und durch die großen Entdeckungen der letzten Jahrzehnte an Reichtum immer noch zugenommen habe . » Das Unglück ist nur , daß des Geistes Gefäß zu eng ist , um alles aufzunehmen , « schloß er enthusiastisch . » Und selbst , wenn es groß genug dafür wäre , « meinte Konrad , » was hättest du davon , jeden Stern benennen , die Liebesregungen jedes Wurms beobachten , die Wirkungen jedes Elements berechnen zu können ? « » Was ich davon habe , du griesgrämiger Träumer ? ! « rief Walter , » was ich weiß , besitze ich ; zum Herrn der Welt macht mich die Erkenntnis . « » Die Erkenntnis vielleicht ! Aber du begeisterst dich nur für Kenntnisse - « Walter blieb mitten auf der Straße stehen , um dem Freunde gerade ins Gesicht zu sehen . » Versuch ' s einmal , Konrad , « sagte er eindringlich , » versuch ' s ernsthaft , konsequent , dir diese gering geachteten Kenntnisse anzueignen , die aller Erkenntnis Grundlage sind . Man muß überall von der Pieke auf dienen , wenn man etwas Tüchtiges werden will ; du hast nach einem Gipfel stürmen und die ermüdende Talwanderung vermeiden wollen . « » Ganz richtig , « antwortete Konrad heiter - der goldene Herbstglanz in der Luft , der die Baumreihen der einzigen königlichen Straße Berlins umspielte , hatte auch an seinem Himmel die Wolken verscheucht , so daß er in der Ferne , traumhaft , die siegkündende Göttin über dem Säulentor verheißungsvoll leuchten sah - » mit achtzig Pferdekräften durch die Täler sausen , nur auf die Gletscher und Felsen zu Fuß , das entspräche meiner Begierde . Aber du weißt ja , ich füge mich , da dieses Zeitalter das der Herden ist , und marschiere in Reih und Glied . « Er blätterte in seinem Notizbuch und zog den Freund mit sich fort . » Rasch - ich versäume den Anschluß : Einführung in die Nationalökonomie . « Er wurde ein ungewöhnlich fleißiger Student , der seinen Lehrern auffiel , aber es lag etwas Krampfhaftes in seinem Fleiß , und wenn Warburg , erstaunt über die Zähigkeit , die er entwickelte , seiner Freude darüber Ausdruck gab , sah er ihn mit spöttisch gekräuselten Lippen und einem eigenen Lächeln an , hinter dem eine wesenlose Trauer sich zu verbergen schien . Eulenburg erklärte ihm in seiner derben Weise wiederholt , daß es ein Zeichen beginnenden Irrsinns sei , morgens Philosoph , mittags Nationalökonom , nachmittags ein Sozio- , Physio- , Zoo- , oder sonst ein Loge zu sein - statt dem Feuergott lieber in irgendeiner Form persönlich zu dienen - und nachts infolgedessen eine Schlafmütze . Seine dringenden Einladungen , ihn in die Bars und Kabaretts zu begleiten , schlug Konrad ab ; statt dessen saß er zu Hause über den Büchern , die er sich fast täglich , wenn irgendein neues Thema ihn gepackt hatte , aus den Bibliotheken heimbrachte , oder besuchte , von Pawlowitsch angeregt , die Bildungskurse der Arbeiter , wobei ihn , wie er ehrlich gestand , die Zuhörer mehr interessierten als die Vorträge , und der Vortragende mehr als das , was er vortrug . Gleich an jenem ersten Abend , zu dem er durch den Russen eingeladen worden war , hatte er sich in seinen tiefgewurzelten Neigungen verletzt gefühlt , und der Aufruhr , in den er dadurch geraten war , hatte ihn die eigenartige Umgebung , in der er sich befand , fast vergessen lassen . Pawlowitsch sprach über die deutsche Literatur nach Goethe und kritisierte dabei die Romantiker als reaktionäre , aller Wirklichkeit abholde Träumer , die , von ungreifbaren Sehnsüchten erfüllt , zu schwach , um sich kämpfend den elenden Verhältnissen der Zeit entgegenzuwerfen , in der Weltflucht ihr Heil gesucht und das Leben zum Spiel gemacht hätten . Das Bild des alten Habicht , seines in Hochseß fast ein wenig geringschätzig behandelten Lehrers , tauchte in Konrads Erinnerung auf , wie er dem Knaben zuerst mit vor Rührung zitternder Stimme Hölderlins Hyperion vorgelesen hatte . Seitdem war der Dichter ihm ein Freund geworden , die ganze Periode der Romantik eine so vertraute , daß er sich unter den Schlegel und Tieck , den Brentano und Hardenberg heimisch fühlte und ihre Bücher ihn in der Bamberger Pension die kalte Fremde der Gegenwart oft genug verschmerzen ließen . Und Pawlowitsch kannte einen Hölderlin kaum , und die Gestalten einer Bettina Arnim , einer Caroline Schlegel erschienen in seiner Schilderung wie Typen überspannter Weiber . Kaum hatten sie sich nach dem Vortrag im Speisesaal des Gewerkschaftshauses wieder zusammengefunden - einem überaus nüchternen , schlecht erleuchteten und noch schlechter gelüfteten Raum , der an jenem Tage infolge des endlos plätschernden Regens draußen , und der vielen tropfenden Kleider und Schirme drinnen , besonders düster und ungastfreundlich war , - als Konrad seiner Empfindungen nicht mehr Herr blieb und ihnen lebhaften Ausdruck geben mußte . Pawlowitsch lächelte überlegen . » Die neue Jugend ! « sagte er , » sie ähnelt verzweifelt der von mir nach Ihrer Ansicht so übel behandelten von damals . Aber selbst , wenn Sie recht hätten , wenn ich mich wirklich einer Geringschätzung großer Künstler schuldig gemacht hätte - , was ich bestreite , denn es kommt auch in der Kunst nicht auf Inhalte , sondern auf Wirkungen an , - und Sie mich davon überzeugen könnten , ich würde meinen Vortrag nicht um einen Satz ändern . « » Also gegen Ihre Überzeugung sprechen , « unterbrach ihn Konrad entrüstet . Pawlowitsch machte eine abwehrende Handbewegung : » Ruhe , Ruhe , junger Freund ! Geschmack hat , noch dazu , wenn er schlecht ist , mit Überzeugung nichts zu tun . Wohl aber stehen meine Vorträge wie unsere ganze Bildungsarbeit innerhalb des Proletariats überhaupt im Dienste einer Überzeugung : der des Sozialismus , der des Klassenkampfes . Besser , hundertmal besser - « seine Augen begannen zu funkeln und sein Gesicht verlor den Ausdruck versteinter Ruhe , der es sonst beherrschte - , » ich vermittle meinen Hörern einen schlechten Geschmack , als daß ich sie auch nur einen Augenblick lang an ihrer Weltanschauung irre mache . « Ein paar Arbeiter , die dem Vortrag beigewohnt hatten , traten , von der lebhaften Unterhaltung angezogen , hinzu ; man rückte zusammen , und sie setzten sich . » Ganz richtig , ganz richtig , « nickte der eine , ein älterer Mann mit harten Fäusten und verwitterten Zügen , » Kunst und Dichtung sind für uns Mittel der Zerstreuung , Genüsse für die Feierstunden statt der Kneipe oder der blöden Witze der Possenreißer . Es ziemen uns nicht mehr die Laster der Unterdrückten , noch die müßigen Zerstreuungen der Gedankenlosen , sagt schon Lassalle . « Er hatte langsam und dozierend gesprochen , ohne Wärme . Konrad wandte sich ihm zu . » Grade von diesem Gesichtspunkt aus : daß Sammlung statt Zerstreuung , Anregung statt Einlullung des Geistes notwendig ist , « sagte er , » dürften Ihnen Dichter wie Hölderlin nicht vorenthalten werden . Eine Erhebung der Seele , eine Bereicherung des Gemüts geht von ihnen aus - « » Bleiben Sie uns doch mit dem Gemüt vom Leibe , « warf Pawlowitsch heftig ein , » diesem Alpdruck des Deutschtums , der auf allem lastet , was sich aus Schlaf und Traum befreien