erst recht programmäßig . « » Schade , « meinte Lolo , » ein Programm ist nie was Überraschendes . « Hilmar lachte : » Willst du mich überraschen ? Wozu ? Nein , unsere Bräute sollen nicht Überraschungen sein , sondern hübsche Notwendigkeiten . « Als sie an den Fischerhäusern vorübergingen , begann auch Lolo von Doralice zu sprechen , erzählte ihr Abenteuer , erzählte von dem Kuß und den roten Rosen . » Ach , die durchgebrannte kleine Gräfin ist hier « , sagte Hilmar , » nun , es ist gut , daß sie dich gerettet hat , aber sag , warum sprichst du von ihr mit einer so gerührten Stimme , als sei sie etwas Heiliges ? Durchgebrannte Gräfinnen sind doch wohl nichts besonders Heiliges . « » Weil sie mich rührt « , entgegnete Lolo erregt . » Ich weiß selbst nicht warum . Vielleicht weil sie so schön und doch nicht gut ist . Vielleicht aber , wenn jemand so schön ist , muß man ihn lieben , aber sie tut etwas weh , diese Liebe . Ich glaube , wenn einer sich in die Gräfin verliebt , dann muß es schmerzen . « » Nun , nun « , beruhigte Hilmar sie , » wird es denn so arg sein mit dieser Schönheit ? « » So zum Beispiel « , fuhr Lolo fort , » mich zu lieben ist da nichts , gar nichts Schmerzhaftes dabei , sag ? « » Nein , gar nichts « , versicherte Hilmar , » im Gegenteil , wenn man dich liebt , fühlt man sich riesig gut , riesig vornehm . Ich merke das jedesmal , ich werde da fast verlegen vor mir selber . Als Kind wurde mir am Sonntage ein blauer Sammetkittel angezogen , ein weißer Spitzenkragen umgelegt und das Haar wurde mit einer Pomade glatt gestrichen , die stark nach Orangenblüten duftete . Und wenn ich so angezogen war , fühlte ich mich so fein , so vornehm , daß ich mich vor Andacht vor mir selber kaum zu rühren wagte . « » Und ich « , rief Lolo enttäuscht , » ich bin für dich wie der blaue Sammetkittel und die Orangenblütenpomade . « » Und der Sonntag « , ergänzte Hilmar , » ja , so ähnlich . Aber wer kommt denn dort ? « » Das ist sie « , flüsterte Lolo . Ihnen entgegen kamen Hans und Doralice . Als sie aneinander vorübergingen , nickte Doralice lächelnd Lolo zu , die beiden Herren grüßten förmlich . » Nun ? « fragte Lolo , sobald sie vorüber waren . » Gewiß , allerdings « , sagte Hilmar , » ein schönes Kindergesicht mit einem merkwürdig schicksalsvollen Munde . « Lolo schwieg eine Weile , dann wiederholte sie sinnend : » Ein schicksalsvoller Mund , das hast du gut gesagt , ich suche lange schon einen Ausdruck für diesen Mund . Es muß seltsam sein , einen schicksalsvollen Mund zu haben , ich kann mir das denken , ja ich fühle das jetzt so deutlich , so stark , daß ich überzeugt bin , ich habe in diesem Augenblicke auch einen schicksalsvollen Mund . Küsse mich jetzt und du wirst sehen . « Sie blieb stehen und hielt ihr ernstes , vom Monde hellbeschienenes Gesicht hin und als Hilmar sie geküßt hatte , fragte sie gespannt : » Nun ? « Hilmar schüttelte den Kopf : » Von Schicksal keine Spur . Mehr ein friedlicher Pfingstsonntag auf dem Lande . « Lolo zuckte die Achseln und seufzte . » Nein , warte « , fuhr Hilmar fort , » es ist doch anders , dich hier vor dem Meere zu küssen , kommt mir wie eine kolossale Frechheit vor . Es ist so , als sähen alle fünf Weltteile uns zu , das ist ein eigentümliches Gefühl . « » Nein , das will ich nicht « , rief Lolo und machte sich von ihm los . Siebentes Kapitel Der nächste Tag war ein Sonntag . Die Generalin und Frau von Buttlär saßen in ihren Strandkörben und lasen Andachtsbücher . Zuweilen hob Frau von Buttlär den Blick und schaute auf den hellbeschienenen Strand und auf das Meer hinab , das heute blau und golden und ruhig wie ein Teich war . Plötzlich blieben ihre Augen an zwei