einen wichtigen Gedanken bemerkte , dann legte er ihr die Hände auf die Schultern und schaute ihr fest ins Gesicht . » Willst du , willst du nächsten Winter am Kadettenball meine Tänzerin sein ? Es wird dir nicht zur Unehre gereichen , denn im Spätherbst werde ich Offizier . Dann erscheine ich im Tanzsaal mit einem Schleppsäbel und einer breiten roten Schärpe ; Quasten und Fransen an der Schärpe , die bis ans Knie reichen ; in den Kragen und in die Aufschläge der Ärmel ( schwarzsamt , wie du siehst ) kommen dann noch goldgestickte Granaten ; Lackstiefel und weiße Hosen verstehen sich von selbst . Also , willst du ? Gesima ? « » Unter der Bedingung , daß du mir eine Verbeugung machst . « Da wippte er mit dem Oberkörper . » Ja , aber von einem Offizier verlange ich bessere Verbeugungen , hübschere , gefälligere . Du verbeugst dich so , daß man dir ansieht , du bist einmal ein Storch gewesen . Komm , ich will dichs lehren . « Und führte ihn abseits in den Schatten eines Nußbaumes und erteilte ihm dort auf dem Rasen eine kleine Ergänzungstanzstunde . Als ers schließlich leidlich hübsch konnte , gaben sie sich die Hand und verlobten sich feierlich zum Kadettenball . Nachher setzten sie ihre Reise fort , nunmehr als erklärte Freunde und Kameraden , traulich und herzlich . Die junge Eintracht machte sie so vergnügt , daß sie von selber zweistimmig zu singen anfingen , immer die nämliche Melodie : das jubelnde Siegesthema aus der Regimentstochter , das ihnen , je öfter sie es wiederholten , um so lieber wurde . Während des Singens schlenkerte Gerold zum Spiel Gesimas Arm von sich , um ihn nach dem nächsten Schritt wieder aufzufangen wie einen Pendel ; und ihr Arm federte so flügelleicht , daß er dem gelindesten Druck seiner Finger nachgab . Weil er aber dazu beständig in den blauen Himmel schaute , kam ihm vor , als ob ihre Stimme nicht neben ihm , sondern dort oben jauchzte , mit himmelblauen Tönen und silbersprühenden Aufleuchtern , sooft sie eine höhere seligere Note nahm . Wer ihnen begegnete , vermählte sie mit dem Blick , lächelte ihnen wohlwollend einen Gruß zu und schaute ihnen nach . Eine Kleinkinderschar , die sie einholten , gaffte sie mit offenen Mündern an . » Nehmt euch ein Beispiel « , mahnte die Kindergärtnerin , auf Gerold und Gesima zeigend . » Tobias mit dem Engel Raphael « , vermutete ein naseweises Stimmchen aus der Kinderschar . Das verräterische Springseil Also singend gelangten sie zu einem komischen Zwergstädtchen , das bloß aus einer einzigen Straße bestand . » Weidenbach « , belehrte Gesima . Am Eingang des Städtchens stand Hansli in feindseliger Stellung , die Beine gespreizt , mit höhnischem Gebärdenspiel ein Stück Brot vorzeigend und verzehrend , in der Hoffnung , Neid zu erwecken ; aber beim Näherrücken des gefährlichen Kanoniers stahl er sich vorsichtig um die Ecke , den Durchpaß freigebend , und die Verbündeten zogen in Weidenbach ein . Appetitliche Gerüche von Fleischbrühe und Körbelkraut grüßten die Vorübergehenden ; aus kühlen , verhängten Stuben klapperten Teller und Löffel , ein sonnenfeindlicher Hut- und Handschuhladen entsandte einen muffigen Hauch fremdländischen Aroms . Durch schwarze Hausflure gewahrte man besonnte Hofwinkelchen , ähnlich den Sentisbrugger Glückseligkeiten , nur auf andern Stengeln . Auf der Schattenseite der Straße trieb ein Scherenschleifer seinen Wetzstein , daß das Schnurren