden Auge erkennbar . Herr Carovius warf einen Seitenblick voll Falschheit auf den jungen Mann . » Sie müssen mich nicht für einen ungebildeten Schlüffel halten , mein werter Herr Doktor , « antwortete er , » anch ' io sono pittore . Ich habe unter anderm Ihre Schrift über die morphogene Leistung der ersten Furchungszellen gelesen . Donnerwetter ! Alle Achtung ! Noch keine selbständige Arbeit natürlich , gehört ja auch zu Ihren frühesten , wenn ich nicht irre , und schließt sich im Ideengang an die entwicklungsmechanischen Theorien des vielverlästerten Wilhelm Roux an , aber Sie gehen immerhin Ihren eigenen Weg . Jawohl , und Sie stecken einem ein mächtiges Licht auf über die Geheimnisse unseres Herrgotts . Da wird immer von der Freiheit der Wissenschaft gefaselt . Schöne Freiheit ; na , ich danke . Ein dünkelhaftes Gelichter ist ' s , weiter nichts , eine brotneidische Sippe . Nur mutig in den Kampf , Verehrtester , frisch drauf los ! « Es überraschte Benda , aus dem Mund des Herrn Carovius ein Werk genannt zu hören , das sonst nur Fachgenossen kannten , aber dies steigerte sein Mißtrauen , statt es zu verringern . Er wußte zu vieles von dem Mann , um ohne Bitterkeit vor ihm stehen zu können . Es genügte , sich an den schlichten Bericht jener Frau zu erinnern , deren Jugend er zu einer Einöde und zu einem Kerker gemacht hatte , um es qualvoll zu empfinden , daß er in demselben Raum mit ihm atmen mußte . Doch war seiner äußeren Haltung nichts anzumerken . Er antwortete ernst : » Es ist nicht einfach , mit den Menschen zu leben . Jeder hat seinen Platz und will ihn behaupten . Ich danke Ihnen für Ihren Besuch und Ihre freundlichen Worte , aber meine Zeit ist beschränkt , ich habe noch zu tun - « » Gewiß , gewiß , « beeilte sich Herr Carovius einzufallen , und sein Gesicht zeigte ein hämisches Grinsen , » brauchen mich nicht fortzuschicken , ich gehe schon . Soll um fünf Uhr auf dem Amtsgericht sein . Soll ein Dokument unterschreiben , den Aufenthalt meiner Schwester im Irrenhaus betreffend . Vermögensverwaltung oder so ; weiß der Teufel . Was haben Sie denn zu dem Unglück gesagt ? Sie haben sie doch näher gekannt . Na , na , Doktor , keine Ausflüchte ! Sitzt in der Zelle und kämmt sich das Haar . Haben Sie eine Vermutung , wer sie so weit gebracht hat ? Schließlich von einer simplen Liebelei wird man nicht verrückt . Und der Musikschwindler da unten will auch nicht mit der Farbe heraus . Ach ja , man hat seine Not ! « Um seine unverschämten Deutlichkeiten abzuschwächen , da er bedauerte und es als schädlich erkannte , seine Trümpfe zu früh ausgespielt zu haben , lächelte er skurril , duckte feig den Kopf und heftete die Augen voll banaler Neugier auf Benda . Aber Bendas Blick war gesenkt . Bendas Blick wurde von den Schnallenschuhen des Herrn Carovius angezogen . Ein eigentümliches Grauen war es , mit dem Benda die melonengelben Streifen der Strümpfe unter den zu hoch gezogenen Hosen gewahrte , mit dem er zusah , wie die Schuhe in Bewegung gerieten , wie einer nach dem andern sich vom Fußboden entfernte und mit dem Absatz voran in häßlicher Weise , mit einem häßlichen Geräusch niederstapfte . 