ein Jude , konnte doch gegen diesen Programmpunkt nicht eingenommen sein ? Dieser aber fuhr fort : » Wissen Sie , meine Herren , man bekämpft doch nur etwas , was man ernst nimmt - etwas , was bedrohlich sein kann . Aber der Antisemi - semitismus ( mir ist das bloße Wort schon verhaßt , man sollte ihm gar nicht die Ehre erweisen , es auszusprechen ) das ist ja eine schon absterbende Verirrung , die aus Deutschland hereinkam , eine Erfindung des Pastor Stöcker , die aber hier keine Wurzel fassen wird ... dazu ist der Wiener zu gemütlich und zu - fidel , dem passen solche düstere Verfolgungslehren nicht - auch zu passiv , zu bequem . Glauben Sie mir - ich kenne unsere Bevölkerung ; von den hohen Klassen rede ich gar nicht - ich verkehre doch mit der höchsten Aristokratie ... na , und die kleinen Bürger , denen fällt so was gar nicht ein . Da sind nur so ein paar Hetzer , die man am besten durch Totschweigen unschädlich macht . ... Kurz , ich erkläre , wenn sich das Blatt mit dieser Frage überhaupt befassen , das dumme Zeug nur erwähnen wollte , so ziehe ich meine Mitwirkung zurück . Hat sich was : Antisemitismus ... Unsinn , weiter nichts - und soll auch als Unsinn behandelt , d.h. also in einer ernsten Publikation gar nicht behandelt werden . Dixi . « Bresser erbat sich das Wort . » Da ich der Urheber jenes Programmpunktes bin , so muß ich doch zu seiner Verteidigung und Begründung einige Argumente vorbringen . « » Bringen Sie vor , was Sie wollen , « unterbrach der Baron , » ich gehe von meinem Entschluß nicht ab . Ein Blatt , das ostentativ erklärt , eine solche dumme Frage erörtern zu wollen , subventioniere ich nicht - ich nicht . « Der Vorsitzende fiel ein : » Diese Kontroverse kann leicht behoben werden , « sagte er . » Ich bin ganz einverstanden , daß das Wort Antisemitismus in unserem Prospekt gestrichen werde . Gegen die Formel : Bekämpfung aller rückschrittlichen Gesinnungen haben Sie doch nichts einzuwenden , Herr Baron ? « » Nein . « » Nun , damit ist auch Ihnen Satisfaktion gegeben , Herr Bresser , denn unter diesen Sammelnamen muß ja die mittelalterliche Bewegung auch fallen , die Sie bekämpfen wollen , und die , wenn sie fortfahren sollte , um sich zu greifen , natürlich in einer Tageszeitung auch besprochen werden müßte . « » Ich bin ' s zufrieden , « sagte Bresser . » Ich aber nicht , « versetzte Glasschild . » Je mehr die anderen den Unfug auffallend machen wollen , desto konsequenter müssen wir ihn totschweigen . Übrigens , in ein paar Monaten redet so niemand mehr davon . « Einer der Reichsräte erbat sich das Wort . » Da wir schon von den Bedenken sprechen , die das Programm unserer geplanten Zeitung erweckt , so kann ich nicht verhehlen , daß mir daran der Mangel einer strammen Parteiansicht sehr unangenehm auffällt . Wir sind einig geworden , daß wir auf Regierungssubvention verzichten . Gut . Wir werden auch keine Direktive von oben annehmen , wie wir uns zu dieser oder jener politischen Frage zu äußern haben . Auch gut . Dafür aber müssen wir uns selber eine Direktive geben - einen festen Weg vorzeichnen - sonst gleiten wir unversehens ins reaktionäre oder ins revolutionäre Lager . Hauptsache ist doch , dem liberalen Prinzip zum Sieg zu verhelfen , nicht wahr ? Also ist es doch geboten , daß wir in unsern Leitartikeln die Grundsätze und die Taktik der liberalen Partei zielbewußt vertreten . « » Die Taktik dieser Partei ist mit ihren Grundsätzen oft in direktem Widerspruch , « warf Bresser ein . » Das beruht dann auf kluger Erwägung