« sagte der Pedehr . » Wohl dir , daß es für dich Rätsel , aber keine Erfahrungen sind ! Du hast es glücklicherweise wohl nur mit materiellen , nicht aber mit solchen geistigen Schädlingen zu thun gehabt , welche es trotz ihrer Mottenarmseligkeit wagen , sich selbst allein für nützlich zu halten , jeden edlen , freien Geist aber zum Ungeziefer zu rechnen ! Und an diese Verdrehung der wirklichen Verhältnisse glaubt der ganze , ganze Pelz , in dem die Motten sitzen ! « Sich hierauf mir zuwendend , sprach er weiter : » Aus diesem Kasten war das Gedeck , von welchem du oben im Walde gespeist hast . Das wurde von dir vielleicht für eine besondere Ehrung gehalten ; aber es war etwas anderes . Es ist mein Leichengedeck . Ich ließ es dir zu deinem eigenen Todesmahle vorlegen . So dachte ich ! Vielleicht ist es durch dich mein Auferstehungsmahl geworden , zu welchem ich dich , ohne es zu ahnen , eingeladen habe . Und schau hierher ! Da hängen deine Gewehre und alle deine Sachen . Warum ? Ich habe dich für gleich mit mir , für meinen geistigen Doppelgänger gehalten . Ich glaubte , du seist ganz denselben Weg gewandelt , den auch ich gegangen bin , und lebest jetzt in deiner Hosiannazeit . Ich sah für dich die Zeit kommen , in der du hinaufgeschleppt wirst nach Golgatha , wo die Kriegsknechte sich in dein Gewand und in deine Waffen teilen . Darum trug ich sie herauf und in diese meine Rumpelkammer , um dich zu bitten , ihnen hier freiwillig zu entsagen . Vor solchen Feinden ist ' s um jede Waffe schade ! Tritt völlig ungerüstet vor sie hin ! Des Geistes Harnisch ist zwar unsichtbar , doch keine Motte und kein Rüsselwurm wird sich an ihn wagen ! Dies Ungeziefer sucht sich nur an solchem Kram zu ätzen , der wohl auch ohne Mottenfraß von keiner Dauer wäre . - - - So dachte ich ! Doch als ich zu dir kam , hinauf in meine Gruft , damit du dich in mir erkennen möchtest , da hörte ich aus deinem Munde Worte , die mir aus jener Welt herüberklangen , in welche ich mich gern mit dir hinüberretten wollte . Bist du vielleicht schon drüben ? Hast du den Weg , den unbeschreiblich schweren , auch ohne mich gesehen und erkannt ? Hast du nichts von der Menschenfurcht und feigen Scheu gewußt , die einst mich zwang , vor ihm zurückzubeben ? Du sprachst so fest , so sicher , so bewußt , als hättest du schon längst erreicht , was ich erreichen wollte und dann doch fallen ließ . Sag mir auch jetzt ein festes , sicheres Wort ! Du wirst wohl meine Frage kaum verstehen , doch krallt sich ihre Faust so tief in dich hinein , daß du vor Schmerzen dich zu winden hättest , wenn du in Wirklichkeit mein Doppelgänger wärest . « Er stand hochaufgerichtet vor mir , das Licht in der Hand , und sah mir mit tief ernstem , forschendem Blicke in die Augen . So , ungefähr so muß das Gericht dem Menschen in die Augen schauen , wenn es einst von ihm sein früheres Leben fordert . » Sprich deine Frage aus ! « sagte ich . » Du wirst erschrecken ! « rief er aus . » Versuche es ! « Wir standen Mann gegen Mann einander gegenüber . Oder war es Seele gegen Seele , Geist gegen Geist ? » Du bist Old Shatterhand ? « fragte er . » Ich habe diesen Namen von meinem Freunde Dschafar gehört . « » Ich war es , « antwortete ich ruhig , aber bestimmt . Er machte , als er hörte , daß ich sein