bunten Figürchen hängen , die dort an der gelben Dünenwand entlang gingen . Doralice im türkisblauen Sommerkleide , einige von Lolos roten Rosen im Gürtel unter einem roten Sonnenschirm ging neben dem Baron Buttlär her . Der Baron schien lebhaft zu sprechen und seine ganze Gestalt , seine Art zu gehen drückten höfliche Liebenswürdigkeiten aus . Frau von Buttlär schlug mit der flachen Hand auf ihr Buch und sagte : » Da haben wir ' s. « Auch die Generalin hatte aufgesehen und meinte : » Nun , er hat es eilig mit dem Dank . « - » Dank , « rief Frau von Buttlär , » der war überhaupt nicht nötig . Ich verstehe Buttlär nicht . Er hat eine Frau , hat erwachsene Töchter und kompromittiert uns so . Was kann diese Person ihm bieten ? Was will er von ihr ? « » Nichts , nichts « , beruhigte die Generalin , » er kann eben das Kokettieren noch nicht lassen . Es ist immer dieselbe Geschichte , wenn ihr heiratet , wollt ihr hübsche Männer haben , aber ein hübscher Mann konserviert sich länger als unsereins , der bringt keine Kinder zur Welt , er schont sich mehr und da dauert die Lust am Kokettieren länger als bei uns . « » Aber Mama « , protestierte Frau von Buttlär entrüstet , » die Ehe ist doch zu heilig , als daß solche Dinge in Betracht kämen . « » Die Ehe , meine Liebe « , versetzte die Generalin , » ist vielleicht sehr heilig , aber unsere Männer sind es nicht . Übrigens wird es da unten immer bunter . « Hilmar und Lolo kamen Arm in Arm von der anderen Seite den Strand entlang und als sie Doralice und Herrn von Buttlär begegneten , blieben sie stehen und es fand eine Begrüßung statt . Von einer anderen Seite erschienen Hans Grill und der Geheimrat und gesellten sich zu der Gruppe . Es war hübsch , wie diese Menschen in dem grellen Sonnenschein beisammen standen , wie die hellen Farben der Kleider , das Rot und das Blond der Haare auf dem Hintergrunde der gelben Düne blühten und leuchteten . Frau von Buttlär fand nicht mehr die Kraft des Zorns , sie war zu bekümmert : » Was soll man da machen ? Mama « , fragte sie kläglich . - » Liebes Kind « , sagte die Generalin , » da gibt es nichts anderes als die Führung behalten . Du mußt mit dieser Dame in irgendein Verhältnis kommen . Wenn so was Verbotenes , zum Beispiel eine Dame , von der vor uns nicht gesprochen werden darf , in der Nähe ist , das macht die Männer toll . Kennen wir diese Dame auch so halbwegs , dann verliert sie viel von ihrem Reiz . Also . « » Ich glaube , ich werde das nie können « , klagte Frau von Buttlär , » bin ich nicht eine geplagte Frau ? Bisher der Kampf mit den Gouvernanten und jetzt diese . « Unten löste die Gruppe sich auf , man grüßte und trennte sich . Frau von Buttlär sah ihrem Mann ernst und kummervoll entgegen . Als er jedoch vor ihr stand , schaute sie auf ihr Buch nieder und schwieg . Herr von Buttlär aber fühlte das Bedürfnis , schnell und gezwungen heiter zu sprechen . Nun hatte er also das Unglück des Ortes kennengelernt , Gott , es sah nicht so schlimm aus , aber im Ernst , es war besser so , hier konnte man sich ja doch nicht vermeiden und das mußte auf die Dauer peinlich werden , nun grüßte man sich , sprach miteinander auf neutralem Boden . Hier in dem weltabgeschiedenen Winkel war das ohnehin nicht kompromittierend . Von eigentlichem Verkehr ist ja ohnehin nicht die Rede , nicht wahr ? Frau von Buttlär sah jetzt auf und fragte , als hätte sie das Gesagte nicht gehört : » Lesen wir heute keine Predigt ? « - » Gewiß , meine Liebe « , rief Herr von Buttlär , » ist es denn schon Zeit ? Also gehen wir . « Die Familie begab sich in den Bullenkrug zurück , im Wohnzimmer versammelte man sich und Herr von Buttlär las eine Predigt vor . Es wurde allgemein bemerkt , daß seine Frau während der Predigt weinte . Während des darauffolgenden Mittagessens drückte eine düstere Stimmung auf die Anwesenden . Herr von Buttlär mußte Anstrengungen machen , um eine Art Unterhaltung in Fluß zu halten . Er wandte sich dabei ausschließlich an Fräulein Bork und sprach über Literatur . Er verurteilte den Realismus in der Literatur . Kunst soll doch erfreuen , nicht wahr . Das Leben war doch gewiß nicht heiter genug , um so einfach abphotographiert zu werden . Da seine Frau bei diesen Worten seufzte , wechselte er schnell das Thema und sprach vom Kaiser . Der Sonntagnachmittag war sehr heiß , gelber Sonnenschein in den weißgetünchten Zimmern und über dem sandigen Gärtchen . Die Damen zogen sich zurück . Herr von Buttlär saß im Wohnzimmer hinter seiner Zeitung und schlummerte und das Brautpaar ging auf der Veranda auf und ab . » Bitte , Schatz « , sagte Hilmar , » sieh mich nicht so erwartungsvoll an , das heißt , du hast ein Recht mich so anzusehen , denn du hast ein Recht zu erwarten , daß ich angenehm und unterhaltend bin . Aber ich weiß nicht , dieser Sonntagnachmittag lähmt mich . « » Armer Hilmar « , meinte Lolo ein wenig spöttisch , » den ganzen Tag im blauen Sammetkittel zu stecken . « » Unsinn , Unsinn « , rief Hilmar , » es ist nur eine Stimmung . Ich habe Sonntagnachmittage nie recht vertragen . Komm , setzen wir uns in den Schatten und ich lehre dich Pikett spielen . « Erst gegen Abend wurde es im Hause lebhafter . Die Generalin kam in das Wohnzimmer , ließ ihre laute , energische Stimme erschallen und weckte mit ihr das verschlafene Haus . Dann erschien auch Frau von Buttlär , sie hatte Toilette gemacht und einen Hut mit Kornähren und Mohnblumen aufgesetzt . Sie war noch sehr ernst . Sie zog sich ihre Handschuhe an und sagte ihrem Gemahl : » Reich mir deinen Arm , Buttlär , und wir wollen gehen , den Sonnenuntergang bewundern . Wo sind die Kinder ? Lolo , Nini , Wedig ! « Sie mußten alle kommen und die Familie zog paarweise zum Strande hinab . » Bravo , Bella ! « sagte die Generalin . » Immer die Führung behalten . « Wedig jedoch grollte . » Das soll ein Vergnügen sein . Nicht einmal der Gräfin werden wir begegnen , die geht um diese Zeit nicht spazieren . « Am nächsten Morgen kam Hilmar erhitzt und mit sprühenden Augen zum Frühstück . Er war schon weit herum gewesen , hatte Bekanntschaft mit den Fischern gemacht . Famose Leute ! Da war ein Andree Stibbe , ein blonder Riese mit ganz hellblauen Augen , so hell wie schlechte Milch . Wenn der einen anschaute , war es , als sähe einen ein sehr hochmütiger Dorsch an . Hilmar hatte mit ihm über ein Boot zum Segeln gesprochen , er wollte auch mit ihm auf den Fischfang hinausfahren . Übrigens hatte Stibbe für nächste Zeit einen Sturm versprochen . Auch den Maler hatte Hilmar gesehen , der schien ein braver Bursch zu sein . Seine schöne Frau ging gerade baden in einem sehr bemerkenswerten marineblauen Badekostüm . Endlich hatte er noch mit der Exzellenz Knospelius gesprochen , ein äußerst interessanter Herr . Er interessiert sich sehr für das Gesellschaftsleben hier ; er will ein Fest geben , so was wie eine italienische Nacht . Sein Diener , ein unheimlich ernster Wiedertäufer , klebt schon die Papierlaternen dazu . » Klaus ist « , sagt die Exzellenz , » sehr brauchbar für das , was er unsere Sünden nennt . « Lolo hatte aufmerksam zugehört und sagte ergeben : » Wenn du so viel auf das Meer hinausfährst , werde ich wohl auf der Düne sitzen müssen und dir nachschauen . « » Wieso , wieso ? « rief Hilmar . » Das ist doch nur für die Zwischenzeiten und du weißt , es gibt Zwischenzeiten , Zeiten , in denen ich