der Mond auf dem Balkon und in allen Zimmern . Sie sagte laut mit rauher Stimme : » Es wird sterben . Es ist schon tot . « Dann nahm sie alle Bücher aus dem Bort und baute sie auf dem Tische auf , ohne zu wissen , was ihre Hände machten . Sie hatte keine Gedanken , nur Bilder , immer das Kinderköpfchen mit den welken Lippen , und dann das Dorf dort oben in Graubünden : Camischolas , die grauen Schindeldächer so klein unter den mächtigen Bergen . » Über Chur , « sagte sie und begann ohne Licht nach dem Fahrplan zu suchen . Aber er war vom Winter her und diente ihr nicht . » Nini ! keine Hoffnung ! Nini ! « Sie lief in die Küche und putzte ihre Schuhe , bürstete ihr Kleid . Dann packte sie einige Sachen zusammen und stand auf dem Balkon und sah den Morgen kommen über den See . Er kam mit streifigem , dunklem Gewölk und leisem Regen , aber es war doch der Morgen ; man konnte nach dem Bahnhof gehen und den ersten Zug nehmen , reisen . » Wir haben ihr Blumen gegeben , Mama , viele blaue Glockenblumen und rote Bergnelken , aber Nini wollte sie nicht , Nini wollte nichts , « erzählte Rösli mit fragenden ängstlichen Augen . » Auch Vergißmeinnicht , Mama , und kleine weiße Lilien und Fingerhut ! Ich weiß , wo sie wachsen . Nini ist dort , ich hab es gesehen . Da in einem Loch bei der Kirche . Laure Anaise lügt immer , sie sagt , sie ist im Himmel . « Hermann beugte sich zu der Mutter Ohr : » Aber der Großvater ist sehr grob , Mama , das ist ein alter böser ! Immer hat er Nini gebadet , und sie schreit : Bitte , bitte ! ich will ganz artig sein ! Nun ist sie davon gestorben , Mama . Aber er soll es nicht hören - er kommt , Mama , er kommt ; sag es ihm nicht ! bitte , sei ganz freundlich , damit er nichts merkt . « Dann lief er dem Großvater zu und schmeichelte : » Wir haben die Mama gefunden ! Sie ist in Rueras ausgestiegen , weil alle Leute ausgestiegen sind . Wir wollen der Mama gleich Ninis Grab zeigen . Sie hatte schon bien di1 gelernt , nicht Großvater ? « Mit einer Gebärde des Widerwillens schob der alte Plattner den Buben von sich und ergriff seiner Tochter Hand : » So schnell ist ' s gekommen . Ein gesundes Kind ... Gestern haben wir ' s begraben ... Komm ins Haus , Josy . « Es gibt eine Grenze der Leidensfähigkeit , über die hinaus keine Steigerung möglich ist . Josefine empfand nur einen dumpfen Kummer über den Tod ihres jüngsten Kindes . Sie hatte es nicht leiden , nicht sterben sehen , und sie fühlte eine Art von Dank dem Schicksal gegenüber , das ihr diese Qualen der Ohnmacht erspart hatte . Wie die Erzählung eines Fremden , der fremdes Leid berichtet , vernahm sie ihres Vaters Worte . Die drei Tage der Krankheit hatten ihm viel von seinem gewohnten Frohmut gekostet . Die Unmöglichkeit , sofort einen Arzt zu beschaffen , hier in dem hoch in den Bergen gelegenen Alpendorf , war eine schwere Prüfung gewesen für den Mann , der sonst in einer größeren Stadt lebte , wo es in jeder Straße einen Arzt gibt . » Das Kindli erkrankte in der Nacht , hatte plötzlich Krämpfe . Die Wirtsfrau ist ordentlich : sie machte einen Tee und ein laues Bad . Sagte , das sei nichts Auffallendes bei Kindern . Morgens dann lag das Kleine und schlief ruhig . Ich ging hinunter nach Disentis , aber der Arzt dort war über Land und fort . Wie ich zurückkomme , ist ' s Nina aufgewacht und verlangt zu trinken . Gegen