ist nicht auch in den Gutgläubigen die Einsicht , daß es besser werden muß mit Kirch und Lehr ? Und du , Vater ? Bist du zufrieden mit deinen geistlichen Herren ? « Der Amtmann trommelte ärgerlich auf einem Buche . Die Antwort fiel ihm schwer . Der Propst , der alte Dekan und ein paar von den Herren im Stift , das waren feste , redliche und aufrechte Männer . Aber diese jungen Chorherren und die übermütigen Domizellaren ! Die entschlugen sich lustig der Regel und lebten , als wäre ihr Wunsch , das Kloster in ein weltliches Stift verwandelt zu sehen , schon erfüllt . Sie vergeudeten das Gut des Stiftes , kümmerten sich keinen Strohhalm um ihren geistlichen Beruf , so daß man zur Übung der Seelsorg bezahlte Kapläne anstellen mußte , derweil die Chorherren den Tag mit Jagen , Fischen und Beizen verbrachten , die Nacht mit Mummereien und Maidenspiel . Um den bürgerlichen Frauen und Töchtern leidliche Ruh vor diesen heiteren Herren zu schaffen , mußte die Gadnische Gemeinde im Badhaus die freie Wohnung stiften für die Hübschlerinnen , für die geschuhten Wachteln , die von Salzburg geflogen kamen . Um solcher Dinge willen hatte Herr Someiner schon manch einen zornigen Fluch verschluckt . Jetzt sagte er mürrisch : » Da redet man nicht davon . Im Amt muß Fürsicht allweil das erste sein . « » Ein Amt ist überall , Vater ! Und drum ist überall die Fürsicht und das Dulden . Und überall die Sittenwildnis der Geistlichkeit . « Herr Someiner verlor die Geduld . » Die heilige Kirch und die Klerisei sind zwei verschiedene Dinge . Ein Knecht , der mißraten ist , macht den Herren nicht schlechter . « » Aber auch nicht besser . « » Bub ! « Der Amtmann sprang auf . » Bist du heimgekomen , um mich in Gefahr zu bringen ? « » Nein , Vater ! « Lampert redete ruhig . » Aber das ist ein Ding , das mich schmerzt . Sollt man da nicht denken dürfen an Hilf ? « » Du wirst den schmierigen Hafen der Zeit nicht sauber machen ! « Dem Gestrengen schwoll die Zornader an der Schläfe . » Laß du die Hilf von denen kommen , die dazu berufen sind . « » Wären die geistlichen Herren nicht berufen als die ersten ? Geistlich ? Kommt dieses Wort nicht vom Geist her ? Aber sie mästen den Leichnam eines faul gewordenen Lebens und lassen der Menschheit redlichen Geist versterben ! Wer und was soll helfen , Vater ? « Herr Someiner wollte heftig erwidern . Da hörte er Stimmen und vernahm von der Schreibstube draußen ein Podien an der Türe . Erschrocken flüsterte er : » Sei still , Bub ! Da kommen Leut . « Der Zorn zitterte noch in seiner Stimme . » Laß dir raten ! Red solch unbeschaffen Zeug nicht vor andern Leuten ! Auch nimmer vor mir ! « Während Lampert die Hand über die Augen preßte , ging sein Vater in die Schreibstube hinaus und sperrte die Flurtür auf . Und als er an Stelle Marimpfels und des Ramsauer Richtmanns , die er erwartet hatte , einen alten Mann und einen jungen Burschen in der schwarzen Tracht der Salzknappen gewahrte , brach der mühsam verhaltene Zorn aus ihm heraus . » Gotts Nöten , was ist das für ein Unfürm ? Wie trauet ihr euch zu lärmen vor meiner Tür ? « Der junge Burch lachte verlegen und zog den Kopf zwischen die Schultern . Und der Alte sagte scheu : » Gestreng Herr Amtmann , der Bub da , das ist der Ulrich Eirimschmalz , ist Stollenknecht bei uns seit Lichtmeß , ist ein Ausländischer , vom Rhein her , und ist in Herberg bei mir . Und der hat ein Ding gemacht , daß ich gemeint hab , ich müßte es dem Gestreng Herrn Amtmann weisen . « » Was für ein Ding ? Ein schlechtes ? « » Ich weiß nit , Herr ! Schauet selber ! « Und der Alte reichte dem Amtmann ein