er ist ein schrecklich Omen . Siehet aus wie eine Geißel , mit der unser Herrgott die sündige Welt will züchtigen . Barmherziger Heiland , vergib uns unsere Schuld , wie auch wir vergeben unsern Schuldigern ! Lassen wir das Zanken , Herr Doktor Giacomini ! Buße tun ist nötiger . Denn nunmehro soll anheben ein grausam Schlachten und Sengen , Hungersnot und Pestilenz . Und wer weiß , ob nicht gar der Spruch vom Jahre zehn und acht sich erfüllet und die ganze Welt untergehet .... Barmherziger Heiland ! « Wenige Tage nach diesem Abenteuer trieb mich und den Oheim die Neugier , bei Tage zur Abendburg zu gehen , um nachzuschauen , was denn eigentlich sich begeben habe . Wir machten uns bei klarem Wetter des Morgens auf und gingen auf dem nächsten Wege über den Hohen Stein zur Abendburg . Hu , welch grausig Bild ! An der Nordseite des Bergkammes war die ganze Waldwand vom Sturme niedergeworfen . Hunderte von Fichten mit der Wurzel ausgerissen und quer über den Preißelbeerweg geworfen . Ein paar mächtige Bäume lehnten sich an den Abendburgfelsen , und einer davon hatte mit seinen Zweigen in unser Zaubertreiben hineingehauen . Schweigend schüttelte der Oheim den Kopf . Dann meinte er : » Ist das nun ein Naturereignis , oder ist es eine Strafe dafür , daß wir unter dem Unglückssterne gezaubert und dazu dem magischen Gebot zuwider unser Schweigen gebrochen haben ? « » Aber Oheim , « entgegnete ich , » niemand hat das Schweigen gebrochen - nicht eher , als bis die Fichte auf uns niedergestürzt ist . Drum wird es wohl nur ein Sturm gewesen sein , was unser Fürhaben vereitelt hat . « In diesem Moment machte der Oheim ein erstaunt Gesicht und deutete auf eine Höhlung im Abendburgfelsen : » Das war doch früher nicht ? « Eine Tanne , so ihre Wurzeln hier in Felsenritzen eingelassen hatte , war vom Windstoß ebenfalls umgeworfen , hatte aber dabei mit den Wurzeln einen Stein ausgehoben , unter dem nun die Öffnung klaffte . Als wir hineinspähten , merkten wir , daß sich eine Höhlung erschlossen hatte . Prüfend sahe mich der Oheim an : » Hast du Mut , hineinzuklettern ? « Ich bezwang meine Furcht und nickte , worauf ich , die Füße voran , in den Spalt rutschte . Gelangte in eine Felsengrotte , fand aber beim Umhertappen , daß sie nicht größer als eine Stube . Kroch nun wieder ins Freie und berichtete dem Oheim . Der nickte gedankenvoll und meinte : » Dabei ist dennoch Zauber im Spiel . Du siehest ja , Johannes , die Abendburg hatte schon begonnen , sich aufzutun und wäre sicherlich gänzlich offen worden , wenn der vermaledeite Italiener nicht das Schweigen gebrochen hätte . Das Umwerfen der Bäume war halt eine Versuchung , wie sie mancher Zauberer zu bestehen hat . Ich werde doch selber in die Höhlung gehen und forschen , ob sie vielleicht zu den Schätzen leitet . « Darauf bearbeitete der Oheim mit seiner Axt die erdigen Stellen des Felsenspaltes , so daß man bequemer hineinschlüpfen konnte und kroch in die Grotte , worauf ich folgte . Doch die Prüfung des Innern führte zu keinem günstigen Ergebnis . Die Höhlenwände waren von Granit und öffneten sich an keiner Stelle zu einem weiteren Gange . So mußten wir denn , nicht ohne Enttäuschung , den Heimweg antreten . Als ich mich bereit machte , wieder zu meinen Eltern nach Hirschberg heimzukehren , sprach der Oheim gebieterisch : » Du weißest , daß du , mein Famulus , zum Schweigen verpflichtet bist . Sprich zu niemand , auch zu deinen Eltern nicht von dem , was sich begeben hat , und bleibe des festen Glaubens , daß es dir dennoch gelingt , den Abendburgschatz zu