fragte Daumer , was er treibe . Caspar richtete den bis zur Trunkenheit vertieften Blick auf ihn und antwortete leise : » Ich war im großen Haus ; die Frau hat mich bis zum Springbrunnen im Hof geführt . Sie hat mich zu einem Fenster hinaufschauen lassen ; droben ist der Mann im Mantel gestanden , sehr schön anzuschauen , und hat etwas gesagt . Danach bin ich aufgewacht und habs geschrieben . « Daumer machte Licht , nahm das Blatt , las , warf es wieder hin , ergriff beide Hände Caspars und rief halb bestürzt , halb erzürnt : » Aber Caspar , das ist ja ganz unverständliches Zeug ! « Caspar starrte auf das Papier , buchstabierte murmelnd und sagte : » Im Traum hab ich ' s verstanden . « Unter den sinnlosen Zeichen , die wir aus einer selbsterdachten Sprache waren , stand am Ende das Wort : Dukatus . Caspar deutete auf das Wort und flüsterte : » Davon bin ich aufgewacht , weil es so schön geklungen hat . « Daumer fand sich verpflichtet , den Bürgermeister von den Beunruhigungen Caspars , wie er es nannte , in Kenntnis zu setzen . Was er befürchtet hatte , geschah . Herr Binder der Sache eine große Wichtigkeit bei . » Zunächst ist es geboten , dem Präsidenten Feuerbach einen möglichst ausführlichen Bericht zu geben , denn aus diesen Träumen können sicherlich ganz bestimmte Schlüsse gezogen werden « , sagte er . » Dann mache ich Ihnen den Vorschlag , mit Caspar einmal in die Burg hinaufzugehen . « » In die Burg ? Warum das ? « » Es ist so eine Idee von mir . Da er immer von einem Schlosse träumt , wird ihn der Anblick eines wirklichen Schlosses vielleicht aufrütteln und uns bestimmtere Anhaltspunkte geben . « » Ja , glauben Sie denn an eine reale Bedeutung dieser Träume ? « » Ganz unbedingt . Ich bin davon überzeugt , daß er bis zu seinem dritten oder vierten Lebensjahr in einer derartigen Umgebung , gelebt hat und daß mit dem neuen Erwachen zum Leben und zum Selbstbewußtsein die Erinnerungen an die frühere Existenz auf dem Weg der Träume Form und Inhalt gewinnen . « » Eine sehr naheliegende , sehr nüchterne Erklärung « , bemerkte Daumer gallig . » Also der Hintergrund dieses Schicksals wäre nichts weiter als eine gewöhnliche Räubergeschichte . « » Eine Räubergeschichte ? Mir recht , wenn Sie es so nennen . Ich verstehe nicht , weshalb Sie sich dagegen wehren . Soll der Jüngling aus dem Mond heruntergefallen sein ? Wollen Sie irdische Verhältnisse für ihn nicht gelten lassen ? « » O gewiß , gewiß ! « Daumer seufzte . Dann fuhr er fort : » Ich schmeichelte mir mit andern Hoffnungen . Das Grübeln und Verlangen nach rückwärts ist eben das , was ich Caspar ersparen wollte . Gerade das Freie , Freischwebende , Schicksallose war es ja , was mich so stark an ihm ergriffen hat . Außerordentliche Umstände haben diesen Menschen mit Gaben bedacht , wie kein andrer Sterblicher sich ihrer rühmen kann ; und das soll nun alles verkümmern , abgelenkt werden in das Gleis von Erlebnissen , die ja an sich tragisch genug sein mögen , aber doch nichts Ungemeines an sich haben . « » Ich verstehe , Sie wollen den mystischen Nimbus nicht zerstören « , versetzte der Bürgermeister mit etwas pedantischer Geringschätzung . » Aber wir haben größere Pflichten gegen den Mitmenschen Caspar Hauser als gegen das Unikum Caspar Hauser . Lassen Sie sich das ernstlich gesagt sein , lieber Professor . Es erscheinen heutzutage keine Engel mehr , und wo Unrecht