diese Gabe anschaulicher Definition und rascher Schlussfolgerung . 20 New York , Januar 1900 . Lieber Freund , heute Nachmittag wollte ich die Frau unseres Konsuls besuchen . Ich fuhr mit der Hochbahn zu ihr , denn sie wohnt weit draussen , in einer der Strassen mit den ganz hohen Nummern , die mich immer an neuformierte , an den Grenzen aufgestellte Regimenter erinnern . Die Häuser sehen alle ganz gleich aus , man könnte jedes mit jedem verwechseln , und darin liegt wohl gerade das Militärische ; sagte mir doch mal mit Begeisterung ein junger Verwandter , der seit ein paar Wochen Leutnant war : » Vollkommene Gleichmässigkeit ist das Ziel , Verwischung der Individualitäten die erste Aufgabe . « Da ich die Frau Konsul nicht zu Hause traf , ging ich von dort aus noch etwas auf eigene Faust explorieren , was mir immer viel interessanter ist , als wenn ich von patriotischen New Yorkern herumgeführt werde , die erwarten , dass ich mich für irgendein turmartiges Haus begeistere , in dem eine Zeitung gedruckt , Korn verkauft , oder Geld gewechselt wird . Ich ging noch durch einige allerletzte Strassen . Weiter hinaus sieht es sehr bald aus , als sei man im fernen Westen . Weite leere Grundstücke erstrecken sich dort mit den seltsamsten kleinen Behausungen . Zelte , aus allen möglichen Fetzen zusammengeflickt , Löcher in die Erde gebuddelt wie Höhlen der Urzeitmenschen , daneben Hütten , die aus Latten , Kistendeckeln , verrostetem Wellblech und Stücken von Petroleumkasten zusammengezimmert sind . Eine ganze Bevölkerung mit unbestimmten Berufszweigen haust dort und treckt immer mehr hinaus , je weiter die Strassen mit den hohen Nummern vorgeschoben werden . Vielleicht prangt solch abenteuerliches Hüttchen auf der ersten Seite im Erinnerungsbilderbuch manch jetzigen Millionärs ! Das wissen auch die Leute , die heute noch in den exzentrischen Quartieren äussersten Elends kampieren müssen , und deshalb ertragen sie alles leichter , weil sie es als ein Übergangsstadium ansehen und Beispiele vor Augen haben , dass man sich emporarbeiten kann . Das macht Armut in den neuen Ländern weniger drückend . Auch dem Ärmsten schwebt immer die Möglichkeit des finanziellen Marschallstabs vor . Darum kommen sie ja auch über das grosse Wasser , um die Hoffnungslosigkeit , die alte Resignation hinter sich zu lassen . Heute war es aber unendlich melancholisch da draussen . Ein eisiger Wind wehte über das flache Land . Kältebeladen kam er aus der Richtung der grossen nordamerikanischen Seen angesaust , fegte alles vor sich her und pfiff unbarmherzig durch alle Spalten und Ritzen in die merkwürdigen Armeleutewinkelchen hinein . Ob die Bewohner all der wackligen , klappernden Hüttchen wohl auch der Ansicht waren , dass dem geschorenen Lamm der Wind bemessen wird ? Wenn man eine Sealskin-Jacke trägt , erscheint solch behaglicher Glaube immer unanfechtbar . Bei meinem heutigen Spaziergang dachte ich viel an ähnliche in Peking verlebte Wintertage . Besonders eines Rittes musste ich gedenken , den wir jetzt vor einem Jahre dort gemacht . Da war es auch so kalt , wie heute hier . Der Wind kam von der sibirisch-mongolischen Ebene hergeweht , so eisig , als könne es nie wieder Frühling werden . Der Weg dehnte sich endlos an der grauen Stadtmauer entlang . Die Türme mit den verfallenen grünen Kacheldächern standen dräuend gegen den fahlen Winterhimmel . Stellenweise lag etwas hart gefrorener Schnee . Krähen flohen krächzend vor dem Wind . Im hiesigen Winter habe ich des dortigen gedacht und ich sende Ihnen dies kleine Gedicht , das mir dabei in den Sinn kam : An den hohen Mauern der Stadt Ritten wir beide