Präsens in das Imperfectum verwandelte , eine Bewegung der Ueberraschung . Dann fuhr er fort : » Du bist Kara Ben Nemsi Effendi ? « » Ich war es , « erwiderte ich abermals . » Bist es nicht mehr ? Beides nicht mehr ? « Bei diesen Worten leuchteten mir seine Augen vor erwartungsvoller Erregung förmlich entgegen . » Beides nicht mehr ! « nickte ich . » Seit wann ? Sage es mir ! « » Seit diese beiden Namen das geleistet haben , was sie leisten sollten und leisten mußten ! In diesen zwei Namen habe ich denen , die es lösen wollen , ein Rätsel aufgegeben , aus dessen Thür das von seinen psychologischen Fesseln befreite Menschheits-Ich wie ein im Freudenglanze strahlender Jüngling hervorzutreten hat . Dieses so viel verachtete und so grimmig angefeindete Ich in meinen Büchern hat allen denen , welche Ohren haben , von einer neuen , ungeahnten Welt zu erzählen , in welcher Leib , Geist und Seele nicht ineinander gekästelt und ineinander geschachtelt sind , sondern Hand in Hand nebeneinander stehen und miteinander wirken . Dieses so oft verspottete und so leidenschaftlich verhöhnte Ich in meinen Werken war nicht die ruhmeslüsterne Erfindung eines wahnwitzigen Ego-Erzählers , welcher unglaubliche Indianer-und Beduinengeschichten schrieb , um sich von den Unmündigen und Unverständigen beweihräuchern zu lassen , sondern unglaublich , über alle Maßen unglaublich ist nur die Blindheit derer gewesen , die einen solchen Wahnsinn für möglich hielten , weil sie sich in den ihnen sehr erwünschten Irrtum hineinlogen , daß diese meine Bücher nur zur vagen Unterhaltung der unerwachsenen Jugend , nicht aber ganz im Gegenteile für die geistigen Augen klar und ruhig denkender Leser geschrieben seien . Diesem so kraftvollen und selbstbewußten Ich ist es nicht eingefallen , in den Gassen des geistigen Unvermögens bettelnd an die Thüren zu klopfen , denn von dieser geistigen Armut leben ja grad diejenigen Ichs , welche die Lösung meines Rätsels zu fürchten haben . Dieses mein Ich vermied ganz im Gegenteile alle Straßen und Häuserreihen menschenwimmelnder Städte und ging hinaus in alle Welt - - - « Da unterbrach mich der Ustad , indem er meinen Arm ergriff und im Tone größter Ueberraschung ausrief : » Hinaus in alle Welt , um aller Welt zu sagen , daß alle Welt ihr Ich verloren habe ? Effendi , Effendi , was höre ich aus diesem deinem Munde ! Wer hätte das gedacht ! Auch ich war ein Ich-Erzähler . Auch ich sandte meine Gedanken hinaus in alle Welt , um - - - doch nein ; davon später ! Ich kannte dich nicht . Ich ahnte nur von dir . Es war , als ob ich einem innern Befehle folgen müsse . Und nun sind wir einander gleich , so gleich , so außerordentlich gleich ! Wirklich ? Wenn in allem , so doch in Einem nicht ! Ich bin ja noch nicht fertig , dich zu fragen ! Mache dich bereit , jetzt die Hauptfrage zu hören ! Sie ist fast unglaublich ! Soll ich sprechen ? « » Ja ! « » Hier hängt das Eigentum von Kara Ben Nemsi . Willst du mir das alles schenken ? So schenken , daß ich es behalten kann ? Es ist dann nicht mehr dein . Du bekommst es nie im Leben wieder in die Hände . Es bleibt für alle Zeit in dieser Rumpelkammer , und keinem Menschen wird es je gezeigt ! « Was war das für ein Blick , den er in mein Gesicht förmlich bohrte ? Ich mußte an Ahriman Mirza