so würde ich seine Füße küssen . O Gesundheit ! du Seele der Welt , warum hast du die Poeten verlassen ? Ich danke der Geschichte nur für zwei Bücher , die sie gerettet , für den gesunden Homer und den gesunden , strotzend gesunden Shakespeare . Alles war tot ; ich vergaß das Fortgehen . » Ich hoffe Sie mehr zu sprechen « - hörte ich neben mir und gewann kaum Zeit , der fortrauschenden Fürstin mich zu empfehlen . Die Nacht und den andern Tag hatte ich für niemand Zeit . Shakespeare war bei mir , ich hielt Tür und Fenster verschlossen . An Desdemona hatte ich viel geschrieben . Am zweiten Morgen hatte ich die schönsten Antworten . So hatte ich mir das reizende Weib gedacht , jede Zeile war Poesie , war Herzblut . Aber ein resignierendes Opfergeschöpf war sie und blieb sie wie Othellos Weib . Ihre Liebe versprach eine grausame Wollust zu sein . Die Keime des Todes streckten ihre Spitzen aus jedem Gedanken . Ich fühlte ein inniges Erbarmen mit ihr und konnte sie nicht sehen , sie verlangte es auch nicht , aber wir schrieben uns fleißig . Ihr Mädchen , das mir die Briefe brachte , hatte einmal auch das kleine liebe Kind mit sich , ich spielte einen ganzen Vormittag im Sonnenscheine meines Zimmers mit dem kleinen Dinge . » Du bist wohl ein großer Herr , meine Mutter erzählt mir , daß du mit der Prinzessin sprichst , « lallte das kleine harmlose Geschöpf und erinnerte mich zu ihrer Mutter Nachteil , daß ich noch nicht bei der Fürstin gewesen . Ich fuhr hin , das schöne Weib tat anfänglich stolz , sie war verletzt durch meine Nichtachtung , Ungezogenheit . Sie ist klug und sehr unterrichtet . Wir sprachen über unsere Literatur . Das Gespräch wurde warm , ja , es ward üppig , als wir auf Goethes Elegien kamen . Es überraschte mich äußerst angenehm , ein Weib so ganz ohne Prüderie zu finden ; sie sprach keck wie eine Griechin von ihrem Entzücken über die Darstellung jener italischen Szenen . - - Eben empfange ich Deinen Brief , erlaube , daß ich ihn erst lese , ehe ich weiter schreibe . 12. Konstantin an Hippolyt . Frag doch einmal den Valerius , welche Bewandtnis es mit seinem letzten Billett habe , das mir aus einem bedeutenden Gesandtschaftshotel zugeschickt worden ist und in dessen Begleitung ich eine zierliche Einladungskarte in jenes Hotel erhielt . Ich war eben mit einer Auktion meiner letzten reputierlichen Kleider beschäftigt , der gallonierte Bediente nahm sich schnurrig unter meinen Juden aus . Es war der letzte Tag meiner äußerlichen Anständigkeit , im himmelhohen Dachstübchen meiner jetzigen Höhe soll der geputzte Lakai mich schwerlich wiederfinden . Ich sehe hoch herab auf den steifen Berliner Jammer . Tut mir nur den Gefallen , in Euren etwaigen Novellen keine miserablen Kerls mit prächtigen Ansichten auszustaffieren , sondern die Gestalten möglichst bedeutend zu machen - etwa von meiner Figur . Diese genialen Kerls , die bloß deshalb unglücklich sind , weil ihnen eine beträchtliche Dosis Menschenverstand fehlt und weil sie auf der Welt nicht wie auf dem Dudelsacke spielen können , sind mir im höchsten Grade zuwider . - Ich gebe mir alle ersinnliche Mühe , um glücklich zu sein , wenn ich früh mit der Morgensonne die tote Stadt betrachte und den lustigen Rauch aus den Schornsteinen steigen sehe , da will mich oft eine Träne beschleichen und eine wimmernde Elegie zerbröckelt sich auf der Zunge , aber ich jage das dumme Zeug fort und nehme meinen alten Moniteur von 1793 zur Hand und lese ihn mit starker Stimme in die Morgenluft hinaus . Da kommt mir bald der Zorn gegen die jämmerliche Welt , die ihren Geburtstag vergessen hat , und wenn der Zorn erst kommt , da ist alles gut . Nach der Liebe ist er die edelste Leidenschaft . Ich gehe oft einen ganzen Tag lang zürnend auf meiner kleinen Stube hin und her ; denn der einzige Rest meiner Zivilisation , der mir geblieben , mein Mantel von Marengo , der mich Tag und Nacht schützt , erlaubt mir nicht , am Tage auszugehen . - Die Zukunft kümmert mich nicht ; wären wir nicht alle zukunftskrank , so würden wir eine stärkere Gegenwart haben . Mache Dir alles Angenehme recht anschaulich und betrachte das Unangenehme als ein notwendiges Übel - hätte ich nicht für mich selbst diese Registratur der notwendigen Übel errichtet , beschäftigte ich mich nicht mit allem Unangenehmen , bis es mir wenigstens interessant und für eine Novelle brauchbar erscheint , ich würde wahrlich nicht so guten Mutes sein . Ich lache doch alle Wochen wenigstens einmal . Auch les ' ich jetzt fleißig in der Bibel ; ich will doch mit Vernunft über den Unsinn räsonieren , nach achtzehnhundert Jahren noch immer ungestört von einem Buch sich gängeln zu lassen , das unwissende Schüler einem großen Meister nachlallten . Die » Menschenrechte « daneben geben die Glossen dazu . Die weibliche Nachbarschaft mit ihren Gewissensfragen in Grünschloß amüsieret mich sehr . Die Weiber sind noch heute wie die Helden in den alten Novellen , die sich beim ersten Begegnen ihre Lebensgeschichten abfragen . Macht Ihr noch keine Sonette ? Diese Dichtungsart ist ja wie für Eure Lage erfunden . Man muß beim Sonett nur immer die Form in größter Vollkommenheit voraussetzen und so wie die Färbung beim Gemälde , der Stein bei der Bildsäule Bestandteile der Schönheit sein können , wenn auch der Gedanke die Hauptsache bleibt , so ist ' s auch beim Sonett . Das äußerlich Glänzende verteidigt niemand weniger als ich , aber beim Sonett darf ' s nicht bloß dieses sein : den äußeren Glanz muß eben die innere Harmonie geben . William sagt gut : » Es ist eine Säulenordnung , wo jede Säule zur andern und alle zum Ganzen in schöner Beziehung , klarem Verhältnis stehen müssen . « Man mache hie und da , wenn es eben recht aufgeräumt im Kopfe ist , ein Sonett und sende es der Liebsten . - Das Sonett ist ein Weib , dies wird sich dessen freuen , es ist ihr ein Spiegel eigener schöner Zusammenstimmung , wenn das Weib anders eben Musik in sich hat . Ein Dichter , der nur Sonette macht , ist ein weibischer Mann aus unserer Teetassenzeit . Sonette können schon wegen der Schwierigkeiten nichts als der Schaum unserer inneren Wogen sein , das Eigentliche liegt auf dem Grunde , und wenn es heraufkommt , so ist es das Einfache , der Urvers , der sich in der poetischen Prosa oder dem klaren Jambus ausspricht . Daß ich nicht ins Theater gehen kann , tut mir leid . Bei dieser schalen mageren Welt seh ' ich gern die phantastische Tätigkeit des Traums . Was mir Valerius einst über Nationalität als Hebel der - namentlich der dramatischen Poesie sagte , stimmte mit meinen Ansichten überein . Ich glaube aber , daß alle Nationalität nach und nach verschwinden wird und daß dies ganz notwendig im Gange der Weltgeschichte liegt . Ich glaube nämlich an eine dereinstige Universalrepublik so fest wie an meine Fähigkeit , ein Glas an den Mund zu führen . Es wird und muß sich eine neue Zeit bilden , wir leben freilich in keiner , sondern in dem Zwischenraume auf der Brücke zweier Zeiten . Individualitäten , plastische Figuren , mit einem Worte , Helden verschwinden , und an die Stelle der Helden tritt die Meinung . Wir bereiten den Stoff zu einer neuen Ära der Poesie , welcher der voreilende Jean Paul teilweise schon angehört . In dieser neuen Weise können wir noch nicht schreiten , weil sie erst die Hälfte ihres Körpers aus dem Mutterleibe der kreisenden Weltgeschichte hervorstreckt ; die alte Weise kann uns aber nicht mehr genügen , eben weil die Ahnung der neuen schon in uns vorhanden ist . Daher finden wir von allen Arten der Poesie die meiste Befriedigung in der Musik , weil sie der Ausdruck halbbewußter Gefühle ist . - Nenne dies » Fieberphantasie eines tauben Musikers . « Dieser Schuft von Diener aus der Gesandtschaft hat eine Spürnase wie ein Jagdhund und mich wirklich ausgeschnüffelt - keuchend kam er eben auf meiner Höhe an , und brachte mir die verbindlichste und dringendste Einladung . Man habe mir vielerlei mitzuteilen . Mantel , schütze mich vor Blößen ! » Menschenrecht « , wahre meine Freiheit - in dies dumme Zeug hat mich Valers besorgliche Gutmütigkeit wahrscheinlich gestürzt . Bitte ihn doch , daß er die Leute unterrichten läßt , ich sei ein Taugenichts . Dann lassen sie mich hoffentlich in Ruhe . Ich räusperte mich und hielt dem Diener eine jakobinische Standrede . Erstens bedeutete ich ihm , daß mein Name Müller , einfach Müller , Stadtmusikus Müller sei , mein Vater heiße von Müller , ich aber nicht - das von sei überhaupt nicht mehr Mode , und die Mode sei die Hauptsache . Zweitens paßte mein Äußeres und Inneres nicht in ein Gesandtschaftshotel , drittens gehörte ich zu den Sansculotten , viertens würde ich ihm den Hals brechen , wenn er sich noch einmal bei mir sehen lasse . - Ich hoffe , er hat genug . Gestern habe ich in der Zeitung gelesen , daß meine gute Schwester gestorben ist , es war , als ob eine alte Saite in mir spränge , es schwirrte eine ganze Weile . Ach , Sterben ist keine Kunst ; - nur weil die Leute das nicht wissen , erschrecken sie so unmäßig vor der französischen Schreckenszeit . - Ade - freue Dich , denn dies ist der Punkt , um den sich alle Sonnen und Monde drehen - Epikureer ist auch der Stoiker , denn was anderes als Freude in sich will er durch Stoizismus gewinnen ? Um zum Vergnügen zu kommen , sei mäßig , nur nicht in der Liebe zu mir ; ich denke Dir mit Wucher zu zahlen . 13. Hippolyt an Konstantin . Lieber Freund , Valerius , der eben zu mir kommt und mir den ähnlichen Brief von Dir mitteilt , ist mit mir gleicher Meinung : das muß anders mit Dir werden . Beiliegende Summe wirst Du zu Deiner Akklimatisierung anwenden , oder es trifft Dich das Anathem der Böotier . Sobald Du Dir einen Frack gekauft , folge jener Einladung ; nach allem was ich gehört , findest Du ein reizendes Mädchen . Jetzt höre zu , ich erzähle weiter . Die Fürstin bedauerte , daß Goethe nicht auch dergleichen Szenen aus reicheren , vornehmeren Umgebungen geschrieben , die Weiber seien zu sehr Landschaft , ich solle ihr Elegien schreiben , wo die Frauen mitsprächen . Jenes Behagliche , Reiche - entgegnete ich ihr - was sie vermisse , ersetze der Schauplatz Italien , aber es sei allerdings ärgerlich , daß unsere übrigen Poeten noch immer so wenig Courage hätten , dergleichen zu schreiben . Einmal , sagte ich , liegt es an unserer bürgerlichen Einrichtung , die in so vielfache kleine bürgerliche Fächer abgeteilt und durch Mauern und Hecken abgetrennt ist , die so sehr der Freiheit ermangelt , daß die meisten Menschen nach dem Rechenbuche leben