heben . « Kleinlaut aber fügte er hinzu : » Der Italiener wird uns doch nicht zuvorkommen ? Wenn ich nur herausbrächte , was in der Phiole gewesen ! Alsdann getraute ich mir , ohne ihn die Zaubersuppe zu bereiten . « Warum sollte es nicht eine geheime Kunst geben , vermöge deren man in der Knospe schon die Frucht , im Ei den werdenden Vogel erkennt ? Daß aber unscheinbaren Dingen etwas von der Knospe und vom Ei eigen sein kann , wird an meiner Jugendgeschichte offenbar , wie denn aus den Mären vom eingemauerten Mägdlein und vom Schatz der Abendburg , aus meines Vaters Bericht über den unterirdischen Gang , aus der zigeunerischen Weissagung und aus den knabenhaften Streitigkeiten mit Zetteritz die wichtigsten Ereignisse und Wendungen meines Lebens herfürgewachsen sind . Auch mein Comödiaspielen im Schlosse Kynast war gleichsam eines Vogels Ei , weil es dazu führte , daß mir Hans Ulrich seine Gunst zuwandte . Wie ich ihm einmal in der Rosenau begegnet bin , hat er mich ins Auge gefaßt , sein Pferd angehalten und lustig gesagt : » Ei das ist ja der liebe Gott , der sich mit dem Teufel gebalgt hat . « Und oft hat mich seitdem Hans Ulrich , wenn unsere Wege sich trafen , mit dem spaßigen Spitznamen angeredet . Hat den » lieben Gott « sogar in seinen Dienst genommen und als ein Schreiberlein seines Dominiums zu Warmbrunn installieret . Die kriegerischen Zeiten haben das so gefügt . Da ich nämlich das Gymnasium absolviert hatte , meine Eltern aber wegen des böheimischen Aufruhrs und der allgemeinen Unruhen nicht wagten , mich zur Universität nach Breslau oder Prag ziehen zu lassen , und da sie nicht wußten , was mit dem müßigen Burschen anzufangen , habe ich von ihnen gern die Erlaubnis erhalten , brieflich den Herrn Schaffgotsch um einen angemessenen Posten anzugehen . Meine Kammer ist im Dominium dicht neben der Kanzlei gewesen , Essen habe ich aus des Herrn Verwalters Küche empfangen und dazu jeden Sonnabend noch sechs , später zehn Groschen Besoldung . Zustatten gekommen ist mir später , daß ich in meinem Amte mit Gewandtheit reiten , auch schießen und fechten gelernt . Außerdem ist der Aufenthalt zu Warmbrunn meinem Herzen zugute gekommen , insofern es sich der ersten keuschen Minne zugeneigt und erschlossen hat , ähnlich wie einer Blütenknospe an der Frühlingssonne geschieht . Die Gelegenheit dazu hat jener heilkräftige warme Brunnen gegeben , von dem Warmbrunn , ein wohlgebaueter Ort , zwo Stunden von Hirschberg am Gebirge gelegen , seinen Namen hat . Die heiße Quelle ist gut für Gliederweh und gilt als ein rechtes Kleinod schlesischer Lande . Ward aufgefunden vom Herzog Boleslao Crispo , als dieser auf der Jagd einen Hirschen verfolgte , der seine Wunde im heilkräftigen Wasser baden gewollt . Über der Quelle , so fünf Ellen in der Tiefe aus dem Felsen sprudelt , ist ein steinern Haus errichtet . Den heiligen Wassertäufer Johannem hat man dafür als Patronum erkiesen und über der Pforte abkonterfeit . Das Volk aber ist des Glaubens , am Sankt Johannis Abende , wie auch am nächsten Morgen , habe das Wasser seine beste Heilkraft . Daher strömet zum Sonnwendtage eine bunte Menge aus der Umgegend nach Warmbrunn , sich in das Badebecken zu tauchen . Gichtbrüchige und Lahme hoffen , ihre Krankheit solle sich wenden . Gesunde aber möchten ihren gesunden Leib bewahren ; oder , wofern sie das Bad verschmähen , nehmen sie an der lustigen Feier teil , so bei hereinbrechender Dunkelheit auf Wiesen und Hügeln begangen wird , unter Schwenken brennender Besen und Springen durch flammende Scheiterhaufen . Anno 1622 zu Johanni war ' s , ich zählte siebenzehn Lenze , als mir am Mittagstische der Herr Verwalter sagte , aus Schreiberhau sei Frau Preislerin nebst ihrer Tochter gekommen , um des Johannissegens im Bade teilhaftig zu werden , und ich solle sie besuchen . Auf den Abend begab ich mich , in meinem Sonntagsgewande , hin und traf die beiden Gäste aus Schreiberhau in ihrem Losament . Es waren Frau und Tochter des böhmischen Emigranten Preisler , so vor fünf Jahren die Glashütte im Weißbachtale angelegt hatte . Die Preislerin , gütigen Herzens und von einer heitern Beweglichkeit , grüßte mich vom Oheim und berichtete , er komme in jüngster Zeit häufig zur Glashütte , da er einer neuen Bereitung von Rubinglas auf der Spur sei . Jungfer Elfriede , ein Jahr älter als ich , war von einer zarten , engelhaften Bildung des Hauptes und der Glieder . Ihr bleich Angesicht , von braunem Haar umkränzet , glich einer sanften Blume , und die dunkeln Rehaugen stauneten wehmütig in die Welt . Seit ein paar Jahren fiel ihr das Gehen schwer , und schon redete sie davon , zum Tanzen nie wieder fähig zu sein . Aus dem Erbarmen , das ich für die sieche Schönheit empfand , ward eine schwärmerische Zärtlichkeit . Es erglomm in mir ein Verlangen , ihr Gutes und Liebes anzutun , und bald schien es mir , ihr Blick ruhe mit einer frohen Bewunderung auf meinem Antlitz . Da die Dämmerung hereinbrach , hätte Elfriede gern die Johannisfeuer betrachtet und fragte die Mutter , ob sie an ihrem Arm auf die Wiese gehen dürfe . Erst besorgete Frau Preislerin , es möchte die Abendkühle der Patientin Schaden tun . Weil sich aber die Jungfer mit Tüchern wohl verwahrte , durfte sie an der Mutter Arm hinaus . Nachdem ich eine Weile mit meiner Schüchternheit gekämpft , brachte ich stammelnd für , vielleicht könne die Jungfer auch mich zur Stütze annehmen . Sie dankte und hing sich sogleich an mich , wobei sie meinen Arm , wie es mir schien , vertraulich drückte . Das brachte mein Gemüt in eine süße Verwirrung . Wiewohl ich nicht sonderlich auf das Gespräch achten gekonnt , da ich wie ein Trunkener wandelte , habe ich doch bewegten Herzens aufgemerkt , als wir auf die Abendburg zu sprechen kamen und den ragenden Fels herauszulesen suchten aus dem dunkelblauen Gewoge der Berge , die sich scharf vom verblichenen Abendhimmel abzeichneten . Träumend sprach da Elfriede : » An einem Johannisabend ist einmal ein Sonntagskind auf dem Kynast gestanden , und da hat sich die ferne Abendburg plötzlich zum Schloß verwandelt , und haben die Fensterscheiben das Abendrot gespiegelt . « Mich entzückete diese Mär , als stehe das Wunder leibhaftig vor meinen Augen . Frau Preislerin aber scherzete : » Geh mir mit dem dummen Gemahre von den Sonntagskindern ! Wenn jedem Sonntagskinde beschieden wäre , Wunder zu erleben , fürwahr so wären die Wunder in unsrer Zeit so häufig wie die Spatzen . « Verwundert meinte Elfriede : » Aber nein , Sonntagskinder sind ganz rare Vögel ! « Da lachte die Mutter : » Jeder siebente Mensch ist ja ein Sonntagskind ! Oder gläubest du einfältig Madel , am siebenten Tage halte der Storch Sabbatruhe ? « Ich und Elfriede waren überrascht und mußten mitlachen ; doch es kam auch mir von Herzen , als die Jungfer schmollend zur Antwort gab : » Warum soll uns immer die Klugheit aus den Träumen und Mären wecken ? « » Ach mein liebes Kind , « - seufzete die Mutter - » wer vom klugen Tage nichts wissen mag , wird oft bitter genarret und enttäuscht . « Zu mir gewendet , fuhr sie fort : » Denk Er nur , wie meine Elfriede erst vor einer