langweilig bin , in denen du nichts mit mir anfangen kannst . Dann segle ich hinaus . Übrigens steht schon in der Bibel so was davon , daß die Frau zu Hause bleibt und der Mann vor den Toren berühmt ist . « » Dieses Tor merk dir , mein Kind « , meinte die Generalin , » das wird in deiner Ehe noch oft auftauchen . « » Aber ich fahre mit « , meldete sich Wedig unten am Tisch . Seine Mutter sah ihn mitleidig an . » Du , mein armer Junge , nein , du bleibst zu Hause . « Da ging eine seltsame Veränderung in dem Knaben vor . Sein bleiches Gesicht mit den kränklichen , zu feinen Zügen errötete , seine Augen füllten sich mit Tränen , und mit leidenschaftlich sich überschlagender Stimme begann er zu sprechen : » Ich bleibe immer zu Hause , ich darf nie etwas , ich hocke immer abseits , warum ? Was ist mit mir ? Bin ich ein Krüppel ? Was sollen die Leute davon denken ? Ich bin ja lächerlich . Gestern begegnete mir die Gräfin , ich grüße , sie bleibt stehen und fragt : Baden Sie auch ? Ich sage ja , aber ich kann ihr nicht sagen , ich darf nicht ins Meer hinein , ich nehme warme Seebäder . « » Wedig , geh auf dein Zimmer « , sagte Frau von Buttlär . Wedig war wieder sehr bleich geworden , er stand auf und ging , steifbeinig vor Trotz , hinaus . Am Tische entstand ein Schweigen , alle waren über den Zwischenfall betroffen . Endlich sagte Frau von Buttlär sorgenvoll : » Ich weiß nicht , woher meine Kinder alle das überspannte Wesen haben . « » Meine Liebe « , versetzte Herr von Buttlär und legte seine Hand zärtlich auf die Hand seiner Gattin , » die Genialität haben sie jedenfalls von dir . « Die Generalin lachte . » Nun ja « , meinte sie , » es ist das Wetter , das euch alle zu genial macht , aber das Barometer fällt Gott sei Dank . « Achtes Kapitel Tun , tun , hatte Hans Grill gesagt , und so fuhren sie denn mit Wardein bei Nacht auf den Fischfang hinaus . Der Mond stand hoch am Himmel , das Meer war ruhig , nur von einem sanften , langatmigen Auf- und Abschwellen bewegt , wie über ein gläsernes Hügelland glitt das Boot hin . Wardein saß am Steuer und rauchte . Zwei blonde rundköpfige Burschen , Mathies und Thomas , ruderten ; unförmig in ihren dicken Jacken bogen sie sich taktmäßig hin und her . Doralice war auf einem Klappstühlchen eingerichtet worden , fest in Decke und Mantel gehüllt . Hans saß neben ihr auf der Bank . Alle schwiegen , nur ab und zu gab Wardein ein Kommando , das wie ein tiefes Brummen klang . Die Ferne war von einem feinen , silbernen Lichtnebel verhangen , aber Doralice glaubte diese unendliche Weite zu fühlen , wie sie die dunkle Tiefe unter sich zu fühlen meinte , und beide , die Tiefe und die Weite , legten sich bedrückend auf sie , wie etwas , das ihr den Atem benahm , sie ängstigte , das ihr die Empfindung des Verlorenseins und der Einsamkeit gab . Warum sprachen alle diese Männer nicht ? Warum saßen sie da still in ihre Mäntel gehüllt , die Hutkrempen auf die Gesichter niedergebogen wie dunkle , fremde Traumgestalten ? Da beugte sich Hans zu ihr nieder , drückte ihre Hand und fragte : » Wie geht es ? « » Gut , « erwiderte sie und lächelte , es sollte niemand wissen , daß sie sich fürchtete , aber der Händedruck , die ruhige , freundliche Stimme taten ihr gut , gaben ihr ein wenig Sicherheit wieder . Und Hans , als fühlte er das , sprach weiter , fragte Wardein : » Fahren wir dort zu den Butten hinüber ? « » Ja , ja , zu den Butten « , brummte Wardein , » die liegen dort unten im Sande . « » Aha , « meinte Hans , » die wühlen sich dort in den Sand ein und warten auf ihre Beute , die flachen Luder . « Die Burschen auf der Ruderbank begannen laut und rauh über die Butten zu lachen , Doralice