der gegebenen Umstände . « » Opportunismus , « murmelte Bresser . » Nennen Sie es Opportunismus , wenn Sie wollen . Man muß ja doch mit den realen Verhältnissen rechnen . Man kann , wenn man , um seine Prinzipien desto besser durchzusetzen , regierungsfähig werden will , nicht in allem Opposition machen ; man muß gewisse Forderungen der Regierung - z.B. in der Militärfrage - opfermutig bewilligen , schon um sich loyal zu zeigen , um keinen Zweifel an seinem Patriotismus aufkommen zu lassen . Kurz , man muß , um nicht irre zu gehen , um das segensreiche Wirken unserer Partei zu unterstützen , fest und unentwegt zu ihr halten . « » Dazu hätte man nicht erst eine neue Zeitung zu gründen gebraucht , « bemerkte einer der Journalisten . » Wir besitzen ja in Wien ein Weltblatt , das mit Ihrer Partei durch dick und dünn geht . « Bresser öffnete und schloß mehrere Male hintereinander die Lippen - aber er sagte nichts . Ein zorniges Gefühl stieg ihm in die Kehle - ein Gefühl , das einen trockenen und bitteren Geschmack hatte . - Macht haben und allein sein : das ist das einzige , um Großes , Neues durchzusetzen , - sagte er sich im Geiste - statt all dieser Finanzprotzen , Politikaster und Federfuchser , er allein mit ein paar Millionen in der Hand , dann flöge das Blatt , genau im Geist seines Prospektes beschaffen , schon in vierzehn Tagen in alle Welt . Die kongenialen Kräfte kämen dam schon von selber herbei . Aber hier - das sah er jetzt kommen , würde das Unternehmen an den gegensätzlichen Willensrichtungen scheitern , oder in irgend ein altes Geleise hineingleiten . Schritte zu machen : zu diesem Beschluß raffen sich beratende Körperschaften schon auf : aber nur schön vorsichtshalber auf - ausgetretenem Wege . Einen neuen Weg vorzuschlagen , das wagt immer nur der einzelne . Nach langer Debatte , an der sich Bresser nicht mehr beteiligte , wurde ein Vorschlag eingebracht und angenommen , dahin gehend , daß aus der Mitte der Teilnehmer eine engere Kommission gewählt werde , bestehend aus zwei Kapitalisten , zwei Reichsratsabgeordneten und zwei Schriftstellern , welche über die Redaktion , über die Annahme und Ablehnung von Artikeln als oberstes Zensuramt und als entscheidende Instanz eingesetzt würde . Diese Wahl wurde auf die nächste Sitzung anberaumt , denn es war mittlerweile Essenszeit geworden , und der Hunger ist stärker als die Liebe - namentlich als die Liebe zu einem geistanstrengenden Unternehmen . » Ich bin dabei , « sagte der Vorsitzende , » konstituieren wir unser Zensurkomitee das nächstemal und dann soll auch die finanzielle Frage endgültig gelöst werden . Und somit - « » Vor Schluß der Sitzung bitte ich noch ums Wort ! « unterbrach Bresser mit erregter Stimme . Einige der Herren , die schon im Aufstehen begriffen , setzten sich wieder . » Also bitte , Herr Bresser , « sagte der Vorsitzende . » Ich wollte einfach meinen Austritt anmelden . Der Verlauf , den die heutigen Verhandlungen genommen haben , zeigt mir deutlich , daß unser ursprünglicher Plan ganz fallen gelassen wird . Was an dessen Stelle getreten , macht es mir unmöglich , mitzuhalten . Der Verlust wird für die anderen kein großer sein - ich habe ja kein Kapital und auch keinen berühmten Namen einzusetzen ... Nur Arbeitslust hätte ich mitgebracht und Begeisterung für gewisse Ideen . Die Arbeitslust ist verschwunden , denn gerade die Ideen , die in meinen Augen den Sinn und den Zweck des neuen Blattes abgaben , würden der neubeschlossenen Zensur zum Opfer fallen . Der Begriff