, daß wir da im Schnee sitzen bleiben , warum soll man sich so anstrengen ? Wir bleiben sitzen und sehen den anderen zu . Ein paarmal nennt sie mich du - man ist im Karneval so gewöhnt , alle zu duzen . Wir sprechen nicht viel , sie lehnt sich ein wenig an mich und schläft hier und da einen Moment ein . Dann geht die Sonne unter , und wir fahren in die Stadt zurück . Maria will noch nicht nach Hause , und der Leutnant , den man etwas übersehen und fast vergessen hat , lädt uns ein , in der Bar zu soupieren . Alle werden noch einmal wieder ganz wach und sehr munter , und wir kommen erst gegen drei oder vier Uhr ins Eckhaus zurück . Susanna berief sich mit plötzlicher Energie auf ihre Stellung als Hausfrau und setzte für morgen einen allgemeinen Schlaftag an . Wer bliebe und wo er bliebe , sei ihr einerlei - jeder möge sehen , wie er unterkomme . Chamotte solle mit dem Kinde spazierengehen und es beaufsichtigen , dazwischen könne er hier und da leise - um Gottes willen recht leise - durch die verschiedenen Zimmer gehen und Erfrischungen verabreichen . Am späteren Abend würde wohl irgendwie eine richtige Mahlzeit oben in der Küche zustande kommen - dabei warf sie einen fragenden Blick auf Orlonsky , aber der zuckte ablehnend die Schultern , und Susanna fügte hinzu , schlimmstenfalls würde sie selbst für alles sorgen . Ich hatte ja die vorige Nacht , wenn auch nicht ungestört , geschlafen und wachte gegen Mittag von einem leichten Geräusch auf . Es war Chamotte , der auf den Zehenspitzen herumschlich . Herr Willy ließe fragen , ob er zu mir herunter kommen könnte , er sei auch schon wach , und da er zwei Gäste beherbergte , fühlte er sich etwas beengt . Ich kleidete mich an und legte mich dann wieder aufs Bett , Willy kam in einem gelbseidenen Kimono : » Ich weiß nicht , wem er gehört « , seufzte er , » man zieht jetzt immer an , was man gerade findet . Es ist alles so anstrengend - der Leutnant ist schon fortgegangen , um seine Tante von der Bahn zu holen , Susanna hat ihm ihren roten Rodelsweater und Reithosen von Onsky gegeben - denn er wollte durchaus nicht in seinem Biedermeierfrack an die Bahn gehen . Wir drei hier im Hause kommen jetzt manchmal in Verlegenheit , weil wir immer unsere Gäste zum Fortgehen ausstaffieren müssen . Ein junges Mädchen mußten wir neulich zwei Tage dabehalten , weil sie als Page zu uns kam und nichts vorhanden war , was ihr paßte . « Chamotte machte derweil Ordnung im Zimmer , heizte den großen Ofen ein und brachte uns Kaffee . Dann lagen wir da , rauchten Zigaretten , und es war sehr gemütlich . Die Tür zu beiden Nebenzimmern stand offen , in dem einen schlief Orlonsky , in dem anderen Maria , und wir sprachen halblaut , um sie nicht zu stören . Ich fragte , ob Susanna denn schon auf sei , da sie den Leutnant kostümiert hatte , sie war doch gestern am allermüdesten und schien es mit dem Schlaftag sehr ernst zu meinen . » Oh , Susanna macht ' s wie die Sonne , sie geht in Wirklichkeit nicht unter - sie geht nur um die Erde herum und scheint dann über irgendwelchen anderen Ländern . Beim Schlaftag kommt es ihr nur darauf an , daß jeder in seinem Zimmer bleibt - sie gibt dann Gastrollen , besucht eine Niederlassung nach der anderen und schläft da , wo sie gerade ist , noch ein paar Stunden weiter . « Chamotte ist mit dem Kind ausgegangen , das ganze Haus liegt in tiefem Schweigen . Die Türglocke hat man vorsorglich abgestellt . Maria ist inzwischen einmal aufgewacht und hat gefragt , wer denn hier nebenan sei . Wir haben ihr Kaffee hineingebracht und ein wenig geplaudert , dann ist sie wieder eingeschlafen - die weißen Glacéhandschuhe , die Susanna ihr heute morgen gegeben , liegen auf dem Tischchen am Bett . Allmählich wird es Nachmittag , und Susanna erscheint mit Tee und Brötchen . Ihr Lächeln ist heute etwas resigniert : » Onsky hat Migräne « , sagte sie , » und steht nicht auf . Da werden wir wohl heute und morgen fasten müssen . Ich glaube , es ist am besten , wenn wir nachher unsere Kostüme wieder anziehen und heute abend auf den Gauklerball gehen . Die anderen wollen wir gar nicht erst wecken , das Weitere wird sich hier dann schon irgendwie entwickeln « , sie seufzte ein bißchen , » ach Gott , es ist wirklich keine Kleinigkeit , wenn die Verantwortung für so vieler Leute Wohlergehen auf einem ruht . « Ermattet legt sie sich auf die Polster in die Nähe des Ofens , schließt die Augen und scheint in eine Art Halbschlaf zu versinken . Willy und ich sprechen mit gedämpfter Stimme weiter - hier und da ermuntert Susanna sich ein wenig , beteiligt sich am Gespräch oder langt nach ihrer Teetasse . Unvermerkt geraten wir wieder auf die heidnischen Ideen und ihre Verwirklichung in unserer heutigen Welt . Ich erzähle von meiner nächtlichen Unterhaltung mit dem Herrn im Frack . » Ach , der Georg « , sagt Willy , » er möchte sie immer noch gerne heiraten , und ich nenne ihn den standhaften Zinnsoldaten . Maria ärgert sich darüber , aber sie hat immer einen oder den anderen Zinnsoldaten , als Gegengewicht oder zur Erholung von ihrer heidnischen Betätigung . « Ein Wort gab das andere , und ich erkundigte mich mit größtmöglicher Diskretion , ob es etwa Marias Kind sei , das hier im Hause wohne . Susanna hatte gerade einen wachen Moment und richtete sich halb auf . » Aber ich bitte Sie - das ist doch meins . « » Ihres ... ? « » Ja , natürlich - wußten Sie das nicht ? « » Woher sollte ich das wissen , das Kind ist einfach da , und man hat niemals davon gesprochen , wem es gehört . « » Marias Kind - ja , Maria ist ein komplizierter Fall « , erläuterte Willy dann weiter . » Sie müssen wissen - in Heidenkreisen hatte man schon lange die Frage aufgeworfen , wie es mit der Vereinigung von Mutterschaft und Hetärentum stände - beides natürlich in möglichster Vollendung gedacht - , aber die Beobachtung an lebenden Objekten war immer ziemlich ungünstig ausgefallen . Die Mädchen , die als Hetären in Betracht kamen , hatten eben keine Kinder und waren froh , daß sie keine hatten . Andere wünschten sich wohl Kinder , strebten dann aber nach Heirat und gaben das Hetärentum auf . Nun tauchte Maria hier in aller Fröhlichkeit mit ihrem Lebenswandel und einem Baby auf . Durch ihr bloßes Dasein , in dem sie unbewußt , aber mit königlicher Selbstverständlichkeit - so sagt man dort - ihren heidnischen Instinkten nachgelebt hatte , stellte sie das gelöste Problem : Mutter und Hetäre dar und wurde sehr gefeiert . « » Ja , Ähnliches hat mir der Herr von gestern nacht - der Zinnsoldat , wie Sie ihn nannten - schon erzählt . « » Ach der « , meinte Willy wegwerfend , » der versteht schon gar nichts davon und hat keine Ahnung von Marias eigentlichem Wesen . Die Zinnsoldaten sind eine schwache Seite von ihr - ich