wundert mich manchmal , wie bereit ich alles Erwartete aufgebe für das Wirkliche , selbst wenn es arg ist . Mein Gott , wenn etwas davon sich teilen ließe . Aber wäre es dann , wäre es dann ? Nein , es ist nur um den Preis des Alleinseins . Die Existenz des Entsetzlichen in jedem Bestandteil der Luft . Du atmest es ein mit Durchsichtigem ; in dir aber schlägt es sich nieder , wird hart , nimmt spitze , geometrische Formen an zwischen den Organen ; denn alles , was sich an Qual und Grauen begeben hat auf den Richtplätzen , in den Folterstuben , den Tollhäusern , den Operationssälen , unter den Brückenbögen im Nachherbst : alles das ist von einer zähen Unvergänglichkeit , alles das besteht auf sich und hängt , eifersüchtig auf alles Seiende , an seiner schrecklichen Wirklichkeit . Die Menschen möchten vieles davon vergessen dürfen ; ihr Schlaf feilt sanft über solche Furchen im Gehirn , aber Träume drängen ihn ab und ziehen die Zeichnungen nach . Und sie wachen auf und keuchen und lassen einer Kerze Schein sich auflösen in der Finsternis und trinken , wie gezuckertes Wasser , die halbhelle Beruhigung . Aber , ach , auf welcher Kante hält sich diese Sicherheit . Nur eine geringste Wendung , und schon wieder steht der Blick über Bekanntes und Freundliches hinaus , und der eben noch so tröstliche Kontur wird deutlicher als ein Rand von Grauen . Hüte dich vor dem Licht , das den Raum hohler macht ; sieh dich nicht um , ob nicht vielleicht ein Schatten hinter deinem Aufsitzen aufsteht wie dein Herr . Besser vielleicht , du wärest in der Dunkelheit geblieben und dein unabgegrenztes Herz hätte versucht , all des Ununterscheidbaren schweres Herz zu sein . Nun hast du dich zusammengenommen in dich , siehst dich vor dir aufhören in deinen Händen , ziehst von Zeit zu Zeit mit einer ungenauen Bewegung dein Gesicht nach . Und in dir ist beinah kein Raum ; und fast stillt es dich , daß in dieser Engheit in dir unmöglich sehr Großes sich aufhalten kann ; daß auch das Unerhörte binnen werden muß und sich beschränken den Verhältnissen nach . Aber draußen , draußen ist es ohne Absehen ; und wenn es da draußen steigt , so füllt es sich auch in dir , nicht in den Gefäßen , die teilweis in deiner Macht sind , oder im Phlegma deiner gleichmütigeren Organe : im Kapillaren nimmt es zu , röhrig aufwärts gesaugt in die äußersten Verästelungen deines zahlloszweigigen Daseins . Dort hebt es sich , dort übersteigt es dich , kommt höher als dein Atem , auf den du dich hinaufflüchtest wie auf deine letzte Stelle . Ach , und wohin dann , wohin dann ? Dein Herz treibt dich aus dir hinaus , dein Herz ist hinter dir her , und du stehst fast schon außer dir und kannst nicht mehr zurück . Wie ein Käfer , auf den man tritt , so quillst du aus dir hinaus , und dein bißchen obere Härte und Anpassung ist ohne Sinn . O Nacht ohne Gegenstände . O stumpfes Fenster hinaus , o sorgsam verschlossene Türen ; Einrichtungen von alters her , übernommen , beglaubigt , nie ganz verstanden . O Stille im Stiegenhaus , Stille aus den Nebenzimmern , Stille hoch oben an der Decke . O Mutter : o du Einzige , die alle diese Stille verstellt hat , einst in der Kindheit . Die sie auf sich nimmt , sagt : erschrick nicht , ich bin es . Die den Mut hat , ganz in der Nacht diese Stille zu sein für das , was sich fürchtet , was verkommt vor Furcht . Du zündest ein Licht an , und schon das Geräusch bist du . Und du hältst es vor dich und sagst : ich bin es , erschrick nicht . Und du stellst es hin , langsam , und es ist kein Zweifel : du bist es , du bist das Licht um die gewohnten herzlichen Dinge , die ohne Hintersinn da sind , gut , einfältig , eindeutig . Und wenn es unruhigt in der Wand irgendwo , oder einen Schritt macht in den Dielen : so lächelst