, und da durften Allert und Raspe mit ihren kleinen Gießkannen Wasser aufholen und dem Gartenknecht helfen , die Sellerieknollen zu begießen . - Drüben dehnten sich die Wiesen , und die schwarz-weißen Kühe lebten da ihr schwerbewegliches , wiederkäuendes , plump-beschauliches Leben auf dem grünen Grunde . Und irgendwo im Garten gab es eine Stelle , wo Allert und Raspe als Sechs- und Siebenjährige ihren Phylax begraben hatten . Vater Meyns , der abends mit seinen weißen Haaren und seinem runzligen Diplomatengesicht , getrockneten Waldmeister rauchend , vor der Stalltür saß , machte ihnen aus schmalen , flachen Brettern ein Kreuz . Und Allert schrieb mit seinen ersten , steifen Kinderbuchstaben darauf : » Hier ruht in Gott der treue Filacks « . Mit Oelfarbe zogen sie dann die Bleistiftbuchstaben nach , und dadurch wurden sie beinahe ganz unleserlich ... Oft in ihrem Kampf ums Vorwärtskommen hatte Sophie voll vergehender Sehnsucht an all diese Stätten gedacht . - Sie wiederzuerwerben , sie ihren Kindern zurückgeben zu können , die alte Scholle der Familie in neuem Glück und Leben bessere Frucht tragen zu sehen , einen verheirateten Sohn , von Kindern umgeben , dort zu wissen , wenn sie einmal stürbe - das war ihr Ziel . Sie wußte längst , allein konnte sie das nicht . Dazu wuchsen die Ersparnisse zu langsam . Allert hatte einst versprochen : ich helfe dir . Aber er lernte rasch begreifen , daß ein kaufmännisches Geschäft , ob es sich mit Fabrikation oder mit Handel befaßte , gerade war wie ein Erdboden : sollte es ertragskräftig werden und in immer wachsendem Maße bleiben , so wollte es auch gedüngt sein - mit Gold . Auf viele Jahre hinaus mußte jeder Gewinn hineingesteckt werden . Anders war es ungesund . Da baute sie sich eine andere Hoffnung auf : wenn Raspe eine Frau nimmt , die er liebt , und die wohlhabend ist ! Eine Frau ist ja glückselig , wenn sie das Ihrige dem geliebten Mann in die Hände legen darf . Und jetzt - heute abend - jetzt trat die Hoffnung aus dem fernen , unbestimmten Dunst klarer heraus - schien sichtbare Gestalt zu werden . Ihr Mutterherz ertrug kaum diese glückliche Unruhe , von der sie erfaßt wurde . Geschlossenen Auges stand sie in der Stille und sah und hörte : Sommerabend war es , und zwischen den Büschen des Gartens hatte sich , vom sonnigen Tage her , die Wärme verfangen . Vom fernen Graben her kam das leise plaudernde Gequake der Frösche . Der Himmel im sanften Grau dunkler Perlen stand voll unendlichen Friedens . Und durch diese liebliche Abendruhe ging sie . Und neben ihr schritt ein glückseliges junges Paar . Oh , wenn sich dieses Hoffen zu einem Erleben gestalten sollte ! Es war Sophie , als ob sie dann für alles Glück , was ihr selbst versagt worden war , ganz entschädigt sein würde . Sie lächelte strahlend ... Die beiden jungen Menschen gingen indes durch das lebhafte Treiben der winterlichen Weltstadtstraßen . Tulla sagte gleich : » Nicht fahren - bitte . Wir kommen trotzdem zur rechten Zeit hin - vor zehn - das müssen wir - weil doch Ihre Mutter es wollte . « Er merkte : ihr lag daran , durchaus dem Wunsch seiner Mutter zu gehorchen . Das war nun ein merkwürdiges Zusammenwandern : auf Tritt und Schritt abgestimmt . Und die Gleichmäßigkeit des Ausschreitens gab irgendwie ein sicheres Gefühl - als gehöre man von jeher zueinander . Tulla merkte nichts von all den Menschen , die an ihnen vorbeikamen , nichts von Gedröhn der