kommt nicht allzuviel Licht in unser Dasein hinein , nicht wahr ? Ja - ja - es ist kein erhebendes Gefühl , in dieser leeren Käseglocke wie eine Made dazusitzen und nicht weiter zu können - eingeklemmt von den inhaltlosen Bildern unsrer Sinne . Nu rede Du , sonst komme ich zu kurz bei der Torte . « Und der alte Priester aß wieder wie ein Scheunendrescher und versuchte mehrmals zu lächeln , was ihm aber bei dem permanenten Gekaue nicht gelang . Der Baumeister klatschte währenddem mehrere Male mit der flachen Rechten auf die eine Pyramidenseite wie auf einen Pferdeschenkel , daß es lustig durch den Mondschein schallte , und sprach dann , nachdem er noch ein gutes Stück von seiner Torte gegessen hatte , folgendermaßen : » Vieledler Priester aus dem alten Ägypten ! Deine Phantasie ist sehr madig - ich danke ! Aber - um in Deinem ägyptischen Bilde vom Himmel zu bleiben , frage ich Dich : warum sollen wir denn nicht durch die hellen Löcher da oben durch können ? Mit unsern Augen können wir doch die Löcher durchblicken und andre Welten sehen . Genügt das denn nicht ? Haben wir denn nicht ein paar Augen im Kopf , die überall durchdringen können - und überall Alles sehen können ? Und trotz unsrer herrlichen Augen nennst Du unsre Welt ein Gefängnis ? Edler Priester , es steckt , wie ich gleich geahnt habe , so schrecklich wenig Philosophie in Deiner trübsinnigen Weltanschauung . Ich kriege beinahe die Schimpfsucht . Donnerwetter ! Mit unsern herrlich leuchtenden Augen kommen wir eben aus unsrer dunklen Weltglocke raus - in Millionen andrer Welträume hinein - in denen Alles anders ist - so wie wir ' s gerade wollen - voll lachender Herrlichkeit und allmächtiger Grandiosität . Unsre Augen haben einen Weltenwert . Unser Sinnbilderdasein können wir so reich machen , daß uns die ganze Unendlichkeit dagegen klein erscheinen kann . Wir können doch mit unsern Augen , auch wenn sie blind geworden sind , zu allen Zeiten Alles sehen , was wir wollen . Genügt das denn immer noch nicht ? Ein Dasein , in dem wir schlechterdings Alles haben , was von unsrer Natur empfangen und gehalten werden kann - ein solches Dasein sollen wir miserabel nennen ? Ein herrlicheres Dasein können wir uns ja gar nicht denken - das gibt ' s ja gar nicht . « Der Baumeister war ganz außer Atem gekommen . Eulen flogen fauchend an der Pyramide vorüber . Die Mumie hörte für ein paar Augenblicke mit ihrem Kauen auf und sagte hüstelnd : » Rotbackige Begeisterungsweisheit ! Jünglingspoesie ! Deinen Reden fehlt ja das Rückgrat ; Dein Augenamüsement bleibt doch nur eine simple Sinnenlust . Wenn Du mit der Sinnenlust allein zufrieden bist , so weiß man ja , was man von Dir zu halten hat . Aber bei genügsamen , einfachen Gemütsmenschen wirst Du großen Anklang finden - bei denen kannst Du Triumphe feiern ! « Der alte Priester aß jetzt langsam weiter und besah den Rest der Nußbaumtorte mit größtem Eifer , als wenn er ihr Rezept - ihre Seele - entdecken wollte . Da sagte der Baumeister , alle zehn Finger krallenartig erhebend : » Ich übersehe das Witzige in Deiner Randglosse , denn es war nicht sachlich und nicht korrekt , aber ich verstehe wohl , daß Du von den menschlichen Sinnen nicht viel halten magst - Du hast ja eingeschrumpfte Sinne - eine eingeschrumpfte Nase , eingeschrumpfte Augen und Ohren - entschuldige , daß ich das nicht gleich bemerkte . Aber mit Deinen eingeschrumpften Sinnen darfst Du Dich hier nicht als Weltweiser