müssen , in die nassen Felder hinausrennen , um sich Luft zu machen , da empfängt sie unser schlechtes Klima , und sie holen sich den Schnupfen . Zweitens werden den meisten jene Fächer ins Herz hinein erzogen , sie prallen vor jeder papiernen Wand zurück , weil ihnen das leidige Herkommen zum unerschütterlichen Naturgesetz geworden ist . Sie zweifeln eher an der Richtigkeit und Gesundheit ihrer Gefühle , als an der der Verhältnisse . Der ist schon ein bürgerlicher Held , der als Kanzlist der Tochter oder Schwester des Regierungsrates seine Liebe anzubieten wagt . Drittens sind unsere allgemeinen politischen Verhältnisse noch immer die der Herren und Sklaven , und der großen Masse von Sklaven fehle es an Mut zu lieben , wenigstens an Mut , Gegenliebe zu verlangen . » Das sind wunderliche Dinge « - entgegnete die Fürstin - » ich glaube aber nicht , daß Sie zu den Sklaven gehören . « - Dabei reichte sie mir die schönste Hand , welche ich je gesehen , zum Kusse . Ich küßte sie ihr lachend mit warmen Lippen , und da sie mit dem Zurückziehen nicht eilte , so eilte ich nicht mit dem Zurücklassen . Ich sprach noch viel mit erhöhter Wärme über Poesie und Weiber . Meine Dame ward auch bewegter , zog einmal ihre Hand weg , nannte meine Theorien männerfrech , ließ mich später die Fingerspitzen wieder ergreifen , schwieg lange , sah mich forschend , durchdringend an , stand dann plötzlich auf , strich mir wie Adelheid in Goethes Götz dem Franz über das Gesicht und erlaubte mir , den andern Tag wiederzukommen und ihr Gedichte mitzubringen . Ich war in einer Art Sinnlichkeitsrausch . Wenn Du Dich darüber wunderst , so hab ' ich Dir nicht genug von der Schönheit des Weibes , nicht genug von dem stolz einhergehenden und doch von Bewegung immer in die Knie sinkenden Trotze ihres Wesens gesagt , das unwiderstehlich reizte . Eine stolze Blume , die sich des feuchten Taus nicht erwehren kann , der ihre Blätter , die Augenlider , erweicht und das Haupt beugt . Rechne dazu die reizendste , reichste Umgebung , welche der trägsten Phantasie schwellende Polster unterschob . Glaube ja nicht , daß die äußeren Umstände ohne großen Einfluß seien . Wer unter den gewöhnlichen engen bürgerlichen Verhältnissen , wo das Philisterhafte der Frau Mutter oder Frau Muhme mit beobachtet sein will , frei , mild , stark lieben will , muß einen viel größeren Grad von Freiheit und Stärke entwickeln , als wer eine Fürstin in goldenen Zimmern findet , wo auch die leiseste Störung scheu nicht in die Nähe zu treten wagt . Nur die sentimentale , eine Jugendliebe , die Raserei der Liebe wächst unter erschwerenden Umgebungen - die Romanschreiber , die den Satz überall gelten lassen , verstehen nichts davon . Wie käme jeder arme Novellist in seiner kleinen Bürgerstadt mit seinen paar Papiertalern Honorar in Kreise , wo die Spirallinien des Wunsches in weiten freien Bogen springen ! Daß so wenige von den äußerlich Begünstigten Romane schreiben , daß diese freieste schönste Dichtungsart so fast lediglich den armen Teufeln überlassen ist , bringt soviel Jämmerlichkeit , zusammengeschnürte Herzen in unsere Poesie . - Es ist ein ander Ding , daß die Liebe durch Hindernisse wachse - wer möchte das leugnen , aber der Feind muß des Kampfes wert , der Feind muß gewaltig die höheren Tätigkeiten aufregend sein , - wer und was ist denn aber der gewöhnliche Feind Eurer Liebschaften ? Ein kleines Kastenherz , das die lebendigsten Pulsschläge als zu kühn und illegitim fürchtet , jämmerliche Furcht