mürbes , zerknittertes Blättlein Papier . Herr Someiner nahm das Blatt , sah es an , zog die Augenbrauen in die Höhe und trat zum Fenster . » Komm , Bub ! Mußt nit Angst haben ! « sagte der Alte , trat mit dem jungen Burschen in die Amtsstube und drückte die Türe zu . Am Fenster betrachtete Herr Someiner das Blatt , auf dem drei schwarze Reihen dicker , gleich großem Schriftzeichen waren , plump und unsauber , schief aneinandergereiht , ähnlich der ungeübten Schrift eines schlechten , schwerhändigen Schreibers . Aber lesen konnte man ' s. Und jede der drei untereinanderstehenden Zeilen sagte das gleiche : ullri eirimsmalz der menzer ullri eirimsmalz der menzer ullri eirimsmalz der menzer Herr Someiner schüttelte den Kopf . » Was ist das für eine Narretei ? « Er guckte das Blatt wieder an , während Lampert aus der Kammer trat . » Das sieht aus , als hätt ' s ein Geisbock geschrieben mit dem Huf ! « » Red , Bub ! « sagte der alte Bergmann . » Tu dem Gestreng alles weisen ! Gelt , Herr , das ist ein erstaunlich Ding ! « » Erstaunlich ? « fragte Lampert . » Was ? « » Daß einer schreiben kann und keine Feder nit braucht . « Lampert nahm das Blatt , das der Vater ihm reicht , und besah die wunderliche Schrift . Der junge Knappe , dem bei der Sache nicht recht behaglich zumute war , begann zu erzählen , immer scheu den gestrengen Amtmann musternd . Er wäre zu Mainz daheim , Sohn eines Zinngießers , von zwölf Geschwistern das jüngste . Vor zwei Sommern , mit achtzehn Jahren , wäre er auf die Wanderschaft gegangen , hätte ein Jahr lang dem Stadthauptmann zu Würzburg als Pavesenknecht gedient , ein Jahr lang dem Bischof von Chiemsee als Pulverstößer und als Zeltpflöcker bei Jagd und Beizwerk . Die blauen Berge hätten an seiner Seele gezogen . Und so wäre er nach Berchtesgaden gekommen und Stollenräumer im Salzwerk geworden . » Und do haw ich , drei Woche kann ' s her sin , vor de Knappe bei der Mahlzeit erzählt , ich hätt in der Menzer Borscheschul en Kamerad gehatt , den Henrichen Gensfleisch von Guteberg . Der hätt was Richtigs nich lerne woll , haw ich erzählt , und hätt deß allerweche finde mög , daß mer schreiwe kann un kee Feder nich braucht . « » Halt auch so einer von den Tagdieben « , murrte Herr Someiner , » die nicht wissen , wie sie die kostbaren Stunden totschlagen . « » Wird schon so sein , Herr , jo ! Awer gefunnen hot er ' s. Un weil die Knappe deß nich hawe glaube mög , daß mer schreiwe kan un keen Feder nich braucht , un weil ich mer nich der Lug hab zeihe laß , drum haw ich mer fürgenomm , daß ich ' s ihne weise will , wie ' s der Hennichen Gensfleisch gemacht hot . Un hab die Schriftzeiche nach Spiegelweis ussem Buchsbaumästche erausgestoche , wie ' s der Hennichen Gensfleisch gemacht hot . Und hab mit Essig und Ruß e Farb gerührt , hab die Stäbcher eneingetunkt un hab die Schriftzeiche uf e Blättche gedruckt , wie ' s der Hennichen Gensfleisch gemacht hot . Und do hawe ' s die Knappe lese könn . « » Aber schlecht ! « sagte Herr Someiner . » Mach , daß du weiter kommst mit deiner mühsamen Narretei ! « » Vater ! « Lampert hatte große Augen . » Das sollte man besser beschaun . Ich mein ' , das ist - « Ein dröhnender Hall wie vom Einschlag eines schweren Blitzes krachte durch die Lüfte , und dann hörte man ein dumpfes Echo hinrollen über den Untersberg . Ein Ungewitter ? In der schönen Sonne und bei blauem Himmel ? Die viere , die in der Amtsstube waren , rannten zum Haustor und sprangen auf die Straße hinaus . Über ihren Köpfen klirrte ein Fenster , und da droben klang die angstvolle Stimme der Frau Someiner : » Was ist