Abend wieder Krämpfe . Ich schicke einen Boten nach Disentis - es sind immerhin achtzehn Kilometer ab und auf - , der Doktor solle sofort kommen . Der Bote bringt die Nachricht : der Doktor ist im Dunkel aus seinem Wagen gestürzt , hat einen Armbruch und Kontusionen im Gesicht . Schickt etwas Beruhigendes mit . Morgen wird er dann selber kommen . Soll ich etwa nach Andermatt fahren ? überlege ich . Ich fahre nach Andermatt , finde den Arzt , nehme ihn mit . Er sieht das Kindli an und findet die Krämpfe unerklärlich , denn im Augenblick ist keine Spur von Krämpfen da . Gibt eine Medizin und fährt ab . Über die Oberalp , weißt Josy , das ist eine Tour für die halbe Nacht ! Wär nicht Vollmond gewesen , hell wie am Tage , er wäre nicht weggefahren . Kaum ist er fort , fangen die Gichter wieder an . Lauf dem Wagen nach ! schrei ich Laure Anaise zu , und die läuft , bis sie hinfällt . Der Wagen ist zu weit voraus , man kann ihn nicht einholen . Eine böse Nacht , sag ich dir , eine Nacht ! Ohnmächtig - dumm , ah pfui , es ist ' ne Misere . Früh um sechs Uhr meldet sich der Doktor-Patient mit der Armschiene und dem verbundenen Kopf . War ein braves Mannli , aber etwas einfältig . Meinte , ich hätte mit dem kranken Kindli zu ihm kommen können , da er selbst blessiert sei . Aber wie er das Nina sieht , vergeht ihm der Spaß . Da ist leider nichts zu machen . Der nächste Anfall macht Schluß . Ich steh da , als hätte er mir eins ins Genick gegeben . Aber gestern hätt man noch helfen können ? sag ich . - Schüttelt er den Kopf : Nein , die Art ist immer tödlich , zumal in dem Alter . - Viereinvierteljahr , sag ich . - Präzis , sagt er . Ein braves Mannli , nur ein wenig einfältig . Aber er war ja selbst blessiert , auf den Kopf gefallen . Er blieb bei mir und der Nina , bis es vorüber war . « Mit seinem gebräunten , faltigen Gesicht , umrahmt vom langen , weißen Haar , stand Plattner der Tochter gegenüber wie ein unschuldig Angeklagter , der sich verteidigt . » Es ist nichts versäumt worden , glaub es mir - mußt es in Geduld annehmen , « sagte er und drückte ihre Hände , während seine klaren , blauen Augen sich trübten . Josefine nahm es an » in Geduld « . Sie war sehr ruhig . Alle wunderten sich im Dorf . Sie hatten gedacht , daß so eine städtische Mutter weinen und schreien würde . Die Städtischen hatten so wenig Fassung , so wenig Haltung . Aber diese schrie und weinte nicht . Man grüßte sie , redete sie an , sie erwiderte auf Romanisch , kurz und einfach . Mit ihren ernsthaften , stillen , klugen Gesichtern blickten die Bauern und Bäuerinnen die Städtische an und fanden ihr ernsthaftes , stilles , kluges Gesicht vertraut und verständlich . Diese schwarze hagere Frau mit den dunkelumränderten Augen wußte , daß das Leben kein Kinderspiel ist , und daß man sich drein schicken muß . Sie alle mußten das . Hoch und wild sind die Berge , und das Häuschen ist gar klein . Lawinen , Steinmuren schicken die Berge herunter , zerknicken den Wald , wie ein Kinderfinger ein Hölzchen knickt , verschütten die duftende Matte , vernichten Menschen und Tiere . Das Hochgewitter kommt , und alle Bäche werden zu tollen Riesen , die mit wütenden Sprüngen herunterpoltern , Felsstücke schleudern , die Brücken einrennen , Schlammströme über die kargen Felder ausspeien . Da beugt man den Nacken und hält still . Und am Morgen