. » I hab ' nix mehr z ' toa mit der Religion . « » No , no ! « » Na , gar nix mehr . I mach ' net bloß Sprüch ' . Sie derfen mir ' s glaab ' n. « » Ich weiß , daß Ihnen Unrecht g ' schehen is , Schuller . Aber so darf ma doch net gleich mit allem fertig sein . « » Glei ? Dös is gar net so glei g ' wen . « » Aber doch bloß wegen den G ' schichten . « » Na , net bloß desweg ' n , Herr Lehrer . Mir san ja dumme Bauern und hamm nix g ' lernt . Aber ma hört do was und siecht was . Und dös hat mir g ' langt . « » Es sind nicht alle gleich , Schuller , es gibt auch sehr brave Geistliche . « » Ko scho sei ; i nimm eahna nix weg von der Bravheit . Brave Menschen gibt ' s überall . « » Weil Ihnen jetzt der unsrige alles mögliche antut , meinen Sie , es sind die andern auch so . « » I schaug ' s ganz anders o , Herr Lehrer . Sehg ' n S ' , dös , was mir inser Pfarrer o ' tuat , dös kimmt von seiner Bosheit . Und da könna ' n de andern nix dafür . Dös vasteh i recht guat . Und dös woaß i aa , es gibt bei ' r a jeden Sach ' guate und schlechte Leut ' . Bei der Religion aa . « » Da haben Sie recht , Schuller . « » Ja , da hab ' i recht . Aber dös is net des Schlechte , Herr Lehrer . Dös Schlechte is , daß d ' Religion net dagegen is . Gegen dös , was inser Pfarrer tuat . « » Passen Sie einmal auf . Schuller ... « » Na , na , Herr Lehrer , da is d ' Religion schuld , wenn ma solchene Unterschied macht , ob jetzt oans g ' schwind tauft is , oder net . Dös vasteh ' i do no , wenn i aa bloß a dummer Bauer bin . « » Das glaubt niemand , daß Sie dumm sind . « » Ja no , unseroaner lernt nix ; ös habt ' s viel mehra g ' lesen . Aber dös hamm S ' no nirgends g ' lesen , Herr Lehrer , daß d ' Religion so was verbiat ' n tat . Oder daß ' s ausdrücklich hoaßen tat , es gibt bloß rechtschaffene oder schlechte Leut ' , und koan andern Unterschied net . « » Das ist bei jedem Glauben so , net bloß bei dem unsern , Schuller . Das verlangt eine jede Religion , daß man sich zu ihr bekennt . « » Is scho recht ! Daß ma siecht , daß oana dabei is . Net wahr ? Dös is d ' Hauptsach ' . Was aber oana sinscht tuat , und bal er no so schlecht is , auf dös gehts it z ' samm . Wann er no dabei is ! « » Darüber muß hernach ein anderer richten . « » I siech aber überall , daß de Geistlichen richten . De spielen si auf , als wann sie die Herren waar ' n , über de ander Welt aa . De reißen ja a Kreuzel vom Grab weg , weil sie dös zum Regieren hamm , was amal da drüben gibt . « » Sie reden immer von dem und meinen immer das . Aber das wird jeder verurteilen , der wirklich eine Religion hat . « » So ? I hätt ' mir denkt , de meist Religion müaßten de Geistlichen hamm . Und wenn oaner an Ausnahm ' macht , warum rühren si de andern net dageg ' n ? De helfen do alle z ' samm . « » Leider , daß nicht alles so ist , wie ' s sein soll ! Aber den Glauben darf man deswegen nicht verlieren . « » Net , moanen S ' ? « » Nein , ganz gewiß nicht . « » Wia ' s oana o ' schaugt , Herr Lehrer ! Man siecht viel , was oan it g ' fallt . Daß a schlechter Mensch oft dös größt ' Glück hat und a braver geht z ' grund . Da sagt ma nacha , ma woaß it , was inser Herrgott in Sinn hat . Es is eine Zulassung Gottes . Vo mir aus , i woaß ' s a net besser . Aba , daß oana von seine Geistlichen d ' Religion ausnutzt als Mittel zu da Schlechtigkeit , des sell durft er it zualassen , Herr Lehrer ! Sinscht kunnt ' s amal sei , daß d ' Leut ' allssammete irr ' wer ' n. « Stegmüller merkte gut : was der da vorbrachte , war nicht das unüberlegte Geschwätz eines Zornigen . Der wußte , was er wollte . Die Rede gefiel ihm nicht ; aus dem Munde eines anderen wäre sie ihm leichtfertig vorgekommen . Aber es lag etwas so Festes und Bestimmtes in dem Wesen des Schullerbauern , daß er Achtung vor ihm empfand . » Ich weiß nicht , « sagte er , » Ihr kommt mir ganz verändert vor . « » Sie wer ' n mi für schlecht halt ' n , Herr Lehrer . « » Nein , Schuller ; aber es tut mir leid , daß gerade Ihr so redet . « » Nachher künden S ' mir nur grad ' d ' Freundschaft net auf ; dös tat mi verdrießen , wo mir uns scho bald dreiß ' g Jahr kennan . « » Das tu ich nicht . Ihr wißt ' s recht gut . Und jetzt gut Morgen , Schuller ! « » Adjes , Herr Lehrer ! « Stegmüller ging seinen Weg zurück . Am Waldrande hielt er und schaute um . Der Schuller war schon wieder rüstig bei der Arbeit , als wollte er die versäumte Zeit einholen . Siebentes Kapitel Den 16. November waren die Gemeindewahlen in Prittlbach , Aufhausen und Zillhofen , den 17. in Giebing , Fahrenzhausen , Schachach und Webling , den 18. in Biberbach , Edenholzhausen und Erlbach . In Zillhofen wählten sie den Blasibauern Joseph Kaltner zum Bürgermeister , der für einen heftigen Bauernbündler galt ; in Schachach kam der Rädlmayer in den Ausschuß . Der Meisinger von Giebing fiel durch , aber sein Gegner hatte nur eine Mehrheit von zwei Stimmen . Und außerdem konnte sich der Herr Dekan über diesen Sieg nicht übermäßig freuen , weil der Stuhlberger Beigeordneter wurde . In Fahrenzhausen fielen beinahe alle Stimmen auf den Wagnerbauern Peter Lochmann , der schon bei den letzten Landtagswahlen gegen den Pfarrer aufgetreten war . Die Erlbacher gaben dem Hierangl 44 Stimmen , dem Schuller 53 ; damit war dieser zum Bügermeister gewählt . In allen Gemeinden sagten die Leute , daß sie solche Wahlen noch nie gesehen hätten . Sonst gab man gleichmütig seine Stimme ab und kümmerte sich nicht viel darum , wen es traf . Streit gab es selten ; und das Politische kam nicht in Frage . Diesmal brannte es an allen Ecken und Enden ; in jedem Dorfe stand eine Partei gegen die andere . Die Geistlichen warben offen und versteckt um Stimmen ; sie sagten von den Kanzeln herunter , daß man sich einer großen Gefahr aussetze , wenn kirchenfeindliche Menschen an das Ruder kämen . Das Unterste würde zu oberst gekehrt ; in weltlichen Dingen finge das Unglück an , und wo es ende , könne nur Gott allein wissen . Sie versuchten die Männer zu überreden und zogen die Weiber auf ihre Seite . In Zillhofen ermahnte der Kooperator sogar die Schulkinder , daß sie ihre Väter in das tägliche Gebet einschließen sollten , damit sie der liebe Gott festhalte am katholischen Glauben . Die Bauernbündler schauten nicht untätig zu . Sie hatten noch nicht die Mittel , welche zur Ausbreitung einer neuen Bewegung notwendig sind ; sie hielten keine Versammlungen ab , ja , es hatte sich noch nicht einmal ein Kern von Vertrauensmännern gebildet . Trotzdem fanden sie sich zusammen ; von Haus zu Haus ging die Verabredung , und nur verlässige Männer wurden in das Vertrauen gezogen . Einer wußte vom andern , ob er fest standhalte und der gemeinsamen Sache dienen wolle . Die richtigen Männer kannte man weitum auf Stunden , die Unsicheren