die sich an den Mysterien deines Leibes und deiner wilden Seele ergötzten , wir wären unbeschadet durch das Land des harmlosen friedlichen Volkes gekommen . Ich überschreibe eine ganze Folge von Ereignissen mit dem Namen Zanas , aber ich denke dabei an den großen Wald , den Urwald . Und gerade weil ich dabei an den Wald denke , schreibe ich Zana , denn eins steht fürs andere und die Gründe der Katastrophe , die über unsere kleine Expedition hereinbrach , sind so verworren , daß ich sie nur mit lebensgroßen Bildern und Symbolen einigermaßen anschaulich machen kann . Aber zuerst waren wir ja noch nicht im Walde , sondern in der großen üppigen Ebene des Limo , und so beginne ich denn die Reihe meiner Leidenschaften nicht mit Zana , mit Zana , die ich liebte , aber nicht bekam , sondern mit der süßen dicken Aruki , die der häuslichen Ebene entsprach , Aruki , die ich nicht liebte und bekam . Vielleicht war sie gut genug für mich und ich hätte meine Augen nicht zu der Priesterin erheben sollen . Inmitten des Lebens unbekannter und fremder Daseinswerte mußten wir auf die Dauer unsere Haltung verlieren . Wir kamen sozusagen auf den Hund , wir büßten an gesellschaftlicher Achtung ein und hatten keine Übung , diese Verluste durch ältere und wildere Tugenden auszugleichen . Nein , es war vorauszusehen , Leute wie wir waren hier nicht am Platze , und niemals habe ich das Ganze besser übersehen als in jenen hellen vorausgehenden Äquatornächten , wenn ich ruhelos und vom Gram einer gegenstandslosen Leidenschaft verzehrt , hinauslugte auf die mondbestrahlte Dorffassade , die , so klein sie war , für mich zu etwas Bedeutsamem wuchs , seit ich hier unter Geschöpfen wohnte , deren kleiner , unbegreiflich kleiner Horizont der meine geworden war . IX Wieder kam die Nacht . Ich lag wach in meiner Hütte . Ein brenzlicher Dunst lastete auf mir , ich erhob mich und streifte mein Lager aus Palmstroh in den Eingang . Hier lag ich am Rücken und sah in den Himmel , in dessen Silberkraut ich den wehen schlaflosen Blick kühlte . Gedankenvoll klomm ich , zwischen Räumen voll weißer gasiger Helligkeit , von Stern zu Stern . Ein verblasener Brand schwoll stellenweise am Firmament auf , verhauchte narkotische Schwülen in die unendliche Leere zwischen Himmel und Erde , zuckte wie blasse matte Blitze über die Weltengegenden . Es war wie das falsche Flammen einer lungenkranken Brust . Nebenan aber stand die hohe Palme und spreizte starre grüne Messer , gierige Bündel von Blitzableitern in das Licht . Ein großer trockener Mund saugte sie den dichten Tau , der aus der lauen Luft entquoll . Hart und hungrig , unromantisch und ohne Sehnsucht stand sie in einer Landschaft von unwahrscheinlicher Poesie ; aber der Roman der Nacht wurde vollkommen durch ihre verständnislose Trockenheit . Lange blieb es still , kein Lufthauch regte sich . Dann plötzlich schien irgendwo in einer der Hütten etwas vor sich zu gehen , ein Kleines wimmerte , ein Tier drückte sich im Schatten vorbei . Es war einer der hier gezüchteten Wolfshunde , klein wie ein Marder , stinkend aber rassig ; perplex den Schwanz einziehend pfotete er davon , wenn er meine Aufmerksamkeit fühlte . Da war ich nun mein eigener Herr , Herr einer neuen Hütte . Sie lag , wie die erste , am zweiten Ring . Aus unserer ersten Unterkunft , der geräumigen Versammlungshütte , wie ich später erfuhr , war ich in diesen eigenen Haushalt gekommen . Checho war bei mir ; diese Hütte war kleiner , aber sie bot Raum genug für uns beide . Slim hatte eine schöne Hütte im ersten Ring erhalten , der Holländer