getan ? » Jetzt einen Vorschlag « , fuhr Egloff fort und stand auf . » Wir machen einen Besuch im Padurenschen Walde . Wenn wir an der kleinen Waldwiese sind , wird der Mond schon hoch genug sein , das gibt dann einen weihevollen Abschluß . « Man rief nach den Schlitten , die Damen wurden wieder in die Pelzdecken gehüllt . » Ich fahre Sie , wenn Sie gestatten « , sagte Egloff und setzte sich zu Fastrade . Er führte den Zug an und bog in einen engen Waldweg ein . Hier herrschte die bleiche Dämmerung des Schneelichts , und unendliche Geborgenheit unter den weißen Bogen der verschneiten Äste . Wie ein kleiner dunkler Schatten huschte ein Hase lautlos über den Weg , ein aufgescheuchtes Reh brach durch das Dickicht , die Schellen der Schlitten klangen fremd und gespenstisch , und aufgeschreckt von ihnen schlug ein Vogel mit den Flügeln im Wipfel einer Tanne . Egloff und Fastrade schwiegen , nur einmal bemerkte Egloff : » So allmählich fühlt man sich hier zugehörig . « Der Waldweg führte auf eine kleine , runde Wiese , die jetzt hell vom Monde beschienen war . » Halt ! « kommandierte Egloff , » hier wird ausgestiegen , hier wird eine Quadrille getanzt . « - » Dietz , du bist ein famoser Kerl , « rief Dachhausen , » natürlich wird hier eine Quadrille getanzt , man muß nur darauf kommen . Darf ich bitten , Baronesse Gertrud . Liddy bleibt im Schlitten , der Pelz ist zu schwer . « Die Paare gingen nun über den hartgefrorenen Schnee der Wiese . » Wie das hübsch leise kracht , « sagte Gertrud , » es ist , als ob wir über den Zuckerguß einer Torte gingen . « » Antreten , antreten ! « rief Egloff , und die Paare stellten sich auf , das Mondlicht gab den Bewegungen der Tanzenden etwas seltsam Huschendes und Schattenhaftes , die Gestalten der Mädchen wurden wunderlich schlank , wenn sie über den weißen flimmernden Boden hinglitten und dabei kleine Schreie ausstießen wie in einem kalten Bade und als sei das Mondlicht eine Welle , die über sie hinrieselte . » Chaîne , s ' il vous plaît « , kommandierte Egloff sehr laut , und aus den Tannen , die ernst um den Platz umherstanden , wiederholte ein Echo ein geisterhaftes » s ' il vous plaît « . » Grand galop « , kommandierte Egloff . Die beiden Paare drehten sich , entrüstet begann ein Rehbock am Waldrande zu schmälen , da hielten sie an , standen beieinander ganz atemlos und lachten einander an . » Das war schön , « sagte Gertrud und lehnte sich schwankend an Dachhausens Arm , » was ist ein Ballsaal dagegen . « » Das wissen die Hasen schon längst « , erwiderte Dachhausen munter . » Aber jetzt müssen die Damen schnell wieder in die Pelzdecken . « Man ging zu den Schlitten zurück . Die Baronin Lydia saß dort in ihrem Schlitten ganz in ihr weißes Pelzwerk verkrochen . » Ach , Liddy , es war herrlich , « sagte Gertrud , » endlich mal wieder etwas , das zu erleben verlohnt . Aber was hast du ? Du weinst ja . « Liddy weinte , weinte , daß ihr ganzer Körper geschüttelt wurde . Nun kam Dachhausen und schalt und tröstete : » Ich sage es immer , du verträgst die großen Natureindrücke nicht , sie erschüttern dich zu sehr . Machen wir , daß wir heimkommen . « » Sie ist eifersüchtig auf mich « , flüsterte Gertrud Fastrade zu . Egloff , die Hände in den Taschen seines Pelzes , stand ruhig da und lächelte . Als man sich nun