hinter ihnen im Dunkel ahnte man die phantastisch fratzenhaften Gestalten riesiger Götzen , die Verzerrungen der Drachen an den geschnitzten Decken , die Ocker-und Rosttöne uralter Vergoldungen . Zu bestimmten Stunden rief die große bronzene Tempelglocke , die von außen angeschlagen wird , mit dumpfem Dröhnen durch all die vielen Höfe , die Pavillons , Hallen und Zellen . Dann kamen die Priester in langen Reihen angezogen , den buddhistischen Rosenkranz zwischen den dünnen , gelben Fingern haltend . Sie schritten die Stufen zur Terrasse hinauf , wo unter uralten weißstämmigen Bäumen Gedenksteine verstorbener Mönche stehen ; schritten vorbei an mächtigen bemoosten Steinschildkröten , die auf ihren Rücken hohe Stelen tragen , mit Inschriften zu Ehren des kaiserlichen Tempelerbauers . Und weiter hinan glitt der lange Zug der Priester , verschwindend endlich hinter den hohen Türen aus durchbrochenem Holzwerk ins Innere des heiligen Tempels . - Da schien es zuerst ganz dunkel , aber allmählich tauchten im Hintergrund drei Gestalten auf , riesengroß und von mattem , wie mit Schleiern bedecktem Goldglanz . Die drei Buddhas der Vergangenheit , Gegenwart und Zukunft waren es , die seit Jahrhunderten da auf hohen Steinsockeln thronen und mit metallenen Augen und ewig gleichem Lächeln zuschauen , wie das Heute zum Gestern wird und immer wieder ein neues Morgen auftaucht . Vor jedem von ihnen standen auf langem Tische die fünf Altargeräte , Räuchergefäß , Vasen und Leuchter , auch sie von staubigem Goldton , wie alles in dem großen spukhaften Raume . Und weiter erspähte man im Dunkel , an den Seitenwänden in stiller Erwartung sitzend , zwei Reihen feierlicher Figuren von Boddhisattwas , deren neidenswerte Aussicht es ist , dermaleinst als Buddhas wiedergeboren zu werden . Uralt und traumhaft schien das alles . Uralt und traumhaft auch die Zeremonien der Priester , ihr eintöniges Singen mit dem begleitenden Taktschlagen auf Holztrommel , Bronzeschelle und Klingstein , ihr langes Knien auf den gelbseidenen zerschlissenen Betkissen , ihr lautloses Schreiten auf den ockerfarbenen samtigen Teppichen mit den verblaßten bläulichen Drachen . - Die Taitai wollte alles bis ins genaueste sehen , auch jene Halle , wo all die schaudererregenden Strafen und Torturen , über die die chinesische Hölle so reichlich verfügt , mit dem Genie des Gräßlichen dargestellt waren . Tschun mußte sie bei solchen Wanderungen stets begleiten und den Kodak tragen . Auch versuchte sie durch ihn Gespräche mit den Priestern anzuknüpfen , und zu seinem großen Erstaunen lächelte sie die Geschorenen mit den gelben Wachsgesichtern dabei an , wie sie es sonst eigentlich nur für den hübschen weißen Herrn tat . Aber die Bonzen starrten ganz stier und unempfänglich vor sich hin . Da lachte die Taitai so hell und laut , wie die Buddhas und Boddhisattwas es in ihrer feierlichen Stille sicherlich nie vorher vernommen . Abends beim Diner aber in dem offenen Hof , wo die Leuchtkäfer schwirrten , deren Vorfahren einst Konfuzius und seinen Schülern als Lichter gedient haben sollen , erzählte sie dann den europäischen Herren , diese chinesischen Priester wendeten sich offenbar von ihr ab , weil sie in ihr eine Versuchung witterten , die sie vom Weg zum Nirwana ablenken könnte , es seien doch wahrlich Leute von großer Tugend ! Doch einer der gelehrten fremden Dolmetscher meinte , es sei wohl eher großer Stumpfsinn . Und Tschun gab ihm im stillen recht . Er verachtete diese ganze heidnische Umgebung , und gleichzeitig war sie ihm unheimlich , und er wunderte sich , wie die Taitai , die doch aus einem Lande des wirklichen lieben Gottes kam , sich für all das so sehr begeistern konnte . Aber er hatte ja überhaupt schon gemerkt , daß man in den Gesandtschaften nicht so viel vom wirklichen lieben Gott hielt wie bei den Priestern und Nonnen des Petang . Besonderes Wohlgefallen fand die Taitai an einer Halle , die Tsä schen , dem Gott des Reichtums , geweiht war . Breit , fett und grinsend saß er da , auf den quellenden Geldsack gestützt , und blinzelte schlau und wohlgefällig auf seinen schwammigen Bauch herab . Diese Halle war , wie alle Räume , wo Götzen standen , nicht an die Fremden vermietet worden . Aber gerade das reizte die Taitai . Sie begann vor Tsä schen Blumensträuße aufzustellen und ihm mit vielen Verneigungen Räucherkerzen zu bringen . Ganz von ungefähr waren dann eines Tages ihre Staffelei und Klappstuhl in der Halle stehen geblieben und am nächsten Tag hatten sich ein Tisch und Büchergestell auch dahin verirrt . Teppiche und Sessel mit weichen bunten Kissen folgten . So ward Tsä schens Halle ganz unmerklich zu der Taitai eigentlichem Wohngemach , und die Bonzen ließen schweigend diese Umwandlung geschehen , die die Taitai mit soviel ehrfurchtsvollen Gebärden vor dem fetten Tsä schen zu begleiten wußte . Die Taitai war sehr stolz auf diese Ausdehnung ihrer Einflußsphäre ; sie nannte es eine erfolgreiche » pénétration pacifique « . Dem staunenden Tschun aber erzählte sie , dem Gott des Reichtums würden auch in ihrer fernen Heimat allerwärts Altäre errichtet , und unter allen Göttern zähle keiner so viel Anhänger und Bittsteller wie er . - Und das wollten nun Christen sein ! Fürwahr über alles Verstehen erstaunlich erwiesen sich doch immer wieder diese Fremden ! Sie waren wie Wege , die stets neue , unerwartete Ausblicke bieten . Bei dem Treiben der ausländischen Gäste und ihrer zahlreichen Gefolgschaft war » die unendliche Stille « geflohen . Nur nachts senkte sie sich wieder auf die ihr geweihte Stätte hernieder . Da war das Lachen und Sprechen der barbarischen Westländer verstummt . Bloß die Quelle hörte man vom Berge herabrieseln , und die zahllosen Nachkommen jener Zikaden , die der Kaiser Chien lung einst aus Jehol den Mönchen zur Zerstreuung mitgebracht , zirpten dazu in den Bäumen ihre eintönige Weise . Einmal allnächtlich auch dröhnte dumpf die bronzene Glocke , die die Priester zu andächtiger Uebung in den Tempel rief . Lautlos glitten sie im Dunkel dahin durch die Hallen und Höfe . Man hörte sie nicht . Es war nur ein Ahnen , daß da Schatten im Schatten huschten . Die benachbarten Tempel wurden von anderen Gesandtschaften während des Sommers bewohnt , und , wie in der Stadt , so tauschten die Fremden auch hier Besuche aus , veranstalteten Ausflüge , luden sich gegenseitig zu Mahlzeiten ein . So waren es , trotz aller äußeren Unruhe und scheinbarer Abwechselung und wenn auch in anderer Umgebung sich abspielend , doch immer wieder dieselben , sich stets gleichbleibenden Lebensformen - und in den Augen der das Stetige , Unveränderliche würdigenden Chinesen hatten diese , von den Fremden gerade als Zerstreuung und Unterbrechung gedachten Veranstaltungen durch ihre häufige Wiederkehr allmählich den Charakter althergebrachter ehrwürdiger Riten angenommen . Einen ganzen Nachrichtendienst hatten sich die Fremden zwischen der Stadt und den westlichen Bergen eingerichtet . Alle Morgen kam ein Kuli , der auf seinem Maultier Vorräte und die tägliche Post brachte . Außerdem schickten die in Peking zurückgebliebenen Herren der Gesandtschaft auch noch immer Mafus als besondere Boten , wenn sie wissenswerte Geschehnisse zu melden hatten . Heiß und verstaubt , mit glänzenden , gelben Gesichtern kamen die auf ihren gedrungenen mongolischen Ponies im Tempel an , neigten das Knie vor dem Ta-jen , der immer dastand , als empfange er eine Volkshuldigung , und zogen dann aus dem hohen samtenen Reitstiefel das sorgfältig in einen Lappen gewickelte Schriftstück . Und die Mafus klagten Tschun , daß sie in keinem früheren Sommer so oft hätten mit Nachrichten reiten müssen ! Offenbar gingen sonderbare Dinge vor ! In Peking erzähle man sich , der Kaiser Kwang Hsü sei völlig unter Kang yu weis Einfluß geraten und die Reformpartei , an deren Spitze er jetzt offen stände , schritte täglich weiter , aber ebenso nähme auch das Murren der konservativen Mandschus zu . Ihre Augen richteten sich immer ungeduldiger und erwartungsvoller auf die alte Kaiserin Tzü Hsi . Aber die saß ja , scheinbar unbeteiligt , in ihrem Sommerpalast am Fuß der westlichen Berge , und das einzige , was sie bisher getan , war , daß sie beim Kaiser die Ernennung von drei weiteren Mandschus zu Mitgliedern des Großen Rats durchgesetzt hatte . Yung Lu , Wang wen shao und Kang yi hießen sie . Das sah nach wenig aus , aber wer die drei kannte , wußte , daß es eigentlich viel war , denn sie gehörten zu den erbittertsten Feinden aller Neuerungen und aller Fremden und waren der Kaiserin völlig ergeben . Mit diesen drei im Großen Rat mochte die Erhabene sich vor Ueberraschungen wohl einigermaßen gesichert fühlen und wissen , daß sie dafür sorgen würden , daß die in den sich jagenden kaiserlichen Manifesten anbefohlenen Neuerungen mit etwas weniger Ueberstürzung zur tatsächlichen Ausführung kämen . Eine allgemeine Aufrüttelung sonst gleichgültiger Gemüter war indessen durch die Bewegung schon hervorgerufen . Gespannt griff man jetzt nach jeder neuen Nummer der ehrwürdigen » Pekinger Zeitung « , diesem ältesten Blatte der Welt , das sonst nur von heiligen Zeremonien zu berichten hatte , die der Sohn des Himmels vollzogen , und von posthumen Rangerhöhungen , die er verdienstvollen Toten in der Hierarchie des Jenseits verliehen - denn diese schläfrige Greisin unter den Journalen , die so gut zum schlafenden China gepaßt , war plötzlich zu einem wilden Sensationsblatt geworden , das täglich neue verblüffende Ueberraschungen meldete . Auch draußen in den Bergen las man aufmerksam die » Pekinger Zeitung « . Der gelehrte Abt las sie und die fremden Dolmetscher und auch Tschun mit den anderen Boys . Und sie erfuhren : Marineschulen sollten gegründet werden als Vorstufe zur Reorganisation der Flotte , und besondere Eisenbahn- und Minenministerien eröffnet werden . Dies letztere rief lauten Widerspruch hervor , denn in der Erde schlummern ja die Milliarden Toter , die über die Millionen Lebender herrschen , die durften doch keinesfalls durch all diese Wühlarbeit gestört werden ! Diese Verordnung mußte dann auch wohl irgendwie durch den mäßigenden Einfluß von Tzü Hsis drei Vertrauensmännern etwas dilatorisch behandelt worden sein , denn es folgte ein neues Dekret , worin der Kaiser über Verschleppung klagte und eine schleunigere Durchführung seines Reformwerks anbefahl . » Denn « , sagte er , » Stagnation ist das Zeichen hoffnungsloser Erkrankung . « Und weiter sprach sich Kwang Hsü mißbilligend über die Unwissenheit seiner Untertanen , wie auch über das ganze bisherige Unterrichtswesen aus . In allen Städten sollten darum sofort Zeitungen erscheinen , die von einer unter Kang yu weis Leitung gestellten Zentralstelle mit aufklärenden und belehrenden Nachrichten über alles Wissenswerte zu versehen seien . Vor allem aber müßten staatliche Schulen allerwärts umgehend eröffnet werden , wozu ja manche unnütze Tempel- und Klosterbauten benutzt werden könnten , und durch ein besonderes Uebersetzungsbureau sollten den Chinesen die nationalökonomischen und naturwissenschaftlichen