, und wie am Nachmittag bewegten die zusammengesteckten Tüllvorhänge sich leise im Wind . Dahinter war es ganz dunkel . Eine sanfte Zärtlichkeit regte sich in Georg . Von allen Wesen , die jemals ihre Neigung ihm nicht verhehlt hatten , schien Anna ihm die beste und reinste . Auch war sie wohl die erste , die seinen künstlerischen Bestrebungen Teilnahme entgegenbrachte , eine echtere jedenfalls als Marianne , der die Tränen über die Wangen gerollt waren , was immer er ihr auf dem Klavier vorspielen mochte ; eine tiefre auch als Else Ehrenberg , die sich ja doch nur das stolze Bewußtsein sichern wollte , als erste sein Talent erkannt zu haben . Und wenn irgend eine , so war Anna dazu geschaffen , seinem Hang zur Verspieltheit und zur Nachlässigkeit entgegenzuwirken , ihn zu zielbewußter und erwerbbringender Tätigkeit anzuhalten . Schon im letzten Winter hatte er daran gedacht , sich um eine Stelle an einer deutschen Opernbühne als Kapellmeister oder Korrepetitor umzusehen ; bei Ehrenbergs hatte er flüchtig von seinen Absichten gesprochen , die nicht sehr ernst genommen wurden , und Frau Ehrenberg , mütterlich und weltklug , hatte ihm geraten doch lieber eine Tournee als Komponist und Dirigent durch die Vereinigten Staaten zu unternehmen , worauf Else vorlaut hinzugefügt hatte : » Und eine amerikanische Erbin wär auch nicht zu verachten . « Während er sich dieses Gesprächs erinnerte , behagte er sich sehr in der Idee , ein bißchen in der Welt herumzuabenteuern , wünschte sich , fremde Städte und Menschen kennen zu lernen , irgendwo im Weiten allerlei Liebe und Ruhm zu gewinnen , und fand am Ende , daß seine Existenz im ganzen viel zu ruhig und einförmig dahinflösse . Längst , ohne innerlich von Anna Abschied genommen zu haben , hatte er die Paulanergasse verlassen und bald war er zu Hause . Als er ins Speisezimmer trat , sah er , daß aus dem Zimmer Felicians Licht schimmerte . » Guten Abend , Felician « , rief er laut . Die Türe wurde geöffnet , und Felician , noch völlig angekleidet , trat heraus . Die Brüder reichten sich die Hände . » Du kommst auch erst jetzt nach Hause ? « sagte Felician . » Ich habe gedacht , du schläfst schon lang . « Während er sprach , sah er , wie das seine Art war , an ihm vorbei und neigte den Kopf nach der rechten Seite . » Was hast du denn getrieben ? « » Ich war im Prater « . erwiderte Georg . » Allein ? « » Nein , ich habe Leute getroffen . Den Oskar Ehrenberg mit seiner Dame und den Schriftsteller Bermann . Wir haben geschossen und sind Rutschbahn gefahren . Es war ganz lustig ... Was hast du denn da in der Hand ? « unterbrach er sich . » Bist du so spazieren gegangen ? « fügte er scherzend hinzu . Felician ließ den Degen , den er in der Rechten hielt , im Licht der Lampe schimmern . » Ich habe ihn eben von der Wand herunter genommen . Morgen fang ich wieder ernstlich an . Das Tournier ist schon Mitte November . Und heuer will ichs auch gegen Forestier versuchen . « » Donnerwetter « , rief Georg . » Eine Unverschämtheit , denkst du dir , was ? Aber bis Mitte November ist noch lang . Und das merkwürdige ist , ich habe das Gefühl , als wenn ich heuer im Sommer , gerade in den sechs Wochen , während ich das Ding da gar nicht in der Hand gehabt habe , was zugelernt hätte . Es ist , wie wenn mein Arm indessen auf neue Ideen gekommen wäre . Ich kann dir das nicht recht erklären . « » Ich verstehe schon , was du meinst . « Felician hielt den Degen ausgestreckt vor sich hin und betrachtete ihn mit Zärtlichkeit . Dann sagte er : » Ralph hat sich nach dir erkundigt , Guido auch ... schad , daß du nicht mit warst . « » Hast du den ganzen Nachmittag mit ihnen verbracht ? « » O nein ! Nach dem Essen bin ich zu Haus geblieben . Du mußt grad fortgegangen sein . Ich hab studiert . « » Studiert ? « » Ja . Ich muß mich jetzt ernstlich dranmachen . Im Mai spätestens will ich die Diplomatenprüfung ablegen . « » Du bist also vollkommen entschlossen ? « » Absolut . In der Statthalterei zu bleiben hat wirklich keinen Sinn für mich . Je länger ich drin sitz ' , umso klarer wird mir das . Die Zeit wird übrigens nicht verloren sein . Sie haben ' s gar nicht ungern , wenn einer ein paar Jahre internen Dienst gemacht hat . « » Da wirst du also wahrscheinlich schon im Herbst von Wien fortgehen ? « » Es ist anzunehmen . « » Und wo werden sie dich hinschicken ? « » Ja , wenn man das schon wüßte . « Georg sah vor sich hin . So nahe also war der Abschied ! Doch warum berührte ihn das plötzlich so sehr ? ... Er selbst war ja entschlossen fortzugehen , und erst neulich hatte er mit dem Bruder von seinen Absichten fürs nächste Jahr geredet . Glaubte der noch immer nicht an ihren Ernst ? Wenn man sich doch wieder einmal mit ihm aussprechen könnte , brüderlich , herzlich wie an jenem Abend nach des Vaters Begräbnis . Wahrhaftig , nur wenn das Leben ihnen düster sich enthüllte , fanden sie ganz zueinander . Sonst blieb immer diese seltsame Befangenheit zwischen ihnen beiden . Das konnte offenbar nicht anders werden . Man mußte sich eben bescheiden , miteinander plaudern , in der Art von guten Bekannten . Und wie resigniert fragte Georg weiter : » Was hast du denn am Abend gemacht ? « » Ich habe mit Guido soupiert und einer interessanten jungen Dame . « » So ? « » Er ist nämlich wieder in zarten Banden . « » Wer ist ' s denn ? « » Konservatorium , Jüdin , Geige . Aber sie hat sie nicht mitgehabt . Nicht besonders hübsch , aber g ' scheit . Sie bildet ihn , und er achtet sie . Er will , sie soll sich taufen lassen . Ein komisches Verhältnis , sag ich dir . Du hättest dich ganz gut unterhalten . « Georg hatte seinen Blick auf den Degen gerichtet , den Felician noch immer in der Hand hielt . » Hättest du Lust , noch ein bißchen zu manschettieren ? « fragte er . » Warum nicht ? « erwiderte Felician und holte ein zweites Florett aus seinem Zimmer . Indes hatte Georg den großen Tisch aus der Mitte an die Wand gerückt . » Seit dem Mai hab ich keines in der Hand gehabt « , sagte er , indem er den Degen ergriff . Sie legten die Röcke ab und kreuzten die Klingen . In der nächsten Sekunde war Georg tuschiert . » Nur weiter ! « rief Georg und empfand es wie ein Glück , daß er in verwegener Stellung , die blitzende , schlanke Waffe in der Hand , dem Bruder gegenüber stehen durfte . Felician traf ihn , so oft es ihm beliebte , ohne nur ein einziges Mal selbst berührt zu werden . Dann ließ er den Degen sinken und sagte : » Du bist heut zu müd , es hat keinen Sinn . Aber du solltest wieder fleißiger in den Klub kommen . Ich versichre dich , es ist schad , bei deinen Anlagen . « Georg freute sich des brüderlichen Lobs . Er legte den Degen auf den Tisch , atmete tief und ging zu dem offenen , breiten Mittelfenster . » Wundervolle Luft ! « sagte er . Aus dem Park schimmerte eine einsame Laterne , es war vollkommene Stille . Felician trat zu Georg hin , und während dieser sich mit beiden Händen auf die Brüstung stützte , blieb der ältere Bruder aufgerichtet stehen und ließ einen seiner ruhig-hochmütigen Blicke über Straße , Park und Stadt schweifen . Sie schwiegen beide lang . Und sie wußten , daß jeder an dasselbe dachte : an eine Mainacht heuer im Frühjahr , in der sie zusammen durch den Park nach Hause gegangen waren , und der Vater sie von demselben Fenster aus , an dem sie jetzt standen , mit stummem