Wurzeln bloßlegte , zum Stoffe nahm , - dann nach Hause meldete , er wolle Schriftsteller werden , vielmehr bleiben , und hoffe , von dieser Tätigkeit leben zu können , - da war es dem alten Händler klar geworden , daß dieser Sohn den stabilen Grund und Boden , der für ihn bereit lag , nicht zu schätzen wußte und ihn preisgab . Am meisten wunderte es ihn , daß Stanislaus für seine » Schreibereien « Geld bekam . » Wer gibt für solche Sachen ä Kreuzer ? « fragte er sich kopfschüttelnd , wenn er die Zeitungsblätter , in denen die Artikel des Sohnes erschienen , und die er sich immerhin erbat , in Händen hielt . - - - Was ihm blieb - war die Tochter ! Wenn Olga an ihre » Jugend « dachte , dann graute ihr besonders vor einer Erinnerung ; die fiel in jene Jahre , die man als die holdesten , blühendsten eines Mädchens zu bezeichnen pflegt . Mit 15 Jahren war sie zuerst vor ihrem Spiegelbild stutzig geworden ... Unter den kurzen Backfischkleidern sahen die Füße , in plumpen Stiefeln , lang hervor . Die Gestalt schien eckig und stämmig , nichts saß , wie es sitzen sollte . Die Blutarmut machte das Gesicht blaß , den Teint unrein , häufig von leichten Ausschlägen bedeckt , dazu sommersprossig , wie bei Rothaarigen gewöhnlich . Eine fast immer gedrückte Stimmung preßte die Züge nieder , senkte die Mundwinkel , ließ die Muskeln schlaff hängen und legte um die Augen etwas Trostloses . Mit Grauen gedachte sie immer wieder dieser besonderen Häßlichkeit ihrer ersten Jugend . Später , als ihr Temperament , welches unter einem fast grüblerischen Verstand seine lebendige , wenn auch verdeckte Strömung hatte , manchmal diese Oberschicht sprengte , - da hatte es auch dieses Dunkle , Schwere , welches auf ihrem Körper lag , mitgerissen und fortgeschwemmt . Sie erinnerte sich , wie ein zufälliger Blick in den Spiegel ihr manchmal ein beinahe fremdes Geschöpf zeigte , das etwas Strahlendes im Gesicht hatte , - ein Geschöpf , von dem sie verwundert und frohlockend fragte , - » das bist du ? « Aber damals , in ihren ersten » Blütejahren « , in dem düstern Haus , - da hatte sie sich mehr als einmal , weinend und verzagend , mit dem Bibelwort auf den Lippen gefunden : » Dein Leib ist der Tempel Gottes « . Und ihr schien es , als wäre es der Verzicht des Lebens , den sie annahm , wenn sie es duldete , daß ihr Leib diesen Worten Hohn sprach , wenn sie diesen Körper nicht zwang , schöner zu werden . So sann sie denn oft über die Möglichkeiten günstiger Kleidung , die ihr aber durch ihr geringes Taschengeld und ihren wenig geübten Geschmack ziemlich unerreichbar blieben . Auch vermochte sie keinerlei beengenden Zwang an ihrem Körper zu dulden , und die charakterlose , mitteleuropäische Frauentracht der bürgerlichen Kreise , Rock , Bluse und Gürtel , paßte sich ihren widerspenstigen Körperformen wenig günstig an . Als sie achtzehn und neunzehn wurde , tauchten die ersten Freier auf ; Kaufleute , die in die » Branche « und noch lieber in das gute Geschäft » einheiraten « wollten . Sie kamen , gewöhnlich Freitag abends , aus irgendeiner österreichischen Provinzstadt , zumeist aus Schlesien selbst , wurden am Feiertag - Samstag - im Hause Diamant splendid bewirtet und fuhren Sonntag früh wieder ab . Das Urteil , das sie über die Tochter des Hauses fast einstimmig abgaben , lautete ungefähr dahin , - das sei eine » miese Mad « , - dabei arrogant - » tut sich was « - und , was das Schlimmste sei , - » überbildet « . Keine drei Worte hätte sie geredet , und gehört hätten sie im Ort , daß sie sich mit lauter » Lesereien « den » Kopp einnehme « , anstatt sich um die Küche zu bekümmern und ins Geschäft zu gehen . So mancher äußerte , trotz dieses Eindrucks und dieser wenig empfehlenden Nachrede , den Mut , » sich das Mädel zu erziehen « . Aber die Abwehr der Tochter war unbeeinflußbar , und der Alte zwang sie zu nichts , außer zu ihrer Anwesenheit an dem Tage der » Beschau « . Ihrer flehentlichen Bitte , sie für einige Zeit fort zu lassen , nach Wien oder nach Berlin , widersetzte er sich mit der Begründung , sie hätte dort » nix zu suchen « . Sie bat , ein Lehrerinnenexamen machen zu dürfen , er schlug es rundweg ab ; das seien » Flausen « , die seine Tochter » nicht nötig hätte « . So verstrichen ihre Jahre , - ohne eine Ahnung , welche Richtung ihr Wille nehmen sollte , da ihre ganze Umgebung allen seinen Regungen feindlich war ; - bis eines Tages das Schicksal bei ihr deutlich anklopfte . Sie war eine hervorragende Eisläuferin und verbrachte im Winter ihre besten Stunden auf dem großen Eisplatz , der draußen vor der Stadt lag . Sie besuchte auch die meisten Feste , die auf dem Eis veranstaltet wurden , - und an denen die höheren Schichten der Juden , die Beamten , die Familien der polnischen Industriellen und die Offiziere , die hier in Garnison lagen , teilnahmen . Bei einem Maskenfest auf dem Eis erschien sie als Teufelin , in schwarzrotem Sammetkostüm , die rostroten Haare gelöst über dem Rücken , auf dem Kopf ein schwarzes Sammetkäppchen , mit zwei festen , kleinen Holzhörnern , dicht verlarvt . An diesem Abend machte sie die Bekanntschaft eines jungen Offiziers , der ebenfalls einer der besten Läufer war und mit ihr die schwierigsten Figuren lief . Er war in Uniform , nicht verkleidet . Sie war schon öfters mit Offizieren gelaufen , war aber über die flüchtigsten und leersten Reden mit ihnen nicht hinausgekommen . Anders diesmal . Der hochgewachsene Offizier , mit den feinen Profillinien , dem blonden Schnurrbart , der hohen , ein wenig zurückweichenden Stirn und dem etwas nervös schweifenden Blick der blauen Augen , war nicht nur ein glänzender Eisläufer . Leutnant Koszinsky unterhielt sich mit ihr über Dinge , die seinen Kameraden sonst fernlagen . Sein heißes Interesse an Fragen der Kunst , der Literatur , der Philosophie , der Musik , begegnete hier endlich dem ersehnten Echo . Er hatte von dem Mädchen gehört und ihre Bekanntschaft gesucht . Trotz der Maske hatte er sie bald herausgefunden , - er kannte sie vom Sehen , - und die Freiheit des Festes gestattete ihm die schnellste Annäherung . Kasimir Koszinsky war Pole , gehörte einer ganz verarmten Familie an und war als Knabe der Erziehung der Kadettenschule übergeben worden und so dem Militär » verfallen « , wie er es nannte . Er betrachtete das als ein Unglück . Er hielt sich für einen geborenen Künstler und hätte sich der Philosophie und der Musik ergeben , wäre sein Weg frei gewesen . So aber blieb ihm nichts übrig , als die für ihn bedeutende Mühsal des militärischen Berufes weiter zu schleppen . Es dauerte immerhin Wochen , bevor diese beiden jungen Leute aus dem Bereiche gespanntester , schöngeistiger Interessen in jenes andere der persönlichen Wünsche zusammen eintraten . Es war fast immer zuviel zwischen ihnen zu erledigen . In den kurzen Stunden , in denen sie einander sahen , überstürzten sie sich , um von