geworden und schämte sich , denn er dachte , sie wolle ihn hänseln . So behielt sie ihre stille Neigung , wie er von Hause fortkam auf die Schule und wie er erwachsener wurde und auf die Universität ging ; aber weil sie eine herbe und verschlossene Natur war und ohne Zutunlichkeit , so verspürte niemand etwas von dem , was sie heimlich bei sich dachte . Und auch der Student seinerseits , der durch seine Jahre selbstbewußter geworden war , wie er als Junge gewesen , dachte viel an sie mit Liebe und Hoffnung , nur hatte er noch so viel Schüchternheit , daß er ihre Begegnung mied , und spann sich noch mehr in seiner tabaksqualmigen Dachstube ein , wie er es sonst getan hätte ohne seine liebende Gesinnung . Wie er seine Examina bestanden und hoffen durfte , daß er in wenigen Jahren eine Pfarre bekommen werde , da dachte er wohl , daß er nun wagen dürfe , mit ihr zu sprechen über das , was er im Herzen hatte . So geschah es , daß er einst an einem Sonntagnachmittag nach der Predigt mit ihr durch die Felder ging , und auf beiden Seiten stand der hohe Roggen , untermischt mit Kornblumen und roten Kornrosen . Und wiewohl er ihr nur ganz alltägliche Dinge erzählte aus Scheu , so spürte sie doch durch ein geheimes Überfließen seines Herzens , was er sagen wolle ; aber da überfiel sie mit einem Male eine namenlose Angst und eine heftige Scham , und das spürte er sofort , und zwar hatte er in seinem Herzen eine Bewegung , die das richtig deutete , und er hatte Lust , sie in seinen Arm zu nehmen und an die Brust zu drücken , aber da überkam ihn aus einem andern Winkel seiner Seele plötzlich ein lähmendes Mißtrauen und eine Furcht , so daß sich alle Gefühle in ihm zurückzogen als erschreckt , und ihm ganz starr wurde im Herzen . So redete er mit stockender Aussprache weiter , was er Gleichgültiges angefangen , und ging neben ihr her ; und ihre bebende Hand streifte einmal über das hohe Korn ; da sah er , daß ihre Hand bebte , und es begann wieder lebendig zu werden in ihm ; aber die Erstarrung war bei dem feinen Menschen zu groß , er wurde ihrer doch nicht wieder Herr , und so blieben die Worte ungesprochen zwischen den beiden , nach denen ihrer beider Herzen sich sehnten , und sie gingen stumm nach Hause . Da war aber eine Schicksalsstunde versäumt , die in langen Jahren nicht wiederkam . Sie dachte , daß sie sich wohl geirrt habe in ihrem Gefühl , daß er zu ihr neige , und er habe überhaupt keine wärmere Liebe für sie , nur für die andern ; und er meinte traurig , für sie , die große , feste und herbe Jungfrau mit den geschlossenen Lippen sei er zu gering , und sie könne ihn nicht lieb haben , sondern müsse ihre Liebe auf einen andern richten . Ohne Eifer dachte er das und mit tiefer Trauer . So vergingen Jahre ihnen beiden in stillem Sehnen , bis jenes Unglück über ihn kam mit seiner Schwester . Wie er von Hamburg zurückkehrte , da trieb es ihn , daß er zu ihr gehen mußte , die schon längst für sich gezogen war und allein hauste ; sie waren aber nun beide Menschen weit über die vierzig ; da erzählte er ihr alles , davon er doch manches gar nicht recht verstand , weder die blinde Leidenschaft der Schwäche seiner kleinen Schwester , noch die rohe Habgier der Schlechtigkeit bei dem Manne . Und wie er geendet und sie anblickte , ohne Rat und Trost , da sah er , daß in ihren Augen Tränen standen , die sie vergeblich zurückhalten wollte . » Weinst du über sie ? « fragte er . » Nein , über dich ! « rief sie in Selbstvergessenheit . Da vergaß auch er alles und fragte , als ob er träume , und lächelte dabei wie ein Kind : » Hast du mich denn lieb ? « Aber eine Erwiderung in Worten wurde nicht gegeben , sondern sie kamen zusammen mit ihren Herzen , und ihr Gesicht , das sonst unbeweglich und fest war , lag an seiner Brust und wurde von vielen Tränen überströmt . So hatten sich die