gleich mir die seine im zweiten . Ob dies ein Zufall war , oder ob es eine Bewertung unserer Persönlichkeiten darstellte ? Mein Ehrgeiz erhielt einen tückischen Stoß . Ich fühlte die Mißachtung des Volkes auf mir ruhen , jetzt , in dieser prangenden Nacht ging mir der Sinn gewisser kleiner Beobachtungen auf , die ich gemacht hatte . Die Indianer waren nicht mehr wie in den ersten Tagen . Seit unser Vorrat an putzigem Tauschkram , an leeren Konservenbüchsen und Zigarettenschachteln auf die Neige gegangen war , war unser Ruhm im Verblassen . Die guten Sitten wurden nicht mehr so eifrig eingehalten , unsere beginnende Armut demoralisierte das Volk . Die Riesentrauben der Bananen wurden uns nicht mehr so erstaunlich groß zugeschleppt wie die ersten Male , dies Dutzend Ananas , das man uns anbot , war im Verhältnis zum Überflusse dieses Obstes , an dem ein mehrhundertköpfiger Stamm mißwirtschaftete , von rührendem Humor . Und jene Handvoll Beeren war erschrecklich anzusehen , beängstigend wie eine Krankheit , ekelerregend wie ein Schwund , sie stellten die äußerste Grenze der Verachtung dar , sie waren die Verachtung selber . Das Volk ! Das Volk hielt nicht viel von unserer geistigen Regsamkeit , von unseren Lebenswünschen , der Kraft unseres Appetits , dem Ehrgeiz unserer Ansprüche . Mit welcher Unverfrorenheit behandelte uns das Volk ? Kelwa , der Schildermaler , kommt eines Tages daher und bringt mir den lumpigsten Kitsch aus seinem Atelier , den ich dort bereits hatte in einer Ecke herumliegen sehen . Er verlangte mein Gewehr dafür . Ich nahm das Gewehr , ich gab es ihm so in die Hand , daß der Schuß in dem Augenblicke losging , da er es berührte . Die Kugel klatschte an das Palmstrohdach , Staub und Strohmist rieselten auf uns herab , Kelwa zitterte . Kelwa , du tapferer Krieger , du Pinselnovellist des Krieges - Kelwa ging schnell fort und sieht jetzt mit bösen Blicken an mir vorbei , wenn wir einander begegnen . Das Blut steigt mir zu Kopfe , wenn ich , Kelwa , deine Verachtung sehe , diese Überlegenheit einer gebildeten Rothaut über den weißen Rüppel . Dein Blick frägt klar , würdest du jemals so handeln und eine zarte Gabe , ein edles und höchst vernunftgemäßes Geschäft durch unziemliche Schüsse verderben ? Ich weiß , ich weiß , du hast mehr Takt , mein roter Bursche ; du hältst dich für fein , ich erkläre dich für intrigant , du hältst mich für einen Bettler und verstehst nicht , he , wie man sich so ohne Scham einem fremden Stamme anbiedern könne ? He , sehe ich dir auf die Gründe deiner Seele ? Wohlan , du brauner Stengel du , du nette Pflanze von einem Künstler , ich behaupte , du könntest , wie du bist , auch in Europa vorkommen , du Pharisäer , du besserer Mensch - Dichter - Spitzbube ... Spitzbube , verdammter roter malender Spitzbube ... Dies ist die tropische Nacht und ihr Fieber . Haß , Schuldbewußtsein , Gewissen , Ekel . Schwäche , Elend der Erkenntnis , sinnlose Selbstanklage kommen aus der Hitze und Schlaflosigkeit zur Welt und foltern den Entwurzelten , den Verschlagenen , den Reisenden . Grundlose Gewissensbisse verfolgen ihn . Das Blut strömt aus Zorn und Widersinn verkehrt zum Herzen , und verkehrt strömt es wohl wieder an seine Plätze ab . Es kreischt wie ein Strom , eine Kette widerspenstiger Achsen . Ich stützte mich kochend auf meinen linken Arm und schabte die Zähne gegeneinander . Diese Bewegung schreckte einen herumschnüffelnden Hund auf . Er bekam es mit dem Todesschrecken , flog entsetzt zur Seite und streifte die Matte an der Hütte gegenüber . Erregt über diesen Akt