dem neuesten Buch , von irgendeinem bedeutenden , allgemeinen Ereignis » aus Europa « zu sprechen und hitzig ihre Meinungen gegeneinander zu führen . Seine Auffassung der Dinge hatte zumeist etwas Verschlungenes , wogegen sich ihre direkt auf den Kern der Sache zusteuernde Art nicht selten heftig auflehnte . So kam es , daß sie sich erst nach Wochen mit entscheidenden Wünschen , die eine gemeinsame Zukunft suchten , gegenüber standen . Diese Wünsche fanden weniger Gegnerschaft , als sie befürchtet hatten . Der Vater Diamant erklärte sich bereit , die Kaution zu erlegen , falls seine Tochter sich nicht » schmarren « zu lassen brauchte . Die Heirat eines Offiziers mit einer ungetauften Jüdin , - in Österreich häufig genug , - ließ sich wohl machen . Und dann war Kasimir auch bereit , wenn es sein müßte , den bunten Rock auszuziehen . Der Alte runzelte die Stirn . Wovon gedachte er zu leben ? Daß er in sein Geschäft nicht eintreten würde , war ihm genügend klar . Dann zog der alte Diamant den » europäischen « Rock an und ging aus , » Referenzen « einzuholen über den Leutnant Kasimir Koszinsky . Und damit erst trat die Angelegenheit in ein unerwartetes Stadium . Denn der Alte hörte Dinge , die selbst in jenem Winkel der Monarchie , wo die triste Situation die größte Duldsamkeit beim Militär mit sich bringt , - die Grenze des » Möglichen « überschritten . Koszinsky hatte den Ruf eines skrupellosen Verschwenders , eines genußsüchtigen Menschen , der durch immer neue Exzesse seine Situation unhaltbar gemacht hatte . Der Major versicherte dem alten Juden , dessen Besuch er huldvollst angenommen hatte , Koszinsky werde demnächst seine Charge » springen « lassen müssen . Eine nicht ganz aufgeklärte Affäre rückte diese Katastrophe nah . Koszinsky hatte mit unbegreiflicher Leichtfertigkeit Wechselschulden auf Beträge , die er niemals aufbringen konnte , aufgenommen . Die ziemlich beträchtlichen Summen hatte er , wie ermittelt , in wüstester Gesellschaft in Krakau verlumpt . Man erzählte von ein paar Variétédamen und deren männlichem Anhang , die Koszinsky nächtelang traktiert haben sollte , bis der letzte Gulden fort war . Er habe wahrscheinlich auf einen reichen Schwiegervater gehofft , - den er ja nun auch gefunden hätte , wie der Major halb bedauernd , halb ironisch hinzufügte . Aber das Schlimmste war damit noch nicht gesagt . Diese Wechsel sollten in einigen Tagen protestiert werden . Koszinsky hatte , gehetzt von seinen Gläubigern , seine Zuflucht zu einem Kameraden genommen , zu einem Leutnant Karl Stiller , der kürzlich etwas Vermögen geerbt hatte und gerade seinen Abschied nehmen wollte . Stiller , mit dem ihn eine nähere Kameradschaft verband , hatte sich mit Koszinsky in der Abneigung gegen den militärischen Beruf gefunden ; er wollte den Sprung aus der Bahn wagen . Er arbeitete seit langem , heimlich , politische Artikel für ein Blättchen seiner Heimat , einer kleinen deutschen Stadt in Südungarn . Von dort winkte nun ein festes Amt beim Blättchen , und Stiller wollte die Kette zerbrechen . Zum Unterschied von dem vielseitig zerstiebenden Koszinsky war Stiller schwer , zäh , bäurisch beharrlich und , vor allem , emsig auch in seinen literarischen Versuchen . Dabei war er eigentlich » ärarisch « gesinnt , behütete seine Ideale vom frischfröhlichen Krieg trotz seiner persönlichen Abneigung , beim Militär zu bleiben . Koszinsky hatte ihn Olga als einen braven Kerl , aber » mit