vorüberfauchenden Autos , nicht den Schnee , der als schon angebräunte Schanze sich zwischen Bürgersteigen und Fahrdamm hinzog , nicht den grellen und ungleichen Glanz der tausendfältigen Belichtung . In ihr sang und klang das junge Leben rasch emporgeflammter Liebe . Sie hatte es sich immer gedacht : auf den ersten Blick müsse es kommen . Und daß es sich so erfüllte , machte sie wie berauscht vor Glück . Herrlicher hätte es gar nicht sein und werden können . Ganz gewiß würde Papa mit tausend Freuden alles gebilligt haben . Der Sohn der von ihm so unendlich verehrten Frau ! Wem hätte er seine Tochter lieber geben sollen als diesem . Ja , man konnte geradezu sagen : durch Papa war es so gekommen . Er hatte sie diesen unvergleichlichen Menschen zugeführt . Er hatte ihr die Briefe anvertraut - vielleicht sogar in dem bestimmten Wunsch , daß sein Kind ihr Glück durch einen der Söhne seiner Freundin finde . Tulla war , als ihr dieser Gedanke kam , durchaus geneigt , anzunehmen , daß Papa es so gemeint habe ... Und Mama ? Gott , Mama war so mit sich beschäftigt - und Tulla konnte sich eigentlich gar nicht vorstellen , wie sie nun , als erwachsene Tochter , mit und neben Mama leben solle . Es schien einfach so , als ob neben Mama kein Platz sei . - - Es würde ihr ganz gewiß höchst angenehm sein , die Tochter in einer frühen Heirat gleich untergebracht zu wissen . Zweifellos gab das auch allerlei Unterhaltung für Mama , gerade im ersten Trauerjahr - noch heute mittag hatte sie gesagt : wenn ich nur erst wüßte , was man jetzt anfängt , am besten wird es sein , man geht auf Reisen . - So sah Tulla gar keine Hindernisse . Und auf das merkwürdigste mischten sich bei ihr in den seligen Rausch erster Liebe all diese Erwägungen . Sie dachte sogar daran , daß Mama sehr reich sei , und freute sich dessen , denn falls der geliebte Mann , wie sie vermutete , nicht viel oder gar nichts habe , so machte das nichts aus . Einer mußte Geld haben , natürlich . Aber wer - das war egal . Fiffi v. Samelsohn hatte noch neulich gesagt : das kann unsereiner wenigstens haben - wir können heiraten , wen wir wollen - - Eine jubelnde Sicherheit war in ihr . Nichts blieb in dämmernder , beklemmender Angst . Sie wunderte sich zuerst nicht einmal , daß Raspe in ernstem Schweigen neben ihr ging . Sie fühlte : auch in ihm stürmten die Gedanken ... Mitten in ihrer grenzenlosen Aufregung fiel ihr etwas ein . Hatte sie nicht etwa durch diese und jene Bemerkung bei Raspe und seiner Mutter Vorurteile gegen Mama erweckt ? Das war gewiß nicht ihr Wille . Und sie sagte : » Witte , seien Sie offen - mir kommt es beinahe so vor - es hat doch nicht ausgesehen , als wollt ' ich Mama kritisieren ? Oder lebte nicht in Frieden mit ihr ? « » Allerdings « , antwortete Raspe ehrlich , » hatte ich den Eindruck , als ob Ihr Vater Ihnen näher gestanden habe . « » O ja - natürlich - das tat Papa natürlich . - Und das ist wohl so - man kritisiert ja doch die Eltern immer ' n bißchen - sie sollten mal Lille hören - Papa war wundervoll . Lieb und geduldig und immer vornehm . Mama hat eben mehr Temperament - und schön ist Mama ! Oh , Sie werden staunen . Immer , wenn sie mit Viktor oder Harald ausgeht , denken die Leute , sie sei die Schwester - so schöne Menschen , die dürfen ein bißchen egoistischer sein - nicht ? Mama ist oft bezaubernd , Sie glauben nicht wie . Wenn sie lustig ist und da Dinge oder Menschen sind , die sie