Da habe ich mir mit einer spanischen Wand eine Art Atelier eingerichtet , wo ich male und modelliere . Aber es ist unmöglich , allein weiterzukommen - ich darf weder Modelle nehmen , noch mir Gipsabgüsse ausleihen . Meine Mutter findet , ich soll dann wenigstens » hübsche , brauchbare « Sachen - Geschenke , Porzellanteller usw. machen . Das fällt mir natürlich nicht ein , und so bleibt mir nichts übrig , wie meine alten Stiefel und ähnliches zu malen . Davon hab ' ich schon eine ganze Galerie . - Ich weiß ganz gut , daß meine Mutter mich auf diese Weise zwingen will , nachzulassen . Aber ich lasse nicht nach . Es ist überhaupt ein fortwährender Krieg . » Jedermanns Hand wider jedermann . « Mit meinem Vater kann ich auch zu keinem Verständnis mehr kommen , er hat sich in letzter Zeit mehr um mich gekümmert , aber es ist doch zu spät . Ich kann mich nicht freundlich mit ihnen stellen , wenn ich sie zugleich fortwährend hintergehen muß . Und das wieder muß ich , um zu meinem Lebensrecht zu gelangen . Ein ehrlicher , offener Kampf würde mir gar nichts nützen , sie sperren mich dann höchstens noch mehr ein . Und was das Leben so schön macht , kann nicht schlecht sein . Wo bliebe dann die Wahrheit ? In all dieser verschrobenen Sittlichkeit und Moral ist ja doch kein Funke davon . Ich lese jetzt gerade » Die Frau « von Bebel und Lassalles » Leben « . Was ist das für ein Kerl , ich bin ganz weg , in den hätte ich mich wahnsinnig verliebt . Seine Flugschriften will ich jetzt auch lesen , Detlev hat sie ja . P.S. Die Mutter hat Detlev gestern gefragt , ob er etwa mit zu diesem abscheulichen Ibsenklub gehörte , wo die Mädchen mit jungen Männern über unmoralische Sachen sprächen und zusammen Ibsen läsen . - Sie hat in einer Gesellschaft davon gehört . Natürlich waren Sven Olafson und die Schwestern Seebald damit gemeint , aber wer mag den Namen Ibsenklub aufgebracht haben ? Vielleicht haben wir Detlev jetzt bald so weit , daß ich die alle einmal kennen lerne . Übrigens hat Mama bei dieser Gelegenheit auch noch gesagt : » Friedrich Merold ist doch der einzige Nette von deinen Freunden . « - Sie scheinen also doch guten Eindruck gemacht zu haben . 20. März Es ist morgens um fünf Uhr - beim Aufwachen fiel mein erster Blick auf die Blumen von Ihnen , die noch immer blühen . - Ich stehe jetzt immer so früh auf , um mehr Zeit für mich zu haben , und diese stillen Morgenstunden sind das schönste am ganzen Tag . Früher in Nevershuus lief ich oft so in der Frühe auf die Wiesen hinaus und manchmal heimlich durch die Stadt zum Strand . Es war so schön , ganz allein am Meer zu sein , ich habe oft noch Heimweh danach . Aber was hätte ich für ein Leben geführt , wenn wir dort geblieben wären - jetzt scheint doch wenigstens hier und da ein Lichtstrahl durch die Türspalte . Und das tut auch wirklich not . Gott , was ist das für ein Familienleben , mir schaudert , wenn ich gleich zum Frühstück hinunter muß . Den ganzen Tag gibt es Auseinandersetzungen und Szenen , wo nur zwei in einem Zimmer beisammen sind . Sagt einer : das ist weiß , so schreit gleich der andere : nein , was fällt dir ein - schwarz ist es . Und alles hat Nerven , selbst die Hunde sind nervös bei uns und fangen an zu quieken , wenn zu laut gesprochen wird . Aber es ist Zeit , ich muß hinunter , leben Sie wohl , bis wir uns wiedersehen . Ellen . 