aufspielen - das schickt sich nicht für einen Geist , der Philosophie im Leibe zu haben glaubt . « Der Baumeister reinigte sein silbernes Kuchenmesser , während der alte Priester aus dem Ägypterlande den ganzen Rest der Nußbaumtorte mit beiden Händen ergriff und ganz ungeniert hineinbiß wie ein wildes Tier . » Aus einer Ärgerstimmung , « fuhr der Herr aus Europa , während er sein Kuchenmesser in seinen Überzieher steckte , fort , » macht man keine Weltanschauung . Es ist doch lächerlich , wenn man eine gelegentliche , durch Verdauungsstörung oder sonstwie hervorgerufene Weltverachtung in Permanenz erklären möchte . Man kann ja nicht einmal eine gelegentliche Weltverulkung in Permanenz erklären . « » Man kann auch , « entgegnete die Mumie , » eine gelegentliche Weltverhimmelung nicht in Permanenz erklären - das ist ebenfalls lächerlich . « » Aber nicht so dumm wie Deine Trübsinnsphilosophie ! « gab der Baumeister zurück . Die Mumie schluckte den letzten Happen von der Torte runter und fragte höhnisch : » Was sagst Du nun ? « Der Baumeister klatschte wieder mit der Rechten auf seine Pyramide und blickte hinüber zur großen Sphinx , die im Mondenschein leuchtete wie ein Gespenst . Und der Herr aus Europa verglich stillschweigend die alte Sphinx mit der alten Mumie , die vor ihm saß , so daß es dieser unangenehm auffiel . » Sage mir doch , « sprach nun langsam der alte Priester , » warum wir Deine lächerliche Nußbaumtorte aufgegessen haben . Sag mir das , und ich gehe . Sag ' s mir doch ! Du bist ja so furchtbar schlau . « » Das kann ich , « versetzte da der Baumeister , » erst dann Dir sagen , wenn Du mir gesagt hast , warum Du keine weißen Manschetten trägst . « Da schnürte sich die Mumie fester ihre Wickelbänder um - erhob sich - schrie laut : » Pfui Deiwel ! « - und stürzte sich rücklings die Pyramide runter . Auf jeder Stufe schlug der Mumienkörper kräftig auf - was sich so anhörte , als würde ein alter Sack ausgeklopft - ein Lumpensack ! Viel Staub kam aus dem Sacke raus ; der Staub war sehr alt . Der heilige Nil glitzerte wie der Gürtel einer alten ägyptischen Prinzessin - so viel Mondenschein kam von oben runter . Der Mond umglänzte auch die Pyramide des Cekrops von allen Seiten , denn das himmlische Licht stand nun oben grad über der Spitze der Pyramide , in der Cekrops - oder ein andrer Pharao - seinen langen Schlaf schlief . Eulen flogen wieder fauchend an der Pyramide vorüber . Wilde Träume hatten mich geplagt . Ich schwebte immerzu zwischen großen , papiernen Hampelmännern herum - die schrieen immer , während unsichtbare Hände unten an ihren Strippen zogen , daß die papiernen Arme nur so flatterten - ja - die Hampelmänner - die schrieen immer : » Wir leben ja gar nicht , aller Lebensschmerz ist pure Einbildung ; der Schmerz ist Öl . « Und ich sah , wie Öl von den Hampelmännern heruntertroff- und unten ein großes Ölmeer erzeugte - das plötzlich zu brennen anfing . Und abermals hoben mich unsichtbare Hände auf und schwebten mit mir durch festlich strahlende Steingewölbe , in denen die Wände und Säulen funkelten wie Brillanten . » Ist dieses Reich nicht herrlich ? « Also riefen die Unsichtbaren . Und ich sagte : » Das habe ich mir Alles schon tausendmal in meinen Träumen zusammengedacht . « Nachdem ich dieses gesagt hatte , saß ich wieder einem kleinen Nilpferdchen gegenüber , und das meinte lächelnd : » Jetzt träumst Du nicht mehr ! Ich bin der Oberpriester