will ! Gemüt ! - Die Fessel am Fuß , an der ihr die Traditionen und Sitten der Vergangenheit mit euch schleppt . Gemüt ! - das euch an Scholle und Familie , an Kirche und Krone kettet ! Wissen Sie nun , warum ich die Romantiker ablehne , ablehnen muß ? All unsere Bildungsarbeit wird durch die Erfordernisse des Klassenkampfs bestimmt . Was ihn schwächen kann , darf keine Rolle spielen . « Wieder nickte der Arbeiter . » Nur solche Wissensgebiete sind für uns von Bedeutung , die uns unsere Stellung im Klassenkampf besser erkennen lehren , uns für ihn fähiger machen , « dozierte er . » Aber Wissen und Kunst sind doch zweierlei , haben im Grunde gar nichts miteinander zu tun , « sagte Konrad lebhaft , wobei er sich bittend nach Warburg und Else Gerstenbergk umsah , die bisher geschwiegen hatten . Beide lächelten ihn auch jetzt nur wortlos an , der eine in seiner versonnenen Art , die andere mit einem leisen Kopfneigen , wie dem der Zustimmung . » Ich verstehe den Herrn nicht , « mischte sich jetzt der jüngere Arbeiter ins Gespräch , ein blasser , schmalbrüstiger Mensch mit zusammengekniffenen Lippen . » Was ist uns heute zum Beispiel anderes vermittelt worden als Wissen ; und was will der Herr anders , als daß wir auch von den Dichtern , die er liebt , etwas erfahren , also noch mehr wissen sollen ? « Konrad blieb die Antwort schuldig . Er sah eine Kluft vor sich aufgerissen , viel breiter und tiefer , als die , welche er als zwischen den Klassen bestehend angenommen hatte . War sie wirklich nur ein Abgrund zwischen zwei Bergen derselben Erde , oder der Weltraum zwischen zwei Sternen ? Die Freunde verabschiedeten sich . Es regnete noch immer . Auf der Straße , vor dem roten Hause standen die Wasserlachen ; schwarz und träge floß der Kanal vorüber ; selbst über den Laternen hing der Regen wie ein Trauerschleier . » Diese Vergötterung des Verstandes ist die Entgötterung der Erde , « sagte Konrad . » Warum schweigst du übrigens immer ? Du wenigstens hättest mir beistehen können , dann hätte ich auch nicht schmählich die Flucht ergriffen . « » Mich packte das Schauspiel zu sehr , als daß ich Mitwirkender hätte sein mögen . « » Bequeme Ausrede ! « » Diese bewußte Beschränkung , diese Überzeugungstreue , die sich selbst zur Einseitigkeit verdammt , hat etwas Grandioses , « fuhr Warburg unbeirrt fort . In Konrads Kopf klopfte das Blut : » Und das sagst du ? ! du , der du all deine Klugheit , all deine Verstandeskühle daran setztest , um mich den Frevel bewußter Beschränkung , einseitiger Überzeugungstreue einsehen zu lehren , auf der die katholische Kirche ihre Geisteszwingburg baute ? ! « » Noch freue ich mich , daß es gelang , « entgegnete Warburg , » trotzdem werde ich , historisch betrachtet , auch die Großartigkeit ihrer Politik anerkennen . Vielleicht , « fügte er in zögerndem Nachdenken hinzu , » ist sie die notwendige Voraussetzung allen Erfolgs . « » Damit gibst du zu , daß von Rechts wegen eine Tyrannis die andere abzulösen hätte , « rief Konrad . » Ich hüte mich wohl vor solch voreiligen Schlußfolgerungen . Ich konstatiere nur Tatsachen , « meinte Warburg , der , die Arme im Rücken verschränkt , den Kopf vorgebeugt , mit den gesenkten Augen gleichsam an der Erde suchend neben dem Freunde herging , dessen Blicke hin und her flackerten , sich hier an einem Gesicht , dort an einem Wolkengebilde festsaugend , um es rasch wieder loszulassen . Jetzt blieb Konrad mit einem leichten Aufstampfen des Fußes stehen . Erstaunt sah Warburg auf . » Zum Teufel mit deiner