und Kritzen das stille Städtchen erfüllte . Neben ihm erschien , aus einem Hausgang tretend , von einem Völklein neugieriger Kinder gefolgt , eine Magd mit einer Mäusefalle , gleichgültigen Blickes das Städtchen nach Zerstreuungen absuchend , als ob sie ein Haushaltungsgeschäft besorgte wie ein anderes . Eine aufgeregte Katze schmiegte sich kosend an ihre Füße , weiche , flehende Töne gespannter Mordlust jammernd . Schaudernd beschleunigte Gerold seine Schritte und schaute kummervoll zum Himmel , ob nicht das teuflische Henkerspiel dort oben einen Schmutzfleck in der Welt zurücklassen werde . Neben der Herzensangst des Mitleids quälte ihn überdies ein dumpfes Schuldgefühl , da ihm sein Gewissen zuflüsterte , alles , was immer geschehe , gehe die Verantwortlichkeit sämtlicher Gegenwärtiger an . Und dazu surrte das Rädchen des Scherenschleifers geschäftig weiter , und seine scharfen Messer kreischten so schrill , daß es einen bis ins Knochenmark fror , wenn man sich an die Stelle des Wetzsteines lebendiges Fleisch dachte . Als er aber seinen Abscheu vor dem schauderhaften Benehmen der Katzen mit den Mäusen aussprach , wurde er von Gesima gescholten . » Geschieht den Mäusen nichts als recht « , urteilte sie , » warum fressen sie die Vorhänge ! « Vor einem Zuckerbäckerladen am Ausgang des Städtchens gestand Gesima , Hunger zu verspüren . » Ich habe kein Geld « , bedauerte Gerold . » Hingegen ich ! fünfzig Rappen ! « Und überredete ihn einzutreten . » Guten Tag , Kinder , was ist euch gefällig ? « fragte die freundliche Verkäuferin . Nach einigem Zaudern entschied sich Gesima für Pomeranzen . » Wieviel für fünfzig Rappen ? « » Vier , und eine fünfte obendrein , weil ihrs seid . Aber ist das nicht , oder täusche ich mich , Gesima Weißenstein von Bischofshardt ? Wie kommen denn Sie dazu , Fräulein , am heißen Mittag zu Fuß auf der Landstraße zu reisen ? Wollen Sie nicht vielleicht ein wenig ausruhen und einen Teller Suppe essen ? « Doch Gesima verneinte dankend . Jenseits des Städtchens spähten sie nach einem Plätzchen , wo sie die Pomeranzen am behaglichsten verspeisen könnten . Über dem Straßenbord auf der Höhe eines Wiesenraines ruhten zwei Heuwagen , haushoch überladen , zur Heimfahrt bereit , aber noch nicht mit Pferden bespannt . In den Zwischenraum dieser beiden Wagen setzten sie sich wie in ein Stübchen , mit einer leuchtenden , weißen Wolke zum Dach . Nun klaubte das Mädchen mit der Daumenbreite die dicken , pelzigen Goldschalen zu einem Kranz auseinander und bot das Kunststück ihrem Beschützer an . » Nimm ! « Während sie so einträchtig schmausten , schlich sich unten auf der Straße Hansli herbei und guckte ihnen zu , furchtsam und begehrlich wie ein fremder Hund vor der Gasttafel ; es fehlte bloß , daß er winselte . » Kannst fasten « , riefen sie ihm schadenvergnügt zu , » hasts verdient , ist dir gesund « , und so oft sie eine Pomeranze erledigt hatten , schickten sie ihm die Schalen ins Gesicht . Dann warf er den Kopf nach allen Richtungen , wie der Dächsel , wenn eine Wespe vorüberfliegt , prüfte mit gierigem Blick die enttäuschende Bescherung und nahm betrübt seine demütige Kapuzinerstellung wieder ein . Ein Hausierer , den Wiesenrain schräg hinansteigend , erschien vor dem luftigen Speisestübchen , auf den Schultern statt der Epauletten grellfarbige Tücher , Hosenträger und Springseile , in dem baumelnden Hängekorbe Knöpfe , Ringe , Nadeln , Salben , Schwefelhölzchen , ein ganzer Jahrmarkt . Und beim Gehen stützte er den Korb mit dem Knie , als ob er Drehorgel spielen wollte . Gerold ließ er unbehelligt , dagegen das Mädchen suchte er mit zudringlichen Aufmunterungen heim , indem er ihr die Kinkerlitzchen vor die Augen spiegelte . Sie bog verächtlich den Kopf weg , als ob er ihr Ungeziefer vorgehalten hätte . Als jedoch ein Springseil an die Reihe kam , glänzten ihre Augen . Nun erlaubte er ihr , das Springseil versuchsweise zu benützen . Da sprang sie lustig in dem Schwungrade herum , wie der Mann im Monde , warf dann plötzlich das Seil weg , setzte sich nieder und schloß die Augen , dem Händler den Rücken kehrend . Jetzt hielt jener das Seil dem Gerold unter die Nase , so lange , bis dieser ganz verlegen wurde . » Wir haben kein Geld « , munkelte er endlich kleinlaut und wandte sich ebenfalls ab . Nachdem der Krämer noch eine Zeitlang in seiner Verkaufsstellung beharrt hatte , ohne sich um die verneinende Mimik des Kanoniers zu kümmern , stieg er den Rain hinab auf die Straße und machte sich an Hansli , welcher , die Hände in den Hosen , dem Handel aufmerksam zugesehen hatte . Der gaffte eine Weile das Springseil an , schnitt dann plötzlich ein schlaues Gesicht , griff in die Tasche und zeigte mit einladenden Winken dem Mädchen seinen Fünffrankentaler . Sofort eilte Gesima zu ihm hinunter , schmiegte sich an ihn und empfing nach kurzer Verhandlung das ersehnte Springseil zum Geschenk glückselig aus Hanslis Händen . Hierauf zogen sie beide , Hansli und Gesima , fröhlich ab , mit den Schultern aneinanderklebend und unter geheimnisvollem Zischeln spöttische Blicke nach dem verlassenen Kanonier zurücksendend , welcher mit zornigen Schritten nachfolgte , um das treulose Mädchen zur Pflicht zurückzumahnen . » Du bist ja bloß ein Storch ! « rief sie ihm schnippisch zu , sobald sie einen überfallssichern Zwischenraum hinter sich gelegt hatte , und Hansli ergänzte die Schmähung , indem er es für vollständig richtig und vernünftig ausgab , daß Gesima keine Gemeinschaft mit einem so unwissenden Buben pflegen möge , der mit elf Jahren noch nicht einmal gelernt habe , daß man nur ein einziges Mal auf der Welt sei und das nämliche Erlebnis nicht zweimal erlebe . Hiermit liefen sie beide in siegreichem Trab davon , mittelst dessen sie sich rasch entfernten . Dazwischen hopsten sie zur Abwechslung beiläufig über die Steinhaufen zu beiden Seiten der Straße , Hansli zu Fuß , seine Freundin im Flug durch das Schwungrad ; schließlich tauchten sie am Horizont unter , Stück für Stück von den Füßen aufwärts , bis sie gänzlich versanken . Gerold aber war empört , einfach empört . Erstens darüber , daß seine Reisegefährtin , mit welcher er vor wenigen Minuten noch so traulich die Regimentstochter gesungen , seine Verbündete , mit welcher er sich zum Kadettenball versprochen hatte , verräterisch zum Feinde überlief , zweitens über die schändliche Veröffentlichung seiner Geheimnisse . Es war das erste Mal gewesen , daß er überhaupt einem Menschen mitgeteilt hatte , er sei ein Storch gewesen und erlebe manches zweimal ; wenn er es Gesima anvertraut hatte , so war das selbstverständlich unter der stillschweigenden Bedingung geschehen , sie betrachte es als einen Beweis der Freundschaft und behalte es bei sich . Und nun geht sie und schwatzt es aus und gibt ihn der Lächerlichkeit