Lapapi und möchte mit Dir über Deine Nußbaumtorte reden . Wie kommst du nur dazu , einem alten ägyptischen Priester eine so fadenscheinige Weisheit in den Mund zu legen ? « Ich war nicht im Stande , was Vernünftiges zu erwidern , und bat nur höflich um Entschuldigung . Und da nickte der Oberpriester und offerierte mir eine dunkle Cigarre . » Rauch nur , « flüsterte er lächelnd , wobei seine großen weißen Zähne mich anglänzten , » zuerst mal Dein Frühstück auf . Und dann wollen wir weiterreden . « Ich tat , wie er mich geheißen . Die Cigarre brannte gleich - ohne Schwefelholz . Und während ich rauchte , lief Lapapi im Zimmer herum und meinte hüstelnd : » Hm ! Hm ! Wenn ich jetzt was zu lesen hätte ! « Nun - ich verstand die Anspielung . Und es dauerte nicht lange , so hatte der Lapapi was zu lesen . Der alte Mörder Ein Gemütsmärchen Epheu rankte sich über das alte Gemäuer der stillen Ruinenwelt . Und es war einmal ein Mörder . Der mordete ohn ' Unterlaß . So manchem Menschen-Dasein machte er ohn ' Erbarmen ein blutiges Ende . Der Mörder mordete stets mit seinem langen kostbar ciselierten Patriarchendolch . Dunkelgrüne Epheublätter fielen auf den Erdboden . Als nun der Grausame nach harter Tagesarbeit wieder einmal des Abends seine Stammkneipe betrat , brachte ihm der Wirt Wasser zum Abwaschen des vielen Menschenbluts und Wein zum Ausspülen des Magens . Und während der Wirt seinen Gast eifrig bediente , fragte er so nebenbei : » Sagen Sie mal , lieber Herr Mörder , warum morden Sie stets am Tage ? In der Nacht kann man doch viel gemütlicher morden . « Frische hellgrüne Epheublätter schwebten durch die Stube zum Fenster hinaus . Und nach einer langen Weile sprach darauf der alte Gewohnheitsmörder folgendermaßen : » In meinen Jugendjahren , als ich noch ein Mörderjüngling war , pflegte ich nur des Nachts zu morden . Da traf es sich mal , daß ich einem alten Wuchrer im Walde auflauerte . Die Nacht war dunkel , und ich bekam nachher den Jammerkerl zu packen . Ich schlug ihm gleich mit der Faust so feste unter die Nase , daß ihm alles Reden verging . Und dann mordete ich , so wie ich ' s gewohnt bin . Den Leichnam schmiß ich mitten auf die Straße , denn Totengräber spiele ich nicht gern ; die vielen Epheublätter wirken nicht angenehm auf mein Gemüt . Was aber mußte ich zwei Tage nach dem Morde hören ? Ich mußte hören , daß ich aus Versehen den ärmsten Mann der ganzen Gegend totgestochen hatte - und daß der Wuchrer entkommen war . Das ergriff mich furchtbar , und ich habe geweint wie ein kleines Kind . Nein - einen armen Mann töten , ist ein Verbrechen . Einen Wuchrer töten ist eine gute , brave Tat . Und so morde ich , jetzt nur noch am hellen , lichten Tage . Man sieht dabei sofort , ob es auch nötig ist , solchen Kerl totzustechen . Mancher Lump verdient bloß eine tüchtige Tracht Prügel . Ich renke manchmal den Schuften nur die Arme oder die Beine aus und laß sie dann laufen ; die also Bestraften vergessen die Lektion nicht so leicht und bessern sich gemeinhin . « Der Wirt nickte freundlich , und die Frau Wirtin brachte dem Herrn Mörder Eisbein mit Sauerkohl und gutes Lagerbier dazu . Dunkle Epheuranken schwankten vor den Fenstern der Schänke . Der Mörder sah die Ranken nicht ; er trank nach dem Abendbrot noch eine kleine Weiße mit Kümmel und ging dann hinaus in den Mondenschein , allwo viele schlechte Menschen spazieren gingen den Berg hinauf - bis zur stillen Ruinenwelt , wo der dunkle Epheu mächtig wucherte . Aber der Mörder beschmutzte seinen Dolch nicht ; das nächtliche Morden hatte er sich ganz abgewöhnt . Das war damals , als noch Richter , Staatsanwalt , Henker und Rechtsanwalt dem Namen nach unbekannt waren auf Erden ; die Justizpflege war noch von patriarchalischer Einfachheit . Heute gibt es solche Leute , die mit so viel edlem Anstande wie unser alter Mörder morden , nicht mehr . Grüne Epheublätter fallen auf den Erdboden . Trauermarsch Langsam schreiten die Gerippe , klappern im Takte mit ihren Knochen , schreiten schweigend mit Fackeln in der Knöchelhand durch die Straßen der großen Stadt . Es ist Nacht , Alles sehr einsam , und von Zeit zu Zeit erschallt wieherndes Gelächter . Sind ' s die Gerippe , die so scheußlich lachen ? - oder lachen die Menschen , die aus den Fenstern rausgucken und dem Trauermarsch der Knochenleute so blöde nachstarren ? Die Fackeln - die brennenden Fackeln - stecken sich jetzt die Toten in den Mund - und die ganzen Schädel fangen an zu brennen . Wieder wieherndes Gelächter ! Die Toten aber schreiten mit ihren brennenden Hirnschalen ruhig weiter - wie alte Soldaten . Still geht ' s mit den Fackeln im Munde zur Stadt hinaus . Und dann lacht es wieder so schauerlich ... Wer lacht denn bloß ? Lach ' ich selbst ? Ich bin ganz ernst - wie stets ! Ich glaube : die große Stadt lacht . Zwei Knaben gingen ... Zwei junge Leute gingen über Land . Da kam ein alter Mann des Wegs und stöhnte sehr . Die jungen Leute lachten . Da kam ein eleganter Wagen - und der fuhr so schnell , daß der alte Mann nicht ausbiegen konnte und überfahren wurde . Die jungen Leute lachten abermals , während sich der alte Mann auf der Landstraße hin und her wand und erbärmlich schrie . Dies Alles hatte ein Gendarm gesehen ; er eilte herbei und half dem Alten wieder auf die Beine . Und die jungen Leute lachten zum dritten Male - johlend wie Gassenbuben . Da die beiden jungen Leute ganz gut gekleidet waren , fragte der Gendarm , woher sie kämen und wer sie wären . » Wir kommen , « sagte der eine , » vom Diner und sind moderne Leute . « Da gab der Mann des Gesetzes dem kühnen Redner eine Backpfeife . Doch im selben Augenblicke hatte der moralisch Entrüstete einen Messerstich im Herzen ; den hatte ihm der andre junge Mann gegeben . Hiernach liefen die beiden jungen Leute davon . Aufgegriffen sind sie noch nicht , obschon Unzählige der Tat verdächtig erschienen . Die modernen Leute sagen jetzt nicht mehr , daß sie die modernen Leute sind - denn sonst machen sie sich gleich verdächtig - zum mindesten kriegen sie Backpfeifen . Es sollen auch schon zwei moderne Leute totgeprügelt sein - das ist aber bloß ein Gerücht . Wahr ist jedoch , daß neulich ein Moderner angespuckt wurde . » Dir fehlt was an der Galle ! « sagte nach der Lektüre der Oberpriester Lapapi . Und ich sagte gar nichts dazu . Er aber fuhr fort : » Es gibt Leute , die da glauben , daß nur eine bitter-ernste Weltanschauung Anspruch auf Bedeutung haben könnte ; diese Leute merken gar nicht , daß sie sich mit ihrem traurigen Gesicht eigentlich nur blamieren , denn das Gesicht des Trübsinns ist zugleich das Gesicht der Unbildung ; nur ungebildete Menschen sehen bitterernst aus . Wer ein bißchen weiter sehen kann - wer da gewohnt ist , mit weitem Bick in die Welt zu schauen - der läßt sich von dem äußeren irdischen Scheine der Dinge nicht täuschen - der weiß , daß hinter der uns