nach der Verwüstung glühen die mörderischen Verwüster in kinderreiner , unschuldiger , roter Pracht , der Himmel strahlt , alle Engel lachen , und das arme Menschlein kniet auf dem zerwühlten Grunde , und seine Tränen werden zu Gebeten vor der Herrlichkeit und Schönheit , die töten kann und entzücken zugleich , so daß man das Sterben nicht fühlt . Wie ein Bild nur , nicht wie Wirklichkeit empfand Josefines müde Seele die großartige Umgebung . Das grüne Tal mit dem brausenden , weißschäumenden jungen Rhein , die steil aufragenden fichtenbewachsenen Vorberge , die abenteuerlich gezackten , weißgekrönten Himmelsstürmer , die dahinter starren , das Tal eng umschließend , wo die braunen zierlichen Holzhäuschen mit den grauen steinbeschwerten Dächern stehen . Die Mittagssonne sengt die Haut , nur das Kirchlein wirft einen kleinen Schatten , und dort auf dem Thymianbeet spielen die Kinder , und Josefine sitzt dabei . Wie auf einer Klippe , von allen Seiten frei , steht das Kirchlein von Sedrun , auf dessen kleinem Friedhof sie Ninina begraben haben . Camischolas hat keinen Kirchhof . Da naht wieder ein Begräbniszug . Der Küster voran mit der schwarzen Trauerfahne , zwei Priester im gelben , seidenen , blumigen Ornat , der gute , alte , weißhaarige Kaplan von Rueras im langschößigen , verschabten , schwarzen Rock , der kahle Sarg ohne Kranz , ohne Blume , und dahinter in langem , langem Zuge in unförmlichen schwarzen Jacken steckende , zusammengekrümmte , betende , schwatzende Frauen . Auch Kinder . Ebenso schwarz sind die Röckchen , aber die Gesichter rot und munter , die Rücken gerade . Die Rosenkränze drehen sich zwischen den hartgearbeiteten dunkelbraunen Händen , die Lippen murmeln Totengebete , auf den bunten Säumen der Kopftücher und der Schürzen spielt die Sonne . Hinein in die Kirche der ganze Zug . Josefine schließt sich an . Sie ist ja im Leid wie die anderen hier . Es ist auch das ganze Dorf mitgegangen , als man Ninina begrub . Und Josefine ist ' s , als ob man ihr Kind jetzt begrabe . Der Zug löst sich auf . Der Sarg wird vor den Hauptaltar getragen . Die Bäuerinnen aber gehen , eine nach der anderen , zuerst in die Seitenkapelle , vorüber an dem lebensgroßen steinernen grauen Kruzifix , zu dem mit weißen Schädeln wunderlich geschmückten Altar . An der einsamen Kerze , die dort mit flackerndem Schein die leeren Hängehäuse beleuchtet , zündet jede der Leidtragenden ihr eigenes mitgebrachtes Kerzchen an . Schützend hält sie die Hand vor die zuckende Flamme und begibt sich auf ihren Platz in der kellerkalten , dunklen , weihrauchduftenden Kirche . Lange Gebete von murmelnden Stimmen . Lange Gesänge aus rauhen , ungeübten Kehlen . Eine lange eintönige Predigt neben dem schwarzen schmucklosen Sarge . Wie traurig zittern die schwachen Kerzenstümpfchen im Atem der Betenden die dunklen Bänke entlang ! Alles liegt auf den Knien . Die Lichtchen knistern und verlöschen . Ein neues ist in Bereitschaft - so lang ist die Andacht , auch dies wird noch abbrennen . Josefine betet mit aus dem Buche ihrer Nachbarin . Sie will niemand hier kränken - sie alle gingen mit Ninina . » Sind wir nicht alle Fleisch und Bein ? « hat man ihr geantwortet , als sie hat danken wollen . Sie betet mit , sie will niemand hier kränken . Die Messe ist zu Ende . Man geht hinaus . Die Freunde des Toten , die seinen Sarg