Objektivität ! Überlaß doch so was den Mummelgreisen , die , weil sie selbst eine Brille auf der Nase tragen , das kalte Auge der Wissenschaft preisen . Ich will nicht anschauen ; ich will erleben - erleben ! Ich forsche nicht nach dem Ding an sich , sondern danach , was es für mich ist , für mich sein kann . « Warburg lächelte ein wenig überlegen . » Darum bist du ja auch , wie ich schon immer sagte , von Natur awissenschaftlich , « sagte er , » hättest ein Kriegsmann oder ein Künstler werden sollen . « Konrad schwieg verletzt und grub die Zähne tief in die Unterlippe . Der Freund , dachte er , hätte wissen müssen , daß er eine seiner wundesten Stellen traf . Soldat ! - Das hatte ihn zeitenweise in Träume von Krieg und Ruhm verwoben , ihm als köstlichstes Ziel vorgeschwebt , aber dann sah er die Wirklichkeit : Uniformprotzen , Rekrutendriller , die Wunsch und Sehnsucht rasch erstickte . Künstler ! - Leidenschaftlich hatte er ein paar Jahre lang Geige gespielt , - mit viel Talent , sagten die Lehrer , - um das Instrument schließlich , als er sich ohne Erfolg mit einer eigenen Komposition gequält hatte , fast mit einem Gefühl von Ekel beiseite zu legen . Auch Gedichte hatte er gemacht , - er betonte , wenn er davon sprach , sich selbst verhöhnend , das » gemacht « , - und hütete sich später ängstlich , irgendeinen rhythmischen Einfall zu Papier zu bringen , weil er » nicht geworden und gewachsen war « . Die Freunde trennten sich ernstlich verstimmt und sahen sich in der nächsten Zeit nur flüchtig . Auf Konrads Schreibtisch , der ihm im kühlen Lichte dieser Tage nicht einmal grotesk erschien , sondern in seiner absurden Häßlichkeit einen beinahe lächerlichen Eindruck machte , häuften sich danach Bücher sozialistischen Inhalts . Lange Zeit hindurch stand er unter dem berauschenden Einflusse Lassalleschen Pathos . Er wälzte abenteuerliche Pläne im heißen Kopf : Die Gefesselten befreien , die Entrechteten zur Würde sich selbst bestimmenden Menschentums erheben - welch eine Aufgabe wäre das ! Doch wenn er dann , ganz erfüllt , mit vor Tatenfieber klopfenden Pulsen andere sozialistische Zeitungen und Broschüren zur Hand nahm , oder in Versammlungen ging , bei deren Besuch er sich allmählich von Pawlowitsch emanzipierte , der ihn zu leiten , ja zu beherrschen suchte , so wurde der Eindruck immer stärker , daß das reine Gold der ursprünglichen großen Ideen auf der einen Seite gegen die Kupfermünzen alltäglicher Sorgen und Erlösungen , auf der anderen Seite gegen die abgegriffenen gedruckten Anweisungen auf illusorische Schätze eingetauscht worden war . » Ideen werden altersschwach , sobald man sie auf die Flaschen des sogenannten gesunden Menschenverstandes zieht , « sagte er einmal in einer Stunde tiefer Depression zu Pawlowitsch ; » so geht das Christentum am Protestantismus zugrunde . « » Und der Sozialismus - woran ? « frug der Russe , während sein rechter Mundwinkel sich sarkastisch in die Höhe zog . » Das vermag ich nicht zu bezeichnen ; es ist auch wohl vermessen , angesichts der Millionen seiner Anhänger vom Zugrundegehen überhaupt zu sprechen , « entgegnete Konrad , » nur - es wirkt so entmutigend , ernüchternd , wenn man die Nachkommen seiner Helden und Märtyrer sieht : trockne Schulmeister , korrekte Beamte . « » Entmutigend ? ! Ernüchternd ? ! « wiederholte Pawlowitsch mit hartem Auflachen . » Sie sind sehr maßvoll , Herr Baron ! Eher sollte der Sozialismus ganz zugrunde gehen , als daß er nach den Idealen jener Schulmeister und Beamten etwa in Konsumvereinen und