einem flachen Unterbewußtsein « geschildert . Er war ein Mensch , dem eine tiefe Furche zwischen den Augenbrauen einen besonders düsteren Gesichtsausdruck gab und der mit redlichen , aber gequälten Blicken dreinsah . Koszinsky hatte ihn seine bewegliche Geistigkeit reichlich spüren lassen . Er verhöhnte seine » journalistischen Missetaten « , - er selbst hielte sich von solchen Sünden wohlweislich fern , - er verspottete Stillers primitive Ideale , die in einer Gemeinschaft mit Weib und Kind in einer Wohnung von Stube und Küche - bei sonstiger Unabhängigkeit - gipfelten . So hatte aus der ehemaligen Freundschaft der beiden Ausnahmsoffiziere manchmal der Haß herausgeschlagen , - bis Stiller das kleine Kapital erbte , welches seinen sehnsüchtigen Wünschen nach Freiheit die Wege ebnete . Kurz darauf , als die schon einmal prolongierten Wechsel Koszinskys sich dem Fälligkeitstermin näherten , nicht mehr erneuert werden konnten und er sich von seinen Gläubigern bedrängt sah , hatte er Stiller , der , wie er sich ausdrückte , nun » gefaßt « habe , bestürmt , er möge in dieser äußersten Not für ihn einspringen . Stiller schlug dieses Ansuchen glattweg ab . Kurz und finster erklärte er , daß er nicht so töricht sein werde , die geringen Hilfsmittel , die ihm das Schicksal zugebilligt habe , zu so unwürdigem Zweck , - einen Entgleisten noch weiter in einer ihm nicht gebührenden Situation zu halten , - zu vergeuden . Wenige Tage später ereignete sich ein böser Zwischenfall : aus der verschlossenen Tischlade Stillers waren einige Wertpapiere verschwunden . Diese Affäre war nun gerade in jenes Stadium getreten , in welchem sich eine Reihe von Verdachtsmomenten so zusammenschloß , daß Koszinsky als der Dieb angesehen wurde ... Ohne einen bestimmten Beweis zu haben , beschuldigte Stiller , fest und finster , unter vier Augen , den Kameraden der Tat . Koszinsky fuhr auf , - griff an den Säbel , - ließ ihn aber stecken - und gab seiner Empörung über diese Beschuldigung in einer Flut von Beschimpfungen Ausdruck . Stiller ließ sich ruhig von ihm Idiot und Schmutzian nennen und sich sein » primitives Gehirn « von ihm vorwerfen . Er entgegnete dem Tobenden nur , - ob er denn noch niemals von einer anderen Art von Idiotie als der gewöhnlich so genannten gehört habe ? Und er nahm ein Lehrbuch der Pathologie vom Regal und schlug einen Abschnitt auf : » Über moralische Idiotie , - auch Moral Insanity genannt . « Wieso es ihm denn beliebe , ihn in diese Kategorie einzurangieren , höhnte Koszinsky . Worauf ihm Stiller trocken erklärte , in diese Kategorie gehörte jene Sorte von Übeltätern , die , ohne besondere Not und ohne Bedacht der Folgen , mit Vorliebe solche verfemte und schädliche Handlungen begingen , die unweigerlich für sie selbst die schlimmsten Folgen haben müßten . Trotz der absoluten Sicherheit der Enthüllung und der Strafe ihres Tuns setzten sie irgendeinen gierigen , unerlaubten Wunsch , der sich immer fester und zwingender in sie einbohre , in Tat um . Gewöhnlich ohne jede Rückzugsmöglichkeit den Folgen gegenüber . An den Augenblick des Sturzes dächten sie kaum , bevor er da sei , drückten sozusagen ein inneres Auge zu und scheuchten die Gedanken von diesem sicher daher kommenden Ereignis fort . Auch fehlte ihnen das Gefühl der Auflehnung gegen das Böse . Ob das nicht mit Recht als eine Art Idiotie betrachtet werde ? Koszinsky hatte ausgerast . Stöhnend warf er Arme und Kopf über