geschehen ist , muß Sühne sein . « Daumer zuckte die Achseln . » Glauben Sie denn , daß Sie damit etwas zum Heile Caspars tun ? « fragte er mit einem Ton von Fanatismus , der dem Bürgermeister lächerlich erschien . » Nur Erdenschwere und Erdenschmutz heften Sie ihm an . Schon jetzt erhebt sich ja ein Gezänke um ihn , daß mir mein Anteil an seiner Sache verbittert wird . Es werden böse Geschichten zutage kommen . « » Das sollen sie ; wenn sie nur zutage kommen « , erwiderte Binder lebhaft . » Im übrigen tue jeder , was seines Amtes . « Am nächsten Vormittag stellte sich der Bürgermeister in Daumers Wohnung ein , und sie gingen mit Caspar zur Burg hinauf Herr Binder läutete an der Pförtnerwohnung ; der Pförtner kam mit einem großen Schlüsselbund und geleitete sie hinüber . Als sie vor dem mächtigen zweiflügeligen Tor standen , war es , als ob sich Caspars Gesicht plötzlich entschleiere . Er reckte sich auf , sein Oberleib bog sich nach vorn , und er stammelte : » So eine Tür , genau so eine Tür . « » Was meinst du , Caspar , was schwebt dir vor ? « fragte der Bürgermeister liebevoll . Caspar antwortete nicht . Mit gesenktem Auge und nachtwandlerischer Langsamkeit schritt er durch die Halle . Die beiden Männer ließen ihn vorangehen . Immer nach ein paar Schritten blieb er stehen und sann . Seine Erschütterung wuchs zusehends , als er die breite Steintreppe hinaufstieg . Oben blickte er sich seufzend um ; sein Gesicht war bleich , die Schultern zuckten . Daumer hatte Mitleid mit ihm und wollte ihn seiner Hingenommenheit entreißen , doch wie er zu sprechen begann , sah ihn Caspar mit einem fernweilenden Blick an , lispelte : » Dukatus , Dukatus « und lauschte dabei , als wolle er dem Wort einen heimlichen Sinn abhorchen . Er gewahrte die lange Reihe der Burggrafenbildnisse an den Wänden , er schaute durch die Flucht der offenen Säle , er stand in der Galerie und schloß die Augen , und endlich , auf eine leise Frage des Bürgermeisters , wandte er sich um und sagte mit erstickter Stimme , es sei ihm so , als habe er einmal ein solches Haus gehabt , und er wisse nicht , was er davon denken solle . Der Bürgermeister sah Daumer schweigend an . Nachmittags suchten sie Herrn von Tucher auf und entwarfen in Gemeinschaft mit ihm den Bericht an den Präsidenten Feuerbach . Das ausführliche Schreiben wurde noch selbigen Tags zur Post gegeben . Sonderbarerweise erfolgte darauf weder ein Bescheid noch überhaupt ein Zeichen , daß der Präsident das Schriftstück erhalten habe . Der Brief mußte verlorengegangen oder gestohlen worden sein . Baron Tucher ließ unter der Hand und auf privatem Weg bei Herrn von Feuerbach anfragen , und man erfuhr wirklich , daß dieser von nichts wisse . Unruhe und Bestürzung bemächtigte sich der drei Herren . » Sollte da ein unsichtbarer Arm im Spiel sein wie bei jenem Zettel , den man mir ins Fenster geworfen hat ? « meinte Daumer ängstlich . Nachforschungen bei der Post hatten kein Ergebnis , und so ward der Bericht zum zweitenmal abgefaßt und durch einen sicheren Boten dem Präsidenten persönlich eingehändigt . Feuerbach erwiderte in seiner kategorischen Art , daß er die Sache im Auge behalten wolle und sich aus naheliegenden Gründen einer schriftlichen Meinungsäußerung enthalte . » Ich entnehme aus dem Gesundheitsattest des Amtsarztes , worin bei einem sonst befriedigenden Befund von Caspars bleicher