, im Hotel sind allerhand ganz nette Leute , und wir kommen uns sehr respektabel vor . Mit dem Dichter muß ich mich vor der Öffentlichkeit duzen , wir haben ihn für meinen Stiefsohn ausgegeben . Sein Ursprung verträgt zwar eigentlich keine nähere Beleuchtung , denn Pedro sieht kaum alt genug aus , daß er für eine Jugendsünde von ihm gelten könnte . Aber Stiefsohn klingt so überzeugend . Und Sir John ist einfach ein Schwager . Bobby kann mich nicht recht begreifen , daß ich Pedro habe fahren lassen . Aber was wäre , wenn ich ihn festgehalten hätte ? Brouilliert er sich mit seinen Leuten , so wird er sehr auf dem trocknen sitzen und ich mit . Liebe in einer Hütte wäre mit diesem Mann sicher ein unglückliches Unternehmen . » Aber wenn sie ihn nun festhält ? « » Ja , da kann man nichts machen . « » Und was soll dann aus Ihnen werden ? « ( Wenn wir allein sind , nennen wir uns meistens wieder Sie . ) » Das steht bei Gott , Bobby . Es haben sich schon klügere Leute als Sie manchmal den Kopf darüber zerbrochen , was aus mir werden soll . « » Wissen Sie , daß Ihr Fatalismus für andere geradezu aufreizend ist ? « » Ja , das habe ich schon manchmal gehört . Aber ich habe es längst aufgegeben , die Vorsehung beeinflussen zu wollen . « » In Rom hatten Sie doch noch die Absicht , ihn um jeden Preis festzuhalten ? « » Wir sind jetzt in Neapel , Bobby , und ich denke , Sie wollen auf Sir Johns ausdrücklichen Wunsch Lebensweisheit von mir lernen . « » Ach , es ist , weiß Gott , ein bitteres Los , Ihr Stiefsohn zu sein , und Ihre Lebensweisheit ... « » Ist tiefer , als Sie in Ihrem Unverstand meinen . Hören Sie also weiter , Bobby - wenn man eine Sache mit Begeisterung und Kraftaufwand betrieben hat , ist es eigentlich immer eine Erleichterung , wenn sie nicht zustande kommt . Ich bin nie glücklicher als in dem Moment , wo ich müßig und bewundernd meine Werke untergehen sehe . Dann kann doch wieder etwas Neues kommen . « » Und wenn nun etwas viel Schlechteres kommt ? « » Ich bin abergläubisch , lieber Bobby - aus Erfahrung . Es gibt Glückserien und Pechserien . Ich zähle sie , und es hat immer gestimmt , mit kleinen Schwankungen . Die Pechserie geht höchstens bis neun , die Glückserie ist kürzer , bis vier oder fünf - Pedro ist gerade auf der Grenze ... « » Nein , bitte , hören Sie auf - eine Frau von Ihrer Intelligenz und solche mittelalterliche ... « » Intelligente Frau ist wieder eine Beleidigung - Sie Dichter ... « » Sir John sagt es auch - und es sei erstaunlich , daß Sie trotzdem immer nur Dummheiten im Kopf hätten ... « » Das ist ein tröstlicher Zusatz , Gott segne ihn dafür , Gehen wir jetzt spazieren , Bobby , die Lektion ist für heute zu Ende . « Wir gingen spazieren und erwogen Zukunftsfragen . Bobby will von hier auf eine griechische Insel gehen und möchte , daß ich mitkäme . Wenn es hier schiefgeht - ja , wenn ... Die griechische Insel ist ein beliebtes Thema . Sir John war aus , Pedro ist fort , und es war eine wundervolle Mainacht . Wir waren beide etwas sentimental aufgelegt , gingen immer wieder auf und ab durch die Straßen . Es war schon beinahe Morgen . » Nein , Bobby ... Sie sind mein Stiefsohn , das streift die antike Tragödie ... « Wir kamen an eine Straßenecke , an der Mauer steht mit Kreide ein großes deutliches : Ja geschrieben - auf deutsch . Das ist sehr merkwürdig , wir bleiben stehen und wundern uns darüber . » Vielleicht gilt es uns ... ? Aber Sie halten ja nichts vom Aberglauben , Bobby ... ? ? « » O doch ! « Ja , lieber Freund - der arme Bobby ist nun auch abergläubisch geworden ... 