du nur , lächelst , lächelst durchsichtig auf hellem Grund in das bangsame Gesicht , das an dir forscht , als wärst du eins und unterm Geheimnis mit jedem Halblaut , abgeredet mit ihm und einverstanden . Gleicht eine Macht deiner Macht in der irdischen Herrschaft ? Sieh , Könige liegen und starren , und der Geschichtenerzähler kann sie nicht ablenken . An den seligen Brüsten ihrer Lieblingin überkriecht sie das Grauen und macht sie schlottrig und lustlos . Du aber kommst und hältst das Ungeheuere hinter dir und bist ganz und gar vor ihm ; nicht wie ein Vorhang , den es da oder da aufschlagen kann . Nein , als hättest du es überholt auf den Ruf hin , der dich bedurfte . Als wärest du weit allem zuvorgekommen , was kommen kann , und hättest im Rücken nur dein Hereilen , deinen ewigen Weg , den Flug deiner Liebe . Der Mouleur , an dem ich jeden Tag vorüberkomme , hat zwei Masken neben seiner Tür ausgehängt . Das Gesicht der jungen Ertränkten , das man in der Morgue abnahm , weil es schön war , weil es lächelte , weil es so täuschend lächelte , als wüßte es . Und darunter sein wissendes Gesicht . Diesen harten Knoten aus fest zusammengezogenen Sinnen . Diese unerbittliche Selbstverdichtung fortwährend ausdampfen wollender Musik . Das Antlitz dessen , dem ein Gott das Gehör verschlossen hat , damit es keine Klänge gäbe , außer seinen . Damit er nicht beirrt würde durch das Trübe und Hinfällige der Geräusche . Er , in dem ihre Klarheit und Dauer war ; damit nur die tonlosen Sinne ihm Welt eintrügen , lautlos , eine gespannte , wartende Welt , unfertig , vor der Erschaffung des Klanges . Weltvollendender : wie , was als Regen fällt über die Erde und an die Gewässer , nachlässig niederfällt , zufällig fallend , - unsichtbarer und froh von Gesetz wieder aufsteht aus allem und steigt und schwebt und die Himmel bildet : so erhob sich aus dir der Aufstieg unserer Niederschläge und umwölbte die Welt mit Musik . Deine Musik : daß sie hätte um die Welt sein dürfen ; nicht um uns . Daß man dir ein Hammerklavier erbaut hätte in der Thebaïs ; und ein Engel hätte dich hingeführt vor das einsame Instrument , durch die Reihen der Wüstengebirge , in denen Könige ruhen und Hetären und Anachoreten . Und er hätte sich hoch geworfen und fort , ängstlich , daß du begännest . Und dann hättest du ausgeströmt , Strömender , ungehört ; an das All zurückgebend , was nur das All erträgt . Die Beduinen wären in der Ferne vorbeigejagt , abergläubisch ; die Kaufleute aber hätten sich hingeworfen am Rand deiner Musik , als wärst du der Sturm . Einzelne Löwen nur hätten dich weit bei Nacht umkreist , erschrocken vor sich selbst , von ihrem bewegten Blute bedroht . Denn wer holt dich jetzt aus den Ohren zurück , die lüstern sind ? Wer treibt sie aus den Musiksälen , die Käuflichen mit dem unfruchtbaren Gehör , das hurt und niemals empfängt ? da strahlt Samen aus , und sie halten sich unter wie Dirnen und spielen damit , oder er fällt , während sie daliegen in ihren ungetanen Befriedigungen , wie Samen Onans zwischen sie alle . Wo aber , Herr , ein Jungfräulicher unbeschlafenen Ohrs läge bei deinem Klang : er stürbe an Seligkeit oder er trüge Unendliches aus und sein befruchtetes Hirn müßte bersten an lauter Geburt . Ich unterschätze es nicht . Ich weiß , es gehört Mut dazu . Aber nehmen wir für einen Augenblick an , es hätte ihn einer , diesen Courage de luxe , ihnen nachzugehen , um dann für immer ( denn wer könnte das wieder vergessen oder verwechseln ? ) zu wissen , wo sie hernach hineinkriechen und was sie den vielen übrigen Tag beginnen und ob sie schlafen bei Nacht . Dies ganz besonders wäre festzustellen : ob sie schlafen . Aber mit dem Mut ist es noch nicht getan . Denn sie kommen und gehen nicht wie die übrigen