sichtbaren Erscheinungswelt noch unendlich viele andere Erscheinungswelten stecken - und daß wir gar kein Recht haben , die Welt zu verachten , weil uns einzelne Phänomene , die von unsern Sinnen bemerkt werden , unverständlich oder abstoßend vorkommen . « Da horchte ich auf und bemerkte hastig : » Dann wär ' s aber doch wohl nötig , auf diese Phänomene einzeln einzugehen . « » Damit , « erwiderte der Priester , » bin ich durchaus einverstanden . Frage nur , und ich will Dir Antwort geben . « Ich erklärte nun zunächst , daß mir die Art der menschlichen Körper-Ernährung durchaus nicht imponieren könnte . Und Lapapi antwortete : » Zunächst muß doch wohl zugegeben werden , daß das Essen und Trinken den Menschen durchaus keinen Schmerz bereitet . « » Besonders , « warf ich ein , » wird den Menschen dann das Essen und Trinken keinen Schmerz bereiten , wenn sie nichts zu essen und zu trinken haben . « » Ganz richtig , « versetzte der Oberpriester , » aber Du wirst jedenfalls zugeben , daß eine wahrhaft gute Laune durch Hunger und Durst nicht umgebracht werden kann . Zum mindesten wird die Phantasie durch Hunger und Durst aufs angenehmste gesteigert . Und - habe die Todesfurcht mal total überwunden , so werden Dir die Schmerzen , die Hunger und Durst scheinbar verursachen , nicht sehr wehe tun . Du kennst ja wohl jenen pessimistischen Philosophen , der das freiwillige Verhungern für die einzig anständige Selbstmordmanier erklärte . Na ja ! Indessen - kommen wir auf das Essen und Trinken , das dazusein scheint , wieder zurück ! Du willst sagen - ich merke das wohl - daß es Dir nicht sympathisch ist , wenn man dazu lebende Tiere abtöten muß . Ja - willst Du noch was Besseres haben ? Willst Du gleich Sterne essen , wie wir ' s tun ? « » Bitte ! Bitte ! « unterbrach ich das kleine Nilpferd heftig , » wir wollen doch ernst bleiben . Ich finde Ihre Bemerkungen frivol . « Das Nilpferd machte einen Luftsprung mit doppeltem Saltomortal oben im Gewölbe ; wir befanden uns in einem sehr hohen Bibliothekzimmer . » Vergiß nicht , « sagte der alte Herr , als er wieder vor mir saß , » den Oberpriester Lapapi , der hier vor Dir steht , immer feste mit Du anzureden . Und gewöhne Dir ein wenig die Feierlichkeit ab - die habe ich am Nil vor vier Jahrtausenden so gründlich kennen gelernt , daß ich keinen Geschmack mehr daran finde . « Ich wollte nun hören , was zur Sache gehörte , und bat darum . Da ward er aber wütend , schmiß drei dicke Folianten auf den Fußboden und rief : » Sollen wir denn hunderttausendmal erklären , daß irdische Visionen keine Realitäten sind ? Weißt Du denn , daß die Tiere gelebt haben ? Weißt Du denn , daß die Tiere , die Du essen darfst , gestorben sind ? Man kann doch nicht Dinge verurteilen , die uns bloß furchtbar zu sein scheinen . Wie oft sollen wir denn die alte Weisheit wiederholen ? Es ist geradezu ermüdend und höchst langweilig , immerfort dasselbe vorzukauen . Glaubst Du , wir seien als Professoren angestellt ? Glaubst Du , wir hätten wie tellurische Magister die verdammte Pflicht und Schuldigkeit , immer wieder das einmal behandelte Thema nochmals zu behandeln ? « Der Oberpriester Lapapi ließ mich plötzlich allein . Und da saß ich nun mit meinen Manuskripten zwischen den Bücherregalen und bedauerte , daß ich nicht vorsichtiger vorgegangen war . Und ich ordnete die Manuskripte , die ich noch hatte - und wählte drei Stücke aus , die ich bei der nächsten Gelegenheit