preis ! Das fand er gemein , einfach gemein . Vor Groll stieß er mit den Fußspitzen den Staub vor seinen Füßen auf , daß er wie in einer Wolke einherwandelte . Dann warf er das treulose Geschöpf verächtlich aus dem Sinn . Was brauchte er eine Gesima ! was ging ihn das ganze falsche Mädchengeschlecht an ! Er hatte Besseres als das : seinen schönen Kadettengeneral , der ihm nicht untreu werden konnte , weil er ja sein Gefangener auf Ehrenwort war . Und nun überließ er sich wieder der beseligenden Vorstellung , wie der schöne Feind , vor ihm auf das linke Knie sinkend , sich ihm ergab , indem er ihm den Säbel waagrecht hinreichte und mit seinen blauen Augen um Gnade flehte . Weiter vermochte er die Geschichte mit aller Gedankenanstrengung nicht zu führen , er fiel ewig in diese einzige Szene zurück , die aber enthielt eine solche Süßigkeit , daß er gar nicht ungerne daran kleben blieb , wie die Fliege an einem Milchtropfen . Während er dieses wonnige Erlebnis im Herzen abhandelte , schickte er gleichzeitig seine Blicke in die Wirklichkeit auf die Weide ; das eine störte das andere nicht ; im Gegenteil : je andächtiger er dem inwendigen Bilderspiel zuschaute , desto schärfer sahen seine Augen nach außen . Die Straße führte durch grüne Wiesen und gelbe Rapsäcker wie zwischen blühenden Gartenbeeten . Oben am lerchendurchjauchzten Himmel türmten sich leuchtende Weißwolkenberge , in den Feldern gaukelte eine Kavallerie von Schmetterlingen , und die ganze Welt war vom Sonnenglast wie mit Fenstern überspiegelt , so daß die Luft flimmerte und zitterte . Von Menschen war keine Spur zu erblicken , wahrscheinlich wegen der sogenannten Mittagshitze . Was sie doch immer für ein unbegreifliches Gezeter gegen die Hitze anhoben , die Erwachsenen ! Er hatte den Grundsatz : je heißer , desto lieber , denn je heißer , desto mehr Farben zwischen Himmel und Erde , desto mehr Wohlgerüche im Walde , desto mehr Leben auf dem Felde . Dagegen Bremsen , ja , deren gab es eine Unmenge ; von allen Nummern und Tonarten . Die summten dumm-tölpisch um ihn herum , wie betrunkene Racheengel um ein böses Gewissen ; seine gesamte Uniform von oben bis unten war von den Musikanten gesprenkelt , grau auf dem dunkelgrünen Waffenrock , schwärzlich auf den hellen Hosen . Die Bremsen nahm er gelassen mit , ließ sich auch von den Blutstropfen nicht ärgern , die ihm von den Wangen herunterrieselten . Nur wenn ihn eine gar zu frech in die Hand stach , zielte er , ohne sich zu beeilen , nach dem Blutsauger und patschte ihm auf den Kopf . Dann fiel das Glotzauge rücklings auf die Straße , gabelte mit den Beinen , spielte mit den Armen Violine und vergrub sich mit rüttelnden Bewegungen in den Staub . Er war zufrieden , und ihm war wohl . Hatte er nicht recht gehabt ? was brauchte er Gesima ! allein war ihm am wohlsten . Beim Narrenstudenten Ein sonderbarer Mensch , wie ein Schauspieler , aber mit einer Brille auf der Nase , trat auf ihn zu , grüßte ihn beim Namen und fragte ihn , warum er so fidibum fideralla einherziehe , als ob die Welt ihm gehöre . » Weil mir wohl ist . « » Amen « , sprach der Fremde . » Oder ist denn das etwas Böses ? « » Im Gegenteil , etwas ganz Vorzügliches , Beneidenswertes . Aber bist du denn Beelzebub , der Fliegenkönig , daß du beide Backen schwarz voll Bremsen hast ? warum scheuchst du sie nicht weg ? « » Weil ich sie liebe . « Da aber bei diesem