schweigend , Sprachen nicht mehr , weil alles gesagt , Horchten im Schnee auf das Schrei ' n Der schwarzen Vögel . Längst verliess ich dich , graue Stadt , Wandre allein nun schweigend , Habe keinem mein Leiden geklagt , Nur in der einsamen Seele schrei ' n Die schwarzen Vögel . Wie so oft in Peking , war mir an jenem Tage , als sei die ganze Welt erstarrt in Angst , als harre sie atemlos , Unbekanntem , Unheimlichem . - Stadt des Leidens , Stadt des Verhängnisses habe ich Peking oft genannt - und doch liebe ich die graue , düstre Stadt . Ich habe jetzt oftmals ganz deutlich die Empfindung , als gehöre ich ihr , als hielte sie mich für ewig , so fern ich ihr auch räumlich bin . Ich fürchte , ich bin wie alle Leute geworden , die in Peking gelebt haben und es nachher nicht mehr lassen können , immerwährend darüber zu reden oder zu schreiben . Das ist die Rache , die China an den weissen Menschen nimmt dafür , dass sie beinahe alle doch nur deshalb hingehen , um ihm ein Stückchen seines Bodens oder sonst irgend einen Vorteil und Besitz abzuringen-schliesslich sind sie es , die von China absorbiert werden . Lassen Sie sich nicht zu sehr absorbieren , lieber Freund ! 21 New York , Februar 1900 . Lieber Freund , meine letzte Wanderung im winterlichen New York ist mir recht schlecht bekommen . Ich bin seitdem krank gewesen an Husten und Fieber . Husten und Fieber sind ja nun schon seit Jahren die Meilensteine , die an meinem Lebensweg stehen . Schliesslich wird solch Meilenstein zu einem Kreuzchen werden . Und wohin der Weg dann weiter geht und ob es überhaupt noch einen gibt , das weiss man nicht . Es geht mir aber jetzt schon ein bisschen besser . Ich liege auf dem Sofa am Kamin . Die weisse tibetanische Ziegenfelldecke , die Sie kennen , ist über mich gebreitet . Ta geht mit bekümmertem Gesicht ein und aus . Ich weiss nicht , gilt seine Sorge mir , oder den vielen Briefen , die er in letzter Zeit von zu Hause erhalten hat . Gestern schenkte mir mein Bruder ein paar Zweige weissen Treibhausflieders . In Seidenpapier wohl eingewickelt brachte er sie von draussen mit - so ein armer , winterlicher Flieder - all die Blütchen schienen zu frösteln und sich zu wundern , warum man sie gezwungen habe , sich so sehr zu beeilen , in diese unfreundliche Welt hinein zu kommen . Jetzt stehen die braunen Stengel , an denen oben die spärlichen weissen Blütentrauben hängen , in einer schlanken , grünen Bronzevase neben mir . Die Blumen haben sich etwas erholt , als seien sie dankbar , nun doch noch ein leidliches Plätzchen gefunden zu haben . Ein schwacher , schüchterner Fliederduft , der beinah etwas Künstliches hat , steigt von ihnen auf und zieht durch das Zimmer . Er weckt viel Erinnerungen . Denn Flieder mahnt mich an gar verschiedene Zeiten und Orte . In Garzin , dem märkischen Gut , wo ich aufgewachsen , da blühte der Flieder im Mai . Vier grosse Büsche standen auf dem Rasen vor dem Schloss , in ihrer Mitte eine alte Sonnenuhr . Jeden Frühling , wenn der Flieder blühte , kam derselbe alte Invalide auf einem Stelzfuss angehumpelt ; er stellte sich im Schlosshof auf und spielte uns auf seiner Drehorgel » Die letzte Rose « und » Lang , lang ist ' s her « . Ich weiss nicht , wo er Winters blieb , aber in all meinen frühesten Frühlingserinnerungen steht der Invalide mit der Drehorgel , und der Flieder duftet , und wir Kinder suchen fünfblättrige Fliederblüten - denn die sollten Glück bringen wie vierblättriger Klee . Einmal schenkte ich dem alten Drehorgelmann solch ein fünfblättriges Blümchen - aber der glaubte nicht recht daran . An so viele Zeiten und Orte mahnt der Duft ! Sogar im