aus jeder Steinritze hervorruft , so mag auch der geistige Schaffenstrieb hier eine viel schnellere Betätigung besitzen ; und was den Rhythmus betrifft , so ist er im Süden gewiß angeboren , wie es mir schon die rhythmischen Tänze zu beweisen scheinen , die so ganz anders als im Norden in den Bewegungen des ganzen Körpers die angeborene Freude am Rhythmus beweisen , dessen Ausdruck sie sind . « » Ja , das ist gewiß so , « sagte der Professor , » und dabei stehen ihnen so viel mannigfaltigere Vorstellungen zu Gebote wie dem Nordländer , was Naturszenen betrifft , und mit ihren lyrischen Empfindungen mag es auch einen rascheren Verlauf haben , wie es die Aufwallungen ihres feurigen Temperaments im Zorn sowohl wie in der Liebe beweisen . « » Aber dafür kennen sie die Sehnsucht und die weicheren Gefühlstöne nicht , « bemerkte Raden , » und das ist eben so seltsam bei unserer Improvisatrice , daß sie die auch hat , und zwar besonders hat noch über den anderen . « » Nun , ihr Vater war ein Deutscher , « versetzte der Prinz , » und dazu kommt ihre große Jugend und ihr reines , noch von keiner Leidenschaft berührtes Gemüt . « » Ach , möge es ihr doch so bleiben , « meinte Raden ; » mir kommt sie vor wie eine zarte Blüte , die der Sturm der Leidenschaft knicken würde , wenn er sie ergriffe . Übrigens hofft sie bestimmt auf Ihren Besuch , Prinz ; ich habe ihn ihr verheißen . « » Ja , ich werde hingehen , « sagte Waldemar , dem es lieb war , seinen Gefährten zu entgehen und die Zeit , die er nicht bei Giulia verbringen konnte , mit etwas auszufüllen , was ihn von den quälenden Gedanken , die sich in ihm jagten , befreien könnte . Rosa saß traurig in ihrem Zimmer und fragte sich selbst , warum ihr plötzlich das Leben so öde und freudlos schien und was das sehnsuchtsvolle Weh sei , das an ihrem Herzen nagte . Vergebens wollte sie sich einreden , es sei nur die Sorge um des Prinzen Wohl , daß er sich nicht in eine unheilvolle Leidenschaft verstricke , seinen hohen Idealen untreu werde - sie mußte sich endlich gestehen , es sei auch ein persönliches Gefühl dabei , die Sehnsucht nach seiner Gegenwart sei nur die Verkündigerin der Liebe , die in ihrem Herzen wie eine Blüte der Poesie aufgekeimt war und ihr jetzt erst an dem Weh , das sie fühlte , zur Erkenntnis kam . Ihre Begleiterin war ausgegangen , sie hatte versucht , sich durch Arbeit zu zerstreuen , aber unwillkürlich hatte sie wieder nach des Prinzen Gedichten gegriffen und las ein Blatt nach dem anderen mit solch zärtlicher Aufmerksamkeit , als hätte sie sie noch nie gelesen , und doch kannte sie sie beinahe auswendig . Da klopfte es an die Tür und in der Meinung , daß es Vittoria sei , rief sie » Herein ! « ohne nur den Kopf zu bewegen , da sie schnell die losen Blätter wieder in die Mappe legen wollte . Mit einem kurzen Aufschrei aber fuhr sie empor , als sie den Prinzen neben sich erblickte . Ein süßer Schreck durchbebte ihre Gestalt und hohe Purpurröte übergoß ihre Wangen . » Ich habe Sie erschreckt , liebes Kind , « sagte Waldemar freundlich und reichte ihr die Hand , » ich wollte Ihnen nur sagen , wie leid es mir getan hat , Ihre Improvisation gestern nicht gehört zu haben . « Rosas Hand zitterte in der des Prinzen , aber in ihrem Herzen wurde es wieder selig helle , denn wie er da vor ihr stand mit dem tiefen liebevollen