bis hierher getragen , bringen ihn hinaus in die Gruft . Draußen wieder ein langes Gebet . Jeder kniet an dem Grabhügel seiner Lieben , eines Verwandten , eines Freundes . Der Himmel strahlt in feurigem Blau , wie eherne Riesen starren die Berge , und hier , auf der kleinen grünen Klippe über dem Abgrund kniet das mühebeladene , leidgewohnte Leben am offenen Grabe . Die goldenen Strahlensterne an den schwarzen Kreuzen leuchten , die bunten Säume der Kopftücher und Schürzen flimmern rot und gelb - vergänglicher Schmetterlingsflügelstaub auf den schwarzen Schwingen des Todes . Und überall so , in der ganzen Welt , denkt Josefine . Eine kleine grüne Klippe , auf der das zagende , kurze Leben sich zusammendrängt , verloren im Nichts , in der Nutzlosigkeit , in der Zwecklosigkeit . Nini ist tot . Ruhe , mein Kind . Du warst so klein und hast schon leiden müssen . Nun wirst du nie mehr leiden . Ruhe ist das Beste . Ruhe , mein Kind . - - Besorgt blickte Plattner seine Tochter an , als sie hereinkam . » Warum bist nicht mit nach Chiamutt ? « sagte er unzufrieden . » Da sieh , Alpenrösli hab ich noch g ' funden , und der Strahler , 2 wo ich besucht hab , ist ' n drolliger Kerle , der kann dir erzählen . « Josefine nickte zerstreut . » Wie ist dir ' s denn , Josy , hm ? « drängte er , ihre Hand ergreifend , » ' s hat di arg anpackt , gelt du ? « » Nein , ganz gut , Vater , « machte Josefine , » aber ich möchte bald wieder fort . Meine Arbeit wartet auf mich . « Plattner nahm die Pfeife aus dem Mund . » Schon ? « sagte er . » Solltest dir e bitzli Ruh gönnen . « » Ich brauche Arbeit , « erwiderte sie bestimmt , » weiter taugt mir nichts . Laß mich nur bald fort . « Kopfschüttelnd blickte der Mann seiner Tochter nach . » Wenn ' s nur auch gut geht , « murmelte er mit beklemmtem Herzen . Es war am Nachmittag vor Josefines Abfahrt , als ein schweres Gewitter heraufzog . Eben noch hatte man geheuet und die starkduftende Heulast in viereckige Tücher gebunden hie und da , um sie auf dem Nacken die steilen Matten hinan zu den Stadeln zu tragen , eben noch hatten die Kinder mit Josefine im jähen Bergwald die ersten Preißelbeeren gepflückt , als der Himmel sich plötzlich verfinsterte , schwarzblaue Wolken mit fahlen Säumen ihn überdeckten , ein gelblicher Dunst wie Schwefelqualm das grüne Tal erfüllte und der Nebel die Berge verschluckte , daß man kaum um sich sah . » Heim ! heim , geschwind , ihr Kinder ! « Verwundert und unwillig gehorchten sie , die Preißelbeersträußchen , grün , weiß und rot , gefielen ihnen so gut . Josefine nahm Rösli an die Hand , Hermann folgte mit Uli . Über den steilen Waldpfad zwischen den laut aufrauschenden Fichten hinab zu der kleinen Rheinbrücke . Das grüne Wasser stäubte in weißem Gischt um die Pfeiler , im Sprung eilten sie über das bebende Brückchen . Die ersten Donner rollten . An der geschwärzten Wassermühle vorbei , immer den engen felsbrockenbestreuten Pfad am Bachtobel empor zu den schützenden Häusern von Camischolas . » Seid ihr da ? « rief ihr Plattner entgegen , » grad komm ich auch an . Am Krutzlipaß sind Touristen auffi - ' s ist aber nit geheuer , werden schon umkehren . Da , es läutet schon Sturm in Sedrun , ' s kommt ordentlich . « Die ersten starken Blitze zuckten , angstvoll klang das Sturmläuten vom Sedruner Kirchlein herüber , angstvoll antwortete ihm