denken , den Teuflischen ! Schaute etwa dieser Verführer mich jetzt aus den funkelnden Augen des Ustad an ! So höllisch erwartungsvoll ! Ja , es war eine große , eine hochbedeutende Frage , welcher ich da gegenüberstand . Ich begriff den Ustad . Die ganze Hölle , gegen welche er einst vergeblich gekämpft hatte , schaute mich jetzt mit diesem seinem Blicke an . Aber ich konnte ruhig sein . Mich sollte sie nicht hindern , den Weg zu gehen , den ich mir ja schon längst vorgezeichnet hatte . Es wurde mir nicht schwer , mich zu entscheiden . Ich hielt dem Ustad meine Rechte hin , schaute ihm ruhig lächelnd ins Gesicht und sagte : » Gieb mir deine Hand ! « » Nun ? « fragte er schnell , indem er sie mir reichte . » Was hast du beschlossen ? « » Wie gern erfülle ich dir deinen Wunsch ! Nimm alles hin ! Es sei dein Eigentum ! « » Alles - alles ? « rief er in unbeschreiblicher Verwunderung . » Alles ! « » Aber weißt du , was du thust ? ! Du hörst auf , zu sein , was du warst und was du bist ! Du kannst nie wieder solche Bücher schreiben , wie du geschrieben hast ! Du stirbst ! Du mußt ein völlig andrer werden ! Hältst du trotzdem dein Wort ? « » Ich halte es ! « » Unglaublich ! Ich erinnere dich noch einmal an die Folgen , Effendi ! - Bist du berühmt ? « » Pah ! Man spricht von mir . So lange man mich aber nicht begreift , muß es mir gleichgültig sein , was man redet . Wenn man mich falsch versteht , spricht man von einem Falschen , doch aber nicht von mir ! « » Das klingt so wahr , doch aber auch so kühl ! Fast möchte ich es verächtlich nennen ! Bedenke aber , Effendi : Wenn du nicht mehr in dieser deiner bekannten Weise schreibst , wird man gar , gar nicht mehr von dir sprechen ! Dann bist du tot , tot , tot ! « » Du armer , armer Ustad ! Was hast du doch für irrige Begriffe von dieser Art von Leben und dieser Art von Tod ! Ich habe mich dir geschenkt , so , wie ich da an diesen Nägeln hänge . Diese Embleme meiner bisherigen Thätigkeit , sie sind - - - ich ! Das Ich , welches ich war ! Bin ich nun tot ? « » Ja ! « » Du irrst ! Ich ging in diesem Augenblicke in ein anderes Leben über , und dieses andere wird ein höheres , schöneres , edleres , unendlich wertvolleres sein . Ich schrieb eine Menge Bücher . Ich ließ mein Ich in ihnen sprechen . Ich wurde nicht verstanden . Ich gab das Köstlichste , was es auf Erden giebt , in irdenem Gefäße . Ich füllte diese Schalen mit einem Rätsel an und ließ die Menschheit trinken . Es tranken Hunderttausende daraus , doch allen war der Trank nichts als nur Wasser . Die Schale täuschte alle ! Ich hatte es den Menschen zu bequem gemacht . Man trank gedankenlos und lachte mich dann aus . Das ist der große Fehler , den ich mir vorzuwerfen habe , weiter nichts ! Der Sterbliche trinkt lieber Sumpfwasser aus goldenen Gefäßen , als Himmelsnektar aus nur irdenen . Da stieg in mir ein heißes Wallen auf . Es griff ein heiliger , wenn auch stiller Zorn in meine Seele . Nicht daß ich diese irdenen Gefäße nun zertrümmerte , o nein ! Ich nahm mir vor , nun goldene zu geben , doch mit demselben Trank , den man für Wasser hielt . Ich habe mir das Gold dazu auf diesem Ritt geholt , der mich zum geistigen Haupt der Dschamikun geführt . Du ahnst wohl nicht , wo ich hier suchte und wo ich es fand . Von heute an werde