Baugenossenschaften seine sogenannte Erfüllung fände ! Aber noch sind wir da - wir ! « und ein triumphierendes Leuchten glitt über seine Züge . » Wir « , das war der Freundeskreis des Russen , eine Gruppe radikaler Sozialdemokraten , fast nur Slawen und Juden , mit der auch Konrad zuweilen zusammenkam . Hier war Leidenschaft , hier war Empörung , - aber jene kalte und verbissene , die nur das Resultat einer ununterbrochenen Kette von Unterdrückungen sein können ; hier war Überzeugungstreue , aber eine , die religiöse Wärme in die Eisluft grausamen Fanatismus wandelt . Hier war Sehnsucht , aber vor allem jene negative der Hassenden , deren deutlichstes Ziel Rache ist und Zerstörung . Stets war es ein Gefühl des Fröstelns , das Konrad aus dieser Umgebung heimwärts trieb . Mit einem erleichterten Aufatmen pflegte er dann nach seinen geliebten Dichtern zu greifen , bald alles um sich her vergessend ; in rhythmischem Tonfall , fast ein wenig psalmodierend wie die katholischen Priester , las er erst leiser , dann lauter und lauter sprechend die tönenden Verse vor sich hin , im Takt im Zimmer auf und nieder schreitend . Wenn Giovanni ihm den Tee servierte - eine alte Hochsesser Gewohnheit , die er wieder aufgenommen hatte - , unterbrach er sich kaum ; das Summen der Flamme , das Brodeln des Wassers erschien ihm vielmehr wie die Begleitung seiner Melodien . Einmal - Giovanni war in ein Varietétheater gegangen , Erinnerungen an die eigene Kunst schienen ihn immer häufiger hinzuziehen , was Konrad lächelnd geschehen ließ , gönnte er doch dem alten Manne dies bißchen wiedererwachende Lebensfreude - brachte Gina , die Bucklige , den abendlichen Imbiß ; vergebens hatte sie vorher an der Türe geklopft , er hatte , von den musikalischen Akkorden Georgescher Verse hingerissen , ihr Pochen überhört . Leise , daß nichts dazwischen klirrte , deckte sie den Tisch , mit den feinen Fingerchen Glas und Porzellan , Brot und Obst zierlich ordnend . Erst als das Wasser im Kessel zu rauschen begann , bemerkte Konrad die Kleine . Sie stand bewegungslos , die blassen Lippen halb geöffnet , die großen Augen auf ihn gerichtet , in ihrem roten Kleidchen an den grünen Teppich gelehnt ; die braunen , lockigen Haare bedeckten barmherzig den Höcker , so daß sie einem Elflein glich , das dem Walde entsprungen war , um der tiefen Menschenstimme zu lauschen . » Du , Gina ? « sagte Konrad lächelnd . Wie gut paßte dies hauchzarte Kind in die Stimmung des Abends . Sie stammelte eine Entschuldigung , um gleich darauf , aus dem Erstaunen erwachend , den nunmehr am Tisch Sitzenden mit ruhiger Grazie zu bedienen . Ihre Füßchen versanken lautlos im Teppich , und jede Bewegung schien bei all ihrer Natürlichkeit doch von großer Kunst diktiert , denn niemals wandte sie dem jungen Mann den verunstalteten Rücken zu . Eine wohlige Behaglichkeit breitete sich um ihn aus ; die Mahlzeit dauerte länger als sonst , denn Konrad mußte immer wieder auf die zarten Hände , in das strahlende Gesichtchen , auf die weichen Locken des Mädchens schauen , in denen Goldreflexe spielten , und es trieb ihn , den wehmütigen Mund lächeln zu sehen . » Liebst du Gedichte ? « frug er sie . » Ich hörte sie nie , « sagte sie . » Auch nicht in der Schule ? « forschte er weiter . » Nie ging ich zur Schule « - voll Beschämung den Blick gesenkt , gestand sie ' s. » Nach dem Sturz war ich jahrelang krank ; erst jetzt lernt ' ich gehen . « » Dem Sturz ? ! Wann war das und wie ? « Noch tiefer fiel ihr Köpfchen auf die schmale Brust , die Haare