Werke der Fremden zugänglich gemacht werden , » welche Fächer geeignet schienen , allmählich in den Examen den Platz der Klassiker einzunehmen « . Mit diesem Erlaß hatte der den Einflüsterungen Kang yu weis blind folgende Kaiser Gelehrte wie Priester zugleich herausgefordert . Tschun , im Tempel der unendlichen Stille , merkte das wohl an der allgemein laut werdenden Mißbilligung . Die chinesischen Lehrer der Dolmetscher , die in vielen Jahren angestrengtester Arbeit mühsam ihre wissenschaftlichen Rangstufen erworben hatten , sahen sich der Gefahr gegenübergestellt , aller Früchte ihres Fleißes beraubt zu werden . Denn was sollte aus ihnen und den aber Tausenden ihresgleichen werden , wenn die klassische Gelehrsamkeit nicht mehr den alleinigen Weg zu Aemtern und Würden bildete , wenn fortan in den Examen statt nach den erhabenen Lehren von Konfuzius und Mencius nach den querköpfigen Doktrinen irgendwelcher obskurer Barbaren , wie Stewart Mill oder Darwin , gefragt würde ? - Es war nicht auszudenken ! Die Lehrer wurden ganz aufgebracht , Tschun hörte sie erregt diskutieren , und obschon diese Herren ihren Broterwerb gerade in den ausländischen Gesandtschaften fanden , klang doch jetzt auch aus ihren Worten der in jedem Chinesenherzen schlummernde Fremdenhaß . Der Ursprung all dieses Uebels war eben doch schließlich auf die Leute von jenseits der Meere zurückzuführen ! - Am entrüstetsten aber äußerten sich die vielen Priester , und der Abt des Klosters beschloß , sich hinunter zur Sommerresidenz der Kaiserin zu begeben , um vor der gnadenreichen Gegenwart seine Stimme zu erheben und sie anzuflehen , die Rechte zu schützen , die den Tempeln und Klöstern vor Jahrhunderten von den heiligen kaiserlichen Ahnen verliehen worden waren . Und er war nicht der einzige , der sich mit solchem Flehen dort einfand . Der Sommerpalast war zwar von einer hohen Mauer umfriedet , aber es drang doch mancherlei von dem , was drinnen vorging , über diese Umwallung hinaus . Und so erfuhr man denn in den benachbarten Dörfern und von da wiederum in den Tempeln , daß sich die Abordnungen mehrten , die täglich aus Peking kamen , um vor Tzü Hsi gegen die von den Kantonesen eingegebenen Willensäußerungen ihres plötzlich so intensiv regierenden kaiserlichen Neffen zu protestieren Das Gefolge des Abtes erzählte bei seiner Rückkehr , daß gleichzeitig mit ihnen die vornehmsten Mandschugroßen und die höchsten Beamten des Ministeriums der heiligen Riten im Sommerpalast eingetroffen seien , um mit lauten Stimmen Aufhebung der allerneuesten Manifeste Kwang Hsüs zu verlangen . In ihnen hatte der Kaiser , wegen Unterschlagung einer an ihn gerichteten reformatorisch gesinnten Denkschrift , die Spitzen dieser ehrwürdigen Behörde kurzerhand all ihrer Aemter enthoben . Außerdem aber hatte er , um Geld für seine Reformen zu gewinnen , auch die Aufhebung einer Menge einträglicher Pfründen verfügt , auf denen seit Generationen die Mandschus anstrengungslos fett geworden . Tausende wurden von dieser Maßregel getroffen , sogar ein Verwandter der Kaiserin aus dem Yehonala Clan befand sich darunter . Doch Tzü Hsi , die Geheimnisvolle , hatte all diesen in sie Drängenden , wie auch dem Abte , nur vieldeutig geantwortet : » Sie möchten sich gedulden . « Ihre eigene Geduld war scheinbar nicht erschöpft , denn es hieß , daß sie gerade jetzt wieder ein besonders prunkvolles Theaterfest vorbereiten ließe . Und doch schien es unglaublich , daß sie all diese Umwälzungen ruhig hinnehmen sollte ! Gerade um diese Zeit mußte der Ta-jen sich auf einen Tag in Geschäften nach Peking zurückbegeben . Aber mit all den dunkeln Umtrieben und Vorgängen im innern Leben Chinas hatte seine Reise