vor einigen herkömmlichen Rücksichten , die nicht erlaubt glücklich zu sein , weil ' s tausend andere Hasen nicht gewesen sind , altes Weibergeschwätz , der sogenannte Ruf , d.h. das Klatschthema aller mittelmäßigen Menschen . Solch ein Feind stärkt nicht , aber er lähmt . Man kämpft gegen einen ausgestopften Wanst , in welchem das Schwert stecken bleibt , was den Arm ermüdet , das mutige Herz aber mit Ekel erfüllt . Ich erinnere mich eines Universitätsbekannten , der den Umgang mit einem liebenswürdigen Mädchen aus lauter bürgerlicher Verzweiflung aufgab ; sowie er bei ihr saß , kam die Frau Muhme und die Frau Base und die Frau Nachbarin , und wenn er die losgeworden war , der Herr Gevatter und der Herr Bruder Handschuhmacher und der Papa und die ältere unversorgte Schwester und sprachen von den Stunden der Andacht , von den schlechten Zeiten , von der Sittenverderbtheit und noch einmal von schlechten Zeiten , daß der Mensch immer zum Tode abgemattet von seinem Liebchen kam und ein Ende machte , um nicht vor Ärger , Langerweile , unbefriedigtem Sehnen , verplatteter Empfindung aufgerieben zu werden . Der Gegensatz von all den Dingen zeitigte allerdings wie klarer Sonnenschein meine Neigung zur Fürstin . Ihr sogenannter Gemahl zählte gar nicht ; einmal gehorchte er seiner Frau unbedingt und war ein kläglicher Pantoffelritter , zweitens war er ein abgestumpfter Mensch , der ein ordinärliederliches Leben geführt hatte ; ferner beschäftigte ihn eine kindische Eitelkeit mit soviel andern Gegenständen , daß er keine Zeit und keinen Zugang für den Gedanken hatte , seiner Frau könne ein anderer Mann gefallen , endlich war er meist verreist . Während ich bei seiner Frau saß , ließ er sein nobles Pharospiel bewundern , seine schönen Pferde preisen , sein vielwisserisches fades Gespräch geistreich schelten . Der Bruder der Fürstin war sein Genoß und störte uns ebensowenig . Aber des Fürsten Bruder war ein kräftiger Feind , denn er liebte seine Schwägerin mit Leidenschaft . Doch davon später . Ich wollte Dir nur dartun , wie das Behagliche aller Umgebungen mich hineinlockte in das Zauberschloß zur schönen Fee , wie ich so lange einen Engel gleich Desdemona ihr nachsetzen konnte . Sie hatte mich das erstemal in einem großen Gesellschaftszimmer empfangen ; als ich den andern Tag wiederkam , fand ich sie in einem kleinen lauschigen Gemache . Schwere grünseidene Gardinen mit glänzenden Goldtroddeln verhüllten zwei hohe Fenster , der Fußboden war ein bunter Blumenteppich , an der einen Wand hingen zwei große Ölgemälde , Joseph , eh ' er zu dem einfältigen Entschlusse kommt , sich der Potiphara zu entreißen , und Leda , als sie brünstig ihren Schwan küßt ; an der Wand gegenüber stand ein rotseidener Diwan , über welchem ein vortrefflicher Kupferstich hing , Jupiter darstellend , wie er in goldenen Regenstrahlen zur Danaë kommt . Das Zimmer war sonst fast leer , ein breiter Spiegel strahlte den Diwan zurück und umarmte strahlend den keuschen Israeliten und die begehrliche Leda , ein reicher kleiner Tisch mit Erfrischungen bedeckt stand neben dem Sofa . Es war die leichte heitere griechische Freiheit , die über das ganze Zimmer gegossen war ; ich hasse nichts so , als die mit Herrlichkeiten überladenen Gemächer , wo man bei jedem Schritt befürchten muß , etwas zu zertreten . Die Fürstin stand vor dem Spiegel und rollte eine Locke an den Fingern auf . Ich habe nie etwas Schöneres gesehen als dies Weib in jenem Augenblicke an jenem Abende . Sie trug einen