zu beschäftigen . Daß dieser Mensch ihr zuwider war , und zwar je länger , desto mehr ( ganz abgesehen von der Beleidigung ihres Bruders ) , das brauchte sie sich nicht erst zu fragen , das spürte sie deutlich . Schon sein lockerer Lebenswandel , aus welchem er nicht einmal ein Hehl machte ! » Doch seien wir nicht ungerecht ; suchen wir ihm eine gute Seite abzugewinnen . « Allein sie mochte ihn drehen , wie sie wollte , es kam nirgends eine gute Seite zum Vorschein , und sein Eigenschaftsverzeichnis sah einem Sündenregister nicht unähnlich . Sein unmännliches , übersanftes , fast süßliches Auftreten , ohne Mark , ohne Kraft , ohne Charakter , mit seiner leisen Stimme , seiner übertriebenen Höflichkeit , seiner geckenhaften Kleidung , seiner gezierten , fremdartigen Sprache - sein undurchsichtiges , vielgestaltiges und vieldeutiges Wesen , verschlossen und hinterhältig , wo man nie weiß , woran man mit ihm ist , jeden Tag ein anderes Gesicht ( » ich liebe einfache , offene , aufrichtige Menschen « ) - seine höhnische , frivole Gesinnung , die alles , selbst das Heiligste , Heimat und Vaterland , Moral und Religion , Poesie und Kunst mit wohlfeilen Paradoxen in den Spott zog - ohne Ernst und Tiefe , ohne Grundsätze , ohne Ideale - kein Schwung , keine Wärme , kein Gefühl ( wie kann zum Beispiel jemand die Musik nicht lieben ? außer er habe kein Herz ! ) . » Gemüt jedenfalls hat er keines ; an wen hat er sich denn in den drei Wochen angeschlossen ? An niemand . « - Und dann seine anmaßlichen Absprechereien , seine albernen Taktlosigkeiten und Narrheiten , die mitunter an Beleidigung streiften ! Hatte man doch zum Beispiel die größte Mühe gehabt , ihm abzugewöhnen , daß er sie Fräulein nannte . Nein , ihr Widerwille war nicht ungerecht ; was auch Frau Keller und ihr Mann zu seinen Gunsten sagen mochten . Auch ihr Vater würde ihn verurteilt haben ; mit einem einzigen Wort hätte er ihn verdammt : » Er ist nicht klar . « Sie hörte den Ton seiner ehrwürdigen Stimme , wie er das gerufen hätte . Und da eben Frau Keller Viktors Talente rühmte : » Ja , wo sind sie denn , seine Talente ? « rief sie , » bitte , zeigen Sie mir an ihm ein Talent , ein einziges ! Was kann er denn ? oder was weiß er ? Ich sehe überall von den Talenten nur die Abwesenheit . « » Geist wenigstens werden Sie ihm zugeben müssen « , mahnte Frau Keller . Jetzt aber riß der Frau Direktor die Geduld : » Geist ? « brauste sie unwillig auf - » auch ich liebe und schätze den Geist ; doch es fragt sich , was für ein Geist . Geist nach meiner Meinung fördert etwas Rechtes zutage , Wahrheit oder Schönheit , Taten oder Werke ; Geist verehrt das Ehrwürdige , verneigt sich vor dem Verdienst , begeistert sich für das Hohe und Edle ; Geist spricht vor allem , wo es sich um ernste Dinge handelt , ernst . Dagegen diese windigen , witzigen Sprachspielchen , ich gestehe , wenn das Geist sein soll , dann mache ich mir aus dem Geist gar nichts , nicht das mindeste ; diese Art Geist hasse ich . Statt Natur zu sagen Madame Pferdekraft , was habe ich davon ? Die Psychologen - die schlechtesten aller Psychologen , was soll das heißen ? Wenn das Geist sein soll , so beanspruche ich als eine Auszeichnung , für dumm zu gelten . Der Kurt , nicht wahr , hat doch auch Geist , aber da sieht es anders aus ! « Und da Frau Keller jetzt eifrigst einstimmte , so mündete die beabsichtigte Erhebung Viktors in einen Lobgesang auf den Kurt . Nachdem sie dann beide an dem Kurt ihr Herz sattsam gelabt , erklärte sich Frau Direktor schließlich bereit - Verträglichkeit kann