6 Bendas Abwesenheit dauerte kaum ein Jahr . Seine Mutter hatte ihn diesmal nicht begleitet . Sie kränkelte ein wenig und die Sehkraft ihrer Augen war gefährdet . Nach seiner Rückkehr versank er in ein wochenlanges , trübes Schweigen , und ohne daß zwischen ihm und der Mutter ein Wort über die erlittene Enttäuschung gewechselt wurde , wußte sie alles , was er erlebt hatte , und schonte ihn , indem sie gleichfalls schwieg . Es bedrückten ihn die Erinnerungen , die das Haus in ihm erweckte . Vergessene Bilder wurden lebendig , die Gestalt einer Hingemordeten huschte abends über die Galerien , ihr Schatten schwebte ins Zimmer und schmiegte sich an ihn , während er an seinem Schreibtisch saß . Vieles verband ihn noch mit ihr , deren Geist die Erde verlassen hatte , wenn auch ihr Körper noch auf der Erde weilte . Er vermochte ihren sanften Blick nicht zu vergessen und die Schüchternheit ihrer Hände nicht . Er kannte ihr Schicksal , er kannte ihre Seele ; auch darüber war er zum Schweigen verurteilt . Schaudernd zurückzuweichen vor der Berührung der Welt , bis in die tiefste Einsamkeit , das war ihr Los gewesen , und es war auch seines . Stets sah er sie vor sich , wie der Bruder sie geschildert , in der Zelle sitzend und ihr gelbes Haar kämmend . Er machte niemand verantwortlich , er grollte niemand , er beklagte es nur , daß die Menschen so waren , wie sie waren . Ein ehemaliger Studienkollege besuchte ihn und munterte ihn auf , an einer großen wissenschaftlichen Arbeit teilzunehmen . Er verweigerte sich . Als er wieder allein war , vergegenwärtigte er sich noch einmal das ganze Gespräch . Trotz des freundlichen Drängens hatte er in dem Wesen des Mannes jene rätselhafte , unterirdische Feindseligkeit verspürt , der er immer begegnete , wenn er mit Personen des andern Glaubens und der andern Rasse nicht nur in geschäftlicher und äußerlicher , sondern auch in einfach menschlicher Art zu verkehren hatte . Das Geringste , was er zu fürchten hatte , war eine vorurteilsvolle Fremdheit , als ob der Betreffende ihm zuriefe : ich hüben , du drüben , auf die Brücke geh nicht . Es war ihm dies nur allzu wohlbekannt . Aber dagegen zu kämpfen verwehrte ihm sein Stolz . Das natürliche Recht des Lebens , die allen zugestandene Freiheit des Mit-dasein-Dürfens , die Teilnahme am notwendigen und förderlichen Wetteifer der Kräfte erst erobern , vielleicht gar erbetteln , durch Argumente verteidigen , durch Politik erlisten zu sollen , das ging wider die Vernunft und die Billigkeit , darauf verzichtete er . Er verzichtete darauf , an einem Tor zu rütteln , das er zuletzt selbst zugesperrt und verbarrikadiert hatte . Jedoch er litt darunter bis zu einem kaum mehr erträglichen Grad . Es war das Unsinnige und Verlogene dieser Dinge , worunter er litt . Handelten sie so , weil sie so stark im Glauben waren ? Nein . Glaubte er an jene Unterschiede der Rasse , welche sie glauben machten ? Nein . Er fühlte sich heimatlich auf dem Boden , der ihn nährte , verpflichtet der Not und dem Glück des Volkes , Herz an Herz geschlossen an ihre Besten und geistig geformt durch ihre Sprache , ihre Ideen und ihre Ideale . Alles andere war Lüge . Sie wußten , daß es Lüge war , aber sie schmiedeten aus seinem eigenen Stolz eine Waffe gegen ihn . Es war Plan und böser Wille , seine durch Leistung und Enthusiasmus bewiesene Zugehörigkeit zu leugnen und zu übersehen . Bündnisse zu knüpfen , Gleichgesinnte zu suchen und in Verbrüderungen zu wirken verschmähte er . Er wollte nicht in unfruchtbare und phrasenhafte Gemeinschaftsbestrebungen