Blick der schönen blauen Augen und dem freundlichen Lächeln eines unschuldigen Kindes , da wußte sie wieder , er sei das Ideal alles männlich Edlen und der volle Glaube an ihn kehrte siegend in ihr Gemüt zurück . » Setzen wir uns ein wenig draußen auf die Veranda , « sagte er , » da ist ' s schön kühl und liebliche Frühlingsluft , da läßt sich ' s besser plaudern . « Und immer ihre Hand haltend , zog er sie mit sich auf die Veranda , eine Galerie , die im Innern des Hauses , in echt altrömischer Weise , um den viereckigen Hof herumlief und auf welche die Türen der Wohnung hinausgingen . Unten im Hof war ein Brunnen aus einem antiken Sarkophag gebildet : aus einem marmornen Löwenkopf rann plätschernd das Wasser und verbreitete liebliche Frische , die von dem mit großen Quadern gepflasterten Boden des Hofes nach oben drang . Neben dem Brunnen stand ein Orangenbaum , dessen Blüten süßen Duft ausströmten . An der Veranda zogen sich Schlingpflanzen hinauf und hingen in langen Kränzen von dem Geflecht , das das Dach derselben bildete , hernieder . Einige Blumentöpfe standen umher , in denen rote Nelken , die vorzugsweise gepflegte Blume der römischen Mädchen aus dem Volke , wuchsen , und zwischen ihnen standen Stühle , die Rosa dort hingebracht hatte , weil sie gern dort saß und arbeitete . Auch Waldemar kannte den Platz schon gut , der ihn , seines echt römischen Charakters und seiner primitiven , sympathischen Einfachheit und Ruhe wegen , sehr anlockte . Allen konventionellen Zwang hatte er längst im Umgang mit Rosa abgelegt ; er war ein liebenswürdiger , natürlicher Mensch im Verkehr mit diesem holden , einfachen Wesen und beiden entschwand stets , wenn sie zusammen waren , der Gedanke an die weite Kluft , die sie in der Welt trennte . Sie setzten sich vertraulich wie immer nebeneinander und in der Stille dieses sympathischen Raumes , die nur durch das Plätschern des Wassers im Brunnen unterbrochen wurde , ward es ihnen beiden wieder innig wohl . Rosa war aufs neue ganz Glaube , ganz Vertrauen . Die Welt , die ihr noch kurz vorher so öde und kalt erschienen , war nun erfüllt von dem Glanz , den des Geliebten Gegenwart über alles verbreitete . Wer , der je geliebt hat , wüßte es nicht , daß die Liebe den engsten Raum zum Tempel weitet , daß jede große Liebe in dem einen alles liebt , was atmet , lebt und leidet , daß in solchen Augenblicken keine andere Furcht mehr im Herzen ist als die um die Vergänglichkeit des Daseins und daß man zum Augenblick sagen möchte : » Verweile doch , du bist so schön . « Die Fülle der Ewigkeit ist im Herzen und der Schmerz liegt nur darin , daß die entfliehende Zeit uns mahnt , daß wir im Bereich des Endlichen weilen . » Sagen Sie mir , liebe Freundin , « bemerkte Waldemar endlich nach längerem , heiterem Geplauder , » was hat Sie gestern zu der eigentümlichen Improvisation gebracht , von der mir Raden erzählte ? Wie ist Ihnen das Bild erstanden , zu dem das gegebene Thema doch keine direkte Veranlassung bot ? « Rosa schlug die Augen nieder und sagte mit sichtbarer Bewegung : » Ich weiß ja nie , wie das kommt , ich erinnere mich kaum an etwas davon , nur daß mir plötzlich das Bild eines Abends bei einem Landhaus in Florenz auftauchte , aber was sich sonst noch darein gemischt hat ... « » Bezog sich das auf dort Erlebtes ? « fragte Waldemar . » Nein , nein , « sagte sie hastig und erschrak dann , daß sie diesmal verraten hatte , sich des Gesagten zu erinnern . » Ich weiß nicht recht , was mir da dazwischen gekommen ist , « fuhr sie fort und errötete , weil es nicht die Wahrheit war ; » ich glaube aber an die Intuition , « setzte sie hinzu . » Ich glaube , daß in manchen Seelen , die ein sehr bewegtes inneres Leben haben , es Augenblicke gibt , wo es ist , als ob ein Schleier zerrisse und sich etwas zeige , was in Wirklichkeit noch gar nicht da ist , was aber unfehlbar kommt , und das wirkt dann ebenso , als wär es schon da , regt Stürme im Herzen auf oder Fluten des Mitleids , der Sehnsucht , zu helfen , zu retten « - sie hielt inne in tiefster Erregung und Verwirrung , so viel gesagt zu haben . Angstvoll sah sie zu Waldemar auf und fragte : » Sie lächeln wohl über mich , halten mich für eine Schwärmerin , nennen das Aberglauben ... « » Nein , gewiß nicht , meine liebe , holde Freundin , « sagte er gerührt und ergriff ihre Hand ; » auch ich glaube an diese ungeklärte Geisterwelt , in der magnetische Strömungen Dinge möglich machen , innere Erlebnisse , die der Rationalist in das Bereich wesenloser Träume verweist . Aber ich hoffe , Ihre Vision wird in Erfüllung gehen und Ihr Gebet wird dem in Versuchung Geratenen den Sieg erflehen . « Durch seine Stimme klang ein tiefer , innerlichster Ton . Rosa erhob die Augen zu ihm und aus ihnen brach ein solches Leuchten reinster Begeisterung , heiligsten Glaubens , daß Waldemar in dem Augenblick sich jedes Opfers fähig fühlte und ganz wieder er selbst war : der den höchsten Idealen zustrebende Mensch . Wie ein schriller Mißton ertönte da eben die Stimme der Signora Amadei , die , zurückgekehrt , die Zimmer leer gefunden hatte und Rosas Namen rief . Waldemar erhob sich rasch und sagte : » Nein , jetzt keine Berührung mit der Vulgarität , « beugte sich zu Rosa nieder , küßte sie sanft auf die Stirn und entfernte sich raschen Schrittes , ehe die Amadei heraustrat . Rosa saß mit auf den Knien gefalteten Händen wie träumend da . Ihr war , als hätten lichte Wolken sie emporgetragen , als zöge sie fernen Eilanden voll Seligkeit zu , in denen die Liebe , losgebunden von irdischem Verlangen , wie ein himmlischer Tau das Herz tränkt und zur Vollendung leitet . Wie von einem giftigen Schlangenbiß berührt , fuhr sie aber auf , als die Amadei neben ihr stand und mit bedeutungsvollem Lächeln sagte : » So , so , hier find ich mein Täubchen ? Wer ging denn eben weg ? Was für ein Stelldichein habe ich da gestört ? Bedaure , mein Herzchen ! Aber ich sehe , die Sache geht ihren Gang , die Besuche werden immer vertraulicher ! Schon gut , schon gut ! Bravo , Liebchen , du hast Glück ! « Rosa warf ihr einen Blick voll unsäglichen Widerwillens zu und ging , ohne ein Wort zu erwidern , an ihr vorüber in ihr Zimmer . Am Abend war die von der Herzogin erwähnte Gesellschaft bei einer der vornehmen Damen Roms , wo sich wieder alles zusammenfand , was die römische Gesellschaft der Epoche an Geist , Bedeutung , Liebenswürdigkeit und Grazie vereinte . Auch Rosa war wieder eingeladen , denn es war so sehr Mode geworden , sie improvisieren zu hören , daß sich beinahe keine gesellige Zusammenkunft mehr denken ließ , bei der sie nicht gegenwärtig gewesen wäre . Der Nachklang der seligen Morgenstunde verklärte