Rueras und Selva . Im Wirtshause lief alles durcheinander . Der Wirt versicherte den Stall und den Wagenschuppen , die Wirtin räumte die Blumenstöcke von den Außenbörtern und der kleinen Altane , all die herrlichen hochroten Hängenelken , die grauen Rosmarin und Melissen . Wie eine Traumerscheinung stob die Bergpost vorüber , die fünf Pferde mit fliegenden Mähnen , klatschend auf dem nassen Boden ; heftig bäumte das Vorderpferd sich zurück vor dem blauen Feuer vom Himmel , und die hochaufgerichtete Gestalt des Postillons mit der wehenden Geißel in der erhobenen Faust schien durch die Luft zu fliegen . Die Kinder fürchteten sich nicht . Sie standen am Fenster des Gastzimmers zu ebener Erde und freuten sich über die weißen und rehfarbenen Kühe , die eilig heimtrotteten auf der spiegelnden Landstraße , getrieben von der kleinen Hirtin im roten Kopftuch . Hastig klingelten die großen Glocken an den breiten bunten Bändern durcheinander , wie sie von einer Seite der Straße zur anderen stapften und sich zusammendrängten , Schutz suchend vor dem schräg niederprasselnden Regen . Und zwischen ihnen und hinter ihnen drein sprangen die sonderbaren kleinen rotbraunen hageren Schweine , schlugen mit den langen buschigen Schwänzen und Ohren und grunzten mürrisch . Josefine hatte der Wirtin geholfen , nun stand auch sie am Fenster und blickte hinaus . Sie war in großer Erregung seit ihrem Hiersein . Die lange nicht geatmete Luft des Hochgebirges wirkte auf sie wie ein aufregender Trank . Sie schlief unruhig , von bunten Träumen gequält , und fast keine volle Nachtstunde hintereinander . Ein Gefühl des Schwebens , der vollen Losgelöstheit beherrschte sie . Sie war niemals müde , immer gespannt , gehetzt , erwartungsvoll . Das Gewitter steigerte ihre Unruhe . Mit starren Augen verfolgte sie die stürzenden Regenbäche an den immer von neuem behauchten Scheiben , blickte sie in das mißhandelte Gärtchen hinab . Ganz klein war es und eben noch wohlgepflegt . Ein wenig blaugrüner Lauch , ein wenig Würzkraut für die Küche , ein paar silberweiß gefleckte Disteln mit großen violetten Blüten , ein paar rote Türkenbundlilien und ganz nah der schützenden Wand des Nachbarhauses ein junger Kirschbaum mit eben sich rötenden Früchten . Unten bei Truns und Ilanz wachsen der Bergkirschen die Fülle , hier oben , im Gebiet der Arven und Fichten , ist ein Fruchtbaum eine Seltenheit . Er war der Stolz des Besitzers , dieser junge fruchtbeladene Baum . Mit einer steigenden , ihr selbst unerklärbaren Angst im Herzen hefteten sich Josefines weit geöffnete Augen auf das wild vom Gewittersturm umhergeschleuderte Bäumchen . Alle Blätter waren nach oben gestrichen , die Fruchtstiele durcheinander gewirrt , die Äste schlugen hin und her ; der Pfahl , an dem es angebunden war , bog sich , krachte , das Stämmchen wollte sich losreißen . » Hagel ! Auch noch Hagel ! « Ein rasendes Wetter brach los . Die Blitze zischten so schnell herab , daß das verfinsterte Zimmer unaufhörlich in zuckenden blauen Flammen stand , gegen die klirrenden , brechenden Scheiben klopften die harten Eiskörner , Heufetzen und Schindelstücke fuhren vorbei , der Sturm heulte wie in der Winternacht zwischen den Häusern , die Haustür dröhnte , auf- und zugeschlagen , und verloren wimmerten die Glocken von Sedrun , Rueras und Selva . Die Kinder hatten sich zu dem Großvater