glaube überhaupt von den meisten Frauen , aber sie sind ihnen nicht abzugewöhnen « , er warf einen wehen Blick auf Susanna , und sie lächelte halb im Schlaf . » Also Maria ... « » Ja , Maria wurde fortan als Paradigma hingestellt , als lebendes Symbol für heidnische Möglichkeiten . Es haben dann noch ein oder zwei andere Mädchen Kinder bekommen - offizielle Kinder , die nicht geheimgehalten wurden , aber sie machten nicht mehr soviel Eindruck . Und Maria beklagt sich bitter darüber , daß man sie von nichtheidnischer Seite gewissermaßen dafür zur Verantwortung zieht und die Sache so hinstellt , als mache sie Propaganda für liederliches Leben und illegitime Kinder . « Susanna setzte sich auf und gähnte : » Mein Gott , redet ihr schon wieder von illegitimen Kindern ? Ich hätte gar nicht gedacht , daß Herr Dame sich so dafür interessiert . « Ich machte noch die Bemerkung , es wundere mich , daß Susanna in den Heidenkreisen nicht ebensoviel Bewunderung errege wie ihre Freundin . Sie kennen sie ja doch alle - sie verkehrt mit ihnen - ihre ganze Art zu leben und das Kind . » Oh , mein Kind gilt nicht für voll , und niemand schaut mich drum an « , sagte sie darauf beinah entschuldigend , » ich hatte es doch schon , als die Hetärenfrage aufkam - außerdem war ich einmal verheiratet , und das ist eben nicht dasselbe . « 9 10. Februar Ich habe heute wieder durchgelesen , was ich zuletzt aufgeschrieben , und ich fühle Sehnsucht nach den Tagen im Eckhaus . Wie eine Reihe stets wechselnder Bilder gleiten sie noch einmal an mir vorüber - bunt , bewegt , geräuschvoll und dann wieder müde und verträumt in schläfrigem Halbdunkel - wie jener Winternachmittag , wo alle schliefen und wir drei in dem großen Zimmer um den Ofen lagerten . Bis dann Chamotte mit dem kleinen Mädel heimkam , das ich mit ganz neuem Interesse betrachtete - ich kann wohl sagen , daß ich es zum erstenmal erlebte . Ich habe im allgemeinen nicht viel Sinn für Kinder und weiß nicht viel an ihnen zu erleben , aber das Gefühl , daß es das Kind dieser Frau ist , die ich so tief und stumm verehre - und daß es ihr vielleicht später einmal gleichen wird . Und wie wir dann noch später leise aus dem Hause schlichen , um wieder auf einen Ball zu gehen - wie wir erst in dem Licht und Lärm mitten unter tobenden und tanzenden Menschen wieder richtig wach wurden und uns ganz verwirrt und erstaunt ansahen - das liegt schon alles etwas traumhaft hinter mir . In meiner Wohnung kam ich mir zuerst beinah wie ein Fremder vor . Chamotte schlich trübselig herum und meinte , diesmal hätte ich mich selbst verurteilt , wir hätten doch ebensogut noch länger im Eckhaus bleiben können . Aber ich brauchte zur Abwechslung einmal etwas Ruhe . Äußerlich vermag ich mich schon zeitweise einem solchen Wirbel anzupassen , aber mein inneres Leben kann ich nicht überstürzen , das will ein stilleres Tempo und konnte nicht mehr mit . Allerhand Briefe vorgefunden , meinem Stiefvater hatte ich noch im Eckhaus ausführlich geschrieben . Er antwortete herzlich und eingehend , wie das seine Art ist . Es freue ihn aufrichtig , daß ich so viel mitmache und in ein etwas intensiveres Fahrwasser zu geraten scheine , man sei schließlich doch nur einmal jung . Das sagen die älteren Leute ja mit Vorliebe - gerade solche , die sich selbst noch immer weiter amüsieren , als ob sie zwanzig Jahre alt wären - und es