Gleichnis , und dies ist seine Anwendung ! « Sie waren still . Wir standen noch einige Zeit , bis wir den Kellner unter der offenstehenden Tür ihrer Wohnung erscheinen sahen . Da nahm Athabaska den Arm des Herzle in den seinen und schritt mit ihr dieser Tür zu , ohne ein Wort zu sagen . Ich folgte ihm mit Algongka , der sich ebenso schweigsam verhielt . Die beiden Häuptlinge bewohnten , ganz ebenso wie wir , mehrere Räume . In dem größten von ihnen war serviert . Ich muß zu ihrem Lobe sagen , daß keine Spur von dem Bestreben , zu prahlen oder uns zu imponieren , vorhanden war . Es gab nichts Anderes als nur dieselben Gerichte , die wir im Speisesaale vorgesetzt bekommen hätten . Vor unsern Gedecken stand Wein , vor den ihren aber Wasser . Das Herzle erklärte aufrichtig , daß wir daheim viel lieber Wasser als Wein beim Essen tränken ; da bekam der Kellner einen Wink , die Flaschen zu entfernen . Aber jeder von ihnen hatte in einer kleinen , mit Wasser gefüllten Vase die ihm von meiner Frau geschenkte Blume vor sich stehen , wofür sowohl ihr als auch mir je eine einzige , aber ausgesucht schöne Rose beschieden war . Hierüber wurde kein Wort verloren ! Gesprochen wurde nur in den Pausen , während des Essens nicht . Sie sagten kein Wort über sich und fragten mit keinem Worte nach uns und unsern Verhältnissen . Es gab nur einen einzigen Gegenstand , mit dem unsere Fragen und Antworten sich beschäftigten , nämlich die Vergangenheit und die Zukunft der Indianer , also das Schicksal der roten Rasse . Und da muß ich der Wahrheit die Ehre geben , indem ich gestehe , viel , sehr viel von diesen beiden Männern gelernt zu haben , trotz ihrer Einsilbigkeit und trotz der Kürze der Zeit , die wir bei ihnen verweilten . Denn aus ihrem Munde kam kein einziges Wort , welches nicht seinen besonderen Wert besaß . Oft hatte ein einziger Satz den Wert einer ganzen , vollen Lebenserfahrung . Diese beiden Häuptlinge glichen Giganten , welche große , vielzentnerschwere Gedanken aus den Felsenbergen brechen und hinab in die Ebene rollen lassen , damit die dortigen kleinen Menschen daran Arbeit für ihre feineren Werkzeuge finden . Es war ein sehr schöner , wenn auch sehr ernster Abend , der unser Denken , Fühlen , Wissen und Wollen bereicherte und gewiß , solange wir leben , uns im Gedächtnis bleiben wird . Es war grad Mitternacht , als wir uns trennten . Wir hatten nicht etwa die ganze Zeit bis dahin im Zimmer gesessen , sondern uns einen Tisch mit Stühlen auf die Plattform stellen lassen . Da saßen wir nach dem Essen , um dem vor unserm Auge niederstürzenden Niagara einen seiner Gedanken nach dem andern zu entringen . Erst im letzten Augenblick , als wir uns verabschieden wollten , erfuhren wir , daß Athabaska und Algongka schon morgen abreisen würden und uns also ihren letzten Abend geschenkt hatten . Daran war das Herzle mit ihren Blumen schuld ! Keiner von Beiden ahnte , daß wir Deutsche seien , noch weniger aber , daß wir dasselbe Reiseziel hatten wie sie . Sie fragten nicht nach unserer Adresse ; sie schwiegen darüber , ob sie ein Wiedersehen wünschten oder nicht . Aber als ich ihnen meine Hände reichte , wurden diese von ihnen länger festgehalten , als eigentlich gebräuchlich ist . Dann trat Athabaska so nahe an meine Frau heran , wie möglich war , ohne ihre Gestalt zu berühren , legte beide Hände an ihren Kopf , zog ihn noch näher an sich und drückte seine Lippen auf ihr Haar . » Athabaska segnet Euch ! « sagte er . Algongka folgte diesem Bespiele und sprach dabei dieselben Worte , die aus dem Herzen kamen . Das hörte man den beiden Männern an , und das ersah man auch aus der Schnelligkeit , mit der sie dann in ihrer Wohnung verschwanden . Diese Wohnung lag so ziemlich in der Mitte der Zimmerreihe , die unsere aber , deren Tür wir offen gelassen hatten , am Ende derselben . Wir mußten also , um nach der letzteren zu kommen , an dem neben uns liegenden Raum der Gebrüder Enters vorüber . Als wir uns diesem näherten , sahen wir , daß er erleuchtet war . Zwar stand die Tür nicht offen wie die unsere , aber die Klappen der Jalousie waren geöffnet , und es drang nicht nur das Licht heraus , sondern auch der laute Klang zweier Stimmen , die grad in diesem Augenblick sich in Erregung zu befinden schienen . Die Brüder waren schon heut zurückgekehrt . Sie schritten , sich zankend , in ihrer Stube auf und ab . Wir gingen selbstverständlich nicht vorüber , sondern wir blieben an ihrer Tür stehen und hörten , daß Hariman soeben sprach : » - - also wiederhole ich : Schrei nicht so ! Wir wohnen bekanntlich nicht allein in diesem Hotel ! « » Der Teufel hole es , dieses Clifton-House ! Kein Mensch hält uns für voll ! Uebrigens bezahlen wir dieses Zimmer , und ich kann also hier schreien , so laut es mir beliebt ! Der Alte kann es nicht mehr hören ; er ist fort . Sein Name ist ausgestrichen . May aber steht noch immer nicht da . Das paßt mir schlecht ! Wie lange soll man da warten ! Jetzt , wo wir heut wieder hörten , wie sehr es mit der Devils pulpit5 eilt ! Kommen wir auch nur einen halben Tag zu spät , so verlieren wir Summen , deren Höhe sich jetzt gar nicht bestimmen läßt ! « Der so sprach , war Sebulon . Hariman antwortete : » Das befürchte ich allerdings auch . Aber können wir fortgehen , ohne die Ankunft dieses für uns hochwichtigen deutschen Ehepaares abgewartet zu haben ? « » Warum nicht ? Wenigstens Einer von uns Beiden kann fort , um Kiktahan Schonka 6 festzuhalten , bis der Andere ihm folgt ! Aber das ist es doch gar nicht , was mich so erregt , sondern mich ärgert deine sogenannte Ehrlichkeit , die mir in unsern Verhältnissen so wahnsinnig vorkommt , daß es mir geradezu unmöglich ist , sie zu begreifen ! Ja , wir wollen und müssen den Nugget-tsil und das Dunkle oder meinetwegen auch Finstere Wasser kennen lernen , und dieser Deutsche ist der Einzige , der imstande ist , uns diese Orte zu zeigen . Aber das ist noch lange kein Grund , ihm so , wie du willst , mit ganz besonderer Liebe zugetan zu sein ! « » Wer hat hiervon gesprochen ? Ich nicht ! Ich habe nur Ehrlichkeit verlangt , keine besondere Liebe ! « » Pshaw ! Ehrlichkeit gegen den Mörder unsers Vaters ! « » Das ist er nicht ! Vater war selbst daran schuld , daß er in dieser Weise zugrunde ging ! Und er holt uns nach , uns alle , uns alle ! Nur wir Beiden sind noch übrig . Und wenn wir nicht ehrlich sind , geht es mit uns in doppelter Eile zu Ende ! Ich hoffe und hoffe noch immer auf Rettung ! Die aber ist nur dann möglich , wenn das Geschehene Verzeihung findet . Und auch hier ist der Deutsche der Einzige , der sie gewähren kann ; die Andern sind ja tot ! Siehst du das nicht ein ? « Sebulon antwortete nicht gleich . Es wurde für kurze Zeit still . Wir hörten ein Räuspern , welches aber schon mehr wie Schluchzen klang . Von wem kam das ? Von Hariman ? Von Sebulon ? Dann sagte der Letztere , aber mehr klagend als erregt : » Es ist fürchterlich , geradezu fürchterlich , wie das innerlich schreit und lockt , wie es treibt und schiebt , wie es drängt und drängt , immer weiter , immer weiter ! Ich wollte , ich wäre schon tot ! « » Ich auch , ich auch ! « Wieder trat eine Pause ein , nach welcher wir Sebulon sagen hörten : » Es rechnet in mir , es rechnet . Unaufhörlich ! Bei Tag und bei Nacht ! Wenn wir den Schatz , der mit dem Vater in das Wasser ging , doch heben könnten ! Und wieviel würde Kiktahan Schonka zahlen , wenn wir ihm den Deutschen an das Messer lieferten ! Wie viele , viele Beutel voller Nuggets , vielleicht eine ganze Bonanza , ein ganzes Placer ! « » Um Gotteswillen ! « rief Hariman erschrocken aus . » Diesen Gedanken laß ja fallen ! « » Kann ich ? Der Gedanke kann wohl mich fallen lassen , aber nicht ich ihn ! Er kommt ; er kommt ! Und wenn er kommt , ist er da , viel stärker und viel mächtiger als ich mit dem bißchen Kraft , das ich noch besitze ! Und jetzt - - jetzt überkommt mich ganz plötzlich eine Angst , eine Angst ! Was das nur ist ? Steht vielleicht Jemand da draußen vor der Tür , um uns zu belauschen - - - ? ! « Da nahm ich meine Frau am Arme und zog sie schleunigst in mein Zimmer , welches gleich daneben lag , hinein . Wir nahmen uns gar nicht Zeit , die offenstehende Tür zuzumachen , sondern wir huschten durch den ganzen Raum hindurch bis in das Kabinett , wo wir stehen blieben und lauschten . Wie gut war es , daß wir die Tür offengelassen hatten ! Die Brüder kamen heraus . Sie standen an unserer Tür . » Es ist Niemand da , « sagte Hariman . » Du hast dich getäuscht . « » Wahrscheinlich , « antwortete Sebulon . » Es war auch nur in mir . Gehört habe ich nichts , gar nichts . Aber diese Thür ! War sie nicht schon offen , als wir kamen ? « » Ja . Der Alte ist fort , und man hat sie offengelassen , um zu lüften . « » Ich gehe doch einmal hinein ! « » Unsinn ! Wäre ein Horcher da drin , so hätte er die Tür hinter sich zugemacht ; das ist doch gewiß ! « » Wenigstens wahrscheinlich . « Er kam aber doch herein , ging einige Schritte vorwärts und stieß dabei an einen Stuhl . » Mach keinen Lärm ! « warnte Hariman . Da wendete sich der Andere zurück und ging hinaus . Sein Bruder schob die beiden Flügel der Jalousietür heran , daß sie nun zu war , und dann verschwanden sie wieder in ihrer Stube . Wir aber gingen in das Zimmer meiner Frau , wo wir , weil es nach der andern Seite lag , Licht machen konnten , ohne daß die Enters es bemerkten . Das Herzle war sehr erregt . » Dich an das Messer liefern ! « sagte sie . » Denke dir ! Wer ist dieser Kiktahan Schonka , von dem sie sprachen ? « » Wahrscheinlich ein Siouxhäuptling . Ich kenne ihn nicht , habe nie von ihm gehört . Du bist besorgt , liebes Kind ? Hast keine Veranlassung dazu , gar keine ! « » So ? Man will dich an das Messer liefern ! Dich also abschlachten ! Das nennst du keine Veranlassung ? « » Da ich es weiß , wird es nicht geschehen . Auch ist es noch gar nicht etwa eine beschlossene Sache , sondern nur erst ein Gedanke , mit dem der arme Teufel kämpft . Und drittens : Selbst wenn es Ernst wäre , würde man doch sicher nicht eher Etwas gegen mich unternehmen , als bis man sich an dem See befindet , in welchem Sander damals ertrunken ist . Bis dahin bin ich meines Lebens vollständig sicher . Es ist das Alles gar nicht so schlimm , wie es klingt . « » Auch das mit der Teufelskanzel ? Schreckliches Wort ! « » Schrecklich finde ich es nicht , sondern höchstens romantisch . Teufelskanzeln gibt es in diesem Lande ebensoviele , wie es drüben bei uns in Deutschland Orte mit dem Namen Breitenbach , Ebersbach oder Langenberg gibt . Wo die Devils pulpit liegt , welche hier gemeint war , werde ich morgen früh im Prospect-House erfahren . « » Was ist das für ein Haus ? « » Ein Hotel , in dem ich heute Nacht schlafe . « » Schlafen ? Du ? « fragte sie überrascht . » Ja ! Schlafen ! Ich ! « nickte ich . » In einem andern Hotel ? « » In einem andern Hotel ! « » Ich erstaune ! « » Ich aber nicht ! Und in einer guten , glücklichen Ehe kommt es bekanntlich nur darauf an , ob der Mann erstaunt ist oder nicht ! Ich glaube kaum , daß ich dir alle möglichen Gründe erst vorzulegen und mühsam zu erklären habe . Ich gehe jetzt nach dem Prospect-House , esse Etwas , lasse mir ein Zimmer geben und schicke zwei oder drei Zeilen hierher an Mr. Hariman F. Enters , um ihm zu sagen , daß ich in Niagara-Falls angekommen bin und im Fremdenbuch des Clifton-House gelesen habe , daß er da wohne . Hierauf sei ich aus guten Gründen nach dem Prospect-House gegangen , wo ich morgen früh von acht bis zehn Uhr für ihn und seinen Bruder zu sprechen bin , später aber nicht , weil ich mich dann mit meiner Frau zu beschäftigen habe , die noch nicht mit angekommen ist . Bist du einverstanden ? « » Hm , das muß ich wohl sein ! « lächelte sie . » Die Gründe brauchst du mir natürlich nicht einzeln aufzuzählen . Meine Erlaubnis zum Umzug sei dir hiermit erteilt . Aber geht das denn ? So spät in der Nacht ? « » Hier geht Alles ! « » Auch ohne Koffer ? Soll ich dir nicht wenigstens ein Paket machen ? Du wirst ungeheuer ärmlich aussehen , wenn du so ohne Alles und mit vollständig leeren Händen im Hotel erscheinst ! « » Das wird nur imponieren , weiter nichts ! Ich habe nur noch die Bitte , die eigentlich überflüssig ist , an dich : Laß dich ja nicht etwa sehen ! « » Allerdings sehr überflüssig ! « gab sie zu . » Darf ich dich ein Stück begleiten ? Vielleicht nur bis hinunter vor die Tür ? « » Danke ! Du hast unsichtbar zu bleiben ! Wir trennen uns hier oben ! « Unten im Parlour war man noch wach ; aber Niemand achtete auf mich . Ich ging hinaus , spazierte über die Brücke nach der andern Seite des Ortes , wo ich eine Viertelstunde später im Prospect-House ein Zimmer besaß , ein Billett an Mr. Hariman F. Enters schickte , zu Abend speiste und mich dann , mit meinem Tagewerk zufrieden , zur Ruhe niederlegte . Ich hatte mich natürlich auch hier als Mr. Burton eingetragen . Als ich am andern Morgen halb acht in den Saloon trat , um Kaffee zu trinken , saßen die beiden Enters schon da . Hariman beeilte sich , mir Sebulon vorzustellen , und teilte mir mit , daß sie zunächst sehr erfreut gewesen seien , zu hören , daß ich angekommen sei , dann aber hier ganz enttäuscht , weil kein Mensch im Hotel von einer Mrs. May und einem Mr. May Etwas gewußt habe . » Ich reise pseudonym , unter dem Namen Burton . « » Well ! « nickte Hariman . » Der Leser wegen , die Euch nicht in Ruhe lassen würden , Sir , wenn sie Eure Anwesenheit erführen . « » Allerdings . « » Und Mrs. Burton ? Man sieht sie nicht . « » Sie ist noch nicht mit hier . Ihr werdet sie später sehen . Vielleicht morgen oder übermorgen . Ich war natürlich zuerst im Clifton-House . Da aber standen eure Namen im Buche . Darum wendete ich mich hierher . Ich hoffe , das ist euch recht ? « » Gewiß , gewiß ! Was aber Mrs. Burton betrifft , die wir sehr gern gleich heut begrüßt hätten , so müssen wir , wenn sie noch nicht da ist , leider darauf verzichten , ihr morgen oder übermorgen zu begegnen . Wir reisen nämlich heut schon ab . « » So ? Dann ist es ja genau so , wie ich Euch vorausgesagt habe : Auch die jetzige Unterredung hat keinen Erfolg . « » Das kann man nicht behaupten . Wir hoffen ganz im Gegenteil , mit Euch zum Abschluß zu kommen , Mr. Burton . « » Welcher Umstand ist es , der euch diese Hoffnung gibt ? « » Eure Klugheit , Eure Einsicht . Aber sprechen wir später hiervon ! Ich sehe , hier ist nicht der Ort dazu . « Da hatte er allerdings Recht . Der Saloon war voller Kaffee- , Tee- und Kakaotrinker , und man hatte sich also zu hüten , etwas Diskretes zu besprechen . Ich beeilte