glitten zur Seite und enthüllten den Höcker . » Ich lernte turnen auf ihren Schultern , « flüsterte sie stockend , » oh , sie war böse damals ! Sie hatte so sehr auf die neue Nummer gehofft ! « » Die Mutter ? « staunte er . Sie nickte . » Doch nun ist sie gut , weil Sie hier sind , « ein schwärmerischer Blick heftete sich auf ihn , » weil Giovanni ihr mit den Hunden eine neue , viel schönere Nummer lehrt . « Darum also war der Alte stundenlang bei Frau Wanda im Zimmer , aus dem dann ein vielstimmiges Konzert von Hundegebell , Weibergekreisch und dem Gelächter eines zahnlosen Mundes hervordrang ! Konrads Schweigen rief in des Kindes Zügen den Ausdruck jäher Angst hervor . » Sie werden doch nicht fortziehen ? « murmelte sie , die Hände ineinander ringend , » weil die Mutter eine Jongleuse ist ? « Er strich ihr beruhigend die Haare aus dem Gesichtchen ; seltsam , wie heiß es war und doch unverändert schneeweiß . » Ich bleibe und wenn du willst , lehr ' ich dich lesen . « » Oh ! « wie heller Jubel klang ' s , von einem großen dankbaren Blick begleitet . Von nun an brachte sie ihm regelmäßig den Tee , ohne daß der sonst so eifersüchtige Giovanni sie daran gehindert hätte . Er schien in den Unterricht der gelehrigen Schülerin , in die Beobachtung ihrer Erfolge auf der Bühne ganz vertieft ; er veränderte sich aber auch zusehends im Äußeren , indem er auf seine Toilette größere Sorgfalt verwendete und sich krampfhaft gerade zu halten suchte . Eines Tages entdeckte Konrad sogar , daß er sich die Haare wieder gefärbt hatte . Das widerte ihn an , und um so lieber ließ er sich des Kindes Dienste gefallen . Eine Atmosphäre zarter Sorgfalt verbreitete sich um ihn , mit der nur die Zärtlichkeit eines Weibes den Geliebten zu umgeben vermag . Sie lernte um seinetwillen die Treppen gehen und erschien , wovor sie sich stets so sehr gefürchtet hatte , ohne Scheu unter dem aufkreischenden Kindervölkchen des Enckeplatzes , um täglich mit frischen Blumen seine Tafel zu schmücken ; ja , sie wagte es schließlich sogar , bis zur Markthalle zu gehen , um mit sicherem Blick die schönsten Früchte für ihn auszusuchen . Blieb er dem Hause fern , so kauerte sie vor seinem Schreibtisch , eifrig Lettern malend und buchstabierend , bis sie ihn eines Abends strahlend mit dem Vorlesen eines Gedichtes überraschte , seinen Tonfall und seinen Rhythmus genau nachahmend . Und jede Nacht , er mochte heimkommen , wann er wollte , kroch sie , vom leisesten Geräusch seines Schritts erwachend , aus dem Bett , warf sich ihr rotes Kittelchen über und brachte ihm frisches Wasser . Sie hatte bemerkt , daß er es sich sonst selbst zu holen pflegte . Alle Ereignisse ihres kurzen Lebens vertraute sie ihm allmählich an , Erlebtes und Geträumtes dabei seltsam durcheinander mischend . Wer der Vater eigentlich gewesen war , wußte sie nicht ; so viele Männer seien immer aus und ein gegangen , lärmende Leute , die alle Sprachen durcheinander schwatzten , Kunstreiter und Clowns . Ein alter Mann mit einem bösen Gesicht - vielleicht war ' s der Vater gewesen - habe sie einmal alle hinausgeworfen , die Treppe hinunter , ganz gewiß ! Sie erinnere sich genau , wie sie hinabgekollert wären , einer über den anderen , und wie der Clown schließlich grinsend auf den Händen gegangen sei . Und dann war die Tänzerin dagewesen , die einzige , die die kleine Gina lieb gehabt hatte ! Süßigkeiten brachte sie ihr mit und nähte Kleider für ihre Puppen und küßte sie - ach , seitdem sie den Höcker hatte , mochte sie niemand mehr küssen , niemand ! Sie sei gestorben , sagten die Leute , aber sie wisse es besser : mit eigenen Augen habe sie gesehen , wie die Gute , Schöne in heller Mondnacht in ihren vielen , vielen , weißen Röckchen zum Fenster hinausgeflogen sei , - » zu den Sternen , die der alte weiße Zaubrer drüben in sein großes Glashaus fangen kann . « Konrad hörte ihr zu und störte sie mit keinem Wort in ihren Träumen . Er wußte , wie weh das tut , und er war doch ein gesundes Kind gewesen ! Manchmal , wenn es dunkelte , fuhr er mit ihr durch die Stadt in den Tiergarten . Sie hatte niemals andere Bäume gesehen als die des Gartens der Sternwarte , nie andere Straßen als die dunklen , schmutzigen der nächsten Nähe . Er schämte sich vor sich selbst , daß er am hellen Tage das Gelächter der anderen über seine seltsame Gefährtin fürchtete , aber er fühlte bald , wie die Dunkelheit auch das Kind vor den zudringlich mitleidigen Blicken schützte , die sie roh aus der Traumwelt , in die sie versetzt wurde , gerissen haben würden . Jetzt war ihr der Tiergarten eine Welt voller Wunder , die schwarzen kahlen Bäume verhexte Riesen , die stillen Wasser der Nixenpaläste schimmernde Dächer und die bunten Lichter der Stadt der Nacht kostbares Geschmeide . Mehr als er es sich selbst gestand , erfüllte dies Kind sein Leben und ließ ihn das unstillbare Sehnen vergessen , das ihn so oft zu verzehren gedroht hatte . Wie seine reine Seele sich vor ihm erschloß , sein unbeirrbarer Verstand sich entwickelte , sein Herz , gleich einer Wasserrose , die auch aus dem tiefsten Schlamm in weißem Gewande leuchtend emporsteigt , ihm entgegenblühte , - das alles ward ihm zur täglichen Freude , zu um so größerer , als er sie tief in sich verschloß . Niemand , auch Warburg nicht , wußte von seinem Umgang . Gina verkroch sich , sobald Konrad Gäste hatte . Seine gleichmäßigere Stimmung , die Heiterkeit seines Wesens , die auch trübe Stunden durchleuchtete , schob der Freund auf die Befriedigung , die das Studium ihm mehr und mehr gewährte , auch auf den anregenden Umgang , der sich allmählich entwickelt hatte . Trotz aller Gegensätze , oder vielleicht grade um ihretwillen - denn das ist der Unterschied der Jugend vom Alter , daß sie Widerstände aufsucht , die das Alter zu vermeiden sucht , wie sie aus lauter Kraftgefühl Felsen erklettert , statt gebahnte Wege zu gehen - , hatten sich die Beziehungen zu Pawlowitsch mehr und mehr zu freundschaftlichen gestaltet . Sie saßen oft stundenlang debattierend beieinander , besuchten sich auch bald in ihren Wohnungen , wobei Konrad die Entdeckung machte , daß der Russe , dessen freie Ehe mit Else Gerstenbergk bekannt war , nicht mit ihr zusammenwohnte . Er hauste in ein paar Stuben von puritanischer Einfachheit , die erst bei näherem Zusehen den bizarren Geschmack des Bewohners merken ließen : an den Wänden hingen neben Photographien Rubensscher Gemälde - die üppigsten Frauenleiber leuchteten in hundert verschiedenen Stellungen daraus hervor - , Radierungen von Käte Kollwitz , aus denen das Elend grinste und der Blutrausch schrie ; und über dem schmalen Feldbett befand sich eine goldumrahmte Kopie der schwarzen russischen Madonna , an der die Opfergabe eines silbernen Herzens hing . » Glauben Sie , « sagte Pawlowitsch , » ich würde so heftig gegen Gemüt und Traditionen wettern , wenn ich sie nicht noch in mir zu bekämpfen hätte ? Das da gehörte meiner Mutter . Dies Herz opferte sie um meinetwillen , als ich mich von ihr und ihrem frommen Glauben schied . Sie starb , während ich auf der Peter-Paulsfestung