Stunde , kurz bevor Er gekommen ist , bis zu Tränen enttäuschet worden . « » Aus was Ursach ? « » Sie hatte eine wundervolle Erwartung vom Johannisbade , das sie dem Teiche Bethesda verglich . Wie den Teich Bethesda ein Engel vom Himmel besuchte und mit Heilkraft erfüllte , die versammelten Kranken gesund zu machen , so sollte nach Elfriedens Sinne der heilige Täufer Johannes aus dem Sonnenuntergange dahergeschwebt kommen und den warmen Brunnen mit segnender Hand bewegen . Wie wir aber vorhin , nachdem wir lange in einem Gedränge von Menschen harren gemußt , endlich in das Weiberbad eingelassen worden , ist meinem Kinde , dem schon von der lärmenden Menge die Andacht verscheucht worden , auch die letzte Neigung zum Baden vergangen . Badende Gänse benehmen sich adlig neben diesem Haufen von Leuten , so einander zu verdrängen suchen , um eine gute Stelle zum Auskleiden zu ergattern und unter den Ersten ins Wasser zu kommen . Wie wir das Stoßen und Schelten , das trübe Wasser , das haufenweise Hineinplatschen der Leiber , das Kreischen und Plätschern wahrgenommen , sind wir durch einen Blick einig worden , ungebadet hinauszugehen . Wie töricht ist doch wohl der gemeine Glaube , dem wir bis Dato selber gehuldigt , zur Sonnenwende Sankt Johannis bringe Warmbrunn in einer Viertelstunde mehr Heilung als sonst in einem Badeleben von mehreren Wochen . Nunmehr sind wir entschlossen , morgen heimzureisen und meinen Eheherrn um die Erlaubnis zu bitten , uns später einmal zur längeren Kur nach Warmbrunn zu beurlauben . « Dunkel war ' s indessen worden , schwarz lag das Gebirge . Funken taumelten durch Laub und Halme - schwärmende Leuchtkäferlein . » Schau , Mutter ! « rief Elfriede in froher Aufregung , blieb stehen , indem sie meinen Arm losließ , und deutete nach dem Kynast ; » das erste Johannisfeuer ! « In der Tat leuchtete es auf dem Turme der Veste . » Zur Linken noch eins ! « fügte Elfriede hinzu ; » am Seidorfer Brünnel muß das sein ; und dorten , ganz oben , wohl bei einer Baude ! « » Ich sehe eins über Petersdorf , « sagte ich ; » das ist bei den Wachsteinen ; desgleichen oben am Schwarzen Berge fackeln sie ; das sind Schreiberhauer . « Und nun erglommen immer häufiger , immer lichter die Johannisfeuer in den düsteren Bergen , ähnlich wie Sterne am Nachthimmel erblühn . So auch in mir jene köstlichen Freudenfeuer , mit denen das Herz seine erwachte Liebe feiert . Es war mir leid , zu hören , daß Preislers bereits am nächsten Morgen nach Schreiberhau heimkehren wollten . Da ich zu dieser Zeit von meinem Amte in Anspruch genommen war , sagten wir einander gleich auf der Stelle Valet . Ich drückte der Jungfer Hand : » Auf gute Genesung - und Wiederschaun ! « - Sie lächelte traurig : » Weiß Gott ! « - Ich versuchte zu scherzen : » Auf Wiederschaun beim Tanze ! « Sinnend nickte sie und tat einen Seufzer : » Auf Krücken vielleicht . « Seit dieser Zeit ist mir ein süß Weh gleich dem duftigen Hauch einer wunderbaren Blume gekommen , sooft ich in stiller Stunde Elfriedens gedachte . Manch Gespräch voller Andeutungen unserer Herzensverfassung hat sich zwischen uns in meinen Träumereien begeben , und als höchstes Glück deuchte es mich , im Mondenschein der Juninacht Elfrieden an meiner Seite zu haben , ihr Köpfchen an meine Schulter gelehnt . Mit Sorge und Gram aber hat es mich erfüllt , da ich aus einem Briefe meines Oheims vernommen , mit Preislers Elfriede sei es schlechter worden , sintemalen sie gar nicht mehr gehen könne . Hierauf hab ich in der Bücherei des Herrn Schaffgotsch Schriften