kann mich leise nervös machen . Immer wieder die alte Geschichte - es gibt Menschen , die überhaupt jung sind , ohne Rücksicht auf die Zahl ihrer Jahre , und andere , die es niemals sind , auch während der vorgeschriebenen Zeit nicht . Und wie es sich bei mir damit verhält , müßte mein väterlicher Berater wohl am besten wissen , aber er hofft wohl immer , es käme noch . Mit meinen literarischen Absichten ist er sehr einverstanden und ermahnt mich , den geplanten Roman nun auch wirklich zu schreiben . Wo sich hier von allen Seiten so viel Anregung biete , müsse es doch ein leichtes sein . Ich aber fürchte wieder , es wird damit nicht so schnell gehen . Es gilt , vor allem erst das Material zu sammeln und sich einen Stil zu bilden . Ich denke , darin wird mein Tagebuch , wie Susanna es etwas ironisch nennt , mir gute Dienste leisten . Man gewöhnt sich daran , alles Erlebte doppelt in sich aufzunehmen und bei allem , was man schreibt , auf den Stil zu achten . Auch dazu hat ja mein Stiefvater mich von jeher ermuntert - er wies bei solchen Gelegenheiten gerne darauf hin , daß Goethe stets Tagebücher geführt habe , und äußerte die Ansicht , Goethe sei und bleibe doch immer das beste Vorbild für jeden jungen Deutschen . Ähnliches hört man wohl öfter sagen , und ich kann mir nicht helfen - ich sehe darin eine gewisse Arroganz der älteren Generation . Man hilft uns nicht zu leben , sondern begnügt sich damit , uns auf große Vorbilder hinzuweisen und dann zu hoffen , daß etwas Außerordentliches aus uns wird . Was sollen mir derartige Hinweise ? Ich habe gar keine Anlage zum Größenwahn , ich bin nur ein » belangloser « junger Mensch und heiße Dame und kann nicht aus meiner Biographie heraus . Und das Material , das ich bisher zusammengetragen habe - es macht mir eigentlich erst fühlbar , wie sehr mir noch die Zusammenhänge fehlen . Sie müssen ja da sein , und ich muß sie noch finden - nicht um eines etwaigen Romans , aber um meiner selbst willen . Die ganze fremdartige und intensiv bewegte Atmosphäre dieses Stadtteils mit ihren Rätseln , Geheimnissen und , ich möchte wohl sagen , auch Erleuchtungen umfängt mich immer noch - ja , eigentlich immer mehr - wie ein Traum . Anfangs sehnte ich mich nur nach Klarheit , nach Verstehen und Begreifen - jetzt weiß ich , daß es hier mit dem Begreifen allein nicht getan ist , sondern daß sie - die Atmosphäre - innerlich erlebt werden muß . Oder geträumt - manchmal tut es mir förmlich weh , wenn die wache Stimme des Philosophen an mein Ohr klingt . Er weiß mir alles zu erklären - man könnte sagen : er beherrscht das Material vollkommen , aber er findet es nicht gut und nicht tauglich , um etwas Rechtes daraus zu bilden . Er nennt diese Menschen Romantiker , die allen Erkenntnissen der klaren Vernunft die instinktive Weisheit früherer Völker entgegenstellen und sich an dem Pathos dieser Dinge und an ihrem eignen Pathos berauschen . Und logisch muß ich ihm oft recht geben , aber mein Empfinden und meine Sehnsucht neigen sich doch immer wieder ihnen zu . ( Meine Selbstkritik macht bei nochmaligem Durchlesen die Wahrnehmung , daß ich hier wohl nahe daran war , in einen romantisch pathetischen Ton zu verfallen , und sie warnt mich davor . Ich will in diesen Blättern nur Chronist sein , und dem Chronisten ziemt es nicht , mit seinen eigenen Empfindungen zu stark in den Vordergrund zu