trennen mußte , wurde auch Gertrud gefühlvoll . Sie umarmte Fastrade . » Wie enge wird es jetzt zu Hause sein , « flüsterte sie , » es wird dort nach Zwieback riechen und der Papa wird unangenehme Bemerkungen machen . « - » Du kannst doch singen « , wandte Fastrade ein . - » Ach , der Vater hört das nicht gern , « erwiderte Gertrud , » gleichviel , es war schön . Egloff ist dämonisch , und Dachhausen , glaube ich , unglücklich in seiner Ehe . « So fuhr man denn ab auf der blanken Landstraße , der Mondschein machte das Land unendlich weit , und in der schnellen Bewegung schien das Licht an den Fahrenden vorüberzusausen wie etwas Flüssiges und Eiliges . Auf der Ebene am Kreuzwege trennten sie sich : » Gute Nacht , Heil « klang es von Schlitten zu Schlitten , und ein jeder schlug seinen Weg ein . Aus der Ferne leuchteten die Lichter der Gutshäuser , rötliche Pünktchen inmitten des weißen Mondscheins . Als Fastrade vor der Padurenschen Treppe hielt , sah sie an den Fenstern des Eßsaals eine dunkle Gestalt erregt auf und ab gehen . Sie wurde also erwartet , dachte sich Fastrade , und wirklich kam ihr die Baronesse klagend entgegen : » So spät , Kind , Ruhke ist schon längst zu Hause , dein Vater fragt nach dir . « Aber Fastrade nahm die alte Dame in ihre Arme und wiegte den zerbrechlichen Körper vorsichtig hin und her und sagte : » Es war sehr schön . Wir haben Tee getrunken , haben auf der Wiese getanzt , sind gefahren . Sag ' , Tantchen , hast du nie im Leben gesungen ? Ist es dir nie passiert , daß du dich hier mitten im Saale hinstelltest und aus Leibeskräften lossangst , daß die Wände zitterten ? « » Kind , Kind , « versetzte die alte Dame , » was sprichst du da für Sachen . « » Schade , « meinte Fastrade , » das würde dich glücklich machen . « Aber da wurde die Baronesse wieder elegisch und ernst : » Ich brauche keinen Gesang und ich brauche kein Glück mehr . Ich sitze still bei den Meinigen und warte , bis ich abberufen werde . Und dann , Kind , warum sprichst du so laut ? « Fastrade ließ die Arme sinken , ach ja , sie hatte einen Augenblick vergessen , daß man hier gedämpft wie in einer Krankenstube zu sprechen pflegte und daß es hier im Hause die Aufgabe eines jeden war , stillzusitzen , bis man abberufen wurde . So wollte sie denn zu ihrem Vater hinübergehen . Unterwegs blieb sie noch vor einem Fenster stehen und schaute auf die Mondnacht hinaus , wie auf etwas Befreundetes und Verbündetes . Als Gertrud vor der Witzowschen Haustüre hielt , war ihr Lebensmut wieder gänzlich gesunken , und als sie im Hausflur stand und der wohlbekannte feuchte Kalkgeruch ihr entgegenschlug , da fühlte sie sich nur noch als das junge Mädchen , dessen Lebenspläne gescheitert waren und das sich vor ihrem Vater fürchtete . Sylvia kam ihr besorgt entgegen und berichtete flüsternd , der Vater sei recht ungehalten . Gertrud zuckte die Achseln , sie war entschlossen , sich nichts daraus zu machen . Als sie in das Wohnzimmer trat , sagte sie daher möglichst unbefangen » Guten Abend « . Baron Port saß an der Lampe und las die Zeitung , die Baronin saß neben ihm und strickte . Karo , der Hühnerhund , der zu Füßen seines Herrn schlief , erhob ein wenig seinen Kopf , der Duft von Schnee und Wald , den Gertrud in ihren Kleidern mitbrachte , regte ihn auf . » Guten