ich im hohen Hause schreiben - - - ganz anders als bisher . Und hat man es erkannt , wie thöricht man einst war , so wird man dann zurück nach jenen Schalen greisen , die man zur Seite stellte . Dann leben meine alten Werke auf . Man wird sie mit ganz andern Augen lesen ; die Seele tritt hervor , die tief in ihnen lebt . Und wenn man erst den Geist erkennt , der mir die Feder gab , dann wird sie dieser Geist in alle Häuser tragen , in denen sie bisher noch nicht zu sehen waren . - - - Nun sage mir , o Ustad , ob ich mich für gestorben halten muß ! « Da streckte er mir beide Hände entgegen . Ich sah , daß seine Augen feucht waren , indem er zu mir sprach : » Sihdi , nicht hier will ich dir sagen , was ich erkennen muß ! Wir gehn hinauf zu dir . Doch sage vorher , was mit dem Briefe war , den du uns zeigen wolltest ! « » Er ist nun dein , « antwortete ich . » Mein ? « fragte er verwundert . » Ja . Er steckt ja dort in deiner Satteltasche . « » In - - meiner - - meiner - - Satteltasche ! « wiederholte er lächelnd meine Worte . » Also du hast mit diesem Geschenke gewiß und wirklich Ernst gemacht ? « » Ja ! es war Ernst . Ich habe dir nichts geschenkt . Du hast mich nur befreit . Soll vielleicht ich nach diesem Briefe suchen ? « » Thue es ! - Dann gehen wir hinüber in mein Zimmer . « Ich fand das Schreiben , dessen sich der Leser wohl noch erinnern wird . Ich gab es dem Ustad und ging dann hinaus , ohne mein bisheriges Eigentum noch einmal anzusehen . Da sagte der Ustad , indem sie mir beide folgten : » Effendi , du lässest deine Berühmtheit hier zurück . Willst du fortgehen , ohne auch nur noch einen einzigen Blick auf sie zu werfen ? « » Ja , « antwortete ich . » Berühmt ! Kennst du diese Art von Berühmtheit ? Sie ist dämonischer Natur . Soll sie deine Freundin sein , so verzichte auf dich selbst , und gieb ihr deinen Geist und deine ganze Seele hin ! « » Wie wahr , wie wahr du sprichst ! « stimmte er mir bei . » Ich kenne sie . Sie war nicht nur meine Freundin ; sie war mir mehr , viel mehr . Und was hat sie von mir gefordert ! Welche Opfer habe ich ihr gebracht ! Jedem Laffen hatte ich mich vor die Füße zu werfen und vor jedem hohlen Kopfe mich zu verbeugen ! Jedem Narren mußte ich gefällig sein , um sie nur nicht zu schädigen , und jeden Dünkel mir gefallen lassen , damit er ihr ja nicht gefährlich werden könne . Meine Tasche mußte für jede Thorheit offen sein , und wenn der Unverstand mich auch mit tausend Albernheiten plagte , ich hatte still zu halten nur um ihretwillen . Der Neid stand Tag und Nacht vor mir mit seinen Argusaugen ; die Mißgunst schlich mir nach auf allen Wegen , und wo ich mich zur Ruhe setzen wollte , saß schon die Scheelsucht da und jagte mich von dannen . Ich durfte nicht so sprechen , wie ich wollte , und was ich schrieb , das wurde von der Feindschaft falsch gedeutet . Ich habe viel verloren , was ich jetzt schwer beklage , doch daß ich zu dem allen auch sie verlor , nach der ich einst gestrebt mit einer Gier , die ich fast Sünde nenne , das ist mir ein Gewinn , der den Verlust mich gern ertragen läßt . Doch , schweigen wir hiervon ! Kommt jetzt herein zu mir ! « Als wir in seine Stube traten , hörten wir durch die offenstehende Balkonthür den Hufschritt von Pferden . Die Gefangennahme des vierten