gerissen werden , und trotzig und einsam erklärte er seinen Fall vor sich selbst für einen einzelnen . Da es seinen schmerzlichen Zustand nicht linderte , sondern verschärfte , wenn er andere , ähnliche Schicksale mit seinem verglich , unterließ er die Vergleiche wie auch alle Erwägungen , die dem Verhalten der ihm gegenüberstehenden Welt wenigstens einen Anschein von Gerechtigkeit geben konnten . Dafür wuchs eine Sehnsucht in seiner Brust , die von Tag zu Tag festere Gestalt annahm und allmählich zu einem bestimmten und unwiderruflichen Entschluß wurde . Um diese Zeit machte er die Bekanntschaft Daniels , und durch ihn wurde er wieder zu den Menschen geführt . Vom ersten Augenblick an spürte er das Ungemeine in ihm , ja etwas völlig Neues , das er bis dahin noch nicht erfahren hatte . Schon seine äußere Bedrängnis forderte zur Tätigkeit auf und seine innere Bewegtheit ließ den Mitfühlenden niemals ruhen . Ihm zu helfen war nicht leicht ; er stieß jede Gabe zurück , der er keine Leistung entgegenzusetzen hatte . Man mußte ihn erst von der Pflicht und Schuldigkeit überzeugen , die dem Freund am Geschick des Freundes erwächst , und man mußte ihm erlauben , theoretisch undankbar zu sein . Es gelang den Anstrengungen Bendas und seiner Mutter , ihm bei einigen Bürgerfamilien Unterrichtsstunden zu verschaffen . Er mußte kleine Knaben und Mädchen das Klavierspiel lehren , und war der Lohn auch nicht groß , so wurde die schlimmste Not doch beseitigt . Nach der Arbeit des Tages schlossen die Abende und Nächte sie in langem Beisammensein immer fester aneinander . 7 Eines Abends trat Daniel ins Haus und begegnete Herrn Carovius , war aber so in Gedanken versunken , daß er ihn nicht sah und nicht grüßte . Herr Carovius schaute ihm zornig nach und kehrte bis an die Stiege zurück , um sich zu vergewissern , zu wem der junge Mensch ging . Als er ihn im zweiten Stock läuten hörte , bekam sein Gesicht einen unruhigen Ausdruck und er rieb sich mit der linken Hand das Kinn . » An mir vorüber zu gehen wie an einem Klotz , « murmelte er gehässig ; » warte nur , das sollst du mir entgelten , Bursche . « Statt das Haus zu verlassen , wie er gewollt , begab er sich wieder in seine Wohnung , zündete eine Kerze an , trippelte hastig durch drei Zimmer , in denen alte Schränke und Truhen mit vielen Büchern und Notenheften standen , auch ein Klavier , und sperrte mit einem Schlüssel , den er in der Tasche trug , einen vierten Raum auf , der geschlossene Fensterläden und eine seltsame Einrichtung hatte . Er trat an einen Tisch , der fast die ganze Länge des Raumes einnahm , griff nach einem weißen Zettelchen , setzte sich und schrieb darauf mit roter Tinte : » Daniel Nothafft , Musiker , zwei Monate Zuchthaus . « Dann bestrich er den Zettel mit Klebegummi , drückte ihn auf eine hölzerne Schachtel , die einem Miniatur-Schilderhäuschen ähnlich sah und nagelte mit kleinen Nägeln einen bereitliegenden Deckel an die Schachtel . Auf dem langen Tisch standen mindestens fünf Dutzend solcher Schachteln ; die meisten hatten einen Namenszettel und waren mit kleinen Nägeln zugenagelt . Das stets versperrte Zimmer nannte Herr Carovius sein Gerichtszimmer ; was er darin trieb , nannte er die Regulierung seines Verhältnisses zur Menschheit , und die Sammlung kleiner Holzzellen nannte er sein Zuchthaus . Jeder Mensch , der ihn beleidigt , gekränkt , gedemütigt oder übervorteilt hatte , bekam ein solches Verließ , in welchem er im Bilde so lange schmachten mußte , bis die Zeit , dem Urteil gemäß , verstrichen war . Damit nicht genug . Auf dem mittleren Teil des Tisches befanden sich lauter winzige Sandhügelchen , etwa dreißig an Zahl , deren jedes ein winziges Holzkreuz mit einem winzigen Namenszettel trug . Das war der Kirchhof des Herrn Carovius , und die im Bilde hier Begrabenen waren , obgleich sie ganz gesund und munter auf der Erde wanderten , gestorbene Leute für ihn . Es waren Leute , deren irdische Laufbahn für ihn erledigt war und unter deren Sündenkonto er einen Strich gemacht hatte . Leute wie Richard Wagner und seine Helfershelfer ; sodann ein Papierhändler , dem er vor vielen Jahren Geld geliehen hatte und der durchgebrannt war , ferner einige Verfasser von schlechten Büchern , die viel gelesen wurden , oder von Büchern , die er verabscheute , ohne sie selbst gelesen zu haben , wie die des Herrn Zola in Paris . Aber noch eine dritte Abteilung hatte der Tisch , und das war die sogenannte Akademie . Die Akademie war ein durch ein Drahtgitter umzäuntes Gebiet , innerhalb dessen etwa zwölf bis fünfzehn regelmäßige Felder mit schöner grüner Farbe angestrichen waren . In der Mitte jedes Feldes erhob sich ein zwei Zoll hohes Holzstäbchen und in der Mitte jedes Stäbchens wieder war eine Namenstafel gefestigt . An der Spitze einiger von diesen Stäbchen hingen kleine , aus Stoff geschnittene grüne Fähnchen . Herr Carovius besaß nämlich eine Schwäche für den Umgang mit aristokratischen Personen . Er bewunderte insgeheim die Manieren dieser Leute , ihre Art von Gleichgültigkeit und Selbstbewußtsein , ihre unumstößlichen Traditionen , ihre geräuschlose und harmonische Lebensführung . Auf den Stäbchen der Akademie nun waren die Namen der vornehmsten und ausgezeichnetsten Familien der Stadt angebracht , wie die der Tucher , der Haller , der Humbser , der Kramer-Klett , der Auffenberg . Wenn es Herrn Carovius gelungen war , mit einem Mitglied einer dieser Familien bekannt zu werden , so hißte er auf der Spitze des betreffenden Stäbchens die grüne Fahne . Ungeachtet allen Strebens hatte er im Lauf der Zeiten nur drei Fahnen aufpflanzen können , aber die hierdurch verkündeten Beziehungen waren recht flüchtig und zufällig und ohne ersprießliche Folgen . Ein von dem und jenem bemerkter Gruß auf der Straße oder im Konzert war alles , was erreicht werden konnte , und die Akademie zeigte im Gegensatz zum Zuchthaus und zum Kirchhof eine klägliche Verödung . Bis eines Tages der Auffenbergsche Fähnlein an die Spitze seines Mastes stieg ; da schien es Herrn Carovius , als ob der Akademie eine große Zukunft sicher sei . 8 Der Maler Krapotkin hatte einmal den Auftrag bekommen , ein Holbeinsches Bild für den Freiherrn Siegmund von Auffenberg zu kopieren . Er machte das Bild nicht fertig , seine Fähigkeiten waren zu gering , aber er hatte damals den jungen Baron Eberhard kennen gelernt und führte ihn dann , Jahre später , nach einer gelegentlichen Begegnung , zu den Sumpfbrüdern ins Paradieschen . Nicht lange sah man Eberhard dort ; so plötzlich , wie er aufgetaucht war , verschwand er wieder . Aber die kurze Zeit genügte Herrn Carovius , in vertraute Beziehungen zu ihm zu treten . Als er zum erstenmal mit ihm an einem Tisch saß , war er den