denn ? Um Jesu Christ ! Was ist denn da ? « Aus allen Fenstern der Marktgasse fuhren Kindergesichter und weißbehaubte Frauenköpfe heraus . Buben und Mannsleute kamen aus den Türen gesprungen , und alle redeten wirr durcheinander . Nun wieder der gleiche , die Menschen erschreckende Hall . Er dröhnte vom Hirschgraben des Stiftes herüber . Und man hörte das donnernde Echo vom Untersberg über das weite Tal hinausrollen bis zum fernen Watzmann . Viele Leite rannten gegen den Hirschgraben hin . Und von dort her kam an der Häuserzeile ein kleiner , magerer Mensch gesprungen , der mit dem wehenden Mäntelchen einem bubengroßen geflügelten Insekt vergleichbar schien . Das war der Amtsschreiber Pießböcker , dem die Gadener den Spitznamen der Item gegeben hatten . Der fuchtelte mit den Armen und kreischte in dünnen Fistellauten : » Gestreng , kommet flink hinüber zum Hirschgraben ! Item , da probieren sie die neue Kammerbüchs , die gestern von Augsburg gekommen ist . « Das Männlein , dem der Atem versagte , schnappte nach Luft . » Item , sie haben mit dem ersten Schuß eine Mauer gebrochen , item , mit dem zweiten haben sie den großen Vierzehnender im Graben totgeschossen , item , das Vieh ist bloß noch ein Klumpen Fleisch und Blut gewesen . Item , Herr , das neue Ding ist eine mächtige Hilf wider Feind und Burgen ! Kommet , Gestreng ! Kommet , kommet ! « Und aufgeregt , mit wehendem Mäntelchen , gaukelte das magere Männlein wieder davon . » Eins nach dem andern ! « brummte der Amtmann . » Erst muß ich den Mainzer Buben seiner Narrheit überweisen . « Und während er in das Haus trat , sagte er zu dem jungen Knappen : » Hast du den Hall vernommen ! Da ist auch ein lützel Ruß dabei . Ist aber ein mächtig Ding ! War anders als dein rußiger Zeitvergeud ! « Lampert stand noch immer auf der Straße und sah verloren in das schöne Blau hinauf , das über den steilen Dächern glänzte . Wieder donnerte die Kammerbüchse im Hirschgraben . Ein alter Handwerker in großem Schurzfell und mit nackten Armen nickte stumm vor sich hin . Er wandte das müde , freudlose Gesicht und flüsterte seinem neugierig guckenden Weibe zu : » Sie sagen , das hätt ein Pfaff erfunden . Da wird ' s der Welt einen Schaden tun . « Als Lampert in die Amtsstube kam , saß Herr Someiner am Pult , tauchte die Feder ein , und während er zu kritzeln anfing , fragte er den Ulrich Eirimschmalz : » Jetzt sag , wie lang hast du gebraucht zu deiner federlosen Schreiberei ? « » Durch dritthalb Woche haw ich an jedem Feierawend geschnitt un gestoche , bis die Stäbcher fertich ware . Drei Feierawend haw ich gebraucht zum Farbreibe un zum Drucke . Viel Blättcher haw ich verschmiert . « » Drei Wochen ? So ? « Der Amtmann reichte dem Buben ein kleines Blatt . » Und das da hab ich geschrieben im Viertelsteil eines Paternosters . Was du geschrieben hast - schau her da ! « Herr Someiner fuhr mit einem Federlappen über das bedruckte Blatt , und die Schrift war ausgewischt zu einem rußigen Fleck . » Was aber mein Kiel mit guter Tinte geschrieben hat , das bleibt ! Das kannst dir aufbewahren für Kind und Kindeskind ! « Auf dem Blatte stand mit zierlicher Schrift geschrieben : » Hennichen Gänsbraten der Mainzer ist ein Tagdieb . Und du bist auch einer ! « Herr Someiner sprach : » Flink ! Weiter mit euch ! « Die beiden trollten sich , und der junge Bergknappe mit dem Zettel in der Hand , sah stumm den alten Bergmann an . Der sagte : » Ich hab gemeint , es wär eine nutzbare Sach . Aber so ein Herr versteht ' s halt besser . « Wieder dröhnte der Hall der Kammerbüchse . » Komm , Bub « , sagte der Amtmann . » Jetzt