16 Ich denke ja nach , Doktor , ich denke nach , ich habe noch nie so viel nachgedacht wie jetzt . Alles vereinigt sich , um mich nachdenklich zu stimmen . Ihr Brief und etliche längere Gespräche mit Sir John - es besteht eher die Gefahr , daß ich vor lauter Nachdenken tiefsinnig werde , als daß ich irgendeine große Kopflosigkeit begehe - wie Sie zu fürchten scheinen . Lieber Freund , Sie sind ein Engel an Einsicht und Verstand , aber Sir John hat das Problem meiner Seele doch besser erraten als Sie . Es geht entschieden eine Wandlung mit mir vor , denn , wie Sie sehen , fange ich jetzt auch schon an , mich damit zu beschäftigen . Es war so heiß in der letzten Zeit , und wir sind träge und geschwätzig aufgelegt . Nachmittags bin ich gewöhnlich allein bei Sir John : ich auf dem Sofa , er in einem tiefen bequemen Sessel , zwischen uns ein kleiner Tisch mit Kaffee und Zigaretten . So hielten wir es auch früher schon , in seiner Wohnung - in L ... - nur daß er dann immer in seinem Klubsessel saß - ich betone seinem , denn zwischen dem Klubsessel und ihm bestand eine ganz besondere Zusammengehörigkeit . Also beinah wie mit Ihnen - nein , ich bin Ihnen sehr treu , es ist ganz anders , und eine Kaffeezwiesprache ist durchaus verschieden vom Teegespräch . Nur eine entfernte Ähnlichkeit - Sir John vertieft sich manchmal mit großem Ernst in meinen Charakter und will ihn um jeden Preis ergründen . Das ist im allgemeinen etwas langweilig , ich interessiere mich wenig für meinen Charakter . Er geht doch schließlich nur die anderen an , und es bleibt immer zweifelhaft , ob man überhaupt einen hat . Aber um sich die Zeit zu vertreiben , ist es hier und da ein dankbares Thema . Nun , und an einem solchen Nachmittage hat Sir John neulich festgestellt , die Grundnote meines Wesens sei Faulheit , eine ganz namenlose Faulheit , wie er sie in diesem Grade noch bei niemandem beobachtet habe . Faulheit , wenn ich überhaupt etwas tue oder unternehme , denn es geschehe immer nur , um etwas anderes nicht zu tun - Faulheit , die Art , wie ich es anstelle , nämlich ungestüm und ungeduldig , um es so bald wie möglich wieder hinter mir zu haben . Und vollends sei ich unfähig , irgendeine Sache zu Ende zu führen , sei es eine Reise - denn ich reise nie dahin , wohin ich ursprünglich wollte ( das ist wohl wahr ) - eine Ehe , eine Chancensache oder so etwas wie einen Beruf . O ja , John ging streng mit mir ins Gericht - er behauptete , wenn einmal alles glücklich soweit sei , dann ließe ich es liegen und machte mich erleichtert aus dem Staube ( auch das mußte ich zugeben ) . Und lieber ließe ich die unangenehmsten Konsequenzen über mich ergehen - andere Leute hielten das irrtümlich für Seelenstärke - , als daß ich mich rechtzeitig aufraffte , um sie zu vermeiden . Ja , aus lauter Energielosigkeit legte ich manchmal eine auffallende Energie an den Tag . Er teilte mir das alles mit wie ein Forscher , der jahrelang an einer wichtigen Entdeckung gearbeitet hat und nun endlich das Resultat veröffentlichen kann . Es war geradezu eine rednerische Leistung - ich kann sie leider nur unvollkommen nachstammeln . Und der