lachte auch mit . Die Nacht war schwül , Mathies wurde es beim Rudern zu heiß , er wollte sich die Jacke ausziehen . Hans erbot sich für ihn zu rudern und nun standen sie auf , gingen im Boot hin und her wie in einer Stube , Mathies zog sich die Jacke aus , stand in Hemdsärmeln da , stützte den einen Fuß auf den Bootsrand , spuckte in das Meer und pfiff leise vor sich hin . Und wie sie sich alle um sie her so ruhig und gewohnt bewegten , als seien sie hier mitten auf dem Meer zu Hause , da wich auch von Doralice das bedrückende Angstgefühl , ja , es war köstlich zu spüren , wie sie allmählich in diese Welt als etwas Zugehöriges aufgenommen wurde . Es war ihr , als würde etwas in ihrer Brust sehr weit und sehr stark , als könnte sie ihren Atem auf den Takt des stillen , flimmernden Wogens um sie her einstellen und ein kindisches Gefühl des Stolzes , des Hochmutes machte sie froh . Zu denen zu gehören , die hier auf dem Meere zu Hause sind , die sich nicht fürchten , erschien ihr als etwas sehr Wichtiges und Großes . Hier und da tauchten jetzt andere Boote auf , sehr groß und schwarz in dem unsicheren Lichte . Wardein rief etwas hinüber , von drüben wurde geantwortet , einer schien sogar einen Witz zu machen , denn Thomas und Mathies lachten . Die Boote waren jetzt einander ganz nahe , es waren drei , die im Halbkreise hinruderten , die Männer machten sich an den Netzen zu schaffen und sprachen miteinander von Boot zu Boot . Plötzlich mischte sich in diese Stimmen , die jedes Wort mit einem tiefen Brummen besser hallen ließen , eine hohe , scharfe Stimme , die hier seltsam fremd klang , als spräche sie eine andere Sprache . Das ist der Leutnant von Hamm , sagte sich Doralice , und diese Entdeckung war ihr unangenehm , es empörte sie fast , als sei ein Unbefugter dort eingedrungen , wo die Berechtigten beieinander waren . Im Boot begannen die Männer sich zu regen , das große Netz wurde vorsichtig in das Wasser hinabgelassen , das andere Boot wurde angerufen und ihm ein Seil zugeworfen . Im bewegten Wasser sprühte es wie silberne Flämmchen , im Netze hingen glitzernde Tropfen . Mathies hatte sich die Hemdsärmel aufgestreift , um im Wasser zu arbeiten , wenn er die nackten Arme emporhob , rann es silbern an ihnen nieder . Doralice wickelte sich fester in ihren Mantel , alle Angst und Erregung waren fort , sie fühlte sich sicher und behaglich . Eine leichte Müdigkeit machte ihr die Augenlider schwer und wenn sie die Augen schloß , war es ihr fast wie als Kind , wenn sie in ihrem Bette lag und im Halbschlaf noch die Erwachsenen um sich her hantieren oder sprechen hörte , was dem Kinde stets ein wohliges Gefühl der Geborgenheit gegeben hatte . Schlug sie dann wieder die Augen auf , dann war die Weite voll weißen Lichtes in ihrer großen und kühlen Schönheit immer von neuem wieder eine wohltuende Erschütterung , immer wieder fühlte da Doralice , wie die engen , heißen Schranken des Ich sich verwischten und lösten , wie es auch in ihr weit und kühl wurde . Und es war hübsch , dieses Wechseln der Bilder , einmal im Halbtraum vertraute Gesichter und Räume der Kindheit , dann wieder das mondbeglänzte Meer . Einmal , als sie die Augen öffnete , waren die anderen Boote nah herangekommen , die Männer riefen und sprachen , das Netz wurde eingezogen . Doralice hörte einmal auch wieder die unpassende Stimme des Leutnants , die Fische schnalzten und klatschten in den großen Körben im Boot . Es wurde dann wieder still und man fuhr weiter . Nach einiger Zeit fand Doralice , daß es dunkel geworden war , der Mond mußte untergegangen sein , Sterne standen am Himmel und in der Finsternis regte sich das Meer wie eine sacht bewegte schwärzere