Anblick ganz entsetzten Mohammedaner waren schreiend davongelaufen und hatten es nun ganz gewiß aufgegeben , das für sie jetzt für verpestet geltende Haus zu betreten . Sie hatten dann zunächst el Kafr einen Besuch gemacht , um sich Nahrungsmittel zu erbetteln , und waren dann nach dem Granittempel gestiegen , um an der Sphinx vorüber nach der Cheopspyramide zu kommen und diese zu besteigen . Natürlich hatte sich Alles , was in Kafr wohnte und laufen konnte , diesen Pilgern angeschlossen , welche im Bahr bela Ma8 zwischen Setrah und dem Dschebel Burgheh zu Hause waren . Es verstand sich nun eigentlich ganz von selbst , daß es keinem der Bewohner oder Gäste des Hotels einfallen konnte , nach den Pyramiden zu gehen , solange sich diese fanatischen Menschen oben befanden , doch als ich mich nach den beiden Chinesen erkundigte , erfuhr ich , daß sie hinauf gegangen seien , und Mr. Waller war ihnen mit seiner Tochter später nachgefolgt . Welch eine Unvorsichtigkeit ! Freilich nur von dem Amerikaner , denn als die Chinesen aufgebrochen waren , hatten sich die Pilger noch nicht eingestellt gehabt ; Waller aber war erst nach deren Ankunft weggegangen und durch keine Warnung von diesem Wagnisse abzuhalten gewesen . Es war mir ganz , als ob ich ihnen folgen müsse , doch konnte ich dadurch leicht den Anschein erwecken , als ob ich für sie ein größeres Interesse besitze , als sie mir erlauben wollten , und so unterließ ich es . Ich öffnete die erwähnte Tür meines Zimmers ; nahm einen Stuhl mit hinaus und saß nun oben auf dem hoch aufgewehten Sande . Der tief in demselben eingeschnittene Weg nach den Pyramiden lag so weit von mir entfernt , daß ich seinen Grund nur an derjenigen Stelle sehen konnte , wo er einer Krümmung nach links herüber folgte . Der eigentliche Körper der Pyramiden wurde in Stufenform aufgebaut und dann mit einer platten Bekleidung belegt , unter welcher die Stufenform verschwand . Von dieser Bekleidung ist jetzt nur noch an der Spitze der zweiten , derjenigen des Chefren , ein Rest zu sehen , während von der Cheopspyramide die Spitze ganz verschwunden ist , wodurch sich oben eine vielleicht zehn Quadratmeter große Fläche gebildet hat , zu welcher man von der nordöstlichen Kante aufsteigen kann , weil dort die vielleicht einen Meter hohen Stufen am gangbarsten sind . Der Aufstieg geschieht gewöhnlich mit Hilfe dreier Beduinen , von denen zwei stets voran sind , um zu ziehen , während der Dritte schiebend hinterher zu folgen hat . Ist man oben angelangt , so hat man , in umgekehrter Richtung der Aussicht vom Dschebel Mokattam , nach Osten zu das Grün des kanalisierten Landes in der Nähe , die Stadt aber in ziemlich weiter Ferne liegen . Nach Nordwest , West und Süd dehnt sich die Wüste mit ihren braungelben Sandflächen , aus denen hungernd und dürstend nackte Klippen ragen . Nach Südwest steigen die andern Pyramiden auf ; tief unten aber schaut die Sphinx nach Osten , doch kann sie den Aufgang der Sonne nicht mehr sehen , weil der Sand von Jahrhunderten rund um sie her so hoch » gewachsen « ist , daß es für sie einen Morgen nicht mehr gibt . Der Name Sphinx ist für die ägyptischen Steingebilde falsch angewendet ; er ist griechisch , und sie aber hatten mit der thebaischen Tochter des Typhon und der Schlange Echidna nichts zu tun . Sie hießen