Abend « , sagte der Baron und legte die Zeitung fort ; er wartete , bis seine Tochter sich gesetzt hatte , dann sah er sie über die Brille hinweg an und begann zu sprechen . Offenbar hatte er sich zurechtgelegt , was er sagen wollte , denn er sprach geläufig und übertrieben ermahnend . » Ich möchte wissen , wer diese neue Art der Geselligkeit hier bei uns importiert hat . Hat die Fastrade sie aus dem Krankenhause mitgebracht oder du aus der Singschule , oder hat der Dietz Egloff sie von seinen Portugiesen und Polacken gelernt ? Für Krankenschwestern , Sängerinnen und Portugiesen sind sie vielleicht passend , für unsere Fräuleins passen sie mir nicht . Das wollte ich gesagt haben . Und dann , du bist ja kränklich , du sollst auskuriert werden , wenn es sich um die Gesundheit meiner Angehörigen handelt , spare ich nicht ; aber ich verlange , daß nicht unvernünftig auf die Gesundheit losgewirtschaftet wird . Das wollte ich gesagt haben . « Er griff wieder nach seiner Zeitung . Gertrud saß schweigend da ; sie hätte gern geweint , sie hätte sich auch verteidigen können , statt dessen machte sie nur ein hochmütiges Gesicht , starrte in die Lampe , als hörte sie nicht zu , sondern dächte an ganz andere Dinge . Im Zimmer war es jetzt still , heiß und beklommen ; sie hielt es nicht länger aus , sie erhob sich und ging in die dunkele Zimmerflucht hinüber . Dort schritt sie langsam auf und ab , sie fühlte sich gekränkt und gedemütigt . Also kränklich sein , das war jetzt ihr Beruf , sonst nichts . Wenn sie ging , ließ sie die Arme schlaff niederhängen , bewegte den ganzen Körper lässig hin und her , sie ging so , wie sie es zuweilen drüben in Dresden gesehen hatte an einer kleinen Sängerin , die das Leben rücksichtslos zu genießen verstand . Wenn sie nach durchjubelter Nacht am Morgen in ihren himmelblauen Morgenrock gehüllt in das Wohnzimmer kam , dann hatte sie diese sorglos müden Bewegungen gehabt , die Gertrud stets wie die beredteste Gebärde der Verachtung aller Philistermoral erschienen waren . Allein jetzt so zu gehen brachte Gertrud keine Erleichterung . Wenn sie singen könnte . Aber das durfte sie ja nicht . Das einzige , was ihr jetzt helfen konnte , war ihr verboten . Und doch , das Bedürfnis zu singen war zu stark , sie ging in den Flur hinaus und stieg dort eine Treppe zum unteren Geschoß des Hauses hinab . Hier befand sich der Raum , in dem die Mägde zu spinnen pflegten ; von weitem hörte sie schon das Schnurren der Spinnräder und den schläfrig eintönigen Gesang der Mägde . Entschlossen öffnete Gertrud die Tür . Der Raum war von einer trüben Petroleumlampe erhellt ; es roch nach Wolle und den feuchten Holzscheiten , die im Ofen prasselten . In langer Reihe saßen die Mägde da , breite Gestalten in schweren Wollenkleidern ; sie drehten an ihren Rädern und sangen beruhigt und schläfrig vor sich hin . Als Gertrud eintrat , blieben die Räder stehen , und die Köpfe hoben sich . » Wartet , « sagte Gertrud ein wenig atemlos und befangen , » ich singe euch etwas vor . « Und sie begann gleich , etwas ganz Süßes mußte es sein . » Auf Flügeln des Gesanges , Herzliebchen , trag ich dich fort . « Sie rang wieder die Hände ineinander , hob sich auf die Fußzehen , sang sich alles Witzowsche von der Seele , berauschte sich an diesem Liebesgirren . » Dort