wollen wir hinüber in den Hirschgraben und das neue Ding betrachten . Der Pießböcker hat schon recht : Das ist eine große Sach ! Und sei verständig , Bub ! Tu im Hirschgraben die Herren geziemend komplimentieren . « Er fügte mit leiser Stimme bei : » Auch die Jungherren , die dir nicht gefallen . « » Vater ! « » Was ? « fragte der Amtmann mißmutig . Lampert legte die Hand auf den Arm des Vaters . » Das Ding mit dem Buben will mir nicht aus dem Sinn . Ich weiß nicht , ob das recht gewesen , was du da getan hast . « In der reizbaren Seele des Amtmanns kam plötzlich der nur halb unterdrückte Zorn wieder obenauf . » Willst du mucken wider deinen Vater ? « schrie er . » Werd erst ein festes Mannsbild ! Bist Doktor und Magister ! Aber allweil bist noch wie ein seidnes Fähnl , das sich rührt vor jedem neuen Wind , mag ' s ein guter oder schlechter sein ! Ich denk zuerst ! Verstehst du ! Und was ich tu , das ist - « Herr Someiner schwieg und sah zum Fenster hin . Da draußen verstummte der Hufschlag zweier Pferde . Lampert , der bei seines Vaters Wort vom seidenen Fähnlein bleich geworden , wandte sich schweigend ab und verließ die Amtsstube . Als er schon bei der Treppe war , hörte er das Eisengeklirr zweier Männer , die das Haus betraten . Er drehte das Gesicht und schien in seiner Erinnerung zu suchen . Da kam der Ramsauer Richtmann auf ihn zu , streckte ihm die Hand hin und sagte freundlich : » Gottes Gruß , Jungherr ! Euch kenn ich noch allweil . Aber Ihr wisset wohl nimmer , wer ich bin . Freilich , es ist schon an die sieben Jahre her , daß wir uns nimmer gesehen haben . Ich bin der Runotter von der Ramsau . « Während Lampert rasch die Hand des Richtmanns umklammerte , fuhr ihm das Blut ins Gesicht . » Doch , ich weiß schon , Ihr seid es ! « In der Erregung , die ihn befallen hatte , sagte er Ihr , als wäre der Bauer von den Herren einer . Lampert warf einen fragenden Blick auf den Spießknecht hinüber , der in die Amtsstube trat . » Runotter ? Bist du vor das Amt gerufen ? « » Wohl , Jungherr ! « » Warum ? « » Ich weiß nit . « In der Amtsstube flüsterte Marimpfel : » Gestreng ! Auf dem Hängmoos steht ein Käser , und siebzehn Milchküh sind aufgetrieben . Der Kerl da draußen muß ein schlechtes Gewissen haben . Er ist grob gewesen , und seine Wehr hat er angetan . « Herr Someiner winkte mit den Augen . Da ging der Spießknecht auf die Tür zu und rief hinaus : » Richtmann ! Kommen sollst ! « Runotter trat in die Stube . » Gottes Gruß , Gestreng Herr Amtmann ! « Mit dem Bauer war auch Lampert gekommen . Er sagte rasch : » Hier wird geamtet ? « Seine Stimme klang gepreßt . » Ich soll doch lernen , nicht ? Da kann ich wohl bleiben und hören ? « Herr Someiner nickte und sagte zum Richtmann : » Gottes Gruß ! Du bist in Wehr ? Warum ? « Der Ramsauer sah zum Fenster hinaus . » Herr ? Sollt nit der Spießknecht acht haben auf die Gaul da draußen ? Der meinig ist ein lützel hitzig . Da könnt er schlagen oder beißen . « » Beißt er « , murrte Marimpfel , » so kriegt er eine aufs Maul . « Klirrend verließ der Spießknecht die Stube . Runotter nahm die eiserne Schaller ab , legte sie auf das Fenstergesims und sagte ruhig : » Warum ich in Wehr bin , Herr ? Aus Fürsicht . Für Hofleut ist ein Bauer allweil der Minder . Um Händel zu verhüten , hab ich die Wehr angetan , wie mir ' s zusteht als Erbrechter . « Lampert , der gegen die Tür der Kammer gelehnt stand , verwandte keinen Blick vom Gesicht des Bauern . » Soooo ? « sagte Herr Someiner . » Fürsicht ist eine löbliche Tugend . « Er musterte den Mann . » Ein festes Eisenzeug ! Wirst bald noch einen