bei den Aegyptern » Neb « , d.i. » Herr « . Ihre aus dem Felsen herausgewachsene , für unzerstörbar gehaltene und in majestätischer Einfachheit und Größe vor den Tempeln ruhende Vereinigung der Tier- mit der Menschenform sprach wohl auch ein tiefes , schweres Rätsel aus , fügte aber , sie durch sich selbst verratend , sogleich die Lösung hinzu , daß nur die aus dem Geist geborene Kraft die Welt regiere . Materialisten also waren die alten Aegypter nicht , und gerade darum gelang es ihnen , den Stoff selbst in seiner gewaltigsten Schwere mit Hilfe der einfachsten Gesetze zu beherrschen . Wo Sejjid Omar jetzt war und was er tat , das wußte ich nicht . Er hatte mich bei unserer Ankunft gefragt , was er nun vornehmen solle , und von mir den Bescheid erhalten , daß er die Pferde gut zu versorgen und sich erst am Abend wieder bei mir zu melden habe . Jetzt brauchte ich ihn ja nicht ; heut Abend aber sollte er mich begleiten ; ich wollte beim Mondschein einen längeren Spaziergang nach den Pyramiden unternehmen . Da standen sie vor mir , so nahe und doch so fern . Nur drei Minuten trennten mich von der mir nächsten , der großen , und doch waren es eigentlich nicht drei Minuten , sondern viertausend und neunhundert Jahre . Die Gestalten der Araber , welche ich deutlich an ihr auf- und niederklettern sah , so pygmäisch , so ameisenwinzig , sie gehörten diesen drei Minuten an . Was bleibt nach ihrem Tode von ihnen übrig ? ! Aber das Andenken derer , welche diese Quadern aufeinander türmten , es ist nach fast fünftausend Jahren noch nicht vergessen . Ihr Leben ist nicht spurlos an der Welt und an den Tafeln der Geschichte vorübergegangen . Und doch sind diese fünftausend Jahre im Verhältnis zu der Ewigkeit auch nichts Anderes als diese drei Minuten , und wenn die große Frage kommt , welche ein Jeder einst zu beantworten hat , wird Cheops wahrscheinlich um keinen Zoll größer sein als einer der Beduinen , welche die Perspektive mir jetzt so zwerghaft erscheinen ließ . Indem ich zu ihnen hinaufschaute , glitt mein Auge auch über die Stelle des Weges , welche , wie schon bemerkt , die einzige war , die ich sehen konnte . Da kam Jemand sehr eilig herabgelaufen . Obgleich ich ihn nur einen Moment sehen konnte , erkannte ich doch Sejjid Omar in ihm . Er lief so schnell , daß sein langes Gewand hinter ihm her wehte . Es mußte etwas für ihn sehr Wichtiges sein , was ihn , der in allen seinen Bewegungen so gern die ihm eigene Würde zeigte , jetzt veranlaßte , es so außerordentlich eilig zu haben . Nur wenige Schritte nach links von mir ging die Sandhöhe , auf welcher ich mich befand , in das platte Dach eines zum Hotel gehörigen Nebengebäudes über . Von diesem aus konnte ich Omar aus dem tief eingeschnittenen Wege herauskommen sehen . Ich ging hin und schaute hinab . Auf dem Vorplatze saßen und standen viele Herren und Damen , welche diesen Aufenthalt den schwülen , dumpfen Zimmern vorgezogen hatten . Omar hemmte seine Schritte nicht , sondern rannte zwischen ihnen hindurch , ohne daran zu denken , daß ihm seine direkte Abstammung vom Propheten bei dieser Art von Schritten höchst wahrscheinlich nicht angesehen werden könne . Ich ging nach meinem Zimmer und hatte es kaum erreicht , so hörte ich ihn auch schon klopfen . Er wartete meine Antwort gar nicht ab , sondern