geflüchtet , Hermann und Rösli versteckten die Köpfe und schrien nur zuweilen auf ; Uli saß auf des Großvaters Knie , unerschrocken und fragelustig . Josefine stand allein . Sie sah das Dach des Nachbarhauses in Trümmer gehen , einen Fensterladen herumwirbeln und herabstürzen ; kläglich flog der bunte Kattunvorhang aus dem leeren Loche heraus , wurde gepackt und fortgerissen . Die Blumen standen wie zerstampft , eine weiße Eisschicht bedeckte die Beete , das Kirschbäumchen mit gebrochener Krone , die wie ein verwundetes Haupt schmerzvoll zuckte , ohne Blätter , ohne Früchte , war ein kahler Stumpf geworden . Eine unstillbare Traurigkeit überfiel Josesine . Ihre ausgebrannten Augen fanden Tränen , eine Flut von Tränen , ihr selbst unbewußt . Ihr armes Feld ! Kaum geblüht hat der Roggen , und schon zerschlagen ! Ihre lange , mühselige , schweißauspressende Arbeit auf den jähen glühenden Matten - da wirbelt das Heu , im Wettersturm und Hagel zerstreut - ihr niederes , armes Haus , jedes Brettchen von liebevoller , kunstfertiger Hand geschnitzt - ihr kleiner Kirschbaum - die Blätter - die Früchte - ihr kleiner Kirschbaum ! Die Glocken winselten Gnade ! Gnade ! Die Berge schienen zu bersten - das Ende aller Dinge gekommen . Laure Anaise stürmte herein . Ihr Haar triefte , ihre Kleider klebten . » Wißt ihr ' s denn schon ? Der Bach hat die Brücke eingerannt , und zwei Mannen sind weggerissen , zwei Wildheuer aus Surrhein , sagen sie - der Bach bringt Felsen herab , so hoch ! - Aber wie denn ? Du weinst , Josefine ? Warum ? « Sie flog zu Josefine hin , umschlang und küßte sie , wischte ihr die Tränen ab und war wie außer sich . » Großvater , sieh emal her ! Josefine ist krank ! Sie hat noch nie geweint , und nun weint sie , weil zwei Mannen weggerissen sind - « Ein neuer Donner brüllte über das Tal herunter . » Du bist nit gut z ' Weg , die Kleine hat recht , « sagte Plattner , als Josefine sich erholt hatte . » So empfindlich muß man nit sein . Mußt ihm Meister werden , Josy . So was führt zur Melancholie . Die Welt ist schlimm genug , aber so schwarz ist sie denn doch nit . Zumal hier in den Bergen . - Der Roggen ist noch grün , er steht wieder auf . Der Cavenz3 sagt ' s auch . « Josefine antwortete nicht , ihre verweinten Augen hingen an dem zersplitterten Stumpf des jungen Kirschbaums . Die Krone lag daneben zwischen den Disteln . Der Wirt Cavenz trat auch heran . Er hatte schon wieder die kurze Pfeife angezündet , die ihm während der Wut des Wetters ausgegangen war . » Wir sind - wir Bauern hier sind glückliche Menschen , « sagte er ganz unvermittelt . » Verstehen Sie recht . Mit Wind und Wetter kämpfen - das ist das Ärgste nicht . Wir sind alle arm , und deswegen ist niemand arm . Es hat doch jeder zu essen . Gehen Sie nach Paris und London , « seine klugen , braunen Augen wurden lebhaft , » gehen Sie nach Berlin , und sehen Sie , was dort ist ! Dort ist Elend ! Dort ist Sklaverei ! Dort ist ' s zum Erbarmen , schauderhaft . Ich bin in Paris und London gewesen . Ich war auch in Wien und Berlin . Ich weiß nicht , wo ' s am schlimmsten ist . Lieber vom Wetter zusammengeschlagen werden , lieber vom Berg abstürzen . Gehen Sie emal dorthin . ' s Herz steht einem fast still . Man weiß ja nicht , wofür ! Hier weiß ich ' s , wofür ! « Erwartungsvoll blickte er Josy an . Sie nickte , schüttelte