nachgeschlagen , so von Körpergebresten und ihrer Heilung handeln . Da ist mir eine Historia von der Kraft des Antimonii begegnet . » Ich bekam « , so erzählt ein Medikus , » überaus großen Schmerz in meinem linken Arm , daß ich den lieben Gott wohl tausendmal gebeten , er möge mich doch endlich empfinden lassen , wie einem Menschen zumute , so ein einzig Viertelstündlein schmerzlos wäre . Rat hab ich bei Gelehrten und Ungelehrten gesucht ; hat alles nichts helfen wollen . Recht henkermäßig ward ich gemartert mit Fontanellen auf beiden Armen und Quacksalbereien , bis endlich ein Offizier anriet , ich solle täglich eine Prise Antimoniumpulver einnehmen und allmählich dies Quantum derart vergrößern , daß ich in Schweiß komme , ohne Übelkeit zu empfinden . Daß ich des Offiziers Ratschlag befolgte , hatte ich nicht zu bereuen , da ich durch fortgesetztes Einnehmen dieses Medikamenti meine Glieder von Schmerz und Lahmheit befreite . « Mich brachte dieser Bericht in Aufregung und Ungeduld . Hätte am liebsten sogleich aus der Hirschberger Apotheke Antimon geholt und mich nach Schreiberhau begeben , meine Elfriede zu heilen . Doch war mir bekannt , daß Antimonium ein Gift , und so besorgte ich , die Patientin könne Schaden nehmen . Nachdem ich etliche Wochen in Schwanken zugebracht , traf es sich , daß ich auf einem Botengange zu Herischdorf in eines Schreiners Stube ein artig Mägdlein fand , so nicht von ihrem Stuhle aufstehen konnte und Krücken neben sich hatte . Als ich mich nach der Patientin erkundigte , hub der Schreiner an zu seufzen , das Kind sei seit dem fünften Jahre lahm , und es werde auch noch mit ihren Händen schlimm . Traurig lächelnd sagte der Vater zum Mägdlein , es solle mir doch weisen , was es in der Hand halte , und da sahe ich , wie es vergebens sich mühte , die Hand aufzutun , deren Finger zusammengekrümmt übereinander lagen . Ich dachte an mein Antimonium und fragte den Schreiner , ob er es mit einem Mittel versuchen wolle , von dem ein berühmter Medikus großen Erfolg verspreche . Er brauche dann nur aus der Apotheke pulvrisiertes Antimonium zu holen , so viel wie eine Nuß ; ich werde mit aller Sorgfalt die Kur leiten und keinen andern Lohn erwarten als die Freude , einem armen Menschenkinde geholfen zu haben . Der Mann betrachtete mich von oben bis unten und schüttelte den Kopf , ließ sich aber den Namen des Medikamenti auf einen Zettel schreiben und war am nächsten Sonntag bei mir mit dem Pulver , das er richtig in der Apotheke erhalten hatte . Das erste , was ich tat , war , das Pulver in winzige Prisen zu teilen , die ich durch Wägen auf einer Feinwage gleichmachte . Alsdann nahm ich , um die Wirkung des giftigen Stoffes zu erproben , nüchternen Magens eine Prise ein . Da sie in keiner Weise Schaden brachte , nahm ich des andern Tages zwo Prisen und verspürte nach etlichen Stunden einen leichten Schweiß . Verfertigte nun aus den Prisen unter Beigabe von Brotkrumen Pillulen und ging nach Herischdorf zum lahmen Mägdlein . Den Eltern schärfte ich ein , es solle die Patientin am nächsten Morgen eine Pille , am übernächsten deren zwo erhalten . Als ich wiederkam , vernahm ich , es habe sich keinerlei Wirkung gezeigt . Da ordnete ich für jeden Morgen drei Pillen an - worauf Patientin stark schwitzete . Mein Spruch lautete , es solle mit dem Eingeben fortgefahren werden . Wie groß war meine Freude , als sich von Woche zu Woche des Mägdleins Befinden besserte . Nach zween Monden stund es vor der Haustüre und , mein ansichtig , ließ es seine Krücken fallen und hinkete freudestrahlend