Kopfnicken begrüßt hatte . Und beide durchschauerte es ein wenig bei dem Gedanken , daß sie heute den ganzen Tag so lebensfroh hingebracht hatten , ohne sich mit Schmerzen des geliebten Mannes zu erinnern , der nun unter der Erde lag . » Also gute Nacht « , sagte Felician , weicher als sonst und reichte Georg die Hand . Er drückte sie wortlos , und jeder ging in sein Zimmer . Georg schaltete die Schreibtischlampe ein , nahm Notenblätter hervor und begann zu schreiben . Es war nicht das Scherzo , das ihm eingefallen war , als er vor drei Stunden mit den andern unter schwarzen Wipfeln durch die Nacht gesaust war ; und auch nicht die melancholische Volksweise aus dem Restaurant ; sondern ein ganz neues Motiv , das wie aus geheimen Tiefen langsam und unaufhaltsam emporgetaucht kam . Es war Georg zu Mute , als müßte er nur ein Unbegreifliches gewähren lassen . Er schrieb die Melodie nieder , die er sich von einer Altstimme gesungen oder auch auf der Viola gespielt dachte ; und eine seltsame Begleitung tönte ihm mit , von der er wußte , daß sie ihm nie aus dem Gedächtnis schwinden konnte . Es war vier Uhr morgens , als er zu Bette ging ; beruhigt wie einer , dem niemals im Leben etwas Übles begegnen kann , und für den weder Einsamkeit , noch Armut , noch Tod irgendwelche Schrecken haben . Zweites Kapitel Im erhöhten Erker auf dem grünsamtenen Sofa saß Frau Ehrenberg mit ihrer Stickerei ; Else , ihr gegenüber , las in einem Buch . Aus dem tiefern und dunklern Teil des Zimmers , hinter dem Klavier hervor , leuchtete das weiße Haupt der marmornen Isis , und durch die offene Tür floß aus dem benachbarten Zimmer ein heller Streif über den grauen Teppich . Else sah von ihrem Buche auf , durchs Fenster zu den hohen Wipfeln des Schwarzenbergparkes , die sich im Herbstwind regten , und sagte beiläufig : » Man könnt ' vielleicht dem Georg Wergenthin telephonieren , ob er heut Abend kommt . « Frau Ehrenberg ließ ihre Stickerei in den Schoß sinken . » Ich weiß nicht « , sagte sie . » Du erinnerst dich , was für einen wirklich charmanten Kondolenzbrief ich ihm geschrieben und wie dringend ich ihn in den Auhof eingeladen hab . Er ist nicht gekommen , und seine Antwort war auffallend kühl . Ich würde ihm nicht telephonieren . « » Man kann ihn nicht behandeln wie die andern « , erwiderte Else . » Er gehört zu den Leuten , die man gelegentlich daran erinnern muß , daß man auf der Welt ist . Wenn man ihn erinnert hat , dann freut er sich schon darüber . « Frau Ehrenberg stickte weiter . » Es wird ja doch nichts werden « , sagte sie ruhig . » Es soll auch nichts werden « , entgegnete Else , » weißt du denn das noch immer nicht , Mama ? Er ist mein guter Freund , nichts weiter und auch das nur mit Unterbrechungen . Oder glaubst du wirklich , daß ich in ihn verliebt bin , Mama ? Ja als kleines Mädel war ich ' s , in Nizza , wie mir miteinander Tennis gespielt haben , aber das ist lang vorbei . « » Na , und in Florenz ? « » In Florenz war ich ' s eher in Felician . « » Und jetzt ? « fragte Frau Ehrenberg langsam . » Jetzt ... ? Du denkst wahrscheinlich an Heinrich Bermann ... Also du irrst dich , Mama . « » Es wäre mir lieb , wenn ich mich irrte . Aber heuer im Sommer hatte ich wirklich ganz den Eindruck , als ob ... « » Ich sag dir ja schon « , unterbrach Else sie ein wenig ungeduldig . » Es ist nichts , und es war nichts . Ein einziges Mal , an dem schwülen Nachmittag , wie wir Kahn gefahren sind du hast uns ja vom Balkon aus gesehen , sogar mit dem Operngucker da ist es ein bißchen gefährlich geworden . Aber wenn wir uns auch einmal um den Hals gefallen wären , was übrigens nie vorgekommen ist , es hätte doch