sie am Abend mit besonderem Liebreiz , und als Prinz Waldemar mit seinen Gefährten eintrat und sie mit freundlich strahlendem Blick grüßte , während die Dame des Hauses und andere Bekannte ihn in Anspruch nahmen , da fühlte sie , wie es in ihr wogte von dichterischem Können und wie die Begeisterung in ihr die Flügel schwang , um sie in das Reich der Poesie zu tragen . Jetzt erschien auch die Herzogin , in Schönheit strahlend wie eine Göttin , am Arm ihres Gemahls . Es lag ein besonderer Glanz auf ihrem Angesicht , eine stolze Überlegenheit und anscheinend tiefe Ruhe ; aber wer schärfer beobachtete , konnte sehen , wie in den dunklen Glutaugen ein mehr als gewöhnliches Feuer brannte und wie sie suchend umherschweiften , während sie huldvoll die Begrüßungen erwiderte , die sich ihr entgegendrängten . Endlich nahte sich auch Waldemar mit erzwungener Fassung , sie und den Herzog zu begrüßen , der nicht von ihrer Seite wich . Ein kurzes Aufleuchten in Giulias Blicken sagte ihm ihren wahren Gruß , während sie sich kühl und förmlich vor ihm verbeugte . Der Herzog knüpfte alsbald ein Gespräch mit dem Prinzen an und setzte es mit dem größten Eifer fort , so daß Waldemar gezwungen war , bei ihm zu verweilen , wiewohl er sich in der peinlichsten Stimmung ihm gegenüber befand und schon wieder unter dem Bann der unwiderstehlichen Schönheit Giulias ungeduldig danach verlangte , ein paar vertraute Worte mit ihr wechseln zu können . Sie aber vermied ihn offenbar , entfernte sich immer weiter von dem Ort , wo er mit dem Herzog stand , plauderte , scherzte und lachte mit anderen Bekannten und schien in der heitersten und unbefangensten Stimmung . Die Augen des Herzogs folgten ihr , während er mit dem Prinzen sprach und richteten sich dann wieder forschend auf diesen , was dessen peinlichen Zustand noch vermehrte . Inzwischen hatte sich Giulia mit dem Kardinal in ein Gespräch eingelassen , das , wie immer zwischen ihnen , in einem Kreuzfeuer mutwilliger , geistvoller Scherze bestand . Endlich sagte die Herzogin , deren Blicke inzwischen am fernen Ende des Saales den Herzog mit dem Prinzen auf demselben Fleck gefunden hatten : » O , Eminenz , seinen Sie so überaus gütig und erlösen Sie den unglücklichen deutschen Prinzen aus der Gefangenschaft , in der ihn Camillo hält . Sie wissen , wenn der Herzog anfängt , über Pferde , Jagd oder derlei interessante Gegenstände zu sprechen , ist kein Ende abzusehen . Der junge Mann steht da , wie ein armer Sünder vor dem Beichtstuhl . « » Er hatte vielleicht auch einiges an Don Camillo zu beichten und Absolution von ihm zu erbitten , « versetzte der Kardinal , indem er die schöne Frau mit bedeutungsvollem Lächeln ansah . » Nun , dann lieber von Ihnen . Sie würden sie ihm gewiß nicht verweigern ; nicht so , Eminenz ? « erwiderte Donna Giulia , indem sie auch den Kardinal voll bezaubernder Anmut , gemischt mit feinster Ironie , ansah . » Ja , wenn das Vergehen nicht gegen das zehnte Gebot verstößt , « sagte der Kardinal und schüttelte mit scheinbarem Bedenken , aber innerlich voll Mutwillen , den Kopf . » O , Eminenz , was für ein Gedanke ! « rief die Herzogin , die ein wenig errötete und etwas rascher mit dem Fächer spielte . » Nun aber wirklich , ich bitte jetzt um Erlösung für den armen Gefangenen . « » Ah ! Dann muß ich ihn ja wohl in eine andere , freilich süßere Gefangenschaft führen , « versetzte der Kardinal , indem er wie voll Ergebung seufzte und nach einem lächelnden Seitenblick auf die Herzogin , den diese ebenso erwiderte , sich auf den Weg machte , um jenes Zwiegespräch zu unterbrechen . Inzwischen hatten die Blicke der Herzogin Rosa entdeckt , und längst des kleinen Anflugs von Eifersucht nicht mehr gedenkend , ging sie in der seligen Gewißheit ihres Sieges auf diese zu und sagte voll Herzlichkeit : » Sieh da , die junge Dichterin ! Ich habe Sie schon lange nicht mehr gesehen , denn ich war abwesend von Rom . Ich höre aber , wie sehr man Sie bewundert , alle Welt ist in Sie verliebt - in Ihre Anmut ebenso wie in Ihr Talent . Sie haben eine Legion Anbeter , mein Kind ! Nun , und Sie ? Ist Ihnen die Liebe noch ein Rätsel oder hat das kleine Herz seine Offenbarung gehabt ? « Sie sah Rosa mit ihrem reizend schelmischen Lächeln an . Diese , zuerst hingerissen von dem Zauber , den die Schönheit und Grazie Giulias auch auf Frauen übte , wurde bei dem direkten Angriff auf ihr heiligstes Geheimnis so betroffen , so verletzt , daß sie keine Antwort fand , zu Boden blickte , erst errötete , dann erbleichte . » Nun , nun , mein Kind , « sagte die Herzogin lachend , » erschrecken Sie nicht , es ist ja keine Sünde ! Sie hatten es damals noch nicht erfahren , und wenn die Flammensprache der Liebe Sie nun belehrt hat , so ist das ja ganz natürlich und das Schicksal jedes Herzens . Ah , Baron von Raden ! « rief sie diesem , der sich eben nahte , um sie zu begrüßen , entgegen : » Helfen Sie mir doch , von dieser unserer holden Muse zu erfahren , ob sie noch immer derselben Ansicht über die Liebe ist , wie sie es vor einigen Wochen war . Sie gehören ja auch zu ihren Anbetern ; sehen Sie nur , wie hübsch sie ist ! « » Wie der Abendstern neben der Sonne , « versetzte Raden , indem er erst das Mädchen liebevoll und dann die Herzogin mit feuriger Bewunderung ansah . » O , Baron , Ihr Vergleich hinkt ! « rief die Herzogin in vollem Lachen ; » wie kämen Abendstern und Sonne nebeneinander ? « » Ja , ich gestehe , ich habe mich etwas unastronomisch ausgedrückt , « erwiderte Raden , auch lachend ; » aber die Schönheit wirkt solche Wunder , daß sie auch die Naturgesetze bisweilen aufhebt , « fügte er hinzu , indem er sich in glühender Bewunderung vor der Herzogin verbeugte . » Da bringe ich den Gefangenen , « sagte der Kardinal , der eben mit dem Prinzen hinzutrat . » Don Camillo war gerade dabei , ihm einen Plan zur Austrocknung sumpfiger Strecken auf seinen Gütern zu entwickeln . Ich habe aber Seine Hoheit aus diesem Sumpf gerettet , « fügte er lachend hinzu , » und nun überliefere ich sie der schöneren Hälfte Don Camillos , die die ausgetrockneten Sümpfe mit Blumen überpflanzt . « » Der Kardinal und ich haben Sie bedauert , Hoheit , « sagte Giulia und richtete die leuchtenden Augen auf ihn ; » mein Mann ist furchtbar , wenn er auf seine Lieblingsthemen gerät . « » O , ich lasse mich gern belehren , « meinte Waldemar , obwohl er innerlich frohlockte , der peinlichen Unterhaltung entflohen zu sein . Die Dame des Hauses erschien in dem Augenblick und bat die Herzogin , den Kardinal und den Prinzen , auf drei großen , eigens für sie bestimmten Lehnstühlen Platz zu nehmen . Dann sich zu Rosa wendend , die stumm und ernst dem ganzen Vorgang