Gesichtsfarbe die Rede ist , daß es dem jungen Menschen an regelmäßiger Bewegung in freier Luft fehlt « , schrieb er ; » hier ist Abhilfe dringend nötig . Man lasse ihn reiten . Es ist mir der Stallmeister von Rumpler dort selbst empfohlen worden . Hauser soll dreimal wöchentlich eine Reitstunde bei ihm nehmen , die Kosten soll der Stadtkommissär auf Rechnung setzen . « Vielleicht waren es die Träume , die Caspar blaß machten . Fast jede Nacht befand er sich in dem großen Haus . Die gewölbten Hallen waren von silbernem Licht durchflutet . Er stand vor der geschlossenen Tür und wartete , wartete ... Endlich eines Nachts , die dämmernden Räume des großen Hauses dehnten sich schweigend und leer , tauchte vom untersten Gang her eine schwebende Gestalt auf . Caspar dachte zuerst , es sei der Mann im weißen Mantel ; aber als die Gestalt näherkam , gewahrte er , daß es eine Frau war . Weiße Schleier umhüllten sie und flogen bei den Schultern durch den Hauch eines unhörbaren Windes empor . Caspar blieb wie festgewurzelt stehen ; sein Herz tat ihm wehe , als hätte eine Faust danach gegriffen und es gepackt , denn das Antlitz der Frau zeigte einen solchen Ausdruck des Kummers , wie er ihn noch an keinem Menschen bemerkt . Je näher sie kam , je furchtbarer schnürte sein Herz sich zusammen ; ernst schritt sie vorbei ; ihre Lippen nannten seinen Namen , es war nicht der Name Caspar , und doch wußte er , daß es sein Name war oder daß ihm allein der Name galt . Sie hörte nicht auf , denselben Namen zu nennen , und als sie schon wieder in weiter Ferne war und die Schleier wie weiße Flügel um ihre Schultern flatterten , hörte er immer noch den Namen ; da wußte er , daß die Frau seine Mutter war . Er wachte auf , in Tränen gebadet ; und als Daumer kam , stürzte er ihm entgegen und rief : » Ich hab sie gesehen , ich hab meine Mutter gesehen , sie war es , sie hat mit mir gesprochen ! « Daumer setzte sich an den Tisch und stützte den Kopf in die Hand . » Sieh mal , Caspar « , sagte er nach einer Weile , » du darfst dich solchen Wahngebilden nicht gläubig hingeben . Es bedrückt mich aufrichtig und schon lange . Es ist , wie wenn jemand in einem Blumengarten lustwandeln darf und , statt freudigem Genuß sich zu überlassen , die Wurzeln ausgräbt und die Erde durchhöhlt . Versteh mich wohl , Caspar ; ich will nicht , daß du auf das Recht verzichtest , alles zu erfahren , was auf deine Vergangenheit Bezug hat und auf das Verbrechen , das an dir verübt wurde . Aber bedenke doch , daß Männer von reicher Erfahrung , wie der Herr Präsident und Herr Binder , dafür am Werke sind . Du , Caspar , solltest vorwärts schauen , dem Lichte leben und nicht der Dunkelheit ; im Lichte ruht dein Dasein , dort ist das Glück . Jeder Mensch von Vernunft kann , was er will ; tu mir die Liebe und wende dich ab von den Träumen . Nicht umsonst heißt es ja : Träume sind Schäume . « Caspar war bestürzt . Der Gedanke , daß in seinen Träumen keine Wahrheit sein solle , wurde ihm zum erstenmal entgegengehalten , aber zum erstenmal war die eigne Gewißheit von einer Sache fester als die Meinung seines Lehrers . Das zu empfinden , bereitete ihm keine Genugtuung , sondern Bedauern . Religion , Homöopathie , Besuch von allen Seiten So war es Dezember geworden , und eines Morgens fiel der erste Schnee des verspäteten Winters . Caspar wurde nicht müde , dem lautlosen Herabgleiten