Zensur an sich stößt schon alles um , was ich von diesem Blatt geträumt hatte . Wir sollen für die Freiheit wirken und selber nicht frei sein ? Nun - heute besitze ich noch meine volle Freiheit , ich benutze sie , um - ich wiederhole es - mich von dem Unternehmen zurückzuziehen . « Sprach ' s , empfahl sich und ging . VIII Die Kapelle im Schloß Brunnhof war reich mit Grün Blumen geschmückt . Die Glashäuser waren geplündert worden und hatten alle ihre Oleander- und Orangen- und Palmenbäume in Kübeln hergeben müssen , um den Hauptaltar zu umrahmen . Und an die hohen Wachskerzen , die in den silbernen Kirchenleuchtern brannten , waren weiße Schleifen , Rosen und Kamelien befestigt . Die Rosen , mit welchen man auch in reicher Fülle die Altarstufen bestreute , waren aus Wiener Blumenhandlungen geschickt , denn in Brunnhof - man schrieb den 12. November - blühten keine mehr . Vom Eingang der Kapelle bis zu den Betschemeln des Brautpaares lief ein roter Plüschteppich und auch die ersten Reihen der Kirchenbänke waren mit rotem Stoffe ausgeschlagen . Schon füllten sich die hinteren Bänke mit den Dorfbewohnern - in der nächsten Viertelstunde mußten die Herrschaften kommen . Die festgesetzte Stunde - elf Uhr - schlug eben von der Schloßuhr herab . In der Sakristei warteten , in vollem Ornat , der Prälat des benachbarten Stiftes , der unter der Assistenz des Pater Protus und dessen Kooperators die Trauung vollziehen sollte . Auf dem Chore saßen und standen die Musiker und Sänger bereit - tüchtige Kräfte aus Wien . Unterdessen hatten in einem Saale des Schlosses die Hochzeitsgäste sich versammelt . Es fehlten nur noch die Braut und ihre Mutter . Die ganze Gutsnachbarschaft war eingeladen worden und außerdem noch Verwandte aus Wien und von weiterher - im ganzen etwa sechzig bis siebzig Personen . Ein Schwarm junger Komtessen , Sylvias Ballgenossinnen der verflossenen Wintersaisons , unter ihnen die vier Brautjungfern in gleichen rosa Kleidern ; - die Damen alle in lichten Toiletten , zwar hoch und mit geschlossenen Hütchen , aber dennoch mit Schleppe und Schmuck ; die Herren in Galauniform oder Frack , die meisten mit Ordenskettchen im Knopfloch . Man stand in Gruppen umher und lebhaftes Stimmengewirr füllte den Raum . In einem Nebensaale , zu dem die Türen offen standen , waren die Brautgeschenke ausgestellt : zwei lange Tische voll Schmuckkapseln , silberne Toilette- , Tisch- und Teegarnituren , Vasen , Fächer , Spitzen , Lampen , Gürtelschnallen und Sonnenschirmgriffe aus Gold und Edelsteinen und sonstigen Kostbarkeiten . Alles das hatte die Gesellschaft schon vor einer Stunde bewundert ; jetzt standen vor der gehäuften Pracht nur noch zwei der jungen Mädchen , und ein stiller Neid , gemildert durch die Hoffnung , daß die Zukunft ihnen ähnliches bescheren werde , erfüllte ihre eitlen Seelchen : - ach , solche schöne Dinge besitzen , solche Brillantsterne im Haar , solche Perlenschnüre um den Hals - aus solchen Kannen den Tee eingießen , im eigenen Salon ; vor solchen Spiegeln sich frisieren lassen , » Frau « genannt werden , Pferd und Wagen besitzen , Loge in Oper und Burg , und - nebstbei - auch noch einen verliebten Mann : so wundervolle Dinge gibt es auf der Welt , und gerade so wie sie heute der Sylvia zugefallen , werden sie nächstens auch ihnen zuteil . Das ist ja Tribut , den das Schicksal allen Töchtern der » Gesellschaft « sozusagen schuldet ... Die Gespräche der Herren im Saale drehten sich fast ausschließlich um die Jagd . Es war ja eben die Jahreszeit , da man von einem Schloß zum anderen fuhr , um Hasen , Rehe und Fasane zu erlegen , und einer erzählte dem andern , oder fragte , bei wem gestern gejagt worden , und bei wem morgen gejagt werde und wieviel man dort geschossen habe und wieviel da . Einige waren so glücklich , von kaiserlichen und erzherzoglichen Jagden erzählen zu können , an denen sie teilgenommen hatten , oder die ihnen bevorstanden . Rudolf , der Hausherr , brachte Einladungen zu den Brunnhofer Jagden vor , die vom 21. bis 23. November stattfinden sollten . Auch in die Unterhaltung der Damen mischte sich häufig das Wort » Jagd « . Wenn auch nur wenige unter ihnen waren , die sich aktiv , mit dem Gewehr auf der Schulter , an dem Sport beteiligten , so gehörte doch die ganze Sache um diese Herbstzeit so sehr zur Lebensausfüllung ihrer Kreise , daß sich ihre Gedanken und Gespräche damit beschäftigen mußten . All den Hausfrauen , denen das Empfangen und Bewirten der Gäste obliegt , ist das Thema beinahe ebenso wichtig , wie für die Jagdherren . » Wieviel ist geschossen worden ? « das ist die erste Frage , welche die gastliche Wirtin an die heimgekehrten , vor dem Diner im Salon versammelten Jäger richtet , worauf dann jeder einzelne noch mit lebhaftestem Interesse um die Zahl seiner Beutestücke befragt wird . » Wieviel haben Sie geschossen ? Und wieviel Sie ? « Den Franzosen und den Engländer frägt man : » Wieviel Stück haben Sie getötet ? « Der letztere fügt der genannten Zahl höflich hinzu : » Oh , it was exzellent sport . « Sport ? Also nur Vergnügen ? Mit nichten . Das Ding wird als eine Art Berufspflicht aufgefaßt , als etwas , das man - dem gegenseitigen Rang und Reichtum angemessen - sich und seinen Standesgenossen schuldig ist . » Der erste Bock « : das ist nicht nur ein Jubelbewußtsein für das junge Gräflein - auch seine Mutter erzählt ihren Freundinnen mit Stolz , daß der Gusti oder der Fredi neulich seinen ersten Bock geschossen . Wenn das in Marthas Gegenwart geschah , so blieb sie stumm . » Das arme Reh ! « war , was sie dabei dachte , und auch ein wenig » Der arme Bub ' « , denn wenn das als freudvolles Ehrgeizziel gelten soll : die Vernichtung eines unschuldigen Lebens ... Alle Gespräche sind plötzlich verstummt . Sylvia tritt über die Schwelle in einer weißen Glorie von Atlas , Tüll und Myrtenblüten . Zwei kleine Knaben - in Pagenkostüm - tragen ihre Schleppe . Zugleich war auch Baronin Tilling erschienen . Diesmal hatte sie doch die gewohnte tiefe Trauer abgelegt und war in lichtes Grau gekleidet . Beide Frauen waren blaß und hatten gerötete Augen . Die anderen fanden das natürlich : der Abschied und die Feierlichkeit der Lebenswende - das ist ja Grund genug zum Tränenvergießen . Sie hatten aber nicht nur aus diesem Grund geweint - Mutter und Tochter . Ein banges Weh hatte sie beide erfaßt , ein Gefühl beinahe wie Furcht und Reue . Jetzt aber stürzten die vier Kranzeljungfern auf die Braut zu und umarmten sie stürmisch ; von allen Seiten Händedrücke , Küsse , Gratulationen , Verbeugungen .... Sylvias Bangen wich dem wiedererwachenden Bewußtsein , daß sie der vielbeneidete , vielbewunderte Mittelpunkt dieser glänzenden , wichtigen Feier war . Und auch von ihrer verliebten Leidenschaft strömte wieder eine beglückende Welle von ihrem Herzen empor , als sie nun ihrem schmucken Bräutigam , der auf sie zueilte , in die freudestrahlenden Augen sah . Noch ein paar Minuten der Begrüßungen und der Gespräche , dann begann , unter Rudolfs Anordnung , der Zug sich zu bilden . Der