auf mich los , um meine Hand zu küssen . Mir gingen darob die Augen über , besonders auch , weil ich nun ein Mittel zu haben glaubte , meine liebe Elfriede gesund zu machen . Selbigen Tages noch schrieb ich an die Preislerin , teilte ihr die ganze Geschichte mit und erbot mich , ihre Tochter zu behandeln . Es kam jedoch anders als ich erhofft . Denn wie ich den Sonntag darauf meine Eltern in Hirschberg besuchte und bei dieser Gelegenheit aus der Apotheke Antimoniumpulver gekauft hatte , fand ich auf dem Marktplatze einen Auflauf . Um einen Reiter drängte sich die Menge , seinem Bericht zu lauschen , und da ich fragte , was es gäbe , antwortete mir ein Bürger : » Von Liegnitz her ziehet feindlich Volk gen Hirschberg , grausame Kosaken , Gnade uns Gott ! « Wie ich nach Hause kam , stunden vor der Türe meine Eltern und redeten mit Nachbarn in ängstlicher , aufgeregter Weise . Bald eilten Bürger mit Büchsen und Säbeln gewaffnet durch die Gassen , und es hieß , die Stadttore seien geschlossen , nachdem man etliche Haufen flüchtender Landleute nebst ihrem Vieh aufgenommen habe . Als ich mich in der Stadt umschaute , fand ich den Ring und andere Plätze zu Lagern hergerichtet , wo die Flüchtlinge nebst ihrem Vieh und anderer beweglichen Habe kampiereten . Die Stadttore waren verrammelt , die Zugbrücken emporgezogen und die Wassergräben gefüllt . Auf den Wällen tummelte sich bewehrte Bürgerschaft , lud Kanonen und Musketen und war so gut auf dem Posten , daß die heranflutenden Reiterschwärme nach Empfang etlicher Salven flugs zerstoben und in weitem Bogen die Stadt umkreiseten , endlich , da sie alles wohl verwahret fanden und auf eine Belagerung nicht eingerichtet waren , das Weite suchten . Die Umgegend von Hirschberg allerdings litt von den Kosaken . Manche Baude ward niedergebrannt , Korn und Heu aus den Scheuern geraubt und viele Familien durch Grausamkeit in Jammer versetzt . Die Bewohner der Dörfer , nahe an den Waldbergen gelegen , hatten sich in die Wildnis zurückgezogen , wurden aber eine Zeitlang von den Kosaken verfolgt , so ihre zottigen Hunde auf die Spur der Flüchtlinge hetzten . Immerhin kam die Gegend noch ziemlich heil davon . Indessen hat dies Ereignis meinen Besuch in Schreiberhau für eine Woche verhindert , und hieraus ergaben sich traurige Folgen . Zunächst , wie ich nach Warmbrunn zurückkehrte , eröffnete mir der Verwalter , ich habe andern Tages mit ihm eine Reise nach Greifenberg anzutreten , wo Fohlen aus dem dortigen Gestüt des Herrn Schaffgotsch zu übernehmen seien . Wie wir nun nach Greifenberg gekommen waren , hieß es , neues Feindesvolk sei im Anzuge , und deswegen ward dem Verwalter geboten , bis auf weiteres mit mir in Greifenberg zu verweilen . So ging abermals Zeit dahin , ohne daß ich mich der ersehnten Kur in Schreiberhau widmen konnte . Da schließlich die Gegend vor Feinden sicher schien , mußten wir nach Görlitz reisen , und zwar ebenfalls in Angelegenheiten der Wirtschaft . So verlor ich im ganzen sieben Wochen , und diese böse Sieben brachte Trauer und Reue über mich , wie über die Familie Preisler . Wie ich nämlich endlich wieder nach Warmbrunn kam , fand ich einen Brief meines Oheims mit der Nachricht : » Betrübe Dich nicht zu sehr , mein lieber Johannes ! Deines guten Herzens Fürhaben , Preislers Elfriede gesund zu machen , ist durch Gottes Ratschluß vereitelt worden . Die Jungfer haben wir am gestrigen Tage auf den Friedhof getragen . Ein Fieber ist zu ihrem Leiden hinzugetreten , und ihr Leben wie ein Flämmchen ohne Öl erloschen . « Kaum hatte ich diese