Erfolg ? - Ich war zuerst verblüfft , aber dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen : er hat recht . Ich muß Ihnen gestehen , mein Freund , ich fühlte mich noch nie so verstanden . Mir war zumut wie einem Patienten , dem man endlich die richtige Diagnose stellt , die sich mit seinen eigenen unterbewußten Empfindungen und Ahnungen deckt . Liebster Doktor , ich habe eingesehen , daß ich zeit meines Lebens bis zu diesem Nachmittag eine unverstandene Frau gewesen bin . Und Sie müssen zugeben , es liegt ein Stück Tragik darin , immer wieder für energisch , temperamentvoll , aufgeweckt und so weiter zu gelten , wenn man eigentlich nur faul ist . Daß ich es nie zu etwas bringe , was man eine gesicherte Existenz nennen könnte , daß ich immer ein Bild ohne Rahmen bleibe - das Rätsel , an dem wir , meine Freunde und ich , so oft vergebens herumrieten : Sir John hat es gelöst , er hat mich entdeckt wie Bobbys Talent . Ja , wirklich , ich fühle mich jetzt endlich entdeckt , verstanden , gerechtfertigt . Und das Laufende ? Von Pedro kommen viele Briefe - ungeduldig , vulkanisch , todunglücklich - er weiß nicht , was er tun und was werden soll . Ich weiß es auch nicht , aber ich bin nicht unglücklich . Sir John sagt , es sei mein Unglück , daß ich immer so glücklich bin . Oh , Sir John ist ein großer Weiser ... 17 Heute morgen wollte ich gerade anfangen Ihnen zu schreiben , da setzte sich ein liebenswürdiger alter Herr , den wir bei Tisch kennengelernt haben , zu mir und fragte mich im Vertrauen , ob der Dichter wirklich mein Stiefsohn sei . Ich dachte an meinen Brief und war zerstreut , so habe ich recht dumm geantwortet : er sähe mir doch entschieden ähnlich . Der alte Herr warf mir einen prüfenden Blick zu und meinte : ja , ja , möglich , daß eine gewisse Ähnlichkeit - und das sei immerhin ein seltsames Phänomen . Überhaupt , die Mischung von angelsächsischem , romanischem und ausgesprochen nordischem Typus , wie sie anscheinend in meiner Familie herrsche , wäre wirklich interessant . Diese kleine Ansprache lenkte meine Gedanken allmählich von Ihnen ab , teurer Freund , und ich begriff , daß man uns doch wohl durchschaut ( o weh - wenn Pedro noch lange fortbleibt , möchte die Situation am Ende doch peinlich werden ) , und daß der ehrwürdige Greis mir eine zarte Warnung geben wollte . Mein Brief blieb liegen , ich frühstückte mit dem alten Herrn , und wir haben uns ganz gut unterhalten . Er ist witzig und amüsant , wußte mir mit väterlicher Güte allerlei Geständnisse zu entlocken und erinnerte sich mit sichtlichem Vergnügen an die galanten Faiblessen seiner Jugend . Sie wissen , ältere Herren , die noch in Betracht kommen , sind nicht mein Fall , aber die noch älteren , die nicht mehr in Betracht kommen , können manchmal sehr reizend sein . Und ich habe heute gedacht , solche wirklich charmante alte Leute sind eigentlich ein Element , das in unseren Kreisen ganz fehlt . Wir wurzellosen Existenzen haben alle nur so einen dunklen , verschwommenen Begriff von Eltern und Senioren , die uns übelwollen . Wo noch welche vorhanden sind , bleiben sie ganz im Hintergrund , werden gefürchtet oder sorgfältig vor uns behütet . Man kennt immer nur Altersgenossen oder Jüngere . Kommt man dann einmal , so wie heute , zufällig mit jemand viel , viel älterem in Berührung , so wirkt er beinah wie ein seltenes , etwas unwahrscheinliches Naturspiel auf uns . Kann man wirklich so alt sein , so ganz hors concours , und immer noch Freude am Leben haben und Interesse für alles ? Barmherzigkeit : Und einmal werden wir uns doch wohl auch an den Gedanken gewöhnen müssen , selbst alt zu werden - wie wird das gehen , wie soll man es machen ? Krankheit , Alter und Tod erscheinen mir immer als die drei Unmöglichkeiten des Lebens , alles andere geht irgendwie von selbst , aber mit Unmöglichkeiten muß man sich zu arrangieren versuchen . Kranksein - das läßt sich vielleicht noch bedingungsweise ausnehmen . Unter angenehmen Verhältnissen kann es möglich , manchmal sogar ganz lustig sein - gute Freunde , viele Blumen , sympathische Ärzte und das große Gegenpläsier , wieder gesund zu werden . Aber die beiden anderen ? Der Tod - warum hat man wohl so viel Angst davor ? Ich habe sie auch , aber dann denke ich wieder , es ist vielleicht ganz überflüssig , wir wissen doch noch gar nicht , ob es unangenehm sein wird . Es mag verdreht sein , aber ich ertappe mich sogar bei dem Gedanken : das Leben ist so schön , obwohl so viel dagegen eingewandt wird - am Ende ist das Sterben auch gar nicht so übel . Schlimmstenfalls ist es eine Exekution , die nicht lange dauert . Und das Alter - alt werden ? Gott , wenn man durchaus nicht mag , es kann einen ja niemand zwingen , länger zu leben , als man will . Aber da liegt ein böses Dilemma , es ist so viel hübscher , jung zu sterben , aber um wirklich großen Charme zu haben , müßte es schon sehr früh sein . Andererseits aber möchte man möglichst viel leben und unverhältnismäßig lange jung bleiben . Schenkt uns nun der gütige Himmel diese ausdauernde Jugend , so wird es sehr schwer sein , den richtigen Zeitpunkt zu finden . Sehen Sie - wenn ich sterbe , möchte ich gerne noch so aussehen wie jetzt , aber ich habe doch vorläufig gar keine Lust , mich schon in die Unterwelt zu begeben . Ach , das ist wirklich schon wieder ein Problem und a very disagreeable one , wie Sir John sagt . Wir saßen kürzlich alle drei bei ihm auf dem Sofa , der vorwitzige Bobby zupfte seinem Mentor drei graue Haare aus und sagte : » Meister , wir werden alt . « Mehr als die drei fanden wir nicht , und John lachte . Aber mir wurde doch ganz kalt , und ich dachte : wenn ich nun einmal dasitze und neben mir ein junger Dichter , der mir drei graue Haare auszupft ! ( Nun , in dem Nebenumstand könnte ja noch etwas Tröstliches liegen . ) Übrigens glaube ich gar nicht unbedingt daran , daß das erste graue Haar , die erste Falte ein so überwältigender Eindruck ist . Eher noch der Abschied von der allerersten Jugend , von der verwegenen Sicherheit , in jedem Zustand und jeder Verfassung - ob verweint , verkatert , übernächtig oder ausgeschlafen - immer gut auszusehen , immer auf der Höhe zu sein . Man denkt auch in diesem Stadium viel mehr über die Schrecken des Älterwerdens nach . Schon beim Abschied von Hängezopf und kurzen Kleidern meint man , nun sei die Hauptsache bald vorbei , und mit zwanzig Jahren , man hätte jetzt kaum mehr Zeit vor sich . Später dann merkt man , daß es noch recht lange dauert und wie dehnbar und geräumig das Leben in Wirklichkeit ist . Aber , bitte , sagen Sie mir nicht wieder : Sie bleiben immer jung - es ist zwar angenehm zu hören , aber die Frauen mit der ewigen Jugend halte ich doch