ihm die Hand . » O , es geht mir nichts über die Berge , « sagte sie , » ' s ist ja auch meine Heimat ; der Vater ist von Valendas . Der Großvater war ein Bauer . In einer Großstadt könnt ich nicht leben . Es ist auch nur - « Sie mußte sich abwenden . » Bleib noch ein , zwei Wochen hier , « mahnte Plattner , » du brauchst mal ein Ausrasten . Hier oben ist bald wieder Sonnenschein . Verleb ein paar gute Tage hier , ' s ist dir notwendig . « Aber Josefine hatte keine Ruhe . Es hetzte sie von Stelle zu Stelle . » Die Arbeit , Vater ! Du weißt , was das auf sich hat . Dazu lebt man doch , daß man schafft . Dazu lebst du doch auch . « Plattner brummte . » Aber nit so blindwütig wie du . Das ist nichts . « » Herr Cavenz , « sagte Josefine , » jetzt , sehen Sie - ich muß mein Examen machen ! Ja , Vater , es ist doch so . Die Bücher liegen zu Haus . « » Hätten Sie ' s nur mitgebracht , Frau , « meinte der Wirt zutraulich . Einen Tag später , als sie sich ' s vorgesetzt , fuhr Josefine nach Zürich zurück . Nur keine Ruhe ! Arbeit ! Nur keine Muße ! Arbeit ! Nur kein Nachsinnen ! Nur kein Grübeln ! Arbeit ! Arbeit ! Arbeit ! Das Kind ist gestorben ! Arbeit ! Georges ist dort ! Arbeit ! Was er wohl denkt ? - Denk nicht daran ! Arbeit ! Vielleicht war es zu retten ? - Denk nicht daran ! Arbeit ! Sie leben dort , gebückt zum felsigen Boden . Ihr Rücken ist gekrümmt , ihre Beine und Arme scheinen wie knorrige Wurzeln . In ihren Gesichtern sind Runzeln und Falten von zuviel Luft . Ihre Augen tränen von zuviel Luft . Aber zwischen den Tränen glänzt ihr gerader unverhüllter Blick wie ein Stern ! Arbeit ! Arbeit ! Arbeit ! Das Kind ist gestorben . Mein Vater hat es sterben sehen . Er liebte das Kind . Er hielt es in den Armen , bis es starb . Seine Arme sind auch hart wie knorrige Wurzeln . Die Tränen liefen ihm in den weißen Bart , weil das Kind gestorben war . Er ging auf die Felsen , kam zurück und lächelte : » Die Alpenrosen ! « Sein starkes Herz lächelte : » Die Alpenrosen ! « Was hat sein Herz so stark gemacht ? Arbeit ! Arbeit ! Arbeit ! Arbeit , und sei es die graueste , eintönigste ! Arbeit , und sei es die blutigste , hoffnungsloseste ! Arbeit , mein Opium ! mein Rausch ! Arbeit , meine Betäubung ! mein Leben ! Hetzjagd von Minute zu Minute ! Hetzjagd von Gedanke zu Gedanke ! Nie zu Haus , weder drinnen noch draußen ! Arbeit ! Blutig und hoffnungslos erschien Josefine die Arbeit in den Kliniken . Nach dem dritten Examen hatte sie mit dem Wintersemester den Besuch der Kliniken belegt , wie es sich gehörte . Der Eindruck war ein überwältigender . Die » wissenschaftliche « Haltung , welche vor den Leichen des Präpariersaals mühsam errungen worden , zerbrach vor dem lebendigen Leiden , vor dem Stöhnen und Ächzen , dem Wimmern der Angst , dem Schreien der Qual , vor dem trostsuchenden Fleheblick der gepeinigten Kranken , vor ihrem hilflosen Hinabsinken in die unersättliche Grube . Der Schnitt in das lebende , blutende Fleisch war ein anderer Schnitt als der in die weiße , wächserne Leiche . Die Zersägung des rotmarkigen Knochens hatte eine andere Bedeutung als das Zersprengen des elfenbeinfarbenen , präparierten Schädels . Das Leben schrie zum Leben , vor dem Tode . Es schrie um Hilfe mit seinen Wunden , seinem Elend , seiner Verkrüppelung . Es wehrte sich gegen die Vernichtung mit kleinen , fleischlos