Weg aus den Salons zur Schloßkirche - wenn man nicht ins Oratorium , sondern in das Schiff gelangen wollte - führte über zwei Treppen und einen langen Korridor . Dieser ganze Weg war teppichbelegt und mit Reisig und Blumen bestreut . Davon stieg ein Duft auf , der an Fronleichnamsprozessionen mahnte . Glocken- und Orgelklänge drangen auch schon aus dem Kirchlein herüber . Am Arm des Brautführers - ein junger Vetter , Graf Althaus , - schritt Sylvia langsam dahin , hinter ihr die schlepptragenden kleinen Pagen ; es war ihr dabei zu Mute , halb als ob sie träume , halb als ginge sie über eine Theaterbühne , und nicht , als wäre das alles wirkliches Erlebnis . Und als sie die Kapelle betrat und die unzähligen brennenden Kerzen sah , die zwischen den Blattpflanzen auf und rings um den Altar flimmerten , da empfand sie etwas von dem Eindruck , den man beim Betreten eines Zimmers hat , in dem ein angezündeter Christbaum strahlt . Bescherungen und Überraschungen sollte es ja da auch geben : ein funkelnagelneuer Frauentitel , ganze Schachteln voll interessanter Pflichten - und auch Süßigkeiten , sonst verbotene ... in Fülle . Diese Christbaumstimmung machte schnell einer anderen Platz , als sie jetzt auf den Betschemel niederkniete - - Toni Delnitzky an ihrer Seite . Die Priester kamen aus der Seitentür und stellten sich an den Altar ; vom knapp vor dem Brautpaar geschwungenen Weihrauchfaß qualmte der intensivste Kirchenduft empor und mahnte Sylvia an Begräbnisfeiern - begraben für ewig war ja auch die Mädchenzeit , war die Freiheit , war die Möglichkeit , das wunderbar volle Glück zweifelloser Liebe zu finden ... der Mann da neben ihr war ihr nicht Hort und Zuflucht ; - erst gestern , während des Polterabends , hatte er Dinge gesagt , die ihr furchtbar mißfallen hatten - momentan hätte sie ihn beinahe hassen können ... zum Glück war nach solchen flüchtigen Regungen die verliebte Regung wieder desto wärmer aufgetaucht , aber das volle Vertrauen , das fehlte ; das selige , schutzessichere Sichschmiegen und Sich-kauern , das konnte sie an dieser Brust - da neben sich - nicht finden . Das Kirchlein war dicht gefüllt . Oben seitlich vom Altar und in den vorderen Bänken die Verwandten und die Gäste in ihren glänzenden Uniformen und Toiletten ; hinten die Beamtenschaft und die Dorfbewohner im Sonntagsstaat - gehobene Feststimmung auf allen Mienen . Auf Marthas Gesicht jedoch lag es wie Schmerz und Trauer . Das war man aber - bei feierlichen Anlässen - an ihr gewohnt . Wenn sie bewegt war , pilgerten ihre Gedanken stets zu ihrem geliebten Toten - das wußte man und ehrte man . Die Traurede begann . Hätte Pater Protus sie gesprochen , so hätte er herzlichere und bewegendere Töne anzuschlagen gewußt . Der fremde , sehr klerikale Prälat hielt eine Predigt , die eher pro domo als für das junge Paar gehalten schien . Das heilige Sakrament der Ehe , so führte er aus , ist von Gott eingesetzt , denn es ist dem Bunde Christi mit seiner katholischen Kirche nachgebildet . Der Zweck der Ehe bestehe darin , daß sich die Eheleute gegenseitig im Glauben stärken und in der Ausübung ihrer religiösen Pflichten zu unterstützen haben , und daß sie eine Familie gründen , die , in echtem Glauben auferzogen , das Reich der Kirche immer mehr verbreite . Das Glück der Ehe ist nur zu erreichen , wenn beide Gatten eifrig beten und die Kirchengebote erfüllen ; das Unglück so vieler Ehen rührt von dem leider so stark zunehmenden Indifferentismus her . Die Prüfungen und Krankheiten und Unglücksfälle , die keinem Menschenschicksal erspart bleiben , sind teils Strafen für Mangel an echter Religiosität , teils liebend auferlegte Prüfungen , aus denen man , wenn man gläubig und fromm ist , geläutert hervorgeht und dann zu einem gottgefälligen Tode gelangt , nach welchem die treuen Ehegatten im Himmel wieder zu ewiger Seligkeit vereint werden . Was in dieser Traurede gesprochen wurde , darauf achtete übrigens die anwesende Gemeinde weniger , als daß eine solche gehalten ward und daß die darin enthaltenen Worte zu der Zeremonie gehörten , kraft welcher diese beiden jungen Menschenkinder zu unlöslicher Lebensgemeinschaft verbunden werden - daß sie einander Liebe und Treue schwören und sich nie verlassen sollen - nicht in Krankheit , nicht in Armut - bis der Tod sie trennt . Das ist ' s - einerlei , wohin die begleitende Beredsamkeit sich versteigt - was das Priesterwort besiegelt . Auch der Ringwechsel , sowie das dazu gesprochene » Ja « war so ein zauberkräftiges Verfahren , wodurch zwei vor einer Minute noch freie Menschen aneinander gekettet waren , wodurch der eine Teil sogar den bislang getragenen Namen verloren und einen neuen erworben hat . Sylvia empfand diese Wandlung , die doch eigentlich nur eine ideelle ist , als wäre sie mechanisch vollzogen ; wie ein Ruck überkam es sie , als sie das » Ja « gesprochen und den Ring am Finger fühlte : jetzt bin ich Sylvia Delnitzky . Vom Chor herab ertönte feierlicher , andachtsvoller Gesang . Die lateinischen Worte verstand man nicht , aber aus der süßen Melodie klang wie eine fromme Bitte um Segen für das junge Paar . Eine gerührte Stimmung bemächtigte sich aller . Als die Sänger geendet hatten , ward der pro domo-Dienst wieder aufgenommen , indem ein Credo , drei Vaterunser und drei Ave Maria laut hergesagt wurden . Während des Ringwechsels waren draußen Böllerschüsse gefallen und auch jetzt , nach beendeter Zeremonie , während alle Familienglieder sich um die Neuvermählten drängten , sie zu küssen , ließen die Burschen im Dorfe die Freudenschüsse knattern . Nachdem das junge Paar und die Trauzeugen ihre Namen in das Kirchenregister eingetragen , war die ganze Handlung beendet . Von neuem formte sich der Zug , doch jetzt in anderer Ordnung : Sylvia voran am Arme des - Gatten . Es folgte nun - alle Festlichkeiten gipfeln ja im Essen und Trinken und Trinksprüchen - das Hochzeitsfrühstück an der mit weißen Blüten überstreuten Tafel . Den ersten Toast brachte der Prälat aus - auf die Neuvermählten natürlich . Ein Blumensträußchen hatte er für sie gewunden . Darin war weißer Flieder , als Sinnbild der Unschuld der holden Braut ; eine blaue Kornblume - die Farbe der ehelichen Treue - ; eine rote Rose , das Bild der Liebe , und das Ganze zusammengehalten - damit die höchste Weihe nicht fehle - durch einen Dorn aus des Heilands Dornenkrone . Und indem er ihnen diesen Strauß auf den Lebensweg mitgebe - der aber kein Dornen- , sondern ein Rosenpfad sein möge - bringe er ein Hoch aus auf Graf Anton und Gräfin Sylvia Delnitzky . Alle rufen » hoch « und stehen auf , um mit den beiden anzustoßen . Gar manche sind darunter , die vor mehr oder weniger Jahren das Gleiche durchgemacht , auf deren Glück ebenso stürmische » Hoch « ausgebracht wurden und die doch nichts weniger als glücklich geworden . Sylvia ist von der durchgemachten Erregung , von dem Lärm wie halb betäubt ; das Wort Glück - von allen Seiten schlägt es an ihr Ohr ... Aber ist diese Müdigkeit , diese Abspannung , diese zugleich glühende Neugier und