, der Groom , dieses seltsame Geschöpf , groß wie ein zehnjähriger Knabe , mit dem verwitterten Kindergesicht , das voller Falten war , wie gedörrt . Rast schnalzte mit der Zunge , um das Pferd anzutreiben , und der große , schwarze Traber griff mächtig aus . - Nun waren sie vorüber . Der Duft der Zigarre mischte sich mit dem herben Geruch der Tannen . Werner ging den Weg , den der Schlitten gefahren war , hinab , ohne deutlichen Gedanken , mechanisch , ein wenig müde , wie wir es sind , wenn eine starke Spannung plötzlich nachgelassen hat , er ging , um das Programm , das er sich gemacht hatte , zu erfüllen . Da war die Tannenschonung , - der Baumgarten - die Eichenpflanzung und hier das Parkgitter . Er versuchte es , die Pforte zu öffnen . Sie gab nach . Hinter den Bäumen , wie hinter einem dichten weißen Gitterwerk , lag das Schloß , eine große , schwarze Masse . Als Werner darauf zuging , hörte er irgendwo den Ton eines aufschlagenden Pferdehufes . Er schaute sich um . ja , dort in dem kleinen Schuppen , der im Sommer dazu diente , allerhand Gartengeräte aufzubewahren , stand der Schlitten mit dem schwarzen Pferde . In dein Schlitten , ganz in Pelzdecken gehüllt , saß Damkewitz und schlief . » Wie das alles stimmt « , dachte Werner . Er fühlte einen Augenblick die Befriedigung eines Rechners , dem sein Exempel überraschend gut ausgekommen ist . Er ging bis zu der großen Fliederhecke , dem alten Flügel und dem Turm gegenüber , stand dort und sah das dunkle Gebäude an . Nirgends ein Lichtschein . Der wahrte sein Geheimnis , dieser » Sündenflügel « , wie Werland sagte . Kein Zeichen von Leben . Aber wie Werner dastand in den weißen Zweigen der Fliederhecke und hinüberstarrte , da war es ihm , als sehe er , was da drin vorging , sehe es mit unerträglicher Deutlichkeit - wie sie sich ganz schlank und weiß - mit flimmernden Augen zurückbiegt in seine Arme , die Lippen fieberrot und halb geöffnet . - - Werner tauchte seine Hand in die beschneiten Zweige , um sie zu fühlen , er faßte sie und knickte sie , ließ sie knirschen . Er mußte fühlen , wie er etwas zerbrach und zerstörte . - Das Dunkel des schweigenden Hauses war unendlich qualvoll . Wo sind sie ? Wenn er nur einen Lichtschimmer sehen könnte ! » Dort links im Turm . Ein Vorhang ist vorgezogen « , hörte er es neben sich flüstern . Er schaute sich um . Pichwit stand neben ihm . Im Sternschein schienen Sein Gesicht , die Augen , die Lippen - alles von der gleichen fahlen Blässe . Er zitterte vor Kälte und steckte die Hände tief in die Hosentaschen . » Wo ? « fragte Werner . Er wunderte sich nicht , Pichwit neben sich zu sehen . Es war , als habe er das erwartet . » Links , Herr Pastor « , sagte Pichwit höflich . » Sehen Sie scharf auf das linke Fenster am Turm . Am Rande des Vorhanges werden Sie einen schwachen Lichtstreif bemerken . « » Ja - ja - ich seh ' es . « » Das ist das Turmzimmer , in dem das alte , goldene Bett steht « , berichtete Pichwit . Dann schwiegen beide . Sie standen nebeneinander und schauten zu dem schwachen Lichtstreifen am Turmfenster empor . Der eine hörte den beklommenen Atem des anderen und daneben einen leisen , dumpfen Ton , als ginge jemand sachte durch weichen Schnee . Das war das Pochen des eignen Herzens . Die Schloßuhr schnarrte , als räuspere sie sich , und schlug zwei . » Jetzt « , flüsterte Pichwit . Im unteren Fenster des Turmes erwachte ein Lichtschein , verschwand , erschien tiefer unten . » Sie steigen die Treppe herunter « , erklärte Pichwit . Leises Knarren . Das Licht erschien in der Turmtüre . Frau Wandel , die alte Kammerfrau , hielt es und