für einen Bluff . Es kann mich ganz nervös machen , wenn immer wieder die unselige Ninon de Lenclos herbeizitiert wird . Ich bekomme dann das Gefühl : o Gott , nein , so alt möchte ich gar nicht werden . Ich pfeife darauf , daß meine Stiefsöhne - oder waren es richtige ? - sich in mich verlieben , wenn ich siebzig bin . Das ist ja doch nichts Rechtes mehr . Ich möchte gern wissen , ob man sich überhaupt genieren wird , alt zu sein ? Vor den anderen vielleicht nicht , sie sind ja daran gewöhnt , daß es alte Leute gibt , und finden nichts Auffälliges daran . Aber vor sich selbst - denken Sie nur , als alte Dame aufzustehen und sich im Spiegel zu sehen : guten Morgen - o Gott , aber du bist ja alt - was willst du denn noch ? Ja , besonders in der Früh muß es deprimierend sein , im Laufe des Tages wird man sich wohl irgendwie in seine Rolle hineinleben . Ich stelle mir bei allen Lebenslagen , die mir peinlich sind , gerne vor , daß ich nur eine Rolle spiele , eben jetzt diese oder jene spielen muß , die mir nicht recht liegt . Zum Beispiel bei unangenehmen Auseinandersetzungen : du bist ja nur auf der Bühne - o weh , der Souffleur ist nicht da - besinne dich rasch , was man in dieser Szene ungefähr zu sagen hat . Oder wenn man morgens aufwacht - ja , was ist denn eigentlich ? Dies und jenes , alle möglichen Unannehmlichkeiten . Schön , ich habe also eine Frau zu spielen , die in Geldschwierigkeiten ist und nichts anzuziehen hat . Undankbar , aber vielleicht läßt sich etwas daraus machen . Bitte auf die Bühne ... Lieber Freund und Doktor - es ist schlecht , mit mir zu diskutieren , denn es fällt immer wieder so aus : das ist schlimm - sehr schlimm - ja - nein , es ist eigentlich doch nicht so schlimm . So muß ich denn schließlich auch feststellen , daß der Gedanke an die Vergänglichkeit alles Irdischen mich im großen und ganzen nicht sehr bedrückt , höchstens wenn ich gerade meinen verfluchten Tag habe . Ich denke vielmehr , wenn es erst einmal soweit ist , wird man schon damit fertig werden . Wird man alt , so treibt man sich noch eine Weile als Zuschauer auf der Welt herum , braucht sich wenigstens nicht mehr zu Taten aufzuraffen . Und die Erinnerungen , die im Alter eine so bedeutende Rolle spielen sollen ? Nun , bei allen guten Dingen wird man sich freuen , daß sie da waren , und bei den schlechten , daß sie vorbei sind . Die beste Vorsorge fürs Alter ist jedenfalls , daß man sich jetzt nichts entgehen läßt , was Freude macht , so intensiv wie möglich lebt . Dann wird man dermaleinst die nötige Müdigkeit haben und kein Bedauern , daß die Zeit um ist . Für all die Leute mit verfehltem Leben , versäumter Jugend , überhaupt mit vielen Unterlassungssünden - für die muß es schrecklich sein , alt zu werden . Nein , wenn ich mich überhaupt darauf einlasse , mein eigenes Alter mitzuerleben ( was mir noch sehr fraglich ist ) - in dieser Beziehung habe ich mir wenig vorzuwerfen und werde mit mildem Lächeln sagen können : es ist genug , Herr ! Und dann will ich wenigstens eine dankbare Rolle spielen , eine sehr angenehme alte Dame sein mit möglichst wenig Falten und möglichst weißem Haar - und einen reizenden Salon haben mit einem Kaminfeuer . Um den Kamin versammeln sich abends die alten Freunde , müde galante alte Herren mit Krückstöcken , und man unterhält sich von einstigen Faiblessen . Denken Sie nur , was wir uns dann alles erzählen werden - alles , was jetzt noch verschwiegen bleibt . In sentimentalen Stunden reden wir vielleicht auch wieder von Yvonne und dem fremden Mann - und , wenn Sie boshaft aufgelegt sind , von Paul . Ja , dann wird das Teegespräch erst seine höchste Blüte erreichen . Danken wir Gott , daß es noch nicht soweit ist ... 