fröstelnde Furcht vor dem so nahe bevorstehenden » Endlich allein « , dieses Bangen vor der lebenslänglichen Zukunft an der Seite eines - Fremden , dieser Abschied von dem teuren Mädchenheim , von den Ihren - : ist denn das » Glück « ? Sie denkt auch , mehr als sie daran denken sollte , an einen Brief , den sie vor einigen Tagen von Hugo Bresser erhalten . Einen Brief , den sie oft durchgelesen und den sie an diesem Morgen verbrannt hatte ... Nach zwei Stunden war das Mahl zu Ende und eine weitere Stunde später bestieg das junge Paar den Wagen , der es zur Eisenbahnstation brachte . Ein kalter Novembernebel rieselte herab , doch die Hochzeitsreise ging ja in das Land der Sonne - an die Riviera . IX Kurz nach der Abfahrt der Neuvermählten hatte sich Baronin Tilling in ihre Zimmer zurückgezogen . Sie war nicht in der Laune , mit fremden Leuten liebenswürdig zu sein . Diese Aufgabe mußten Rudolf und Beatrix absolvieren , sie sehnte sich nach Ruhe und Einsamkeit . Gegen Abend aber sehnte sie sich nach Mitteilung , und da ließ sie ihren Sohn bitten , er möge zu ihr kommen . Bereitwillig willfahrte Rudolf diesem Wunsch . Hätte er nicht gefürchtet , seine Mutter zu stören , so wäre er von selber zu ihr gekommen , denn auch er hatte Unausgesprochenes auf dem Herzen , Dinge über die er sich mit niemand anderem als mit ihr aussprechen konnte . Martha , die ihre prunkvolle Brautmutter-Toilette gegen einen bequemen Schlafrock aus schwarzem Samt vertauscht hatte , lag auf einem in die Nähe des knisternden Ofenfeuers gerückten Ruhebett ; eine unter großem Spitzenschirm brennende Lampe verbreitete ein gedämpftes Licht in dem wohligen , mit Blumenduft erfüllten Raum . Der Duft kam von den Orangeblüten des Brautbuketts , das Sylvia hier hatte liegen lassen , als sie von der Mutter Abschied nahm . » Hier bin ich , « sagte Rudolf eintretend . » Wünschest Du etwas von mir , Mutter ? « » Nur Deine Gesellschaft , liebes Kind ... Mir war so bang ... Komm , setz ' Dich daher ... Hab ' ich Dich durch mein Rufenlassen gestört - Du spieltest vielleicht Karten unten mit den Gästen ? Ich will Dich ja nicht lang aufhalten ... « » O , ich habe keinerlei Sehnsucht , wieder hinunter zu gehen . Der Pfarrer hat meinen Platz am Taroktisch übernommen und Du hast mir den größten Gefallen erwiesen , indem Du mich rufen ließest ... Sind das alle Depeschen ? « Rudolf zeigte auf einen Haufen Telegramme , der auf dem Tischchen lag . » Ja , ich habe vorhin alle die Glückwünsche durchgelesen - über zweihundert ... fast überall dieselben Worte . Von hoch und nieder - von ihren einstigen Bonnen und von Erzherzögen : demütig die einen , herablassend die anderen - alle wünschen Sylvia Glück ... Und weißt Du , Rudolf , was ich fürchte ? ... Sie wird nicht glücklich werden . Das habe ich heute wieder mit erschreckender Deutlichkeit empfunden . Und ich fühle mich so schuldig dabei , so schuldig ! ... « Ihre Stimme zitterte . Rudolf legte beschwichtigend die Hand auf ihren Arm . » Mache Dir keine Vorwürfe , Mutter . - Die Zeiten sind nicht mehr , da Eltern über das Schicksal der Kinder verfügten . Sylvia hat frei gewählt ... und schließlich , der Toni ist nicht schlimmer als ein Dutzend andere - « » Unsere Sylvia - meines Friedrichs Sylvia - durfte aber keinem Dutzendmenschen gegeben werden ... Überhaupt , seit einiger Zeit ist mir , als täte ich dem Andenken meines Toten gegenüber nicht mehr meine ganze Schuldigkeit . Als ich an meiner Lebensgeschichte schrieb , da hatte ich das Bewußtsein , eine Aufgabe