blumenarmen Peking gab es Flieder . In allen Gesandtschaftsgärten standen eine Menge Büsche . Im April über Nacht erblühten sie mit einemmal , alle zugleich . In allen Wohnzimmern , auf allen Speisetischen war dann die gleiche weisslila Pracht und Fülle . Vierzehn Tage dauerte der Blumenzauber . Das war die einzige Zeit des Jahres , wo es in Peking gut roch . In den Tagen der Fliederblüte gab Sir Robert Hart regelmässig eines seiner Gartenfeste . Die chinesische , uniformierte Kapelle , die er sich hielt und auf die er sehr stolz war , spielte die paar europäischen Weisen , die ihr ein portugiesischer Kapellmeister aus Macao beigebracht hatte . Mit den altbekannten , nur zuweilen unfreiwilligerweise etwas veränderten Melodien zog durch den Garten der heimatliche Fliederduft . Männlein und Weiblein der Société de Pékin wandelten in den paar Alleen auf und ab und zeigten Tientais neueste Modeschöpfungen ; sie gingen paarweise , persönlicher Neigung folgend , oder gruppierten sich je nach der augenblicklichen politischen Konstellation . Politik ist eine Würze , die in Peking gern allem beigemischt wird . - Zum Schluss dieser geselligen Vereinigungen wurde dann immer eine Quadrille auf dem kleinen holperigen Rasenplatz getanzt . Man tat jedesmal so , als sei diese Quadrille der spontane Ausdruck überströmender festlicher Stimmung - aber sie war im Programm immer ganz vorgesehen . Das war alles ganz stereotyp - denn alle Dinge in China haben die Neigung , stereotyp zu werden ! Solche Vergnügungen in entlegenen Plätzen haben mir immer etwas so unendlich Wehmütiges . Sie sind ein offenbarer Versuch der Selbsttäuschung , zu dem so sehr viel guter Wille gehört . Kleine rührend traurige Bemühungen , um zu vergessen , wo man ist , was alles fehlt . Der festgefasste und ernsthaft durchgeführte Vorsatz , auch einmal » grosse Welt « zu sein . Wie tieftraurig bin ich doch schon oft inmitten solch künstlich verpflanzter und betriebener Amüsements gewesen - sie erinnern an kümmerlichen weissen Winterflieder - der ist auch nichts Rechtes ! 22 New York , Februar 1900 . Ich bin noch recht elend , möchte Ihnen aber doch ein bisschen schreiben , um mir dadurch die Illusion zu geben , als seien Sie hier . Wenn ich krank bin , tue ich mir immer so schrecklich leid - ich möchte mich dann am liebsten selbst in die Arme nehmen können und mich trösten . Gute Gesundheit täuscht über so manches hinweg ; wir fühlen uns allem gewachsen und sind daher mit uns selbst zufrieden , und sobald man das ist , ist ja alles gut . Wenn wir aber oft krank sind und die Rechnung zwischen Sollen und Können immer mit einem Defizit für uns schliesst , dann erscheint die ganze Welt wie ein Exempel , das nie stimmt , wo es immer irgendwo hapert . Glauben Sie nun deshalb nicht , dass ich hier besonders einsam und vernachlässigt wäre ; die kleine Ecke Welt , die im Gesichtskreis meines Sofaplatzes liegt , ist wahrscheinlich nicht schlimmer und langweiliger wie andere auch , und es besuchen mich eine ganze Anzahl Menschen . Am häufigsten kommt Madame Baltykoff , und gewöhnlich findet sich Anstruther zur selben Zeit ein . Diese unermüdliche Russin hat erstaunliche Vorräte an Wissensdurst ; sie besieht sich New York von allen Seiten : Auswandererherbergen , Fifth Avenue-Feste , Schulen , Druckereien , Wall Street , Gefängnisse , Klöster - tout lui est bon . Kürzlich erzählte sie mir von einem Damenlunch , bei dem sie gewesen . Während nämlich die New Yorker Herren im Geschäft sind und Geld verdienen , vertreiben sich die Damen die Zeit , indem sie sich untereinander kleine Feste geben , bei denen sie sich in neuen , kostspieligen