zweiten Holdenküraß brauchen . Heut hab ich im Wehrbuch gelesen , daß dein Bub im Winter zu achtzehn Jahren kommt . Vermerkt steht , daß er nicht wehrfähig ist . « Runotters Augen suchten im Leeren . » Das is nit meine Schuld . « Das Wort war ruhig gesprochen , und dennoch schien es unbehaglich auf den Amtmann zu wirken . Er benahm sich wie einer , der nicht gehört haben will , und sagte : » Willst du für deinen Buben das Erbgut aufrecht halten , so mußt du für ihn zur Holdenwehr im Winter einen Ersatzmann stellen . Da wirst du dich beizeiten umschauen müssen . « » Wohl , Herr ! Könnt sein , es war da grad ein guter Weg . Heut hat mir der Heiner , mein Knecht , von einem Soldmann erzählt , der in die Ramsau kommen ist . Will reden mit dem . Mag er bleiben , so zahl ich ihm gern die Löhnung fürs Warten bis zum Winter . Für meinen Buben tu ich alles . « » Freilich , du kannst es ! « Herr Someiner lächelte . » Der beste Steuergeber in der Ramsau ! « » Dem Himmel Vergelts ! Gott segnet meinen Schweiß . « » Wieviel Ochsen hast du ? « » Sechs für den Zug , zwei davon für den Acker , der mein ist , viere für Jagdfron und Scharwerk . Sieben Stückl Jungzeug hab ich auf der Alben . « » Wo tust du sennen ? Im Windbachtal ? « » Nein , Herr ! « Die Brauen des Bauern zogen sich hart zusammen . » Da droben soll kein Stückl Vieh mehr fressen , das mein ist . « » Ist da die Weid so schlecht ? « Runotter zögerte mit der Antwort . Seine Stirne färbte sich . » Nach der Hoflag tät ' ich sennen müssen beim Windbach . Aber die Gnotschaft hat mir ' s zulieb getan und hat mir das Hängmoos zugewiesen . « » Das Hängmoos ? « Herr Someiner wuchs auf seinem Sessel . » Da sennest du selber ? « » Wohl , Herr ! « Runotter schien das Wunderliche im Klang dieser Frage nicht zu begreifen . » Wir sind unserer Sechse , die auf dem Hängmoos sennen , der Taubenseer , des Mareiners Schwager , die zwei Hintermöser , der Schwarzecker und ich . « » Da hast du einen schlechten Tausch gemacht . « Wieder furchten sich die Brauen des Bauern . » Ist mir lieber , als am Windbach sennen . « » Auf dem Hängmoos ist schlechter Boden . « » Der ist besser worden . Wir haben Gräben geschlagen und viel Boden trücken gemacht . Freilich , viel Sumpfland ist noch allweil droben . Ist oft schon ein Stückl Vieh versunken . « » Da wirst du selber dein gutes Melkvieh wohl nicht auftreiben ? « » Doch , Herr ! Drei Küh hab ich im Stall für die Heimleut , achte sind auf der Alben . « » Auf dem Hängmoos ? « Herr Someiner erhob sich . Verwundert sah Runotter den Amtmann an . » Wohl , Herr ! Auf dem Hängmoos . « » Runotter « , sagte Herr Someiner streng , » du bist mir bekannt als redlicher Mann . Drum will ich vorerst noch gütig bleiben . Aber ich muß jetzt doch - « » Vater ! « stammelte Lampert , dem vor Unmut das Gesicht brannte . » Du wirst mir das nicht antun wollen , daß ich - « » Hier wird geamtet ! « klang es würdevoll über das Pult herüber . » Da redet bloß der Amtmann und wer gerufen ist . « Die erstaunten Augen des Richtmanns glitten zwischen den beiden hin und her . » Ihr Herren ? Was ist denn da ? « » Das wirst du hören ! « Herr Someiner öffnete den eisenbeschlagenen Schrank , holte den Hängmooser Almbrief hervor und legte das alte , mürbe Pergament auf das Pult hin . Er wollte sprechen . Doch das Gebaren des Sohnes machte ihn aufblicken . Lampert , an der Lippe beißend , tat einen Schritt gegen den Vater hin , sah ihm in die Augen , wandte sich ab und trat in die Kammer hinaus . Herr Someiner bekam einen roten Kopf . Auch im Klang der Stimme verriet sich sein Ärger . » Wieviel Vieh ist