nichts zu bedeuten gehabt . Es war halt so eine Sommersache . « » Und er soll ja auch in einem sehr ernsten Verhältnis stecken « , sagte Frau Ehrenberg . » Du meinst ... mit dieser Schauspielerin , Mama ? « Frau Ehrenberg sah auf . » Hat er dir was von ihr erzählt ? « » Erzählt ... ? So direkt nicht . Aber wenn wir miteinander spazieren gegangen sind , im Park , oder abends am See , da hat er beinahe nur von ihr gesprochen . Natürlich , ohne ihren Namen zu nennen ... Und je besser ich ihm gefallen hab , die Männer sind ja ein so komisches Volk , um so eifersüchtiger war er immer auf die andre ... Übrigens wenn es nur das wäre ! Welcher junge Mann steckt nicht in einem ernsten Verhältnis ? Glaubst du vielleicht , Mama , der Georg Wergenthin nicht ? « » In einem ernsten ? ... Nein . Dem wird das nie passieren . Dazu ist er zu kühl , zu überlegen ... zu temperamentlos . « » Gerade darum « , erklärte Else menschenkennerisch . » Er wird in irgend was hineingleiten , und es wird über ihm zusammenschlagen , ohne daß er nur was davon bemerkt hat . Und eines schönen Tages wird er verheiratet sein ... aus lauter Indolenz ... mit irgendeiner Person , die ihm wahrscheinlich ganz gleichgültig sein wird . « » Du mußt einen bestimmten Verdacht haben « , sagte Frau Ehrenberg . » Den hab ich auch . « » Marianne ? « » Marianne ! Aber das ist ja längst aus , Mama . Und besonders ernst war das doch nie . « » Also wer denn soll es sein ? « » Na was glaubst du , Mama ? « » Ich hab keine Ahnung . « » Anna ist es « , sagte Else kurz . » Welche Anna ? « » Anna Rosner , selbstverständlich . « » Aber ! « » Du kannst lang aber sagen es ist doch so . « » Else , du glaubst doch nicht im Ernst , daß Anna , die eine so zurückhaltende Natur ist , sich so weit vergessen könnte ... ! « » So weit vergessen ... ! Nein Mama , du hast manchmal noch Ausdrücke ! übrigens find ich , dazu muß man gar nicht so vergeßlich sein . « Frau Ehrenberg lächelte , nicht ohne einen gewissen Stolz . Die Klingel draußen ertönte . » Am Ende ist er ' s doch « , sagte Else . » Es könnte auch Demeter Stanzides sein « , bemerkte Frau Ehrenberg . » Stanzides sollt ' uns einmal den Prinzen mitbringen « , meinte Else beiläufig . » Glaubst du , daß das ginge ? « fragte Frau Ehrenberg und ließ die Stickerei in den Schoß sinken . » Warum sollt ' s denn nicht gehen ? « sagte Else , » sie sind ja so intim . « Die Türe tat sich auf , doch keiner von den Erwarteten , sondern Edmund Nürnberger trat ein . Er war wie stets mit der größten Sorgfalt , wenn auch nicht nach der letzten Mode gekleidet . Sein Gehrock war etwas zu kurz , und in der bauschigen , dunkeln Atlaskrawatte steckte eine Smaragdnadel . An der Türe schon verbeugte er sich , nicht ohne zugleich in seinen Mienen einen gewissen Spott über die eigene Höflichkeit auszudrücken . » Bin ich der erste ? « fragte er . » Noch niemand da ? Weder ein Hofrat noch ein Graf noch ein Dichter noch eine dämonische Frau ? « » Nur eine , die es leider nie gewesen ist « , erwiderte Frau Ehrenberg , während sie ihm die Hand reichte , » und eine ... die es vielleicht einmal werden wird . « » O , ich bin überzeugt « , sagte Nürnberger , » daß Fräulein Else auch das treffen wird , wenn sie sichs nur ernstlich vornimmt . « Und er strich sich mit der linken Hand langsam über das schwarze , glatte , etwas glänzende Haar . Frau Ehrenberg sprach ihr Bedauern aus , daß man ihn vergeblich auf dem Auhof erwartet hatte . Ob er wirklich den ganzen Sommer in Wien gewesen sei ? » Warum wundern Sie sich darüber , gnädige Frau ? Ob ich in einer Gebirgslandschaft auf- und abspaziere , oder am Meeresstrand , oder in meinen vier Wänden , das