niemals schaden , und sie vergab sich ja nichts damit - , mit dem leidigen Menschen glimpflicher umzuspringen . Wer sich dagegen bock und stock weigerte , die angebotene Versöhnung anzunehmen , war Viktor . Natürlich , er ließ ja Pseuda , also die wirkliche , leibhaftige Frau Direktor , gar nicht als zu Recht und Tat bestehend gelten . Ehe sie sich bekehrt hätte , also rückwärts wieder in die Seele der Jungfrau Theuda hineingeschlüpft wäre , gab es für ihn keine Verhandlung mit ihr . Hier abgeschlagen , suchte die Regierungsrätin den Frieden von einer anderen Seite : den Kurt und den Viktor miteinander aussöhnen . » Es ist ja doch ganz unmöglich , wenn sich die beiden nur erst kennenlernen , und so weiter . « Das ergab dann eine jener verunglückten Harmonieaufführungen , welche die Sache noch weit schlimmer machen als vorher . Und wieder war es Viktor , der den Widerborstigen spielte . Zwar hatte er sich mit Ach und Krach zu einer Zusammenkunft herbeigelassen , enthielt sich auch - so viel vermochte er über sich - eines feindseligen Wortes ; zur Entschädigung dafür behandelte er jedoch mit Blick und Gebärden den Kurt dermaßen hochfahrend , daß es der schlimmsten Beleidigung gleichkam . Diesmal aber gab es keine Entschuldigung , die beleidigende Absicht war offenkundig . » Warum nur « , fragte er sich nachher selber verwundert , » warum muß ich diesen Menschen durchaus demütigen , ob er mir schon nichts zuleide getan , ob ich schon weiß , daß es unklug ist , daß ich mir durch ein artiges Benehmen die Gunst Pseudas erwerben könnte ? « Er fand keine Antwort ; es war ihm gekommen wie dem Hund , wenn er eine Katze sieht ; läßt sich der vom Angriff zurückhalten , so verschlingt er wenigstens die Katze mit den Augen . » Naturgeschichten ! « meinte er ratlos , » unerklärliche , aber unüberwindliche Idiosynkrasie ! « Er täuschte sich ; es war ein Berufshandel : der Zorn des echten Propheten gegen den falschen Propheten , die Entrüstung des Erben über den Erbschleicher ; mit einem Wort : ihn hetzte gegen dieses Talmi-Genie der heiße Atem der Strengen Frau . Jetzt gab die Regierungsrätin die Vermittlung auf . Mit Pseuda aber war es nun natürlich gründlich vorbei . » Zu allem obendrein noch ein boshafter Mensch , der aus eitel Neid auf meines Bruders Genie sich an ihm zu reiben versucht . « So lautete fortan ihr Urteil über ihn ; und sie sorgte dafür , daß er über ihr Urteil nicht im unklaren blieb . Wozu hat man denn sonst Seitenbemerkungen und Anspielungen ? Über diese neue Ungerechtigkeit empörte er sich dann wieder mit einer Beimischung des Erstaunens . » Was geht sie überhaupt ihr Bruder an ? Der gehört ja gar nicht zur Handlung . Schon sein Dasein bedeutet einen Fehler im Stück . « Und daß nun vollends sein Verhältnis zu Pseuda Rückschritte statt Fortschritte machen wollte , ging doch gegen allen Sinn . Schon öfters hatte er sich ärgerlich gefragt : » Was zaudert sie ? wann will sie endlich aufwachen ? meint sie etwa , ich hätte Lust und Zeit , Jahrzehnte auf ihre Bekehrung zu warten ? « Und nun sollte es gar noch rückwärts gehen ? Eine unerträgliche Vorstellung . Allein , wie dem steuern ? Er wußte kein anderes Mittel als seine Magie , dieselbe Magie , die bisher so kläglich versagt hatte . Wie ging das zu , daß sie versagte ? daß seine strahlenden Herrschaften nicht aus ihm hinaus in ihre Seele hinüberzündeten ? Eine Vermutung : möglicherweise teilt sich der Funke bloß im Zustande der Ekstase mit , so daß also die Wirkung einzig ausgeblieben wäre , weil er bisher der Dame immer nur lahmen Mutes , mit abgespannter Kraft gegenübergetreten war ? Wie er daher eines Abends nach schöpferischer Phantasiearbeit seine Seele dermaßen mit erleuchten Gestalten übervölkert fühlte , daß er meinte , es müsse davon wie ein Dunstkreis um ihn zu spüren sein , faßte er sich ein Herz und suchte sie zu Hause auf , in der heimlich bewußten Absicht , seine Magie diesmal konzentriert auf sie wirken zu lassen , gleichsam im Kurzschluß . Also eine Art psychologisches Experiment , doch beileibe kein leichtfertiges , denn es handelte sich ja um sein Heil . Der Zufall wollte , daß sie jenen Abend eine Schulfreundin bei sich hatte , mit welcher sie , die Vergangenheit zurückspielend und ihre neubackene Mutterwürde auf ein Stündchen abschüttelnd , die harmlose Wonne ausgelassener Kindsköpfereien kostete ; es tut ja so wohl , nicht wahr ? einmal zur Abwechslung wieder so recht von Herzen töricht zu sein . Da hatte denn die eine ein Kinderhäubchen , die andere einen Zylinderhut aufgestülpt , und die Seligkeit verlangte , damit im Zimmer herum zu hüpfen . Für solch eine Null aber galt Viktor , daß sie ihn bei seinem Eintritt nicht einmal der Störung wert hielten , den Schabernack zu unterbrechen . Da saß er nun und durfte dem Lustspiel zusehen . Nachdem er das eine Viertelstunde getan , wußte er fortan für sein Leben , was es mit der Seelenmagie auf sich hat ! Unbeachtet , wie er gekommen , entfernte er sich und schlich kleinmütig nach Hause . Jetzt zum ersten Male kam ihm seine Zuversicht abhanden . Ein Schreck durchbebte ihn , als ob an seinem Siegeswagen die Hinterräder abgebrochen wären und die Achse mit harten Stößen auf dem Boden schleifte . Und wie er seinen Geist nach Trost ausschickte , entdeckte er vor seinem Blick einen schwarzen Vorhang , zwar noch aufgerollt , indessen mit unheimlichen Bewegungen , als könnte er einesmals ungesinnt herniederfallen , ohne ein Klingelzeichen . Nachdem seine Magie sich als unzulänglich erwiesen , was blieb ihm dann ? Angst klemmte ihn , und in seiner Angst griff er vorzeitig zu seinem letzten Trumpf , den er eigentlich für später aufgespart hatte , wenn ihr Herz bereits erschüttert worden wäre : die Bekehrung durch ihr eigenes Bildnis aus früherer , edlerer Jungfernzeit . Der Anblick ihrer einstigen jungfräulichen Erscheinung , berechnete er , müsse die Erinnerung wecken , und Theuda werde Pseuda strafen ; etwa so , wie wenn ein Verbrecher , dem man unvorbereiteterweise sein Abbild aus seiner unverdorbenen Kinderzeit vorhält , plötzlich in Tränen ausbricht , seine Missetat bereut und schwört , fortan wieder ein rechtschaffener Mensch zu werden wie vormals . Er holte also mit bebender Hand jenes Theudabild ( sein Heiligenbild ) hervor , das ihm vor drei Jahren Frau Steinbach zugeschickt hatte , ängstlich vermeidend , es anzuschauen , weil er sich nicht die Kraft zutraute , den Ansturm der Erinnerungen zu bestehen . Mit diesem Bilde bewaffnet , wie mit einem geladenen Revolver , pilgerte er am nächsten Tage nochmals zu ihr , gefährlich , so daß er beinahe Mitleidbedenken verspürte , von einer so fürchterlichen Waffe Gebrauch zu machen . Das Bild stellte er dann , ehe sie eintrat , aufs Klavier und erwartete mit klopfendem Herzen die Wirkung . Kaum erschien sie unter der Tür , so gewahrten ihre scharfen Augen auch schon das Bild . » Wer hat Ihnen das gegeben ? « heischte sie im scharfen Ton eines Untersuchungsrichters ; » woher bezieht Frau Steinbach das Recht , Ihnen meine Photographie weiterzuschenken ? « Darauf zuckte sie die Achseln . » Übrigens ein schlechtes Bild ; ich