Leute , denen zu folgen eine Kleinigkeit wäre . Sie sind da und wieder fort , hingestellt und weggenommen wie Bleisoldaten . Es sind ein wenig abgelegene Stellen , wo man sie findet , aber durchaus nicht versteckte . Die Büsche treten zurück , der Weg wendet sich ein wenig um den Rasenplatz herum : da stehen sie und haben eine Menge durchsichtigen Raumes um sich , als ob sie unter einem Glassturz stünden . Du könntest sie für nachdenkliche Spaziergänger halten , diese unscheinbaren Männer von kleiner , in jeder Beziehung bescheidener Gestalt . Aber du irrst . Siehst du die linke Hand , wie sie nach etwas greift in der schiefen Tasche des alten Überziehers ; wie sie es findet und herausholt und den kleinen Gegenstand linkisch und auffällig in die Luft hält ? Es dauert keine Minute , so sind zwei , drei Vögel da , Spatzen , die neugierig heranhüpfen . Und wenn es dem Manne gelingt , ihrer sehr genauen Auffassung von Unbeweglichkeit zu entsprechen , so ist kein Grund , warum sie nicht noch näher kommen sollen . Und schließlich steigt der erste und schwirrt eine Weile nervös in der Höhe jener Hand , die ( weiß Gott ) ein kleines Stück abgenutzten süßen Brotes mit anspruchslosen , ausdrücklich verzichtenden Fingern hinbietet . Und je mehr Menschen sich um ihn sammeln , in entsprechendem Abstand natürlich , desto weniger hat er mit ihnen gemein . Wie ein Leuchter steht er da , der ausbrennt , und leuchtet mit dem Rest von Docht und ist ganz warm davon und hat sich nie gerührt . Und wie er lockt , wie er anlockt , das können die vielen , kleinen , dummen Vögel gar nicht beurteilen . Wenn die Zuschauer nicht wären und man ließe ihn lange genug dastehn , ich bin sicher , daß auf einmal ein Engel käme und überwände sich und äße den alten , süßlichen Bissen aus der verkümmerten Hand . Dem sind nun , wie immer , die Leute im Wege . Sie sorgen dafür , daß nur Vögel kommen ; sie finden das reichlich , und sie behaupten , er erwarte sich nichts anderes . Was sollte sie auch erwarten , diese alte , verregnete Puppe , die ein wenig schräg in der Erde steckt wie die Schiffsfiguren in den kleinen Gärten zuhause ; kommt auch bei ihr diese Haltung davon her , daß sie einmal irgendwo vorne gestanden hat auf ihrem Leben , wo die Bewegung am größten ist ? Ist sie nun so verwaschen , weil sie einmal bunt war ? Willst du sie fragen ? Nur die Frauen frag nichts , wenn du eine füttern siehst . Denen könnte man sogar folgen ; sie tun es so im Vorbeigehen ; es wäre ein Leichtes . Aber laß sie . Sie wissen nicht , wie es kam . Sie haben auf einmal eine Menge Brot in ihrem Handsack , und sie halten große Stücke hinaus aus ihrer dünnen Mantille , Stücke , die ein bißchen gekaut sind und feucht . Das tut ihnen wohl , daß ihr Speichel ein wenig in die Welt kommt , daß die kleinen Vögel mit diesem Beigeschmack herumfliegen , wenn sie ihn natürlich auch gleich wieder vergessen . Da saß ich an deinen Büchern , Eigensinniger , und versuchte sie zu meinen wie die andern , die dich nicht beisammen lassen und sich ihren Anteil genommen haben , befriedigt . Denn da begriff ich noch nicht den Ruhm , diesen öffentlichen Abbruch eines Werdenden , in dessen Bauplatz die Menge einbricht , ihm die Steine verschiebend . Junger Mensch irgendwo , in dem etwas aufsteigt , was ihn erschauern macht , nütz es , daß dich keiner kennt . Und wenn sie dir widersprechen , die dich für nichts nehmen , und wenn sie dich ganz aufgeben , die , mit denen du umgehst , und wenn sie dich ausrotten wollen , um deiner lieben Gedanken willen , was ist diese deutliche Gefahr , die dich zusammenhält in dir , gegen die listige Feindschaft später des Ruhms , die dich unschädlich macht , indem sie dich ausstreut . Bitte keinen , daß er von dir spräche , nicht