28. März Wenn wir uns doch bald wiedersehen könnten , ich habe Ihnen so viel zu erzählen . Vorgestern nahm Detlev mich nun wirklich mit zu Seebalds , und Olafson war zuerst auch da . Es wurde über die » Frau vom Meer « gesprochen , über Murgers » Zigeunerleben « und über freie Liebe . Und dann erzählte Olafson von Paris . Wie kann er wundervoll reden - wenn er sprach , schwiegen alle still , aber ich glaube , uns war allen zumut , als ob man laut schreien müßte vor Begeisterung oder weinen oder irgend etwas ganz Verrücktes tun . Was sind das alles für Menschen , endlich einmal wirkliche Menschen , ohne Schablone und voll Künstlertum und Freiheit . Es ist einem , als ob man sein Leben lang taub , blind und stumm in einer Höhle gesessen hätte und nun zum erstenmal sieht , zum erstenmal menschliche Stimmen hört , die ins Leben rufen . Nachher zeigte Lisa uns ihre Skizzen . Gott , wenn ich denke , daß man auch einmal so hinauskönnte . Sie fanden es alle entsetzlich , daß ich so eingesperrt bin , besonders Marga , die ja auch Ihre besondere Freundin ist . Ich bin sehr angetan von ihr - man sieht , daß sie ihren Lebenskampf mit Stärke und Entschlossenheit kämpft . Später gingen wir mit der ganzen Gesellschaft zu Allersens . - Sie haben ganz recht : das düstere , alte Haus paßt wunderbar zu diesen Menschen . Die zwei Schwestern saßen in großen Lehnstühlen und sahen aus wie seltsame schwarze Blumen . Anita spielte mit einer kleinen Katze - von der anderen weiß ich nicht , wie sie heißt , und der Bruder mit dem Christuskopf stand am Fenster . Sie sagten alle sehr wenig , aber man fühlt , daß sie es auch nicht nötig haben , so viele Worte zu machen wie wir anderen . - - das war ein ereignisreicher Tag für mich , ich finde , das Leben wird jetzt mit jedem Tag schöner und reicher . Und ich bin mitten drin , nun lasse ich es nicht wieder fahren . 14. April Kaum eine Stunde ist es her , daß wir uns trennten - nur die Rose , die im Glas vor mir steht , sagt mir , daß ich nicht geträumt habe - daß wir jetzt für immer zusammengehören . Friedl , ich hätte Dir noch so unendlich viel zu sagen , aber ich kann nicht . Es ist , als ob die ganze Wirklichkeit um mich versunken wäre - ich weiß nur noch unsre Liebe , und daß uns nichts mehr trennen kann . Abends Und dieser Tag ist verschont geblieben von all den Dissonanzen , die mich sonst quälen und zerreißen . Ich war ganz alleine mit den Eltern , und es fiel ausnahmsweise kein böses Wort zwischen uns . Mein Gott , und wenn sie einmal mit mir so sind , fühle ich auch wieder , wie ich sie im Grunde doch liebe . Ich war in einer so weichen Stimmung , daß ich ihnen am liebsten um den Hals gefallen wäre . Gute Nacht , Geliebter , meine ganze Seele ist bei Dir und gehört Dir . Mein Fenster steht weit offen , die Luft ist voller Frühling , und in mein Leben ist zum erstenmal Sonne gekommen . 21. April Hab Dank für Deinen Brief - wenn Du wüßtest , wie mich Deine Worte glücklich machen und auch wieder traurig . Ach , Friedl , daß wir jetzt an eine lange Trennung denken müssen , wo wir uns eben erst gefunden haben - das ist sehr schwer . - Aber es war schon lange festgesetzt , daß ich für diesen Sommer zu meinen Verwandten sollte . Länger wie ein halbes Jahr können sie mich hier zu Hause ja nicht ertragen . Aber sieh , wir können ja auch aus der Ferne alles miteinander teilen - wir müssen um unsrer Liebe willen alles ertragen , und ist es nicht geradeso schön , daß niemand darum weiß ? - Und ich weiß doch nicht , wie ich nur einen Tag ohne Dich leben soll , und nun erst Wochen und Monate . - - Ich muß Dir heute abend noch ein Wort schreiben und Dir immer wieder sagen , wie glücklich ich bin . Endlich - endlich ist es Frühling geworden , und ich komme mir wirklich vor wie ein Baum , der Knospen treibt . Ich sehe nun endlich das Leben vor mir liegen - in Schönheit und Freiheit , nur die letzten Schranken gilt es noch einzurennen , und sie sollen und