ist doch im Grunde ziemlich gleichgültig . « » Sie müssen sich aber recht einsam gefühlt haben « , sagte Frau Ehrenberg . » Das Alleinsein kommt einem allerdings etwas deutlicher zu Bewußtsein , wenn sich niemand in der Nähe befindet , der das Bedürfnis markiert , mit einem reden zu wollen ... Aber sprechen wir doch lieber von interessanteren und hoffnungsvollern Menschen , als ich es bin . Wie befinden sich die zahlreichen Freunde Ihres so beliebten Hauses ? « » Freunde ! « wiederholte Else , » da müßte man doch erst wissen , wen Sie darunter verstehen . « » Nun , alle Leute , die Ihnen aus irgendeinem Anlaß Angenehmes sagen und denen Sie es glauben . « Die Schlafzimmertür tat sich auf , Herr Ehrenberg erschien und begrüßte Nürnberger . » Hast du schon fertig gepackt ? « fragte Else . » Fix und fertig « , antwortete Ehrenberg , der einen viel zu weiten grauen Anzug anhatte und eine große Zigarre mit den Zähnen festhielt . Erklärend wandte er sich an Nürnberger . » Wie Sie mich da sehen , fahr ich heute nach Korfu ... vorläufig . Die Saison fangt an , und vor die Jours im Haus Ehrenberg is mir mieß . « » Es verlangt ja niemand « , erwiderte Frau Ehrenberg mild , » daß du sie mit deiner Gegenwart beehrst . « » Gut gibt sie das « , sagte Ehrenberg und dampfte . » Auf deine Jours möcht ' ich natürlich verzichten . Aber wenn ich grad an einem Donnerstag ruhig zu Haus nachtmahlen möcht , und es sitzt in der einen Ecke ein Attaché , in der andern ein Husar , und dorten spielt einer seine eigenen Kompositionen zuguten vor , und auf ' m Divan hat einer Esprit , und am Fenster verabredet die Frau Oberberger ein Rendezvous , mit wem sich ' s trefft ... so macht mich das nervös . Einmal vertragt mans , ein anderes Mal nicht . « » Gedenken Sie den ganzen Winter fortzubleiben ? « fragte Nürnberger . » Es wär ' möglich . Ich hab nämlich die Absicht weiter zu fahren , nach Ägypten , nach Syrien , wahrscheinlich auch nach Palästina . Ja , vielleicht ist es nur , weil man älter wird , vielleicht weil man soviel vom Zionismus liest und dergleichen , aber ich kann mir nicht helfen , ich möcht Jerusalem gesehen haben , eh ich sterbe . « Frau Ehrenberg zuckte die Achseln . » Das sind Sachen « , sagte Ehrenberg , » die meine Frau nicht versteht , und meine Kinder noch weniger . Was hast du davon , Else , du auch nicht . Aber wenn man so liest , was in der Welt vorgeht , man möcht selber manchmal glauben , es gibt für uns keinen andern Ausweg . « » Für uns ? « wiederholte Nürnberger . » Ich habe bisher nicht die Beobachtung gemacht , daß Ihnen der Antisemitismus auffallend geschadet hätte . « » Sie meinen , weil ich ein reicher Mann geworden bin ? Wenn ich Ihnen sagen möcht , ich mach mir nichts aus dem Geld , würden Sie mir natürlich nicht glauben , und Sie hätten Recht . Aber wie Sie mich da sehen , ich schwör Ihnen , die Hälfte von meinem Vermögen gäb ich her , wenn ich die ärgsten von unsern Feinden am Galgen säh . « » Ich fürchte nur « , bemerkte Nürnberger , » Sie würden die Unrichtigen hängen lassen . « » Die Gefahr ist nicht groß « , erwiderte Ehrenberg , » greifen Sie daneben , erwischen Sie auch einen . « » Ich bemerke nicht zum erstenmal , lieber Herr Ehrenberg , daß Sie dieser Frage nicht mit der wünschenswerten Objektivität gegenüberstehen . « Ehrenberg zerbiß plötzlich seine Zigarre und legte sie mit wutzitternden Fingern auf die Aschenschale . » Wenn mir einer damit kommt ... und gar ... entschuldigen Sie ... oder sind Sie vielleicht getauft ... ? Man kann ja heutzutag nicht wissen . « » Ich bin nicht getauft « , erwiderte Nürnberger ruhig . » Aber allerdings bin ich auch nicht Jude . Ich bin längst