waren für alle gezeichnet . Ohne Flugschriften und Aufrufe verständigten sich die Leute , warben Anhänger und trafen die Auswahl der Männer , welche sie an die Spitze stellen wollten . Am entscheidenden Tage gab es viel Lärm . Die Leute , welche sich zum ersten Mal einer politischen Aufregung überließen , hatten noch nicht gelernt , ihre Freude am Erfolge oder ihren Ärger über eine Niederlage zu verstecken . Der alte Rädlmayer in Schachach gab einen offenen Stimmzettel ab und sagte , das Versteckenspielen habe ein Ende , und wer eine Schneid ' habe , der müsse sie herzeigen . In Giebing stellten sich die jungen Burschen vor dem Wahllokal auf und brachten jedem Anhänger des Dekan Metz eine Katzenmusik . Der Hirner von Aufhausen trank sich einen festen Rausch an und sagte zum Wahlkommissär , ihm wär ' es das Liebste , wenn man gleich über den Adel und die Geistlichkeit einrücke ; er wolle schon zuhauen , daß alle am Leben verzagen müßten . In Zillhofen kam es zu einer Prügelei , und in Biberbach mußten die Schwarzen schleunig aus dem Wirtshaus flüchten , weil sie sonst übel gefahren wären . Die Erlbacher blieben ruhiger . Fast alle Stimmberechtigten erschienen ; eine halbe Stunde vor Schluß fehlten nur mehr etliche Stimmen zur Vollzähligkeit . Das Ergebnis war im voraus nicht sicher ; der Hierangl hatte viele Anhänger , und der Pfarrer Baustätter setzte alle Hebel in Bewegung , um ihn durchzubringen . Er ließ sich von seiner Heftigkeit so hinreißen , daß er im Wahllokale aus und ein ging und verschiedene Leute ansprach . Als zuletzt noch der alte Keimel auftauchte , der über Jahr und Tag krank daheim lag , wußten alle , daß ihn nur der geistliche Zuspruch zu dieser Kraftanstrengung gebracht hatte . Und alles half nichts ; der Schullerbauer blieb Sieger mit neun Stimmen Mehrheit . » Zum Bürgermeister ist also gewählt Andreas Vöst , Ökonom von Erlbach ... « » Und ein Vivat hoch ! « schrie der Haberlschneider , » koan Bessern hamm mir no net g ' habt . « » Vielleicht waarst du no der Besser ' g ' wen ! « sagte der Hierangl . » Na , i net ; aba du scho gar it . « » Du derfst ' n scho lob ' n ; du bist ja sei Spez ' l. « » Geh hoam , Hierangl ! Do verdeanst dir nix bei ins ! Geh zum Pfarra , nacha könnt ' s woana mitanand ! « » Vo dir laß i mir nix schaffen , du bischt mir z ' weni , hast g ' hört ? « » Geh hoam , du ! So dumm waar i net , daß i mir an Zorn a so merk ' n lasset . « » Haberlschneider , der Letzt ' hat no net g ' schoben . « » So ? Habt ' s no an Spitaler hinten , weil der alt ' Keimel it g ' langt hat ? « Alle lachten . Der Hierangl drängte sich durch die Umstehenden und ging zornig auf die Straße . Der Teufel soll alles holen und den Schuller zuerst ! Der ihm überall in den Weg trat . Bürgermeister oder nicht , da lag ihm nicht soviel daran . Aber daß er wieder gegen den verspielte ! Und daß der sich groß machen durfte ! » Was willst ? « fuhr er den Geitner an , der ihn bei seinem Hause erwartete . » Nix will i , grüaß Gott sag ' i. « » ' ß Good , und laß ma mein Ruah ! « » No , no ! Jetzt fahr net glei oben außi ! « » I muaß dir vielleicht Dank schö sag ' n , weil ' s den Spitzbuam zum Burgermoasta g ' macht habt ' s ? Den ganz schlecht ' n ! « » Aber i net ; dös woaßt du guat . « » Ja , du net ! Und ös alle net ! Was is den nacha mit mein Geld . Wann gibst mir denn dös z ' ruck ? « » Heut ' net , weil