wollen wir niedersinken , Dort unter dem Palmenbaum , Und Liebe und Wonne trinken Und träumen manch seligen Traum . « Die Mägde hörten zu , ihre Lippen verzogen sich zu einem starren Lächeln , die Augen , die anfangs neugierig auf Gertrud gerichtet waren , wurden klar und regungslos , und auf den großen Gesichtern lag es wie süße Schläfrigkeit . Jetzt war Gertrud zu Ende ; ein wenig erstaunt schaute sie sich um , als erwachte sie aus einem Traum , dann lachte sie verlegen . Die Mägde lachten auch , und die dicke Liese als die Älteste nahm das Wort und sagte : » Das kann unser Fräulein schön herausschreien . « - » So , ja , « meinte Gertrud , » jetzt gute Nacht « , und sie verließ schnell das Zimmer . Das hatte ihr wohlgetan , nun würde sie schlafen können ; sie wollte ein Schlafpulver nehmen und weiter träumen von schönen , süßen Dingen . Dachhausen hatte versucht , auf der Heimfahrt beruhigend und heiter zu seiner Frau zu sprechen . Was war denn geschehn ? Nichts , nicht wahr ? Sie war in letzter Zeit ein wenig nervös , da mochte so eine Mondscheinpartie für sie zu anstrengend sein . Sie würden nächstens bei Tage fahren , das war alles . Lydia aber sagte kein Wort ; erst zu Hause , als sie im Wohnzimmer vor dem Spiegel stand und ihr erhitztes Gesicht und ihre verweinten Augen betrachtete , da begann sie zu sprechen , mit einer Stimme so böse und klagend , als hätten sie die ganze Zeit über schon miteinander gestritten . Natürlich , er fand in alledem nichts , für ihn war nie etwas geschehen , er tanzt auf der Wiese Quadrille , und sie muß im Schlitten hocken . » Aber du konntest doch nicht , Kind « , wandte Dachhausen hilflos ein ; aber Lydia lachte höhnisch , oh ! sie wußte wohl , sie war immer die Ausgeschlossene , ihr gab man zu verstehen , daß sie nicht dazu gehörte . Warum fuhr er nicht allein in den Wald , wenn er mit Gertrud tanzen wollte . Ihretwegen konnte er den ganzen Tag mit Gertrud tanzen , o Gott , wie ihr das gleichgültig war , aber es war seine Pflicht , ihr Demütigungen zu ersparen . Dachhausen war verzweifelt . » Demütigungen , « rief er , » ich möchte den sehen , der dich zu demütigen wagt ! « Allein es machte auf Lydia keinen Eindruck . » So , « fuhr sie fort , » und hörtest du nicht , was Egloff vom Monde und der Karriere sagte ? « - Nein , Dachhausen erinnerte sich nicht , und was es auch gewesen war , es hatte gewiß nichts mit Lydia zu tun . Lydia zuckte die Achseln : » Natürlich , du verstehst nichts , du siehst nichts , du hörst nichts « , und als er besänftigend ihre Hand fassen wollte , wandte sie ihm den Rücken , sagte , sie wolle allein sein und ging in ihr Zimmer . Ratlos blieb Dachhausen im Wohnzimmer zurück ; er verstand Lydia immer weniger , sie war in letzter Zeit so gereizt , seine Ehe wurde so kompliziert , daß er sich in ihr nicht mehr zurechtfand . Hatte sie etwas gegen ihn ? Aber das war ja nicht möglich , niemand hatte etwas gegen ihn und nun noch seine Frau . Aber da war nichts zu machen : zu ihr zu gehen wagte er nicht , so ging er in sein Arbeitszimmer , streckte sich auf dem Sofa aus und zündete sich seufzend eine Zigarre an . Unterdessen jagte Egloff auf der mondbeschienenen Landstraße weiter . » Weiterfahren « , hatte er dem Kutscher befohlen . » Zur Stadt ? « fragte dieser . » Ach was , Stadt « , sagte Egloff ärgerlich , nahm dem Kutscher die Leinen fort und fuhr selbst . Er bedurfte des weiten Raumes , dieses Lichtes , dieser Bewegung , zu Hause erwarteten ihn doch nur Geldsorgen und widerwärtige Gedanken . Hier brauchte er nicht zu denken und konnte das wärmende , angenehme Gefühl erhalten , das ihm in sich neu und wertvoll war . Also vorwärts , hinein in den Lichtnebel , vorüber an kleinen Katen , die still unter ihren Schneehauben schliefen , die leere Dorfstraße entlang , auf der nur hie und da ein schläfriger Hund anschlug . Vor einem Kruge hielt er an , um das Pferd einen Augenblick verschnaufen zu lassen . Und in der niedrigen Krugstube qualmte eine Lampe über dem Schenktisch ; die schwarze Lene , die Krügerstochter , hatte die nackten Arme auf den Tisch und den Kopf auf die Arme gestützt und schlief ganz fest . Auf einer Bank saß ein Bauer im Pelz , die Peitsche in der Hand , vor seinem Schnapsglase und schlief auch . Am Ofen aber kauerten nahe beieinander zwei Juden mit roten Bärten und flüsterten . » Lene « , sagte Egloff und berührte den Arm des Mädchens . Lene fuhr auf , das Gesicht ganz rot vom Schlaf unter dem wirren , schwarzen Haar . » Der Herr Baron « , stammelte sie und lächelte schlaftrunken . » Auf auf ! Schwarze , « rief Egloff , » gib mir einen Gilka und bringe meinem Kutscher einen hinaus . « Während das Mädchen die Gläser vollschenkte , sah Egloff sich in der Stube um und verzog sein Gesicht , als ekele ihn . Daß man überhaupt noch in diesen sogenannten Stuben , in diesen Menschenlöchern wohnen kann , ging es ihm durch den Sinn . Er fühlte sich in diesem Augenblick ganz als zugehörig zu der weiten , mondbeschienenen Ebene . Vor den Juden blieb er stehen und sagte : » Juden , warum schlaft ihr nicht ? Läßt euch das Geld nicht schlafen ? Zwackt euch das Geld so , daß ihr nicht schlafen könnt ? « Die Juden sahen zu Egloff auf mit schnellen , wachsamen Blicken wie sichernde Tiere , dann lächelten sie demütig , und der eine sagte : » Uns lassen unsere Sorgen nicht schlafen , den Herrn Baron läßt nicht schlafen das wilde Blut , so hat jeder , was ihn zwackt . « » Ach , was wißt ihr vom Blut , « meinte Egloff , » ihr habt ja keins . « Er wandte sich ab , trank seinen Gilka und ging hinaus . Vor der Tür stand Lene , die Arme in die Schürze gewickelt und starrte zum Monde auf . » Hell , hell « , sagte sie . » Ja , Lene , « meinte Egloff , » das ist eine Nacht , ein anderes Mal nehme ich dich mit « , und er stieg in seinen Schlitten und jagte weiter . Er lenkte in eine lange Birkenallee ein , die nach Barnewitz führte . Da lag auch das Schloß weiß und schweigend , der Mondschein glitzerte in den Fensterscheiben . Wie ? dort in dem Arbeitszimmer war noch Licht . Sollte der gute Fritz noch arbeiten , dachte Egloff , das wäre neu . Aber dort auf dem anderen Flügel in Lydias Schlafzimmer war auch noch Licht , also ein Ehestreit . Und als er am Gartengitter mit seinem Schellengeläute vorüberjagte , öffnete sich dort im Flügel ein Fenster , eine weiße Gestalt beugte sich vor und horchte in die Nacht hinein . » Sie kennt meine Schellen « , sagte sich Egloff befriedigt . » Wie sie heute im Walde weinte , die Kleine . Ach was , Puppenschmerzen . « Er bog wieder in die Landstraße ein auf Witzow zu . Dort schlief schon