konfessionslos geworden ; aus dem einfachen Grunde , weil ich mich nie als Jude gefühlt habe . « » Wenn man Ihnen einmal den Zylinder einschlage auf der Ringstraße , weil Sie , mit Verlaub , eine etwas jüdische Nase haben , werden Sie sich schon als Jude getroffen fühlen , verlassen Sie sich darauf . « » Aber Papa , was regst du dich denn so auf « , sagte Else und strich ihm über den kahlen , rötlich glänzenden Schädel . Der alte Ehrenberg nahm ihre Hand , streichelte sie und fragte scheinbar ganz unvermittelt : » Werd ich übrigens noch das Vergnügen haben , meinen Herrn Sohn zu sehen , bevor ich abreise ? « Frau Ehrenberg antwortete : » Oskar kommt jedenfalls bald nach Hause . « » Es wird Sie sicher freuen zu erfahren « , wandte sich Ehrenberg an Nürnberger , » daß auch mein Sohn Oskar ein Antisemit ist . « Frau Ehrenberg seufzte leise . » Es ist eine fixe Idee von ihm « , sagte sie zu Nürnberger . » Überall sieht er Antisemiten , selbst in der eigenen Familie . « » Das ist die neueste Nationalkrankheit der Juden « , sagte Nürnberger . » Mir selbst ist es bisher erst gelungen , einen einzigen echten Antisemiten kennen zu lernen . Ich kann Ihnen leider nicht verhehlen , lieber Herr Ehrenberg , daß der ein bekannter Zionistenführer war . « Ehrenberg hatte nur eine vielsagende Handbewegung . Demeter Stanzides und Willy Eißler traten ein und verbreiteten sofort lebhaften Glanz um sich . Leicht und prächtig , eher wie ein Kostüm , als wie ein militärisches Kleid trug Demeter seine Uniform ; Willy , in Smoking , stand lang , blaß und übernächtig da , hatte sofort die Führung des Gesprächs in der Hand und seine Stimme , angenehm heiser , schwirrte befehlshaberisch und liebenswürdig zugleich durch die Luft . Er erzählte von den Vorbereitungen zu einer Aristokratenvorstellung , der er , wie schon im vorigen Jahr , als Berater , Regisseur und Mitwirkender beigezogen war , schilderte eine Sitzung der jungen Herren , in der es , wenn man ihm glauben durfte , zugegangen war wie in einer Versammlung von Schwachsinnigen , und gab ein komisches Gespräch zwischen zwei Komtessen zum besten , deren Redeweise er köstlich zu imitieren wußte . Ehrenberg war durch Willy Eißler immer sehr amüsiert . Die dunkle Empfindung , daß dieser ungarische Jude die ganze , ihm persönlich so verhaßte , Feudalbande in irgend einer Weise überlistete und zum Narren hielt , erfüllte ihn mit Hochachtung für den jungen Mann . Else saß am kleinen Tisch in der Ecke mit Demeter und ließ sich über die Isle of Wight berichten . » Sie waren mit Ihrem Freund dort ? « fragte sie , » nicht wahr , mit dem Prinzen Karl Friedrich . « » Mein Freund der Prinz ? ... das stimmt nicht ganz , Fräulein Else . Der Prinz hat keinen Freund , und ich hab keinen . Wir sind beide nicht von der Art. « » Er muß ein interessanter Mensch sein , nach allem , was man hört . « » Interessant , weiß ich nicht einmal . Jedenfalls hat er über mancherlei nachgedacht , worüber seinesgleichen sich sonst nicht viel Gedanken zu machen pflegen . Vielleicht hätte er auch allerlei leisten können , wenn man ihn hätte gewähren lassen . Na , wer weiß , es ist vielleicht besser für ihn , daß sie ihn kurz gehalten haben , für ihn und am End auch fürs Land . Einer allein kann ja doch nichts machen . Nirgends und nie . Da ist ' s schon am besten , man laßts gehen und zieht sich zurück , wie er ' s getan hat . « Else sah ihn etwas befremdet an . » Sie sind ja heute so philosophisch , was ist denn das ? Mir scheint , der Willy Eißler hat Sie verdorben . « » Der Willy mich ? « » Ja wissen Sie , Sie sollten nicht mit so gescheiten Leuten verkehren . « » Warum denn nicht ? « » Sie