beigewohnt hatte , ersuchte sie diese , jetzt die Versammelten mit ihrem Talent zu erfreuen . Rosa war so erregt und verletzt durch die Reden der Herzogin , so schmerzlich betroffen , den Prinzen wieder in der gefährlichen Nähe zu sehen , daß sie fürchtete , nicht improvisieren zu können . Die Dame aber wollte nichts davon wissen , da sie ihre Gesellschaft auf diesen Genuß hin eingeladen habe , und Rosa fügte sich mit schwerem Herzen und sagte sich mit bitterer Empfindung , daß sie nur deshalb hier sei und den Frondienst des Talents vollziehen müsse . Ein Seitenblick zeigte ihr den Prinzen an der Seite der Herzogin sitzend , an deren anderer Seite sich der Kardinal befand . Sie sah , wie die Herzogin , von einem Feuer erglühend , das ihre Schönheit fast überwältigend machte , ihre Nachbarn offenbar durch ihren Zauber beherrschte , was sich bei dem Kardinal durch sein feines , befriedigtes Lächeln ohne Ironie , bei dem Prinzen durch eine nicht zu verkennende , alles andere vergessende Hingerissenheit kundgab . Schmerzlich zuckte es durch Rosas herz und es war ihr , als müsse sie sterben , während man die Papierstreifen herumreichte , auf denen ihr Themen aufgeschrieben werden sollten . Der Herzog hatte sich jetzt auch genähert und neben dem Kardinal Platz genommen ; scheinbar teilnehmend an der lebhaften Unterhaltung , deren Seele seine Frau war , hatte er sich dieser ganz zugewendet , so daß er zugleich sie und den Prinzen unverwandt im Auge hatte und jede ihrer Bewegungen beobachten konnte . Jetzt kam man , um der Gruppe Papierstreifen zum Schreiben anzubieten . Der Herzog wies diese mit einer Handbewegung zurück ; der Kardinal wollte das gleiche tun , aber die Herzogin rief : » Nein , Eminenz , Sie müssen etwas Schönes für unsere kleine Muse schreiben . Sie sind ja auf dem Parnaß zu Hause und wissen , was sich für Musen paßt . Und Sie auch , Prinz , schreiben Sie , damit wir jedenfalls etwas recht Schönes zu hören bekommen . So , « fuhr sie lebhaft fort und nahm den beschriebenen Zettel aus des Kardinals Händen : » hier ist die Aufgabe der Eminenz , nehmen Sie sie , bitte , Prinz , und tragen Sie sie mit der Ihren zu der Improvisatrice hin ; hoffentlich zieht sie eine der beiden . « Sie beugte sich bei diesen Worten etwas vor nach dem Prinzen hin , so daß ihr Gemahl weder ihre Hand , die das Papier gab , noch ihr Gesicht sehen konnte ; der Prinz aber fühlte ein doppeltes Papier in seiner Hand und zugleich sagten ihm ihre flüsternden Lippen : » Für dich . « Waldemar erhob sich bestürzt und verwirrt , an solches Tun nicht gewöhnt . Er wußte , daß die durchbohrenden Augen Don Camillos jeder seiner Bewegungen folgten , und die Papiere in der Hand zusammenpressend , ging er auf den Tisch zu , an dem Rosa stand , um die Zettel in die Schale zu werfen . Rosa sah ihn kommen ; ihr Herz klopfte so heftig , daß es ihr fast den Atem benahm und als er vor ihr stand , sah sie ihn mit einem so traurigen , so vorwurfsvollen Blick an , daß Waldemar von einem Gefühl der Reue , der Beschämung ergriffen ward und , augenblicklich wieder die Stimme seines besseren Selbst , die stets durch sie erklang , hörend , ganz vergaß , die Papiere zu trennen , sie achtlos in die Schale fallen ließ , während er sich etwas zu Rosa niederbeugte und flüsterte : » Mein Schutzgeist , wachen Sie über mir . « Ein seliges Lächeln flog über Rosas Züge und der Ausdruck von Trauer schwand . Rasch ergriff sie eine Blüte von den Blumen , mit denen man ihren Tisch geschmückt hatte , reichte sie ihm und flüsterte ebenfalls : » Ein Talisman ! « Er nahm die Blüte , drückte sie an seine Lippen , und eine Sekunde ruhten ihre Blicke verloren ineinander . Das alles ging so schnell vor sich , daß niemand den kleinen Vorgang bemerkt hatte . Dann sah Waldemar Holberg und Raden , die fern von der Herzogin nebeneinander Platz genommen hatten , und ohne sich nach der Seite , wo Giulia saß , umzuwenden , ging er auf seine Kavaliere zu und setzte sich zu ihnen . Rosas Herz jubelte ; sie griff voll Freude in die Schale , um ein Papier zu ziehen , entfaltete eines und las : » Bleibe mir fern heut abend , der Herzog beobachtet uns ; morgen früh erhältst du Botschaft . « Betroffen bis ins Herz hinein , das sich krampfhaft in physischem Schmerz zusammenzog , starrte sie das Blättchen an ; es mußte Waldemars Hand entfallen sein und es ward ihr alsbald klar , woher es gekommen . Sie verbarg es schnell unter den Blumen , nahm das nächstliegende und las : » Der Schutzgeist . « Es war Waldemars Handschrift . Was in ihrer Seele vorging , sie hätte es selbst kaum sagen können . Es gibt solche Augenblicke im Leben , wo das Herz sich plötzlich mündig fühlt , wo das sanfteste Wesen zum Heldentum erstarkt , wo eine zwingende Kraft aus den Tiefen der Seele heraufsteigt , die unser Tun bestimmt und unser Schicksal wird . So fühlte Rosa mit einemmal , daß sie die heilige Aufgabe habe : den Jüngling , in dem sich ihr das Ideal zum erstenmal verkörperte , das ihre Seele von früh auf wie eine lichte Ahnung in sich getragen hatte , zu retten , den Kampf um ihn aufzunehmen mit einer gefährlichen , ihr bis jetzt überlegenen Macht , in Wahrheit sein Schutzgeist zu sein , nicht um ihrer selbst willen - nein , sie dachte nicht an sich - um seinetwillen , um keinen Flecken auf dem reinen Bilde zu sehen , als das er ihr erschien . Das alles ging mit Blitzesschnelle durch ihren Sinn , und während sie es noch wenige Augenblicke vorher wie eine fast unüberwindliche Pein empfunden hatte , improvisieren zu müssen , drängten sich nun die Worte auf ihre Lippen , als spräche sie mit ihrer eigenen Seele und als wäre keiner da , sie zu hören . Er selbst hatte ihr ja das Thema gegeben , sie dazu aufgerufen und mit einer Energie , wie sie sie nie gefühlt , begann sie : » Ich rette dich , und wär ' s in Sturmeswüten Auf wildem Meer . Richt soll mein Mut , nicht soll mein Arm ermüden , Dir Schutz und Wehr . Ich rette dich , und hüllten sich die Sterne In grause Nacht , Mein Herz errät es , was dir droht von ferne , Hält liebend Wacht . Ich rette dich , und bärg ' sich unter Rosen Die Schlange dicht , Und ahntest du , im schmeichlerischen Kosen Den Gifthauch nicht . Ich rette dich , ob du dich selbst verlassen Im dunklen Wahn , Und noch vom Abgrund führ ' ich im Umfassen Dich himmelan . « Als sie schwieg , rief erst der laute Beifall , den man ihr zu spenden gewohnt war , sie zum Bewußtsein der Welt , in der sie sich befand , zurück . Aber es berührte sie kaum ; sie kam sich wie losgelöst vom Leben vor , denn sie sah nur ein ganz unpersönliches Ziel vor Augen und es war ihr , als würde dann alles zu Ende sein , was sie auf Erden zu tun