mich darum , mein Frühstück zu beenden , und dann machten wir einen kurzen Spaziergang längs des Stromes , um uns auf einer der am Ufer stehenden Bänke niederzulassen . Da konnten wir alles Mögliche besprechen , ohne daß uns irgend Jemand hörte . Hariman war noch so , wie ich ihn im ersten Kapitel beschrieben habe . Sebulon besaß dieselben » traurigen « Augen , schien aber ein mehr verbissener und dabei unzuverlässiger Charakter zu sein . Was mich selbst betrifft , so war ich entschlossen , nicht viel , wie man sich auszudrücken pflegt , » Federlesens « mit ihnen beiden zu machen , sondern mich so kurz wie möglich zu fassen . Als wir uns niedergesetzt hatten , begann Hariman sofort : » Ich habe Euch gesagt , daß wir auf Eure Einsicht und auf Eure Klugheit rechnen , Sir . Dürfen wir mit dem Geschäftlichen beginnen ? « » Ja , « antwortete ich . » Doch muß ich mich bei euch erkundigen , mit wem ihr überhaupt zu sprechen habt , mit dem Westmann oder mit dem Schriftsteller ? « » Mit dem Ersteren vielleicht später , zunächst aber nur mit dem Letzteren . « » Well ! Sie stehen euch beide zur Verfügung ; jeder für sich aber höchstens nur eine Viertelstunde . Meine Zeit ist mir nämlich nur sehr sparsam zugemessen . « Ich zog meine Uhr , zeigte ihnen das Zifferblatt und fügte hinzu : » Es ist , wie ihr seht , jetzt genau acht Uhr . Ihr könnt also bis Viertel auf neun mit dem Schriftsteller und bis halb neun mit dem Westmann reden ; dann ist unsere Zusammenkunft zu Ende . « » Aber , « warf Sebulon ein , » Ihr habt uns doch geschrieben , daß Ihr zwei volle Stunden für uns haben werdet ! « » Allerdings ! Ich hatte da anderthalb Stunden für den Freund gerechnet . Da ihr aber nur mit dem Schriftsteller und nur vielleicht auch mit dem Westmann reden wollt , aus den Freund aber gar nicht reflektiert , so bleibt es eben bei der halben Stunde . « » Wir hoffen aber , daß wir Freunde werden . In diesem Falle dürfen wir auf zwei Stunden rechnen ? « » Sogar auf noch mehr . Also , beginnen wir ! Von der ersten Viertelstunde sind bereits drei Minuten vorüber - - - « » Ihr habt eine eigentümliche Art , Geschäfte zu besprechen ! « rief Sebulon ärgerlich . » Nur dann , wenn ich schon abgelehnt habe und dennoch gezwungen werde , von Neuem Zeit für die erledigte Angelegenheit zu opfern . Also - - bitte - - ! « Da nahm Hariman das Wort : » Es handelt sich also um Eure drei Bände Winnetou , die wir Euch abkaufen wollen - - - « » Um sie drucken zu lassen ? « fiel ich ihm in die Rede . » Kauft man etwa Bücher , um - - - « » Bitte , keine Verstecke ! Kurze Antwort ! Ja oder nein ! Wollt ihr sie übersetzen und drucken lassen ? « Sie schauten einander verlegen an . Keiner antwortete . Da fuhr ich fort : » Da ihr schweigt , will ich an eurer Stelle antworten : Ihr wollt sie nicht drucken , sondern verschwinden lassen , und zwar aus Rücksicht auf euern eigentlichen Namen und auf euern toten Vater . « Da sprangen Beide zu gleicher Zeit von der Bank auf und warfen mir Ausrufungen und Fragen zu , denen ich mit einer energischen Armbewegung ein Ende machte , indem ich rief : » Still , still ! Ich bitte , zu schweigen ! Den Schriftsteller könntet ihr vielleicht täuschen , den Westmann aber nicht . Euer Name ist Sander . Ihr seid die Söhne jenes Sander , der mich leider zwang , von ihm so viel nicht Angenehmes zu erzählen . Ich hoffe , daß ich von euch Besseres berichten kann als von ihm ! « Sie standen zunächst unbeweglich , wie Bildsäulen aus Holz . Dann setzten sie sich wieder nieder , Einer nach dem Andern , als ob ihnen die Kraft fehle , stehen zu bleiben . Sie sahen vor sich nieder und sagten nichts . » Nun ? « fragte ich . Da wendete sich Hariman an Sebulon : » Ich sagte es dir voraus ; du aber glaubtest es nicht . Ihm darf man nicht in dieser Weise kommen ! Soll ich reden ? « Sebulon nickte . Da drehte Hariman sich wieder mir zu und fragte : » Seid Ihr bereit , uns die Erzählungen zu verkaufen , um sie verschwinden zu lassen ? « » Nein . « » Um keinen Preis ? « » Um keinen , sei er auch noch so hoch ! Aber nicht etwa aus Rachsucht oder Halsstarrigkeit , sondern weil ein solcher Kauf Euch überhaupt nichts nützen würde . Was ich geschrieben habe , kann nicht wieder verschwinden . Es sind viele tausend deutsche Exemplare des Winnetou hier in den Vereinigten Staaten verbreitet , und nach den hiesigen Gesetzen bin ich als Verfasser ungeschützt . Jedermann hat das Recht , zu übersetzen oder nachzudrucken , so viel ihm nur beliebt . Das weiß jeder Buchhändler , und Ihr habt mir durch Eure Offerte also schon drüben , als Ihr bei mir waret , bewiesen , daß Ihr keiner seid . Ich könnte Euer Geld einstecken und hinter Euch lachen . Wollt Ihr das ? « » Hörst du es ? « fragte Hariman seinen Bruder . » Er ist ehrlich ! « Da stand Sebulon von seinem Platze wieder auf und stellte sich gerade vor mich hin . Seine Augen brannten , und seine Lippen bebten . » Mr. Burton , « sagte er , » zeigt mir Eure Uhr ! « Ich erfüllte ihm diesen Wunsch . » Nur noch zwei Minuten ; dann ist die Viertelstunde zu Ende ! « nickte er . » Ihr seht , ich gehe auf die Zeitportionen , die Ihr uns zuteilt , ein . Ich mache es genau so kurz , wie Ihr es wollt . Die Folgen aber kommen dann nicht über uns , sondern über Euch und Euer Gewissen ! Ja , wir heißen Sander , und unser Vater war der , den Ihr kennt . Verkauft Ihr uns den Winnetou ? « » Nein ! « » Fertig mit dem Schriftsteller ! Die Zeit ist vorüber , genau bis auf die Sekunde . Nun fünfzehn weitere Minuten für den Westmann ! Ich frage Euch : Was haben wir Euch dafür zu zahlen , daß Ihr uns Beide nach dem Nugget-tsil und nach dem Dunkeln Wasser führt ? « » Ich tue das überhaupt nicht ; ich bin kein Fremdenführer . « » Aber wenn man es gut , sehr gut bezahlt ? « » Auch dann nicht . Ich brauche kein Geld . Ich tue niemals Etwas für Geld . « » Auch für die höchsten Summen nicht ? « » Nein ! « Da fragte Sebulon seinen Bruder : » Soll ich ? Darf ich ? « Nun nickte dieser , und Sebulon fuhr , zu mir gewendet , fort : » Ihr werdet es dennoch tun , wenn auch nicht für Geld ; darauf könnt Ihr Euch verlassen ! Kennt Ihr die Sioux ? « » Ja . « » Und die Apatschen ? « » Welche Frage ! Wenn Ihr meinen Winnetou wirklich gelesen habt , so wißt Ihr ebensogut wie ich , wie überflüssig sie ist ! « » So hört , was ich Euch sage ! Für die Wahrheit dieser meiner Worte legen wir Beide unsere Hände in das Feuer . Nämlich die Häuptlinge der Sioux sind von den Häuptlingen der Apatschen eingeladen . Weshalb und wozu , das weiß ich nicht ; ich habe nur so viel gehört , es solle Friede sein zwischen ihnen . Nur Häuptlinge sollen erscheinen , Niemand weiter . Die Sioux aber haben beschlossen , diese Gelegenheit zu benutzen , sich mit sämtlichen Gegnern der Apatschen zu vereinigen , um die Letzteren zu vernichten . Glaubt Ihr das ? « » Man muß es prüfen , « antwortete ich kalt . » So fahre ich fort : Es ist ein Ort bestimmt , an welchem sich die Feinde der Apatschen zusammenfinden , um den Kriegs- und Vernichtungsplan zu besprechen . Ich kenne diesen Ort . « » Wirklich ? « » Ja . « » Woher ? Von wem ? « » Das ist Geschäftssache ; Euch aber will ich es sagen , weil ich annehme , daß Ihr mir dann dankbar seid . Ich kenne die Sioux , und sie kennen mich . Unser Beruf als Pferde- und Rinderhändler