trat ein , ließ die Tür ganz selbstverständlich offen stehen und sagte , indem er mit dem Atem rang : » Sihdi , es wird über sie Gericht gehalten . Du mußt sofort kommen und ihren Fakih9 machen ! « » Von wem redest du ? « fragte ich . » Von den Chinesen . Sie sind gute Menschen und wohnen in demselben Hotel mit dir . Ich hoffe , daß dies genug Gründe für dich sind , ihnen beizustehen ! « » Ich bin kein Fakih . Wer klagt sie an ? Was haben sie getan ? « » Sie haben den Amerikaner in Schutz genommen , dem es wahrscheinlich an das Leben gehen wird . Das geschieht ihm recht ! Du hast es ja gesehen , wie er mein Gebet unterbrochen hat ! « » Weshalb soll es ihm an das Leben gehen ? « » Das erzähle ich dir unterwegs ; komm nur schnell , sonst wird es vielleicht zu spät , dich der Chinesen anzunehmen ! « Er faßte mich am Arm , um mich mit sich fortzuziehen . Ich wehrte ihn ab und sagte : » Beherrsche dich ! Man kann durch zögerndes Ueberlegen weiter kommen als durch übermäßige Eile . Erzähle , wenn auch kurz , aber Alles , was geschehen ist . « Er versuchte , seinen fliegenden Atem zu beruhigen , und folgte meiner Aufforderung : » Als ich die Pferde in den Stall geschafft und ihnen Futter gegeben hatte , ging ich hinauf nach den Pyramiden . Ich wollte die fremden Mekkapilger sehen , vor denen ich mich nicht zu scheuen brauche , weil ich weder Christ noch Jude , sondern nicht nur Moslem , sondern sogar Sejjid Omar bin . Ihre Gewänder sind zwar während der weiten Reisen zerrissen und sehr , sehr schmutzig geworden , aber das hindert nicht , daß diese Beduinen vom Bahr bela Ma sehr fromme Männer sind , welche Mekka gesehen haben und viel von ihm erzählen können . Als ich kam , waren sie dabei , die große Pyramide zu besteigen . Da aber auf der Höhe derselben nur gegen dreißig Personen stehen können , mußte dies in Abteilungen geschehen . Es dauerte sehr lange , ehe die erste wieder herunterkam . Mit dieser ging ich nach der Sphinx hinunter , denn sie sollte auch bestiegen werden . Du weißt , daß man da am Granittempel vorüberkommt . Indem wir dies taten , hörte ich Stimmen in dem Treppengang desselben , achtete ihrer aber nicht . Hätte ich gewußt , wer es war , so wäre ich hineingegangen , um sie zu warnen . « » Wer war es denn ? « unterbrach ich ihn . » Die beiden Chinesen , der Amerikaner und seine Tochter . Wir stiegen alle auf den Rücken des Sphinx , von wo aus einige der jungen Leute von el Kafr gegen ein Bakschisch auch noch auf den Kopf zu klettern pflegen , was so gefährlich ist , daß ich nicht versuchen möchte , es nachzumachen . Einer von ihnen führte dieses Kunststück aus , und der Schech der fremden Pilger behauptete , es ihm nachmachen zu können . Man glaubte es ihm nicht ; es wurde hin und her gestritten und ihm schließlich eine Wette angeboten , auf welche er einging . Er zog seinen Mantel aus und nahm auch sein Hamaïl vom Halse , weil es während des Kletterns leicht beschädigt werden konnte . Die Schnur , an welcher es hing , war zu eng , sie über den Kopf zu bringen . Er zog zu sehr ; sie zerriß , und da er sie nicht festhielt , flog das Hamaïl seitwärts auf den Boden nieder , wo sich der Fels nach unten rundet . Es glitt weiter und fiel in die Tiefe hinab . « » Das hat nichts zu sagen . Die Hamaïls werden in Futteralen getragen , und