der Flocken zuzuschauen ; er hielt sie für kleine beflügelte Tierchen , bis er die Hand zum Fenster hinausstreckte und sie auf der warmen Haut zerrannen . Garten und Straße , Dächer und Simse glitzerten , und durch das Flockengewühl kroch lichter Nebeldampf wie Hauch aus einem atmenden Mund . » Was sagst du dazu , Caspar ? « rief Frau Daumer . » Erinnerst du dich , daß du mir nicht glauben wolltest , als ich dir einmal vom Winter erzählte ? Siehst du , wie alles weiß ist ? « Caspar nickte , ohne einen Blick von draußen zu wenden . » Weiß ist alt , « murmelte er , » weiß ist alt und kalt . « » Um elf Uhr hast du Reitstunde , Caspar , vergiß es nicht « , mahnte Daumer , der in seine Schule ging . Eine überflüssige Sorge ; das vergaß Caspar nicht , allzu lieb war ihm schon das Reiten geworden seit der kurzen Zeit , wo er damit begonnen . Er liebte Pferde , war ihm doch ihre Gestalt gar sehr vertraut . Es kam vor , daß abendliche Schatten als schwarze Rosse vorüberstürmten , erst am feurigen Rand des Himmels haltmachten und ihn mit zurückschauendem Blick aufforderten , sie in die unbekannte Ferne zu geleiten . Auch im Wind sausten Rosse , auch die Wolken waren Rosse , in den Rhythmen der Musik hörte er das taktbemessene Traben ihrer Hufe , und wenn er in glücklicher Stimmung an etwas Edles und Vollkommenes dachte , sah er zuerst das Bild eines stolzen Rosses . Beim Reitunterricht hatte er von Anfang an eine Gewandtheit gezeigt , die das größte Erstaunen des Stallmeisters erregt hatte . » Wie der Bursche sitzt , wie er den Zügel hält , wie er das Tier versteht , das muß man sich anschauen « , sagte Herr von Rumpler ; » ich will hundert Jahre in der Hölle braten , wenn das mit rechten Dingen zugeht . « Und alle , die etwas von der Sache verstanden , redeten ähnlich . Ei , wie selig war Caspar beim Trab und Galopp ! Dies Ziehen und Fliehen , dies leichte Getragensein , hinaus und vorwärts , dies sanfte Auf und Ab , das Lebendigsein auf Lebendigem ! Wenn nur nicht die Leute so lästig gewesen wären . Beim ersten Ausritt mit dem Stallmeister wurden sie von einem ganzen Pöbelhaufen verfolgt und selbstgesetzte Bürger blieben stehen und lachten erbittert vor sich hin . » Der verstehts « , höhnten sie , » der hat sich ein Bett gemacht , so muß mans anfangen , damit einem warm wird . « Auch heute war solch ein unbequemes Aufsehen . Der Himmel hatte sich geklärt , und die Sonne schien , als sie durch die Engelhardtsgasse ritten . Eine Rotte von Knaben zog hinter ihnen drein , und rechts und links wurden die Fenster aufgerissen . Der Stallmeister gab seinem Tier die Sporen und trieb Caspars Pferd mit der Peitsche an . » Man kommt sich ja , parbleu , wie ein Zirkusreiter vor « , rief er zornig . Sie sprengten bis zum Jakobstor . » He ! Holla ! « rief da eine Stimme , und aus einer Seitengasse kam , ebenfalls zu Pferde , Herr von Wessenig auf sie zu . Rumpler begrüßte den Offizier , und der Rittmeister gesellte sich an Caspars Seite . » Prächtig , lieber Hauser , prächtig ! « rief er mit übertriebener Verwunderung , » wir reiten ja wie ein Indianerhäuptling . Und das alles hat man erst bei den braven Nürnbergern gelernt ? Nicht zu glauben . « Caspar hörte nicht den verfänglichen Unterton der Rede ; er blickte den Rittmeister dankbar und geschmeichelt an . » Aber denk dir , Hauser , was ich heute bekommen habe « , fuhr der Rittmeister