unterhalten . Mann kann ihr dann gar nicht widerstehen ... Ich hab ' Mama ganz gewiß ebenso lieb , wie andere Kinder ihre Mutter haben , « versicherte sie . Ihr Ton wurde nach und nach zitternd , weinerlich - zum Schluß beschwörend . Die Art , wie er sie sprechen ließ , schien ihr plötzlich so abwartend , so bedrohlich . Wie ein Blitz fiel die Furcht in ihr Herz und verbannte sofort alle jubelnde Zuversicht ... Gewiß , er hielt sie für unkindlich und kaltherzig - er , der so innig mit seiner Mutter stand . Ihr Ton verriet so genau , was in ihr vorging . Raspe verstand es , und es rührte ihn . Er beruhigte sie : » Wie sollte ich daran zweifeln dürfen . Und das ist ja eine bekannte Sache , von der man oft hört : die Tochter steht dem Vater , der Sohn der Mutter näher . Darin ist wohl ein tiefer Sinn ... « » Ja , « sagte Tulla eifrig , » ja - ich stand Papa wirklich näher ... « Es kam ihr zum Bewußtsein , daß sie schon in der Friedrich-Wilhelm-Straße waren . Ihre Füße wurden ihr schwer . Sie ging immer langsamer . Mit jedem Schritt vorwärts entschwand das sichere Glücksgefühl mehr und mehr . - - All diese äußeren Dinge , die ihr gleich so gegenwärtig gewesen , versanken - das ganze Leben löste sich in schreckhafte Unbestimmtheiten auf . - Noch fünf Minuten - und man mußte sich trennen . - Mit welchem Wort würde es sein ? Raspe zögerte auch . - Er fühlte wohl : es war ein unreifes , junges Geschöpf , das da an seiner Seite ging , ihm zugewandt mit sehnsüchtigem Blick und erwartendem Herzen . Aber was ist Unreife . Ein holder Zauber mehr , wenn alle Möglichkeiten zur Reife da sind ... Waren sie es ? An Gemüt und Verstand , an Anmut des Wesens und des Körpers fehlte es dem Mädchen nicht - Ein rechter Mann konnte wohl alles aus ihr machen . Konnte er ? Eine schwere , ernste Frage - nicht im jähen Sturm daherbrausender Liebe zu erwägen - sondern in langsamer Prüfung - - Die dunkeln Augen sahen ihn flehend an - rührende Demut stand jetzt in dem feinen Gesicht , das so weiß schien , weil der feierliche Trauerpomp der schwarzen Schleier seinen Hintergrund und Rahmen bildeten . Er nahm sich zusammen - als ein rechter Mann , der er war . Denn auch für ihn war dies kein Winterabend voll Schnee und Kälte und Weltstadthelle und Lärm - Eine wunderliche Stimmung wollte ihn bezwingen - Noch niemals hatte er sich so erhoben , so voll Stolz und Kraft gefühlt - Frühlingsfreude war in ihm - die berauschende Empfindung , als bräche eine neue Lebensjahreszeit an . - Nun waren sie schon bei dem ersten der hohen Sandsteinpfeiler , die das Eisengitter stützten und gliederten , und hinter dem verschneiten Vorgarten erhob sich das prächtige Haus . Zwei Fenster im ersten Stock waren von einer sanften Helligkeit erfüllt . Alle andern von weißen Stores fest verhangen . Aber selbst in diesem Schweigen , in dieser Ruhe wirkte es wie ein Bau hochmütigen Reichtums . Man sah es diesen Mauern an , daß sie Luxus umschlossen und glänzende Lebensgewohnheiten . - - Kein Haus für einen deutschen Offizier , der andere Ideale hat , als in breitströmender Ueppigkeit genießend mitzugleiten . - » Hier sind wir , « sagte Raspe . Sein Ton war gedrückt . Er fühlte wohl , es war ein seltsam inhaltsschwerer Augenblick . Ein zitterndes junges Herz erwartete ein Abschiedswort , darin irgendeine Verheißung verborgen sein solle - irgendeinen Blick - eine Andeutung - an die sich Hoffnungen klammern konnten . Und sein