aufgetrieben zum Hängmoos ? « » Achtzig Köpf , Herr , nach unserm Weidrecht . Heuer sind zwanzig Kalben droben , dreiundvierzig Ochsen und siebzehn Milchküh . « » Achtzig Köpf ? « Der Amtmann sah in den Almbrief . » Das stimmt . Aber Melkvieh ? Seit wann wird Melkvieh aufgetrieben zum Hängmoos ? « » Das ist wohl allweil so gewesen , ich weiß es nit anders . « » So ? « » Den Hängmooser Sauerkäs , den hab ich schon gegessen , da bin ich noch Jungbauer gewesen und - « Auf der Brust des Richtmanns hob sich langsam der schwere Küraß . » Und ein Mensch im Glück ! Lang ist ' s her . Noch länger , wie daß mein Bub ein Krüppel sein muß . « Der Amtmann mochte diese Erinnerung an das Glück des Runotter nicht gerne hören . Er sagte verweisend : » Tu nicht reden von Dingen , die nicht vors Amt gehören ! « Der Bauer biß die Zähne übereinander , und seine sonnverbrannten Fäuste klammerten sich härter um den Knauf des Holdenschwertes , das er vor sich stehen hatte . » Und in der Sach , um die es da hergeht « , fuhr der Amtmann fort , » da mußt du dich irren , Runotter ! Sauerkäs vom Hängmoos , sagst du ? Man kann nicht käsen , wo kein Käser steht . « » Auf dem Hängmoos steht doch einer . « » Seit wann ? « » Seit allweil . « » Weißt du auch das nicht anders ? « » Nein . « Die kurzen Antworten mißfielen dem Gestrengen . » So ? Dann schau dir einmal den Weidbrief an ! « Der Bauer nahm das Blatt und las . Das dauerte lang . Inzwischen polterte Herr Someiner hinter dem Amtspult . » Da hört sich doch alles auf ! Seit Jahr und Jahr wird da ein Frevel wider das Fürstenrecht verübt . Groß wie ein Haus steht das Unrecht auf dem Hängmoos , hat siebzehn Schwänz und achtundsechzig Füß . Und kein Jäger sieht ' s , kein Grenzwächter und kein Forstknecht ! Und keiner meldet ' s ! Und die Herrschaft hat den Schaden . Es ist ein Kreuz ! Auch auf die eignen Leut ist kein Verlaß . Und tut man nicht alles selber , so bleibt es ungetan . « Runotter hob das Gesicht , sah den Amtmann an und betrachtete wieder das Blatt . » Herr , liegt da kein andrer Weidbrief nimmer für ? « » Ich weiß von keinem . « Der Bauer legte das Blatt zurück . » Nachher muß da ein Irrtum sein , ich weiß nit , wo . Ist er bei uns Bauren , so geben wir schuldige Buß . Aber der Albmeister , der das Weidrecht hütet und die Schriften in Verwahr hat , ist ein redlichs Mannsbild . Ich glaub nit , daß er mit Wissen tät , was wider das Recht ist . « Der Amtmann schlug mit der flachen Hand auf das Dokument : » Da steht es aber doch ! Auf dem Hängmoos darf kein Käser sein . Küh dürfen nicht weiden da ! Bloß Ochsen . « Das ernste Steingesicht des Runotter bekam einen leisen Zug von Heiterkeit . » Der Herr muß sich nit aufregen . Es wird sich alles weisen . Der Weidbrief ist alt . Vor Zeiten ist auf dem Hängmoos schlechte Weid gewesen . So ein saures Gras ! Drum wird man bloß Galtvieh aufgetrieben haben . Und der Ochsenhirt hat keinen Käser gebraucht . Drauf haben die Bauren den Weidboden so verbessert , daß Melkvieh hat grasen können . Und ich denk , da wird man das so ausgeredet haben - « » Davon weiß ich nichts . Eine andre Urkund ist nicht im Kasten . Beim Recht entscheidet nicht , was du denkst , und nicht , was ich denk . Beim Recht entscheidet Schrift und Siegel . Da liegt der Brief . Wie er ' s zu Recht verlangt , so muß es gehalten sein . Der Käser auf dem Hängmoos muß weg . Die siebzehn Milchküh müssen herunter , die siebzehn Ochsen müssen hinauf . « Runotter , den seit achtzehn Jahren keiner hatte lachen sehen , mußte schmunzeln . » Herr , das Weidrecht geht doch ums Gras . Ist das nit ein Ding , ob das Gras von einer Kuh gefressen wird oder von einem Ochsen ? « » Nein ! « Herr Someiner geriet in Hitze . » Recht ist kein Rütlein , das man biegt . Da steht ' s. Das Recht will Ochsen . Die Ochsen müssen hinauf ! « Der Richtmann schwieg eine Weile . Dann sagte er ruhig : » Herr ! Wegen siebzehn Ochsen , die statt der Küh auf dem Hängmoos fressen sollen , wird doch nit der gnädig Herr Fürst mit der Ramsauer Gnotschaft einen Krieg anheben ? « » Krieg ? Red nit so unbeschaffen ! Krieg führen Herr und Herr miteinander , nicht Herr und Bauer . Da geht ' s um Recht oder Unrecht , um Gehorsam oder schwere Buß . « Runotter stieß das Schwert , dessen Knauf seine Fäuste umklammerten , leicht auf den Boden hin . » Gut , Herr ! Ich bin nit bockbeinig und will den nötigen Verstand haben - « Heftig unterbrach Herr Someiner : » Meinst du , den hab ich nicht ? « » Das hab ich nit gesagt . Aber es könnt doch sein , daß der Irrtum auf Seit der Herren ist ? « » Nein ! « Der Amtmann schrie : » Bei mir ist alles geschrieben und gesiegelt . Mein Amt steht außerhalb des Irrtums . Und Recht muß Recht sein ! Oder - « Runotter sah die schwellenden Adern über des Amtmanns Schläfen und sagte rasch : » Gut , Herr ! Daß wir Fried halten - ich will , bis die Sach geklärt ist , auf dem Hängmooser Herd kein Feuer nimmer zünden lassen . Und will die Küh heruntertun . Und daß der Bauerschaft kein Schaden geschieht , drum will ich die siebzehn Küh derweil auf meinem Anger grasen lassen . Und die Ochsen tu ich hinauf . Das soll geschehen , sobald meine Leut neben der Heumahd Zeit haben . « » Zeit hin oder her ! Der Mensch kann Geduld haben , das Recht hat Eil . Was du tun mußt nach Recht und Siegel , das wirst du tun bis morgen zur Mittagsstund ! Sonst schick ich die Pfändung auf das Hängmoos , laß den Firstbalken aus dem Käser stoßen und laß die siebzehn Küh davontreiben als Pfand für Siegel und Recht . « » Herr « , fuhr es dem Richtmann heraus , » das wär doch Unverstand ! « Bei diesem Wort streckte sich Herr Someiner . Seine Stimme klang höher und stieß gegen die Nase . » Redest du so mit mir ? Weißt du nicht , daß ich hier steh an deines Fürsten Statt ? « » Verzeihet , Herr , es ist mir nur so herausgerumpelt . « Der Bauer atmete schwer . » Ich trag seit achtzehn Jahr um meiner Kinder willen einen Zaum vor dem Maul . Aber diemal reißt er . « » Und dann kommt es , daß du redest , wie du denkst . Ja , Bauer ! « Mißtrauisch und forschend musterte Herr Someiner den Richtmann . » Mir scheint , dich lern ich auch noch kennen ! Doch was du geredet hast wider mich , das will ich um deiner Kinder willen vergessen . Aber Amt ist Amt . Nach Pflicht meines Amtes wird geschehen , was meines Fürsten Recht verlangt . Tu , was du willst ! Morgen ums Mittagläuten ist die Pfändung auf dem Hängmoos . Fertig ! « Er legte das gesiegelte Dokument in das Fach zurück und versperrte den eisenbeschlagenen Schrank . » Recht ? Wo ist Recht ? « Runotter drehte den Knauf des Schwertes zwischen den Fäusten . » Ihr saget : Amt ist Amt ? Gut ! Da hab ich jetzt einen Merk gekriegt . Ein Amt hab ich auch . Ich bin Richtmann der Ramsauer Gnotschaft , bin eingeschworen drauf , unser Recht zu wahren . Auf dem Hängmoos geschieht , was allweil geschehen ist . Die Ramsauer hätten nit so getan , wär nit ein Recht dabei . Und wo das Recht ist , braucht man nit Pfändung und Spießknecht fürchten . Herr ! Jetzt tu ich amten und sag als Richtmann der Gnotschaft : Recht muß Recht sein , und der Hängmooser Käser soll stehen , wo er steht , und die siebzehn Milchküh bleiben auf der Alben . « Herr Someiner