habe es nie gemocht . « Das war die Wirkung des Heiligenbildes . Nun wurde seine Lage ernst ; denn er hatte keinen Trumpf mehr in der Hand . Noch hielt er zwar an seiner Hoffnung fest , weil er sie eben nötig hatte , allein mit krampfhafter Faust , und der Hoffnung fehlte die vernünftige Berechtigung , da er sich gestehen mußte , daß das , was er hoffte , nunmehr unwahrscheinlich geworden war , daß etwas Unvorherzusehendes ihm von außen zu Hilfe kommen müsse , damit es sich erwähre . Darob sammelte sich in den Gründen seiner Seele Trauer . Diese kam eines Tages ins Gefühl herausgestiegen und zeugte Weh . Es war anläßlich eines Gesprächs über Tasso . Dabei kam die Rede auf die angebliche Anziehungskraft des Genies auf die Frauen . Mit instinktiver Unfehlbarkeit , behauptete Pseuda , fühle sich das Herz des Weibes zu einem wahrhaft bedeutenden , außerordentlichen Mann hingezogen . Nachdem sie das gesagt hatte , seufzte sie sinnend vor sich hin . » Sind Sie der Wahrheit Ihres Satzes so sicher ? « wagte er einzuwenden . » Ebenso sicher « , trotzte sie , » wie der andern Tatsache , daß wir mit Gewißheit spüren , wer jedenfalls kein bedeutender , außerordentlicher Mensch ist . « Und damit ihm ja die Anzüglichkeit nicht entgehe , schenkte sie ihm einen spöttischen Nick und Blick dazu . Da riß ihn ein tiefes Weh ; dann schoß ihm die Empörung das Blut in die Stirn . » Sage , was du zu sagen hast « , befahl die Stimme der Strengen Frau . Widerstrebend gehorchte er , denn sein Schamgefühl und seine Bescheidenheit sträubten sich gewaltig ; dennoch gehorchte er . Also redete er und sagte : » Wer bürgt Ihnen dafür , daß ich kein außerordentlicher , bedeutender Mensch bin ? « Dieser Spruch , mit seiner zaudernden Stimme in die vier Wände des tageshellen Zimmers herausgesägt , tönte so unerträglich häßlich , daß er selber sich dessen schämte und sämtliche Anwesenden vor Verlegenheit die Augen niederschlugen , als wäre eine Unanständigkeit vorgefallen . Der Pfarrer Wehrenfels fand das erlösende Wort : » Es könnte halt doch nicht schaden « , meinte er , mit milder Mahnung gegen Viktor gewendet , » wenn einer erst den Tasso läse , ehe er in dieser Frage mitspräche . « » Brav gegeben ! « jubelten aller Augen . In die Trauer über seine entfliehende Hoffnung mischte sich , anscheinend unabhängig von der Idealia , eine merkwürdige Allgemeinverstimmung , er wußte nicht ob körperlicher oder seelischer Art oder beides zusammen ; ein Elendgefühl , dessen erste Anzeichen er schon gleich nach seiner Ankunft verspürt hatte und das ihn nie mehr gänzlich losließ . Jetzt , in seiner übrigen Niedergeschlagenheit , kam die schleichende Krankheit - denn so etwas war es wirklich - zum Ausbruch . Was mochte es nur sein ? Ein abscheuliches Gefühl der Leere , eine öde , widerlich schmeckende Empfindung , als ob er eine Lehmwüste verschluckt hätte . Heimweh ? Ja , etwas dergleichen ; indessen ein Heimweh ohne Poesie , ohne Glanz und Farbe , eine zentrifugale Trostlosigkeit , ein Wegweh . Eines Abends , wie er aus der Idealia durch die finstern Gassen heimkehrte , nirgends Licht und Leben außer in den Wirtsstuben , aus welchen ihm Gejohl , Krakeel und Alkohol entgegenschlug , erkannte er plötzlich sein Leiden : das Elend des Großstädters , der in die Kleinstadt verschlagen worden ist . Auf einer Kirchentreppe heulte ein verlassener Hund . Den Hund begriff er ; er hätte mitheulen mögen . Trotz alledem war sein Verhältnis zur Idealia bisher ein freundschaftliches geblieben . Sie fanden zwar manches an ihm zu tadeln , genauer gesagt : alles , doch betrachteten sie ihn immer als einen der Ihrigen ; er wieder hielt tapfer still , auf bessere Zeiten wartend , so daß er sich wie ein frommer Dulder vorkam , selber ganz gerührt über seine unglaubliche Sanftmut . Da entzündete ein einfältiges Gespräch , das sich ganz harmlos , ja vergnüglich angelassen hatte , innige Feindschaft ; nicht bei den andern , denn der Feindschaft war das gemütliche Volk überhaupt nicht fähig , wohl aber bei ihm , dem Ideeneifrigen , Wahrheitsgrimmigen . Das geschah durch eine groteske Szene , die er später seine Amazonenschlacht nannte . Bei Frau Doktor Richard nämlich traf es sich , daß er als einziger Herr einem kleinen Dutzend hübscher Damen , worunter Pseuda , gegenüber saß . Durch den lieblichen Anblick aufgemuntert , begann er die Damen zu necken , wie man das darf und soll ; allerlei kleine Bosheiten über die Frauen , von welchen er eine ansehnliche Zahl auf Lager hatte , zum besten gebend , aus lauter Liebe zum weiblichen Geschlecht . Nun huldigte jedoch , was er nicht wissen konnte oder in der Fremde vergessen hatte , die hiesige Frauenwelt dem Dogma vom Mysterium des germanischen Weibes , so daß sie , im Gegensatz zu dem intereuropäischen Brauch , zwar persönliche Grobheiten verziehen , dagegen den leisesten Zweifel an der heiligen Geschlechtshoheit des Weibes als einen Altargreuel verdammten . Da stak er denn bald in einem vielstimmigen Entrüstungsgeschrei ( Schlachtruf der Amazonen ) , gegen welches er nicht aufkam . Und in der Hitze des Streites , wie er sich unterfing , das Zigarettenrauchen der Frauen zu entschuldigen , ließen sie sich hinreißen , über das qualvolle Ende einer russischen Studentin , welche vorige Woche beim Zigarettenrauchen jämmerlich verbrannte , laut jubelnd zu triumphieren . » Freut mich « , » ist ihr recht geschehn « , » möge es jeder , die da raucht , ähnlich ergehen . « Da schäumte in ihm das Gerechtigkeitsgefühl jählings in wildem Zorn empor ; eine förmliche Prophetenwut , daß er hätte Feuer und Schwefel auf die blutdürstigen Anstandspriesterinnen herunterfluchen mögen . Er sah nämlich deutlich vor seinen Augen die arme Studentin in brennenden Kleidern herumtanzen , schreiend und sich windend , bald hoch aufspringend vor Schmerz , bald sich zu Boden duckend , und um sie herum beifallklatschend die teuflisch grinsenden Pharisäerinnen . » Mörderinnen ! « schrien seine haßerfüllten Blicke . Und bei diesem Anlaß verstand er plötzlich die tödliche Feindschaft zwischen den Propheten und den Weibern . Während jedoch seine anmutigen Gegnerinnen , sobald sie sich von der stürmischen Sitzung erhoben hatten , den heftigen Handel hurtig hinter sich schüttelten , - eine Tasse Tee darauf , ein Schinkenbrötchen darüber , und man spürt nichts mehr davon - blieb in seinem Gedächtnis das grausige Bild der Totentänzerin inmitten jubelnder Pharisäerinnen haften . Die zwölf schuldigen Damen , die in Wirklichkeit keiner Mücke etwas zuleide zu tun vermochten ( mit Ausnahme der Motten ) , bekamen von seiner Phantasie ein Kainszeichen auf die Stirn geprägt , und die gesamte Idealia , weil ja solidarisch für jedes ihrer Mitglieder haftbar , erschien ihm fortan erinnyenfähig , in düsterer Atridenbeleuchtung . » Ob euch schon Polizei und Gericht nicht zu fassen vermögen , ob ihr noch so sittsam einhertrippelt und scheinheilig Schumannlieder schmachtet , in meinen Augen seid und bleibt ihr Verbrecherinnen : Mörderinnen ! « Und er verspürte den finsteren Groll des Rächers . Denn die brennende Studentin zeigte beständig mit den verkohlten