Einfällen zu überbieten suchen . Für einen solchen Lunch wird eine bestimmte Farbe gewählt . Die neuliche war lila . Alle Blumendekorationen , auf dem Tisch , an den Wänden und Kronleuchtern , bestanden aus Parma-Veilchen , das Tischtuch war Spitzen bedeckte lila Seide , die Tischkarten lila Karton , Wirtin und Gäste trugen Kleider verschiedener lila Tönungen . Das kleine , sehr verzogene Töchterchen des Hauses war als Veilchen verkleidet . Madame Baltykoff erzählte , es sei während der ganzen Mahlzeit unausgesetzt rund um den Tisch herumgelaufen ; die zärtliche Mutter bemerkte schliesslich , dass ihre Gäste hiervon nervös wurden , aber anstatt das Kind hinauszuschicken , sagte sie ihm nur : » Dodo , darling , renn doch jetzt mal in der andern Richtung um den Tisch - es wird uns sonst schwindlig . « Solche kleinen Damenfeste werden , wie alle sonstigen geselligen Begebenheiten auch , am nächsten Tage in all ihren Einzelheiten von den Zeitungen beschrieben . Die Öffentlichkeit des Privatlebens in Amerika ist immer von neuem ein Gegenstand des Staunens für uns Fremde . Sie erstreckt sich auf die kleinsten Handlungen der oberen 400 . Das gesellschaftliche Debut einer jungen Dame aus diesen Kreisen wird im voraus bekannt gegeben , mit Beschreibungen ihrer äusseren Erscheinung und aller Toiletten , die sie in Paris bestellt hat , man kann in den Zeitungen lesen , wie viel Taschengeld sie zu verausgaben hat , welche Handschuhnummer sie trägt , welche Blume sie bevorzugt , wer ihre Hofmacher sind . Verheiratet sie sich , so werden spaltenlange Artikel ihrer Ausstattung und ihren Hochzeitsgeschenken gewidmet und genaue Berechnungen aufgestellt , was der Bräutigam wert ist ( an Dollars nämlich ) . Eine New Yorker Dame ist eigentlich nie allein - sie agiert beständig vor Reportern , die der neugierigen Menge die wichtige Kenntnis aller Einzelheiten ihres Lebens vermitteln . Das Bewusstsein , fortwährend beobachtet , besprochen und beschrieben zu werden , mag dazu beitragen , dass die modernen Amerikanerinnen der obersten Gesellschaftsklassen keinen Augenblick vergessen , welchen Eindruck sie hervorrufen . Sie sind immer darauf bedacht , zu gefallen , und ruhen nicht eher , bis jeder , der ihnen naht , sich ihrem Charme ganz gefangen gibt . Sie sind stets liebenswürdig , reizend und faszinierend , aber gesunden Menschen anderer Weltteile mögen diese nervösen , blutarmen Wesen oftmals etwas unnatürlich erscheinen . Sie leben hauptsächlich von Bewunderung , daneben auch noch von Eiswasser und auserlesenen kleinen Gerichten , an denen sie ein bisschen herumknabbern ; die Beefsteakseite des Lebens ist ihnen ein Greuel ; sie möchten am liebsten alles Physische abschaffen , nennen es roh , höherer Wesen unwürdig , und denken , dass es abgetan und in untere Gesellschaftssphären verbannt sei , weil sie es missachten . Wegen dieser eigenen Temperamentlosigkeit und weil sie an die beständige Überarbeitung und geschäftliche Präokkupation der rasch alternden amerikanischen Männer gewöhnt sind , können sie in ihrem Lieblingszeitvertreib , dem Flirt , auch soweit gehen . Ein verliebter Europäer , der europäische Folgerungen ziehen wollte , käme schlimm an ; er würde zu hören bekommen , dass er kein Gentleman sei und Frauen nicht respektiere . Inmitten dieses verkünstelten Daseins berührt es seltsam , welche Vergötterung mit Kindern getrieben wird . Es ist das ein ganz charakteristischer Zug der hiesigen Gesellschaft . Vielleicht stammt er noch aus der Zeit her , wo es hier so wenig Einwohner für das riesige Land gab , dass man sich über jeden neuen kleinen amerikanischen Bürger ganz