schützte es mit der Hand . Ihr geduldiges Pensionsvorsteheringesicht unter der schwarzen Spitzenhaube wurde einen Augenblick hell beleuchtet . Hinter ihr standen zwei . Die Schatten zweier Köpfe , sehr nahe beieinander , fielen auf die Wand . Endlich drängte sich Rasts breite Gestalt durch die Türe . » Gute Nacht : « , sagte Frau Wandel feierlich . » Schlafen Sie gut , Mutter Wandel « , antwortete Rast . Die Türe schloß sich . Das Licht stieg wieder den Turm hinan . Rast ging nahe an der Fliederhecke vorüber . Er pfiff leise vor sich hin , zündete sich eine Zigarette an . Das Zündholz beleuchtete grell sein Gesicht , den glänzenden Bart , die großen , braunen Samtaugen . Er ging vorüber . Pichwit und Werner lauschten . Das Knarren einer Fehmerstange drang zu ihnen , das Gleiten eines Schlittens , das vorsichtige Zuklappen eines Tores . » Er ist fort « , flüsterte Pichwit . Da stand Werner nun mit seiner Gewißheit , nach der er sich gesehnt hatte , stand da und fühlte sich ganz ohnmächtig , ganz schwach , ganz elend . Er hätte heulen können wie ein Schuljunge . » Gehn wir , Herr Pastor « , sagte Pichwit und berührte Werners Arm . Sie gingen durch die Parkwege , wo die Statuen in ihren hölzernen Winterhäuschen schliefen und die Rosen , dicht in Moos verpackt , auf den Beeten lagen . Pichwit berichtete halblaut , mit einer klagenden Stimme , die zuweilen wunderlich umschlug , als mache ein Lachen oder ein Schluchzen sie unsicher . » Das ist so vielleicht seit acht Tagen . Sie wissen , er kam des Abends nicht mehr . Sie rieb dem Baron wieder das Bein . Er war ruhig geworden . Ich wußte gleich , es geschieht etwas . Ich fühlte das . Sie sang jetzt zuweilen , wenn sie allein war , vor sich hin . Am Tage lag sie gern im großen Stuhl , die Arme hinter dem Nacken und lächelte . Sie wartete am Abend auch nicht mehr auf ihn . Ich suchte und suchte . Da - eines Nachts , ich konnte nicht schlafen - kam ich hier in den Park . Da wußte ich . « Er hielt einen Augenblick inne , dann fragte er : » Was werden Sie tun , Herr Pastor ? « » Ich ? « erwiderte Werner . » Was kann ich tun ? « » Doch ! Sie werden etwas tun « , sagte Pichwit . » Ich - ich kann nichts . Ich wollte zu ihm gehn und ihn zum Duell fordern . Ich glaube , ich könnte ihn erschießen , ich glaube , das würde mir gegeben werden . Aber - wer bin ich ! Er würde mich auslachen . Über Pichwit lacht man ja . Das wäre für ihn nur eine Anekdote mehr . Und dann - ich - ich kann nicht . Sie hat es verboten . « » Sie hat es verboten ? « wiederholte Werner erstaunt . » Ja - ja « - sagte Pichwit . » Ich sagte ihr gute Nacht . Da reichte sie mir die Hand und sagte - sagte leise , so daß die anderen es nicht hörten : Herr Pichwit ist mein treuer Page . Auf den kann ich mich verlassen . Und da verstehn Sie , Herr Pastor , ich kann nichts tun . Wenn sie wollte , ich soll hier Wache stehn , während er oben ist , damit keiner sie stört , ich müßte es tun . Aber Sie - Herr Pastor , Sie ! « » Ach - ich ! « sagte Werner matt . Aber Pichwit wurde eindringlich . » Sie sind groß , Sie sind stark , Sie sind schön . Ach ! Ich war so eifersüchtig auf Sie . Ich sah es , wie sie sich freute , wenn Sie kamen , und ich sah , wie Sie sich einander in die Augen sahen - ja , das hab ' ich gesehen . Ich war sehr unglücklich darüber . Aber jetzt - jetzt müssen Sie sie retten . Er darf sie nicht haben . Er ist schlecht und gemein , ich weiß das , ich fühl ' das . Was werden Sie tun , Herr Pastor ? « Werner rüttelte sich aus der schweren , traumhaften Müdigkeit auf , die ihn bedrückte . » Pichwit « , sagte er streng , » was sprechen Sie