die Tischplatte . Ob Stiller denn bedacht habe , wie seine , - Koszinskys - Zukunft sich nun gestalten solle ? Das habe er wohl , entgegnete der . Er würde es nur für ein Übel halten , wenn Koszinsky , durch Hilfe von außen , noch länger beim Militär über Wasser gehalten würde . Nur das , was er seinen » Sturz « nenne , könne ihn retten . Hinaus in den Dienst des gemeinen Lebens , - das sei sein Weg . » Und Olga « , kam es ächzend zwischen Koszinskys Händen hervor , in denen er den Kopf vergraben hatte . Stillers Gesicht wurde noch einen Schein dunkler und ernster . Die Furche zwischen seinen Brauen , die ihm einen so finsteren Ausdruck gab , vertiefte sich . » Frage sie « , gab er zur Antwort . » Sage ihr die Wahrheit von dir , - die ganze Wahrheit « . Er bohrte seinen finsteren Blick scharf in das flackernde Auge des anderen , der die Hände sinken gelassen hatte und zu ihm aufhorchte . » Sage ihr alles - und frage sie , ob sie trotzdem den Mut hat , mit dir zu gehen . « Der Trotz rührte sich wieder in Koszinskys Brust . Wenn sie sein war , - ihm bestimmt , - zu ihm gehörig , - würde sie ihn , trotz alledem , nicht lassen . Gebeugt , als wäre ihm eine schwere Last auf den Rücken geladen worden , kam der alte Diamant nach Hause . Vielleicht zum erstenmal geschah es ihm , daß er sich seinen Kindern gegenüber als besiegt fühlte . Er wußte , - sie gingen ihre Wege ohne ihn , über ihn , und er hatte keine Macht , in ihre Schicksale einzugreifen . Auf dem Heimweg war es ihm zur Sicherheit geworden , daß Olga von Koszinsky nicht lassen werde . So würde er denn sie und den Lumpen zu halten haben , bis - ja bis - sie alle untergingen . Verloren waren sie alle . Er kam nach Hause . Die alte Salke , die Wirtschafterin , die die Kinderfrau gewesen war , kam ihm entgegen . » Gott der Gerechte , - gnädiger Herrleben , - wie sehen Se aus ? ! « Er ließ Olga in sein Kontor rufen . Ruhig , mit tonloser Stimme berichtete er ihr , was er über ihren Freier erfahren hatte . Er ereiferte sich nicht , er verlangte nichts von ihr , er befahl nicht , - er berichtete . Während sie dem Vater zuhörte , schien es ihr , als ob seine Gestalt sich vor ihren Augen dehne , wie ein riesenhafter , dunkler Fleck . Sie sah plötzlich nichts mehr , - sie hörte nur seine Stimme in dieses tiefe , tiefe Dunkel hinein . - - - Er war lange fertig mit seinem Bericht , den er in kurzen , dürftigen Worten gegeben hatte . Er hatte Koszinskys Treiben nicht schwärzer gemalt , kein kommentierendes Wort dem nackten Tatsachenmaterial hinzugefügt . Mit zitternder Hand strich er sich durch den grauen , wirren Bart. Er saß , wie gewöhnlich , im schwarzledernen Lehnstuhl am Fenster , vor seinem Schreibpult . In der Dämmerung schien sein Gesicht grau . Knochig sprang die Nase aus diesem scharfen Profil . Olga sah ihm ähnlich , - die Nase und die blanken , schwarzen Augen hatte sie von ihm . Zum erstenmal sah sie , wie alt der Vater wurde , - wie gebeugt , wie müde sein Rücken schien , wie gramvoll gefurcht sein Gesicht war . Zum erstenmal erinnerte sie sich , daß er morgens um sieben Uhr schon bei diesem Pult zu sitzen pflegte und abends um elf noch immer . Und auf dieses Greises Schultern lag ihre Existenz , - ihre Kraft und Jugend zehrte von dem , was er erarbeitet hatte und noch weiter für sie erwarb . » Nu , mei Kind ? « fragte der Alte mit müder , leiser Stimme . Seine Ruhe erschütterte sie . Sie hatte , als er begann , von