einmal verächtlich . Und wenn die Zeit geht und du merkst , wie dein Name herumkommt unter den Leuten , nimm ihn nicht ernster als alles , was du in ihrem Munde findest . Denk : er ist schlecht geworden , und tu ihn ab . Nimm einen andern an , irgendeinen , damit Gott dich rufen kann in der Nacht . Und verbirg ihn vor allen . Du Einsamster , Abseitiger , wie haben sie dich eingeholt auf deinem Ruhm . Wie lang ist es her , da waren sie wider dich von Grund aus , und jetzt gehen sie mit dir um , wie mit ihresgleichen . Und deine Worte führen sie mit sich in den Käfigen ihres Dünkels und zeigen sie auf den Plätzen und reizen sie ein wenig von ihrer Sicherheit aus . Alle deine schrecklichen Raubtiere . Da las ich dich erst , da sie mir ausbrachen und mich anfielen in meiner Wüste , die Verzweifelten . Verzweifelt , wie du selber warst am Schluß , du , dessen Bahn falsch eingezeichnet steht in allen Karten . Wie ein Sprung geht sie durch die Himmel , diese hoffnungslose Hyperbel deines Weges , die sich nur einmal heranbiegt an uns und sich entfernt voll Entsetzen . Was lag dir daran , ob eine Frau bleibt oder fortgeht und ob einen der Schwindel ergreift und einen der Wahnsinn und ob Tote lebendig sind und Lebendige scheintot : was lag dir daran ? Dies alles war so natürlich für dich ; da gingst du durch , wie man durch einen Vorraum geht , und hieltst dich nicht auf . Aber dort weiltest du und warst gebückt , wo unser Geschehen kocht und sich niederschlägt und die Farbe verändert , innen . Innerer als dort , wo je einer war ; eine Tür war dir aufgesprungen , und nun warst du bei den Kolben im Feuerschein . Dort , wohin du nie einen mitnahmst , Mißtrauischer , dort saßest du und unterschiedest Übergänge . Und dort , weil das Aufzeigen dir im Blute war und nicht das Bilden oder das Sagen , dort faßtest du den ungeheuren Entschluß , dieses Winzige , das du selber zuerst nur durch Gläser gewahrtest , ganz allein gleich so zu vergrößern , daß es vor Tausenden sei , riesig , vor allen . Dein Theater entstand . Du konntest nicht warten , daß dieses fast raumlose von den Jahrhunderten zu Tropfen zusammengepreßte Leben von den anderen Künsten gefunden und allmählich versichtbart werde für einzelne , die sich nach und nach zusammenfinden zur Einsicht und die endlich verlangen , gemeinsam die erlauchten Gerüchte bestätigt zu sehen im Gleichnis der vor ihnen aufgeschlagenen Szene . Dies konntest du nicht abwarten , du warst da , du mußtest das kaum Meßbare : ein Gefühl , das um einen halben Grad stieg , den Ausschlagswinkel eines von fast nichts beschwerten Willens , den du ablasest von ganz nah , die leichte Trübung in einem Tropfen Sehnsucht und dieses Nichts von Farbenwechsel in einem Atom von Zutrauen : dieses mußtest du feststellen und aufbehalten ; denn in solchen Vorgängen war jetzt das Leben , unser Leben , das in uns hineingeglitten war , das sich nach innen zurückgezogen hatte , so tief , daß es kaum noch Vermutungen darüber gab . So wie du warst , auf das Zeigen angelegt , ein zeitlos tragischer Dichter , mußtest du dieses Kapillare mit einem Schlag umsetzen in die überzeugendsten Gebärden , in die vorhandensten Dinge . Da gingst du an die beispiellose Gewalttat deines Werkes , das immer ungeduldiger , immer verzweifelter unter dem Sichtbaren nach den Äquivalenten suchte für das innen Gesehene . Da war ein Kaninchen , ein Bodenraum , ein Saal , in dem einer auf und nieder geht : da war ein Glasklirren im Nebenzimmer , ein Brand vor den Fenstern , da war die Sonne . Da war eine Kirche und ein Felsental , das einer Kirche glich . Aber das reichte nicht aus ; schließlich mußten die Türme herein und die ganzen Gebirge ; und die Lawinen , die die Landschaften begraben , verschütteten die mit