unsinnig freute ; vielleicht ist es im Gegenteil ein allermodernstes Gefühl , weil in der neuesten Zeit in der elegantesten , reichsten New Yorker Gesellschaft die Kinderzahl stetig abnimmt und man daher ein jedes wie ein kleines Wunder anstarrt . - Die schönen New Yorkerinnen haben gar so viel zu tun ! Auffallend ist , welches Gewicht dem Urteil amerikanischer Damen auf allen Gebieten zugestanden wird . Literarischer , künstlerischer Ruf wird von ihnen bestimmt ; wer vorwärts kommen will , muss so malen , schreiben oder musizieren , dass er den leitenden Damen der Gesellschaft gefällt . In allen schöngeistigen Dingen sind sie ihren gelderwerbenden Männern sehr überlegen , und niemand weiss das besser , als sie selbst , aber ich glaube kaum , dass sie sich dadurch unglücklich fühlen , es erscheint ihnen der weisen Ordnung der Dinge zu entsprechen ; und die Pose der feingebildeten , nur das Zarteste empfindenden Frau , die von einem aus gröberem Stoff geformten Mann nicht ganz verstanden wird , ist eine kleidsam geheimnisvolle . Bezaubernde , diaphane Geschöpfe sind es , für jede Tagesstunde mit andern berückenden Gewändern versehen , und die grosse Nutzlosigkeit ihres Daseins verbergen sie vor sich selbst mit Erfolg hinter einem felsenfesten Glauben an die Wichtigkeit der tausenderlei Dinge , die sie in steter Eile betreiben . Aber das ist nur ein ganz bestimmter Typus , den wir Fremde vielleicht gerade deshalb am raschesten kennen lernen , weil diese Frauen keine eigentliche Tätigkeit mit unaufschiebbaren Pflichten kennen und mit aller Geschäftigkeit und Hast doch immer nur nach neuen Dingen suchen , um die Zeit zu füllen . Die wahrhaften , berufsmässigen Arbeiter eines Landes lernt ein Reisender immer am schwersten kennen , denn die haben keine Zeit für ihn - und wieviel arbeitende , schaffende Frauen muss es in dieser 70 Millionen-Nation geben ! 23 New York , März 1900 . Raten Sie mal , lieber Freund , wer mich heute hier besuchte ? Der Provikar Hofer ! Aber ein entchinester , auch im äussern ganz römisch-katholisch gewordener Hofer . Zum letztenmal hatte ich ihn vor zwei Jahren in Pei-ta-ho gesehen , wo er seinen Gesandten besuchte . Wie alle katholischen Priester in China trug er damals den Zopf ( ziemlich spärlicher Natur ) und chinesische Kleider , der Hitze halber aus dünner weisser Waschseide , die er mehrmals des Tags wechselte , so dass er stets von immakulierter Weisse war und ich ihm dort einmal sagte , er gliche im äussern den Lilien auf dem Felde , aber das Sorgen überlasse er nicht nur dem lieben Gott , sondern halte es darin wohl mehr mit Martha als mit Maria . Heute nun sah ich ihn in gewöhnlicher schwarzer Priestertracht wieder und erkannte ihn anfänglich gar nicht in dieser Rückbildung . Er war aber sonst ganz der Alte , derb , heiter und voll gesunden Menschenverstandes . Ich kann Ihnen gar nicht beschreiben , wie ich mich freute , jemand zu sehen , der direkt von Peking kam ! Beinah ebenso froh war ich wie Ta , der dem Provikar einen kotau-artigen Knix machte und ganz strahlend schien , endlich mal wieder chinesisch sprechen zu können . Natürlich fragte ich Hofer gleich nach Ihnen . Er sagte mir aber , nachdem was er in Peking gehört habe , glaube er , dass Sie erst im Juni dort eintreffen würden . Da wird es also noch lange dauern , bis ich von Ihnen höre , und während all der Zeit werden auf der Post in Schanghai meine Briefe liegen , die ich immer in der Illusion schreibe , als schwatzte ich mit Ihnen , und als könnten meine Gedanken Sie unmittelbar erreichen . Von den Pekinger Bekannten erzählte mir der Provikar , und obschon er nur alle paar