Koszinskys Treiben zu berichten , erwartet , er werde drohen , befehlen , fluchen , wenn sie nicht von ihm ließe . - Er aber fragte sie mit der Ruhe der Hoffnungslosigkeit , was sie zu tun gedenke . Ob sie den Menschen sehr liebe , fragte er mit zitternder Stimme , und sie sah die tiefe Angst in seinem Blick . Und sie hörte - zu ihrem Erstaunen , - ihre eigne Stimme - die da antwortete , - - sie glaube nicht , den Menschen , der ihr da geschildert wurde , zu lieben . Aber sie wolle noch einmal mit Koszinsky sprechen , - um zu sehen , ob das alles auch wirklich so sei . Der Alte versuchte sie zu hindern : » Mei Kind , - da is ka Broche ( Segen ) dabei ! « Da erwachte gleich ihr Trotz und rief ihr Herz auf . Sie wolle und müsse von ihm selbst erfahren , ob das alles wahr sei , - vielleicht war er nur durch Unglück gesunken , - würde sich erheben , - wenn sie ihm beistünde . Sie begann sich zu ereifern , als ob sie gegen den Vater zu kämpfen hätte , wie gewöhnlich , - brach aber plötzlich ab , - als sie bemerkte , daß er in sich zusammengesunken war und keine Worte gegen sie vorbereitete . Schweigend saßen sie eine Weile in der Dämmerung , - - bis der Vater mit der Hand winkte . Da verließ sie leise das Zimmer . In der Nacht , die diesem Gespräch folgte , versank für Olga diese neue Vertraulichkeit , die in ihr Leben gekommen war . Der Mann , mit dem sie so leichtfüßig dahingeflogen , wurde ihr durch dieses unerwartete Dunkle , das von ihm kam , fremd , - so fremd , wie die Bewerber , die in das Geschäft hineinheiraten wollten . - Einsam war sie , wie nur jemals früher . In die warme Nähe ihres Herzens konnte dieses Dunkle niemals dringen . Und doch war es vielleicht gerade jenes heimlich in ihm Wirksame gewesen , - jener Trieb , der zur Hemmung und Störung aller lebenerhaltenden Impulse führte , - der sein Wesen so vielfältig gegliedert hatte , daß es sie anzog und bannte . - Nein , sie hatte die Liebe nicht erfahren ; schauernd empfand ihr junges Herz diese Erkenntnis in der Einsamkeit und Finsternis dieser Nacht . Aber es war wie eine Hoffnung in ihr , - als müßte sich jene Vertraulichkeit wieder einstellen , wenn sie Koszinsky erst wiedersah . Vielleicht kam dann irgendein Begreifen über sie , - ein Begreifen dessen , was ihr jetzt so drohend fremd erschien , daß es sie schauern machte . Als sie ihn dann am andern Tag traf , in einem Wirtshaus der Umgebung , wo sie , um allein zu sein , in einem schlecht gelüfteten , ungeheizten , leeren Tanzsaal saßen , - da wuchs ihre Kenntnis von ihm bis zur Hellsichtigkeit . Mit vielen , sich überstürzenden Worten bestätigte Koszinsky , daß diese » Wechselaffäre « über ihm schwebe , - berührte auch die » absurden Beschuldigungen « , die gegen ihn laut geworden waren und für die er blutige Rechenschaft fordern werde ; aber er zweifle nicht , daß sie trotz allem , was über ihn hereinbrach , treu zu ihm stehe . Ja , er begrüße diese Katastrophe als eine Art Feuerprobe für ihre Liebe . Als er diese Worte sagte , durchschoß sie jäh , grell und vernichtend der Gedanke : Ich weiß genug . Sie lehnte sich in ihre Sofaecke zurück und sah starr auf diese feinen Profillinien . Die etwas zurückweichende Stirn verbarg sich unter der Kappe , die er nicht abgenommen und tief ins Gesicht gedrückt hatte ; er hatte auch die schwarze Offizierspelerine nicht abgelegt , wie auch sie in Hut und Jacke blieb . - Er sprach und erklärte . Sie müsse begreifen : wenn er sie gehabt hätte , wäre nichts von all den Lumpereien geschehen ; so aber mußte er sich in die Öde des Soldatenlebens ein wenig Farbe und Freude hineintragen ... » Farbe und Freude « , ging es zackig durch ihren Kopf , und sie starrte unverwandt auf das bekannte Profil . So sei es zu diesen leichtsinnigen Streichen , - die Schulden betreffend , - gekommen . Im übrigen läge ihm nicht so viel daran , seine Charge springen zu lassen . Freilich , in Ehren müßte es geschehen , schon um ihretwillen . Darum werde wohl ihr Vater helfend eingreifen müssen ; quittieren müßte er dann doch , da der Karren schon zu tief verfahren war . Aber - - er hätte einen Plan : irgendwohin wollten sie zusammen gehen , wo man in all diese unreinlichen Beziehungen , - dabei warf er verächtlich den Kopf zur Seite , - nicht verwickelt werden könnte . In diesem Augenblick schoß wieder ein einziges Wort durch ihr Hirn und brannte darin auf : nie . Er fuhr fort : seine Vorfahren wären Grundbesitzer gewesen , - wenn ihnen der Alte nun ein Stück Geld gäbe , - so - so - - kurz gesagt , - er hätte die Idee , sich auf einer der kanarischen Inseln , die ein paradiesisches Klima hätten und wenig besiedelt seien , niederzulassen . Dort könnten sie eine kleine Farm betreiben . - - Und er malte , - so wie er da saß , verfolgt , in seinen Mantel gehüllt , in dem dunstigen , leeren Tanzsaal eines Dorfwirtshauses , - während draußen die naßkalte Nacht des schlesischen Winters lag , - er malte ein paradiesisches Bild , von einer Insel mit ewigem Frühling , umgürtet vom blauen , schimmernden Meer , - auf der , in einer stattlichen Ansiedelung , sie und er als wohlbegüterte Farmer saßen . In ihr aber wuchs das Eine , das Deutliche : nie , nie . Nicht eines seiner Worte führte sie irre . Immer genauer wußte sie , was auch Stiller wußte , - daß das Leben diesen da erst noch tiefer drücken müßte , bevor er nüchtern würde . Mit starken , harten Worten sagte sie sich los von ihm . Es kam ihm unerwartet , - und er begann sie zu schmähen . Sie stand auf und ging durch den langen Saal der Türe zu . Er rief ihr immer wildere Worte nach . Plötzlich schwieg er . War es eine Ahnung , die ihren Kopf noch einmal zu ihm zurückwandte ? - - - Im trüben Schein der Lampe und durch den wolkigen , rötlichen Dunst , der sich vor ihre Augen legte , - sah sie , - daß er seinen Revolver mit gestrecktem Arm nach ihr hinhielt . Da durchzuckte es sie mit plötzlicher Klarheit : sie wußte , daß ihre Hände die Türschnalle nicht berühren durften ... Sie wandte sich ihm vollends zu und lehnte sich , scheinbar ruhig , - während sie das Pochen ihres Blutes hörte , - mit gewölbtem Kreuz und vorgedrängter Brust an die Tür , - hob langsam die Arme zu beiden Seiten und hielt sie wagerecht von sich . - So schien sie ihrem Schicksal die Brust zu bieten . Da zerteilte sich der blutige Nebel vor Kasimirs Augen , und er ließ den Revolver sinken . - - - Olgas Vater , der im Hause und seinen Kindern gegenüber karg zu sein pflegte , war in geschäftlichen Angelegenheiten und bei entscheidenden Transaktionen verschwenderisch . Seine Angestellten kannten diese Munifizenz , die sich ganz unerwartet dann zu verbreiten pflegte , wenn es galt , rasch » abzuschneiden « , irgendeine kritische Situation schnell zu erledigen , - und nützten sie tüchtig aus , konstruierten nicht selten Krisen und Schwierigkeiten , bei deren Abwickelung dann ein Stück Geld in ihre Taschen