Greifbarem überladene Bühne um des Unfaßlichen willen . Da konntst du nicht mehr . Die beiden Enden , die du zusammengebogen hattest , schnellten auseinander ; deine wahnsinnige Kraft entsprang aus dem elastischen Stab , und dein Werk war wie nicht . Wer begriffe es sonst , daß du zum Schluß nicht vom Fenster fortwolltest , eigensinnig wie du immer warst , Die Vorübergehenden wolltest du sehen ; denn es war dir der Gedanke gekommen , ob man nicht eines Tages etwas machen könnte aus ihnen , wenn man sich entschlösse anzufangen . Damals zuerst fiel es mir auf , daß man von einer Frau nichts sagen könne ; ich merkte , wenn sie von ihr erzählten , wie sie sie aussparten , wie sie die anderen nannten und beschrieben , die Umgebungen , die Örtlichkeiten , die Gegenstände bis an eine bestimmte Stelle heran , wo das alles aufhörte , sanft und gleichsam vorsichtig aufhörte mit dem leichten , niemals nachgezogenen Kontur , der sie einschloß . Wie war sie ? fragte ich dann . » Blond , ungefähr wie du « , sagten sie und zählten allerhand auf , was sie sonst noch wußten ; aber darüber wurde sie wieder ganz ungenau , und ich konnte mir nichts mehr vorstellen . Sehen eigentlich konnte ich sie nur , wenn Maman mir die Geschichte erzählte , die ich immer wieder verlangte - . - Dann pflegte sie jedesmal , wenn sie zu der Szene mit dem Hunde kam , die Augen zu schließen und das ganz verschlossene , aber überall durchscheinende Gesicht irgendwie inständig zwischen ihre beiden Hände zu halten , die es kalt an den Schläfen berührten . » Ich hab es gesehen , Malte « , beschwor sie : » Ich hab es gesehen . « Das war schon in ihren letzten Jahren , da ich dies von ihr gehört habe . In der Zeit , wo sie niemanden mehr sehen wollte und wo sie immer , auch auf Reisen , das kleine , dichte , silberne Sieb bei sich hatte , durch das sie alle Getränke seihte . Speisen von fester Form nahm sie nie mehr zu sich , es sei denn etwas Biskuit oder Brot , das sie , wenn sie allein war , zerbröckelte und Krümel für Krümel aß , wie Kinder Krümel essen . Ihre Angst vor Nadeln beherrschte sie damals schon völlig . Zu den anderen sagte sie nur , um sich zu entschuldigen : » Ich vertrage rein nichts mehr , aber es muß euch nicht stören , ich befinde mich ausgezeichnet dabei . « Zu mir aber konnte sie sich plötzlich hinwenden ( denn ich war schon ein bißchen erwachsen ) und mit einem Lächeln , das sie sehr anstrengte , sagen : » Was es doch für viele Nadeln giebt , Malte , und wo sie überall herumliegen , und wenn man bedenkt , wie leicht sie herausfallen ... « Sie hielt darauf , es recht scherzend zu sagen ; aber das Entsetzen schüttelte sie bei dem Gedanken an alle die schlecht befestigten Nadeln , die jeden Augenblick irgendwo hineinfallen konnten . Wenn sie aber von Ingeborg erzählte , dann konnte ihr nichts geschehen ; dann schonte sie sich nicht ; dann sprach sie lauter , dann lachte sie in der Erinnerung an Ingeborgs Lachen , dann sollte man sehen , wie schön Ingeborg gewesen war . » Sie machte uns alle froh « , sagte sie , » deinen Vater auch , Malte , buchstäblich froh . Aber dann , als es hieß , daß sie sterben würde , obwohl sie doch nur ein wenig krank schien , und wir gingen alle herum und verbargen es , da setzte sie sich einmal im Bette auf und sagte so vor sich hin , wie einer , der hören will , wie etwas klingt : Ihr müßt euch nicht so zusammennehmen ; wir wissen es alle , und ich kann euch beruhigen , es ist gut so wie es kommt , ich mag nicht mehr . Stell dir vor , sie sagte : Ich mag nicht mehr ; sie , die uns alle froh machte . Ob du das einmal verstehen wirst , wenn du groß bist , Malte ? Denk daran später , vielleicht fällt es dir ein . Es wäre ganz gut , wenn es jemanden gäbe , der solche Sachen versteht . « » Solche Sachen « beschäftigten Maman , wenn sie allein war , und sie war immer allein diese letzten Jahre . » Ich werde ja nie darauf kommen , Malte « , sagte sie manchmal mit ihrem eigentümlich kühnen Lächeln , das von niemandem gesehen sein wollte und seinen Zweck ganz erfüllte , indem es gelächelt ward . » Aber daß es keinen reizt , das herauszufinden ; wenn ich ein Mann wäre , ja gerade wenn ich ein Mann wäre , würde ich darüber nachdenken , richtig der Reihe und Ordnung nach und von Anfang an . Denn einen Anfang muß es doch geben , und wenn man ihn zu fassen bekäme , das wäre immer schon etwas . Ach Malte , wir gehen so hin , und mir kommt vor , daß alle zerstreut sind und beschäftigt und nicht recht achtgeben , wenn wir hingehen . Als ob eine Sternschnuppe fiele und es sieht sie keiner und keiner hat sich etwas gewünscht . Vergiß nie , dir etwas zu wünschen , Malte . Wünschen , das soll man nicht aufgeben . Ich glaube , es giebt keine Erfüllung , aber es giebt Wünsche , die lange vorhalten , das ganze Leben lang , so daß man die Erfüllung doch gar nicht abwarten könnte . « Maman hatte Ingeborgs kleinen Sekretär hinauf in ihr Zimmer stellen lassen , davor fand ich sie oft , denn ich durfte ohne weiteres bei ihr eintreten . Mein Schritt verging völlig in dem Teppich , aber sie fühlte mich und hielt mir eine ihrer Hände über die andere Schulter hin . Diese Hand war ganz ohne Gewicht , und sie küßte sich fast wie das elfenbeinerne Kruzifix , das man mir abends vor dem Einschlafen reichte . An diesem niederen Schreibschrank , der mit einer Platte sich vor ihr aufschlug , saß sie wie an einem Instrument . » Es ist so viel Sonne drin « , sagte sie , und wirklich , das Innere war merkwürdig hell , von altem , gelbem Lack , auf dem Blumen gemalt waren , immer eine rote und eine blaue . Und wo drei nebeneinanderstanden , gab es eine violette zwischen ihnen , die die beiden anderen trennte . Diese Farben und das Grün des schmalen , waagerechten Rankenwerks waren ebenso verdunkelt in sich , wie der Grund strahlend war , ohne eigentlich klar zu sein . Das ergab ein seltsam gedämpftes Verhältnis von Tönen , die in innerlichen gegenseitigen Beziehungen standen , ohne sich über sie auszusprechen . Maman zog die kleinen Laden heraus , die alle leer waren . » Ach , Rosen « , sagte sie und hielt sich ein wenig vor in den trüben Geruch hinein , der nicht alle wurde . Sie hatte dabei immer die Vorstellung , es könnte sich plötzlich noch etwas finden in einem geheimen Fach , an das niemand gedacht hatte und das nur dem Druck irgendeiner versteckten Feder nachgab . » Auf einmal springt es vor , du sollst sehen « , sagte sie ernst und ängstlich und zog eilig an allen Laden . Was aber wirklich an Papieren in den Fächern zurückgeblieben war , das hatte sie sorgfältig zusammen gelegt und eingeschlossen , ohne es zu lesen . » Ich verstünde es doch nicht , Malte , es wäre sicher zu schwer für mich . « Sie hatte die Überzeugung , daß alles zu kompliziert für sie sei . » Es giebt keine Klassen im Leben für Anfänger , es ist immer gleich das Schwierigste , was von einem verlangt wird . « Man versicherte mir , daß sie erst seit dem schrecklichen Tode ihrer Schwester so geworden sei , der Gräfin Öllegaard Skeel , die verbrannte , da sie sich vor einem Balle am Leuchterspiegel die Blumen im Haar anders anstecken wollte . Aber in letzter Zeit schien ihr doch Ingeborg das , was am schwersten zu begreifen war . Und nun will ich die Geschichte aufschreiben , so wie Maman sie erzählte , wenn ich darum bat . Es war mitten im Sommer , am Donnerstag nach Ingeborgs Beisetzung . Von dem Platze auf der Terrasse , wo der Tee genommen wurde , konnte man den Giebel des Erbbegräbnisses sehen zwischen den riesigen Ulmen hin . Es war so gedeckt worden , als ob nie eine Person mehr an diesem Tisch gesessen hätte , und wir saßen auch alle recht ausgebreitet herum . Und jeder hatte etwas mitgebracht , ein Buch oder einen Arbeitskorb , so daß wir sogar ein wenig beengt waren . Abelone ( Mamans jüngste Schwester ) verteilte den Tee , und alle waren beschäftigt , etwas herumzureichen , nur dein Großvater sah von seinem Sessel aus nach dem Hause hin . Es war die Stunde , da man die Post erwartete , und es fügte sich meistens so , daß Ingeborg sie brachte , die mit den Anordnungen für das Essen länger drin zurückgehalten war . In den Wochen ihrer Krankheit hatten wir nun reichlich Zeit gehabt , uns ihres Kommens zu entwöhnen ; denn wir wußten ja , daß sie nicht kommen könne . Aber an diesem Nachmittag , Malte , da sie wirklich nicht mehr kommen konnte - : da kam sie . Vielleicht war es unsere Schuld ; vielleicht haben wir sie gerufen . Denn ich erinnere mich , daß ich auf einmal dasaß und angestrengt war , mich zu besinnen , was denn eigentlich nun anders sei . Es war mir plötzlich nicht möglich zu sagen , was ; ich hatte es völlig vergessen . Ich blickte auf und sah alle andern dem Hause zugewendet , nicht etwa auf eine besondere , auffällige Weise , sondern so recht ruhig und alltäglich in ihrer Erwartung . Und da war ich daran - ( mir wird ganz kalt , Malte , wenn ich es denke ) aber , Gott behüt mich , ich war daran zu sagen : » Wo bleibt nur - « Da schoß schon Cavalier , wie er immer tat , unter dem Tisch hervor und lief ihr entgegen . Ich hab es gesehen , Malte , ich hab es gesehen . Er lief ihr entgegen , obwohl sie nicht kam ; für ihn kam sie . Wir begriffen , daß er ihr entgegenlief . Zweimal sah er sich nach uns um , als ob er fragte . Dann raste er auf sie zu , wie immer , Malte , genau wie immer , und erreichte sie ; denn er begann rund herum zu springen , Malte , um etwas , was nicht da war , und dann hinauf an ihr , um sie zu lecken , gerade hinauf . Wir hörten ihn winseln vor Freude , und wie er so in die Höhe schnellte , mehrmals rasch hintereinander , hätte man wirklich meinen können , er verdecke sie uns mit seinen Sprüngen . Aber da heulte es auf einmal , und er drehte sich von seinem eigenen Schwunge in der Luft um und stürzte zurück , merkwürdig ungeschickt , und lag ganz eigentümlich flach da und rührte sich nicht . Von der andern Seite trat der Diener aus dem Hause mit den Briefen . Er zögerte eine Weile ; offenbar war es nicht ganz leicht , auf unsere Gesichter zuzugehen . Und dein Vater winkte ihm auch schon , zu bleiben . Dein Vater , Malte , liebte keine Tiere ; aber nun ging er doch hin , langsam , wie mir schien , und bückte sich über den Hund . Er sagte etwas zu dem Diener , irgend etwas Kurzes , Einsilbiges . Ich sah , wie der Diener hinzusprang , um Cavalier aufzuheben . Aber da nahm dein Vater selbst das Tier und ging damit , als wüßte er genau wohin , ins Haus hinein . Einmal , als es über dieser Erzählung fast dunkel geworden war , war ich nahe daran , Maman von der » Hand « zu erzählen : in diesem Augenblick hätte ich es gekonnt . Ich atmete schon auf , um anzufangen , aber da fiel mir ein , wie gut ich den Diener begriffen hatte , daß er nicht hatte kommen können auf ihre Gesichter zu . Und ich fürchtete mich trotz der Dunkelheit vor Mamans Gesicht , wenn es sehen würde , was ich gesehen habe . Ich holte rasch noch einmal Atem , damit es den Anschein habe , als hätte ich nichts anderes gewollt . Ein paar Jahre hernach , nach der merkwürdigen Nacht in der Galerie auf Urnekloster , ging ich tagelang damit um , mich dem kleinen Erik anzuvertrauen . Aber er hatte sich nach unserem nächtlichen Gespräch wieder ganz vor mir zugeschlossen , er vermied mich ; ich glaube , daß er mich