treten . Sollten sie etwa in späteren Tagen oder Jahren in jemandes Hände geraten , der mit Staunen Kenntnis davon nimmt , was Wahnmoching war und bedeutete , was hier lebte , gelebt wurde und gelebt werden sollte , so wird dieser jemand - ich stelle ihn mir etwa als versonnenen Gelehrten oder ernsten Forscher vor - vielleicht mäßiges Interesse an meiner Person nehmen und nur so nebenbei in stiller Anerkennung den Hut ziehen , wenn er erfährt , daß es bloß ein junger Mann aus Berlin war , welcher Dame hieß und sich verurteilt fühlte , das Wichtigste über diesen bemerkenswerten Stadtteil aufzuzeichnen . Und doch kann der Chronist wiederum nicht ganz sein Ich eliminieren , in dem die Umwelt sich widerspiegelt . Mag der Spiegel noch so anspruchslos und schlicht gerahmt sein - wenn man ihn verhängt oder aus dem Zimmer trägt , wirft er kein Bild mehr zurück . ) Anmerkung Sie finden hier , verehrter Gönner und Freund , aus Herrn Dames eigenem Munde die Bestätigung unserer Wir-Theorie , auf die wir auch in unserem Begleitschreiben Bezug nahmen . Wäre dieser liebenswerte junge Mann in der Lage gewesen , im Plural zu denken und zu erleben , so möchte vielleicht seine Biographie sich leichter und freundlicher gestaltet und weniger auf ihm gelastet haben . Im Unterbewußtsein hat er das wohl auch dunkel gefühlt ; das scheint uns wenigstens aus seiner Beziehung zu dem Diener Chamotte hervorzugehen . 10 Ein Morgenbesuch bei Adrian . Er wohnt in einem großen Atelier und ist sehr hübsch eingerichtet . Als ich kam , saß er in einem persischen Kaftan an einem zierlich gedeckten Tischchen und nahm ein hygienisches Frühstück ein . Er sagte , daß er nachher zwei bis drei Stunden zu arbeiten pflege , nur jetzt im Karneval sei das natürlich nicht ganz durchzuführen . Wir rauchten Haschischzigaretten und unterhielten uns über Wahnmoching . Ich glaube , Adrian ist , was man einen Causeur nennt , man kann sonst eigentlich nicht über Wahnmoching plaudern und tut es auch nicht , aber Adrian kann es . Trotzdem ist er auch der Ansicht , daß hier große Dinge in der Luft liegen , und jeder , der irgendwelches Streben in sich fühle , müsse sich solchen Bewegungen unbedingt anschließen . » Ich bitte Sie , Monsieur Dame , wir haben wieder gelernt , dionysisch zu empfinden - wer hätte das vor zehn oder zwanzig Jahren für möglich gehalten ? Bei dem Fest neulich - haben Sie gesehen , wie der Professor raste , wie der Taumel ihn blendete , so daß er in den scheinbar häßlichsten Frauen wunderbare Schönheit erblickte ? Er hat so viel Eros , daß ihm jede Lebensäußerung , jede Form , in der das Leben sich darstellt , etwas Vollendetes bedeutet . So wurde zum Beispiel einmal von jemand gesagt , er sei sehr unschön , ja geradezu garstig . Hofmann besann sich einen Augenblick und sagte dann : Ja , gewiß , er ist wundervoll garstig . - Von Ihnen ist er übrigens ganz entzückt , er sagte mir , es wäre ganz unglaublich , wie blasiert und gelangweilt Sie manchmal aussehen könnten . « ( Ich empfand das nicht gerade als Kompliment , aber es war entschieden so gemeint . ) » Und die Frauen « , fuhr Adrian mit einem süffisanten Lächeln fort , » unsere Frauen wollen wieder Hetären sein - es ist gar nicht zu sagen , welche Umgestaltung das gesellige Leben dadurch noch erfahren wird . In erster Linie natürlich auf erotischem Gebiet , aber selbstverständlich bezieht