Spruch der andere hellauf lachte , fügte er schnell zur Entschuldigung hinzu : » Sie tönen so angenehm ; das heißt , nicht die gewöhnlichen , sondern die ennetbirgischen , die welschen . « Und als der Unbekannte ihn mit aufgeräumter Miene ersuchte , er möge ihn doch gefälligst den welschen Bremsen vorstellen , da er noch nicht die Ehre habe , sie zu kennen , nahm ihn Gerold zu sich heran , hieß ihn stillestehn und sagte dann nach einer Weile : » Hörst dus jetzt ? peing , pang , wie eine Metallsaite . « » Wahrhaftig , du hast recht . Du verstehst vielleicht mehr von der Schönheit als ich mit all meinem Studieren . Überhaupt , weißt du , Gerold , du kommst mir vor wie ein Fink in einem blühenden Zwetschgenbaum , der es ganz selbstverständlich findet , daß ihm ein grünes Nest unter dem Leibe wächst . - Wollen wir ein bißchen zusammen wandern ? « » Nein . « » Oha ! « lachte der Unbekannte , schob die Brille auf die Stirn und tippte sich mit der Hand auf die Nase , » da hast dus ! « Hernach entfernte er sich , indem er ein Buch hervorzog und eine zweite Brille aufsetzte . Jetzt merkte Gerold , daß er den Narrenstudenten vor sich hatte . Flugs sprang er in den Busch , raffte einen halbdürren Baumast vom Boden und schlug damit dem Unhold über den Bauch . » Oho ! « schrie dieser und zog ein Bein zum Schutz empor . Nun brach Gerold den Baumast übers Knie und schmiß ihm die Stücke einzeln ans Bein . » Hopla , du grober Gesell ! « rief der Narrenstudent , » jetzt wird mirs denn doch zu stark « , packte ihn am Arm und heischte drohend Auskunft , warum er so völkerrechtswidrig behandelt werde . » Weil du der Narrenstudent bist « , versetzte der Kanonier trotzig , mit herausfordernder Miene . » Das stimmt « , sagte der Narrenstudent kopfnickend und ließ den Arm fahren . Dann fügte er mit einem eigentümlichen Lächeln hinzu : » Ein jeder , wie ers versteht . Du bist halt auch ein Stück öffentlicher Meinung ; und keines von den schlechtesten . Es wäre vielleicht erträglicher , wenn einem die andern ebenso offen und ehrlich auf den Bauch schlügen ; das ist ein Stimmungsausdruck wie ein anderer ; und man weiß doch , woher es kommt , und kann sich dagegen wehren . Aber so kannibalisch brauchtest du deswegen gleichwohl nicht zu hauen , ich hätte auch eine bloße Andeutung verstanden . Wer weiß , ob du nicht selber einmal in den Wäldern herumläufst , der Welt zum Spott , wenn du einmal mein Alter hast und der Engel mit dem feurigen Angelhaken kommt . Ich möchte dirs zwar nicht wünschen ; aber du siehst mir gerade danach aus , mit deinen Johannisaugen . « Doch Gerold hatte Wichtigeres zu tun als zuzuhören . Ein Krokodil aus grünem Stein , das der Narrenstudent an der Uhrkette hängen hatte , bezauberte seinen Blick . » Nicht wahr , das ist ein wunderbares Krokodil ? « lachte der Narrenstudent . » Wenn du mich in meine Einsiedelei begleiten willst , so zeige ich dir noch viel merkwürdigere Sachen . Willst du ? « Gerold nickte und folgte dem Narrenstudenten in den Wald ; über weiches Moos , längs einem Bächlein , neben Felsblöcken vorbei . » Gelt , du hast sie lieb , deine Gesima ? « forschte der Narrenstudent unterwegs . » Ich hasse Gesima , denn sie ist ein falsches Mädchen . « » Das ist kein Grund ; man kann auch falsche Mädchen liebhaben , die falschesten vielleicht sogar am liebsten . Nicht wahr , das begreifst du nicht ? Ich will dirs erklären : hast du