müssen fallen . Herrgott , wir sind ja noch so jung - die paar Jahre , bis ich mündig bin , werde ich wohl noch aushalten , und dann soll keine Macht der Welt mich zwingen , noch zu bleiben . Sollte ich etwa mit gebundenen Händen immer weiter zusehen , wie man mir mein Leben zertritt , bis die Jugend vorbei ist und alles zu spät ? Nein , siehst Du , Friedl , ich muß hinaus aus alledem , sonst gehe ich innerlich zugrunde . - Und denke Dir nur , wie göttlich es werden kann , wenn wir beide in München wären - Du studierst und ich male , und wir lieben uns , wie noch nie zwei Menschen sich geliebt haben . - Ich sitze oft stundenlang da und stelle mir das alles vor , und es wird immer leuchtender in mir . Aber es macht vor allem Deine Liebe , und daß ich jetzt endlich einmal fühle , was Glück ist - da blüht dann auch alles andre auf . Sag mir immer wieder , jeden Tag , daß Du mich lieb hast - Ich küsse Dich tausendmal - - 24. April Warum kamst Du gestern nicht ? Du fehltest mir so unter den anderen . Gerade dann , wenn es lustig und laut ist , kommt mir auf einmal eine solche Sehnsucht nach Dir . - Wir trafen uns vorm Tor , der ganze Ibsenklub , und zogen in irgendein Wirtshaus weit draußen an der Landstraße , wo wir zur Feier des Karfreitags Grog tranken und sehr viel Lärm machten . Auf dem Rückweg kamen wir an der kleinen Kirche vorbei und hüpften im Gänsemarsch oben auf der Mauer entlang , als plötzlich die Türen aufgingen und die andächtige Gemeinde herausströmte . Wir machten , daß wir herunterkamen , und tanzten alle angefaßt um Lisa herum , die nicht mitgewollt hatte . Die Kirchenbesucher und Vorübergehenden schienen einigen Anstoß daran zu nehmen , und wir wurden verschiedentlich ermahnt weiterzugehen . Es war zu schade , daß Du nicht da warst . - Detlev und ich kamen noch etwas angesäuselt zu Tisch und wurden mit einem Donnerwetter über unser langes Ausbleiben empfangen . - Sie sind auch außer sich , weil wir uns weigerten , morgen mit zur Kommunion zu gehen , den ganzen Abend wurde kein Wort gesprochen - aber wäre es nicht Feigheit , es um des Friedens willen doch zu tun ? 2. Mai Das ist nun unwiderruflich der letzte Abend - für Monate . Eben bin ich noch mit unsrem alten Nero im Mondschein durch den Garten gegangen - und mir war ganz wehmütig dabei . Dies Tier ist das einzige Wesen , das hier zu Hause wirklich an mir hängt und mich vielleicht etwas entbehren wird . Nein , es ist nur gut , daß ich fortkomme , dieser Zustand reibt mich auf . Immer liegt es wie ein dunkler Schatten über meinem Leben , das sonst so froh und licht sein könnte . Friedl , denke daran , daß ich keine Mutter habe , nie gewußt , was Mutterliebe ist - das alles mußt Du mir ersetzen , und Du tust es ja schon . So leb wohl , Du einzig Geliebter , wann werden wir uns nun wiedersehen ? Wann wird wieder eine Blume von Dir vor meinem Bette stehen , wenn ich einschlafe ? Du wirst wohl oft zu meinem leeren Fenster hinaufsehen - es ist mir ein Trost , daß Du oft mit Detlev zusammen bist , den werde ich auch schwer vermissen . Leb wohl , ich schreibe Dir so bald wie möglich . Balsdorf , 4. Mai Nun sind wir so weit auseinander , und das Herz tut mir so weh . Ich denke den ganzen Tag an Dich , an alle die einzelnen Stunden , die wir zusammen waren und an jene allerschönste auf dem Kirchhof , wo Du mir Deine Liebe sagtest . Immer wieder zog das alles an mir vorbei . Wie hab ' ich mich heute auf diesen Augenblick gefreut - ich bin allein in meinem Zimmer und Dein Bild steht vor mir - ich seh ' in Deine Augen - draußen über den dunklen Tannen der Mond , und im Garten schlagen die Nachtigallen . - Friedl , was