Finsternis . Doralice wußte nicht , wie lange sie so gefahren waren , aber als sie wieder einmal die Augen öffnete , stand ein weißer Schein am Horizont und ein graues Dämmern lag über dem Wasser . Ein stärkeres Wehen ließ sie frösteln , alles Behagen war plötzlich hin , das graue Dämmern machte das Meer und den Himmel streng und nüchtern . Mathies und Thomas ruderten angestrengt , die Jacken über die Schultern geworfen , die Brust nackt , und stark atmend . Es schien sich um ein Wettrudern mit dem Boot nebenan zu handeln . In den Körben flüsterten und schnalzten fette , blanke Fischleiber . Hans stand im Boot , hielt einen großen Dorsch an den Kiemen , wog ihn und lachte ihn an . Scharen von Möwen kamen geflogen , groß und weiß im unsicheren Lichte , und stießen schrille , gierige Rufe aus . Wie gewaltsam das alles war . Welch ein starkes , rücksichtsloses Leben das alles atmete , zu stark für Doralice , es machte sie plötzlich ganz schwach , es machte sie krank , der Geruch des Seewassers , der Fische , der feuchten Fischerjacken , all dieses Fleisch der Männer und feisten Fische bedrückte sie , sie wurde ganz bleich . Da entstand ein Hin- und Herreden zwischen ihrem und dem Nachbarboot . Die Boote wandten sich einander zu , lagen nah beieinander . Leicht und gewandt über den Bootsrand balancierend sprang Hilmar in das Boot , stand neben Doralice und lachte . » Ein Morgenbesuch « , sagte er . Hans nickte ihm zu und zeigte ihm den Dorsch , den er noch immer an den Kiemen hielt . » Ja , ja , so etwas ist schön « , meinte Hilmar , » das war ein gesegneter Zug . « Dann setzte er sich auf die Bank Doralice gegenüber . » Es hat Sie auch ein wenig angegriffen , gnädige Frau , wie ich sehe . « Doralice zog die Augenbrauen zusammen , als sie abweisend antwortete : » Das macht wohl die Beleuchtung . « » Gewiß , gewiß « , bestätigte Hilmar höflich , » eine kritische Stunde . « Da es schien , daß Doralice schweigen wollte , schwieg auch er und zündete sich eine Zigarette an . Unter der niedergebogenen Krempe seines Filzhutes sah sein Gesicht mit den scharfen , gespannten Zügen , den schwarzen unruhigen Augen sehr bleich , fast kränklich aus . Es war etwas Überfeinertes , Schwächliches an der ganzen Gestalt , das Doralice in diesem Augenblick gefiel , das ihr das Gefühl gab , einen Kameraden der eigenen Schwäche zu haben , und der süße Duft der ägyptischen Zigarette schien wie ein Stück Luft einer Welt , die ihr befreundet war . Jetzt soll er weiter sprechen , dachte sie , daher lächelte sie und sagte : » Sie sehen übrigens auch ein wenig aus , als hätte es Sie mitgenommen , oder ist es auch die Beleuchtung ? « » Nein , nein , es ist schon was daran « , erwiderte Hilmar , » es ist vielleicht traurig , es sollte vielleicht nicht sein , weil es nicht natürlich ist . Stibbe fühlt nichts davon , aber die große Natur macht uns betrunken und Trunkenheit greift an , was Sie , gnädige Frau , natürlich nicht wissen können . « Doralice nickte : Ja , ja , so was mochte es wohl sein . » Und doch « , fuhr Hilmar fort , froh darüber , daß er zum Sprechen ermutigt wurde , » es ist nicht nur Trunkenheit , es ist - - es ist - geradezu eine große Verliebtheit , was wir dieser Natur gegenüber empfinden , ganz genau , es ist dieselbe Unruhe , dasselbe quälende Gefühl , ganz eng dazu zu gehören , und was die Hauptsache ist , der starke Wunsch zu imponieren , denn , wenn wir verliebt sind , wollen wir imponieren , das ist symptomatisch für den Zustand . Man hat ja seine Erfahrungen . « » Sie sind ja auch verlobt « , schaltete Doralice ein . » Gewiß , das auch « , fuhr Hilmar fort , » aber sehen Sie , gnädige Frau , vorhin im Boot war