unten gibt es lockeren Sand ; das Buch wird also nicht beschädigt worden sein . « » Das ist richtig ; aber höre , was gleich weiter geschah ! Der Schech kümmerte sich jetzt nicht um sein Hamaïl , welches er sich dann ja holen konnte ; er dachte nur an seine Wette . Es war ausgemacht worden , daß noch einmal Jemand von el Kafr hinaufzuklettern habe , damit der Fremde sich die Stellen merken könne , wo die Finger und die Zehen einzusetzen sind . Diese Bedingung wurde auch erfüllt . Es gab also bis zum Austrag der Wette ein zweimaliges Hinauf- und wieder Herunterklettern . Das dauerte natürlich lange , weil jede Bewegung äußerst vorsichtig unternommen werden mußte , und während dieser Zeit geschah unten Etwas , was wir nicht beachteten , weil unsere ganze Aufmerksamkeit nach oben gerichtet war . « » Ah , ich errate ! Der Amerikaner und das Hamaïl ! « » Ja , so ist es , Sihdi ! Die vier Personen hatten den Granittempel verlassen und waren dann auch nach der Sphinx gegangen , obgleich sie sahen , daß deren Körper von Beduinen geradezu wimmelte . Doch hatte dieser Umstand sie wenigstens abgehalten , sie auch zu besteigen ; sie waren vielmehr den schmalen Pfad , welcher von ihrem westlichen Teile nach dem östlichen führt , hinabgegangen und hatten dort bei dem Vorderfuße das Hamaïl liegen sehen . Anstatt es nun gar nicht anzurühren , weil sie doch keine Muhammedaner waren , und sich auch gewiß denken konnten , daß es einem oben auf der Sphinx befindlichen Pilger gehören werde , hatten sie es sogar aus dem Futterale gezogen , geöffnet und durchblättert . Inzwischen hatte der fremde Schech , der ein sehr kühner Kletterer ist , seine Wette gewonnen , und wir stiegen von der Sphinx herunter , was , wie du weißt , an ihrem Hinterkörper geschieht . Dort trafen wir mit dem wieder nach hier gekommenen Amerikaner zusammen . Als der Schech sein Hamaïl in den Händen dieses Mannes sah , war er zunächst so erschrocken , daß er kaum sprechen konnte ; bald aber verwandelte sich der Schreck in Zorn . Er riß es ihm aus der Hand und fragte , ob er im Menahouse wohne , wo man Wurst und Schinken esse . Als der Gefragte mit einem Ja antwortete , mußte die Heiligkeit des Hamaïl für vernichtet gelten . Du kannst dir nun die Wut des Schechs denken , welcher den Amerikaner am liebsten vernichtet hätte . Dieser war aber nicht etwa so klug , zu schweigen , sondern er verteidigte sich und nannte das Hamaïl ein Lügenbuch . « » Er kann aber doch nicht arabisch sprechen ! « » Der Dolmetscher war bei ihm , den du auf dem Dschebel Mokkatam mit ihm und mir gesehen hast . Er ist vom Hotel weg zu ihm gefahren , um ihn abzuholen und mitzunehmen . « » Und dieser Mensch war so unvorsichtig , das Wort Lügenbuch zu übersetzen , ohne ein anderes , weniger beleidigendes an seine Stelle zu nehmen ? « » O , er hat noch ganz Anderes übersetzt ! Ich kann dir nicht Alles so ausführlich erzählen , wie es geschehen ist , denn ich habe schon jetzt zu viel Zeit versäumt und will dir nur noch sagen , daß der Amerikaner es in seinem Zorne gewagt hat , dem Schech das Hamaïl wieder zu entreißen und unter schlimmen Ausdrücken , welche auch übersetzt worden sind , ihm vor die Füße zu werfen . « » Unmöglich ! « » Es ist wahr . Ich stand dabei und habe es selbst auch gesehen . Der Schech riß das Messer heraus , um