Persers war also gelungen . Der Ustad stellte das Licht auf den Tisch und betrachtete den Brief . » Keine Adresse ! « sagte er . » Nur die Zeichen , welche wir vorhin auf der Vorderseite des Alphabetes sahen . An wen ist dieses Schreiben gerichtet ? « » An Ghulam el Multasim , « antwortete ich . » Woher weißt du das ? « » Ich werde es dir erzählen . « Wir setzten uns nieder , und ich berichtete in möglichst kurzer Weise über unsere eigentümliche Bekanntschaft mit den Sillan , von unserer Begegnung auf dem Tigris an bis auf den Kaffeewirt in Basra . Hierauf sagte ich auch noch , wen ich hier bei den Dschamikun als zu dieser geheimen Gesellschaft gehörig entdeckt hatte . Die beiden Zuhörer folgten meiner Erzählung mit großer Aufmerksamkeit . Als ich geendet hatte , sah der Ustad eine Zeitlang sinnend vor sich nieder . Dann hob er den Kopf und sagte : » Effendi , weißt du , was du uns berichtet hast ? « » Nun , was ? « » Ereignisse aus einem Fabellande . « » Glaubst du , daß ich dichtete ? « » O nein ! Der Brief ist ja Beweis . Er liegt als ein Gegenstand , welcher unserer Körperwelt angehört , in meiner Hand . Du hast wirkliche Thatsachen erzählt , nichts hinzugefügt , sondern ganz im Gegenteile sehr viel weggelassen , wie ich vermute . Und doch sprach ich von einem Fabellande . Warum ? « Er sann wieder eine Weile nach . Dann fuhr er fort : » Fabel und Märchen ! Ich frage nicht , was andere Leute sich bei diesen Worten denken . Ich sage , was für Vorstellungen diese Begriffe in mir selbst erwecken . Was Gott den Klugen und Weisen verschweigt , weil sie es ihm nicht glauben , das läßt er den Kindern und Unmündigen erzählen , damit der widerstrebende Verstand von dem ungetrübten Glauben lernen möge . Es schweben zwischen Himmel und Erde Wahrheiten , denen der Zweifel des geräuschvollen Tages verbietet , sich zu der Menschheit herniederzulassen . Aber in der verschwiegenen Nacht , wenn die Zweifel schlafen , gleiten diese Wahrheiten an den freundlichen Strahlen der Sterne herab , um , wie alles Himmlische , wenn es die Erde berührt , sichtbare Gestalten anzunehmen , sobald sie das ihnen verbotene Land erreicht haben . Sie hoffen , in diesen Körperformen vor ihren Feinden sicher zu sein . Sie trennen sich . Die eine Wahrheit geht in Tiergestalt als Fabelwesen durch Wald und Feld , kommt vielleicht auch in Haus und Hof des Menschen , um ihm im Bilde mitzuteilen , was ihm in anderer Weise zu sagen ein Wagnis ist . Die andere ist kühner . Sie nimmt die Form des bekannten Körpers an , der als das Ebenbild Gottes so berühmt geworden ist , und sucht die Städte und Dörfer auf , wo sie sich für ein bescheidenes Märchen ausgiebt , welches man passieren lassen kann . Sie hat scheinbar so gar nicht viel zu sagen , daß man sie gern hier und da zu Worte kommen läßt . Sobald sie spricht , denkt man sich zunächst nichts dabei . Doch wenn sie fortgegangen ist , beginnt man unwillkürlich nachzusinnen . Dann kommt es freilich an den Tag , daß dieses sogenannte Märchen ein Himmelskind gewesen ist , welches , wenn man dies gewußt hätte , fortgewiesen worden wäre . Nun hat es aber doch gesprochen , und was es sprach , sitzt fest ! - - Du lächelst , Effendi ! Warum ? « » Weil du ein Freund dieser himmlisch reinen und irdisch doch so pfiffigen Wahrheiten