floß . Der alte Händler war für einen Kaufmann beinah zu schnell , zu large mit dem Gelde . Er gab Reisenden leichtherzig Vorschüsse , zahlte an Agenten Provisionen für Aufträge , die sich oft als faul erwiesen , gliederte seinem Geschäft manches Nebenunternehmen an , das es schwächte , anstatt es zu fördern , und übte , vor allem , seinen Angestellten gegenüber nicht genügend scharfe Kontrolle , aus Furcht , Personen , die er für unentbehrlich hielt , vor den Kopf zu stoßen und zu verlieren . Als rechnerische Kraft hatte Stanislaus Disziplin in das Geschäft gebracht , und , als er aussprang , verbreitete sich der Mangel einer strammen Geldgebarung immer mehr in dem sonst so guten Unternehmen . » Ich bin ka Mathematiker « , pflegte der Alte zu sagen , wenn er , bedrückt und hilflos , vor gesunkenen Bilanzen stand , die , nach einem regen Jahresumsatz , schwer erklärlich schienen . Und in die Bitterkeit , mit der ihn dieser Rückgang erfüllte , mischte sich ein Gefühl wie Rache gegen den Sohn . » Warum is er gegangen ? ! - Ich plag ' mich - und fremde Leit ' tragen mich weg . « Die Angelegenheit zwischen seiner Tochter und dem Leutnant betrachtete er als » Transaktion « , die schnell » abgeschnitten « werden müßte und bei der man aufs Geld nicht sehen dürfte . Nachdem er das schriftliche Ehrenwort Koszinskys , - daß er Olga frei gebe und nichts mehr unternehmen werde , die alten Beziehungen wieder herzustellen , - in Händen hatte , bezahlte er seine Wechselverbindlichkeiten - und legte noch ein Stück Geld , mit welchem die geheimnisvoll verschwundenen Wertpapiere Stillers » auf alle Fälle « ersetzt werden sollten , dazu ... Seiner Tochter aber bewilligte er den Aufenthalt in Wien , - teils aus Dankbarkeit , daß sie ihn vor dem gefürchteten Unheil bewahrt hatte , teils weil er jetzt selbst wünschte , sie solle sich » verändern « , damit sie über das Vorgefallene leichter hinweg käme . Koszinsky mußte quittieren und verschwand irgendwo in Österreichs bunter Provinz . So beantwortete das Schicksal Olgas ersten Anruf nach dem ihr gebührenden Frauenlos . Der Wunsch , der aus dieser Seele herausgebrochen und aufgeflogen war nach der großen , hellen Sonne des Glücks , brach , mißhandelt und flügellahm , am Wege zusammen . Olga hatte keinen Beruf ; eine Wirksamkeit im Sinne der großen Bewegung ihrer Zeit , welche die Frau auf Selbständigkeit verwies , war ihr verlegt worden , sie hatte diesen Weg versäumt . Als sie nach Wien kam , hatte sie keine Lust mehr , jetzt noch eine Lehrerinnenprüfung anzustreben , all die Schulen durchzumachen , die dazu nötig waren , eine Menge von Lehrstoff , der ihr gleichgültig und langweilig war , in sich aufzuspeichern . Die Jahre , in denen man gern lernt , - büffelt , - waren eben vorbei . Sie konnte nichts anderes tun , als hinhorchen , - und von der Fülle dessen , was sie über die zusammenwirkenden Kräfte des Lebens erfuhr , das herausgreifen , was den lebendigen Fragen in ihr selbst entgegenkam . Sie suchte Anknüpfung an die Zeit , Aufschluß über Triebkräfte , die die Strebungen ihrer Epoche bewegten und das neue Werden entstehen ließen . Fast drückend lag die Freiheit vor ihr . Ob sie der ungelösten Kräfte ihrer Seele jemals habhaft werden und wohin sie sie führen würden , - sie wußte es nicht . Sie schien sich eingeklemmt zwischen zwei Kulturen , - dem gewöhnlichen Schicksal anspruchsloser Gatten- und Mutterschaft ebenso verloren , wie dem der