zu erfüllen ; - jetzt , seitdem diese Arbeit vollendet ist , ist mir , als müßt ' ich anderes wirken , tun , vollbringen , und ich tue ja nichts ... « Rudolf sprang erregt auf und ging einige Schritte auf und nieder . Dann blieb er vor seiner Mutter stehen : » Ich tue nichts . Und das lastet auf Deinem Gewissen wie auf dem meinen . Du hast mich ja dazu aufgezogen , den Kampf fortzusetzen , den Tilling begonnen hatte , und was habe ich bis jetzt geleistet ? Immer nur verschoben und verschoben ... immer nur geplant und geplant ... Aber getan ? Nichts . « » Nun wenn Du im Parlament - « » Ja , das ist auch so einer meiner Pläne , meiner hinausgeschobenen Arbeitsvorsätze . Aber ich fange an zu fürchten , daß es damit auch nichts werden wird ... Es fällt ja immer alles ins Wasser - wie zum Beispiel auch die Bressersche Zeitung ... Das sollte mein Organ werden ; darin hätte ich ausgeführt und beleuchtet , was im Parlament nur angedeutet werden konnte . Wer weiß aber , ob ich überhaupt ins Parlament komme ? Ich werde hin- und hergezerrt , ich möge mich dieser oder jener Partei anschließen , und wenn ich dann sage , was ich eigentlich will - Dinge , die außerhalb der bestehenden Programme liegen , - so finde ich kein Verständnis , so glauben die Leute - ich sehe es ihnen an - ich hätte einen Sporn . Am allerwenigsten verstehen mich die Wähler . Du wirst sehen : ich werde gar nicht gewählt . Mein Gegenkandidat , der tritt so schön vertrauenerregend in die gewohnten Phrasengeleise ; der verspricht so bieder , alle kleinen Lokalinteressen zu vertreten , während ich von Allgemeinheitsinteressen fasele ... Gibt ' s denn eine Allgemeinheit in der Politik ? Glauben denn die Leute nicht immer , daß eine Partei die andere niederringen muß , daß es dem A nur gut gehen kann , wenn der B überlistet und der C zermalmt wird ? Du wirst sehen , mein Gegenkandidat wird zehnmal mehr Stimmen erlangen als ich . Und das wird mich nicht einmal kränken können , denn in jeder Ansammlung von Köpfen gibt es doch zehnmal mehr dumme als kluge ... Hat man als Grundlage von Gesetzgebung und Regierung etwas blöderes , geradezu schädlicheres finden können , als das Entscheidungsrecht der Mehrheit ? « » Das Instrument mag schlecht sein , Rudolf . Aber wenn kein anderes da ist , worauf willst Du Deine Melodie spielen ? « » Meine Melodie ! Wenn nur die auch schon klar und voll und alles andere übertönend mir in der Seele klingen wollte ... « » Das tut sie ja . Wenn ich an die begeisterten Worte denke , die Du bei Fritzis Taufe sprachst ... das war echter Klang - « » O ja , einzelne große Glockentöne , die ich selber höre , wie sie mir aus Herzensgrund und Seelentiefe schallen ... dann aber kommt wieder der Lärm der Welt hinzu , der sie verschlingt - das Gegacker der Alltäglichkeit , das Gekläffe der Gemeinheit ... « » In solchem Zorne liebe ich Dich ... solche Selbstanklage bürgt mir für Dein echtes Wollen . « » Du bist zu nachsichtig mit mir , Mutter . Ich würde Deinen Tadel , Deine Vorwürfe verdienen . Was hab ' ich bis jetzt erreicht ? Was habe ich nur versucht in jener großen Sache , die Friedrich Tillings Vermächtnis war ? Heute hat es mich wie Reue erfaßt ... « » Wir begegnen uns , mein Kind ; auch ich habe die Empfindung , mich an Friedrich versündigt zu haben . « » Du , wieso ? Was kannst Du in der Sache noch tun ? « » Nicht in der Friedenssache meine ich . Ich meine ... es ist mir schwer zu erklären ... Du hast doch meine Lebensgeschichte gelesen ? Du mußt darin den Abglanz eines Dings