sich das nicht nur auf die Frauen - die Beschränkung der Erotik auf das eine oder andere Geschlecht ist ja überhaupt eine unerhörte Einseitigkeit . Der vollkommene Mensch muß alle Möglichkeiten in sich tragen und jeder Blüte des Lebens ihr Aroma abzugewinnen wissen . Ich meinesteils empfinde durchaus bisexuell . « Dabei nahm er für einen Augenblick seinen Zwicker ab , rieb ihn mit dem Taschentuch blank und sah mich mit seinen kurzsichtigen Augen triumphierend an . » Apropos , Monsieur Dame , was macht denn Ihr kleiner Sklave ? « » Oh - er hält mir meine Wohnung sehr gut in Stand « , antwortete ich ablenkend , mir war dieses Thema unsympathisch , und ich fühle durchaus keinen Ehrgeiz , für vorurteilsfrei zu gelten , wo ich es nicht bin . Wir wurden unterbrochen , auf der Treppe hörte man lachen und sprechen , es klopfte , und dann erschienen Professor Hofmann und Susanna . Sie sagte , kaum daß man sich begrüßt hatte : » Adrian , ich bitte Sie - haben Sie nicht ein dämonisches Briefpapier - ich muß an jemand schreiben . « Damit zog sie ihn ans Fenster und erzählte ihm eine Geschichte , über die beide sehr lachten . Hofmann schüttelte mir indessen lebhaft die Hand und war äußerst liebenswürdig . Er war gekommen , um Adrian zu einem Fest in seinem Hause einzuladen - die anderen traten wieder zu uns , und es wurde allerhand darüber geredet . Hofmann gefiel mir an diesem Morgen sehr gut , besser als je zuvor ; er war heiter und gesprächig und freute sich wie ein Kind auf diese Sache . Delius hatte die Grundideen angegeben , und es sollte ein richtiges antikes Fest werden . » Bacchanal ? « fragte Adrian eifrig . » Nun , Fest oder Bacchanal - ein Bacchanal ist ein Fest , und ein Fest kann wohl ein Bacchanal sein « , erwiderte Hofmann mit großer Zungenfertigkeit und wandte sich galant an Susanna : » ich hoffe , an Bacchantinnen wird es nicht fehlen . « » Und an Bacchanten auch nicht « , warf Adrian ein und frohlockte hinter seinem Zwicker . Hofmann warf den Kopf etwas zurück und sah über das ganze Zimmer hinweg aus dem Fenster . Ich kenne diese Geste jetzt schon , wenn ihm etwas nicht recht ist . Dann zog er Adrian beiseite , und sie begannen ein halblautes Gespräch , das aber manchmal ziemlich vernehmlich wurde . So hörte ich , wie Adrian sagte : » Ich sehe absolut nicht ein , warum ich das nicht verwenden soll - nur das Wort - ganz einfach , Blutleuchte ist das und das ... « Worauf Hofmann sehr erregt antwortete : » Aber wenn ich Ihnen doch sage , daß es nicht geht . Ich bitte Sie , man hat sich doch geschworen , ganz richtig geschworen , daß auf den Verrat von kosmischen Geheimnissen der Tod steht . « Und Adrian : » Ja , dann allerdings - aber das finde ich wirklich fabelhaft . « Dann sahen beide zu uns herüber und flüsterten ganz leise . Susanna achtete nicht weiter darauf , während mich ein unbehagliches Gefühl beschlich : ich dachte an den Philosophen und beschloß ihn zu warnen . Er pflegt so unbefangen über all diese Dinge zu reden , und vielleicht könnte ihm das übel ausgelegt werden . Inzwischen war es Mittag geworden , wir nahmen Abschied und gingen alle drei zusammen fort . Adrian stürzte noch rasch an den Schreibtisch und brachte Susanna das gewünschte Briefpapier , es war kohlschwarz , ich hatte noch nie ein solches gesehen . » Wenn Sie es ganz richtig machen wollen , müssen Sie mit Blut darauf