Fingern nach der Idealia , ihn mahnend wie das Gespenst den Hamlet . Noch brodelte seine Feindschaft unter der Decke ; sie grollte , aber blitzte nicht ; ihn gelüstete ein Angriff , aber er wollte ihn noch nicht . Da erhielt er , wenige Tage nach der Amazonenschlacht , verspätet die ersten Briefe aus der Ferne . Was für ein anderer Atem ! » Gefeiert und verehrt im Kreise der lieben Ihrigen , werden Sie hoffentlich Ihren alten fernen Freunden - . « Gefeiert und verehrt , o Ironie ! die lieben Meinigen , o Jammer ! » Ihre hervorragenden Eigenschaften , Ihre Kenntnisse , Ihre Herzensgüte werden nicht ermangeln - . « Was für Neuigkeiten ! was für verlernte Dinge ! Er und hervorragende Eigenschaften ! Kenntnisse ! Waren das schöne Zeiten , wo noch jemand an ihm nichts auszusetzen , sogar etwas zu loben gefunden hatte . Diese Briefe wirkten wie ein Wecker . Nämlich sein Selbstgefühl , täglich von der Vielzahl mattgesetzt , war allmählich verblödet , und unmerklich hatte ihn ein neuer , engerer Horizont umzogen , der hiesige , so daß er nachgerade anfing , für selbstverständlich hinzunehmen , was ihn zuerst aufgebracht hatte : die Voraussetzung , er wäre das fehlerhafte Pferd , an welchem jeder herumbessern dürfe . Nun wachte er auf , der enge Horizont entschwebte , sein Stolz erinnerte sich , und sein Gedanke verglich . Was für ein Gegensatz ! und welch ein Hohn im Gegensatz ! Draußen in der Fremde : offene Arme , warme Aufnahme , gutwillige Duldung seiner Eigentümlichkeit , Nachsicht gegen seine Fehler ; hier in der Heimat : engherzige Nörgelei , Unfehlbarkeitsdünkel , Verneinung seiner gesamten Persönlichkeit . Durch diese Vergleichung wurde alle Bitterkeit aufgerührt , die er seit sechs langen Wochen geschluckt hatte , und jäh wie er war , entbrannte er in heißem Kriegszorn . Nicht mehr schweigend dulden ! zum Angriff . Ich will unter euch treten , euch die Pharisäermaske herunterreißen , euer heuchlerisches Prahlwörterbuch zerzausen . Haltet still und merket auf , was ich euch sagen will , denn ich will euch zeichnen . Seid ihr bereit ? Gut , dann fange ich an . Das habe ich euch zu sagen : Eure Tugend ? Ein Mundstück , um den Nebenmenschen zu verlästern . Eure Offenheit ? Ein angemaßtes Vorrecht , dem Nächsten Schnödigkeiten anzuwerfen , ohne selber den mindesten Tadel zu ertragen . Eure Aufrichtigkeit ? Ein Erlaubnisschein , einem hinterrücks noch viel Schlimmeres nachzusenden , als was ihr einem ins Gesicht sagt . Eure Wahrhaftigkeit ? Erkauft euch durch Wahrheitspedanterei in Nebensachen die Erlaubnis , im entscheidenden Falle ausnahmsweise zu lügen . Wenn ich mit solch einem Wahrheitsbold ein Geschäft abzuschließen hätte , der Halunke müßte mirs schriftlich unter vier Zeugen geben ! Eure Gemütlichkeit ? Egoismus in Herdenformat , schafwollene Oberhautanwärmung ; wettert ein Unglück , hilft keins dem andern . Eure Familienseligkeit , eure Verwandtenliebe ? Wirf ein Erbschäftlein dazwischen und sieh dann die Liebe ! Eure Musik ? O ihr jauchzenden Eiszapfen ! Eure Bildung , eure Wonne über Kunst und Literatur ? Wenn man euch zur Rechten die Tür zum Paradiese auftäte und zur Linken einen Vortrag über das Paradies ankündigte , ihr würdet sämtlich am Paradies vorbei in den Vortrag laufen . » Interessant , interessant ! « So werde ich mit euch reden ; macht euch gefaßt und setzt euch bereit . Leider fiel ihm ein , daß in den Empfangszimmern der Idealianer keine Kanzeln stehen , von wo man die Leute hätte insgesamt herunterstriegeln können wie eine bußfertige Gemeinde zur Fastenzeit . » Getrost , so