ihn zu erstechen ; die Tochter wollte sich dazwischen werfen ; der junge Chinese riß sie zurück und hat den Stich in den Arm bekommen . Der fremde Schech wollte wieder stechen , und seine Leute griffen auch nach ihren Messern . Es wären wenigstens drei Menschenleben zu Grunde gegangen , wenn nicht der Schech el Beled10 von el Kafr eingeschritten wäre . Diesem ist von der Regierung die Aufsicht über das Gebiet der Pyramiden übertragen worden , und er mußte sich sagen , daß die Ermordung von Christen , die überdies noch Ausländer sind , für ihn und die Bewohner seines Dorfes von sehr schlimmen Folgen sein werde . Aber es kostete ihm sehr viel Ueberredung , bis die Fremden ihre Messer wieder einsteckten , doch verlangten sie Sühne , und zwar blutige Sühne , weil eine solche Behandlung eines Hamaïl ein größeres Verbrechen ist , als selbst ein zehnfacher Mord sein würde . Diese Sühne soll auch sofort und ohne Zeitverlust gegeben werden , und darum drangen sie auf das Zusammentreten einer Dschemma11 , welche den Fall ohne Zögern zu besprechen und das Urteil zu fällen habe . « » Sind die Beisitzer dieser Dschemma bereits gewählt ? « » Nein . Es werden lauter Fremde sein , und von den Hiesigen darf ihr nur der Schech el Beled beitreten . Dieser hat einen seiner Leute heimlich nach Kairo um Hilfe geschickt . Bis diese kommt , will er versuchen , die Verhandlung hinauszuziehen ; aber ich glaube nicht , daß ihm dies gelingen wird . « » Ich auch nicht . Die Fremden scheinen den Fall nach dem Gesetz der Wüste behandeln und von der hiesigen Polizei nichts wissen zu wollen . Ja , es kann zwischen dieser und ihnen sehr leicht zum Kampfe und Blutvergießen kommen ! « » Daran dachte ich auch , und darum bin ich zu dir geeilt , um dich zu holen . Du wirst diese Sache auf gutem Wege zu enden wissen ! « » Ich ? Wie kommst du zu dieser Idee ? « » Ich habe dir ja schon gesagt , daß mir der alte Ibrahim Effendi mehr von dir erzählt hat , als du denkst . Ich bitte dich um Hilfe . Wirst du sie den Chinesen verweigern ? « » Du sprichst nur von ihnen , obgleich ihnen direkt keine Gefahr droht . Für den Amerikaner bittest du nicht ? « » Nein ! Er mag bekommen was er verdient hat ! Ich habe ihn auf dem Mokattam verschont ; hier aber darf er keine Schonung finden ! « Da legte ich ihm die Hand auf die Schulter , sah ihm ernst in die Augen und sagte langsam , indem ich jedes Wort betonte : » Du bist Sejjid Omar , aber du bist kein guter Mensch ! Und wer kein guter Mensch ist , der kann auch kein guter Anhänger des Propheten sein ! Ich wollte dich jetzt mitnehmen , weil du mir helfen solltest , dem Amerikaner beizustehen . Du kannst aber hier bleiben ! « Ich tat , als ob ich gehen wolle ; da rief er aus : » Sihdi , nimm mich mit ! Ich will dir beweisen , daß die Güte eines Moslem größer sein kann als sein Wunsch nach Rache . Brauchen wir Waffen ? « » Nein , sondern nur Klugheit und Entschlossenheit . Unsere Pferde sind nicht mehr gesattelt ? « » Nein . Reiten wir denn ? « » Ja , doch haben wir keine Zeit , vorher zu satteln . Ich kenne die Gesetze der Wüste sehr genau . Diese fremden Beduinen werden sich von dem Schech el Beled nichts vormachen lassen . Sie sind auf den Zusammentritt der Dschemma bloß deshalb eingegangen , weil sie derartige Szenen lieben ; das Urteil aber wird