hat uns häufig zu ihnen geführt . Jetzt haben sie uns ein Geschäft angeboten , welches so groß und so gewinnbringend ist , wie niemals eines zuvor . Wir sollen die Beute , die sie bei den Apatschen machen , übernehmen . Versteht Ihr , was ich meine ? « » Sehr wohl . « » Und Ihr glaubt also , daß wir gut unterrichtet sind ? « » Auch das hat sich erst noch zu zeigen ! « » Es soll zum Kampfe kommen , zu einem beispiellosen Blutvergießen . Ich weiß , daß Ihr ein Freund der Apatschen seid . Ich will sie retten . Ich will Euch Gelegenheit geben , die Pläne ihrer Feinde zunichte zu machen . Ich will Euch an den Ort bringen , an welchem diese Feinde sich beraten . Ich will auf allen Gewinn , der uns in Aussicht gestellt worden ist , verzichten . Und ich verlange dafür nur das Eine , daß Ihr uns zu den beiden Orten führt , die ich Euch bezeichnet habe . Nun sagt , ob Ihr das wollt ! Aber sagt es schnell , bestimmt und deutlich heraus ! Wir haben keine Zeit ! « Er hatte sehr rasch gesprochen , um möglichst wenig Zeit zu verbrauchen . Das klang doppelt ängstlich und doppelt eindrucksvoll . Ich erkundigte mich trotzdem in langsamer , gemächlicher Weise : » An den Ort , wo die Beratung stattfindet , wollt Ihr mich führen ? Wohin geht dieser Weg ? « » Hinauf nach Trinidad . « » Welches Trinidad meint Ihr ? Es gibt ihrer mehrere . « » Im Kolorado . « In diesem Trinidad wohnte ein alter , guter Bekannter von mir , namens Max Pappermann , einst ein sehr brauchbarer Präriejäger , jetzt aber Besitzer eines sogenannten Hotels . Er war von deutscher Abstammung und hatte die Eigentümlichkeit , seinen Namen für die Quelle alles Unheiles , welches ihn traf , zu halten . Er sprach seinen Vornamen nicht mit dem englischen e , sondern noch mit dem deutschen a aus , konnte aber infolge eines Sprachfehlers mit dem x nicht fertig werden ; sein Max wurde stets zum Maksch . Obgleich er sich hierüber tief , tief unglücklich fühlte , kam es ihm doch gar nicht in den Sinn , das zu tun , was jeder Andere an seiner Stelle getan hätte , nämlich diesen Namen möglichst zu vermeiden ; er gab ihn ganz im Gegenteile bei jeder Gelegenheit zu hören und wurde darum aus diesem und noch einem andern Grunde von Jedermann » der blaue Maksch « genannt . Er hatte nämlich auf einem seiner Streifzüge durch den Westen das Unglück gehabt , sich die linke Seite des Gesichtes durch explodierendes Pulver zu verbrennen . Dabei war ihm zwar kein Auge verloren gegangen , aber die von dem Pulver getroffene Hälfte des Gesichtes hatte sich für immer blau gefärbt . Er war unverheiratet geblieben , aber ein lieber , prächtiger , treuer und aufopferungsvoller Kamerad , mit dem ich einige Male für nur kurze Zeit zusammengetroffen war . Ich hatte dabei im Verein mit Winnetou Gelegenheit gefunden , ihm bei einem Ueberfalle durch die Sioux helfend beizustehen , und er vergrößerte diesen doch nur gelegentlichen Dienst in der Weise , daß er sich uns , wie er sich auszudrücken pflegte , zur » ewigen und eternellen Dankbarkeit « verpflichtet fühlte . Er war einer von den Westmännern , die ich wirklich und herzlich liebgewonnen hatte . Zur Vervollständigung will ich hinzufügen , daß dieses Trinidad die Hauptstadt der Grafschaft Las Animas im nordamerikanischen Staate Kolorado ist , den Knotenpunkt mehrerer Bahnen bildet und noch heutigen Tages einen nicht unbedeutenden Viehhandel treibt . Dieser letztere Umstand war wohl die Ursache , daß auch die beiden Enters sowohl die Stadt als auch ihre Umgegend sehr gut kannten . Sebulon fuhr in seiner Auskunftserteilung fort , indem er mich fragte : » Seid Ihr schon einmal da oben in Trinidad gewesen , Mr.