Gewissen verbot ihm , sich zu verraten . Am liebsten hätte er ja dieses feine , liebe Gesicht zwischen seine Hände genommen und die dunkeln Augen geküßt , um die bangen Fragen , die darin standen , zärtlich zu bejahen . Wie konnte er ? Wie durfte er ? Kenne ich sie ? Kennt denn sie mich ? dachte er . Sie standen schweigend . Vielleicht , nein , gewiß nur ein paar Sekunden lang . Und sie sahen sich an ... War denn das möglich , daß sie gestern noch nichts voneinander gewußt hatten ? War denn nicht von jeher jede schöne Stunde ihres Lebens schon eine gemeinsame Freude gewesen ? Das Wunder dieser Nähe , dies Gefühl von uralter Zusammengehörigkeit benahm sie ganz . Raspe dachte : ich bin der Mann - ich muß ein Ende machen . - Sie standen gewiß schon eine unermeßliche Zeit ... Tulla zitterte . Sie hatte eine qualvolle Angst . Wenn sie jetzt auseinandergingen , ohne ein Wort der Hoffnung , war es dann nicht eine so furchtbare Trennung , als risse man Zusammengewachsenes auseinander ? » Leben Sie wohl , « sagte Raspe , » ich fahre morgen früh in meine Garnison zurück . « Tulla legte ihre Hand in die seine - diese schmale , kalte Hand - die ihn rührte , die sich so in die seine legte , als gehöre sie dahin . » Sehe ich Sie wieder ? Bald ? « ... fragte sie . Sie dachte : bald ? Ach , seine Mutter geht ja fort - es kann nicht bald sein . Und sie setzte hinzu : » Aber einmal - später - einmal ? « Sie wußte selbst nicht , wie flehend es klang . Und er sagte herzlich , dennoch aber in voller Selbstbeherrschung alles niederringend , was ihn fortreißen wollte : » Ich hoffe . « Nun kam Sophie in eine ihr ganz neue Welt hinein . Das war es gerade , was ihr Gemüt gebraucht hatte . Und anstatt von dem erlittenen Schmerz zerbrochen zu werden , erhob sie sich daran , ordnete ihn ihrem Wesen und seelischen Besitz ein und erstarkte zu reiferer und mutvollerer Arbeit . Denn in jeder Frauenarbeit , besonders in der Kunst , steckt ein gut Teil Trotz gegen das Schicksal . Anfangs benahm ihr Hamburg ganz den Atem . Das war ja ein verblüffender Unterschied gegen Berlin . In Berlin sah man die gewaltige , endlose , fast betäubende Bewegung des Handels im Kleinverkehr - dieses Kleinverkehrs , der die Massenanhäufung von Waren in phantastischer Schnelligkeit aufzehrte und immer neue Unmengen verlangte und verschlang . - Es war gerade , als würfe die Fabrikation von allen Gebieten des Bedarfs her einem Riesenungeheuer immer neue Millionen von Kleidungsstücken , Eßwaren und gewerblichen Gegenständen aller Art zu , die das Ungeheuer unersättlich in sich aufnahm . Man hatte immer den Eindruck , als sähe man eine Milliarde sich in Pfennig- und Markstücke auflösen und durch die Straßen rollen . Das bloße Zusehen bei diesem Schauspiel war schon erschöpfend . Vom Großhandel sah man in Berlin nichts . Er verbarg sich in Kontoren und Höfen von Straßen , in die man nie hinkam , und beherrschte selbst da nicht das Bild des Lebens . Aber in Hamburg sah man eigentlich nur ihn , empfand nur ihn - fühlte die reichen Läden in einigen Straßen der Alstergegend nicht als hervorstechendes Merkmal - der Hafen triumphierte , dieses wogende Gebreite von Wasser , im stürmischen Grau der Wintertage , groß und düster - mit all diesen unübersehbaren , sich verzweigenden kanalartigen Armen - flutenden Straßen gleich , auf denen statt der Wagen Schiffe den Verkehr besorgten ; flink keuchende Fahrzeuge , mit dicken , aus