leicht seidenen weißen Rock , hoch geschürzt mit einem Florüberwurf , nach Art der sarmatischen Überkleider geschnitten . Beide waren natürlich vorn offen und schlugen sich , wenn sie ging , zurück , so daß man das weiße Unterkleid und die sich rund hervordrängenden Umrisse des Schenkels und Beines sah . Schultern , Hals und Arme waren frei , die kurzen herunterhängenden polnischen Florärmel fielen zurück wenn , sie den Arm hob . Titian hat nie ein schöneres Fleisch gemalt . Sie war ungeschnürt , und der volle Busen drängte die schwache Seide wie ein volles Herz die kleinen gesellschaftlichen Rücksichten . Ihr reiches blondes Haar fiel in reichen Locken um das Haupt . Der gewöhnliche scharfe Ernst ihrer Züge war gemildert , und sie ging anfänglich in launigen Gesprächen wohl eine Viertelstunde lang im Zimmer auf und ab . Es mochte wohl Eitelkeit sein , ihre in Schönheitslinien sich schaukelnde Figur zu zeigen . Aber ich liebe diese Eitelkeit , und die stets sitzenden Frauen kommen mir wie fette Türkinnen vor , die mich nie reizen könnten . Das freieste Wort , die freieste Sprache des Körpers ist der Gang . Diese vornehme Keckheit , mit der sie ihre Reize offenen Auges , offener Stirn auftreten läßt , erfreut und stärkt meine Sinne . Es ist eine kühne Gesundheit darin . Jenes verdeckte , versteckte Kokettieren mit nackten Eckchen und Zipfelchen ist der bare Gegensatz davon und mir in der Seele zuwider . Parallel damit geht auch die krankhafte Beschreibung solcher hysterischen Schönheiten , wie sie in den sogenannten schlüpferigen Romanen zu finden . Beides schwächt die Sinne . Die Natur in ihrer ungeschminkten Schönheit , in ihrer Nacktheit ist immer edel und schön , ihre Verkünstelung ist krankhaft . Weil der Novellist nicht den Mut hat , die unverhüllte Form zu zeigen , so hat er auch nicht den Mut , sie zu bewundern , und er gibt Dekokte für die bare Schönheit . Darin besteht ja die Fülle von Vollkommenheit in der Poesie , daß ihr alle Künste zu Gebote stehen , und wer die plastische verdirbt und einen löcherigen Mantel über die nackte Statue wirft , bestiehlt den Roman . Was gäbe ich darum , schrieben unsere Bildhauer Novellen , das könnte eine stärkende Kur werden ; was gäbe ich darum , lebten noch zwei Heinse , die einfachen Homöopathen der Beschreibung . Das ist es , worin ich ganz mit Valer übereinstimme , nur , daß er mit größerer Vorliebe den weichen Formen des Praxiteles nachgeht , ich die dreisten Linien des Phidias vorziehe . William hat gar kein Verständnis dafür , und ich fürchte , der kleine Provenzale nimmt mehr das Lüsterne heraus , was ich ganz verwerfe , weil es entnervt . Die Fürstin sprach von den Männern ; ich mußte ihr von Weibern erzählen . Sie hatte viele von unseren einbalsamierten Herren kennen gelernt , deren Gestalt nur hier herumläuft und deren Geist in Erziehung , Liederlichkeit oder Furcht verflüchtigt ist . Wenn das Gegenteilige ihr begegnet war , so hatte es aus jener materiellen , rohen , ich möchte sagen , bestialischen Soldatenkraft bestanden , die schon seit vielen Jahrhunderten unsere höher gestellten Stände für ein Axiom der Bildung ansehen . Es ist diese Barbarei ein Kindlein des Mittelalters und eigentlich ein diplomatischer Streich des Adels . Als das Rittertum verschwand , pachteten sie die vornehme Soldaterei und Jagd ; sie ahnten etwas vom Kriegerstande der Ägyptier und Inder und wollten die herrschende Partei , welche mit des Schwertes Kraft das Land erobert hat , fortspielen . Unterdes ist die