den Ägyptern überreichen wollte . Der Wurm Der Wurm in meiner alten Kommode nagt immerzu - immerzu . Er wird ewig nagen - niemals wird er aufhören zu nagen . Und ich muß es immerzu hören - immerzu . Ob ich das ewig werde aushalten ? Es ist nicht wahrscheinlich . Herbstmorgen » Ach ja ! « rief er laut in den Morgenwind , und dabei setzte er sich auf eine Bank . Er hatte so viel getrunken , daß er jetzt nicht mehr weiter trinken mochte - er hatte die ganze Nacht getrunken . » Die Welt ist ziemlich traurig und ganz bestimmt sehr langweilig . Der Sommer ist jetzt auch kaputt . « Mit diesen Worten begrüßte er die Morgensonne , die mit einem alten Leiermann zusammen um die nächste Straßenecke kam . Die Bank in den Anlagen war kühl , der Leiermann kam immer näher und erhielt von ihm zwei Mark und fünfzig Pfennige . Das Geld bestand aus Sechsern und Groschen . Für das Geld sollte der Leiermann eine ganze Stunde ohne Aufhören spielen . Die Vergnügungen der Wüstlinge sind immer sehr seltsamer Natur . Doch da stieg aus dem Hause , das der alten Bank gegenüberstand , eine feine Rauchsäule heraus - die ward bald zu dickem Qualm ; es brannte in dem alten Hause . Der Leiermann aber mußte ruhig weiterspielen . Die Feuerwehr kam , Polizisten zu Fuß und zu Pferde eilten nach rechts und nach links . Der Leiermann spielte weiter . Da wurden die Polizisten natürlich sehr ärgerlich über das unaufhörliche Spielen . Der Leiermann wird verhaftet und abgeführt . Der Mann , der die ganze Nacht immerfort getrunken hatte und jetzt gar nicht mehr trinken mochte , sitzt ruhig wie ein altes Götzenbild auf seiner alten Bank in den Anlagen - und hat gar kein Mitleid mit dem alten Leiermann . Das Feuer im alten Hause wird gelöscht . Die Feuerwehr fährt wieder ab . Die Polizisten verschwinden . Es ist ein stiller Herbstmorgen . » Wozu noch was retten wollen ? Der Sommer ist doch tot . « Also murmelt der Mann auf der alten Bank . Dann denkt er an die Feuerwehr und bedauert , daß er nicht mit den Leuten , die immer noch was für rettungsfähig und rettungswert halten , mitgefahren ist . » Armer Leiermann ! « ruft er mit einem Seufzer , steht auf und geht weiter . Menschenliebe Der Himmel tat sich auf , und ein Engel kam vom Himmel herunter zu den Menschen . Der Engel reichte allen Menschen freundlich die Hand und wurde von ihnen gestreichelt - aber mir so viel Zärtlichkeit und Ausdauer , daß dem Engel schließlich alle Glieder weh taten . Da rannte der Engel davon und setzte sich am Ufer eines Flusses auf einen weiß angestrichenen Stein . Auf diesem Steine dachte der Engel über sein Unglück nach , denn ihm taten die Glieder ganz gehörig weh . Plötzlich aber erinnerte er sich , daß er ja noch himmlisches Öl in seinem Tornister habe , holte das Öl hervor - und rieb sich alle seine Glieder mit dem Öle ordentlich ein . Da ward dem Engel wieder wohl , und er ging zu den Menschen zurück . Indessen die Menschen fingen abermals an , den Engel zu streicheln mit viel Zärtlichkeit und Ausdauer . Da jedoch die Menschen bemerkten , daß sie sich die Hände eklig voll Öl machten , so wurden die leicht erregbaren Menschen ärgerlich und verhauten den Engel in nicht grade rücksichtsvoller Art. Der Engel rannte abermals davon in einen finsteren Wald hinein . Und da den Engel jetzt wiederum alle Glieder schmerzten , gebrauchte er zum zweiten Male sein himmlisches Öl . Und bei dieser zweiten Einreibung dachte der gute Engel