beiden gefunden , nachdem sie des Lebens Höhe schon überschritten und sich seit frühen Jahren nacheinander gesehnt ; und als sie sich dann heirateten , da war es , als ob alles Glück , das für sie bestimmt gewesen und nicht verbraucht war in den langen Jahren , als ob das sich angesammelt habe und nun um sie sei , und verging kaum ein Tag , daß sie nicht darüber staunten , wie glücklich sie waren , und machten sich selbst aufmerksam auf dieses oder das in ihrem Leben , und freuten sich über sich selbst . Und das war sonderbar , daß , wer die beiden allein sah , hätte gemeint , diese ernste Frau mit dem festgeschlossenen Mund müsse dem kindlichen Mann überlegen sein , auf dessen reiner Stirn nur die einfachen Gedanken zu lesen waren , die ihn bewegten ; und sie konnte auch nicht gut mit Kindern umgehen , während dem Mann alle Kinder anhingen und ganz mit ihm sprachen wie mit ihresgleichen , welches der stärkste Ausdruck kindlicher Zuneigung ist . Wenn aber die beiden zusammenstanden , dann kam niemand mehr auf den Gedanken , der Mann könne schwächer sein wie die Frau , sondern das natürliche Verhältnis von Mann und Weib war offenkundig vorhanden , obwohl sie in vielen Dingen für ihn sorgte , daß er hätte ganz unselbständig scheinen müssen ; so schnitt sie ihm bei Tisch das Fleisch vor . Das Pfarrhaus hat für die Leute auf dem Lande etwas Festtägliches , durch die Ruhe , die wenigen Menschen in den vielen Räumen , die blitzenden Fensterscheiben mit den weißen Gardinen dahinter , die sandbestreute Diele und die frommen Sprüche , die im Flur angebracht sind . Und die beiden Leute waren festtägliche Leute dazu , das empfanden die Arbeiter und Bauern ; und noch mehr empfand es der kleine Hans Wenn sich die Haustür in der Pfarre hinter ihm geschlossen hatte und die Klingel lange nachschellte und er auf den Zehenspitzen über die Diele ging mit dem knirschenden Sand , der ein so lautes Geräusch zu machen schien , so schlug ihm jedesmal das Herz ; und in Freude verwandelte sich die Ehrfurcht erst dann , wenn er dem freundlichen Pastor die Hand gab . Was sollen wir viel erfahren von dem , was äußerlich vorging in diesen Jahren ? Auf Hans wirkte das Wesen der Alten , und das Wesen Karls hatte Einfluß auf ihn , zu den Wirkungen und Einflüssen , die er zu Hause hatte und im Wald ; ganz wenig wirkten auf ihn die Jungen in der Schule und die Schule überhaupt , obwohl die einen großen Raum in seinen Erlebnissen einnahm ; aber was er hier hatte , war nur ein Kennenlernen der Dinge , die ein Mensch gebraucht zu seinem äußeren Leben ; diese aber sind für unsere Absichten gleichgültig . Wie Hans in sein zwölftes Jahr kam , mußte er des Pastors Unterricht verlassen und in die Stadt gehen , das Gymnasium zu besuchen ; mit ihm ging Karl Gleichen . Hans wurde auf den Löwenhof gebracht , zu einem Ackerbürger , namens Löwe . Hier bekam er ein Dachkämmerchen mit einem Bett zum Schlafen , den Tag über mußte er sich in der Wohnstube der Leute aufhalten , an deren Tisch aß er auch ; nur die Woche über war er hier . Sonnabends , wenn die Schule beendet war , pilgerte er durch das alte Stadttor hinaus , durch die Felder hinauf in den Wald nach Hause , und Montag früh ging er wieder zurück in die Stadt . Seine Mutter hatte abgemacht , daß sie für die Woche einen Taler bezahlen wollte an die Wirtsleute , den trug er Montags in der Tasche bei sich . Diese Löwes waren alteingesessene Leute , deren Voreltern fleißig und sparsam gewirtschaftet hatten , bei ihnen aber ging alles auf , und es war wohl zu sehen , daß sie ihrer einzigen Tochter einst nichts hinterlassen würden . Das geschah aber so , daß sie nicht eigentlich liederlich waren , auch nicht wirklich verpraßten ; nur war der Mann von langsamer Art und ein Schläfer , und die Frau , wiewohl flink und gewandt , liebte sehr das Essen , mehr aus