weichen Kinderknöchelchen und mit den erlahmten , verbrannten , zerknickten Muskeln junger Riesen , die man aus den Fabriken heraustrug . Es schlug um sich mit den verzehnfachten Kräften des Wahnsinnigen , es pfiff mit schauerlichem Winseln aus der Lunge des Schwindsüchtigen . Das Leben schrie , und vor dem schreienden Leben stand der Arzt , auch ein schwaches , stets bedrohtes , dem Tode unterworfenes Geschöpf , und dieses auch schwache , stets bedrohte , dem Tode unterworfene Geschöpf nahm eine » wissenschaftliche Haltung « an , um sein Zittern und seine Hoffnungslosigkeit zu verdecken . Und der Hoffnungslose erfand in seiner Hoffnungslosigkeit Namen auf Namen , lange , gelehrte Bezeichnungen , und er taufte die zerfressenen Nasen so und die vereiterten Lungen so und die gelähmten Gehirne so , und es schien ihm , als sei ein Funke Hoffnung irgendwo aufgeblitzt . Das Leben schrie , und der Hoffnungslose forschte , warum es schrie , und fand , warum es schrie - was man so finden nennt - und er schrieb die Geschichte der Krankheit , ihre Symptome , ihre Entstehung , ihren Ausgang , den immer gleichen Ausgang . Und er sagte : Jetzt ! jetzt haben wir es . Das heißt , wir glauben jetzt zu wissen , was dies sein könnte . Wir haben dies studiert . Wir haben Bücher darüber geschrieben . Es kommt bei Millionen vor . Es hat verschiedene Grade und Stufen . Wenn wir es merken , so ist es schon zu spät . Aber doch ist es gut , alles ist gut , denn wir wissen ! Und die Hauptsache ist : Das Material geht uns nicht aus . Der Mensch ist sterblich , aber die Krankheit ist unsterblich . Sie wird immer von neuem geboren . Sie wird immer von neuem erworben . Es ist sehr wohl möglich , daß wir noch einmal dahinter kommen , was es ist . Inzwischen probieren wir , inzwischen experimentieren wir und fühlen uns Herren über Leben und Tod . Unter unseren Händen quillt das jüngste Leben ans Licht . Wir übergeben es dem Licht , wie wir den Sterbenden dem Grabe übergeben . Wir beherrschen das Leben vom Ende bis zum Anfang , vom Anfang bis zum Ende . Josefine sah , wie einige dieser Ärzte so sicher wurden , daß ihre Sicherheit ihnen wie ein Rausch zu Kopf stieg . Sie hörte einen Professor sarkastisch halb , halb mitleidig lächelnd sagen : » Für den Naturmenschen hat der Tod immer etwas Geheimnisvolles . « Er entschuldigte den Naturmenschen , er lächelte milde und mitleidig über den Naturmenschen , für den der Tod immer etwas Geheimnisvolles hat . Nun ja ! ein Naturmensch ! Aber freilich - ein wenig Sarkasmus umspielte doch seine Lippen ! Der Naturmensch hatte immerhin den Ausweg , einen Professor zu fragen - einen von uns ! - und sich belehren zu lassen , daß der Tod nichts Geheimnisvolles hat . Gar nichts ! Tod ist einfach : letaler Ausgang . Und letaler Ausgang ist immer das Ende . Also - was gibt es da Geheimnisvolles ? Nur ein Naturmensch kann in einem so alltäglichen , allstündlichen , allminütlichen Vorgang etwas Geheimnisvolles sehen ! Und einem stieg der Rausch der Sicherheit bis über den Kopf und machte ihn roh wie einen Trunkenen . Und er sprach zu dem Sterbenden : » Kehre uns dein Gesicht zu , damit wir sehen können , wie du stirbst . « Aber da scharrten die Studenten und machten durch ihr Scharren dem Sicherheitstrunkenen bemerklich , daß er » zu wissenschaftlich « gewesen war . Josefine hörte es auch