Worte gelesen , so war mir , als stocke mein Herz , und als tue sich zu meinen Füßen das Grab auf , mir die Ruhe zu geben , so ich nach Elfriedens Tode nimmer über der Erde glaubte finden zu können . Schluchzend lag ich am Boden , und es dauerte Monde , bis ich mich von meiner Schwermut halbwegs befreit hatte . Hinterher fand ich , daß mein Gram der Abendburg vergleichbar , insofern jedwedes Herzeleid ein heimlich Gold enthält . Meine Neigung für Elfrieden hatte eine Sehnsucht in mir erweckt , zu lieben und zu heilen . Und also war mein besser Selbst gewachsen . Mein schlimmer Dämon aber war die Prophezeiung der Zigeunerin , des Oheims Goldmachertreiben und die magische Beschwörung des Felsens . Vom Stein der Weisen träumte ich , und auf den Schatz blieb all mein Trachten gerichtet - wiewohl er mir unter wechselnden Gestalten , je nach den unterschiedlichen Stufen meines Lebens erschienen ist , ähnlich dem Gotte Proteus , so in tausend Verwandlungen den forschenden Blicken der Sterblichen entschlüpfet , indem er Feuer und Wasser , Tier und Pflanze wird , und allein dem Starken , der ihn in allen Verwandlungen festzuhalten weiß , sein wahres Wesen offenbart . Hatte ich zuerst von unterirdischen Kostbarkeiten geträumt , so lenkte sich bald mein Begehren auf die alchymistische Goldmacherei . Nachdem auch sie mich genarret , ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen ; mein Proteus hat auf einmal Fleisch und Bein gehabt , ein holdselig Weib . Abermals jedoch gab es eine Umwandlung , der Schatz ward Herrentum und Ehre , als ein König gar hab ich walten wollen . Endlich hat mich jener Stein der Weisen begnadet , den man nur aus Zähren der Enttäuschung und Entsagung kristallisieren kann . Indessen will ich nicht weiter vorgreifen , sondern der Reihe nach von diesen Abenteuern Bericht geben . Das dritte Abenteuer Hexlein Schlangenglatt Anno 1625 war die grausame Pest in Hirschberg eingekehrt . Als ich davon vernommen , trachtete ich besorgt zu meinen Eltern ; doch ein Brief des Vaters befahl mir , in Warmbrunn zu bleiben , und wenige Tage darauf kam folgende Post : » Wie gern , lieber Sohn , würde ich Dich herbeirufen , daß wir mitsammen diese Heimsuchung beweinen . Doch in Warmbrunn mußt du bleiben , da unser Haus von der Seuche infiziert ist . Willst Du Deine Mutter wiederfinden , so halte Dich zu unserm treuen Gotte , bei dem sie nun weilet ganz und gar . Unvermutet schnell hat er sie abberufen . Da sie nämlich eine enge Gasse passieren gemußt , ist hinter ihr ein Wagen mit Pestleichen gekommen , dem sie nicht ausweichen gekonnt , also daß das Rad sie am Gewande gestreift . Vermeinend , sich auf diese Weise die Giftmaterie zugezogen zu haben , hat sie sich gleich mutlos zu Bette begeben und des andern Tages bereits diese Welt verlassen . Ohne die Gute müssen wir nun unsere Lebensreise fortsetzen , uns tröstend mit dem ewigen Friedensheim , allwo wir zu allerletzt beisammen sind . Amen , mein geliebter Johannes ! « Wie es tut , eine mutterlose Waise zu sein , hab ich bezeugt mit herben Zähren . Sie sind aber die Vorboten gewesen einer fürdern Bitternis , da denn selten ein Unglück allein kommt . Schon im nächsten Jahre nämlich hab ich auch den Vater verloren , und das hat sich also zugetragen : Nach Erstickung der böheimischen Empörung ist in Schlesien die katholische Partei zur Übermacht gelangt und emsig darauf ausgegangen , die Evangelischen dem Papismo zurückzugewinnen . Dominikaner hielten in Hirschberg geistliche Disputationes und Bußpredigten . Als weltlicher Beistand aber