Welt mit ihrer Zivilisation weit über jene behelmten Häupter hinausgewachsen , darum sehen wir jetzt unter den sogenannten höheren Ständen eine solche Menge barbarischer Fratzen mit lächerlichen Schnurrbärten von einem Ohr bis zum andern , die noch immer der ernstlichen Meinung sind , sie hätten das Privilegium der Courage . Gemütern , die alle zivilisierten Anlagen zum Herrschen besitzen , also ein Wort aus Erfahrung darüber reden können , muß dieser Vandalismus greulich sein . Das klagte die Fürstin , und es beschlich sie , nachdem die Schärfe des Wortes lange genug gemäht hatte , eine leise Wehmut , die ihr sonst gar nicht eigen , darum aber doppelt verführerisch an ihr war . Männersehnsucht , Männertrauer , Tränen nach Männern sind die schärfsten Waffen eines stolzen Weibes . Sie erobert , indem sie um Gnade bittet . Ich fühlte die reiche Armut des einsamen , hochgestellten Weibes , ich fühlte meine Kraft sie zu halten und zu beglücken . » Arme reiche Frau « - sprach ich , blieb vor ihr stehen , faßte ihre beiden Hände , führte sie an meine Lippen und sah ihr drängend tief in die Augen hinein . Sie legte ihre Arme auf meine Schultern und gab mir die Blicke feucht und redlich zurück . Aber es war , als kämen sie aus einer weiten , fernen Dämmerung , als wären sie Träume von reizenden Sternbildern ; sie schauten wie aus den Wogen tiefer Gedanken , sie sahen träumerisch , aber unendlich glücklich aus , diese Blicke . Es war , als bückte sich die Seele des hohen Weibes tief vor ihnen . Die starren Kräfte des kalten schönen Gesichts waren gebrochen , die Züge sanken in die Knie zu zauberhafter Milde , wehmütiger Freundlichkeit . Venus stieg aus dem Meeresschaum , und die schäumenden Wellen fielen plätschernd von ihr , und sie ward ganz das warme Weib . Lange sahen wir uns so in die Augen , näher und näher sie aneinander drängend . Keines sprach . Wenn sich die Seele unter Schmerz und Lust und Tränen nackt an den Tag drängt , da staucht und hemmt sie erst das vorlaute Wort , die dreiste Kehle , wie man ein Wehr hemmt , wenn man die Tiefe des Wassers trocken und nackt sehen will . Endlich lispelte die Fürstin leise , so leise , daß es nur mit Mühe mein innerster Mensch erlauschte : » Du bist ein Mann « , und ich fühlte einen brennend heißen Kuß auf meinem Munde . Sie schlug die schönen Arme um mich , ich hob sie dicht zu mir und hielt sie , die halb schwebende , die ihre brennende Wange an mein Auge drückte und so eine Minute in meiner Umarmung verweilte . Dann hob sie den Kopf , drückte mein Gesicht in ihre Hände und küßte mich einige Male heftig , machte sich halb los von mir , warf Haupt und Locken in den Nacken zurück und mich mit halbgeschlossenen Augen betrachtend lächelte sie und nickte leise mit dem Kopfe . » Komm , Mann , « sprach sie , legte den Arm auf meine Schultern und ging mit mir einige Male im Zimmer auf und ab , hie und da blieben wir stehen und küßten uns inbrünstig , und meine passive , mir so ungewohnte Rolle von mir werfend , drückte ich die vollen straffen Glieder des schönen Weibes an mich und schleuderte die lodernden Funken der Sinnlichkeit verschwenderisch um uns herum , umschlang sie wie ein Löwe sein Weib , überließ mich ganz der heiteren Kraft meines Wesens , und küßte sie , bis sie weich und erschöpft in meinen Armen zusammenbrach , da hob ich sie , einen Arm um ihren Leib schlagend , die Hand an ihren Busen drängend , an meine Seite und ging , sie halb tragend , mit ihr durchs Zimmer . Vor dem Spiegel blieb