alles , an dem langen Hause mit seinem plumpen Erker , der es wie eine riesige Stumpfnase überragte , waren alle Fenster wohlverschlossen , nichts regte sich , nur der struppige Hofhund stand vor der Haustür und bellte klagend den Mond an . Da drin liegt nun , dachte Egloff , die arme Gertrud und träumt von irgendeiner großen Liebe . Was in diesen stillen Häusern die Mädchenträume wild sein müssen ! » Allons , vorwärts « , trieb er seinen Braunen an , und nun ging es wieder durch eine lange Birkenallee auf Paduren zu . Dunkel stand das Schloß zwischen den weißen Bäumen , nur an einem Fenster stahl sich ein schwacher Lichtschein durch die Vorhänge : Das mußte die Nachtlampe des alten Barons sein . Ein Haus der Zuendegehenden , fiel es Egloff ein , eine große , finstere Krankenstube , und mitten drin Fastrade mit ihrem jungen Schlaf . » Ich werde mir schon meinen Tag machen « , klangen ihre Worte ihm nach . Hm , ja , das mochte ja ein recht heller Tag werden , an dem konnte sich vielleicht auch ein anderer , der gerade friert , wärmen . Ach was , - wie die Karten fallen , so ist das Spiel . Jetzt fror ihn , und er war müde . Der Braune dampfte schon ; so war es denn an der Zeit , nach Hause zu fahren . Achtes Kapitel Es war viel Schnee gefallen , im Padurenschen Hof und Park mußte der Schneeschlitten Wege einfahren , den ganzen Tag über hingen hellgraue Wolken am Himmel , und durch die windstille Luft fielen die Schneeflocken ruhig und stetig nieder . Aber gegen Abend erhob sich stets ein Nordostwind , der die Wolken für eine Weile fortfegte , als wollte er Platz schaffen für den Sonnenuntergang , der mit viel Purpur und Gold am Himmel aufflammte . Dieser Augenblick erschien Fastrade als das einzige Ereignis der kurzen Tage , die sonst grau und formlos wie die Schneewolken waren . Sie eilte dann in den Park hinunter und ging die schmalen Wege zwischen den Schneewällen auf und ab . Hier konnte sie sich wieder auf etwas freuen , von dem sie nicht wußte , was es war , hier konnte sie etwas erwarten , das sie nicht kannte , hier fühlte sie ihren Körper und ihr Blut wie eine Wohltat . Woran sollte sie denken ? Gleichviel , nur recht weit fort denken von der stillen Zimmerflucht da drinnen im Hause , und so dachte sie denn an Egloff . Wie ruhelos er war ! Der Kutscher Mahling hatte erzählt , der Sirowsche Herr fahre die Nächte hindurch hier in der Gegend herum . Ob er leidet ? Ob seine Geheimnisse ihn quälen ? Sie waren alle gegen ihn , aber ihm schien das gleichgültig zu sein . Wenn man zu zweien auf der einen Seite steht und die anderen stehen alle auf der anderen Seite , das kann sogar lustig sein . Eine kluge Frauenhand könnte in diesem armen , zerfahrenen Leben vielleicht Ordnung schaffen , jedenfalls war er mit seiner Unruhe , seinen Geheimnissen , seinen Sorgen und seiner Heiterkeit das Leben , und was waren die anderen hier ? Vom Walde herüber erklang plötzlich ein Jagdhorn , schmetterte keck und triumphierend in den Winterabend hinein . Fastrade blieb am Gartengitter stehen und horchte . Das war Egloff , der für heute die Jagd schloß und diesen hellen Ruf des Lebens zu ihr herübersandte . Fastrade stand am Gitter , bis das Jagdhorn verstummte und bis das Abendrot verblaßt war , dann ging sie wieder in das Haus , um im Zimmer ihres Vaters