sollte wohl aus mir werden , wenn ich Dich nicht hätte . Ich habe noch viele bittre Worte gesagt und gehört in den letzten Tagen zu Hause , es gab noch einen argen Zusammenstoß mit meiner Mutter , und wir haben uns kaum Adieu gesagt . Papa sprach den letzten Morgen mit mir über meine namenlose Starrköpfigkeit und versicherte mir , daß es mir doch alles nichts helfen würde . Das einzige Gute bei diesem Abschied war mit Detlev , wir haben uns eine ganze Stunde geküßt und uns geschworen , fest zusammenzuhalten . Beinahe hätte ich ihm jetzt schon unser Geheimnis verraten . Vorhin war ich mit den anderen im Wald . Ich lag im Gras und träumte , während sie sich unterhielten , machte die Augen zu und dachte an unser letztes Beisammensein : wir standen wieder im Dom bei der großen Orgel - und dann sah ich Dich rasch fortgehen . Da wurde mir zumut , als ob ich weit fortstürzen möchte in die Einsamkeit mit allem Sehnen und Denken . Ich möchte Dich noch einmal sehen und dann mein verfehltes , zertretenes Leben von mir werfen . Ja , Friedl , ich fühle mich manchmal so entsetzlich zerrissen und heimatlos , daß mich alle Kraft verlassen will . Nirgends bin ich zu Hause , nirgends - am wenigsten da , wo ich es sein sollte . Kaum ein halbes Jahr kann ich mit ihnen leben , dann muß ich wieder hinaus unter fremde Menschen , wo ich auch nicht hingehöre . Wenn sie auch gut gegen mich sind , gerade das tut mir manchmal am meisten weh und es sind doch überall dieselben Schranken , an denen ich mich wundstoße . Und ich fühle doch auch , daß niemand so zur Lebensfreude geschaffen ist wie ich - manchmal erschrecke ich selbst darüber , was für Wildheit in mir steckt und sich ausrasen möchte . Du bist ja der einzige , zu dem ich so sprechen kann . Hab Geduld mit mir , Du allein , die andern haben sie ja alle nicht , weil ich nicht so sein kann , wie sie mich haben wollen . Vielleicht , wenn Du mich ganz kenntest , würdest Du ebenso denken wie sie . Das ist ein fürchterlicher Gedanke ; nein , sag mir , daß Du immer an mich glauben willst - immer . Hilf mir , ich will auch alles auf mich nehmen , wenn Du mich nur lieb hast . 10. Mai Die ruhigen Tage hier haben mich wieder mehr ins Gleichgewicht gebracht - sowie ich nur die wahnsinnige Überreizung von zu Hause überwunden habe , bin ich wieder ein andrer Mensch . Und Dein geliebter Brief macht mich so froh . Ich werde hier förmlich verzogen und habe ziemlich viel Freiheit , kann den ganzen Tag draußen zeichnen oder rudern . Dein Herbstgedicht ist sehr schön - ich mußte an die Herbsttage daheim in Nevershuus denken , wenn ich mit den Hunden auf der Koppel war und im Gehen den Ossian las . Kennst Du den ? Oder in den Sturm hinaussang - ich kann eigentlich gar nicht singen , nur wenn ich allein bin . Aber ich sehne mich so oft nach Musik , und sie fehlt mir so . Aber bei uns ist das nun einmal so : was nicht zum täglichen Brot gehört , ist überflüssig und verwerflich . Und was könnte man alles aus sich machen , wenn einem nur ein bißchen geholfen würde . Ich möchte alles können und alles wissen und muß fortwährend meine ganze Kraft aufbieten , um nur das wenige zu retten , was ich habe - damit mir nicht auch das zerdrückt wird . Jetzt lese ich Tristan und Isolde in der alten Sprache , es ist so wunderbar schön . Meist steige ich damit in einen Baum und schaukle mich in den Zweigen und denke an Dich . 