Jahre aus seiner Provinz mal hinkommt , kennt er doch sämtliche dortigen , kleinen und grossen Intrigen , als hielte er die Fäden in der Hand . Er ist mir immer ein Beispiel von der merkwürdigen Wohlunterrichtetheit des höheren katholischen Klerus , der alle Diplomaten , diese Regierungsnachrichtensammler , als wahre Stümper weit hinter sich lässt . Nachdem mir der Provikar die neuesten Begebenheiten von der Société de Pékin mitgeteilt hatte , fragte ich ihn , was seine jetzige Reise bedeute . Er antwortete , dass er auf dem Weg nach Europa sei , um dort darauf aufmerksam zu machen , dass sich in China schlimme Ereignisse vorbereiteten . Er erzählte mir , in seiner Provinz herrschten seit Monaten grosse Unruhen , die von geheimen Gesellschaften ausgingen und die einen sehr fremdenfeindlichen Charakter trügen . » Daran sind wir ja gewöhnt , « sagte er , was mich aber ernstlich besorgt macht , das ist , dass diese Unruhestifter offen von den provinziellen Mandarinen in Schutz genommen werden und diese wiederum sich auf die höchsten Autoritäten in Peking berufen . Es sind Missionare und einheimische Christen überfallen worden , ohne dass eine Bestrafung der Täter zu erreichen gewesen wäre ; und die in letzter Zeit neu ernannten hohen Beamten sind ob ihres Christenhasses und Einvernehmens mit den geheimen Gesellschaften bekannt . In Peking herrscht eben nicht mehr die Furcht des Herrn , die beim Orientalen ganz besonders aller Weisheit Anfang ist . Wir Missionare im Innern fühlen die Folgen solch veränderter Haltung ja immer am ersten . Wir hören auch manches , was für andere Ohren zu leise gesprochen wird , und durch China geht jetzt das Wort , » man brauche sich nicht zu fürchten , die Stunde der fremden Teufel habe geschlagen « . Favier glaubt wie ich an eine grosse , nahende Gefahr , denn auch er ist von seinen einheimischen Christen gewarnt worden . Die Führer der Grossmessermänner sprechen es ja offen aus : » zuerst die chinesischen Christen , dann die Fremden « . Ich habe dies Wort an die rechte Stelle hinterbracht , da ist mir aber angedeutet worden , wir Missionare seien durch allzu viel Schutz verwöhnt und anmassend geworden , in früheren Jahren hätten wir Verfolgungsgefahren als die notwendige Begleitung alles Missionierens angesehen und hätten nicht nach Kriegsschiffen und Soldaten zu unserm Schutz gerufen . Ich habe denen in Peking die letzte Warnung gegeben : » Die Gefahr betrifft diesmal die Missionare nicht mehr als die anderen Fremden - vielleicht geht es Euch hier in Peking schlimmer als uns in unsern Provinzen . « Ich konnte es gar nicht glauben , was mir der Provikar da erzählte . Ich erinnerte ihn an die vollkommene Sorglosigkeit und Sicherheit , mit der alle Fremden , nicht nur in Peking selbst , sondern Sommers in den einsamen , entlegenen Tempeln der Umgegend lebten . » Wie hat sich denn das alles so schnell derartig verändern können ? « fragte ich ihn . » Da kam vieles zusammen , « antwortete er mir . » Seit ein paar Jahren herrscht in mehreren Provinzen Hungersnot , und es ist dadurch ein Grad des Elends entstanden , den man in Europa überhaupt nicht kennt . Viele Arbeiter fürchten auch für ihren kleinen Broterwerb , wegen der Erbauung von Eisenbahnen und der Befahrung der Flüsse mit Dampfschiffen , wovon sie dunkel als von etwas Ungeheuerlichem reden hören . Nachrichten über auswärtige Begebenheiten verbreiten sich in China zwar langsam , noch 1897 erinnere ich mich , Priester und Mandarine in der Gegend von Jehol gesprochen zu haben , die nichts von einem japanischen Kriege ahnten , aber allmählich ist doch die Kunde von den letzten europäischen