werde ich euch die Bescherung einzeln auftragen . Der erste , der mir eine tugendhafte Miene gleißt , bekommt die ganze Schüssel . Wem beliebts ? « Und wie ein Stier senkte er die Hörner , den Feind erwartend . Allein wie er sich kampflustig umsah , war nirgends ein Feind zu erspähen . Alle standen ihm entgegen , doch keiner ; ob ihn niemand sonderlich mochte , bot ihm niemand Übelwollen . Ja , wie aus absichtlicher Bosheit geschah es , daß gerade jetzt , wo er zum Kampfe gerüstet war , sich alle schienen das Wort gegeben zu haben , ihm Freundlichkeit zu bieten ; womit sie ihn dann natürlich sofort entwaffneten . Die Möglichkeit , jemand auf die Hörner zu nehmen , der einem mit treuherzigem Gruß entgegenkommt ! » Nun , wie geht es Ihnen ? Hoffentlich haben Sie sich bei dem unnatürlichen Wetter nicht etwa auch erkältet ? « Gierig , doch umsonst ersehnte er einen Feind . Der Kurt ? ein wehrloser Mensch , der die Flucht ergriff , wenn er nur Viktors Hut im Vorzimmer erblickte ; zudem hatte der Kurt , das war nicht zu leugnen , zwei schöne , gutblickende Augen ; was kann man da tun ? So wußte sein schnaubender Zorn nicht , wen aufspießen . Einstweilen , in Ermangelung eines Feindes und eines Streitfalles , offenbarte sich sein ohnmächtiger Grimm durch eine mörderliche Laune . Sein Blick wurde drohend , seine Miene höhnisch , der Ton seiner Stimme herausfordernd , der Spruch seiner Behauptungen despotisch , jeden Einwand von vornherein verbietend . Ohnehin als ernster Wahrheitsdenker den Widerspruch angelernter Weisheit ungeduldig ertragend ( » ich liebe nicht , wenn man mit geliehenen Gedankengabeln gegen die Wahrheit fuchtelt « ) , setzte jetzt seine Stimme noch ausdrücklich die Warnung hinzu : » Untersteh dich , du Wicht , und widersprich ! « Es fehlte ihm bloß die Leibwache von Söldnern , um den Gegner am Kragen packen zu lassen . Damit erreichte er jedoch keineswegs den ersehnten Kampf ; es ging ihm nur fortan jedermann aus dem Wege , wie einem unberechenbaren und unzurechnungsfähigen Tiere . Der Pfarrer , wenn über Viktor gesprochen wurde , nannte ihn jetzt einen toll gewordenen Nepomuk ; der Doktor verglich ihn mit einer stigmatisierten Nonne , der Förster mit einem sonst durch und durch gutartigen , lammsanften , aber plötzlich aus unbekannter Ursache wild gewordenen Elefanten . Allerdings konnte er bisweilen einen Abend lang bescheiden und stumm dasitzen , trüb und traurig vor sich hin starrend ; doch war man nie sicher , was für ein Unwetter vielleicht noch aufziehen mochte ; da aber niemand die Verpflichtung hat , sich unliebsamen Überraschungen auszusetzen , ließ man ihn eben mit seiner stillen Wut allein . Ein Beispiel : Der Doktor Richard hatte ein neues wissenschaftliches Werk gepriesen ; » dieses Buch müssen Sie unbedingt lesen « , schloß er , zu dem teilnahmslos dasitzenden Viktor gewendet . Schäumend sprang dieser in die Höhe : » Wie unterstehen Sie sich , mir Befehle zu erteilen ? « Und den ganzen Abend ging es : » Herr Doktor , Sie müssen unbedingt diesen Bleistift in den Mund nehmen « , » Herr Doktor , Sie müssen mir unbedingt mein Schnupftuch aus dem Überzieher holen « , » Herr Doktor , Sie müssen jetzt unbedingt sofort nach Hause . « Nein , mit einem solchen Menschen zusammenzutreffen , dafür bedankte sich ein jeder . Als Direktors ein kleines Nachtessen veranstalteten , zu welchem auf des Statthalters steifen Willen auch Viktor geladen werden mußte , kamen in letzter Stunde Absagen über Absagen , so daß der grausam enttäuschten Hauswirtin zuletzt als einziger Gast der