war den eifernden Apostolibus eine halbe Kompagnie kaiserischer Dragoner zur Seite . Diese Seligmacher , wie man sie bitter hieß , haben sich zu den Stützen des evangelischen Glaubens ins Quartier begeben , sie durch Pressung mürbe zu machen . Auch zu meinem Vater sind welche gekommen , haben die besten Gemächer beansprucht und Küche und Keller geplündert . Wie nun eines Sonntags ein Dragoner in berauschtem Zustande , gestiefelt und gespornt im Bette meines Vaters gelegen ist , hat diesen das eine Mal seine sanfte Art verlassen , daß er flammenden Auges Protest erhoben . Da hat der wüste Kerl sich beleidigt gefühlt und mit plumper Faust meinen widerstandslosen Vater angefallen . Zur Tür hinausgestoßen , ist der arme Vater so unglücklich die Treppe hinabgestürzt , daß er auf der Stelle den Geist aufgegeben . Die Entrüstung über die Seligmacher , die mich wie auch die Bürgerschaft hinriß , hat mitnichten etwas gebessert . Wie ich nämlich zu Vaters Bahre eile , geleitet von teilnehmenden Nachbarn , begegnet uns auf der Gasse ein Dragoner-Cornet , ein hochfahrender Junker . Betroffen über unsere finsteren Blicke , zieht er voreilig den Degen . Da brauset es in mir . » Bluthund ! « schreie ich , packe den Degen und zerbreche ihn im Nu . Aus dem folgenden Handgemenge werde ich von einem Bürger hinweggerissen , der mich den nahenden Häschern entziehen will . Da ich der sofortigen Verhaftung gewärtig sein und also ohnehin darauf verzichten mußte , dem Begräbnis meines Vaters beizuwohnen , so flüchtete ich durch einen Garten über die Stadtmauer und begab mich , unter Vermeidung von Warmbrunn , wo ich nicht sicher war , nach Schreiberhau , während der Oheim die Reise zum Begräbnis seines Bruders tat . Es war nun mein Schicksal insofern entschieden , als ich weder nach Hirschberg , noch auch nach Warmbrunn zurückdurfte und einstweilen beim Oheim bleiben mußte . Recht trüb ist mir die Zeit hingegangen , meine Toten hab ich beweint , und nur das Studium laborantischer und alchymistischer Schriften , sowie die Arbeit mit dem Oheim ist mir eine Beruhigung gewesen . Des öftern haben wir Abends mitsammen beraten , was aus mir werden solle , und weil meine Verfolger hätten erfahren können , daß ich in Schreiberhau weile , so kamen wir zu dem Entschlusse , ich solle nach Ablauf des Winters gen Prag ziehen und bei einem Jugendfreunde meines Vaters , den der Oheim als einen erfahrenen Arzt und Chymisten rühmte , in die Lehre gehen ; er hieß Herr Waldhäuserus , medicinae doctor . An ihn gab mir der Oheim ein Empfehlungsbriefel . Im Beisein der alten Beate zählte er dann drei Dukaten auf den Tisch . » Hier hast du eine Erbschaft von deinen Eltern , denen es in ihrer Dürftigkeit doch gelungen ist , dies Gold zu erübrigen . Aus meiner Ersparnis sind ein paar Gulden hinzugefügt . Halte die Gabe so in Ehren , daß du nur im Falle echter Not davon Gebrauch machst . Beate wird die Dukaten in dein Wams einnähen . « Sich die Augen wischend , sprach die alte Beate : » Schau dir die Goldstücke an , Johannes ; ich habe sie blank geputzt und in jedes ein Kreuzlein gegraben . Das mag dich an deine Heimat erinnern und an deine Lieben , heimlich sprechend : Gib nicht leichtfertig aus ! « Gerührt dankte ich dem Oheim und der guten Beate , worauf diese ihre Brille aufsetzte und die mit Wolle umhüllten Dukaten in mein Reisewams einnähte . Der Oheim begleitete mich übers Isergebirge , wo noch viel Schnee lag , bis ins Tal des Iserflusses , der geschwollen durch sein Felsenbett brausete . In der Schenke des nächsten Dorfes nahmen