zu sein scheinst , « antwortete ich . » Auch ich habe sie sehr lieb . Sprich weiter ! « » Kennst du , « fuhr er fort , » das Märchen von dem Sonnenstrahl , der hier auf Erden König wurde und so mild und gut regierte , daß alle seine Unterthanen , sobald sie starben , sich in helle Sonnenstrahlen verwandelten und zum Himmel stiegen ? « » Ich kenne es . « » Auch das andere Märchen , von dem Schatten des Strahles ? « » Nein . « » Der Schatten wollte es dem Lichte gleichthun . Er fiel in ein tieferliegendes Land und nahm dort ganz genau die Gestalt des andern Herrschers an . Auch er machte sich zum Könige und ahmte alles wörtlich nach , was der gute Herrscher da oben that und sprach . Abe er war leider nur der Schatten dieses Herrn . Weißt du , Effendi , was ein Schatten ist ? « » Er ist das dunkle Kehrseitenbild derjenigen irdischen Wesen , welche im Lichte des Himmels stehen , « antwortete ich . Das war freilich keine physikalisch genaue Definition , sollte das aber auch gar nicht sein . Ich ahnte , was der Ustad sagen wollte , und gab ihm die Erklärung , die er dazu brauchte . » Richtig , sehr richtig ! « stimmte er bei . » Der Schatten setzt das Licht voraus . Er ahmt die Gestalt nach , welche in diesem Lichte steht . Aber die Nachahmung ist dunkel , so treu und so genau sie im übrigen auch ausfallen mag . Die Farbenbrechungen des himmlischen Lichtes entgehen dem Schatten ganz und gar . Er ist der finstere , herz- und gewissenlose Doppelgänger von allem Lebenden , was es auf Erden giebt . Ob es wohl in der Geistes- oder Seelenwelt ebenso Schatten giebt wie in der Welt der Körper ? Was meinst du wohl , Effendi ? « » Natürlich giebt es sie . « » Wie denkst du dir das ? « » Stelle etwas Geistiges oder Seelisches an das Licht , um es zu sehen , so wird sich sofort der betreffende Schatten einfinden . Hinter jeder Tugend steht dann das betreffende Laster , welches eine ganz genaue , aber kehrseitige Nachahmung aller ihrer Vorzüge ist . Hinter der weisen Sparsamkeit erscheint dann der Geiz , hinter der Freigebigkeit die Verschwendung , hinter der Wahrheitsliebe die grobe Rücksichtslosigkeit , hinter dem edlen Erwerbsinne der ordinäre Betrug und Diebstahl , hinter der Vorsicht die Feigheit , hinter dem Mute die Unbedachtsamkeit , hinter der Beredsamkeit das Schwätzertum , hinter der Verschwiegenheit die Starrköpfigkeit . Aber ich sehe auch noch andere Schatten stehen : Die rücksichtslose Tyrannei hinter der segensreichen Macht , das Schmeichlertum hinter dem Gehorsam , die Empörung hinter der Freiheit , den Mord hinter der Notwehr , die Scheinheiligkeit hinter der Frömmigkeit , die Schleicherei hinter der Demut , die Prahlsucht hinter der Selbsterkenntnis , den Völler hinter dem Esser , den Säufer hinter dem Trinkenden , den Vagabunden hinter dem Wanderer , den Verleumder hinter dem Richter . Soll ich noch weiter fortfahren , Ustad ? « » Nein ; es ist genug , « antwortete er . » Deine Aufstellung war sehr interessant , wahrscheinlich ohne daß du weißt , warum ich dies meine . Du brachtest Tugenden und Untugenden , Zustände und Regungen . Wie kommt es , daß du hieran dann Personen geschlossen hast ? Ist das absichtlich geschehen ? Wolltest du etwa hiermit aus dem Gebiete des Geistes hinüber nach dem Reiche der Geister deuten ? Hast du an das für uns unsichtbare Land gedacht , an dessen Pforte die sterbende Unwissenheit ihre letzten Worte Von hier giebt es keine Wiederkehr ruft ? Stand dir jenes Reich vor Augen , welches der Aberglaube mit Gespenstern bevölkert , obgleich er , er , er das allereinzigste Gespenst ist , welches existiert ? « » Ich gab Beispiele , « erwiderte ich . » Eine Unterscheidung lag mir fern . « » Wohl ! Schauen wir also nicht hinüber , sondern bleiben wir bei den Menschen ! Jeder , der in der Sonne steht , kann , wenn er sich von ihr abwendet , seinen Schatten sehen . Das ist physikalisch . Aber es giebt auch noch andere Schatten . Ich will ihre Arten nicht aufzählen . Aber eine von ihnen , welche ich die mythologische nenne , möchte ich dir doch zeigen . Sie wurden im alten Griechenland entdeckt und als Erinnyen oder Furien bezeichnet . Sind dir diese Schemen bekannt , Effendi , die höllischer sind , als die Hölle selbst ? « » Nur aus der Mythologie , « sagte ich . » Du irrst dich . Du hast sie auch im wirklichen Leben gesehen . Sie laufen da allüberall herum ! Du hast sie nur nicht durchschaut , nicht definiert . Wenn die Sonne genau in deinem Zenite steht , so hast du keinen Schatten . Der , den du giebst , liegt unter deinen Füßen ; man sieht ihn nicht . Aber sobald sie den Gipfelpunkt verläßt , kommt der Schatten unter dir hevorgekrochen und wird umso größer , je weiter sie sich von dir entfernt . In dem Augenblicke , an welchem dein Tag dahinzusterben und die Sonne für immer von dir zu gehen scheint , ist dieser dein Schatten so weit über alles Menschliche hinausgestiegen11 , daß er die ganze hinter dir liegende Fläche bedeckt und so vollständig verdunkelt , als ob es hier niemals in deinem Leben Licht gegeben habe . Das kannst du bei jedem Sonnenuntergange beobachten . Es giebt aber auch noch andere Sonnenuntergänge . Soll ich dir einen beschreiben ? Den meinigen ? Und den Riesenschatten , der da hinter mir entstand ? « Er schaute in die kleine , leise hin und her wehende Flamme des brennenden Lichtes , dann schloß er die Augen , als ob er selbst den nur matten Schein desselben jetzt nicht ersehen könne , und sprach dann weiter : » Mein Morgen war vergangen . Ich hatte Mittagszeit . Die Sonne stand grad über mir . Rund um mich her lag Helligkeit . Es wurde mir zu heiß , so schattenlos in solchem Licht zu stehen . Ich sah mich um . Meine ganze Welt schien Glück und Frieden auszustrahlen . Nur Freundesaugen sahen mich an . Nur Freundeshände griffen nach meiner Rechten . Nur Freundesworte drangen an mein Ohr . Aber es war mir unmöglich , dieses so gänzlich ungetrübten Sonnenscheines in meinem Innern froh zu werden . Ich kannte die alte Sage von jenem neidischen Erdengotte , der es nicht duldet , daß der Sterbliche sich glücklich fühle . Ich schaute besorgt empor zur Spenderin all dieses grellen Lichtes . Sie lächelte mir , wie eben noch , in heller Wonne zu . Aber ich sah , daß sie ihre Stellung zu mir aufgegeben hatte . Die Linie von ihr zu mir war schief geworden . Und da begann der Erdengott , sich unter mir zu regen . Er hatte sich zu meiner Mittagszeit mit meiner Person so vollständig einverstanden erklärt , daß er seine Dunkelheit gänzlich aufgegeben zu haben schien . Da bemerkte ich , daß die freundlichen Blicke