Liebe zur Kochkunst wie aus Leckerei , denn es freute sie am meisten , wenn es andern schmeckte . Sonst aber waren sie ordentliche und gute Leute . Um vier Uhr des Morgens weckte die Frau den Mann ; der öffnete dann die Kammerfenster und rief die Knechte und die Magd wach ; darauf sagte er , daß er erst wieder warm werden wolle und ging ins Bett zurück , aus dem er dann nicht vor sieben Uhr aufstand . Da pflügten die beiden Knechte schon lange auf dem Acker , und die Magd hatte längst gemolken ; wenn aber des Herrn Auge nicht wacht , so geht der Pflug nicht tief und wird das Euter nicht leer , und vieles wird vertan und verworfen in der Wirtschaft . Die Frau ging in die Küche und sagte , sie fühle sich so schlecht im Magen , ihr sei , als müsse sie etwas Besonderes genießen ; und so briet sie schon am frühen Morgen sich allerhand Leckerbißlein , davon sie auch , als eine kleine Person , dick und rund wurde , indessen der Mann mit dem verschlafenen Gesicht mager und lang war . Wohl sahen sie selbst ein , daß sie auf diese Weise immer mehr zurückkamen , und namentlich an den Quartalsterminen wurde ihnen das klar . Aber sie vermochten nichts an ihrem Leben zu ändern ; wenigstens muß man rühmen , daß sie sich nicht gegenseitig Vorwürfe machten . Nur heimlich klagten sie wohl einem andern ihr Leid , und zu solchem Vertrauen erwählten sie sich ihren Kostgänger Han.s So rief ihn etwa die Frau in die Küche , briet eine schmackhafte Gänseleber , schob ihm die zu und sprach : » Iß , sie ist mit ungesalzener Butter gebraten « , und erzählte dann von ihrem Leben , daß sie viele Anbeter gehabt habe , die sie zur Frau gewollt hätten , aber sie habe nun zu ihrem Unglück diesen Mann genommen ; der sei zwar gut zu ihr und trinke auch nicht , aber er sei träge und schlafe zu viel , und sie könne allein das Wesen nicht halten , so viel Mühe sie sich auch gebe ; dazwischen erzählte sie , daß sie in die Nudeln , mit denen die Gans gestopft wird , buchene Asche nehme , rühmte auch wohl die gebratenen Kartoffeln und erzählte , von welchem Landstück man die Kartoffeln zum Braten nehmen müsse , und von welchem sie als Salzkartoffeln oder in der Schale am besten schmeckten ; und am Ende weinte sie in die blaue Schürze und sagte , wenn sie noch einmal heiraten sollte , was ja Gott verhüten möge , denn ihr Mann sei ja gesund und wohl , aber unmöglich sei doch nichts , so werde sie sich besser in acht nehmen . Und der Mann rief den Hans zu sich , nahm die kurze Pfeife aus dem Mund , tippte ihm damit auf die Brust und erzählte , was er für ein Kerl gewesen sei in seinen jungen Jahren , und was er für Mädchen hätte heiraten können , lobte dann seine Frau , daß sie ja gut sei und auch flink , aber sie sei zu sehr auf das Essen und Trinken , und darüber gehe das Haus zugrunde . Aber , meinte er , man könne ja nicht wissen , wenn seine Frau einmal sterben sollte , so werde er sich in seiner zweiten Ehe ganz besonders vorsehen ; und so waren beide schon recht in die Jahre gekommen und meinten doch , nach unbedachter Leute Art , daß sie ihr Leben immer noch vor sich hätten und es nach ihrem Gefallen lenken könnten . Die Tochter der beiden war wenige Jahre älter wie Hans , gutmütig und still , und hatte der beiden Eltern Eigenschaften in sich vereinigt , schlief viel und aß gern und war in ihren jungen Jahren auch schon artig aufgegangen zu einem kugelrunden und zufriedenen Fräulein . Hans aber hatte es gut in der Familie und wurde rechtschaffen gefüttert für seinen Taler . In der Schule war ihm das Einleben recht schwer . Da bestand eine allgemeine Verschwörung gegen die Lehrer : alle Schüler hielten zusammen , logen sich gegenüber dem Lehrer heraus , betrogen diese auch , untereinander aber logen und betrogen sie nicht . Hätte einer sich dieser Ordnung nicht gefügt , so hätten sie ihn alle verachtet . Karl fügte sich sehr schnell in die Verhältnisse , sah in seines Nachbars Hefte und hatte beim Abfragen ein Buch unter der Bank liegen ; und wie der Lehrer einmal eine Aussage von ihm wollte , log er mit offener und heiterer Miene . Hansen war es nicht möglich , sich so zu geben , gleichwohl aber sah er wohl ein , daß er nicht gegen die andern auftreten konnte , und so stritten das alte Pflichtbewußtsein und das neue , das er hier bekam , eine lange Zeit in ihm miteinander , bis er endlich einen Ausweg fand , indem er selbst zwar keine Betrügereien mitmachte , aber willig seine Hefte und Bücher hergab , wenn die andern sie benutzen wollten . Als einmal sein Nachbar beinahe ertappt wurde und der Lehrer ihn befragte , wurde er sehr rot und verlegen und sagte ängstlich , er wisse von nichts . Die Lehrer hatten allerhand Spitznamen , mit denen die Schüler sie unter sich nannten ; allmählich gewöhnte er sich auch daran , sie so zu nennen , immer aber behielt er dabei noch eine gewisse Scheu und Unbehaglichkeit . Zwar nahmen die Schüler im ganzen und großen seine Art ruhig hin ohne besonderes Nachdenken , einmal aber kamen sie doch auf den Gedanken , sie möchten ihn hänseln , weil er anders war wie sie , und fiel ihnen ein , sie wollten ihn auf den Klassenschrank setzen . Da wich er erst zurück und zog seine Arme fort , an denen sie ihn anfassen wollten , aber wie sie ihn endlich umringt hatten , und weil er sich aus Verlegenheit nur ungeschickt und schwach wehrte , da hoben sie ihn bald unter lautem Geschrei auf den bestimmten Thron . Wie er da saß , standen ihm vor Kummer die Tränen in den Augen , aber wie er auch Karl unter der Schar seiner Peiniger erblickte , da faßte ihn ein heftiger Gram , und es überkam ihn eine besinnungslose Wut , und er ergriff eine zusammengerollte Landkarte mit Stäben , die da oben lag , und hieb unbarmherzig mit aller Kraft auf die Köpfe unter ihm ein . Die Jungen schrien auf , und der Schwarm wickelte sich schnell auseinander , er aber sprang mit seiner Waffe vom Schrank herunter und verfolgte die andern , die vor ihm flohen , bis sie zuletzt alle zur Tür hinausliefen und diese von außen zuhielten , damit er ihnen nicht nachkommen solle , denn sie waren in heftige Furcht gekommen . Nach diesem Vorkommnis ließen sie ihn in Ruhe , ohne sich übrigens besondere Gedanken über den Grund zu machen ; er aber überlegte sich das Ganze reiflich und kam zu dem Schluß , daß einer , wenn er sich nicht fürchtet , gar keine Gefahr läuft und wohl dreißig in die Flucht schlagen kann . Fünf Jahre mußte er auf dem Gymnasium verbringen , das waren die fünf schlimmsten Jahre seines Lebens . Damals fühlte er wohl den Druck und hatte das unbestimmte Gefühl , als sei er Gefangener in einem Zuchthaus , aber weil alle um ihn herum in derselben Weise lebten und dieses Leben ganz natürlich und angenehm fanden , so kam ihm sein Unglück nicht zum Bewußtsein , und er litt nur dumpf . So hatte er es später leichter , wie er schwere Zeiten durchmachte , in Gewissenskämpfen und Sorge um das tägliche Brot , denn da fühlte er sich innerlich doch immer froh , wenn er dachte , daß das alles , was man als das Schlimmste hinstellt , doch nicht so schlimm war wie dieses Leben in der Schule , das damals allen natürlich und angenehm erschien , wenn auch alle litten gleich ihm . Vieles wurde gelehrt , was ein jugendliches Herz wohl hätte begeistern können ; aber was die Lehrer sagten , und was gelernt werden mußte , war gleichgültig und eine gemeine Arbeit ohne Sinn , wie sie ein Holzarbeiter verrichten mag , der denkt : am Sonnabend habe ich meinen Lohn verdient ; und einen andern Sinn hat seine Arbeit nicht für ihn . So war auch in der Schule alles Arbeiten nur aus dem Zwecke zu verstehen , daß man solche Dinge wissen mußte , wenn man das Examen bestehen wollte ; das mußte man