18. Mai Kennst Du das Gedicht von Ibsen : » Sie saß schon frühe - im Lebensmai - in der Galerie - vor ihrer Staffelei ? - « Und den Schluß , wie sie immer noch da sitzt und von » leuchtenden Schönheitstagen « träumt , als der Lebensmai längst vorüber ist ? Vielleicht wird mein Schicksal ähnlich fallen . Und wenn Du nach vielen Jahren heimkommst und Dir Dein Leben aufgebaut hast , groß und schön , findest Du mich immer noch an meinem Fenster - aber zerstört - vernichtet und fürs Leben verloren . Und das mit dem Jäger - ich las heute gerade die beiden wieder - erinnerst Du Dich - wie er den andern mit magischer Gewalt auf einen Berg hinaufzieht und dort festhält . Und von droben sieht er alles vergehen , woran er hing : sein Haus brennt auf , während der Jäger von der schönen Beleuchtung spricht . Seine Braut zieht mit einem fremden Mann zur Kirche - aber er bleibt auf dem Berg , und wie alles vorbei ist und tot da drunten , ist er stark geworden und gefeit : Mein Leben im Tale auf ewig tot - Hier oben Gott und ein Morgenrot - dort unten tappen die andern - . Vielleicht fällt es auch so - - 1. Juni Morgens halb vier - eben sind wir vom Ball gekommen durch den schimmernden , tauigen Sommermorgen . Uns liefen Rehe über den Weg . Wie kann man da zu Bett gehen ? Ich habe unsinnig getanzt und dachte so viel an Dich , wie wir damals zusammen tanzten . Ich schicke Dir die Blumen , die ich im Haar hatte . - - Sechs Uhr Mir wurde vorhin doch etwas müde , da bin ich hinaus und zwei Stunden lang durch die Wiesen und Felder gerannt , ganz ohne Besinnen ins Blaue hinein mit meinen Tanzschuhen durchs nasse Gras und über Gräben . Es war wie ein Rausch , ich fühlte mich so frei , als ob es keine Fesseln mehr gäbe . Ach , wenn Du hier wärest , ich alles mit Dir genießen könnte , mit Dir zusammen in der freien Natur und die Seele ausruhen lassen . Da müßten wir beide froh werden . - Vorhin war mir noch ganz wirblig vom Tanzen , aber jetzt ist es vorbei . - Siehst Du , so etwas ist eigentlich nicht gut für mich , es steigt mir immer so zu Kopf . Ich bin so entsetzlich wild , Friedl , ich könnte tanzen , bis ich tot umfalle . 12. Juni Friedl , ich habe einen großen Schritt getan - meinem Vater geschrieben , er sollte mich das Lehrerinnenexamen machen lassen . Ich habe es mir in dieser Zeit eingehend überlegt . - So lassen sie mich doch nicht fort , und dann kann ich mich wenigstens auf eigne Füße stellen , wenn es zum Klappen kommt . Und mir das Geld zum Malen selbst verdienen . Ich habe mir schon alles ausgerechnet , wenn ich erst mal für ein Jahr genug habe , gehe ich nach München , und das Weitere findet sich . Es ist nur ein greulicher Gedanke , alles andre liegen zu lassen und sich wieder hinter die Schulbücher zu setzen . - Übrigens habe ich Papa gesagt , wenn er mir dies nicht erlaubte , würde ich mich weigern , überhaupt wieder nach Hause zu kommen . Du , Schatz , durch Detlev habe ich erfahren , daß man mich möglichst viel auf Bälle und solche Sachen schickt , weil Mama hofft , es würde sich doch mal jemand zum Heiraten finden . Momentan ist hier das ganze Haus voll von Offizieren zur Jagd . Ich halte ihnen Reden über Ibsen und moderne Ideen . Wenn sie morgens in den Garten kommen , sitze ich im Kirschbaum , und sie müssen bitten , daß ich ihnen Kirschen hinunterwerfe . Die werden sich schwer hüten , mich zu heiraten . Überhaupt macht es mir furchtbaren Spaß , die Leute vor den Kopf zu stoßen , besonders diese aristokratische Bande . Ich bin aus meinem Zimmer ausquartiert und wohne in einer Bodenkammer , droben ist ein plattes Dach , auf dem ich gestern nacht geschlafen habe , das war herrlich . In acht Tagen fahre ich nach D ... zu Tante Helmine und treffe Detlev dort . Leb wohl - D ... , 25. Juni , vier Uhr morgens Liebster Friedl - Detlev weiß alles - gestern abend habe ich es ihm gesagt , bis jetzt haben wir zusammen auf seinem Bett gesessen und gesprochen . Er war so furchtbar lieb , freut sich so an unserm Glück - und will uns helfen , so viel er kann . Jetzt hab ich ihn ganz wieder , wie in unsrer Kindheit . Dann hat er mir auch vieles von sich selbst erzählt , was ich noch nicht wußte - ich kann dir nicht sagen , wie es mich erschüttert hat und auch tief bewegt . Detlev fühlt sich ja so unglücklich und denkt nur an Maria N. , ob sie ihn wohl doch noch lieben wird . Nicht wahr , wir wollen tun , was wir können , um ihn froher zu machen - Du bist ihm ja ein solcher Halt . 