nächtlicher Ruhestörung in einem ehrbaren Indianerdorfe heulte er aus gestreckter Kehle auf und schoß davon , als ich mit den Fingern flapste . Und nun begann es drüben unruhig zu werden , ein Kopf schob sich längs der Matte unterm Vordach vor und zeigte ein vertrautes Gesicht . Es war Aruki , die hübsche Aruki ; sie war dick , und ich dachte , schade , daß sie verheiratet ist . Aruki aber schien beunruhigt , kam - und nun wurde ich aufmerksam - auf lautlosen Ballen näher . Was war das ? Was hatte Aruki vor ? Ja , auf welchen Wegen erging sich die süße Aruki ? Als sie näher kam , ging es wie eine wunde Seligkeit in mir auf . Wo ging sie hin , wen suchte sie - - ? Wie ihre kleinen huschenden Schritte mich schaukelten ! Sie sah mich wohl erst , als sie in Greifweite vor mir stand . Sie erschrak mit einem Ruck , den sie stumm unterdrückte . Aber schon war es für sie zu spät . Das Mondlicht glitt an ihrem blanken Fell nieder , vor ihrem Schoße pendelte das aus Perlen und Beeren gewobene Schürzchen . Die Zikaden sangen . Ganz plötzlich hörte ich sie . Ich wurde im Nu so hinfällig , daß mich die kleinsten Geräusche wie brechender Donner berührten . Ich empfand das helle Schwingen der Tropennacht und sah die silbernen Schauer über den blauen Rücken der Nacht huschen . Arukis feste Waden standen über meinem Kopfe , ich fühlte sie mit den Haaren . Meine Sehnsucht sprach in Tastempfindungen , ein Festigkeitshunger überfiel mich , ein tiefsitzendes Verlangen nach Kurven , Formen , runden Widerständen . Schnell griff ich zu und schloß mit einem erhebenden Gefühle die Faust eng um den Knöchel . Aruki stürzte vornüber auf meine Brust , ihr üppiger Körper floß nachgiebig um die Prägungen meines Systems , meine erhabenen Muskeln und Knochenbüge sanken hingebend in ein liebliches Lager von Fleisch und Fett . Mein Kopf lag an ihren Hüften , ich schnürte die Arme träumerisch um die breite Taille und küßte die Wölbungen der glatten Haut . Wir rangen stumm , mit Haß und Inbrunst , und sagten uns heiße Liebesworte , schmachtende Gemeinheiten in die Bäuche . Dann war mein Atem einen Augenblick lang frei ; der geschweißte Lärm arbeitender Zikaden drillte wie ein großer Bohrer den Raum . Ich spürte einen fatalen Moskitostich am Bein und zuckte zusammen . Gleich darauf erhielt ich einen Schlag auf die Wange . Eben noch hielt ich Arukis festen Knöchel in der Hand , sie bückte sich blitzschnell zwischen den Sternenhimmel und mich , Donnerwetter - ich ließ los , da war sie fort . Auf dem Pfade meiner Wehmut ging sie hin , wandelte auf einem roten Strahle , der von meinem Herzen ausging . Verzweifelt kratzte ich an den Beinen , wo die Moskitos unter die Hosen geschlüpft waren . Meine Sehnsucht spielte mir Streiche . Au ! Auf der Stirne , am Hals , an der Handfläche begann es zu stechen . Ich stand auf und holte das Moskitonetz , das beim Gepäck lag . Beim Schein der elektrischen Taschenlampe erkannte ich , daß Checho fort war . Ich fand das Netz , kroch darunter und setzte mich leidend vor der Tür draußen nieder . In Arukis Hütte wimmerte eines der Kinder . Sie war Mutter von zehn . Nun nahm sie das eine , das kleinste , das sie immer überm Rücken trug , sie nahm es und legte es vor die nährenden Brüste . Aruki war keine Schönheit , mein Gott , aber ich fand Aruki hübsch . Ich liebte sie und sie hatte mir eine Ohrfeige gegeben . Aruki , dieser Demutsknoten , besaß also Temperament . Herrlich , geradezu herrlich war sie , ein unschätzbares Kleinod von Weiblichkeit ! Welchen anderen Wunsch hatte ich , als sie in meine Hütte heimzuführen , für sie zu arbeiten und zu jagen , von ihr meine Kinder gebären zu lassen und an ihrer Seite das Leben eines Kriegers , der ihrer wert wäre , zu führen ? Ihre Demut war eindrucksvoll , charakteristisch , originell , schon damals , als wir aus dem Walde hervorbrachen und sie sich wie ein geängstetes Wild den Fremden ergab ! Immer steht sie mir so vor Augen , in die Knie gebeugt und die Arme hinterm Kopfe verschränkt - - - ich überlege es recht , das Leben ist vollkommen erst im Genusse . Fremde Schönheit ist zuletzt der Kraftaufwand des Einzelnen , eigene Schönheit ist die Vorbereitung zum Genusse fremder . Jeder schmiedet an sich , daß er fremder Lust die Hemmungen beseitige , um an ihr die eigene zu steigern . Es lebe die Lust , das Rauschen des törichten Blutes ! Prangende Sinne und einzige Weisheit des Fleisches ! Kamt ihr aus einer Tropennacht zu mir , aus Siedehimmeln und schwärmenden Gestirnen , aus Fruchtbarkeit , die im alten Mark des Urwalds quillt und sproßt , und aus fleischlichem Wuchern , aus der stehenden Schwingung lauer Luft , die von der Riesenraspel membranöser Zikadenflügel erzittert , kamt ihr zu mir aus gespreiteten Palmenwedeln über dem Kopfe oder von Arukis schlenkernden Brüsten ! Süße Mutter , wie das Baby schmatzt ! Um der Süßigkeit willen und der schläfrigen Wollust , die in Frauenschenkeln ruht und aus der Mohnrose ihres Schoßes aufblüht , will ich ein Vater werden und die Welt meiden , der ich entstamme . Eine Indianerhütte und das Glück empfangener Demut sollen meinen Blick begrenzen . Aus Lüsten der Gewalt und undenkbaren Arten der Hingabe will ich meine Freude nähren . Aruki , dich liebe ich , aber kannst du nicht die Meine werden , dann sei ' s eine andere . Sie sagen , Zana sei die Schönste . Ich will versuchen , sie so zu sehen . Diese Falschheit fällt uns Europäern leicht . Ja , sie ist schlank und lang , und mutwillig hüpft ihr das Hinterteil , wenn sie geht . Sie ist ein Kind , eine Tochter , ein Schwesterlein . Ja , und Aruki , mein Herz bricht - - - du aber , Aruki , um die ich hier weine , bist die Reife ; ich liebe deine leise Welkheit , die eingefallenen Ränder deiner schwarzen Augen , die Sprünge , die deine Wangen furchen wie die Falten einer geliebten Handfläche . Da sitzest du und singst deinem wimmernden Kinde das Lied vom schlanken Mondfräulein , das voller und trächtiger werdend zur reifen Mütterlichkeit sich rundet und spät und letzt blasse Schatten und Makel seiner silbernen Fülle bloßgibt . Ich liebe deine lädierte Schönheit , ich fühle ein beseligendes Erbarmen für die verlöschende Orgie deiner Formenpracht ; mein Herz hüpft beim Anblick deiner hüpfenden Brüste , ich erschaure tief vor dem mysteriösen Gram gebrochener Zähne , mir schwindelt vor den gelben Hauern junger Eber , die feierlich den entzückenden Narben deiner Oberlippe entwachsen . Du mein geliebtes altes Mädchen , ich ahne in dir die sinnliche Tiefe eines Volkes , der erst wieder die Tiefe meiner Intelligenz entspricht . Und sehe in eurer Kosmetik nur die kluge Technik der perfekten Ausnützung menschlicher Unvollkommenheit und Ungesundheit ! Hier lebte ich unter Wilden , unter diesen nicht einmal gesunden Tieren mit abergläubischen Körpern . Ich war ein Fremder und kam von der anderen Seite , dorther , wo der Versuch , auf intellektuellem Wege Lust herzustellen , schon seit Jahrtausenden mißglückte ; von dorther , wo man aus dem periodisch verbleibenden Bruch eines Unlustresiduums immer wieder nach derselben Operationsmethode : Fortschritt auf immer dieselben Rückstände getroffen