schreiben « , bemerkte er - aber sie meinte : » Oh , rote Tinte tut ' s wohl auch . « Gegen Abend hoffte ich endlich einmal wieder Susanna allein zu finden - wenigstens annähernd allein . Ich war melancholisch und dachte , sie sollte mich etwas froher machen , vielleicht ist sie wieder so glücklich verschlafen und duzt mich . Oder verurteilt mich zur Redoute - ich sitze tadellos in der Loge , langweile mich und warte , bis sie nicht mehr tanzen kann . Dann kommt sie zu mir . Aber ich finde sie nicht allein - alle sind in der Küche um den großen Tisch versammelt . Die Hausbewohner - dazu Maria , Konstantin und Delius , den ich noch nie im Eckhaus getroffen - er aber erinnert sich meiner und ist sehr entgegenkommend , sehr Weltmann . Man hält Kostümberatung für das kosmische Fest - als dieser Ausdruck fällt ( ich glaube , es war Willy , der ihn brauchte ) , blickte Delius sich erstaunt um und sagte mit seinem merkwürdigen Auflachen : » Nun , ob das Fest ein kosmisches sein wird , wird man erst nachher beurteilen können . Der Herr Professor denkt es sich vielleicht doch zu einfach , kosmische Feste zu feiern , und man kann nicht alles auf einmal wollen . - Es soll übrigens auch ein Umzug des Cäsars stattfinden , bei dem der Dionysos selbst erscheint . « » Ja , der Professor sieht als Dionysos sehr schön aus « , sagte Konstantin . » So - wo hat er sich denn schon als solcher gezeigt ? « fragte Delius mißbilligend . » Oh , er hat das Kostüm gestern anprobiert und ging den ganzen Abend in seiner Wohnung darin herum . « » Wissen Sie vielleicht , wer noch dabei war ? « » Irgendein Besuch - ich glaube , ein Privatdozent aus Berlin . « » So - so « , Delius schien etwas verstimmt , aber nun wurde Maria ungeduldig : » So laßt doch endlich den Professor - er macht es ja doch niemand recht , ob er nun seine Gäste im Frack oder als Dionysos empfängt . Aber unsere Kostüme - Delius ? - Wir wollen nämlich als Hermaphroditen kommen - Susanna und Adrian haben sich ' s ausgedacht - die beiden , Konstantin und ich ... « Delius horchte auf : » Nun , im alten Rom hat es wohl schwerlich Umzüge gegeben , an denen Hermaphroditen teilnahmen , eher noch in Hellas und auf den Inseln - bei den Festen der großen Mutter . « » Gott , wir leben doch in Wahnmoching , und da geht alles « , suchte Susanna zu vermitteln , aber er hörte gar nicht darauf , sondern fragte : » Und wie haben Sie sich das Kostüm gedacht ? « Maria stieß Konstantin an , und er sagte zögernd : » Ja , wir dachten , mit schwarzen Trikots . Maria behauptet , sie hat auf etruskischen Vasen so etwas gesehen - schwarze Beine mit weißen Bändern umwunden , und das gefällt ihr so . « » Schwarze Trikots ? « sagte Delius ganz entsetzt und dachte dann eine Weile mit steinernem Gesicht nach . Er mochte wohl im Geiste durch das alte Rom wandern . » Ja , es wurden wohl bei Triumphzügen gefangene Äthiopier mitgeführt , aber die waren ganz schwarz , und ob es Hermaphroditen waren ... « » Wir sind ja auch keine wirklichen « , meinte Konstantin . Und Susanna : » Wir wollen nur etwas Verwirrung anrichten ... « » Schweig doch ! « sagte Maria und warf ihr einen zornigen Blick zu . Aber Delius überhörte sichtlich alle Nebenbemerkungen und machte nun allerhand Vorschläge : ein kurzes weißes Obergewand und Kränze auf dem Kopf - nicht Efeu , sondern rotes Weinlaub , und durch die Kränze sei ein