aber bestehen , sonst durfte man nicht studieren ; deshalb freuten sich auch alle auf die Universität , denn sie hofften , daß sie da das Zweckvolle und Sinnreiche sehen würden . Aber weil die Arbeit allen zuwider war , und weil alle das gleiche wissen mußten , Kluge und Dumme , so kam zu dem noch hinzu , daß die Dinge , die man wissen sollte , so lange wiederholt wurden und breitgetreten , bis sie auch bei dem Dümmsten und Gleichgültigsten festsaßen . Traurig und matt saßen die Jungen auf ihren Bänken , sahen sehnsüchtig aus dem Fenster , wo die Schneeflocken wirbelten und eine frische Kälte war , oder starrten auf die tintenfleckigen und zerschnitzten Tische und die beschmierten Bücher , indessen die gelangweilte Stimme des Lehrers schläfrig an ihr Ohr klang , der nun schon seit Stunden eine einfache Konstruktion erklärte , die jeder sofort verstanden hätte , wenn er nur Lust hätte bekommen können , sie zu verstehen ; den einen oder andern ermahnte der Lehrer , er solle aufpassen und nicht träumen , und wenn er dann einen fragte , ob er jetzt die Sache wiederholen könne , so zeigte sich der gänzlich verständnislos , und die Erklärung mußte von neuem angefangen werden . So wurde an einem einzigen Satz von Cicero eine ganze Stunde übersetzt . Es ist zu sagen , daß diese Bildung der Schule weder unsern Hans noch irgend einen andern Jungen gebildet hat , sondern nur die Bedeutung eines Wissens von allerhand Dingen bekam , das zum Teil sehr schnell wieder vergessen ward , und so erhielten alle diese Schüler ihre wahre Bildung neben und außer der Schule , weshalb über diese sowohl wie über die Lehrer hier weiter nichts zu sagen ist . Kinder sehen die Dinge nahe , scharf und gewissermaßen in einer einzigen Fläche ; aber wenn ein Junge in die Zeit kommt , die man die Flegeljahre nennt , so ändert sich unmerklich dieses Sehen , und damit werden auch die Gefühle verändert , die er in sich hat ; denn es legt sich ihm ein Schleier über alles , daß die Umrisse verschwinden und die Dinge , die früher allein standen , sich zu einem einheitlichen und untrennbaren Bild zusammentun , und dieses Bild bekommt dann Tiefe , Vordergrund und Hintergrund , seine Seele aber erfüllt sich nun mit einer unbestimmten und undeutlichen Sehnsucht , welche die Bilder immer weiter in den Hintergrund treibt , damit sie dort goldigere Farben annehmen und duftigere Umrisse ; er kriegt Erinnerung und Hoffnung , und der Gegenwart vergißt er , und weil so vieles eine neue Bedeutsamkeit erlangt hat , die er früher nicht geahnt , so geht ihm nun oft bei einer Kleinigkeit das Herz auf als bei einem tiefsinnigen Symbol , dessen Bedeutung ihm nicht in Begriffen beifällt , sondern nur in einem dunkeln Gefühl ; und kommt alles das rein und ungestört durch Äußeres aus dem Innern heraus , bei dem einen so , bei dem andern so . Außerdem , während das Kind noch das Gefühl hatte , daß alle andern Kinder , ja selbst die Tiere , ihm gleich seien und deshalb noch keine Scham kannte , überfällt jetzt den Jungen eine heftige Schamhaftigkeit , weil alles Neue nur ihm allein gehört , und kann sich diese Schamhaftigkeit aber nicht äußern , wie es ihr entsprechen würde , weil der Junge sie selbst nicht versteht , deshalb kommt sie zutage als Trotz , Ungezogenheit und auch als Lüge ; so nennt unsre liebe keusche Muttersprache dieses Alter recht schön die Flegeljahre . Welche von den vielen Zügen , in denen sich diese Wandlung äußerte , soll der Erzähler nun wohl herausheben ? Es ist etwa zu erzählen , wie Hans an einem Mittwochnachmittag in der Stube seiner Wirtsleute sitzt , wo hinterm Ofen der Bauer im Halbschlaf träumt , und hat eine alte Zigarettenschachtel , die er geschenkt bekommen , die klebt er an allen Seiten sorgsam mit Kleister zu , daß kein Licht hinein kann , und träumt in der Art wie einst , da er zu Hause