i ' s net hab ' ; a bissel werst scho no wart ' n kinna . « » Na , i mag nimma . I will mit koan Erlbacher nix mehr z ' toa hamm . I will mei Geld , und firti ! « » Laß amal g ' scheidt mit dir red ' n ; deine Freund sollt ' st do scho kenna ! « » I brauch ' koan Freund . « » So muaßt d ' as macha ! Weil ' s dir jetzt net ' nausganga is , waar gar koana mehr was . Wer is denn Umanandg ' loffen für di , und hat g ' redt für di ? « » Koa schlechte Arbet zahl ma ' r it . « » Dös is a schlechte Arbet , wenn der ander a paar Stimma mehr hat ! De hätt ' er net kriagt , wann jetzt net de G ' schicht mit ' n Bauernbund waar . « » Dös is mir wurscht ! Vo mir aus is der Schuller Bürgermoasta oder net . Dös bekümmert mi durchaus gar nix mehr . « » Paß auf , der Pfarra hat zu mir g ' sagt , du sollst morg ' n nach der Mess ' zu eahm aufi kemma . « » I brauch nix vom Pfarra ! « » I glaab , er hat was im Sinn . Mir hat er ' s it g ' sagt . « » I laß mi auf gar nix mehr ei . « » Dös braucht ' s ja net . Werst scho hör ' n , was er sagt , und bal ' s dir it paßt , ko ' st allaweil z ' rucksteh . « » I glaab ' s net , daß i ' naufgeh . « Der Schuller saß hemdärmelig auf der Ofenbank und rauchte . Seit langer Zeit war ihm nicht mehr so wohl gewesen . Er hatte keinen Ehrgeiz und wollte nicht mehr sein wie die andern . Aber diese Wahl hatte er für eine Probe angesehen . Es mußte sich zeigen , ob er noch etwas galt , nach den Unbilden , die ihm der Pfarrer öffentlich angetan hatte . Wer eine Beleidigung einschieben muß , verliert leicht sein Ansehen . Die Leute fragen nicht immer nach Recht oder Unrecht und sehen bloß den Schlag , den einer kriegt . Aber jetzt , weil es gut hinausgegangen war , fühlte er festeren Boden unter den Füßen ; auch im eigenen Hause . Es war ihm vieles nicht recht gewesen in der letzten Zeit . Die Weiber redeten unnützes Zeug , wie Leute , die eine Verlegenheit redselig macht . Und jedes Dorfgeschwätz fand Eingang in seinem Haus . Aber jetzt mußte die alte Ordnung wieder einkehren . Und das war recht und nützlich . Er lachte still vor sich hin . Wie das Weibervolk ist ! Als er seiner Bäuerin die Mitteilung machte , war ihr erstes , ob wohl die Bäcker Ulrich Marie das schon wüßte , und wie die sich ärgern würde ! Das ist immer die Hauptsache , was die andern dazu sagen . Ein breiter Schatten fiel in die Stube . Der Schuller schaute auf und sah am Fenster den Haberlschneider , der vergnügt hereinlachte . » Da sitzt er , « sagte er , » und i suach di überall . Was is denn , Burgermoasta , kimmst net ins Wirtshaus und zahlst a paar Maß , weil mir so tapfer hing ' standen san für di ? « » Auf dös geht ' s mir net z ' samm , « antwortete der Schuller , » a Bier zahl ' i gern , aber selber kimm i net . « » Warum nacha net ? G ' rad lusti muaß wern . « » Desweg ' n geh ' i net hi , Haberlschneider . Da san heut ' viel dort , de moanen , sie müaßen recht ausg ' lassen sei , daß s ' mir a Freud ' machen . « » Geh weiter ! Du brauchst do auf neamd aufz ' passen . « » Auf wen andern net , aber auf mi . I mag mi net hergeben für a Gaudi ; du kennst d ' Leut ' und woaßt scho , wia s ' san . « » Aba schö waar ' s halt do , und aufdrah ' n tat ' n mir nobel . « » Laß guat sei , Haberlschneider ! An anders Mal gern . I hab ' a so Feind ' gnua . « » G ' rad de müaßten si recht ärgern . « » Na , i fang ' net o mit ' n Streiten . « » Dös bleibt nia net aus , Schuller . « » Mag leicht sei ! Nacha geht ' s aba weg ' n was andern her , und net weg ' n a Wirtshausgaudi . « » Am End ' hast recht . Aber i geh ' heut ' so schnell net hoam , dös woaß i g ' wiß . « Um den Pfarrhof war es nicht so still und friedlich wie sonst . Der Strahl des Springbrunnens stieg nicht gerade in die Höhe und fiel nicht plätschernd in das steinerne Becken zurück . Er ließ sich vom Winde auf die Seite treiben und spritzte das Wasser auf den Kiesweg . Auch dieser war nicht gepflegt und sauber wie sonst . Die Kastanienbäume hatten dürre Blätter auf ihn geschüttelt ; sie lagen unordentlich herum und wirbelten durcheinander , als wäre alle Zucht und Sitte aus diesem Garten geschwunden . Der wilde Rebstock am Hause gewährte ein klägliches Bild ; seine dünnen Zweige krochen mühselig an der Mauer empor , die nackt und bloß ihre Schäden aller Welt zeigen mußte . Ein starker Regen fiel ungestüm auf das Schieferdach nieder ; in der Dachrinne gurgelte das Wasser und stürzte mit ungebührlichem Lärmen durch die enge Röhre . Überall Unordnung und trübselige Stimmung . Aber es bedeutete nichts gegen die Aufregung im Innern des Hauses . Da trieben gefährliche Stürme ihr verstecktes Spiel ; man sah sie nicht offen wüten , und doch fühlte man ihre Wirkung . Türen klappten auf und zu ; zornige Schritte klangen über die Dielen . Ein ruheloser Geist trieb sein Unwesen . » War das nicht ein Geräusch im Zimmer des hochwürdigen Herrn ? Klang es nicht , als hätte man einen Stuhl umgeworfen ? « Der Kooperator horchte . Da ! Diesmal klatschte etwas an die Wand und fiel zu Boden . Als hätte man einen Gegenstand , ein schweres Buch hingeschleudert . Die Schritte näherten sich der Tür , und der Kooperator fuhr zurück . Fräulein Lechner stand seufzend in der Küche und sah zur Decke hinauf . Die schweren Schritte da oben gingen rastlos hin und her . Dazwischen stampfte es gegen die Decke , daß der Kalk abbröckelte . Fräulein Lechner fuhr mit der Hand an das klopfende Herz , und die Bäcker Ulrich Marie sagte : » Heilige Gnadenmutter von Altötting , der Herr Pfarrer is ganz auseinander ! « » Das hat er nicht verdient von den Erlbachern , « erwiderte die Köchin , » daß sie es ihm g ' rad zum Fleiß tun , und wählen den Schuller . Das ist eine Schand für das ganze Dorf ! « » Das war immer ein Kalter , solang ' ich ihn kenn ' , Fräulein Lechner . Kein ' Glauben und keine Religion haben die Leut ' . Wochenlang in keine Kirch ' gehn , und jetzt laßt er sich überhaupt gar nimmer seh ' n. « » Und weil mein Herr seine Pflicht und Schuldigkeit tut , hat er nichts davon wie Ärger und Spott . Hamm Sie ' s gehört ? « Es war das Buch , welches an die Wand flog und am Boden aufschlug . Und gewiß hatte es die Bäcker Ulrich Marie gehört . Denn sie spitzte ihre Ohren und vernahm jedes Geräusch mit gruseliger Neugierde . Achtes Kapitel In der Rosengasse zu München liegt eingeklemmt zwischen hohen Neubauten das Geschäfts- und Wohnhaus des Herrn Michael Sporner . Es hat nur zwei Stockwerke ; trotzdem sieht es nicht ärmlich aus neben den Türmen und Erkern und riesigen Mauern seiner Umgebung . Es trägt ein schuldenfreies Wesen zur Schau und sagt jedem , daß hinter den blitzblanken Fenstern ein ehrbarer Reichtum wohnt . Zu ebener Erde ist ein Laden , aus dem der Geruch von frisch gebranntem Kaffee auf die Straße dringt