sollten einfach jung sein , leuchten , leben , und dann , wenns halt nicht weiter geht tun was Ihnen beliebt ... aber ohne über sich und die Welt nachzudenken . « » Das hätten Sie mir früher sagen müssen , Fräulein Else . Wenn man einmal angefangen hat , gescheit zu werden ... « Else schüttelte den Kopf . » Aber bei Ihnen wäre es vielleicht zu vermeiden gewesen « , sagte sie ganz ernsthaft . Und dann mußten beide lachen . Die Flammen des Lusters glühten auf . Georg von Wergenthin und Heinrich Bermann waren eingetreten . Durch ein Lächeln Elses eingeladen , nahm Georg an ihrer Seite Platz . » Ich habs gewußt , daß Sie kommen werden « , sagte sie unaufrichtig , aber herzlich und drückte seine Hand . Daß er ihr wieder gegenübersaß nach so langer Zeit , daß sie sein anmutig stolzes Gesicht wiedersehen , seine etwas leise , aber warme Stimme hören durfte , freute sie mehr , als sie geahnt hatte . Frau Wyner erschien ; klein , hochrot , lustig und verlegen . Ihre Tochter Sissy mit ihr . Im Hin und Her der Begrüßung lösten sich die Gruppen . » Nun , haben Sie mir schon das Lied komponiert ? « fragte Sissy Georg mit lachenden Augen und lachenden Lippen , spielte mit einem ihrer Handschuhe und bewegte sich in ihrem dunkelgrünen schillernden Kleid wie eine Schlange . » Ein Lied ? « fragte Georg . Er erinnerte sich wirklich nicht . » Oder auch einen Walzer oder so was . Aber daß Sie mir etwas widmen werden , haben Sie mir versprochen . « Während sie sprach , wanderten ihre Blicke umher . Sie glühten in die Augen Willys , schmeichelten sich an Demeter vorbei , stellten an Heinrich Bermann eine rätselhafte Frage . Es war , wie wenn Irrlichter durch den Salon tanzten . Frau Wyner stand plötzlich neben ihrer Tochter , tief errötend : » Sissy ist ja so dumm ... was glaubst du denn , Sissy , der Baron Georg hat heuer wichtigeres zu tun gehabt , als für dich zu komponieren . « » O gewiß nicht « , sagte Georg höflich . » Sie haben Ihren Vater begraben , das ist keine Kleinigkeit . « Georg sah vor sich hin . Frau Wyner aber sprach unbeirrt weiter : » Ihr Vater war noch nicht alt , nicht wahr ? Und ein so schöner Mann ... ist es wahr , daß er Chemiker gewesen ist ? « » Nein « , erwiderte Georg gefaßt , » er war Präsident der botanischen Gesellschaft . « Heinrich , einen Arm auf dem geschlossenen Klavierdeckel , sprach mit Else . » Sie waren also doch in Deutschland ? « fragte sie . » Ja « , erwiderte Heinrich , » es ist schon ziemlich lange her , vier , fünf Wochen . « » Und wann fahren Sie wieder hin ? « » Das weiß ich nicht . Vielleicht nie . « » Ach , das glauben Sie selbst nicht . Was arbeiten Sie ? « setzte sie rasch hinzu . » Allerlei « , entgegnete er . » Ich bin in einer ziemlich unruhigen Zeit . Ich entwerfe viel , aber ich mache nichts fertig . Das Vollenden interessiert mich überhaupt selten . Offenbar bin ich innerlich zu rasch fertig mit den Dingen . « » Und den Menschen « , fügte Else bei . » Mag sein . Es ist nur das Unglück , daß das Gefühl zuweilen an Menschen weiter hängen bleibt , während der Verstand schon längst nichts mehr mit ihnen zu tun hat . Ein Dichter wenn Sie mir das Wort gestatten müßte sich von jedem zurückziehen , der für ihn kein Rätsel mehr hat ... also besonders von jedem , den er liebt . « » Es heißt doch « , wandte Else ein , » daß wir gerade diejenigen am wenigsten kennen , die wir lieben . « » Das behauptet Nürnberger , aber es stimmt nicht ganz . Wäre es wirklich so , liebe Else , dann wäre das Leben wahrscheinlich schöner , als es ist . Nein , diejenigen , die wir lieben , kennen wir sogar besser als wir andere kennen , nur kennen wir sie mit Scham , mit Erbitterung und mit