18 O Freund , o Doktor - das war eine schicksalsvolle Woche , und ich flüchte mich wie einst in der Regenstadt zu Ihnen , um mein müdes Haupt - nein , das geht nicht - um Ihnen mein Herz - nein , das geht auch nicht - also , einfach um Ihnen zu schreiben . Mir ist zumut wie nach einer Kinematographenvorstellung , an der ich stark beteiligt war - also hören Sie : Sonntag : Eilbrief aus Sizilien und drei Telegramme - er fragt , ob ich mit ihm durchbrennen will - nach Amerika natürlich . Man brennt ja immer nach Amerika durch . Ich weiß nicht , ob ich will . Wir beratschlagen den ganzen Tag . Erst mit Sir John unter vier Augen - dann mit Bobby unter vier Augen - dann John und Bobby miteinander und ich für mich alleine und mit dem liebenswürdigen Herrn bei einer Flasche Sekt . Wir zählen an den Knöpfen ab , Bobbys Knöpfe sagen nein , Johns Knöpfe sagen ja . Bobby findet mich herzlos , aber es freut ihn , Sir John meint , meine Energielosigkeit habe den Kulminationspunkt erreicht , und er weidet sich daran . Wir zanken uns , vertragen uns wieder , werden sentimental und fühlen , daß es unendlich hart wäre , wenn wir uns jetzt so plötzlich und endgültig trennen sollten . Mit Pedro allein einer ungewissen Zukunft entgegegehen - der alte Herr rät mir entschieden ab . Wer weiß , ob er nicht als Kellner in Chicago endet - für ihn ist ' s doch sicher besser , er heiratet die Cousine . Montag abend schicken wir ein unentschiedenes Telegramm ab . Nachher bin ich sehr traurig , es tut mir leid , wenn ich ihn nun vielleicht nie wiedersehe . Bobby freut sich und wird schlecht behandelt . Mittwoch : nicht etwa Pedro , sondern sein Onkel tritt auf . Man meldet mir , Signor Alfaro wünsche mich zu sprechen - derselbe Name - ich will die Treppe hinunter und in seine Arme stürzen - der liebenswürdige alte Herr erscheint und warnt mich . Ich verstecke mich in Bobbys Zimmer , Sir John geht mit Fassung dem Onkel entgegen , entführt ihn in die Stadt und redet ernste Männerworte mit ihm . Der Onkel läßt sich überzeugen , daß ich nicht mehr hier wohne , und Sir John siedelt am Nachmittag in ein anderes Hotel über , damit wir einen sicheren Zufluchtsort für alle Fälle haben . Abends ist der Sturm vorüber , und wir wollen bummeln gehen . Wir gehen schon seit Wochen jeden Abend bummeln . John wünscht eine Variation , ich soll mich in einen Knabenanzug stecken lassen , schon damit der Onkel mich nicht erkennt , wenn wir ihn zufällig treffen . Er könnte ja bei Pedro Bilder von mir gesehen haben . Sir John hat manchmal solche Einfälle . Vorsorglich hat er eine ganze Auswahl von Anzügen kommen lassen , ich gehe also hinüber , sein Hotel liegt nur zwei Häuser weiter , wechsle bei ihm die Kleider , Bobby muß einen Friseur holen , der mich mit einer schwarzen Perücke und vieler Schminke in einen ganz sympathischen Knaben verwandelt . Ich habe mich selbst kaum wiedererkannt , als ich mich im Spiegel sah . John war außer sich vor Vergnügen und wollte uns nun in allerlei merkwürdige