war . Hier aber befand ich mich unter Tieren , deren physisches Raffinement in eben demselben Grade Geist sein mochte , wie die europäische Art , das Problem zu erledigen : Es besaß Tiefe , die sich mit dem Dasein deckte . Zerstreuungen , Ablenkungen von der wichtigsten Lebensfrage waren wider den guten Ton . Hier schien der Weiße indolent , und die braunen Blicke enthielten den Vorwurf seiner Minderwertigkeit , weil er sich nicht mit dem ganzen Wesen auf die brennende Frage warf , wie aus dem Dasein der Honig der leiblichen Anwesenheit gesogen werden könnte . Denn dieses Leben schien mit Genuß , Wachstum und Üppigkeit durchtränkt . Hier hatte ich Gelegenheit , auf eine früher erfundene Figur meines Denkens , das sogenannte Wasserrad , zurückzugreifen . Ich erkannte : das Leben war durch Mühlen betrieben , die nie gebaut wurden ! Daß man stille lag , war die schnellste Art , vom Fleck zu kommen . Es handelt sich um eine Auseinandersetzung zwischen dem Geist zweier Rassen . Ich bin auf den Dampfer gestiegen , bin durch den Urwald gestampft , durch Schweiß und Entbehrung und Fieber gerannt , um den Weltgeist zu tippen . Ich komme im rechten Augenblick , um den Sieg des farbigen Gedankens zu erleben und meiner eigenen Rasse den Fuß auf den Nacken zu setzen ! Soll ich recht behalten mit meinem Wasserrade , dem Symbol der Gleichgültigkeit menschlicher Direktionen ? Sind wir falsch orientiert , tappen wir ins Blinde , sind wir monströse Wucherungen auf dem hellen Erkenntnisauge der Menschlichkeit ? Mein Fall liegt klar . Dies ist mein Fall , der Fall eines dreiundzwanzigjährigen Lebens , während dessen ich um den Augenblick eines vollkommenen Vergehens gebetet hatte . Leidenschaften und Genüsse zeigten mir einen blassen Schatten , zwischen ihnen und mir stand mein Gehirn , mittels des ich die altruistische Maschine virtuos und staunenswert beherrschte , aber nicht die kleinste Spur von Talent im Genießen bewies . Die Augenblicke des Versuchs hatten noch stets den untilgbaren Rest des Mißlingens geborgen , wo die Vorbereitung nahe an die Vorwegnahme herankam . Das Resultat , das für den Menschen angestrebt wurde , fraß den Menschen , setzte sich an seine Stelle und machte sich sein Glück botmäßig , statt ihm zu dienen . Bei diesen Tieren aber lag das Heil . Ihr Genie war einfach , es bestand darin , die Krankheit zu Genuß und Schönheit zu erheben . Das Glück , das unsere Humanität anstrebte , erreichte ihr Egoismus . Sie entfalteten sich einer an des anderen duldsamer Lust . Es gab Beispiele . Warum schlug Kelwa , der Künstler , Feigling und Pantoffelheld , Rulc , dieses seltsame Weib , dieses grausame Abbild eleganter Häßlichkeit , diese fashionable Inhaberin dreier tadelloser Eberzähne und Reißnägel in den Nüstern ? Warum liebe ich nun Aruki , die mich geohrfeigt hat ? Wohin bin ich gekommen ? Mit sechs Jahren begannen meine Leidenschaften , und ich war der erträumte Tyrann meiner in der Wirklichkeit zartesten Verhältnisse . Mit zehn Jahren , als die Bücher der Kämpfe und Abenteuer mir zur Hand kamen , suchte ich in ihnen wie ein rasender Held nach den Gestalten der demütigen Frauen , um meine hungernde Phantasie zu stillen . Damals habe ich den Traum planvoll angelegt , der mich mit einer süßen Wilden in Urzustände der Sittlichkeit verschlug . Ich habe ihn lange und immer wieder und wieder geträumt , und immer war es das fremdrassige dunkle Mädchen , dem ich die höchste Vollendung der Freuden zutraute . Über einem abgeschmackten bürgerlichen Turnier mit Scharen zu Seelen verkrüppelter Weiber habe ich diese