auf den Tod des Amerikaners lauten , und sie werden es ausführen , ohne sich um die Meinung irgend eines anderen Menschen , sei es auch der Khedive von Aegypten , zu bekümmern . Wo wird diese Versammlung abgehalten ? « » Ein wenig oberhalb der Sphinx . « » So wird der Missionar diese Stelle nicht lebend verlassen , wenn wir ihn nicht herausholen . Da er zu Fuß nicht entkommen kann , sondern von ihnen eingeholt würde , reiten wir . Merke dir diese Tür , welche hinaus in das Freie führt ! Sie ist von Wichtigkeit . Ich lasse sie um eine Lücke offen , und der Schlüssel bleibt von innen stecken . « » Warum , Sihdi ? « » Das erfährst du unterwegs . Jetzt komm ! « Ich muß bemerken , daß wir sehr schnell sprachen und daß diese Unterredung also nicht halb so lange währte , als wenn man sie vom Papiere liest . Ein Hamaïl ist ein in der Stadt Mekka geschriebener und unter gewissen Feierlichkeiten erworbener Kuran , der nur an solche Pilger verkauft wird , welche nachweislich allen Verpflichtungen getreulich nachgekommen sind . Er gilt als das köstlichste Andenken an die Pilgerschaft , wird für heilig gehalten und darf nie mit irgend Etwas in Berührung kommen , was dieser Heiligkeit nicht angemessen ist . Mr. Waller hatte nach den Begriffen derer , in deren Händen er sich befand , unbedingt ein todeswürdiges Verbrechen begangen . Wenn man hierzu die unter diesen Leuten gewöhnliche Christenverachtung und die durch die Pilgerfahrt bis zur Brutalität gesteigerte religiöse Aufregung rechnet , so kann man sich die Gefahr wohl denken , in welcher der Genannte gegenwärtig schwebte . Eine Dschemma über einen Christen , nebst dem an ihm vollstreckten Todesurteil , ein besserer Schluß konnte nach Ansicht dieser Fanatiker ihrer Reise nach Mekka ja gar nicht gegeben werden ! Wir eilten nach dem Stall hinüber , zogen die Pferde heraus , stiegen auf und ritten den Hohlweg nach den Pyramiden hinauf . Ich hielt es nicht für geraten , im Hotel zu sagen , warum wir diesen Ritt unternahmen . Je weniger Aufsehen erregt wurde , desto größer war für mich die Hoffnung des Gelingens . Als wir oben bei der Cheops-Pyramide ankamen , war dort kein Mensch zu sehen , denn Jedermann war nach der Sphinx geeilt , um bei der Dschemma anwesend zu sein . Das war mir lieb , weil ich nun , ohne gesehen zu werden und Verdacht zu erregen , Omar unterweisen konnte , was er zu tun hatte . » Hier trennen wir uns , « sagte ich . » Wenn der Amerikaner reiten kann , ist er zu retten , sonst wahrscheinlich nicht . Ich reite hier links an den kleinen Pyramiden nach der Sphinx hinunter , dränge mich an die Dschemma heran und suche , mit dem Pferde möglichst nahe an den Amerikaner heranzukommen . Dann steige ich ab und spreche mit den Beduinen . « » Aber du wagst dein Leben ! « fiel Omar ein . » Nein . Da ich heut nicht den Hut , sondern den Tarbusch trage , wird man mich für einen Effendi halten , und ich werde nichts sagen , wodurch ich mich als Christ bezeichne . Während ich die Aufmerksamkeit der Dschemma ganz auf mich ziehe , steigt er schnell auf das Pferd und reitet fort . « » Sie werden ihm nachreiten ! « » Ich meine , daß sich keine anderen Tiere dort befinden werden , als die kleinen Esel und die langsamen Kamele der Leute von el Kafr ? « » Das ist richtig ! « » Man kann ihn also nicht einholen , aber man wird auf den klugen Gedanken kommen , ihn nicht nach dem Hotel zurückzulassen . Man wird also diesen Hohlweg hier besetzen und ihm die Annäherung auch von den anderen Seiten unmöglich machen . Aber an die Tür zu meinem Zimmer wird Niemand denken . « » Maschallah ! Ich beginne , zu begreifen , Sihdi . Ich soll ihn nach dieser Tür bringen ? « » Ja . « » Aber wo und wie treffe ich ihn ? « » Du reitest hier an der großen Pyramide entlang , genau nach West , halb über das hinter ihr liegende Totenfeld , und wendest dich dann links nach der Pyramide des Chefren hinüber , an deren Südwestecke du wartest , bis der Amerikaner kommt . « » Wird er wissen , daß ich dort bin ? « » Ja ; ich sage es ihm . Wenn er zu dir gestoßen ist , reitet ihr zurück , quer über das Totenfeld , aber ja nicht her zur großen Pyramide , sondern stets nach Nord , von der Höhe nach der Niederung herab , bis ihr in gleicher Linie mit dem Hotel seid . Es gibt dort keinen Weg ; der Sand ist tief ; man wird den Flüchtling dort gewißlich nicht vermuten . Dennoch sage ich , daß ihr Begegnungen möglichst zu vermeiden habt , bis das Hotel zu sehen ist . Dann reitet ihr , ganz gleich , ob ihr gesehen werdet oder nicht , schnell auf dasselbe zu , biegt aber ja nach keinem Wege ein , sondern eilt oben auf der Düne bis hin an meine Zimmertür , welche ich offen gelassen habe . Seid ihr drin und habt den Schlüssel umgedreht , so ist nichts mehr zu befürchten . Die Pferde müssen freilich draußen stehen bleiben . Ich hoffe übrigens , daß ich dort bin , wenn ihr kommt . Beeilt euch aber , denn es wird bald dunkel werden ! « » Und was geschieht mit der Tochter des Amerikaners und mit den Chinesen , Sihdi ? « » Das laß meine Sorge sein ! Ich rechne auf die ganz gewiß entstehende Aufregung und Verwirrung , welche ich möglichst gut benutzen werde . « » Aber du selbst , Sihdi ! Du begiebst dich wirklich in Gefahr ! « » Das hat nur den Anschein so . Ich werde die Fremden durch eine so große Dreistigkeit verblüffen , daß sie gar nicht daran denken , Etwas gegen mich zu tun . « » Was wirst du zu ihnen sagen ? « » Das weiß ich noch nicht . Ich habe mich nach den Umständen zu richten , welche ich vorfinde . Wie aber steht es mit der Verwundung des Chinesen ? « » Sie ist nur leicht . Ich sah wohl Blut , doch aber nicht viel . Sein Vater verband ihn eben , als ich ging , mit seinem Taschentuche . « » So habe ich von ihm keine Störung zu befürchten . Jetzt wird es Zeit , daß wir uns trennen . Mach deine Sache gut ! « » Von dem Augenblicke an , wo er bei mir ist , wird ihm nichts geschehen , darauf kannst du dich verlassen , Sihdi . Du hast von mir verlangt , ein guter Mensch zu sein , und nun macht es mir Freude , ihm seine Beleidigung durch Liebe zu vergelten ! « Nach diesen Worten ritt er in der ihm von mir angegebenen Richtung davon ; ich aber nahm meinen Weg zwischen der großen und den ihr gegenüberliegenden kleinen Pyramiden hindurch , welche für Angehörige des Cheops bestimmt gewesen sein sollen . Hinter der letzten von ihnen teilt sich der Weg . Links führt er nach der Sphinx hinab , fast geradeaus nach Campbells Grab hinüber . Ich zog es vor , nach diesem Grabe zu reiten , denn ich hatte von dort aus einen besseren Ueberblick , und ich konnte mir den Anschein geben , als ob ich von dem