Unhold von Viktor nachblieb , den sie nun betrachtete wie einen Knopf im leeren Kirchenbeutel . » Bah ! « tröstete er sich , » nässer als naß kann ich doch nicht werden . « Frau Direktor Wyß aber nannte seither den Viktor klipp und klar einen Greuel . » Mit dem Viktor ists nicht mehr auszuhalten « , lautete das allgemeine Urteil . » Der Viktor ist krank « , antwortete die einstimmige Entschuldigung . Die Entschuldigung sprach richtig : der Stier stand quadrato , das Blut floß ihm über die Nase . » Mein Gott , wie sehen Sie aus « , schrie Frau Steinbach entsetzt , als sie einmal um die Straßenecke auf ihn prallte . Denselben Tag noch erhielt er eine besonders dringliche Aufforderung , sie zu besuchen . Vergebens ; denn er scheute seine Freundin wie die leibhaftige Vernunft . Viktor im Zweikampf mit Pseuda » Nässer als naß kann ich nicht werden « , hatte er gemeint . Irrtum ! Der Hauptguß kam erst . Es begab sich nämlich eines Tages , daß Frau Direktor Wyß in seiner Gegenwart gegen die Galanterie eiferte ( Galanterie , das war auch so ein Uhu für die Idealia ) . » Hm , hm ! « lächelte Viktor , » Sie würden nicht übel erbosen , Frau Direktor , wenn Ihnen ein Mann tatsächlich die Galanterie verweigerte . « Und da sie diesen Satz hochfahrend bestritt , beteuernd , weder verlange noch wünsche sie Galanterie , vielmehr wäre sie dankbar , wenn man sie damit verschone , reizte ihn der Geist der Wahrheit , daß er beschloß , ihr eine Lehre zu erteilen . Zu diesem Zwecke stellte er sich nachher beim Abschied im Vorzimmer auffällig vor sie hin , mit auf dem Rücken verschränkten Armen , und ließ sie ihre Pelzjacke allein vom Haken nehmen und anziehen . Die Ärmel waren zu eng , so daß es ein mühseliges Freiturnen absetzte . Ergötzt spotteten seine Blicke : » Merkst du jetzt , Maidlein , wozu die Galanterie nütze ist ? « Doch siehe da , nicht möglich , sie merkte nichts ; Widerlegung durch Rebus , Rückbeziehung einer Handlung auf frühere Reden , diesen Belehrungsstil verstand sie nicht ; offenbar war ihr noch nie dergleichen vorgekommen . Dagegen spürte sie natürlich gar wohl die Absichtlichkeit seiner Hilfeversagung , weil er es ja auffällig tat und weil er überdies als überförmlicher Zeremonienmeister in Verruf stand . Folglich mußte sie seine Unterlassung als böswillige Beleidigung auslegen . Der Blick , den sie ihm zuwarf ! kein Auge mehr , bloß ein weißer Gallert , mit einem Tintenfleck darin . - Was tun ? Sie aufklären ? Unnütz , sie glaubte es ihm doch nicht . Sich entschuldigen ? Ein weibliches Wesen nimmt niemals eine Entschuldigung an . » Legen wirs zum übrigen ; ist es doch nicht die erste Ungerechtigkeit , die du erleidest . Und wer weiß , vielleicht ist es auch nicht so schlimm , wie es aussieht . « Es war jedoch so schlimm , wie es aussah . Wo und wann sie ihn fortan erblickte , entfuhr ihr ein Naturlaut des Hasses , etwas wie das Fauchen eines jungen Panthers : » Rha ! Cha ! « , und mit schlankem Schwung drehte sie ihm den Rücken . Das erste- und zweitemal nahm ers überlegen , fand sogar Freiheit genug , um seine Blicke an dem gelenkigen Rückenschwung zu weiden . Allein beim drittenmal fuhr ihm jählings der rote Kasper in die Nase : » Ach du einfältiges Affengesicht in deinem Thusneldahöschen ! « schrie es in ihm , » wenn ich wollte ! wenn ich dich nicht schonte ! Was gilts , ich möchte handkehrum dein kindisches Rha ! Cha ! in ein schmachtendes Gugurr umwandeln . Jetzt müssen Sie mich selber verachten ( Seufzer ) , Wie kann ich fortan meinem Mann und meinem Kinde ( Tränen ) , Aber wirst du mir