darüber nach - was wohl bei den Menschen leichter zu ertragen sei - das Gestreicheltwerden oder das Verklopptwerden . Zurückgegangen zu den Menschen ist der Engel nicht . Ich mochte wohl mit diesen ausgesuchten drei Geschichten ausgeschlagene drei Stunden so ruhig dagesessen haben - da kam endlich der General Abdmalik in das Bibliothekzimmer . Kaum aber hatte er einen Luftsprung mit Saltomortals wie Lapapi gemacht - so lachte er furchtbar - und rannte davon . Ich saß abermals drei ausgeschlagene Stunden mit meinen drei Manuskripten da und wartete - es ließ sich aber kein Nilpferdchen sehen . Da ging ich denn in ein Nebenzimmer - und da saßen denn die Herren - lange Pfeife rauchend - in bequemen Ledersesseln und lasen in großen Folianten . Mein Erscheinen blieb anfänglich ganz unbeachtet . Ich hustete jedoch und reichte mit einigen Worten der Entschuldigung meine drei Manuskripte dem König Thutmosis , der mir zunächst saß . Dieser König sah bloß in die Manuskripte hinein - dann sprang er wütend auf , schmiß seinen Folianten auf den Fußboden und schimpfte sogleich wie ein Rohrspatz . Glaubst Du denn , wir wären toll geworden , daß wir ewig und immer alle Tage und alle Nächte bloß Deine trübsinnigen Geschichten lesen möchten ? Wir haben was Besseres zu tun . Mit solchem Zeug komm uns nicht wieder . « Und dann warf er auch meine Manuskripte auf die Erde , daß sie wie Blätter im Winde überall herumflogen . Mit Mühe sammelte ich sie und steckte sie ein und wollte mich entfernen . Da stieß mir aber der Inspektor mit seinem rechten Vorderfuß in den Bauch und sagte : » Gib drei lustige Geschichten für die drei traurigen ! « Ich wollte erst nicht , aber ich ließ mich doch überreden und gab , was man verlangte , bemerkte aber gleich sehr ernst : » Lustigere Geschichten habe ich augenblicklich nicht bei mir . Ich bitte , nicht wieder zornig zu werden , wenn sie einem der Herren doch noch zu trübsinnig erscheinen sollten . Ich kann nicht lustiger sein - als ich bin ! « Nun - die Herren lasen dann ganz ruhig , was ich ihnen gegeben hatte . Die gebratene Ameise Arbeitsspaß Bei den fleißigen Ameisen herrscht eine sonderbare Sitte : Die Ameise , die in acht Tagen am meisten gearbeitet hat , wird am neunten Tage feierlich gebraten und von den Ameisen ihres Stammes gemeinschaftlich verspeist . Die Ameisen glauben , daß durch dieses Gericht der Arbeitsgeist der Fleißigsten auf die Essenden übergehe . Und es ist für eine Ameise eine ganz außerordentliche Ehre , feierlich am neunten Tage gebraten und verspeist zu werden . Aber trotzdem ist es einmal vorgekommen , daß eine der fleißigsten Ameisen kurz vorm Gebratenwerden noch folgende kleine Rede hielt : » Meine lieben Brüder und Schwestern ! Es ist mir ja ungemein angenehm , daß Ihr mich so ehren wollt ! Ich muß Euch aber gestehen , daß es mir noch angenehmer sein würde , wenn ich nicht die Fleißigste gewesen wäre . Man lebt doch nicht bloß , um sich totzuschuften ! « » Wozu denn ? « schrieen die Ameisen ihres Stammes - und sie schmissen die große Rednerin schnell in die Bratpfanne - sonst hätte dieses dumme Tier noch mehr geredet . Die Helden Wahrlich ! Da saßen die Helden mit ihren blanken Schwertern und mit ihren glänzenden Augen in ihren prächtigen Mänteln auf den schweren Sesseln . Die Helden sprachen lange kein Wort . In dem kleinen dunkelgrauen Zimmer hörte man nur die große , alte Uhr langsam hin und her ticken . » Wir haben ' s