fort , den es juckte , mit Caspar einen Spaß zu haben . » Ich hab etwas bekommen , was dich höchlichst angeht . « Caspar machte ein fragendes Gesicht . Vielleicht war es der edelruhige Ausdruck seiner Züge , der den Rittmeister zögern ließ . » Ja , ich habe etwas bekommen « , wiederholte er dann eigensinnig , » ein Brieflein hab ich bekommen . « Er hatte den einfältigen Ton , den die Erwachsenen annehmen , wenn sie mit Kindern scherzen , und der lauernde Blick in seinen Augen besagte etwa : wollen mal sehen , ob er Angst kriegt . » Ein Brieflein ? « entgegnete Caspar , » was steht denn drinnen ? « » Ja « , rief der Rittmeister und lachte knallend , » das möchtest du wohl wissen ? Wichtige Sachen stehen drin , wichtige Sachen ! « » Von wem ist es denn ? « fragte Caspar , dem das Herz erwartungsvoll zu pochen anfing . Herr von Wessenig zeigte seine Zähne und stellte sich vor Vergnügen in die Steigbügel . » Nun rate mal , « sagte er , » wir wollen mal sehen , ob du raten kannst . Von wem kann das Brieflein sein ? « Er zwinkerte Herrn von Rumpler verständnisinnig zu , indes Caspar den Kopf senkte . Es quoll auf einmal Traumluft um Caspars Sinne , und eine Hoffnung liebkoste ihn , die den kargen Tag verleugnete . Aus ihren Schleiern erhob sich die kummervolle Traumfrau und schwebte still vor den drei Rossen dahin . Jäh blickte er empor und sagte mit zögernden Lippen : » Ist vielleicht von meiner Mutter der Brief ? « Der Rittmeister runzelte ein wenig die Stirn , als ob es ihm bedenklich schiene , den Schabernack zu weit zu treiben , doch entäußerte er sich schnell der ernsten Regung , klopfte Caspar auf die Schulter und rief . » Erraten , Teufelskerl ! Erraten ! Mehr sag ich aber nicht , Freundchen , sonst könnt es mir übel bekommen . « Und mit dem letzten Wort setzte er sich fester in den Sattel und sprengte davon . Eine Viertelstunde später kam Caspar atemlos nach Hause . Daumers saßen schon bei Tisch , sie schauten dem Ankömmling gespannt entgegen , und Anna erhob sich unwillkürlich , als Caspar mit schweißbedeckter Stirne neben den Sessel ihres Bruders trat und mit gebrochener Stimme hervorjubelte : » Der Herr Rittmeister hat einen Brief bekommen von meiner Mutter ! « Daumer schüttelte erstaunt den Kopf . Er versuchte Caspar begreiflich zu machen , daß ein Mißverständnis oder eine Täuschung obwalten müsse ; Mutter und Schwester unterstützten ihn darin nach Kräften . Es war umsonst . Caspar faltete flehentlich die Hände und bat , Daumer möge mit ihm zu Herrn von Wessenig gehen . Dessen weigerte sich Daumer entschieden , doch als Caspars Aufregung wuchs , erklärte er sich bereit , allein zu Herrn von Wessenig zu gehen . Er aß schnell seinen Teller leer , nahm Hut und Mantel und ging . Caspar lief zum Fenster und sah ihm nach . Er wollte sich nicht zu Tisch begeben , ehe Daumer wieder da war . Er zerknüllte das Taschentuch in der Hand , rasch atmend starrte er gegen den Himmel und dachte : Wenn ich dich liebhaben soll , Sonne , mach , daß es wahr ist . So wurde es ein Uhr , und Daumer kam zurück . Er hatte den Rittmeister zur Rede gestellt und eine heftige Auseinandersetzung mit ihm gehabt . Herr von Wessenig hatte die Sache zuerst humoristisch genommen , damit lief er aber bei Daumer übel ab , dem ohnehin das hämische Gerede , das ihm täglich zugetragen wurde , Verdruß genug erregte . Erst gestern hatte man ihm erzählt , auf einer Assemblee bei der Magistratsrätin Behold habe sich ein angesehener Aristokrat über ihn lustig gemacht als über den Meister somnambuler und magnetischer Geheimkunst , der Caspar Hauser feierlich den Zaubermantel unter die Füße breite ; aber statt in den Äther zu entschweben , wie jedermann erwarte , bleibe der gute Caspar gemächlich sitzen und lasse sich ausfüttern . Solches nagte an Daumer , und er hatte es dem Rittmeister ins Gesicht gesagt , daß ihn das scheele Geschwätz der nichtstuenden eleganten Welt gleichgültig lasse . » Bin ich auch eher auf Hilfe und Zustimmung als auf Verteidigung und Abwehr gefaßt gewesen , so weiß ich doch genau , daß das erstarrte Herz von Ihnen und Ihresgleichen nicht um einen Pulsschlag gefühlvoller schlagen wird « , rief er aus . » Das aber kann ich fordern , daß man den Jüngling , der unter meinem Schutz und dem des Herrn Staatsrats steht , wenigstens mit böswilligen Scherzen verschont . « Sprachs und ging . Einen Freund ließ er nicht zurück . Zu Hause ankommend und Caspars stummes Drängen wahrnehmend , sagte er mit mühsamer Milde : » Er hat dich zum Narren gehabt , Caspar . Es ist natürlich kein Wort wahr . Solchen Leuten mußt du auch nicht glauben . « » O ! « machte Caspar voll Schmerz . Dann war er still . Erst als Daumer sich nach der Mittagsrast zum Aufbruch anschickte , entriß sich Caspar seinem Schweigen und sagte in mattem und verändertem Ton : » Der Herr Rittmeister hat also nicht die Wahrheit gesagt ? « » Nein , er hat gelogen « , versetzte Daumer kurz . » Das ist schlecht von ihm , sehr schlecht « , sagte Caspar . Erstaunlich schien ihm zunächst die Tatsache des Lügens , erstaunlicher noch , daß sich ein so großer Herr ihm gegenüber der Lüge schuldig gemacht . Warum hat er das mit dem Brief gesagt , grübelte er , und stundenlang war er damit beschäftigt , sich des Rittmeisters Worte immer wieder von neuem vorzusagen und sich das Gesicht zurückzurufen , in welchem , von ihm nicht gewußt , die Lüge wohnte . Es war da etwas nicht in Ordnung . Er sann und sann und kam zu keinem Ende . Um sich auf andre Gedanken zu bringen , schlug er die Rechenfibel auf und ging an sein Tagespensum . Als auch dies nichts half , nahm er die Glasharmonika , die ihm eine Dame aus Bamberg geschenkt , und übte sich eine halbe Stunde lang in den simpeln Melodien , die er darauf zu spielen erlernt hatte . Plötzlich erhob er sich und trat vor den Spiegel . Starr blickte er sein eignes Gesicht an : er wollte sehen , ob Lüge darin sei . Trotz der Beklommenheit , die er dabei empfand , reizte es ihn , einmal selber zu lügen , nur um zu prüfen , wie nachher sein Gesicht aussehen würde . Ängstlich schaute er sich um , blickte dann wieder in den Spiegel und sagte leis : » Es schneit . « Er hielt das für eine Lüge , weil ja die Sonne schien . Nichts hatte sich in seinem Gesicht verändert : man konnte also lügen , ohne daß es jemand bemerkte . Er hatte geglaubt , die Sonne würde sich verfinstern oder verstecken , aber sie schien ruhig weiter . Am Abend kam Daumer mit einem neuen Ärger nach Hause . Von der Mutter gefragt , was es denn schon wieder gebe , zog er ein kleines Zeitungsblättchen aus der Tasche und warf es auf den Tisch . Es war der » Katholische Wochenschatz « , auf der ersten Seite stand eine Epistel über Caspar Hauser , die mit den fettgedruckten Lettern begann : Warum läßt man den