jemals ein Eichhörnchen gehabt ? « » In einer Drille . « » Hat es dich nie heimtückisch in den Finger gebissen ? « » O ja , mehr als einmal , wenn ich ihm zu fressen gab . « » Und hast du dafür das Eichhörnchen totgeschlagen oder fortgeworfen ? « » Das wäre doch schade . Ich habe einfach dazu gelacht . « » Nun siehst du , gerade so muß mans mit den Mädchen machen , wenn sie falsch sind und einem hinterlistig wehtun . Nicht sie deswegen fortstoßen , das wäre schade , sondern einfach darüber lachen . Was hat sie dir denn so Schlimmes angetan , deine Gesima ? laß hören . « Da erzählte ihm Gerold alles von Anfang an , von ihrer Freundschaft , von ihrem Bündnis zum Kadettenball , von der schmählichen Untreue Gesimas wegen des Springseils . » Und jetzt sinnst du wahrscheinlich auf Rache ? « » Das heißt , wenn ich eine Rache wüßte , welche nicht boshaft und unedel wäre . « » Ich weiß dir so eine ; eine fürchterliche Rache , und doch keine boshafte und unedle ! Nimm du sie am Kadettenball fest um den Leib und tanze mit ihr so lange , bis sie um Hilfe schreit , vorwärts und rückwärts , linksum und rechtsum , und erlaube ihr den ganzen Abend nicht mit einem andern zu tanzen oder auch nur ein Wörtlein mit jemand anders zu reden als mit dir . « Gerold lachte vergnügt : » Das ist gut ! Das will ich mir merken . Und nicht wahr , deshalb , weil ich sie zum Kadettenball eingeladen habe , brauche ich sie deswegen noch lange nicht zu heiraten ? « » Kein Gedanke ! noch lange , lange nicht . « » Wen heiratet man eigentlich ? « » Seine künftige Frau . « » Ich meine nicht so . Ich meine : wie kann man wissen , wen man heiraten soll ? « » Das macht man folgendermaßen : man stellt sämtliche Mädchen der ganzen Stadt in eine lange Reihe und hält an jede das Ohr daran , wie der Doktor , wenn man den Husten hat . Und jene , welche seufzt , als wenn sie zu viele Pastetchen gegessen hätte , die heiratet man . « » Das ist nicht wahr , das glaube ich dir nicht . « » Es ist freilich wahr , nur hat bei mir die Wahrheit einen Fastnachtdomino an , weil ich halt der Narrenstudent bin . « » Ich möchte gern etwas Dummes fragen « , begann Gerold nach einer Pause zögernd . » Bitte inständig , tu mir den Gefallen . Eine gesunde Dummheit fragen zu hören , nachdem man so viel anspruchsvollen Aberwitz hat müssen behaupten hören wie ich , das ist ja eine wahre Erlösung . Also bitte , Gerold , erbarme dich : frag eine Dummheit . « » Ich fürchte , daß du mich auslachen wirst . « » Ich lache niemals eine Dummheit aus , bloß eine Weisheit . Also , mutig ! närrischer als ich bin kannst du doch nicht fragen . « » Warum muß man durchaus ein Mädchen heiraten und nichts anderes ? « » Ja , wolltest du lieber einen Heuschreck heiraten ? « » Das nicht , aber - « » Aber ? « » Meinen schönen Gefangenen . « » Was ist das für ein Bruder Benjamin ? « Da erzählte ihm Gerold errötend sein Geheimnis von dem schönen feindlichen Kadettengeneral , der ihm seit einem Jahr täglich erscheine , sobald er allein sei und nachts im Bette , im Wachen wie im Traum . Der Narrenstudent stand mit offenem Munde still : » Sag einmal , du Riesenpudding von einem Knirps , wie alt bist du denn eigentlich ? « » Elf Jahr und zwei Monate . « » Elf Jahr und zwei Monate ! und schon Engeleien im Kopf ! Gerold , du bist ein Phänomen . « » Was bedeutet das : ein Phänomen ? « » Nichts Beleidigendes . Und wenn du je einmal