da ? Sie sind ja krank . Sie sprechen wie im Fieber . Gehn Sie , legen Sie sich zu Bett . Sie müssen ja krank werden , wenn Sie hier im Frost stehn . « » Daran hab ' ich auch schon gedacht « , erwiderte Pichwit . » Woran ? « » An das Krankwerden . Wenn ich krank werde , zum Sterben krank , wissen Sie , dann kommt sie zu nur , das wird sie wohl tun . Und dann sag ' ich ihr alles . Wenn man stirbt , dann wird man ernst genommen , dann steigt man in der Achtung . Nicht wahr ? Ein Sterbender ist nicht lächerlich . Was er sagt , das wird gehört . Es ist schon vorgekommen , daß das Wort eines Sterbenden einen Lebenden gerettet hat ... « » Kind , Sie träumen « , unterbrach ihn Werner . » Gehn Sie , legen Sie sich nieder , decken Sie sich gut zu - und - keine Unvorsichtigkeiten . « Werner hatte die Hand auf Pichwits Schulter gelegt . So redete er ihm väterlich zu . Pichwit stützte den Kopf gegen Werners Arm und weinte . » Nun , nun ! « redete Werner ihm zu , wie einem Kinde . » Fassen Sie sich . Das hilft nichts . Gehn Sie . Gute Nacht . « Pichwit richtete sich auf , wischte sich die Tränen aus den Augen , und plötzlich sah Werner ihn lächeln , sah auf dem bleichen Gesichte das hochmütige , überlegene Lächeln . » Gute Nacht , Herr Pastor « , sagte er . » Ich weiß - Sie - Sie werden etwas tun . « Damit verschwand er hinter den weißen Hecken . Werner ging nach Hause . Schlafen wollte er , liegen und vergessen - nichts anderes . - Als Werner am nächsten Morgen erwachte , hatte er das Gefühl , als läge eine Aufgabe vor ihm , eine schwere Arbeit . Was war es ? » Sie werden etwas tun « , klang Karl Pichwits erregte Stimme ihm ins Ohr . Das war es ! Der Tag war hell , das Pastorat voll gelben Sonnenscheins . Lene war rosig und gesprächig . Während Werner seinen Morgentee trank , lachte er mit ihr über irgendwelche geringfügige Dinge . Er ging an seine Amtsgeschäfte . Leute kamen . Er ermahnte und schalt sie , war väterlich und jovial . All das ging gut vonstatten , nur erschien es ihm alles so vorläufig . Eine Aufgabe wartete seiner , das andere war nur ein Hinbringen der Zeit bis dahin . Er dachte nicht weiter darüber nach , er hütete sich davor , sich selber Zeit zu lassen , um sich auf das zu besinnen , was vor ihm lag und lauerte . Am Nachmittag ließ er den Schecken einspannen , um nach Schloß Sielen zu fahren . Das war ' s , was er tun mußte , und der Pastor Werner tat es , der eine Pflicht erfüllte , nicht der törichte unbegreifliche Mann , der gestern im mächtigen Park von Dumala gestanden hatte , Stunde um Stunde , um zu dem Lichtstreifen oben am Turm emporzusehen , mit einem schmerzhaften Begehren . Pastor Werner fuhr zu Behrent von Rast , um eine Pflicht zu erfüllen , eine Amtspflicht , und eine Freundschaftspflicht . Während er durch das grelle Nachmittagslicht dahinfuhr , dachte er nicht darüber nach , was er sagen und was er tun wollte . Da es eine Amtspflicht war , mußte das von selbst kommen . In Sielen wurde Werner vom Groom Damkewitz empfangen . Der Zwerg , sehr auffallend in die Rastschen Farben Gelb und Blau gekleidet , bedeckt mit großen Wappenknöpfen , sah wie ein abenteuerlicher kleiner Affe aus . Während er Werner durch die Zimmer geleitete , sprach er mit einer hohen , gedrückten Stimme , wie alte Frauen sie zuweilen haben . » Der Herr Baron wird sich freuen . Der Herr Baron ist allein , und ihm wird die Zeit lang . Etwas Gesellschaft wird dem Herrn Baron angenehm sein . « Werner fand Rast in einem großen Zimmer , das ein mächtiges Kaminfeuer stark überheizte . Überall lagen und hingen Teppiche . Rast hatte sich in einen Burnus