Annexionen in weitere Kreise gedrungen und hat Beschämung und Erbitterung hervorgerufen . Die wachsende Unzufriedenheit richtete sich anfänglich gegen die Dynastie und Regierung , die all diese Übergriffe zugelassen hatten . Nun ist es aber der Kaiserin gelungen , diesen Zorn von sich abzulenken , indem ale seit dem September 1898 alle fremdenfreundlichen Elemente verfolgt und diese anklagt , an allen Einbussen , die China in den letzten Jahren erlitten , schuld zu sein . Sie umgibt sich mehr und mehr mit den reaktionären Elementen und gibt ihnen zu verstehen , dass sie auf ihre Hilfe gerade gegen die Fremden zählt . Die Kaiserin ist ja eine weit überschätzte Persönlichkeit , die von den realen Machtverhältnissen der Welt keine Ahnung hat - aber sie ist , wie viele sogenannte grosse Leute , eine Meisterin in der Wahrnehmung ihrer eigenen , augenblicklichen Interessen und fühlt immer rechtzeitig , welche Partei in ihrem Lande gerade die stärkste ist , um sich auf diese zu stützen . Jahrelang stand sie an der Spitze der chinesischen Fortschrittspartei , was allerdings immer eine sehr milde Dosis Fortschritt bedeutet , zur Zeit der chinesischen Niederlagen durch die Japaner hat sie ihren Rückhalt an den fremden Mächten gesucht , und als sie die wachsende Erbitterung im Lande gerade gegen die Fremden wahrgenommen , ist sie zu den Reaktionären übergeschwenkt . Heute wissen alle fremdenfeindlichen Mandarine und Geheimbündler , dass die Kaiserin nur auf ihre Erfolge wartet , um sich offen zu ihnen zu bekennen . « » Aber es ist doch nicht denkbar , dass man dem ruhig zusehen und nur abwarten wird , was weiter geschieht ? « » Hoffentlich gelingt es mir in Europa von der nahenden Gefahr zu überzeugen - in Peking wollte man Favier und mir nicht glauben . Eine Krise wäre allen unbequem , drum will sie niemand kommen sehen . Es gilt jetzt eben die Parole , in China herrsche Ruhe und Ordnung und alles dort angelegte Kapital würde in nächster Zukunft Goldströme einbringen . Wer an diesem bequemen Optimismus rüttelt , ist natürlich unwillkommen und am unwillkommensten den Geldleuten , deren Einfluss der unheilvollste von allen in China gewesen ist . Diesen Herren zu Liebe , die geborgen in Europa sitzen , und die selbst nie chinesischen Mördern und Boxern , chinesischem Klima und Kriege zum Opfer fallen können , wurden den Chinesen Eisenbahn- und Minenkonzessionen abgerungen . Es ging den Finanzleuten nie schnell genug , sie konnten nie genug bekommen . Mehr als jede Regierung waren sie von ihrer Allwissenheit überzeugt und hörten auf keinerlei Vorstellung , die ihnen von Peking aus gemacht wurde . « » Ja « , sagte ich , » davon wissen die geschäftlichen Vertreter der Finanzbarone in Peking einiges zu erzählen . Aber nicht nur diese konnten ihnen nie genug erwerben , auch die Gesandten klagten darüber , dass sie getrieben würden , Dinge durchzusetzen , die sie selbst für unheilvoll hielten . « Der Provikar fuhr fort : » Ich habe damals in Peking mit Mandarinen gesprochen , die derartige Verhandlungen zu führen hatten . Es waren Leute darunter , die den besten Willen hatten , die gerecht waren und sich innerlich zu den nötigen Konzessionen entschlossen hatten . Aber sie sind verzweifelt zu mir gekommen und haben mir geklagt , die immer neuen Forderungen , die an sie gestellt würden , könnten sie unmöglich dem Throne empfehlen . Man kenne keine Rücksicht auf chinesisches Empfinden , es sei auch kein Ende abzusehen , immer wieder kämen neue , weitergehende Verlangen . - Schritt für Schritt mussten sie dann doch nachgeben . Schliesslich sagte mir mal der eine : Das , wozu ich jetzt gezwungen