ich stehen und zeigte ihr unser Bild . Sie wollte den Stolz ihres Wesens aufrichten , aber es gelang ihr nicht , sie ließ das Haupt nach vornhin gebeugt sinken und sah mit einem lächelnd naiven Ausdrucke , dessen ich sie gar nicht fähig gehalten hätte , auf unsere Gruppe im Spiegel . - - Die Stunden waren geflogen , wir saßen auf dem Diwan und ich mußte ihr Liebesgeschichten erzählen . Sie meinte , eifersüchtig sei sie nicht auf die Vergangenheit . Dennoch konnte ich keine Geschichte zu Ende bringen , ohne daß sie mich da , wo sie anfing interessant zu werden , auf den Mund schlug , stillschweigen hieß , aufstand , einen Gang durchs Zimmer machte , dann vor mir stehen blieb , zausend in meine Haare griff und halb zornig , halb lachend sagte : » Du hättest wohl auf mich warten können mit Deinem Lieben , dreister Mensch . « Ich lachte und zog sie an meine Brust , und drückte die Hand in ihren Busen , um den Pulsschlag ihres Herzens zu fühlen , und als ich ihr sagte , sie hätte ja kein Herz , da schlug sie mich ins Gesicht und ging hinweg . Ich sprang ihr nach - » still , « sagte sie - » Du mußt jetzt fort , es wird zu spät , meine Dienerschaft kümmert mich zwar nicht ; aber es reizt mich , nichts vor dem besorgten Bürgerweibe voraus zu haben - man soll Dich fortgehen sehen . Dieser Schlüssel - sie nahm ihn von jenem kleinen Tische am Diwan - schließt die westliche Gartenpforte , ich habe ihn selbst heut mittag für Dich abgezogen , Du Schuft ; in einer Stunde kannst Du zurückkehren . Schwing Dich auf den niedrigen Balkon an der Ostseite des Hauses , die mittlere Flügeltüre findest Du offen , geh dann durch die nächsten drei Gemächer bis in das Bibliothekzimmer , dort erwarte mich . Adieu , Mann meiner Liebe ! « - - - Das Palais liegt , wie Du weißt , halb im Freien ; ich wollte in frischer Luft und Nacht die Stunde verbringen und schlenderte auf die Promenade und auf die Wege , die zu den umliegenden Gärten führen . Aus einem etwas seitab liegenden Gartenhause hör ' ich Musik , eine Singstimme zum Klavier , und zwar Juliens Arie aus der Vestalin , die ich liebe . Ich gehe hinan , und aus einem hohen Parterrezimmer klingt die schöne volle Frauenstimme . Ein Gartenschemel , der in der Nähe steht , soll mir die Aussicht ins Zimmer gewähren , er wird unters Fenster getragen , ich steige hinauf und sehe eine Dame im schwarzseidenen Überrocke , mir den Rücken zukehrend , am Klavier sitzen . Die Arie ist zu Ende , sie läßt die Hände in den Schoß , den Kopf nach vorn niedersinken . Ich rege mich nicht . Sie hebt eine Hand und fährt leise mit ihr auf den Tasten herum . Dabei bewegt sie den Kopf ein wenig nach der Seite , ich sehe das Profil , es ist - Desdemona . » Guten Abend , Desdemona ! « - Sie fährt auf , sieht , erkennt mich , springt ans Fenster , greift nach meiner Hand , bedeckt sie mit Küssen und spricht : » Mein liebster Hippolyt . « Sie fragt nach nichts , sie schilt nicht , sie gießt nur ihre Seele aus dem Auge in das meine ; wir schwatzen kosend wie zwei Vögel , die auf zwei Ästen sitzen , da schlägt es elf . » Einen Kuß , Desdemona , ich gehe . « Und das liebe Weib biegt sich weit heraus und bietet mir ihr Auge hin . » Gut ' Nacht , Hippolyt , « sagt sie - Gut ' Nacht , Desdemona , und die Vöglein flattern voneinander . In wenig Minuten war ich an der Gartentür , auf dem Balkon , im Bibliothekzimmer , ich suchte mir Heinses Ardinghello , streckte mich aufs Sofa , und las beim Schein der Astrallampen , die den weiten Raum erhellten .