aus weißem Tuch gehüllt , lag auf dem Diwan und rauchte . » Der Pastor , das ist hübsch . Also Sie gedenken doch der Einsamen « , rief er Werner entgegen . Werner war steif und befangen , wie meist am Anfang eines Besuches . » Ja - ich habe mir erlaubt - « » Famos « , unterbrach ihn Rast . » Setzen Sie sich , Herr Pastor . Was - das Feuer zu nah ? Sehen Sie , ich friere hier immer . Diese alten Familienhäuser sind so gebaut , als sollten die Familien durch Kälte möglichst lange konserviert werden . Aber wenn die Familien sich dem Ende zuneigen , scheint es , als vertrügen sie diese Temperatur nicht mehr recht , sie schlagen dabei um wie guter Bordeaux . « Rast lachte laut über seine eigene Bemerkung , und Werner lachte höflich mit . » Ein Likör gefällig ? « fragte Rast und goß aus einer vergoldeten Flasche einen rosenfarbenen Likör in ein Glas . » Nicht ? Eine orientalische Erfindung , Rosenlikör aus wirklichen Rosen . Ein wenig süß - ja . Ich trinke ihn an kalten Tagen , denn er schmeckt wie destillierte , heiße Julitage . Aber nehmen Sie doch eine Zigarre . « Rast war gesprächig , wie Leute es sind , die einen einsamen Tag verbracht haben und es nun ausnützen , daß sie jemanden haben , der ihnen zuhört . » Ja , rauchen müssen Sie der Gerechtigkeit wegen . Bei einer Unterhaltung ist es ungerecht , wenn nur einer raucht , dadurch bekommt der andere einen zu großen Teil der Unterhaltung . Sehen Sie , wenn beide rauchen und dem einen geht die Zigarre aus , dann weiß man gleich , daß er ein zu großes Stück des Gespräches an sich gerissen hat . « Werner lächelte . » Nun , Herr Baron , in diesem Falle wollte ich auch mehr eine Mitteilung machen , als daß es hier auf eine Erwiderung ankäme . « » Ah ! Das ist etwas anderes « , meinte Rast . Er lehnte am Kamin . Von dem weißen Burnus hob sich der Kopf sehr dunkel und ein wenig gewaltsam ab - das bräunliche , hübsche Gesicht , die blanken schwarzen Bartflammen zu beiden Seiten des Kinnes mit dem weichlichen Grübchen , die großen , braunen Augen mit dem feuchten , trägen Blick . » Ja - gewaltsam « - dachte Werner , als er ihn mit großer Abneigung betrachtete und mit dem Sprechen zögerte - » solchen gehört , wie den Zuchtstieren , ein Ring durch die Nase und angekettet in einem dunklen Stallwinkel , aus dein sie nur hervorgeholt werden , wenn sie nötig sind . « » Die Sache ist die « , begann Werner , er hörte , daß seine Stimme sanft und pastoral klang : » Sie wissen , Herr Baron , ich komme durch mein Amt viel mit den Bauern der Gegend in Berührung und höre , was unter diesen Leuten gesprochen wird . Schließlich ist das Pastorat so eine Art Schallfänger für die Gerüchte , die durch das Kirchspiel schwirren . - Da ist mir nun ein Gerücht zu Ohren gekommen , das ich Ihnen , Baron , mitzuteilen für meine Pflicht hielt , weil - weil es dazu angetan ist , eine Dame zu kompromittieren . Wie gesagt , da es Sie betrifft , hielt ich es für meine Pflicht , Ihnen davon Mitteilung zu machen . « » Ah ! « sagte Rast und schaute auf seine Zigarre nieder : » Sehr interessant . Worum handelt es sich denn ? « So leicht hier das gesagt war , Werner glaubte aus dem kühlen , ein wenig spöttischen Ton etwas wie eine Herausforderung herauszuhören , und das freute ihn , das machte ihn warm . » Ich denke , auf die näheren Umstände einzugehen , ist wohl nicht nötig « , versetzte er . » Es handelt sich um - um nächtliche Fahrten , die beobachtet - , die bis zu ihrem Ziel verfolgt worden sind , aus denen Schlüsse gezogen werden , die einer Dame schaden können . « Er bemühte sich , klar und geschäftlich zu sein . » Und « , sagte