ganzen Abend hindurch erregt und von einer milden geistigen Glut überstrahlt . Seine Stimme klang süß und seine Behauptungen waren von angenehmer Mäßigung . Er lenkte das Gespräch auf die Vorzüge der Geburt und rühmte die Distinktion der erb-eingesessenen Geschlechter als ein volkserziehendes Element . Die Sumpfbrüder höhnten , Herr Carovius schlug sie mit einem vernichtenden Witz . Eberhard von Auffenberg verschanzte sich bei dem Lobgesang hinter einem griesgrämigen Schweigen . Trotzdem Herr Carovius auch fernerhin jeden Anlaß benutzte , um dem jungen Edelmann in pfiffig-feiner Weise zu schmeicheln , kam er zu keinem Ziel . Höchstens , daß Eberhard sein Drosselbartkinn in die Luft steckte und eine sarkastische Bemerkung fallen ließ . Alles Scharwenzeln war umsonst . Eines Nachts jedoch fügte es sich , daß die beiden den Nachhauseweg gemeinschaftlich antraten , d.h. Herr Carovius ging dem Freiherrn nicht von der Seite . Der bisherigen Taktik überdrüssig , wollte er sein Glück einmal auf eine andere Art versuchen . Er spottete über den Hochmut einer gewissen Kaste , die einen Mann seinesgleichen geringer einzuschätzen wage als irgendeinen Stiesel , dessen Taschentuch eine gestickte Krone aufweise . » Was sind Sie , was für einen Beruf haben Sie ? « fragte Eberhard von Auffenberg . » Ich tue nichts , « antwortete Herr Carovius . » Gar nichts ? Das ist immerhin sympathisch . « » Ich treibe ein bißchen Musik , « setzte Herr Carovius hinzu , entzückt von der Wißbegier des Freiherrn . » Na , sehen Sie , das ist doch etwas , « sagte dieser ; » ich meinerseits bin unmusikalisch wie ein Schießgewehr . Aber , wenn Sie sonst nichts treiben als Musik , und , wie es scheint , zu Ihrem Vergnügen , müssen Sie doch eine Menge Moos haben « Herr Carovius wand sich . Die Angst , die er davor hatte , für einen reichen Mann gehalten zu werden , kämpfte mit dem eitlen Bestreben , vor dem jungen Freiherrn etwas zu sein und zu gelten . » Es geht an , « bemerkte er kichernd , » es geht an . « » Schön ; wenn Sie mir zehntausend Mark verschaffen können , will ich Ihnen mit Vergnügen die Krone auf meinem Taschentuch verehren , « sagte Eberhard von Auffenberg . Herr Carovius blieb stehen und riß Mund und Augen auf . » Sie belieben zu scherzen , Herr Baron , « stammelte er . Und als Eberhard den Kopf schüttelte , fuhr er fort , und das Erstaunen trieb seine Stimme in die höchsten Lagen : » Aber Geehrtester ! Ihr Herr Vater hat ausgewiesenermaßen ein Einkommen von einer halben Million ! Ein Einkommen ! « » Von meinem Vater ist hier nicht die Rede , « antwortete Eberhard kalt und stieß das Drosselbartkinn in die Luft . » Es gehört offenbar zu Ihren heraldischen Vorurteilen , daß Sie das Einkommen meines Vaters in meinen Beutel praktizieren wollen . « Sie standen unter einer Gaslaterne am Hallertor . Der Regen rieselte vom Himmel und sie hatten die Schirme aufgespannt . Die Nacht war still , es war auch schon spät ; weit und breit war kein Mensch zu sehen . Carovius schaute den gravitätisch verdrossenen jungen Mann an , der junge Mann schaute den verlegen grinsenden Carovius an und keiner wußte , wie er den andern nehmen sollte . » Sie wundern sich , « begann Eberhard wieder ; » Sie wundern sich mit Recht . Ich stecke als ein unzufriedener Gast in meiner Haut , dessen kann ich Sie versichern . Ich bin so mißgeboren wie nur