Lokale führen . Wir gingen also unter seiner Leitung in allerlei merkwürdige Lokale - davon erzähle ich Ihnen noch gelegentlich - und kamen erst in der Morgendämmerung heim . Ich konnte zu dieser Stunde unmöglich in meine Behausung zurück , hätte mich wenigstens erst umziehen müssen , und die Rückverwandlung in meinen vorigen Zustand war ziemlich zeitraubend . So überließ John mir sein Schlafzimmer - er hat noch einen Salon daneben . Drüben in dem anderen Hotel sollte Bobby die Dehors wahren und uns Nachricht bringen , wenn der Onkel am Ende wiedererschienen wäre . Bei Tage konnte ich dann unauffällig wieder hinüberwechseln . In heiterer Seelenruhe legte ich mich nieder und schlief bis sechs Uhr nachmittags . Als ich aufwachte , stand Bobby vor meinem Bett . » Um Gottes willen , Pedro ist da , und John ist ausgegangen ... « » Wo ist Pedro ... ? « , aber in dem Augenblick kam er selbst herein . Lieber Doktor , ich war so verschlafen , daß ich mich überhaupt nicht besinnen konnte , wo ich war und was die beiden von mir wollten . Der Anzug von gestern abend hing noch über einem Stuhl , und meine Kleider waren drinnen im Salon . Ach , man sollte doch immer abends seine Tür zuschließen . Ich muß zugeben , daß der Schein gegen mich sprach : Bobbys Anwesenheit - Johns Zimmer - der Knabenanzug - und es tat mir furchtbar leid , den armen Pedro so empfangen zu müssen . Wie es sich dann weiter entwickelte ? Immerhin noch harmonischer , als man hätte annehmen sollen . Wenn ich ein schlechtes Gewissen habe ( schlechtes Gewissen ist das Gefühl , einem anderen etwas Unangenehmes getan zu haben ) , kommen immer meine schönsten Herzenseigenschaften zum Vorschein . Ich hätte es nicht über mich gebracht , mich in Bösem von ihm zu trennen . Es war dieses Mal eine phantastisch schwere Aufgabe , aber sie ist gelöst worden . Pedro und ich fuhren noch denselben Abend nach Amalfi und nahmen dort drei Tage lang Abschied . Wir haben uns auf vorläufige Trennung geeinigt . Mit dem Durchbrennen wäre es ohne des Onkels Zustimmung doch eine untunliche Sache gewesen . Er sollte also mit dem Onkel , den Sir John inzwischen bändigte , nach Sizilien zurückfahren und ruhig heiraten . Ich hoffe , Sie , teurer Doktor , werden nie wieder an meinem Altruismus zweifeln . Dieser Mann braucht entschieden eine Frau , die ihm immer treu ist , und ich habe ihm wohl oder übel auseinandersetzen müssen , daß mir das schwerfallen würde . Wir gedenken uns zwar über kurz oder lang wiederzusehen , aber der Abschied ist uns doch recht schwer geworden . Es ist ein Elend - habe ich jemanden sicher und für immer , so wird es mir bald über , aber wenn ich ihn weggeben muß , reut es mich wieder . Jetzt ist er fort . In mein Hotel bin ich nicht mehr zurück , sondern habe mich drüben einquartiert . Sie kennen meine Gewohnheit , nach jeder Katastrophe vor allem gründlich auszuschlafen - so habe ich mich auch diesmal gleich in mein Zimmer zurückgezogen und von Montag bis Donnerstag immer nur geschlafen . John und Bobby besuchten mich von Zeit zu Zeit und waren sehr besorgt um Wohlergehen und Seelenzustand . Sie wußten eben noch nichts vom Katastrophenschlaf , und ich konnte sie erst darüber belehren , als er zu Ende war . Und jetzt ? Ja , das weiß ich noch nicht , jetzt muß ich mich erst wieder vom vielen Schlafen erholen ... 