habe . » Sonderbare Auffassungen hat dieses junge Mädchen , « sagte die Herzogin zum Kardinal ; » aber sie hat Begabung und es ist ein Hauch von Begeisterung in ihr , der mich anzieht . Auch ist sie sehr hübsch und voller Grazie ; findest du nicht , Camillo ? « setzte sie hinzu , sich an ihren Gemahl wendend und nachlässig mit ihrem Fächer spielend , innerlich aber belustigt , daß seine Eifersucht eine Niederlage erlitten hatte ; denn sie hielt des Prinzen Entfernung für eine Folge ihrer geschriebenen Worte . » Ja , in der Tat , auffallend hübsch ; mehr als das : reizend , « versetzte Don Camillo mit einem höhnischen Lächeln um die dünnen Lippen ; » unsere Männerwelt ist ja auch ganz toll verliebt in sie , die Einheimischen und die Fremden . Unter anderem sagt man , daß Seine Durchlaucht Prinz Waldemar ihr in aller Form den Hof macht und sie stundenlang besucht . « Er streifte seine Frau mit einem flüchtigen Blick und sah , er hatte richtig getroffen . Trotz ihrer Selbstbeherrschung konnten die Züge der Herzogin im ersten Augenblick den Eindruck nicht verbergen , den diese Worte auf sie machten ; sie fand kein Wort der Erwiderung und nur der Busen , der sich rascher hob und senkte , verriet , wie heftig es in ihr aufbrauste . Der Kardinal , zwischen den Gatten sitzend , verstand sehr wohl , was die kleine Szene zu bedeuten hatte und beeilte sich , begütigend einzuschreiten . » Der Prinz ist ein Freund der Dichtkunst , « sagte er , » und da wird ihn wohl diese Begabung , die auch für einen Nordländer eher neu sein mag , interessieren . Sonst scheint er aber ein junger Mann von strengen Grundsätzen zu sein und ist von seiner sehr frommen Mutter in den Lehren der alleinseligmachenden Kirche erzogen . « Waldemar war inzwischen zu Rosa getreten , offenbar in peinlicher Verlegenheit , und während diese noch sich zu den andrängenden Personen , die ihr huldigten , wenden mußte , wühlte er mit der Hand in den beschriebenen Papierstreifen in der Schale , scheinbar wie gleichgültig einen nach dem anderen hervorziehend und lesend und wieder hinwerfend , jedoch mit großer Unruhe auf dem Gesicht . Endlich wurde Rosa frei und sagte auf deutsch , damit keiner der Umstehenden es verstehe : » Sie suchen etwas , Prinz ? « » Ja , in der Tat , « erwiderte er verlegen und zögernd , » ich glaube , ich habe vorhin ein Papier hier hineinfallen lassen , das nicht hierfür bestimmt war - eine flüchtige Notiz ... « Er vollendete nicht , sondern errötete . Rosa zog das Papier unter den Blumen hervor , hielt es ihm hin und sagte ernst : » Hier ist es ; es war das erste , das ich zog . « » Sie haben es gelesen ? « fragte er , und sein Auge blitzte . » Ja , « sagte sie fest , » ich glaubte , es sei eine Aufgabe für mich , für Ihren Schutzgeist , « setzte sie leise hinzu ; » Sie haben mich ja dazu ernannt . « » Und Sie haben es ebenso energisch gesagt , daß Sie mich retten wollen , sogar vor mir selbst , « sagte er fast spöttisch , wie um seinem gereizten Gefühl vor sich selbst recht zu geben . Sie sah ihn an mit jenem ernsten , tiefen Blick , der immer sein Innerstes traf . Er reichte ihr gerührt die Hand und sagte : » Gute Nacht , Rosa ; ich weiß es , Sie würden mich retten , wenn ich in Gefahr wäre , und ich würde Sie dann rufen . Aber ich bin es noch nicht , seien Sie unbesorgt . « Freundlich grüßend ,