das Wort Phänomen schreiben mußt , so tu mir den Gefallen und setz ein Ph an den Anfang oder meinetwegen , wenns nicht anders geht , ein F , nur nicht ein Pf , wie der Präsident vom Niedereulenbacher Cäcilienverein . Um aber auf deinen holden Kadettengeneral zurückzukommen , so will ich dir , weil du mir dein Geheimnis anvertraut hast , auch etwas Geheimnisvolles verraten , glaubs oder glaubs nicht , aber merk dirs und behalt es : der Kadettengeneral verwandelt sich später , mag sein in fünf , mag sein in sieben oder acht Jahren , in ein lebendiges Mädchen , das du sehen kannst und das Gerold mit einem langen , langen e zu dir sagen wird , wie wenn ein h dahinterstände . Hast du sonst noch etwas zu fragen ? « » Ja . Warum erlaubt der liebe Gott den Katzen , die Mäuse so grausam zu martern , statt sie gleich zu töten ? « » Wo hast du den lieben Gott her ? « » Aus der Bibel . « » Und vom bösen Teufel , steht da nichts in der Bibel ? « » Freilich , allein der Herr Pfarrer hat uns in der Religionsstunde gesagt , es gebe doch keinen Teufel . « » Sag dem Herrn Pfarrer einen Gruß von mir , und ich lasse ihm sagen , er sei ein Gummipfarrer ; aber warte erst , bis du alle Examen gemacht hast , ehe du ihm das sagst . Überhaupt ? Gerold , nimm dich in acht , du fängst an zu denken , das ist ein verpöntes Handwerk , ein unpatriotisches , gemeinschädliches , menschenfeindliches . Wenn du so fortfährst , machst du dich erstens rundum verhaßt , und zweitens findest du eines Morgens das Narrenpatent neben deiner Kaffeetasse , verlaß dich darauf ! Denk nicht , Gerold ! Denk nicht ! « Unter solchen Gesprächen waren sie vor ein Mooshüttchen angekommen , auf dessen Dache eine papierene Windfahne sich drehte , einen helmbewehrten Jüngling und eine gräuliche Hexe darstellend , der Jüngling mit einer Rute , die Hexe mit einem Besen in der Hand . » Das ist meine Wetterfahne « , erläuterte der Narrenstudent , » wenn der Jüngling die Hexe in die Flucht schlägt , gibt es schönes Wetter in der Welt . - Doch treten Sie gefälligst ein , Herr Kommandant , es ist eine Bank im Hüttchen , Platz genug darauf für zwei räudige Böcklein , wie wir sind . - So , jetzt mach dirs bequem . Und sieh dir an , was du magst , du darfst alles hervorziehen , alles öffnen , alles herausnehmen ; für dich habe ich weder ein Verbot noch ein Geheimnis , und Ordnung gibts bei mir nicht . Unterdessen will ich den Altar rüsten . Falls du irgendeine Auskunft brauchst , so frag nur , ich bin dicht nebenbei und höre jedes Wort , das du sagst . « Damit verließ er das Hüttchen . Gerold aber zog eine Kiste unter der Bank hervor und kramte darin . Alte Münzen kamen zum Vorschein , Versteinerungen , gepreßte Pflanzen , verschiedenfarbige Gläser . » Nicht wahr « , lachte der Narrenstudent , den Kopf durch eine Lücke in der Wand steckend , als Gerold unersättlich die Gläser vor die Augen hielt , » nicht wahr , wie die Welt ein verschiedenes Gesicht macht , je nach dem Glas , durch welches man sie ansieht ? « » Warum ist dieses Heft leer ? « fragte Gerold . Wieder steckte der Narrenstudent den Kopf durchs Guckfenster . » Das Heft ist nicht leer , sondern das ist eine Art Zauberheft , mit sympathetischer Tinte bemalt ; wenn du lange Zeit scharf auf ein einziges Blatt siehst , so kommt etwas Wunderbares . « » Ja , jetzt sehe ich etwas , aber undeutlich . Früchte und Blumen oder so etwas Ähnliches . « » Recht so , aus den gläubigen Büblein wachsen die trotzigen Männer ; weißt du auch , Gerold , daß du ein Sonntagskind bist ? « Gerold schüttelte den Kopf . » Ach nein « , entgegnete er betrübt , » Sonntagskinder sind immer die jüngsten von mehreren Brüdern , ich aber bin der ältere von zweien . « » Irrtum , mein Lieber ! Irrtum ! Man ist immer der Jüngste , wenn man in den tiefen Brunnen hineinlebt , wo die Zeit mit dem Eimer die Gegenwart aus der Ewigkeit schöpft ; und ein Sonntagskind bedeutet nicht einen Menschen , dem alles von selber gelingt , so einen gibt es in der Wirklichkeit gar nicht , sondern einen solchen , der über die grauen Werktage hinweg schließlich an einen roten Heiligen gelangt , einerlei wann und wie . In der Zwischenzeit geht es mitunter dunkelbraun und schwarz zu . Tut weh , aber schadet nichts . « Nach diesen Worten verschwand sein Kopf wieder aus der Luke . » O ! « rief Gerold entzückt , mit saugendem Atem . » Was freut dich so ? sag an , beschreib . « » Eine wunderschöne Reiterin , prächtig mit Wasserfarben gemalt . Hast du das gezeichnet ? « » Ich weiß nicht , was für eine Reiterin du meinst . « » Sie sitzt auf einem Schimmel und gleicht ein wenig Gesima . Darunter steht : Hilda Maria Anita von Weißenstein , geb . Freiin - was heißt das , geb . Freiin ? « Der Narrenstudent kam aufgeregt zur Tür hereingeschossen . » Wo hast du das Bild gefunden ? Komm , wir wollen es geschwind wieder verstecken . « Und schob es hastig in eine Mappe , die er mit einem Schlüsselchen verschloß . Dann bekam er einen langen , peinlichen Hustenkrampf . » Gerold , ich beneide dich um deinen Kadettengeneral « , seufzte er dann , als er wieder ein wenig zu Atem kam , » du hast ihn besiegt , er ist dein Gefangener und bleibt bei dir . - Meine Generalin dagegen - o weh ! - Doch komm jetzt , der Altar ist gerüstet . « Auf einen Steinschemel neben der Hütte war ein rotes Tuch gebreitet , und darüber in einer nackten Felsennische standen zwei farbige Wachskerzchen geklebt , » eins für dich und eins für mich « , belehrte er , » das Heiligenbild dahinter muß man sich hinzu denken ; jeder , was er am liebsten hat ; das ist sein Heiligenbild . Und jetzt wollen wir zu dem Heiligenbild beten , ganz kurz - , du darfst dich setzen , hier auf den Schemel , und brauchst keineswegs die Hände zu falten . Möge uns von denen , die wir liebhaben , niemals Böses geschehen . Das genügt ; das Gebet ist aus . Und jetzt kommt der Gesang , allein vorher zünden wir die Kerzen an . « Nachdem er die Kerzen angezündet hatte , nahm er eine Geige zur Hand und spielte ein Vorspiel , kunstvoll und rein , wie ein Musiker ; dann begann er auf lateinisch ein Lied zu singen , während er sich mit der Geige dazu begleitete ; das Lied klang so ernst und traurig , daß Gerold trotz dem Verbot die Hände faltete ; und die Stimme des Narrenstudenten , sonst schwach und farblos , tönte , während er sang , überraschend stark und doch sanft und wohllautend , ungefähr wie der Ton eines Cello . Gerold hörte andächtig zu ; befriedigt im Gehör und in der Seele ; ihm war , er säße in einem Kirchenkonzert . Plötzlich flog ein Stein , durch Sträucher rauschend , gegen das Hüttchen . » Da hast dus « , sagte der Narrenstudent traurig , indem er schnell die Geige weglegte , » Violinspiel und Singen am hellen Tage reizt ihren Haß . Gerold , Gerold , glaub du an Teufel ! und zwar an viele