Vorgefallenen gar nichts wisse und nicht etwa vom Hotel her , sondern von der zweiten oder gar dritten Pyramide komme . Ich wich also nach Westen zu von den durch den Sand führenden Stapfen ab und hielt mich so lange in den Einsenkungen des Terrains , bis ich die unterhalb der Chefren-Pyramide liegenden Tempelreste vor mir hatte . Hierauf wendete ich mich nach links , trieb das Pferd eine steile Schuttböschung hinauf und sah den Ort , den ich erreichen wollte , in nicht allzu großer Entfernung vor mir liegen . Es genügte ein Blick , die Szene zu erfassen . Die für die Dschemma Ausgewählten saßen an der Erde , einige Schritte davon Mary und die Chinesen . Der Amerikaner stand , und neben ihm der Dolmetscher , welcher mit den Händen gestikulierte , also zu sprechen schien . Hören konnte ich es nicht . Die Stelle , an welcher ich mich befand , lag höher als diejenige , an welcher die Beduinen ihre Beratung hielten . Die Zuhörer hatten die Dschemma nicht ganz eingeschlossen , sondern sie bildeten , was mir außerordentlich lieb war , des abfallenden Terrains wegen nur einen Halbkreis , welcher nach mir zu offen stand ; das machte es mir möglich , sofort ganz an die Beratenden heranzutreten . Man wurde auf mich aufmerksam . Als ich näher kam , hörte ich den verwunderten Ruf : » Ein Reiter ohne Sattel ! « Diejenigen , welche von mir abgewendet saßen , drehten sich nach mir um . Man zeigte Neugierde , doch fiel es Keinem ein , seinen Platz zu verlassen . Die Angelegenheit stand genau so , wie ich vermutet hatte , denn den Schech el Beled von el Kafr ausgenommen , hatten alle Beisitzer der Dschemma ihre Messer vor sich bis an die Hefte in die Erde gesteckt , ein für den Kenner sicheres Zeichen , daß es sich um das Leben des Angeschuldigten handelte . Ich tat , als ob er mir sehr gleichgültig sei , ritt aber fast bis ganz zu ihm heran , sprang ab , legte die Hände , doch nur für einen kurzen Augenblick , um nicht als gewöhnlicher Mann zu gelten , auf die Brust und grüßte die am Boden sitzenden Personen . Es war leicht zu erraten , welcher von ihnen der fremde Schech war , denn er hatte das Hamaïl , um welches es sich handelte , vor sich liegen . Sein Anzug befand sich , wie auch diejenigen aller seiner Leute , in einem Zustande , den Omar sehr richtig als » schmutzig und zerrissen « bezeichnet hatte , doch war seinem ernsten , sonnverbrannten Gesichte die Gewohnheit des Befehlens deutlich aufgeprägt . Er nickte stolz mit dem Kopfe und ließ nur ein kurzes » Sallam ! « als Antwort hören . Wenn ich mir diesen Mangel an Höflichkeit gefallen ließ , so hatte ich von vornherein verspielt . Er mußte mich für einen Mann halten , der sich das nicht bieten zu lassen brauchte , darum sagte ich in strengem Tone : » Du bleibst sitzen , indem du mit mir sprichst , und siehst doch , daß ich stehe ? Ich vermute , daß ihr in Mekka gewesen seid , über welchem das Andenken des Propheten glänzt . Hast du etwa dort deine Höflichkeit im Sand von Chandamah vergraben ? « » Wo liegt Chandamah ? « fragte er schnell und erstaunt . » Geh zwischen dem Suq el Lel und dem Schib el Maulid , wo das Geburtshaus des Propheten steht , vor die Stadt hinaus , so siehst du es zur linken Seite des Dschebel Qubehs liegen . « Da stand er auf , und alle Andern mit ihm , kreuzte die Hände auf der Brust