Seligkeit keimender Kindertiefen vergessen , vergewaltigt , verlebt . Diese Tropennacht und Arukis seltsame Süßigkeit geben sie mir wieder . Der Kampf der Rassen und Sinne ist in meinem Herzen entschieden . Ich beuge mich vor der überlegenen Bildung dieser Wilden , vor dem Geiste , der in der Ausgelassenheit ihres Geschmackes steckt . Ich schwöre die Kultur des deutschen Bürgers ab . Ich will zu diesen geborenen Priestern der Sinne wie zu Brüdern sprechen und meine Würdigkeit vor ihnen erkämpfen ! Hai , ich will nach dieser Jugend voll zerbrechenden Kampfes endlich meiner Sehnsucht ihr Recht geben , die von mir heischt , ein zitterndes Weib bei den Haaren zu zerren und aus fallenden Blicken Glückssterne zu klauben ! In Arukis Hütte gegenüber war alles wieder still . Da schob sich vorsichtig die Matte zurück , und heraus trat sie selber , Aruki . Der Schatten der Palme verbarg mich . Aruki lief die Seitenallee entlang , dem Walde zu . Eine schwächende Unruhe erfaßte mich , ich war unglücklich und sah tränenlos ins flimmernde Sternenlicht , in die kühle , zahlenhafte Reihe des südlichen Kreuzes . Nach einer Stunde etwa kam Aruki zurückgeschlichen , horchte von der Tür her , ob sich in ihrer Hütte etwas rege und verschwand dann im Innern . Es war frisch geworden , und eine Art kalten Unwohlseins befiel mich . Ich stand auf , ging zurück in die Hütte und warf mich ermattet auf mein Lager . Zehn Minuten später erschien Checho in dem bloßen Licht der Türfüllung und begab sich lautlos an seinen Platz . X Slim wurde von Tag zu Tag nervöser . Er brauste leicht auf , hatte Skandale an allen Fingerspitzen und schien mit seinem Schatze nicht ins Reine zu kommen . Seine Stimmung färbte auf uns ab . Ich konstatierte auch bei uns andern eine bedenkliche Neigung , uns gehen zu lassen . Dazu kam , daß unser Wirtschaftskapital auf die Neige ging . Aber das war es nicht . Was mir schwere Sorgen bereitete , war die Einsicht , daß wir litten . Eine leise Depression lastete auf uns , ein Zustand psychischer Stopfung war plötzlich eingetreten , und mit ihm schien das äußere Leben sich zu stauen . Diese Schoppkur von Eindrücken hatte unserer Konstitution nicht gut getan . Aber ein Ventil zur Handlung oder Produktion war nicht vorhanden . Wir litten . Und warum ? Wegen einiger Kleinigkeiten und fataler Differenzen mit dem hier landläufigen Geschmacke . Unser Ehrgeiz konnte sich in manches nicht einfinden . Niemand kann sagen , daß wir , van den Dusen und ich , uns nicht die größte Mühe gaben , unsere Zivilisation zu repräsentieren . Und dennoch lauerte uns stets der Angstschweiß im Hinterhalte , wenn wir durch das Dorf schritten . Was würden wir nun wieder auszustehen haben ? Es war ein höchst ungemütliches Gefühl , in einer Masse zu leben , mit der man in nichts d ' accord war . Das Niederträchtige an dieser Stimmung war der grob empfundene Mangel an Selbständigkeit , das beschämende Bewußtsein , daß einem die eigene Rasse - ein wenig unbequem zu werden begann . » Unter einer Million Menschen ist es kein Kunststück , ein Eigener zu sein . Das kommt von selbst . Aber versuchen Sie es mal unter hundert Wölfen - Sie werden nicht nur mitheulen , nein , Sie werden selbst diese Klaviatur erst vollständig und harmonisch finden , wenn Sie mit von der Partie sind . Man lernt die Annehmlichkeiten nur allzubald schätzen . Sehen Sie , jetzt haben wir den kleinen Horizont , wir stehen wieder auf einer Art Landkarte , wir haben uns bereits mit einer leichtfaßlichen Zahl identifiziert . Können Sie sich noch an Ihre Schulbubenzeit erinnern - an die Geographiestunde - wissen Sie - verstehen Sie das ? « So sprach ich erregt und froh der Aussprache nach Tagen schlimmster Überlegsamkeit zu van den Dusen . Ja , er konnte sich erinnern . Wir traten den Heimweg ins Dorf an . Schon umschwärmte uns die gutgelaunte Jugend . Sie bettelte oder machte sich über uns lustig . Sie drängten sich mit ahnungsloser Miene an uns heran und setzten sich plärrend auf die Hintern , so bald wir nur geringfügig anstießen . Sie fielen bewunderungswürdig um , ohne sichtbare Störungen des Gleichgewichts . Ich trat einem der Racker unversehens auf seine Kautschukbeine ; ich dachte , nun würde das Hilfegeschrei losgehen ; aber auffällig blieb gerade er mäuschenstill . Ich hob ihn bestürzt empor . Verständnisinnig ergriffen die anderen den Witz dieses Spieles , und was nun folgte , muß für die winzigen Kreaturen höchst unterhaltsam gewesen sein . Es hieß in ihrem Idiom so etwas wie » Aufgehoben-werden spielen « und bestand in dem sinnigen Schema , sich bei unserer Annäherung niederzusetzen , um sich von uns aufhelfen zu lassen . Dabei vollführte diese Käserinde von Menschlein einen solchen Höllenlärm , daß die Mütter erschreckt ihre Köpfe zu den Hütten herausstreckten . Stirnrunzelnd fühlte ich , wie sie lächelten . Puppa , Puppa , sagte ich zärtlich und hob einen , den zweiten , den dritten Bengel empor . Er zog die Beine in die Hocke und ließ sich wie ein Brunnenschwengel auf und ab ziehen . Da wurde ich ängstlich . Ich konnte doch nicht mein ganzes Leben damit verbringen , kleine Jungens auf und ab zu schwenken . Und heimlich und voller Rachsucht zwickte ich den vierten , zugleich aber sagte ich mit süßer Stimme » ai , du Püppchen « und schielte ein wenig nach seiner Mama , die dort in der Tür stand und meine Sympathien für ihr Kind als vollkommen gerechtfertigt anzusehen schien . Dieser mütterliche Standpunkt aber war mir denn doch zu viel . Ich zwickte nun etwas stärker , aber die gewünschte Wirkung blieb vorerst einmal aus . Im Gegenteil , meine heimtückische Zartheit erhöhte anscheinend den Reiz dieses Spieles bedeutend . Mein Temperament zog mir Liebhaber und Liebhaberinnen zu . Als wir in völliger Ratlosigkeit Numero zehn auf die Beine gestellt hatten und er sich eben wieder zurückplumpsen ließ , erschien Slim auf der Bildfläche . » Hallo « , schrie er , » ihr seid ja verrückt , spielt euch gefälligst mit etwas anderem ! Aber meine Herren « , sagte er belehrend , » machen Sie uns doch nicht lächerlich ! Das macht man so ! « Er hob einen der Buben auf und warf ihn auf den Boden . Wie ein Ball kam dieser wieder auf die Beine zu stehen und lief verschreckt in eine der Hütten . » Das steht besser , als Sie glauben « , sagte Slim und machte uns auf eine Eigentümlichkeit aufmerksam . Keines der Kinder gebrauchte , mochte es noch so hilflos daliegen , um aufzustehen , die Hilfe seiner Arme . Schwupsdich , griffen sie sich mit den Füßen einfach in die Höhe . Betreten sahen wir auf unsere zehnfach verratene Humanität an Herz und Beinen zurück . Diese Art von Erlebnissen , die nachgerade an die Tagesordnung kamen , brachten mich langsam herunter . Dann kamen die Zustände der Besessenheit , meine zurückgewiesene Koketterie fachte sich zum Wahnwitz an und gab mir Rachegedanken wider meine eigene Person ein . Ich hatte mit meiner Noblesse gewüstet , hatte sie mit vollen Händen hinausgeschmissen , jetzt traten die Gelegenheiten , scharf zu sehen , in Masse auf . Ich war bettelarm , ich stand mitten im Bankerott . Ein großes Unglück , welches , hätte ich nicht auf deutsch