19 Vorausgesehen - Sie tun sich leicht , lieber Freund . Wenn etwas geschieht oder geschehen ist , brauchen Sie nur den Epilog zu machen . Und Pedros Grabrede war allerdings eine Ihrer Glanzleistungen . Das Engagement war nicht für die Ewigkeit , das , ja , das konnte man wohl voraussehen . Und doch : wäre das Wiedersehen nicht so unglücklich inszeniert gewesen und der Onkel nicht so hartherzig , dann säßen wir jetzt vielleicht Hand in Hand auf einem Ozeandampfer . Ob ich nun mein wahres Lebensglück verscherzt habe oder ob es vielleicht ungeheuer gescheit war , selbiges zu verscherzen - wer kann das sagen ? Die Trennung von John und Bobby hätte mir wahrscheinlich ebensosehr das Herz gebrochen . Pedro konnte ich eigentlich doch nur im Ensemble , allein wäre ich ihm auf die Länge nicht gewachsen gewesen . Unsere Koffer stehen schon halb gepackt , und dies ist voraussichtlich der letzte Brief , den ich Ihnen von hier aus schreibe . Die nächste Programmnummer wird heißen : Bobbys Insel . Sir John will uns in Bälde nachkommen . Dann wollen wir den ganzen Sommer in der Sonne liegen und Bobby zum mondänen Dichter erziehen . John hat ja sozusagen die Verantwortung übernommen , daß etwas aus ihm wird , und er meinte , für diesen Typus würde er sich am besten eignen . Die beiden haben noch viel mit ihren Reisevorbereitungen zu tun und sind meist in der Stadt . Ich habe auf der Terrasse einen traumhaft bequemen Schaukelstuhl und verbringe diese letzten Tage in stiller Beschaulichkeit . Dabei habe ich eine neue Erkenntnis gewonnen - wieder einmal , werden Sie sagen . Aber diese hat sehr viel Endgültiges . Lieber Freund , ich bin mir darüber klargeworden , daß mein Leben nach einem umgekehrten Prinzip verläuft - oder ist es deutlicher so : das Prinzip meines Lebens ist , daß alles umgekehrt geht . Sie haben Sir Johns Diagnose anerkannt : ich bin im Grunde faul und energielos und gerate doch so oft in Lebenslagen , die Energie erfordern , also muß ich meiner Bestimmung entgegengesetzt handeln . Das erweckt einen falschen Eindruck , der mich wiederum zu lauter umgekehrten Handlungen zwingt . Nicht wahr , das stimmt ? Ferner : ich habe so viel Anlage zu passivem Glück , und dabei sind meine Glücke fast immer stürmisch und bewegt . Ich kann keine Konflikte , und immer gibt es welche . Vor allem aber : was ich auch tue , beginne und plane , unweigerlich kommt dabei das Gegenteil heraus . Das kann doch nicht nur Zufall sein . Unternehme ich etwas ungemein Nützliches und Wohlüberlegtes , so gibt es sicher den größten Unsinn . Tue ich aber gänzlich unzweckmäßige und unüberlegte Dinge , dann kommt etwas Vernünftiges zustande . Kurz , ich ernte nie , was ich gesäet habe , sondern jedesmal ewas ganz Überraschendes . Und die Moral : wem das Los so fällt wie mir , nämlich umgekehrt , der suche eben umgekehrt zu leben , immer von vornherein das Umgekehrte zu tun - dann muß es sich wieder ausgleichen . Seit diese Erleuchtung über mich gekommen ist , bin ich sehr zufrieden . Ich begreife , daß in der Erkenntnis wirkliches Glück liegen kann . Alle weitere Gedankenarbeit überlasse ich Ihnen , es war schon eine bedeutende Leistung , Ihnen das alles so wohlgeordnet vorzutragen . Und die praktische Anwendung - mein lieber , guter Freund ? Wie Sie mir schreiben : es wäre sicher das beste , wenn ich jetzt zurückkäme , dorthin , wo ein getreues Herz