Rast noch immer im leichten Unterhaltungston , » Sie , Herr Pastor , hielten es für Ihre Pflicht , mir das mitzuteilen ? « » Ja . « » Für Ihre Pflicht als Pastor natürlich ? « Werner erhob ein wenig die Stimme , als er antwortete : » Ja , als Pastor , gewiß - und als Ehrenmann und als Freund der betroffenen Familie . « Rast wehrte mit der Hand ab und sagte bittend : » Nein , Herr Pastor , nicht das alles . Bleiben wir bei dem Pastor . Als Pastor , bitte . « » Als was Sie wollen « , fuhr es Werner jetzt ziemlich grob heraus . » Sehen Sie « , meinte Rast , » das mit dem Ehrenmann . Ein jeder setzt bei dem anderen voraus , daß er weiß , was ein Ehrenmann zu tun hat . Gewiß - sonst wär ' s ja beleidigend . Aber es ist besser , sich da nicht weiter auf Einzelheiten einzulassen . Es entstehen dann doch leicht Meinungsverschiedenheiten . Und Freund , mein Gott , Gefühle komplizieren die Sachen nur . Aber Pastor - , Pastor ist klar . Sie sind als Pastor verpflichtet , sich in die Angelegenheiten anderer Leute zu mischen , das ist Ihre Amtspflicht , peinlich vielleicht , aber sie wird erfüllt . Sehr achtbar ! « » Es handelt sich hier nicht um mich « , versetzte Werner hitzig . » Es handelt sich darum , daß eine Dame ... ? « » O bitte « , unterbrach ihn Rast sanft , » doch , es handelt sich um Sie . Sie tun Ihre Pflicht . Als Pastor handelt es sich für Sie nicht um einen bestimmten Herren oder eine bestimmte Dame , es handelt sich für Sie abstrakt um einen Ruf - eine Tugend , eine Sünde , nicht wahr ? Es ist Ihr Beruf , zu verhindern , daß ein Ruf geschädigt wird , oder daß eine Tugend fällt , oder daß eine Sünde begangen wird . Sie haben keinerlei persönliches Interesse daran , Sie tun Ihre Pflicht , und nur deshalb , Herr Pastor , können Sie ' s tun , können Sie hier Dinge sagen und tun , die ein anderer nicht sagen und tun kann . « » Ich berufe mich nicht auf mein Amt « , sagte Werner . » Ich spreche als Mann zum Manne . « » O nein « , versetzte Rast , » Sie kommen , als Pastor ermahnen , nicht Rechenschaft fordern . « » Doch « , unterbrach ihn Werner , » ich will Rechenschaft fordern . « Rast zuckte die Achseln . » Nicht möglich , Herr Pastor . Sie wollen eine Tugend retten , Sie wollen , was man so nennt , Gutes tun . Sie wollen keine Antwort oder Erklärung . In Ihren Predigten fragen Sie auch zuweilen , aber Sie wollen doch keine Antwort darauf . Darauf zu antworten , wäre unpassend . So auch hier . Sie wollen Gutes tun , Sie wollen ermahnen , Sie wollen keine Antwort von mir . Das sagten Sie ja vorhin . Ich verstehe Sie vollkommen . « Werner erhob sich von seinem Stuhl . Der Zorn schoß ihm ganz heiß in das Blut . Seine Schläfen brannten . » Herr Baron « , sagte er feierlich , » ich sehe , daß etwas Unerhörtes geschieht , und ich soll ruhig zusehen , ich soll nicht das Recht haben , einzugreifen ? « Rast sah ihn mit seinen gefühlvollen Samtaugen sinnend an . » Aber so setzen Sie sich doch , Herr Pastor . Sie haben unrecht , sich so aufzuregen . Sie hätten doch eine Zigarre nehmen sollen . Bismarck sagt , eine Zigarre mache ein Gespräch ruhig . Aber ich erkenne Ihr Recht , einzugreifen - als Pastor - an . Sie sprachen von Unerhörtem - , es ist vielleicht besser , eine genauere Kritik hier zu vermeiden , - der Objektivität wegen . « » Ich wiederhole es « , rief Werner heftig . » Ich fordere hier Rechenschaft . « Rast lächelte . » Aber Herr Pastor . Wollen Sie sich mit mir schlagen ? Das ginge doch nicht . Würde das nicht aussehen , als hätten Sie ein Interesse oder ein Recht in dieser Sache ? Nein , ich werde nie vergessen , wen ich vor mir habe . « » Und ich - ich - « , sagte Werner heiser , » ich darf wohl nicht vergessen , - daß ich in Ihrem Hause bin . « Rast wehrte mit der Hand ab . » O bitte , darauf kein Gewicht zu legen . Mein Haus steht zu Ihrer Verfügung . Ich bedauere , Herr Pastor , Sie ein wenig erregt und nicht ganz zufrieden zu sehen . Ich fürchte , ich bin Ihnen nicht sympathisch , das bedauere ich ... « Werner war plötzlich ganz ruhig geworden . Er lächelte sogar . » Sympathisch - nein . Ich kam wohl auch nicht , um eine Liebeserklärung zu machen . « » Selbstverständlich ! « gab Rast zu und lächelte auch . » Ich meine nur , warum sind Sie mit mir nicht zufrieden ? Sie kommen zu mir , um mir eine Mitteilung zu machen , um mir eine Mahnung zugehen zu lassen . Gut ! Ich nehme die Mitteilung dankbar entgegen . Die Mahnung - ich will sie - , wie sagt doch die Bibel , ich will sie in meinem Herzen bewegen . Mehr können Sie , Herr Pastor , nicht von mir verlangen . Der Fall selbst ist nicht geeignet , besprochen zu werden . Das ist natürlich auch Ihre Ansicht . Aber Ihre Mission - Herr Pastor - Ihre Mission kann als durchaus gelungen bezeichnet werden . « » Sie haben recht « , sagte Werner leise und müde , » so werd ' ich denn gehen . « » Sie wollen schon gehen ? « rief Rast , als überraschte ihn das . » Das tut mir leid . Es plaudert sich angenehm an solchen kalten Tagen . Aber ich darf Sie wohl nicht aufhalten . « Die beiden Männer reichten sich die Hände , und Werner wurde sich dabei des Umstandes bewußt , daß er fast einen Kopf größer als Rast war , daß , wenn er jetzt den Arm hob und seine Faust auf den vor ihm stehenden Rast niederfallen lassen würde , dieser vor ihm auf dem Teppich läge . » Also besten Dank « , sagte Rast , » auf Wiedersehen . « Er begleitete Werner bis an die Tür und nickte ihm lächelnd zu . Auf dem Heimwege wurde Werner den Gedanken nicht los , wie häßlich und widernatürlich doch diese sogenannte Kultur war . Zwei haßten sich . War es da nicht schöner , sich zu fassen , um den Leib , das fiebernde Fleisch aneinanderzudrücken , sich den glühenden Atem in das Gesicht zu blasen und zu suchen , einander weh zu tun ... , zu verwunden , wie die Bauernburschen es unten im Kruge tun ? Statt dessen reicht man sich die Hand , lächelt : » Besten Dank ! Auf Wiedersehen . « - Pfui ! Die Adventszeit war da . Lene saß abends am Klavier und sang Choräle . Werner hielt Nachmittagsandachten , während die untergehende Sonne durch die Kirchenfenster schien und die Gesichter der Leute rot malte : Oder er besuchte die Schulen . Gröv , hektisch-rote Flecke auf den mageren Wangen , die Augen entzündet , stand an dem Pult und sprach mit hoher , erregter Stimme auf die Kinderschar ein . Die Wintersonne schien hell über die blonden Kinderköpfe . Die Kinderstimmen , die sich draußen heiser geschrien hatten , sagten eintönig und taktmäßig Sprüche her , in denen von großen Wundern und großen Geheimnissen die Rede war - , die Augen klar und voll verständnisloser Andacht . Werner hatte diese Zeit stets geliebt , in der die großen Mysterien eine familienhafte Traulichkeit annahmen , in der Frauen , Mädchen und Kinder sich in den ewigen Dingen gemütlich zu Hause fühlten , wie in ihren Stuben . Überall war etwas Wunderluft . Auch jetzt ging Pastor Werner seinen Amtsgeschäften ruhig nach . Er konnte andächtig und heiter sein . Aber neben dem Pastor Werner ging ein anderer her . Er versteckte sich , er war jedoch da - fremd - unheimlich - - unentrinnbar . Wenn Werner abends bei der Lampe Lene gegenübersaß und zuhörte , wie Lene über friedliche , kleine Dinge plauderte , dann geschah