und in jedem Spaziergänger angenehme Vorstellungen erweckt . Sie werden verstärkt durch den Anblick eines Schildes , das neben der Ladentüre hängt . Man sieht darauf einen fröhlichen Neger neben einem Kaffeesacke stehen ; sein Haupt ist mit bunten Federn geschmückt , wie der Schurz , den er um die Lenden geschlungen hat . Er raucht aus einer großen Pfeife und bläst Tabakwolken in die Luft . Im Hintergrunde , am Ufer des dunkelblauen Meeres stehen zwei Indianer , und jeder begreift , warum sie so neidisch auf den heiteren Mohren blicken . Jeder denkt an duftenden Mokka und treffliche Zigarren und behagliche Stunden . Wer in den Laden eintritt , erfreut sich an den flinken Bewegungen der Herren Kommis , die mit schwungvollen Handgriffen Pakete zusammenlegen , Schnüre abzwicken , die mit staunenswerter Sicherheit den Inhalt jeder Schublade kennen und nie eine unrechte öffnen , die das Gewicht der Waren genau erraten und die Zahlen flüchtig auf das Papier hinwerfen . Er erfreut sich an dem verbindlichen Lächeln dieser jungen Herren , welche ihr Benehmen nach Stand und Rang der Kunden einzurichten wissen und so verschwenderisch achtunggebietende Titel verleihen . Er sieht mit Bewunderung , wie Herr Michael Sporner , unbeirrt durch den Lärm , an seinem Pulte steht , Briefe nach allen Weltteilen schreibt und dabei mit flinken Augen seine Untergebenen überwacht . Oder wie er dienstfertig seinen Platz verläßt , wenn ein angesehener Kunde eintritt , und wie er dann an geschickten Handgriffen und gut gewählten Höflichkeiten sogar den ersten Kommis übertrifft . Und wenn der Käufer mit seinem sauber gebundenen Pakete an die Kasse tritt , kann er noch mit wirklicher Hochachtung auf Madame Sophie Sporner blicken , welche sein Geld mit einer leichten Verneigung entgegennimmt und mit energischem Ruck die amerikanische Kassette öffnet , die jeden Betrag anzeigt . Dies alles kann derjenige sehen , welcher seinen Bedarf an Kolonial- und Spezereiwaren bei Sporners seligen Erben deckt . Aber wenn nach dem arbeitsreichen Tage der Hausdiener die Rolläden herunterzieht , dann schreitet Herr Michael Sporner händereibend durch den Raum und dreht fröhlichen Gemütes die Gasflammen ab . Er tut es stets in der gleichen Reihenfolge , und wenn die letzte verlöscht , sagt er : » So , das hätten wir wieder einmal ! « Auch heute ging er vergnügt über die Treppe zur Wohnung hinauf . Ein frisches Mädel kam ihm entgegen und begrüßte ihn mit einem Kusse , um den man ihn beneiden durfte . Denn Fräulein Gertraud sah in dem Hauskleide mit der weißen Schürze über die Maßen hübsch aus ; ihre Wangen waren gerötet vom Küchenfeuer , die Augen blitzten , und alles an ihr war Gesundheit . » Guten Abend , Traudel ! « sagte Herr Sporner , » ist schon gedeckt ? « » Freilich . In einer Viertelstunde essen wir . « » Und du hast gekocht ? « » Bloß mit geholfen , Papa . « » Da bin ich neugierig . « » Geh nur ins Wohnzimmer . Die Mama ist schon drin . « Papa Sporner trat ein und stellte sich vor den Ofen . » Das ist wieder gemütlich heute ! « sagte er ; » du , Alte , da sind ja vier Gedecke , wer kommt denn heute ? « » Der Herr Mang . Es ist doch Samstag . « » Richtig , freilich ! Das hab ' ich jetzt ganz vergessen . Das ist fein , da kriegen wir Musik heute . « » Hm - ja . « » Du tust beinah , als wenn du keine hören möchtest . « » Ich hör ' recht gern Musik . « » Na also , kannst dir vielleicht eine bessere wünschen ? « » Hm - ja , der Herr Mang spielt ganz gut . « » Was hast du denn ? « » Ich ? Nichts . « » Geh , hör auf . Weil ich dich net kenn ' ! Dir is was übers Leberl g ' laufen ? « » Wenn du schon fragst , ja . Ich bin nicht dafür , daß der Herr Mang so oft zu uns kommt . « » Aber warum denn net ? Was hast du denn gegen den jungen Menschen ? « » Nichts ; im Gegenteil , ich mag ihn recht gern . Er ist brav und alles , aber ... « » No , aber ? « » Aber , es paßt mir wegen der Traudel nicht . « » Is s ' am End ' gar verliebt ? Hahaha ! Jetzt da schau her ! Wart , da wer i ' s glei ins Gebet nehmen , unser Fräulein Pfarrerköchin ! « » Sei so gut , gelt , und mach keine Witz ' mit ihr ! « » Natürlich mach ' ich Spaß . Du vielleicht net ? « » Ich muß dich bitten , daß du dir nix merken laßt . « » Zu Befehl Frau Sporner . Versteh ' n tu ' ich dich allerdings net . « » Das is schon schwer zum Verstehen . Er is jung , und sie is jung , und er singt recht schön . Und er is überhaupt ein sehr netter Mensch ; das muß man ihm lassen . « » Und is a Geistlicher , net wahr ? « » Das is er noch gar nicht . « » Aber er wird ' s. Außerdem hat ihn die Traudel beim Schwager kennen g ' lernt , und der Toni hat ihn uns warm empfohlen . « » Das ist alles ganz recht . Ich denk ' ja auch nichts Schlimmes dabei . Warum hätt ' sie ihn nicht kennen lernen sollen ? Aber daß er so oft kommt , und daß sie allein musizieren , das find ' ich nicht in der Ordnung . « » Is doch allaweil d ' Mathild ' dabei ! « » No weißt , dei Schwester ! I tu ' ihr nichts weg , aber die ist die allererst ' , die ihre Bemerkungen d ' rüber macht ; und eine alte Jungfer mit überspannten Ideen ist g ' rad auch nicht die beste Aufsicht . « . » Die soll ' s überhaupt bei der Traudel nicht brauchen , hoff ' ich . « » Da red ' st du wie alle Männer ! Ich hab ' unser ' Tochter auch mit aufzogen und hab ' g ' rad so viel Vertrauen zu ihr wie du . Gott sei Dank , daß sie ein braves Mädel is . Aber sie könnt ' zuletzt selber nichts dafür , wenn sie sich verliebt . Sie tät nichts Unrechtes , das weiß ich schon , aber sie tät sich vielleicht Hoffnungen in den Kopf setzen . « » Geh ! Geh ! « » Ja , oder er . Kommt dir das gar so unmöglich vor , daß er Feuer fangt ? Und das wär ' ein Unglück für ihn . « » Er weiß doch , was er is . « » Die Vernunft hat noch keinem geholfen . « » Mir können ihm doch net auf einmal ' s Haus verbieten . « » Das will ich gar nicht . Ich möcht ' den armen Menschen um alles in der Welt nicht verletzen . « » Was soll ' n wir nachher tun ? « » Das mußt mich machen lassen , Papa . Ich bring ' das schon in Ordnung . Die Hauptsach ' ist , daß du dir nichts merken laßt . Nicht gegen unser ' Traudel , und nicht gegen den Herrn Mang . « » Ich bin froh , wenn ich nix weiß davon . « » Und lad ihn auch nicht ein , das mach ' schon ich . « » Ihr Frauen seld ' s eigentli hartherzig ! « » Das is nicht hartherzig , wenn man zu rechter Zeit vorbeugt . « » No , von mir aus ! Jetzt kommt er , scheint ' s. « » Also gelt ? Herein ! « Man hörte Stimmen vor der Türe , und Sylvester trat ein . Es war leicht zu sehen , daß er nicht zum ersten Mal hier war . Er war frei von Befangenheit und machte eine gute Verbeugung vor Madame Sporner , dann schüttelte er dem Inhaber der Firma herzhaft die Hand . » Hamm Sie Ihr ' Geigen net dabei ? «