offenbar nichts zu tun , denn Tschun hörte ihn ärgerlich zum ersten Sekretär sagen : » Da muß man nun mal wieder seinen wohlverdienten Landaufenthalt unterbrechen , bloß wegen dem ewigen Drängen dieser unleidlichen Konzessionsjäger ! « - Ja , was sich auch sonst im rätselreichen China an Wandlungen vorbereiten mochte , das geschäftige Treiben der Konzessionsjäger blieb sich immer gleich , und um solch eine von seiner Heimatsregierung besonders protegierte Gruppe zu vertreten , hatte sich der Ta-jen im Tsungli-Yamen angemeldet . » Na , « sagte er beim Abschied , » wenigstens will ich die Gelegenheit benutzen , um bei den Kuriositätenhändlern in Peking mal wieder Umschau zu halten , ob sie nicht neue Nephritgegenstände inzwischen erhalten haben ! « Nachdem die Sänfte , in der der Ta-jen nach Peking getragen wurde , auf dem zur Ebene führenden Weg verschwunden war , beschloß die zurückbleibende Taitai , eine Wanderung in die Berge zu unternehmen . Es gab da auf einer der obersten Höhen ein verfallenes graues Tempelchen , das zu besuchen sie schon lange lockte . Tschun mußte sie , wie immer , begleiten , und Tin chau trottelte nebenher , mit wohlgebürstetem Seidenhaar , platt gedrücktem Trüffelnäschen und erstaunt hervorquellenden Glotzaugen . Wurde aber der Weg dem Hündchen lang , so daß ihm die kleine rosa Zunge aus dem Mäulchen hing , so nahm Tschun es auf den Arm und trug es sorglich weiter . Ein schmaler Pfad schlängelte sich den Hügel hinan . An den kahlen Vorsprüngen des Bergrückens , auf die die Sonne brannte , lag er schattenlos ; da standen spärliche wilde Blumen zwischen braun versengtem Gras , und schillernde Eidechsen wärmten sich regungslos auf den Steinen ; aber wo des Weges Windungen durch die Schluchten führten , war es kühl und schattig . Denn da hatte sich die Feuchtigkeit seit vielen tausend Frühlingen bei jeder Schneeschmelze angesammelt und es waren kleine Haine entstanden . Auch mußten diese Plätze offenbar von früheren Menschen als Stätten kurzer Lebensjahre oder langer Todesruhe bevorzugt worden sein , denn allerwärts traf man Mauerreste verschwundener Klöster und Spuren von Gräbern längst Vergessener . An solch einem lang schon namenlos gewordenen Platze gewahrten die Taitai und Tschun einen auf einer umgestürzten Steinstele rastenden Knaben . Ein Bündel , das er an einem Bambusstab über der Schulter getragen , lag neben ihm . Die Taitai , die auf ihren Reisen in die Lebensbedingungen möglichst fremdartiger Menschen ebenso gern eindrang , wie sie unbekannte ausländische Gerichte kostete , wollte wissen , was er hier mache . Auf Tschuns Frage deutete der Knabe in die Höhe , wo man nun schon deutlich das graue , ganz verfallene Tempelchen gewahrte , und antwortete : » Ich gehe dort hinauf zum Tempel der tiefen Beschaulichkeit , dem heiligen Mann Essen bringen . Dafür muß er dann beten , daß wir genug Regen bekommen für unsere Felder . « Die Taitai war ganz erstaunt , daß irgend jemand in dieser Abgeschiedenheit leben könne , und der Knabe erzählte : » Winters geht der heilige Mann immer nach Peking , da könnte ja auch niemand von uns aus dem Dorfe im Schnee hier herauf kommen , um ihm sein Essen zu bringen . Aber sommers ist er immer da . Er kommt von sehr weit her . « Und dabei machte der Knabe eine Gebärde , die den ganzen Horizont zu umfassen schien . Nun war die Taitai sehr begierig geworden , diesen Einsiedler zu sehen , und zusammen mit dem Knaben schritten sie den Berg weiter hinan . Wandernd erzählte er ihnen , daß er Mahan heiße und sie schon mehrmals gesehen habe , denn er wohne in einem dem Tempel der unendlichen Stille nahen Dorfe . Der Weg war jetzt steil und steinig geworden , und Tschun