es wohl , daß sie plötzlich ausrief » Was ist dir ? « » Mir ? Nichts - warum ? « » Du machst ein Gesicht , als schmerzte dich was . « Werner lachte : » Was du nicht siehst ! « Allein , wenn es still im Hause wurde , wenn er in seinem Arbeitszimmer saß , dann kam er - der andere - unabänderlich , ein Gast , der nie ausblieb . Werner hörte auf den Schlag der Uhr , wartete in dumpfer Ergebung . Es schlug zwölf . Werner erhob sich , zog seinen Pelz an , nahm seinen Stock und ging hinaus , pünktlich , wie zu einem gewohnten Geschäft . Und während er leise durch das Haus zur Haustür schlich , mußte er an das Wort des Johannisevangeliums denken , das von Judas sagt : » Da er nun den Bissen genommen hatte , ging er sobald hinaus . Und es war Nacht . « Die nächtliche Welt um diese Stunde war ihm jetzt vertraut . Zuweilen war der Himmel klar und voller Sterne , oder der Nordwind fuhr in die Bäume , rauschte wild , als riefe er in die alten Föhren eine aufregende Nachricht hinein . Oder dichter Nebel verhängte das Land , tropfte und flüsterte in den Zweigen . Werner kannte jede dunkle Baumgestalt , an der er vorüber mußte . Er kannte die leisen Schritte des Wildes im Dickicht . Er gehörte zu ihnen allen , die ihn umstanden , sie waren seine Mitwisser . Durch die Tannenschonung ging er in den Wald hinein , bis er den schmalen weißen Strich über dem Abgrunde sah . Dort setzte er sich auf einen Baumstumpf im Gebüsch und wartete . Wenn es in seiner Nähe raschelte , dann wußte er , es war der Fuchs , der auf die Jagd ging . Die regungslose Gestalt auf dem Baumstumpf schreckte den Fuchs nicht . Er war an sie gewöhnt . Er mochte gemerkt haben , daß dieses Raubtier , das so still auf der Lauer lag , ihm nicht ins Gehege kam . Werner wartete geduldig , bis sie herankamen : der Schlitten - das schwarze Pferd - eilig , lautlos . Sie glitten über den weißen Strich - schwebten über dem Abgrunde - und waren hinüber und verschwunden . Werner steckte sich eine Zigarette an , rauchte und wartete , bis der Schlitten wiederkam , einen Augenblick über dem Abgrund schwebte und verschwand . Um das zu sehen , dieses Schweben über dem Abgrund , kam er Nacht für Nacht . Das war ein Augenblick furchtbarer Spannung . jetzt - jetzt mußte die zierliche , schwarze Vision auf dem weißen Strich im Abgrund verschwinden ! Die Bibel war so voller Wunder . Was wirkten die Leute da nicht alles mit ihrem Willen ! Sie machten Tote auferstehen und Lebende tot zur Erde fallen . Konnte er denn nicht mit der Gewalt seines Willens eines dieser morschen Bretter zum Brechen bringen ? Nur ein Brett und - - - Oft , wenn der Schlitten an ihm vorüber war , stand Werner von seinem Baumstumpf auf , ging auf die Brücke hinauf , vorsichtig und aufmerksam . Er betrachtete sorgsam jedes Brett , prüfte es mit der Hand . Dieses war ganz morsch , dieses lag nur lose auf - hier war ein Spalt . Es mußte einmal geschehen . Wenn einer eines dieser Bretter zufällig mit dem Fuß oder mit der Hand verschob - - ein leichter Schwindel faßte ihn . Er mußte für einen Moment die Augen schließen . Dann ging er wieder an seinen Platz zurück . » Wenn einer zufällig mit dem Fuß oder mit der Hand eines dieser Bretter verschiebt « - klang es in ihm wider , eintönig , eigensinnig , wie ein sinnloser Refrain . Und um ihn flüsterten die kleinen Tannen » - ver - schiebt - ver - schiebt « , und oben fielen die alten Föhren laut und majestätisch ein » versch - - iebt - ver - schiebt « - Der ganze Wald dachte nur daran . War es vorüber , war der Schlitten zurückgefahren , dann ging Werner nach Hause - die Glieder schlaff - das Herz