3. Juli Morgen fährt Detlev nun fort zu Euch - ich mag ihn gar nicht hergeben , was haben wir hier für Abende gehabt , wenn die Tante zu Bett ist und wir noch stundenlang zusammen redeten , von Dir , von ihm und von allem . Auch über die Kreutzersonate haben wir viel gesprochen , hab Dank , daß Du sie schicktest . Ja , ich kann begreifen , wie sie Dich erschüttert hat , uns ist es ebenso gegangen , gerade durch all die furchtbaren Wahrheiten . - Mein Gott , so verbinden sie einem die Augen bei dieser idiotischen Erziehung , und wenn man sie aufmacht , sieht man in einen Abgrund . Hab auch Dank für alles , was Du mir gesagt hast , ja , wir wenigstens wollen in unsrer Liebe nach Reinheit und Wahrheit streben . - Gott , Friedl , wenn ich Dich nicht hätte und den ganzen Reichtum unsrer Liebe - Abends - Heute nachmittag ist mein Vater gekommen , und es gab eine große Unterredung . Also : ich trete diesen Herbst ins Seminar ein und muß dann zweiundeinhalb Jahre drinbleiben - zu Hause . Mir graut doch davor - denk Dir , die ganze Zeit nicht malen können . Vielleicht geht es auch in anderthalb Jahren , wenn ich mich sehr anstrenge , dann wäre ich gerade zwanzig - Gott , und dann - - Übrigens hat er mich auch arg verdonnert - es wäre ein letzter Versuch , ich würde ja auch dort wahrscheinlich wieder hinausgeworfen werden , wenn ich mich nicht mehr zusammennähme . - Er wüßte auch , daß ich Detlev aufhetzte und daß wir beide eine Verschwörung im Hause bildeten mit unsern sogenannten freien Ansichten . Fortlassen würde er mich nie , wenn ich mich nicht änderte . Ach Du , mir fehlt doch im Grunde die » moralische Kraft « , um das alles auszuhalten - ich glaube , davon hab ich überhaupt nicht viel . Wenn mein Ziel nicht wäre . Vorläufig bleibe ich noch hier - es ist auch ganz nett , nur diesen Sommer etwas unruhig ; fortwährend muß man ausfahren , Theater spielen und so weiter . Früher ließ meine Tante mich den ganzen Tag arbeiten , jetzt findet sie , ein junges Mädchen muß sich vor allem amüsieren . Gott ja , ich amüsiere mich auch , aber es bekommt mir innerlich nicht , ich gerate zu leicht in das hinein , was Detlev meine Tobsucht nennt . Und das ist natürlich auch wieder nicht recht : ein junges Mädchen muß immer die Grenzen innehalten ! - Aber wenn ich einmal anfange , kann ich das nicht . Ich möchte dann nur losrasen und alles vergessen , bis ich zusammenklappe , und dann wieder von vorne an und so durch alle Tiefen und Höhen des Lebens durch , bis es aus ist . Weißt Du , was man so inneren Halt nennt , ich glaube , das fehlt mir gänzlich . Das mußt Du mir geben , Du hast so viel davon - und in Deiner Liebe werde ich es finden . Allenberg , 15. August Nun bin ich schon wieder anderswo , Du siehst , ich suche noch die sämtlichen Güter heim , ehe ich mich ins Seminar begrabe . - Hier bin ich alle Tage schon bei Sonnenaufgang an der See und bade ganz alleine . Es ist wundervoll , so allein in das kühle , goldene Wasser hineinzuschwimmen , während der ganze Himmel rot ist . Sonst beschäftigen wir uns damit , ein paar störrische Esel zuzureiten ohne Sattel