hatte Tin chau längst auf den Arm genommen . Der Blick hätte hier oben immer umfassender werden müssen , aber die ganze Ebene war verschwommen . Wie ein dichter Schleier lag die stauberfüllte Luft darüber . » Wenn es klar gewesen wäre , hätten wir wohl sicher in den Sommerpalast hineinsehen können ? « frug die Taitai . Aber der fremde Knabe antwortete : » O nein , er ist durch einen Gebirgsvorsprung ganz verdeckt , in den darf man nicht hineinsehen . « » Und es darf auch niemand hineingehen , « sagte die Taitai bedauernd . » Nein , Ihr Fremden natürlich nicht , « antwortete der Knabe , » aber ich bin schon ein paarmal dagewesen . « Dies erstaunte die Taitai sehr , und sie stellte so viele und schnelle Fragen , daß Tschun Mühe hatte , so rasch zu übersetzen . Mahan erzählte , im Sommerpalast gäbe es oft große Theaterfeste , und außer der eigentlichen , aus den Eunuchen der Kaiserin zusammengesetzten Schauspielertruppe würde auch immer noch eine ganze Masse Knaben auf der Bühne gebraucht . Die nähme man dazu aus der Umgegend . Er selbst habe auch schon einige Male so mitgespielt . Die Taitai wollte natürlich am meisten über die Kaiserin hören und die Damen ihres Hofstaates , aber gerade davon wußte der Knabe am wenigsten zu sagen ; was für ein Kostüm ihm selbst angezogen worden war , welche Bewegungen er zu machen gehabt hatte , das war das , was ihm als Wichtigstes im Gedächtnis geblieben war . » Oh , Tschun , « rief die Taitai , » wenn Du doch dort gewesen wärst ! Ich bin sicher , Du hättest besser aufgepaßt und könntest mehr erzählen ! « Doch nun waren sie an dem obersten Berggrat angelangt und vor ihnen lag der Tempel der tiefen Beschaulichkeit . Uralt und verwittert war er , wie der Fels , auf dem er stand . Der Berg endete hier in jähem Absturz , und mit den undurchdringlich dichten Staubschleiern tief unten , die , von hier oben gesehen , einem Meere glichen , schien das Tempelchen auf der einsamen Bergkuppe , losgelöst von allem , zwischen Himmel und Erde zu schweben . Auf dem äußersten Felsvorsprung und der Ebene zugewandt gewahrten die Ankommenden die sitzende Gestalt eines großen hageren Mannes . Etwas unsäglich Verlassenes lag in seiner ganzen Haltung , aber es war nicht nur die durch die äußere Lage bedingte zufällige Einsamkeit , die sich in ihr ausdrückte , sondern ein Tieferes - Wesentlicheres - , als sei diese körperliche Hülle zeitweilig vom Leben selbst verlassen und läge nun da als ein gleichgültiges überwundenes Etwas - wie eine abgetane verschrumpelte Schlangenhaut . Der Einsiedler schien die Ankommenden gar nicht bemerkt zu haben . Erst als sie sich ihm ganz näherten , und der Mahan , ehrfurchtsvoll das Knie beugend , ihn an der Schulter berührte , wandte er sich um . Doch auch noch jetzt starrte er sie zuerst an , als gewahre er sie gar nicht , sondern als schaue er durch sie hindurch auf etwas , das hinter ihren Erscheinungen läge . Erst allmählich und widerstrebend kehrte ein Etwas seines Wesens , das offenbar in weiten Fernen geschweift , zum Bewußtsein der Wirklichkeit zurück . Ueber das erstarrte Gesicht lief ein Zittern , und es war , als würden die erloschenen Augen von einer unsichtbaren Hand wieder entzündet , wie nachts in einem dunklen Haus plötzlich Lichter an den Fenstern aufleuchten . Tschun sah den Einsiedler erstaunt an . Das war kein Mensch wie er , kein Mandschu oder Chinese , eher glichen seine Züge denen der Fremden , aber auch zu ihnen konnte er nicht gehören . Dazu war seine Hautfarbe viel zu dunkel . - Die Taitai aber sagte erstaunt : » Das ist ja ein Inder ! Frag ' ihn doch , wie er hierher gekommen ist , falls er Chinesisch kann . « Ja , der Einsiedler konnte Chinesisch . Er erzählte , daß er vor vielen , vielen Jahren nach Peking gekommen sei , mit einer Sondergesandtschaft aus einem der Grenzstaaten von jenseits der höchsten Berge - weit , weit fort im Süden . » Als die Gesandtschaft wieder abreiste , war ich krank ; man mußte mich zurücklassen . Seitdem bin ich hier geblieben , ich weiß nicht , wieviel Sommer und Winter es her ist . « Ob er sich nicht in sein eigenes Land zurücksehne ? Der alte Mann mit dem seltsam verträumten Ausdruck schüttelte den Kopf . » Was ist denn ein Land mehr wie das andere , « antwortete er , » täuschender Schein sind sie alle und hätten mit uns alle längst schon erlöst im Nichts vergehen dürfen , wenn wir sie und uns durch unseren Willen nicht immer von neuem zum Weiterleben zwängen . Seht , als Ihr vorhin kamt , da hatte ich eben für einen Augenblick die höchste Stufe erreicht und das Nichtsein so sehr gedacht , daß während einer kurzen Spanne dies kleine Stückchen Welt erlöst versank und ich mit ihm . « Die Taitai sagte lachend : » Damit würdet Ihr aber vielen Herren , die ich kenne , einen schlimmen Streich spielen , wenn Ihr gerade das Stück Welt , das man China nennt , versinken ließet - denn die trachten ja alle danach , sich einen möglichst großen Anteil davon zu sichern . « » Ja ja , die Gier , die Gier ! « seufzte der Einfiedler . Tschun fand es nun doch nötig , auch von sich aus noch etwas hinzuzusetzen , um dem sonderbaren Alten zu erläutern , welche Macht sich da in Gestalt der Taitai vor ihm offenbare , und er sagte : » Ihr müßt nämlich wissen , daß meine Herrschaften Christen sind , und darum wollen sie China viel Gutes tun . « » Das Christentum ist in der Tat nicht schlecht , « antwortete der Einsiedler sinnend , » auch was Konfuzius , Mencius und Lao tse hier einst lehrten , enthält manch Beherzigenswertes . Die meisten Religionen wollen ja Gutes , es sind die wohlgemeinten , wenngleich unbeholfenen Versuche frommer Männer , den wahren Pfad zu finden . Aber ihre Nachfolger und Gemeinden sind dann von den ursprünglichen Lehren weit abgeschweift , so daß Christus und Lao tse sich sicher wundern würden , wer sich heute alles als ihre Jünger ausgibt . Und bestenfalls sind doch auch ihre Lehren nur Umwege . Krischna und Buddha wiesen ja längst schon den wahren Pfad . « Mahan , der mittlerweile mit seinem Bündel in der baufälligen Behausung des Alten verschwunden war , trat nun wieder zu ihnen und sagte : » Heiliger Mann , ich habe Euch diesmal reichlichen Vorrat mitgebracht , denn in den nächsten Tagen werde ich wohl nicht kommen können , ich soll wieder in den Sommerpalast zu den Theaterfesten . « » Theater ! « sagte der Einsiedler mit seinem seltsam mitleidigen Lächeln , als spräche er nur für sich , » ja , das ist auch so ein Ausdruck der Gier . Mit dem einen Leben begnügen sich die Menschen so wenig , daß sie sich noch ein zweites vorspielen lassen . Schein im Schein wollen sie haben . « Und dann wandte er sich mit einem ganz neuen Ton freundlicher Besorgnis an den Knaben : » Nun , mein kleiner Ernährer , so geh ' denn den Weg , den Du noch gehen mußt , und vor allem kehr ' mir wohlbehalten von dort zurück , wo Gier um Macht streitet . Mir ist etwas bang um Dich , denn wenn ich auch hier hause wie ein einsamer Adler , so dringen doch manche Laute zu mir , und neulich kamen Leute , die erzählten , es würde dort , wo Du hingehst , ein gar schlimmes Stück vorbereitet . « Zugleich mit dem Knaben trat nun auch die Taitai den Rückweg an . Und während der heilige Mann dort oben in tiefes Träumen über das Auslöschen des Ichs und damit auch seiner Weltvorstellung zurücksank , war all ihr Denken im Gegenteil nur darauf gerichtet , wie ihrem Ich das