vorausgesehen ! « begann endlich der stille Blonde . » Es mußte so kommen ! « sagte ein Andrer . » Wir haben lange genug geschwiegen ! « brummte ein Dritter . » Unsre Geduld ist gerissen ! « rief ein Vierter . » Allzugut ist dumm ! « flüsterte ein Fünfter . Dann erhoben sie sich von ihren Sitzen und schwuren sich ewige Treue - ewige Treue gegen den alten Feind - den Geschäftsmann . Und sie zogen aus mit ihren Mannen und schlugen den Geschäftsmann tot . » Das war keine Heldentat ! « sagten sie nachher . Und es war doch eine Heldentat - sogar ihre größte Heldentat . Schlechtes Publikum ! Auf dem braunen Kameel saß ein kleiner Affe . Der Affe hatte ein rotes Röckchen an und blickte neugierig nach tallen Seiten herum , wie das so Affen zu tun pflegen . Aber die beiden Tiere waren auf einer einsamen Landstraße , wo ' s keine Zuschauer gab . Da machten sie denn den Krähen ihre Späße vor . Die Krähen flogen in großen Scharen vorüber und hielten sich nicht auf . Wie sich manche Tiere an die Menschen gewöhnen können ! » Schlechtes Publikum ! « brummte das Kameel . » Das also , « sagte nach einer Viertelstunde der Herr Amenophis , » soll nun lustig sein ! « Ich sagte leise : » Es fällt mir immer schwerer , die Lebenskomödie anzusehen und als solche zu empfinden . Mir wächst die irdische Atmosphäre , um es ganz deutlich zu sagen , zum Halse hinaus . Ich kann nicht mehr . « Da standen die Nilpferdchen auf , stellten ihre Folianten in die Regale , hüpften auf einem Beine und sagten : » Hm ! Du bist ein interessanter Gast ! « » Man gut , daß wir Dich am Abhange vom Tode errettet haben . « » Du bist es wert , leben zu bleiben . « » Aber so wie Du bist , erscheinst Du uns nicht grade sympathisch . « » Möchtest Du nicht doch , uns zu gefallen , anders werden ? « » Wir möchten Dich ja so gerne anders machen . « » Das elektrische Bad scheint nicht viel genützt zu haben . Vielleicht bist Du jetzt ein bißchen anders bloß aus Höflichkeit . « Nach diesen Bemerkungen hüpften sie wieder auf einem Beine und pfiffen dazu , wobei ihr breites Maul spitz wurde und furchtbar komisch aussah . Aber mir machte das alles nicht den geringsten Spaß , und ich meinte nur verdrüßlich : » Schneidet mir die Langeweile aus , wenn Ihr mich anders haben wollt . « Da sprach der Pyramideninspektor Riboddi ernst : » Wir wollen Dich allein lassen , wenn Du Dich in unsrer Gesellschaft langweilst . « Und sie gingen ohne Gruß davon . Und ich blieb lange Zeit allein . Und ich wollte über das nachdenken , was die alten Ägypter gesagt hatten - aber meine Gedanken schweiften ab und fuhren ruhlos umher durch meine Kindheit und durch die mathematische Bedeutung der Kegelschnitte und durch einen stillen Wald und durch Dinge , die mir immer unsympathisch waren - durch Geschrei und Gewimmer - Krankenbett und Totenhalle . Meine Traurigkeit nahm immer mehr zu , und ich sagte leise : » Es ist doch Alles gar nichts . « Da fiel ein Glas von einem Schranke herunter und zerbrach . Ich sprach dann leise , als wären die alten Ägypter noch da : » Das Glas zerbricht so leicht - wie wir selber zerbrechen - und dann sind bloß noch Scherben da - und die Scherben sind immer ein kläglicher Anblick . Warum zerbrach das Glas ? Es bleibt überall ein schriller Ton von zerbrochenen Gläsern zurück - und ich finde nicht das mehr in den Scherben , was ich einst im Glase fand . Ihr sagt , es gäbe ja noch viele Trillionen Gläser . Das mag wahr sein , aber