und Zügel , und abends wird fast immer getanzt . Es ist hier überhaupt ein ideales , verwöhntes Landleben - so ganz leicht wird es mir doch nicht , von alledem Abschied zu nehmen . Aber ich denke daran , daß wir uns dann wiedersehen - endlich , nach all den Monaten . - Und Ostern schon geht ihr beiden von der Schule - und ich bleibe ganz allein . Deshalb habe ich jetzt auch Eile , zurückzukommen , damit wir wenigstens dies halbe Jahr voll genießen können . Und es soll so schön werden . L ... Deinen Brief , daß Du für die Ferien verreistest , bekam ich erst heute morgen und fuhr mit sehr gemischten Gefühlen hierher . Detlev ist ja auch noch nicht da , und ich mit den Eltern allein . Vorhin habe ich meine Malsachen eingepackt - mir war dabei , als ob ich jemand Geliebten in den Sarg legte , aber ich glaube an eine Auferstehung . - Dann den Schreibtisch ans Fenster gerückt , damit ich Dich immer sehen kann , wenn Du zu Detlev kommst . - Als ich gerade dabei war , kam meine Mutter und sprach mit mir über das Seminar . Ich sollte nur recht fleißig sein , und wir wollten jetzt in Frieden leben . Das schnitt mir durchs Herz , Friedl , früher hat sie nie so mit mir gesprochen . Ich glaube , sie hat jetzt Angst , daß sie uns doch einmal ganz verlieren könnte . Mama ist überhaupt ganz anders geworden , sie hat etwas Milderes , das ich sonst an ihr nicht kenne , und wenn sie nur gut mit mir ist , habe ich sie doch wieder so lieb . - Aber es ist zu spät - gerade in dem Augenblick fühlte ich auch , wie sehr ich schon losgelöst bin . - Sieh , Friedl , von Natur ist mir alle Unwahrheit verhaßt , aber sie haben mich selbst da hineingetrieben . Du hast ja recht , daß gerade wir als Kämpfer für unsre Ideen alle Lüge verschmähen und unantastbar dastehen sollen . Aber jetzt noch würde es dasselbe bedeuten , wie die Waffen aus der Hand geben und verzichten . Selbst der Weg zur Wahrheit steht uns noch nicht offen . Ach , Friedl , wir werden noch viel bluten müssen um unsre Freiheit ; sagt nicht Lassalle irgendwo , daß wir alle Gladiatoren der neuen Zeit wären ? Von jetzt an wird mein ganzes Zuhauseleben nur noch Schein und Verstellung sein , jedes Wort , das ich sage - mein wahres Leben liegt anderswo - mit Euch . Aber wenn ich so allein bin , ist mir oft , als ob ich diesem Widerspruch erliegen müßte - jeden Schritt zu mir selbst mit Lügen erkaufen . Aber es muß sein und ich werde die Kraft auch finden . - Und wie lange wird es dauern , bis einmal alles herauskommt - mir ist , als ob ich auf einer Pulvertonne lebte , die jeden Augenblick in die Luft fliegen kann . Wenn Du nur erst hier wärest - - - Ellen stand am Fenster und hörte durch Herbstwind und Regen vom nahen Bahnhof herüber die Züge pfeifen . Heute abend sollte Friedl ankommen . Es wurde dunkel , sie zündete die Lampe an und wollte den Vorhang herunterlassen . - Da stand plötzlich jemand drüben unter der Laterne und sah herüber . Sie riß das Fenster auf , Sturm und Regen schlugen ihr ins Gesicht . - Ja , das war er , in seinem weiten Mantel - - - - keiner versuchte ein Wort oder ein Zeichen , sie mühten sich , mit den Blicken durchs Dunkel zu fühlen , als ob nur ihre tiefe Sehnsucht die Arme ausbreitete . - So standen sie sich lange stumm von ferne gegenüber . Als dann der Bruder ins Zimmer kam , schloß sie gerade das Fenster , die Haare hingen ihr naß in die Stirn . » War Friedl da ? « fragte er , dann fielen sie sich in die Arme und konnten beide eine Zeitlang nicht sprechen . Detlev war der getreue Helfer , unermüdlich trug er die täglichen Briefe hin und her , Blumen , Bücher - holte Ellen von der Schule ab und brachte sie zu ihren