mich verließen und nach unten glitten . Sie schauten hinter mich . Ich blickte an mir herab , bis tief zu meinen Füßen . Was sah ich da ? ! Einen Kopf , der unter mir hervorgekrochen kam ! Er ahmte die Bewegung des meinen nach . Wollte er mich verspotten ? Oder haben die Köpfe der Schatten so gar keine Spur von eigenem Gehirn , daß sie , um existieren zu können , auf die Nachäffung lichtdenkender Menschen angewiesen sind ? Werden sie , die vollständig gedanken- und urteilslosen , von jenem Erdengotte gezwungen , diesen Menschen jede geistige Form und jede intellektuelle Bewegung abzustehlen und sie im Bodenschmutze zu verzerren , um selbst auch einmal für Etwas gehalten zu werden ? Der Kopf kam immer weiter und immer deutlicher hinter mir hervor . Er bemühte sich , dem meinem möglichst ähnlich zu werden . Es war sogar das Bestreben zu erkennen , meine Gesichtszüge wiederzugeben . Aber so oft ich ihm das Gesicht auch zukehrte , ich sah doch nur , daß ihm dies nicht gelang . Diese Schemen haben ja ein-für allemal darauf verzichtet , ein menschenwürdiges Antlitz zu besitzen ! Je mehr die Sonne sich von mir entfernte , um so dreister zeigte sich das Phantom . Die Schultern , der Leib , die Arme kamen zum Vorschein , sogar auch die Beine , aber nicht als wirkliche , greifbare , lebendige Gestalt , sondern als wesenloses Trugbild , welches nur so lange stand hielt , als man sich selbst nicht bewegte . Sobald man ihm aber nähertreten oder die Hand ausstrecken wollte , um es zu prüfen , wich es sofort zurück . Dabei war zu bemerken , daß die erst vorhandene Aehnlichkeit der Umrisse sich in ganz genau demselben Verhältnisse verringerte , in welchem das Zerrbild sich vergrößerte . Es verschwanden nicht nur sehr bald diejenigen Konturen , welche möglicherweise hätten auf mich schließen lassen können , sondern die Mißgestalt wurde allmählich so unförmlich und ging nach und nach derart in das Ungeheuerliche über , daß es mir fast wie ein Wahnsinn vorkam , die Stelle , an welcher ich stand , als den Entstehungspunkt derselben zu betrachten . Freilich waren ihre Füße grad da zu sehen , wo ich mit den meinen stand ; außer diesem allereinzigen Umstand aber gab es keinen zweiten Grund , anzunehmen , daß diese ultramonströse Ausgeburt in irgend einer Beziehung zu mir stehe . Ich stand auf dieser Stelle aufrecht , selbstbewußt , eine kraftvoll und unabhängig sich bewegende Persönlichkeit ! Wie aber der Schatten ? Er hatte sich aus dem Schmutze entwickelt , den ich mit Füßen trat ! Aus ihm war er unter diesen meinen Füßen hervorgekrochen ! Aus ihm hatte er versucht , sich an mir emporzurichten , wohl gar über mich hinaus ins Sonnenlicht zu ragen ! Aber es giebt keinen Schatten , der nicht fallen muß ! Auch dieser mein ultramonströser Schatten fiel ! Er konnte und durfte nichts als fallen - fallen - - fallen ! Das ist das furchtbare Schicksal jedes Schattens - - jeder Dunkelheit - - jeder Finsternis ! - - Und das Selbstbewußtsein ? Konnte der Kopf meines Schattens überhaupt Etwas enthalten ? Ja ? Nun dann aber ganz gewiß nicht ein eigenes Selbstbewußtsein , sondern nur die schattenhafte Verzerrung des meinigen ! Infolge dieser Verzerrung glaubte er wahrscheinlich , mich zu haben ; aber ich , ich hatte ihn ! Er war Schatten ; er ist Schatten ,