werde , meine Regierung zu überreden , wird die reaktionäre , fremdenfeindliche Partei ans Ruder bringen , und mir wird es noch mal den Kopf kosten . Und er hat mit beidem recht gehabt . Die gierige Unersättlichkeit der Fremden hat die chinesische Regierung der reaktionären Partei in die Arme getrieben , und jener chinesische Unterhändler ist eines ihrer ersten Opfer , eine Art Sündenbock geworden . Nachdem er alle Ehren seines Landes besessen , sitzt er heute verbannt in Turkestan , falls er überhaupt noch am Leben ist . Er ist eine tragische Figur der modernen chinesischen Geschichte . « Aber was ist jetzt noch zu tun möglich ? « fragte ich . » Vor allem in Peking keine Inkonsequenz , keine Schwäche zeigen . Auch könnte man der alten Kaiserin einmal ernstlich drohen , dass man gegen sie für den jungen Kaiser und seine Reformfreunde Partei ergreifen würde . Das ist eine Karte , die noch gar nicht ausgespielt worden ist . Und vor allem , auf alle Möglichkeiten gefasst sein , immer Gesandtschaftswachen in Peking halten und berittene Mannschaften zur Hand haben , die auf die geringste Gefahr hin in Tientsin ausgeschifft werden können , um die Bahn zu schützen . « » Und nun wollen Sie das alles in Europa vortragen ? « » Ja , ich halte es für meine Pflicht , noch einmal zu warnen , denn wenn man den jetzigen Moment versäumt , und nicht noch Einhalt geboten wird , so muss gerade das eintreten , was man vermeiden möchte , und wir können in China eine Katastrophe erleben , wie sie noch nie dagewesen . Aller Handel , alle dortigen Unternehmungen werden auf Jahre hinaus unterbrochen werden , und wir müssen notwendigerweise in Verwicklungen , Opfer und Ausgaben geraten , die sich gar nicht absehen lassen . « 24 New York , März 1900 . Heute früh brachte die Post einen Brief aus China für Ta . Ich gab ihn ihm . Nach kurzer Zeit kam er wieder zu mir und sagte mir mit einem Gesicht , hinter dessen orientalischem Gleichmut doch die Bestürzung zu lesen war , er bäte mich , ihn nach Hause zurückreisen zu lassen , seine Mutter verlange durchaus nach ihm . Ich konnte es nicht verstehen , denn wir schicken seiner Mutter jetzt regelmässig Geld , und sie ist eigentlich besser daran , als wenn Ta in Peking wäre . Er blieb aber dabei , der Brief sei so , dass er nicht länger zögern dürfe , er müsse durchaus nach Hause , wollte er nicht ein ganz schlechter Sohn sein . Ich wusste nicht , was ich sagen sollte . Zum Glück kam der Provikar zum Frühstück zu uns . Ihm erzählte ich den Fall und bat ihn um Rat . Ta wurde hereingerufen . Sie verhandelten lange miteinander auf chinesisch , der Provikar las den Brief , dann wandte er sich an mich : Das ist nun gleich eine Bestätigung dessen , was ich Ihnen vor ein paar Tagen erzählte . Die chinesischen Konvertiten in und um Peking scheinen zu wissen , dass sich schlimme Dinge gegen sie vorbereiten . Tas Mutter , die wie so viele Christen in der Nähe des Petang lebt , fürchtet sich offenbar sehr . Sie hat Drohungen gehört gegen die Christen , die Fremden und alle , die zu ihnen halten . Sie ist Witwe und wohnt allein mit ihren jüngeren Kindern und mit Tas Frau . Den Brief hat sie einem Schwager von Ta diktiert und auch dieser sagt , er solle möglichst rasch zurückkommen . Er fügt noch hinzu , dass Ta , da er Tatare und Bannermann sei , eigentlich gar nicht ausserhalb eines bestimmten Umkreises von Peking hinaus gedurft hätte . Es sei schon mehrmals nach ihm gefragt worden , sie hätten sich bisher immer herausgeredet , die Frager auch mit kleinen Geschenken beruhigt . Aber jetzt fingen Leute , die ihnen übel wollten , an , von Tas Abwesenheit zu reden