weißes Band zu schlingen - an dem herabfallenden Ende müsse ein symbolischer Tautropfen befestigt sein - aus Glas natürlich . Er vertiefte sich in Einzelheiten : wie weit die Ärmel sein müßten und so weiter , und gab die Adresse eines Schneiders an , der diese Dinge ausgezeichnet verstehe . Nur zu den schwarzen Trikots schüttelte er nach wie vor den Kopf , aber Maria ließ sie sich nicht ausreden . » Gedenken Sie auch als Hermaphrodit zu kommen , Herr Dame ? « wandte er sich dann an mich . Nein , ich war noch völlig unschlüssig , was ich wählen sollte . Er maß mich mit prüfendem Blick und fragte , ob ich musikalisch sei . » O ja , ich spiele Klavier ... « » Das ist sehr schade - Sie würden sich sonst wohl zum Flötenspieler eignen - aber es müßte dann schon eine phrygische Doppelflöte sein . Sie werden wohl auch wieder Ihren jungen Sklaven mitbringen , und ich glaube nicht , daß die Flötenspieler Sklaven mit sich führten . « Delius ging - in der Tür blieb er noch einmal stehen und fragte , ob Konstantin ihn begleiten wollte . » O nein , ich bleibe hier « , sagte Konstantin , » Sie gehen wohl zu Heinz ? « » Ja , ich will Ihren Vetter abholen - wir haben einen Nachtspaziergang zu den Hünengräbern verabredet . Es ist sehr möglich , daß wir dort zur Nachtzeit kosmische Urschauer erleben . « Das alles sagte er mit dieser unbeweglichen Sachlichkeit , die ihm eigen ist , und fügte dann ganz unerwartet mit einem jähen Auflachen im höchsten Diskant hinzu : » ... wenn nur um Gottes willen der Mond nicht dazwischenkommt . « Dann war er verschwunden , wir sahen uns an ; ich glaube , uns war einen Moment ganz spukhaft zumut , selbst der allzeit mokante Sonnenknabe war verstummt . Man hatte das Gefühl : was ist das ? ist er ein Mensch wie wir anderen - lebt er wirklich zwischen uns hier auf der Welt - in einer modernen , europäischen Stadt ? - oder spielt sein Dasein sich in ganz anderen , unwahrscheinlichen Regionen ab ? Und wiederum : ist er fremd und unwahrscheinlich - oder sind wir es ? Ich suchte diese Empfindung in Worten auszudrücken . Susanna nahm freundlich meine Hand , als wollte sie mir den Puls fühlen , und sagte beschwichtigend : » Lieber Dame , Sie wissen doch , in welchem Stadtteil wir leben , und daß hier vieles unwahrscheinlich ist - aber eigentlich geht es mir ebenso wie Ihnen ... « Orlonsky , der schweigend in einer Ecke saß und ein verrostetes altes Schwert blank rieb , fiel ihr ins Wort : » Nun fangt ihr ja glücklich alle an , verrückt zu werden - gratuliere . « » Onsky , das verstehst du nicht - du bist ja selbst aus dem Mittelalter und willst es bloß nicht zugeben . Es ist hier schon viel dummes Zeug - aber Delius ist echt , es gibt ihn wirklich ... ich weiß nicht , wie man das sagen soll . « » Seine Substanz ist echt « , korrigierte Konstantin ein wenig überlegen . » Echter als deine « , sagte Maria . » Bei Hallwig wurde neulich von dir gesprochen , man zweifelt an dir - ich fürchte beinah , dein Stern ist im Sinken . « » Ich weiß « , gab er plötzlich deprimiert zu , » aber ich ahne nicht , was ich eigentlich getan habe . « Susanna achtete nicht darauf , was sie sprachen , und fuhr in ihrem Gedankengang fort : » Nein - Delius imponiert mir - es tut sich einem da irgend etwas auf , wenn er so selbstverständlich die sonderbarsten Sachen sagt . Es kommt gar nicht darauf an , ob er von seinem Schneider