Hanfstreifen geflochtenen Ballen an ihren Borden , Prall und Stoß abzudämpfen ; Motorboote , die puckerten und an Menschen erinnerten , die mit kurzen Schritten vorwärts hasten ; Dampfpinassen , die zuweilen einen greulichen Heulton ausstießen ; Schlepper , die vorsichtig dahinrauschten , um nicht zu hohe Wellen zu erzeugen ; Verkehrsboote voll von Menschen . Und an den Dückdalben und Landungsbrücken Namen , wie Straßenschilder . Ja , eine Verzweigung von Wasserwegen . Und sie führten alle zu den Teilen des Hafens , wo die Ozeandampfer lagen und ihre Leiber entlasten und füllen ließen . Aufgereiht waren die Schiffsriesen gleich einem Heer , das alle seine Regimenter hat einzeln Stellung nehmen lassen . An der Front eines jeden glitt auf unruhig bewegten Wogen der Hafenverkehr vorbei . Von den unübersichtlichen , wunderfein ineinandergegitterten Linien der Taue und des Mastwerks flatterten hoch die Flaggen , an deren Farben und Zeichen man erkannte , welcher Gesellschaft diese Gruppe gehörte , welche fernen Häfen ihre Bestimmung waren . Der Ozean , der ihr Feld war , schien sie zu umwittern - wie einen König die Majestät umgibt , auch fern von seinem Thron . An den Kais häuften sich die Warenballen und Fässer zu wundervollen Pyramiden oder hohen Schanzen . Das dröhnende Rasseln der schweren Lastfuhrwerke , die aus allen Straßen den Ufern zulenkten , hörte den ganzen Tag nicht auf . Dampf und Elektrizität gaben eisernen Hebebäumen die Kraft und Leistungsfähigkeit von hundert Menschenarmen - aber auch die Faust griff zu , und man sah , wie Stiernacken sich unter dem Gewicht von schweren Säcken neigten . Jeder dieser großen Dampfer schien eine Welt für sich , voll atemlosen Lebens , voll Eile , voll krachenden Getöns , rasselnden Kettengeklirrs . Spröde Laute zogen durch die Luft , als ob auf hunderttausend Bratschen zugleich die tiefe E-Saite gestrichen würde . Es war ein merkwürdiges Durcheinander aller Völkerschaften . Da und dort sah man auf den Verdecken Chinesen rasch und still ihrer Dienerpflicht nachgehen . Mit ihren schwarzen Wollköpfen und grellen Augen im tiefgrauen Gesicht stachen die Neger zwischen dem herumhastenden Arbeitsvolk hervor . An der Reling der Westindienfahrer lungerten kreolische Matrosen . Aus vielen Warenschuppen drang der Geruch des grünen Kaffees streng und würzig heraus . An andern Stellen hauchte einen der Atem des Südens an , und viele tausend Kisten mit Orangen wurden in die ragenden Speicher geschafft . Ganze Reihen von Loren , voll von Stabeisen , aus den rheinischen Industriegebieten kommend , wurden entleert , und hellkrachend , als zerberste jedesmal ein ganzes Haus voll Glaswaren , fielen die Eisenstangen neben das Gleis der Hafenbahn ; die ganze Luft wurde von diesem klingenden , brutalen Lärm erschüttert . Und zuweilen zerriß der traurige , dunkle Schrei einer Sirene diesen Lärm . Der Abschiedsgruß irgendeines Dampfers , der Anker auf ging . Ja - das war der Großhandel - und die Salzluft des Ozeans war darin . Der Begriff der Ferne war ausgelöscht - da stand die Kultur und bediente sich der Hand des Kaufmanns und ließ die Erzeugnisse der Völker hin und her tauschen - ihre Unterschiede ausgleichend , ihre Mängel ergänzend , ihren Ueberfluß verteilend - - Sophie begriff , daß ihr Sohn seinem Beruf mit leidenschaftlicher Hingabe gehörte . In diesem ungeheuren Teil volkswirtschaftlichen Lebens mitzuringen , sich nur zu behaupten , vielleicht sogar in die erste Reihe zu kommen - das war wohl rechte Arbeit für ein Manneshirn und eine Manneskraft . Ihr Sohn Allert hatte sie mit einer freudigen Nachricht empfangen . Sein Suchen nach Kapital war von Erfolg gewesen , wenn auch anders , als es eigentlich in seinem Plan gelegen . Ein Kompagnon hatte sich ihm zugesellt . Ein Chemiker mit Vermögen , der sich mit einer Viertelmillion beteiligte , war nun Mitinhaber der Farbwerke Allert v. Hellbingsdorf , und der Firma war im Handelsregister wie auf den Etiketten aller ihrer Erzeugnisse das Zeichen » ; & Cie . « zugefügt worden . Allert sagte , es passe gut ; es selbst sei der kaufmännische , sein Teilhaber der wissenschaftliche Geist . Er lobte den Doktor Dorne - so , wie er zu loben pflegte , mit dem klugen Vorbehalt , der lange sagt » es scheint « , ehe er wagt festzustellen » es ist « . » Und nicht wahr , Mutter , der Frau Dorne nimmst Du Dich wohl an , soweit Deine Interessen und Verpflichtungen es zulassen . Du bist ja auch nicht zum Müßiggehen hier . - Weißt Du - das ist das Großartige in diesen Hafenstädten : das Arbeiten ! Ich glaub ' wohl , es macht die Geselligkeit ein bißchen enger und strenger , und es heißt , die Weiber hätten zu sehr das Präsidium darin - weil eben alle Männer so arbeiten - aber da ist kein Grandseigneur zwischen diesen bürgerlichen Aristokraten , und hätt ' er noch so viele Millionen , der nicht arbeitete mit aller Anspannung - für sich und dabei auch noch für den Staat , in zahlreichen Ehren- und Verwaltungsämtern . « » Also ich soll nett mit Frau Dorne sein ? Gut . Kann geschehen . Auch wenn ich sie nicht leiden mag . Hoffentlich ist es mir möglich , Dir auch noch sonst zu nützen . Ich werde Dich wohl bald bei Frau Senator Amster einführen können . Und von da aus kommst Du dann in die Gesellschaft . « Allert lachte . » Gib Dir keine Mühe , Mutter . Ich bin noch nichts und gelte noch nichts . « » Du bist ein Hellbingsdorf , « sagte seine Mutter . Er lachte noch mehr . » Das ist hier ganz egal . Hier gelten nur die hanseatischen Patrizier , und was sonst herankommt , muß sich erst durch Erziehung , Leistung und Vermögen allmählich ausweisen . Das macht ' s ja gerade so frei und schön - sich hier heraufzuarbeiten , wo alles arbeitet und man weiß , was das ist : Industrie und Handel . Hier kann es mir nicht passieren , daß mich einer anredet - wie vor ' n paar Monaten mal in Berlin Dein Großvetter Baron Bray - Du weißt wohl - der von den Gardekürassieren . - Na , sagte er , was , Allertchen , es geht die Sage : Kofmich biste jeworden ? Legste denn nu ' n Adel ab , oder läßte sieben Zacken uf de Tüten drucken ? « Seine Mutter ärgerte sich . Als Frau stand sie doch nicht ganz über solchen Kleinigkeiten . Aber Allert amüsierte sich wieder . Und er machte Bray in Ton und Miene sehr echt nach . Ja , Allert hatte Humor . Gottlob . Wie ihm das half in all den neuen Verhältnissen , mit denen er durch keine Tradition verknüpft war . Tradition ist solche Hilfe und solcher Halt , dachte Sophie . Sie fand ihren Aeltesten ein bißchen amerikanisiert in seiner Erscheinung . Aber sie sah bald , das war so ähnlich die Art all der Handelsherren , die in vornehmer Haltung , dunkel gekleidet , mittags zur Börse gingen . Allerts offenes , regelmäßiges Gesicht war fast bartlos , denn die winzigen Streifen vor den Ohrmuscheln erschienen eigentlich nur als Verlängerung der Schläfenhaare . Er war etwas blonder als sein Bruder Raspe und , bei gleicher Größe , ein wenig voller . Die gleichen blauen , fest blickenden Augen hatte er . » Und ernsthaft , Mutter , « sagte er noch , » daß Du mich nicht da bei den Amsters als empfehlenswerte gesellschaftliche Akquisition anpreisest ! Ich habe vor der Hand noch viel zu schwer zu arbeiten , um mich in Verkehr und Vergnügungen einlassen zu können . « » Aber wenn Du nicht in die Gesellschaft kommst , hast Du auch nie Gelegenheit zu ... « » Zu heiraten ! « ergänzte Allert vergnügt . » Nee , Mutter - hab ' auch noch keine Zeit dazu - nicht eher , als bis ich meine wirtschaftliche Lage aus allen Kämpfen heraus ins Gesicherte bugsiert habe - « » Aber das kann doch ... « » Kann lange dauern . Jawoll , Mutter . Sieh Dich mal um , mit recht offenen Augen - wieviel Männer kommen vor lauter Arbeit und Kampf ums Brot heutzutage gar nicht mehr zur rechten Zeit zum Heiraten ! Wenn sie dann so weit sind , Frau und Kind auskömmlich und standesgemäß ernähren zu können , sind sie grauhaarig und zu müde , um so bedenkliche Lebensveränderungen noch zu unternehmen . Ich sage mit Absicht : standesgemäß ! Nicht , Mutter ? Ehe man mit Frau und Kindern ins Jammertal kümmerlicher Beschränkungen hinabsinkt - auf eine Daseinsstufe kommt , an die man nicht gewöhnt ist - besser bleibt man allein - schon bloß aus ästhetischen Gründen . « » Aber wenn Du eine wohlhabende Frau ... « Allert schloß seine Mutter in die Arme . » Gern , wenn ich mich besinnungslos in sie verlieben kann . Und nun fang ' nicht noch einen vierten Satz mit Aber an . « » Du gehst respektlos mit mir um , « lachte sie glücklich . » Und ausreden läßt Du mich nie . « » Doch ! « behauptete Allert , » immer wenn Du was sehr Kluges sagst , und das tust Du ja meistens . Und nun schicke ich Dir die Dornes , sie brennen darauf , Dir einen Besuch zu machen . Oder wahrscheinlich brennt nur Frau Julia - Lia - Juliana - so dergleichen heißt sie , glaub ' ich - denn er , der Doktor Dorne , sieht und denkt nur an seine Frau und seine Wissenschaft - die letztere , kommt mir vor , läßt ihm keinen Raum zu Kritik und Unabhängigkeit - Madame hat die Zügel . Als Chemiker ist er großartig . Sollst mal sehen , der erfindet noch was Fabelhaftes . Wie man aus Selterwasser Schmieröl machen kann - oder sonst was ... Dann werden wir Millionäre , ich zahl ' Onkel Just aus - Mutter , wenn Du wüßtest , was das so ist für ' nen Kaufmann , ohne fremdes Geld arbeiten - na und denn kauf ' ich Dir Muschenfelde zurück . Bis dahin empfehle ich die Firma Allert von Hellbingsdorf & amp ; Cie . Deiner gnädigen Nachsicht . « Sie sah ihm lächelnd nach . Die Frische seines Wesens war so wohltuend . Man hatte so das Gefühl : er spielt mit den Mühseligkeiten des Lebens Fangball . Das sind Siegernaturen . - - Auf Allerts Rat hatte Frau Sophie sich nicht verlassen können bei ihrer Niederlassung in Hamburg . Er gestand offen , daß er aus jener Gegend da draußen bei Hammerbrook nur mal in Geschäftsangelegenheiten in die Stadt käme , und nie nach Harvestehude oder Uhlenhorst oder in die sonstigen Villen- und Wohnviertel . Seine Fabrik und sein Kontor befanden sich da , wo die Bille ihre ganze liebliche Wald- und Wiesenvergangenheit verleugnete und sich mit dem graugelben Riesenstrom in die Arbeit teilte , ein ganzes Netz von Kanälen zu speisen , bis sie sich dann durch den Billhafen und Oberhafen endlich in die