unterm Tisch saß , wie heimlich es wäre , ganz klein zu sein und in solcher verklebten Schachtel zu sitzen . Wäre ein andrer in der Stube gewesen und nicht bloß der verschlafene Wirt , so hätte er sich geschämt , solches Spiel zu treiben . Durch Schule und Umgang werden derartige Neigungen auf bestimmte Wege gelenkt , und so kam Hans darauf , sich eine Pflanzensammlung anzulegen . Dazu hatte er den stärksten Trieb im Frühling , denn wenn der Rasen noch überall vergilbt und schmutzig war , so erschienen die gelben Blumen des Huflattich , die dann im Sommer die großen Blätter nachtreiben , darauf kamen die Schneeglöckchen , und endlich begrünten sich die Wiesen , erst an den feuchten Stellen , wo die Dotterblume ihre dicken Knospen aufbrach und glänzende Blätter entrollte ; und wie es überall grün war , da beblümte sich die Wiese mit Marienblümchen , Veilchen , Männertreu , Vergißmeinnicht , Hahnenfuß , Frauenmantel , Löwenzahn , Schaumkraut und Storchenschnabel , in den Wäldern aber wuchsen die Zankblümchen , Maiglöckchen und blauen Leberblumen . Das alles war so , daß das Herz weit wurde , und schien , als könne diese Zeit nie aufhören und müsse die Wiese immer weiter blühen und der Fuchsschwanz sich heben und Sauerampfer stehen und Kälberkropf sich breiten , und es werde niemals gemäht . Alle diese Blumen kannte Hans schon früher , aber jetzt sagten sie ihm eine Sehnsucht und eine Freude , die ihm bis dahin unbekannt gewesen , und einmal , wie er ganz allein war , und niemand ringsum zu sehen inmitten der blühenden Wiesen , da wagte er es , daß er aufjauchzte ; aber der Ton war ihm so sonderbar , daß er gleich wieder verstummte , aus Schrecken . Aus dieser Zeit blieb ihm ein Erlebnis für sein ganzes Leben in der Erinnerung , das äußerlich zwar nichtig schien : er war ausgegangen , Pflanzen zu suchen und trat aus dem Wald und sah vor sich ein Bauernhaus , bei dem ein großes , abgezäuntes Weidestück war ; weil aber der Frühling eben seine ersten Tage schickte , so lag noch in einem schattigen Winkel etwas schmutziger Schnee , jedoch mitten durch das Stück floß ein Wässerlein , eilfertig und geschäftig , wie diese Wässerlein im frühen Frühling dahinplaudern , und an dessen Rändern war das Gras schon grün und einige Büschel Narzissen standen da , in deren einem eine Narzisse aufgeblüht war , diese Blume , die für den Oberflächlichen kalt und leer scheint und in Wahrheit doch eine fast unheimliche Leidenschaft in sich schließt . Wie Hans diese einsame Blume sah , war es ihm , als bliebe vor einer sonderbaren Wonne sein Herz stehen , und erst viel später , wie er schon erwachsen war , wußte er , daß da damals ein heftiges Glücksgefühl gewesen , und verspürte einen goldenen und sanften Abglanz davon auch nachher immer noch , wenn er in seiner Sammlung die gepreßte Blume betrachtete . Mit geringerer Stärke hatte er solche Gefühle auf andern Gängen , die er einsam machte und für sich ; so , wenn er am Waldrand dahinschritt , wo knorrige Wurzeln vorragten und die Zweige sich weit überbogen , indessen das Korn ruhig stand mit Mohn und Kornblumen , oder er wandelte einen schmalen Pfad zwischen den Kornfeldern , und rechts und links streiften ihn die schweren Ähren , die überhingen , und eine Lerche stieg schmetternd in die Höhe aus der Mitte der unbewegten goldenen Frucht und wurde zu einem kleinen Punkte oben im Blau , von dem es herabjubelte ; ja selbst der Strohduft in seines Vaters dämmernder Scheune vermochte eine Sehnsucht und glückliche Freude zu erwecken . Der Grund bei allem diesem aber war wohl , daß es ihm schien , weil seine Brust sich weitete , so fließe er zusammen mit dem andern und gehöre zu ihm , so daß alles eins sei . Nur ein dunkles und drohendes Gefühl stand auch in solchen Stunden immer im Hintergrund , das sich an die Schule knüpfte ; da waren unbekannte