sagen können , war geschehen . Das hätte ich mir nicht träumen lassen , daß es einen Platz in der Welt geben könnte , den ich nicht auszufüllen vermögen würde . Wo waren meine Projekte geblieben , wo blieb die kulturelle Annexion dieses Landes , die wir uns in riesengroßen Hirngespinsten ausgemalt hatten ? Während ich so in mein Inneres verfilzt war und Tag über Tag , Nacht über Nacht mit diesem Geschicke haderte , erhielt ich mehrere Schläge auf den Kopf . Veritable Schläge , die meinem Selbstbewußtsein das Genick brachen und meiner Vernunft ein für allemal den Garaus machten . Erst mit dem heilsamen Fieber , aus dem ich in Panama sechzig Tage später erwachen sollte , wich diese dumpfe Überreizung . Jene Schläge aber kamen von Slim . Heute liegt das alles hinter mir . Ich habe einen weiten Kreis von Bekannten und bin imstande , den Menschen Figur abzusehen . Dennoch will es mir nur schwer gelingen , aus Slim , so wie ich ihn bruchstückweise kennen gelernt habe , etwas herauszuschlagen . In der Zeit , in die sein Verhältnis zu mir fällt , war es für mich ausgemacht , daß sein Glanz so gut spießerhaft war , wie der irgendeines der südamerikanischen Bravos , die ich kennen lernte . Sein Feuer schien mir banal und seine Rassigkeit bäurisch . Er stand mit beiden Beinen in der Eleganz , klirrend und kürassiert von oben bis unten , impulsiv , zynisch und , wie mir damals schien , humorlos . Und doch konnte ich zu keinem abschließenden Urteil über ihn gelangen , so sehr dieses Urteil zur Überwindung meiner Demut gelegen gekommen wäre . Dann gestand ich mir einmal , daß ich im Laufe jener Tage Ausflüchte vor jeder Anerkennung getroffen hatte , die ich ihm hätte zollen müssen . Kein Zweifel , Slim war ein großer Mensch ; ich sah ihn zu allen Tageszeiten und unter allen Verhältnissen ; er schien mir das eine Mal belanglos und schmetterte mich das nächstemal durch die einfache Größe , die in einem Wort , einem Gedanken , einer Handlung zum Ausdruck kam , zu Boden . Und ich kam dahin , meiner uneingestandenen Bewunderung freien Lauf zu lassen . Ich war reif zur kampflosen Aufgabe meiner Überlegenheit , des gesunden Gefühls jedes Menschen , der sich zumindest in einer Spezialität jeweils unnachahmlich weiß . Diese Gesundheit hinterhältiger Selbstüberschätzung ist eine Gottesgabe ; ohne sie wären die bedeutenden Zweitklassigen erdrückt , und jeder Grenadier müßte seinen Napoleon hassen . Wieviel haben davon Begeisterte und Anerkennende in ihrer Hingabe an fremde Größe nötig ? Mir aber war diese hygienische Selbstgefälligkeit in eben dem Augenblicke abhanden gekommen , da mich schon das Selbstgefühl meiner Kultur vor dieser Portion Indianerhütten verlassen hatte . Von Hingabe war darum nichts mehr in mir ; ich nährte mich von kleinen Zweifeln in Slims Persönlichkeit . Und doch , Slim war und blieb außerordentlich . Er war voller Widersprüche , aber er war der interessanteste Mensch , den ich mir noch heute vorstellen kann . Er machte den Eindruck launenhafter Gewissenlosigkeit , und am Ende stellte sich in seinem Schwanken Methode heraus . So besaß er große Körperkraft , sie machte sich selbst im Verkehr zwischen uns Weißen nicht immer ohne Drohung bemerkbar . Mir schien , er mache oft den billigsten Gebrauch davon . Er ließ seine maßlose Wut an den Indianern aus , wo es ungefährlich war , und ein anderes Mal stellte er uns zur Rede , weil wir ihm durch Krakeel bei den Rothäuten seine Position verdürben und uns unbeliebt machten . Er liebte , zynische Bemerkungen , und ich hielt ihn für platt . Ich war vergnügt , und