Nürnberger Findling nicht der Segnungen der Religion teilhaftig werden ? » Ja , warum läßt man denn nicht ? « spottete Anna . » Und das wagt man in einer protestantischen Stadt « , sagte Daumer mit finsterem Gesicht . » Wenn diese Herren nur wüßten , was für eine unmäßige Furcht der Jüngling vor ihren Geistlichen hat . Während er noch auf dem Turm war , sind eines Tages vier zu gleicher Zeit bei ihm erschienen . Glaubt ihr vielleicht , sie hätten zu seinem Herzen geredet oder seine Andacht zu wecken gesucht ? Weit gefehlt . Sie schwatzten vom Zorn Gottes und von der Vergeltung der Sünden , und als er immer furchtsamer dreinsah , fingen sie an zu wettern und zu drohen , als ob der arme Mensch am nächsten Tag zum Galgen geführt werden sollte . Zufällig kam ich dazu und forderte sie höflich auf , ihre Bemühungen einzustellen . « Da Caspar ins Zimmer trat , wurde das Gespräch abgebrochen . Aber der Appell des » Katholischen Wochenschatzes « verhallte nicht ungehört . » Mit der Religion ist nicht zu spaßen « , sagten die Herren auf dem Magistrat , und einer drückte sogar den Zweifel aus , ob der Jüngling überhaupt getauft sei . Darüber ward eine Weile hin und her debattiert , doch ließ man die Frage schließlich fallen , und die Taufe ward als selbstverständlich angenommen , da man ja unter Christen in einem christlichen Lande lebe und der Jüngling auf keinen Fall aus der Tatarei kommen könne . Nicht so leicht war die Entscheidung über die katholische oder evangelische Konfession . Obgleich die Pfaffen in der Stadt wenig Macht besaßen , mußte man doch die obdachlose Seele dem hungrigen Rachen Roms entreißen , anderseits war man zu zaghaft für ein rauhes Zugreifen , weil es möglich war , daß eine einflußreiche Person über kurz oder lang ein Anrecht andrer Art geltend machen konnte . Der Bürgermeister wandte sich an Daumer und verlangte , Caspar solle einen Religionslehrer erhalten , man überlasse es Daumer , einen vertrauenswürdigen Mann zu bestimmen . » Wie wäre es mit dem Kandidaten Regulein ? « meinte Binder . » Ich habe nichts dagegen « , erwiderte Daumer gleichgültig . Der Kandidat wohnte im Daumerschen Haus zu ebener Erde und genoß den Ruf eines soliden und fleißigen Mannes . » Wenn ich selbst auch nicht kirchlich-fromm gesinnt bin « , sagte der Bürgermeister , » so ist mir doch die modische Freigeisterei von Herzen zuwider , und ich wünschte nicht , daß unser Caspar in ein ehrfurchtsloses Weltwesen gerät . Auch in Ihrer Absicht kann das nicht liegen . « Aha , ein Stich , dachte Daumer stillergrimmt , man beleidigt , verdächtigt mich schon wieder , ich bin niemand bequem , sehr ehrenwert , ihr Herren , sehr ehrenwert . Laut antwortete er : » Gewiß nicht . Ich habe es auch nicht fehlen lassen , in meiner Art auf ihn zu wirken . Und meine Art mag sein , wie sie will , sie ist nicht schlechter als jede andre . Leider haben mir allerhand Unberufene beständig hineingepfuscht . So war es mir in der ersten Zeit mit großer Mühe gelungen , den starren Eigensinn seines Schauens zu brechen und ihm einen Begriff von dem allmächtigen Trieb des Wachstums in der Natur zu geben . Kommt da ein Frauenzimmer an , während Caspar vor einem Blumentopf sitzt und mit seinem unschuldigen Staunen die über Nacht aufgesproßten Schößlinge betrachtet . Nun , Caspar , fragt sie einfältig , wer hat denn das wachsen lassen ? Es ist von selbst gewachsen , erwidert er stolz . Aber , Caspar , ruft jene , es muß doch jemand sein , der es hat wachsen lassen ? Er würdigte sie keiner Antwort mehr , aber die wohlwollende Dame ging hin und erzählte überall , Caspar werde zum Atheisten gemacht . Da hat man eben einen schweren Stand . « » Es handelt sich doch am Ende nur darum , ihm das Gefühl einer höheren Verpflichtung einzuimpfen « , sagte Binder . » Die hat er , die hat er , aber sein Verstand anerkennt eben in seinen Forderungen keine Grenzen und will durchaus befriedigt sein « , fuhr Daumer leidenschaftlich fort . » Gestern abend besuchten ihn zwei protestantische Geistliche , der eine aus Fürth , der andre aus Farnbach , der eine dick , der andre mager , alle beide eifrig wie kleine Paulusse . Sie machten mir erst allerlei Elogen , ich lasse sie zu Caspar hinein , und ehe man drei zählen kann , fangen sie eine Disputation mit ihm an . Ach , es war komisch , es war höchst komisch . Es kam die Rede auf die Erschaffung der Welt , und der Dicke aus Fürth sagte , Gott habe die Welt aus dem Nichts geschaffen . Und als nun Caspar wissen wollte , wie das zugegangen , stibitzten sie ihm die Erklärung vor der Nase weg , indem sie alle zwei händefuchtelnd auf ihn einredeten wie auf einen Heiden , der bei seinem Götzen schwört . Endlich beruhigten sie sich , und da sagte mein guter Caspar zutulich , wenn er etwas machen wolle , müsse er doch etwas haben , woraus er es mache , sie möchten ihm doch sagen , wie das bei Gott möglich sei . Da schwiegen sie eine Weile , flüsterten untereinander , und endlich antwortete der Magere , bei Gott sei alles möglich , weil er nicht ein Mensch sei , sondern ein Geist . Da lächelte mich Caspar an , denn er dachte , sie wollten sich über ihn lustig machen , und er stellte sich , als glaube er ihnen , was die beste Manier war , um sie loszuwerden . « Der Bürgermeister schüttelte mißbilligend den Kopf . Daumers Sarkasmus gefiel ihm ganz und gar nicht . » Es gibt auch eine gedachtere Ansicht von Gott als die , die sich so mühelos verspotten läßt « , wandte er ruhig ein . » Eine gedachtere Ansicht ? Ohne Zweifel . Vergessen Sie nur nicht , daß die der gemeinen durch und durch widerspricht . Und wenn ich sie ihm beizubringen suche , setze ich mich Vorwürfen und Mißkennungen aus . Nächstes Jahr soll er in die öffentliche Schule gehen , für einen Menschen von wenigstens achtzehn Jahren ohnedies eine Schwierigkeit , da würden nun meine Lehren wieder zunichte gemacht , und die Folge ist Konfusion . Schon jetzt fange ich an feig zu werden und speise ihn mit bequemen Antworten ab . Neulich konnte er eingetretener Augenschwäche halber nicht arbeiten , und er fragte mich , ob er von Gott , etwas erbitten dürfe und ob er es dann erhalten werde . Ich sagte , zu bitten sei ihm gestattet , doch müsse er es der Weisheit Gottes anheimstellen , ob er die Bitte gewähren wolle oder nicht . Er entgegnete , er wolle die Genesung seiner Augen erbitten und dawider könne ja Gott nichts einzuwenden haben , denn er gebrauche die Augen , um seine Zeit nicht in unnützen Gesprächen und Spielereien vergeuden zu müssen . Ich sagte darauf , Gott habe bisweilen unerforschliche Gründe , etwas zu versagen , wovon wir glaubten , daß es heilsam wäre , er wolle uns oft durch Leiden prüfen , in Geduld und Ergebung üben . Da ließ er traurig den Kopf hängen . Gewiß dachte er , ich sei