Gedanken , daß er eigentlich arbeiten müsse , und daß er nicht seine Pflicht erfülle , und daß er niemals das schwere Abiturientenexamen werde bestehen können , denn trotzdem er unter den Ersten saß , war er sich doch bewußt , daß er lange nicht wußte , was man wissen mußte ; und allerhand Vorwürfe machte er sich dann , wenn er an seinen Vater dachte , wie fleißig der war und sich keine Freude gönnte , nur damit er selbst lernen sollte . So schwer war diese Last , welche die Schule auf seine Seele legte , daß er auch nach vielen , vielen Jahren sie noch spürte , wie er schon längst erwachsen war und verheiratet und Kinder hatte . In der Schule hörte er von Lehrern wie von Schülern etwas ganz anderes über den lieben Gott , wie er bisher gehört . Die Religionsstunde hatten die Jungen bei einem Lehrer , dem ein langer , blonder Bart gewachsen war , und der oft einen kleinen , runden Taschenspiegel vorzog , den er auf den Katheder legte und darin seinen Bart betrachtete ; auch putzte er sich die Nägel so sorgfältig , daß sie glänzten wie poliert , und wenn er sich setzte , so zog er vorher mit zwei Fingern die Hosenbeine in die Höhe , um sie zu schonen , weil sich die Knie sonst aus den Hosen herausarbeiten . Die andern Lehrer sprachen gar nicht vom lieben Gott , sondern sie redeten so von den Göttern der alten Griechen und Römer , daß es war , als glaubten sie an die , was natürlich bloß so schien . Und die Jungen dachten eigentlich gar nicht an Gott ; das war so , daß er sich geschämt hätte , vor ihnen den Namen Gottes zu gebrauchen , denn er hatte das Gefühl , daß das nicht hierher paßte . Mit Karl hatte er einmal ein Gespräch über diesen Punkt . Da sagte dieser , heute glaubten überhaupt die meisten Menschen nicht mehr an Gott , und die es doch täten , wären entweder Heuchler wie die Pfaffen , oder sie seien Dumme . Wie Hans ihn fragte , was dann sein Onkel sein sollte , verstummte er zuerst , und dann erklärte er , der sei » hinter seiner Zeit zurückgeblieben « . Solche Meinungen schienen Hans ganz schrecklich , und er hatte großes Mitleid mit Karl ; der aber lachte und sagte , er wolle ihm ein Buch borgen , in dem sei das alles ganz klar bewiesen . Zuerst wollte Hans das Buch nicht lesen , dann aber meinte er , daß er Karl vielleicht auf bessere Wege bringen könne , wenn er ihm solchen Widersinn klar mache , wie in dem Buche geschrieben sein werde , und deshalb studierte er es durch . Da war nun aber plötzlich alles anders geworden . Karl hatte recht , in dem Buch war ganz klar nachgewiesen , daß es keinen Gott gab und daß nur die Schlechtigkeit der Menschen , insbesondere der Pfaffen , die von der Dummheit der Menschen ihren Vorteil zögen , noch die falschen Ansichten aufrecht erhielte . Gar nichts konnte man gegen die Beweise des Buches vorbringen . Das fiel ihm nun schwer aufs Herz , denn erstlich sollte er jetzt in einigen Wochen konfirmiert werden und mußte bekennen , daß er an die christliche Lehre glaubte , und das konnte er nun nicht . Wie er Karl fragte , was der tun werde , da konnte ihm der auch keinen Trost geben , sondern meinte , das sei nur eine Formsache mit dem Glaubensbekenntnis und man könne es nicht Lüge nennen , wenn einer dazu sein » Ja « sage , denn jeder wisse ja doch , was von diesen Dingen zu halten sei . Diese Meinung schien Hans nicht richtig , und er beschloß deshalb , einen Erwachsenen zu fragen , wiewohl er eine große Scheu hatte , wie wenn er etwas Verbotenes getan habe ; aber weil es sein mußte , so überlegte er sich lange , wen er angehen solle , seinen Vater oder den guten Pastor , und er entschloß sich endlich , zu seinem Vater zu gehen . Der aber erwiderte ihm nichts auf das , was ihn bekümmerte , sondern wurde nur ärgerlich und sprach , er solle keine törichten Bücher lesen , sondern sich an seine Schulsachen halten und