der Trieb in mir zu imponieren so stark , dem Meere zu imponieren oder den Fischern , gleichviel , denn die sind doch die Repräsentanten des Meeres , daß ich auf die Spitze des Bootes stieg und dort frei balanzierte . Ich bin in solchen Künsten ziemlich geübt . Meinen Zweck erreichte ich nun zwar nicht , denn Andree Stibbe sagte trocken : Wenn der Herr bei den Faxen ins Wasser fällt , wer anders muß ihn herausholen als wir . Mein Effekt war verfehlt . Aber ich habe das tun müssen . « » Das ist seltsam « , sagte Doralice nachdenklich . » Nicht so seltsam « , meinte Hilmar , » der Spielhahn , wenn er ein Rad schlägt und kollert , will auch dem Walde und der Wiese imponieren , ebenso wie der kleinen grauen Henne und er ist ebenso in den Wald und die Wiese verliebt wie in die kleine graue Henne . « Doralice lachte : » Das ist hübsch , ja , ja , man möchte gern dabei sein , dazugehören . « Hilmar verbeugte sich ein wenig : » Sie , gnädige Frau , sehen ganz aus , als gehörten Sie hier dazu . Sie sehen in dieser Natur vollständig reçue aus . « Doralice errötete und ärgerte sich , daß sie das tat , Hilmar aber schloß mit einem Seufzer : » Ach ja , wenn alles so schön um uns her ist , fühlen wir ein brennendes Bedürfnis , auch dekorativ zu sein . « Das Boot fuhr jetzt durch die Brandung über weiße Schaumhügel in graugrüne Wellentäler . Hans kam und setzte sich neben Hilmar auf die Bank . Er rieb sich die Hände und schien sehr vergnügt . » Das war eine Nacht , herrlich , herrlich , was sagst du , Schatz ? Du frierst , was ? Sie scheinen auch zu frieren , Baron , ja , so ein Morgen auf dem Meere ! Zu Hause machen wir uns einen warmen Tee , der wird gut tun . Trinken Sie nicht mit uns eine Tasse , Baron ? Nicht war , Schatz , du machst uns doch Tee ? « Doralice schaute Hans ein wenig verwundert an , sagte aber dann : » O gewiß . « Hilmar verbeugte sich . Jetzt stieß das Boot auf den Sand , und man begann auszusteigen . Hans nahm Doralice auf den Arm und trug sie ans Land . Von den Dünen aber schossen mit flatternden Tüchern und Röcken wie gierige Möwen die Fischerfrauen auf die Boote zu . In der Wohnstube eilte Hans zur Lampe , um sie anzustecken . » Nur kein Morgengrauen « , sagte er . Dann richtete er den Teekessel her , trug Tassen , trug Rum herbei . » So , so , das wird gut tun , warmen Tee , ja , den haben wir verdient , das will ich meinen , den haben wir redlich verdient . « Er sprach eifrig vor sich hin , als wollte er mit der Gemütlichkeit seiner Worte sich und die anderen erwärmen : » Setzen Sie sich , meine Herrschaften , setzen Sie sich . « Sie saßen um den Tisch herum und hörten schweigend dem Summen des Teekessels zu mit den starr vor sich hinsehenden Augen sehr müder Menschen . Endlich glaubte Hilmar etwas sagen zu müssen und bemerkte : » Es war doch wunderschön . « - » Es war so schön « , erwiderte Doralice und zog ihre Augenbrauen empor , » daß man lieber gar nicht davon spricht . « Das klang abweisend , fast feindselig . Sie nahm es Hilmar jetzt übel , daß er ihr dort im Boot so willkommen gewesen war . Hilmar lehnte sich in seinen Stuhl zurück und rauchte . Aber Hans lachte . » Sehen Sie , so macht es meine Frau immer , wenn ihr etwas sehr gefällt , dann darf nicht gesprochen werden , das ist dann heilig und kein anderer darf es berühren . Nun , nun , gib uns Tee . « Doralice schenkte die Tassen voll . Der heiße Dampf und der starke Duft des Tees schienen die Müdigkeit noch schwerer zu machen , alle schwiegen wieder eine Weile . Endlich seufzte Hans und sagte : » Immerhin ist es schade , daß man nach einer solchen Nacht eine Art Katzenjammer hat , den Katzenjammer der Weite . Das Land erscheint einem