Ruhkes Bericht anzuhören , die Memoiren des Herzogs von St. Simon zu lesen oder mit der Baronesse am Kamin zu sitzen . In diesen Wintertagen pflegte die Baronesse Arabella einen besonders lebhaften Umgang mit ihren Erinnerungen . Sobald sie und Fastrade beisammen am Kamin saßen , begann sie zu erzählen mit leise klagender Stimme , erzählte von ihrer Jugend , von längst vergangenen Padurenschen Sommern , von längst gestorbenen Menschen , und Fastrade hörte dem zu , sah diese Menschen und diese Sommer , wie wir alte Bilder sehen , über deren Farben sich ein leichter Staubschleier legt . Ein unendliches Gefühl der Vergänglichkeit , des Vorüber klang aus dieser Erzählung und machte Fastrade traurig . Zuweilen sprach die Baronesse auch von dem kommenden Feste , sprach von Gebäcken und Geschenken mit derselben klagenden Stimme , wie sie von ihrer Jugend sprach . Feste , dachte Fastrade , können wir hier auch Feste feiern ? Aber das Fest kam , ein Tannenbaum mit Lichtern stand auf dem Tisch , der Baron ließ sich seinen schwarzen Rock anziehen und saß im Saal erwartungsvoll auf seinem Sessel . Knechte und Mägde sangen mit ihren schweren , lauten Stimmen langsam und feierlich einen Choral . Und als sie fort waren , saß man beisammen und sah zu , wie die Lichter am Baume niederbrannten . Die Baronesse weinte still , der Baron hatte die Hände gefaltet und starrte vor sich hin . Fastrade ging zu ihm und kniete an seinem Stuhle nieder . Sie wußte nicht , was in dem schweigenden , alten Manne vorging , aber wenn ein Leiden ihn quälte , wollte sie nahe bei ihm knien , als könne sie ihm beistehen . Als alles vorüber war und Fastrade in ihrem Zimmer stand , fühlte sie sich so wund und hilflos vor Mitleid und Wehmut , daß sie sich sagte : Wenn ich zu Bette gehe , bleibt mir nichts übrig , als den Kopf in die Kissen zu drücken und zu weinen . Das will ich nicht . Dagegen aber gibt es nur ein Mittel , die Winternacht . Sie nahm ihre Pelzjacke und ihre Otterfellmütze und ging leise in den Park hinaus . Hier hingen die weißen Baumwipfel voll großer , sehr heller Sterne , hier war es wunderbar geheimnisvoll , hier in der klaren Luft , über der knisternden Schneedecke lag es wie ein festliches Erwarten , man stand still und geschmückt da , und die Freuden konnten kommen . Es machte Fastrade auch wieder getrost , ihre Schmerzen und ihre Wehmut waren doch nur kleine abseits liegende dunkele Winkel , das eigentliche Leben war dieses große Flimmern , diese Weite , dieses geheimnisvolle Versprechen und Erwarten . Sie blieb am Gartengitter stehen und schaute auf das Land , auf die weiße Fläche , die im unsicheren Sternenschein zu einem hellen Nebel zerrann , in den hie und da die Lichtpünktchen ferner Häuser gestreut waren . Auf der Landstraße , die am Parkgitter vorüberführte , kam Schellengeklingel heran , ein Pferd erschien und ein Schlitten groß und schwarz im unsicheren , weißen Lichte . Jemand sprang aus dem Schlitten und kam auf das Gitter zu . » Ich dachte es mir gleich , daß Sie es sind , die hier steht « , sagte Egloff und lachte . » Ja , ich bin noch ein wenig herausgekommen « , erwiderte Fastrade . - » Das will ich glauben « , meinte Egloff . » Ich bin auch fortgefahren , um dem Sirowschen Weihnachten zu entgehen . « » Sie fahren öfters in der Nacht herum , höre