Elbe warf , um in ihr zu ertrinken . Und zwischen all diesen Kanälen zogen sich die Straßen der Arbeit , des Lärms , der zischenden Dampfpfeifen und der grauen und weißen und gelblichen Staubwolken hin , wo Allert sogar , nur auf das Praktische und Sparsame bedacht , sich auch seine Wohnung genommen hatte . So ließ Sophie sich denn gern von Frau Senator Amster beraten , die , wie man leicht merken konnte , es als etwas ihr Zukommendes empfand , andern Menschen die Marschroute zu geben . Zum Atelier war ein großes , nach Norden gelegenes Zimmer im Amsterschen Hause bestimmt worden . Dies lag am Mittelweg in Harvestehude , behauptete aber in der Reihe der zum Teil prunkvollen Bauten und Gärten einen fast bescheidenen , soliden und altertümelnden Charakter . Es sei schon viele Generationen in der Familie , sagte die Senatorin , und dereinst nur Gartenhaus gewesen . Aber nach dem großen Brand von 1842 , als das Stadthaus der Amsters gesprengt wurde wie so manches Haus , um dem Brand Einhalt zu tun , da baute der Großvater es wohnlich aus . Seitdem war nur ab und zu der nötige moderne Komfort hinzugefügt worden . In einer der Straßen , die vom Mittelweg zum Seebassin der Außenalster hinabführen , fand Sophie dann die ihr empfohlene Pension Hammonia und zwei angenehme Zimmer darin . » Wo man arbeiten kann , fühlt man sich sofort zu Hause , « sagte die Senatorin Amster . Und darin hatte sie wohl recht , denn als Sophie vor der Staffelei saß , kam ihr die Umwelt ganz vertraut vor . Jetzt begriff sie auch nicht , wie sie an jenem Abend so flüchtig über ihr » Modell « hatte hinsehen können . Sie meinte , selbst in ihrem gespannten Seelenzustand hätte ihr dieses Mädchen gleich zu denken geben müssen . Marieluis gefiel ihr . Wie gern sah man ihr in das kluge , klare Auge von unbestimmter Farbe . Ihr Gesicht und ihre Gestalt waren wohlgebildet , die Züge wie die Glieder wurden von einer bemerkbaren Harmonie getragen . Vielleicht war ihr Ausdruck zu reif für ihre zweiundzwanzig Jahre . Die Pflegemutter war oft zur Gesellschaft dabei . Es kamen und gingen auch andere Damen . Offenbar hatte sie für die Porträtangelegenheit das Interesse ihres Kreises erweckt . Sophie bemerkte bald , daß die Senatorin für all ihre Unternehmungen und Beschäftigungen sich gewissermaßen ein Publikum zu bilden pflegte ; dies mußte eine zustimmende und lobende Haltung einnehmen , das war - unbewußt - die Voraussetzung . » Ich habe noch niemals eine so verständige Familie gesehen , « sagte Sophie , als ihr Sohn sie am Sonntag zum Essen abholte . Das war so ziemlich die einzige Zeit , in der er die Gegenwart seiner Mutter genießen konnte . » Alles , was sie tun , muß man billigen . « » Und wie ist es mit der Herzenswärme ? « » Oh , die fehlt nicht ! « meinte die Mutter in bestimmtem Ton . Aber dabei kam ihr das Gefühl : irgend was fehlt doch . Sie konnte sich aber nicht klarmachen , was . Unbestimmbarkeiten . Da nun die Senatorin sich bewußt war , Frau v. Hellbingsdorf hierherberufen zu haben , folgerte sie daraus die Pflicht , sich der hier Fremden eifrig anzunehmen . Sie war auch von ihr entzückt . » Eine vollkommene Dame und so einsichtig , « sagte sie , woraus der Senator schloß , daß die Malerin sich widerspruchslos von seiner Frau bevormunden ließ . Es wäre ihm aber niemals eingefallen , seine Frau mit derlei zu necken . Sophie wurde oft zum Diner geladen , das erst halb sieben begann , wenn der