Dasein voll spannender Abwechslung zu gestalten sei . Denn sie , die sich so gar nicht an der tiefen Beschaulichkeit genügen ließ , sondern am liebsten zehn Leben zugleich gelebt hätte , hatte soeben mit geschäftigem Hirn einen ganzen Plan ersonnen , und dessen Ausführung wollte sie sofort einleiten : Tschun müsse in den Sommerpalast zur Aufführung , sie wolle von ihm darüber hören ! - Und Tschun , dessen geheimste Wünsche ganz in derselben Richtung gingen , war nur zu bereit . Der fremde Knabe müsse ihn mitnehmen , sagte die Taitai , und als Verwandten einführen , der sich auch fürs Theaterspiel anböte . Beinahe so erfinderisch wie die Chinesen selbst , konnte doch so eine fremde Dame sein ! dachte Tschun . Aber wie mochte sie das wohl mit dem Gebote der Wahrhaftigkeit vereinen , das die Fremden den Chinesen gegenüber doch so oft betonten ? Mahan , der sogleich die Möglichkeit von Gelderwerb witterte , erhob zuerst Schwierigkeiten gegen den Vorschlag , und damit spekulierte er richtig , denn die Taitai bot ihm alsbald eine viel höhere Belohnung , als er zu erwarten gewagt . Schließlich war alles abgemacht : sowie er von dem Palastwächter , der die Figuranten zu besorgen hatte , erfuhr , an welchem Tag die Aufführung stattfinden solle , würde er ihm von Tschun sprechen und bitten , ihn ebenfalls als Statisten mitbringen zu dürfen . Feierlicher denn je kehrte der Ta-jen am nächsten Tage in der grünen Sänfte aus Peking zurück , Würde , Wichtigkeit und erfolgreiche Amtstätigkeit ausstrahlend . Und nach wenigen Stunden wußten die Boys und mit ihnen auch Tschun alle Neuigkeiten , die er mitbrachte . Denn irgendwie erfuhren sie , die auf dicken Filzsohlen Gehenden , doch immer alles . Die Mitglieder des Tsungli-Yamen waren auf die Forderungen des Gesandten mit überraschender Bereitwilligkeit eingegangen , ganz ohne die gewohnte Verneinungstaktik anzuwenden , mit der sie sonst jede Verhandlung begannen . Dem begleitenden Dolmetscher hatten sie den Eindruck gemacht von Leuten , die vor so gewaltigen Ereignissen zu stehen glauben , daß das , was bisher wichtig erschien , zur Geringfügigkeit zusammenschrumpft . Der Ta-jen war sogar beinah etwas pikiert , daß er seinen Erfolg so leicht errungen hatte . Aber er freute sich schon im voraus auf die Enttäuschung , die ein anderer Ta-jen , der sich um die gleiche Konzession bemüht hatte , empfinden würde , wenn er diesen Sieg erfuhr . Seine glücklich geführte Verhandlung hatte der Ta-jen seiner Regierung bereits von Peking aus telegraphisch gemeldet . Nun sollte noch im Tempel der unendlichen Stille ein ausführlicher Bericht darüber verfaßt werden . » Und dann ist da noch etwas anderes , über das wir vielleicht berichten müßten , « sagte der Ta-jen zum ersten Sekretär , was Kuang yin deutlich von der angrenzenden Zelle aus hörte , wo er scheinbar eifrigst die verstaubten Kleider seines Herrn reinigte . » Ich bin nämlich bei dem Bischof im Petang gewesen , um seine Ansicht über eine Nephritschale zu hören , die mir angeboten worden ist - Sie wissen doch , daß er der größte Kenner von Nephrit ist - na , und bei dieser Gelegenheit hat er mir allerhand über diese chinesische Reformbewegung erzählt . Er schien sogar voller Apprehensionen . « » Ach , « meinte der Sekretär , » diese geistlichen Herren reden sich ja immer künstlich in ein Interesse für kleine chinesische Vorkommnisse hinein , weil sie sich nun mal dazu verurteilt wissen , ihr ganzes Leben in diesem gottverlassenen Lande zu verbringen . Dadurch nehmen die hiesigen Dinge in ihren Augen eine viel größere Wichtigkeit an . Ich glaube , wir Diplomaten , die wir gottlob nur vorübergehend hier sind und vergleichen können , sehen das