irgendein Geschöpf , das zu viel Überflüssiges und zu wenig Notwendiges mitbekommen hat . Es sind da Geheimnisse ; außen sind Geheimnisse an mir . Innen ist nichts ; innen ist abgestandene , tote Luft . « Er stierte zu Boden und es war , wie wenn er mit sich selbst spräche , wie wenn er vergessen hätte , daß ihm jemand zuhörte , als er fortfuhr : » Haben sie schon in alten Kirchen alte Ritter , in Stein gemeißelte alte Ritter gesehen ? So bin ich . Mir ist , als ob ich der Vater meines Vaters wäre , und als ob er mich lebendig hätte begraben lassen und ein böser Geist hätte mich versteinert und meine Hände lägen auf der Brust gekreuzt und könnten sich nicht rühren . Ich bin aufgewachsen mit einer Schwester und ich sehe sie , als wär ' s gestern gewesen , « hier nahm sein Gesicht einen Ausdruck phantastischer Greisenhaftigkeit an , » zierlich und unschuldig und stolz durch einen Saal gehen , mit Rosen in der Hand . Sie ist an einen Rittmeister verheiratet , einen Kerl , der seine Soldaten wie Negersklaven behandelt und den Gruß eines Bürgers nur erwidert , wenn er besoffen ist . Sie mußte ihn heiraten . Ich konnte es nicht hindern . Jemand hat sie gezwungen . Und wenn sie jetzt Rosen trägt , ist es , wie wenn ein Leichnam Lieder singt . « Herrn Carovius war es nicht geheuer zumut . Solche Worte war er nicht gewohnt zu hören . Dort wo er zu Hause war , nannte man die Dinge deutlicher beim Namen . Er spitzte die Ohren und machte ein unbehagliches Gesicht . Es ist seine Erziehung , die ihn so sprechen heißt , dachte er , die Gemälde , die er beständig vor sich sieht , die goldlehnigen Stühle , auf denen er sitzt . Ich werde auch auf solchen Stühlen sitzen , frohlockte es in ihm , werde auch die Gemälde sehen . Und er sah sich zwischen Baron und Baronin durch ein Spalier von betreßten Dienern unter die neidische Menge vor dem Portal schreiten . Der junge Freiherr aber ging als heimgekehrter verlorener Sohn reumütig hinterdrein . Man müsse eine Sicherheit haben , sagte Carovius ; ob der Herr Baron majorenn sei . Er habe vor kurzem das einundzwanzigste Jahr vollendet , antwortete Eberhard ; er habe jedoch Gründe , die ihn bestimmten , ohne die Unterstützung seiner Familie zu leben und auf alle Vermögensrechte bis auf einen gewissen Zeitpunkt zu verzichten . Hauptsächlich sei ihm daran gelegen , dem Verkehr mit berufsmäßigen Geldverleihern auszuweichen . Ein sehr ernster Fall , äußerte sich Herr Carovius ; er verstehe ; o , er verstehe sehr gut ; auch sei er zu allem bereit , doch müsse ihm klarer Wein eingeschenkt werden . Er sagte dies in einem Ton , als hielte er ein Glas Johannisberger in den Regen hinaus und schnüffelte mit seinen Nüstern . » Ich bin verschwiegen , « sagte er ; » ich bin äußerst verschwiegen . « Er sah den Freiherrn zärtlich an . Der junge Freiherr nickte . » Wer einen Purpur trägt , wird überall erkannt , « fuhr Herr Carovius sententiös fort , » und wirft man den Purpur ab , so braucht man verschwiegene Freunde . Ich bin verschwiegen . « Der Freiherr nickte abermals . » Wenn Sie erlauben , werde ich Sie an einem der nächsten Tage aufsuchen , « beendete er das Gespräch . Er entfernte sich mit steifen , mißvergnügten Schritten gegen die Allee , während Herr Carovius , eine Arie aus dem Barbier von Sevilla summend , die sich verengende Gasse hinuntertrippelte . 9 Herr Carovius wartete