war . Nicht einmal ihren letzten Wunsch , mich segnen zu dürfen , erfüllte man ihr . Darum laufe ich wohl auch - « schloß er mit rauhem Lachen - » als ein Gezeichneter durch die Welt . « Zuweilen lud er die Freunde zu Else Gerstenbergk ein ; dann wußten sie im voraus , daß er in jener seltenen weichen Stimmung war , die einen anderen Menschen aus ihm machte . Mit einem freudigen Rot auf den Wangen , das sie fast schön erscheinen ließ , trat ihnen dann die Hausfrau entgegen , sie in das Zimmer führend , das sie mit den alten Möbeln ihrer verstorbenen Eltern ungemein behaglich eingerichtet hatte . Familienbilder , die verrieten , daß die Bewohnerin einer Sippe von Beamten und Offizieren entstammte , hingen an den Wänden , auf den Fensterbrettern blühten Hyazinthen , der Nähtisch davor zeugte von vieler Benutzung . » Sie hätte zu Ihrer Zeit leben müssen , « sagte Pawlowitsch , den Arm um ihre Schultern gelegt , als er Konrad das erstemal bei ihr willkommen hieß , » das heißt zur Zeit der Schlegel und Tieck natürlich ! Und sollte eigentlich um irgendeinen königlich preußischen gefallenen Freiheitshelden trauern . Statt dessen ist sie im Zorn des Himmels eines lebendigen Revoluzers Liebste geworden . Eine tapfere Liebste ! « fügte er , ihr ritterlich die Hand küssend , hinzu . An jenem Abend war er besonders mitteilsam . Draußen tanzten die Schneeflocken gegen die Fensterscheiben , um sich auf der Straße in naßgrauem Schmutz aufzulösen ; in dem altmodischen Kachelofen , der breit und behäbig eine Ecke des Zimmers völlig einnahm , brannte das Feuer . Der Russe lehnte daran , während Else ab und zu ging , um das Abendessen aufzutragen . » Wie gemütlich es bei Ihnen ist ! « sagte Warburg . Pawlowitsch lachte : » Wenn es nicht Winter wäre , ich würde imstande sein , Sie auf Ihr liebenswürdiges Urteil hin , das ich leider als berechtigt anerkennen muß , ohne Umstände der gütigen Wirtin allein zu überlassen . Wissen Sie , warum die Engländer trotz aller Demokratie so fest mit ihren Traditionen verwachsen sind , warum die Deutschen trotz aller umstürzlerischen Ideen Philister bleiben und die Russen trotz der leidenschaftlichsten Freiheitsbegeisterung die Revolution nicht durchgeführt haben ? Weil der lange Winter die häusliche Gemütlichkeit gezeitigt hat , weil das Herdfeuer , ein wahres Symbol besonders des Germanentums , die Menschen von der schmutzigen Straße und der rauhen Öffentlichkeit weg in den Schoß der Familie zieht . Ein alter allgemeiner Brauch bestätigt meine Auffassung : im Frühling freit der Bauer , damit er im Winter unter Dach und Fach ist . « Else kam mit der Obstschale und bat zum Essen . Sie setzten sich um den runden Tisch . » Auch den Liebeskünsten dieser Frau ist der Winter der beste Bundesgenosse gewesen , « sagte Pawlowitsch , sie mit einem zärtlichen Lächeln betrachtend . » Erfroren , innerlich und äußerlich , kam ich aus Rußland . Diese Frau öffnete mir die Tür zum warmen Zimmer . Es bedurfte des ganzen Restes meiner Energie , um mich dem Sturme draußen nicht ganz zu entwöhnen . « » Danach wäre die Ehe die kostbarste Waffe des Staates im Kampfe gegen die Revolution , « meinte Warburg . » Sicherlich , « erwiderte der Russe mit scharfer Betonung , » sie ist das Mittel für alle Unterdrückung , geistige und physische : der junge Mann , der eben noch , strotzend von Kraft , glühend von Begeisterung , eine Welt zu erobern oder eine zu vernichten gedachte , wird in ihren Armen zum gesitteten Bürger , der vor jedem Idol staatlicher Macht den Rücken