ich « , fragte Fastrade . Sie wunderte sich nicht über diese Unterhaltung am Gartengitter , sie erschien ihr selbstverständlich , als stünden sie beide in dem Sirowschen Wohnzimmer , nur daß es hier im Sternenschein unterhaltender und kameradschaftlicher war . » So ? Haben Sie das gehört ? « fragte Egloff , » ja , ich habe mir die Ebene hier als eine Art Schlafsaal eingerichtet . Das ist sehr zuträglich . Überhaupt bin ich der Meinung , daß unsere Entwickelung einen verkehrten Weg eingeschlagen hat . Wir sind eigentlich Nachttiere wie all das andere Raubzeug . Am Tag schläft man im Bau , und wenn es dann draußen still und dunkel wird , dann kriecht man heraus , treibt sich herum , schleicht um die schlafenden Wohnungen und Hühnerställe und lebt dann so sein eigentliches Leben . « » Meinen Sie ? « sagte Fastrade . » Ja , das muß zuweilen hübsch sein . « » Sie sollten auf solch einer Fahrt mitkommen « , schlug Egloff vor . Fastrade lachte : » Das wäre doch wohl gegen unsere Gesetze hier . « » Glauben Sie an diese Gesetze ? « fragte Egloff . Fastrade zuckte die Achseln : » Ich glaube nicht an sie , aber ich gehorche ihnen . « » Da haben Sie unrecht , « meinte Egloff , » Sie können sich nicht denken , wie befreundet man sich fühlt , wenn man so zu zweien über die Straßen jagt . « » Doch , ich kann es mir denken « , versetzte Fastrade nachdenklich . Sie hatte ihren Handschuh abgestreift und kühlte ihre Hand in dem Schneestreifen , der sich an das Gitter angesetzt hatte . » Also für diese Freundschaft bin ich zu feige . « » Feige sind Sie nicht « , versicherte Egloff mit Überzeugung . » Sie haben nur noch den Aberglauben an diese kleinen , triefäugigen Gesetzesaugen , die von den Schlössern in die Nacht hineingehen . Das da drüben ist Barnewitz . Wie lächerlich doch solch ein Licht neben den Sternen aussieht . Na , gleichviel , wenn die Freundschaft so nicht zustande kommt , muß es anders gemacht werden . Mein Brauner wird höllisch unruhig , gute Nacht . « Sie reichten sich durch das Gitter hindurch die Hand , Egloff ging zu seinem Schlitten , und Fastrade lief den Weg dem Hause zu . Sie glaubte , sie würde jetzt schlafen können , ohne weinen zu müssen . An einem der Feiertage kam Gertrud Port nach Paduren , um Fastrade zu besuchen . Sie war wieder sehr schlank und schmächtig in ihrem Kleide von zeitlosem Schnitt , das Gesichtchen , über und über weiß von Puder , schien kleiner geworden , die Augen waren unnatürlich groß . Sie klagte über ihre Gesundheit ; » das Leben vergeht in Müdigkeit und Melancholie « , meinte sie . Als die beiden Mädchen jedoch in Fastrades Zimmer am Kamin saßen , begann Gertrud von Dresden zu sprechen , und das belebte sie . » Du weißt , « sagte sie , » zu Hause darf ich davon nicht sprechen , und wenn ich Sylvia einmal etwas erzähle , dann sehe ich es ihren Augen an , zuerst , daß es ihr nicht gefällt und dann , daß sie nicht mehr zuhört . « So erzählte sie denn von der schönen Zeit , da sie tun konnte , was ihr beliebte , ohne saure Bemerkungen hören zu müssen , da jeder Tag ein neues Erlebnis , eine neue Emotion brachte . Sie erzählte , wie man abends mit den Freundinnen und Freunden im Café gesessen und Zigaretten geraucht hatte . » Siehst du , nicht nur das Leben und die Menschen waren interessant , nein , man war