längst nicht mehr Herr und Diener , sondern Freunde waren . » Sihdi , wie denkst du über das Sterben ? « wiederholte er seine Frage , als ob er annehme , daß ich ihn nicht verstanden habe . » Du kennst ja meine Ansicht über den Tod , « antwortete ich nun . » Er ist für mich nicht vorhanden . « » Für mich auch nicht . Das weißt du wohl . Aber ich habe dich nicht nach dem Tode , sondern nach dem Sterben gefragt . Dieses ist da , kein Mensch kann es wegleugnen ! « » So sage mir zunächst , wie du zu dieser Frage kommst ! Mein lieber , heiterer , stets lebensfroher Hadschi Halef spricht vom Sterben ! Hast du etwa einen besonderen Grund zu dieser deiner Frage ? « » Nein . Von meiner Seele , meinem Geiste , meinem Verstande wurde sie nicht ausgesprochen , sondern sie ist mir aus den Gliedern in den Mund gestiegen . « Das klang wohl sonderbar ; aber ich kannte meinen Halef . Er pflegte mit dergleichen , für den ersten Augenblick auffälligen Ausdrücken immer den Nagel auf den Kopf zu treffen . Darum wiederholte ich seine Worte : » Aus den Gliedern ? Fühlst du dich vielleicht nicht wohl ? « » Es fehlt mir nichts , Sihdi . Ich bin so gesund und so stark wie immer . Aber es ist etwas in mich hineingekrochen , was nicht hinein gehört . Es ist etwas Fremdes , etwas Ueberflüssiges , was ich nicht in mir dulden darf . Es steckt in meinen Gliedern , in den Armen , in den Beinen , in jeder Gegend meines Körpers . Ich weiß nicht , wie es heißt und was es will . Und dieses unbekannte , lästige Ding ist es , welches dich über das Sterben gefragt hat . « » So wird es wohl wieder verschwinden , wenn wir es gar nicht beachten , ihm gar keine Antwort geben . « » Meinst du ? Gut ; wollen das versuchen ! « Er kehrte nach diesen Worten in sein früheres Schweigen zurück . Der liebe , kleine , so gern lustige Hadschi war seit gestern oder wohl schon seit vorgestern ungewöhnlich ernst und in sich gekehrt gewesen , bei ihm eine Seltenheit . Ich hatte angenommen , daß ihn irgend ein Gedanke innerlich beschäftige ; nun aber wußte ich , daß dies nicht der Fall gewesen sei . Es war eine körperliche Indisposition vorhanden , von der ich annahm , daß sie bald vorübergehen werde . Wir waren von Basra über Muhammera und Doraq an den um diese Zeit ziemlich wasserreichen Dscherrahi gekommen und hatten uns von ihm in die Berge des südlichen Luristan führen lassen . Nun war der Fluß längst verschwunden , und wir befanden uns in einem wasserarmen Gebiete , wo der Regen höchst selten und dann nur als kurzes , aber verheerendes Gewitter aufzutreten pflegt . Die Höhen ragten schroff und steil empor . Ihre Hänge waren kahl . Man sah keinen Baum , nur hie und da einen durstigen Strauch . Die Sonne brannte am Tage heiß hernieder ; die Nächte hingegen waren empfindlich kalt , und wo es in den Schluchtentiefen mit Gras bewachsene Stellen gab , da hatte dieses Grün sein Dasein nur dem Tau der kalten , wunderbar sternenhellen Nächte zu verdanken . Wir glaubten , morgen den obersten Zufluß des Quran zu erreichen . Dort , wo es Wald und Wasser gab , wollten wir uns ausruhen und unseren Pferden einige Tage Zeit lassen , sich von der jetzigen Anstrengung zu erholen . Jetzt war es Nachmittag . Wir strebten einem Höhenkamm zu , dessen Erklimmen die Kräfte unserer Pferde so in Anspruch nahm , daß wir , als wir endlich oben angekommen waren , für einige Zeit anhielten , um sie verschnaufen zu lassen . Tief unter uns sahen wir das leere , wild zerrissene Bett eines Regenbaches , dem wir zu folgen hatten , wenn wir den jenseitigen Gebirgszug erreichen wollten . Ich sprach die Hoffnung aus , daß sich dort ein zum Uebernachten geeigneter Ort finden lassen werde . Aber Halef ging nicht , wie ich geglaubt hatte , auf diesen Gedanken ein , sondern er sagte : » Sihdi , ich habe es versucht , doch vergeblich . Die Frage kommt immer wieder . Wie denkst du über das Sterben ? Antworte mir ; ich bitte dich ! « » Lieber Halef , meinst du nicht , daß es besser wäre , von etwas anderem zu sprechen ? « » Besser oder nicht besser ; ich kann jetzt an nichts anderes denken . Es ist , wie ich schon sagte , nicht der Tod , den ich meine . Den habe auch ich früher für etwas Wahres gehalten , jetzt aber weiß ich , daß er nichts als Täuschung ist . Wenn wir von ihm sprechen , so meinen wir eben das Sterben , welches doch kein Tod ist . Hast du schon darüber nachgedacht ? « » Natürlich ! Jeder ernste Mensch wird das thun . Warum fragst du denn nicht dich selbst ? Du hast doch ebenso wie ich schon Menschen sterben sehen ? « » Nein , noch keinen ! « » Wieso ? Ich habe doch mit dir vor Sterbenden gestanden ! « » Allerdings . Aber sterben sehen habe ich trotzdem noch keinen Einzigen . Man legt sich hin ; man schließt die Augen ; man röchelt ; man hört auf zu atmen ; dann ist man gestorben . Aber was ist dabei geschehen ? Hat etwas aufgehört ? Hat etwas angefangen ? Hat sich etwas fortgesetzt , nur in anderer als der bisherigen Weise ? Kannst du mir das sagen ? « » Nein , das kann ich nicht . Das kann überhaupt kein Lebender . Und wenn die Gestorbenen wiederkommen und zu uns sprechen könnten , wer weiß , ob sie es vermöchten , deine Frage zu beantworten . Sie würden vielleicht auch nichts weiter sagen können , als daß im Sterben die Seele von dem Leib geschieden wird . « » Von ihm geschieden ! Wo kam sie her ? Wurde sie ihm gegeben ? Ist sie in ihm entstanden ? Was hat sie in ihm gewollt ? Geht sie gern von ihm ? Oder thut ihr das Scheiden von ihm weh ? « » Lieber Halef , ich bitte dich , von diesem Gegenstande abzubrechen ! Was Gott allein wissen darf , das soll der Mensch nicht wissen wollen ! « » Woher weißt du , daß nur Allah es wissen darf ? Das Sterben ist ein Scheiden . Ich darf ja wissen , wohin mich dieses Scheiden führen soll , nämlich in Allahs Himmel . Warum soll es mir verboten sein , zu erfahren , in welcher Weise dieser Abschied vor sich geht ? Höre , Sihdi , während du in der vergangenen Nacht schliefest , habe ich darüber nachgedacht . Soll ich dir sagen , was mir da in den Sinn gekommen ist ? « » Ja . Sprich ! « » Ich bin der Scheik der Haddedihn , ein in der Dschesireh sehr reich gewordener Mann . Worin besteht mein Reichtum ? In meinen Herden . Da sendet mir der Sultan einen Boten , durch welchen er mir sagen läßt , daß ich nach drei oder fünf Jahren in die Gegend von Edreneh ziehen soll , um Rosen zu züchten , welche mir den Duft ihres Oeles zu geben haben . Was werde ich thun ? Kann ich meine Herden mitnehmen ? Nein . Ich werde sie nach und nach aufgeben , um mir an ihrer Stelle anzueignen , was mir dort in Edreneh von Nutzen ist . Und wenn ich das gethan habe , so kann ich , wenn die Zeit gekommen ist , aus meinem bisherigen Lande scheiden , ohne mitnehmen zu müssen , was im neuen Lande mir nur hinderlich sein würde . So ist es auch beim Sterben . Ich wohne in diesem Leben , doch Allah hat mir seine Boten gesandt , welche mir sagen , daß ich für ein anderes bestimmt bin . Nun frage ich mich , was ich in jenem anderen Leben brauchen werde . Früher glaubte ich , es sei nichts weiter nötig , als nur der Kuran und seine Gerechtigkeit . Aber ich lernte dich kennen und erfuhr , daß diese Gerechtigkeit bei Allah nicht einen Para Wert besitzt . Ich weiß jetzt , was ich hier hinzugeben und was ich mir dafür für dort einzutauschen habe . Ich will Liebe anstatt des Hasses , Güte anstatt der Unduldsamkeit , Menschenfreundlichkeit anstatt des Stolzes , Versöhnlichkeit anstatt der Rachgier , und so könnte ich dir noch vieles andere sagen . Weißt du , was das heißt , und was das bedeutet ? Ich habe aufzuhören , zu sein , der ich war , und ich habe anzufangen , ein ganz Anderer zu werden . Ich habe zu sterben , an jedem Tage und an jeder Stunde , und an jedem dieser Tage und an jeder dieser Stunden wird dafür etwas Neues und Besseres in mir geboren werden . Und wenn der letzte Rest des Alten verschwunden ist , so bin ich völlig neu geworden ; ich kann nach Edreneh , nach Allahs Himmel gehen , und das , was wir das Sterben nennen , wird grad das Gegenteil davon , nämlich das Aufhören des immerwährenden bisherigen Sterbens sein ! « Nachdem er dies gesagt hatte , sah er mich erwartungsvoll an . Ich war nicht nur erstaunt , ich war sogar betroffen . War es denn möglich , daß mein Hadschi derartige Gedanken hegen und solche Worte sprechen konnte ? ! » Halef , sag mir aufrichtig : Bist du krank ? « fragte ich ihn . » Krank ? « lächelte er . » Du meinst im Kopfe ? Ist das , was ich gesagt habe , so thöricht gewesen ? « » Nein . Unklar zwar , aber so gut , so gut ! Ich meine körperlich krank . « » Ich sagte dir doch schon , daß ich gesund bin . Ein klein wenig matt bin ich seit gestern , und heut drückt etwas gegen meine Stirn . Die Sonne schien an diesen beiden Tagen gar so heiß . Das ist der Grund . Zu sagen hat es nichts . « » Und anstatt zu schlafen , hast du deinen Gedanken nachgehangen . Wir werden heut eher als gewöhnlich Rast machen . Dir ist Ruhe nötig . Komm ; reiten wir weiter ! « Es ging nur langsam in das Thal hinab , und dann folgten wir dem Regenbette , dessen Windungen uns wieder aufwärts führten . An einer schmalen Stelle ritt ich voran , als hinter mir ein lautes , zitterndes » Huh u uh ! « erklang . » Was war das ? « fragte ich , indem ich mich umdrehte . » Mich fror ganz plötzlich , « antwortete Halef . Ich sagte nichts , aber ich begann , besorgt um ihn zu werden . Der wackere Hadschi besaß eine fast ebenso eiserne Gesundheit wie ich selbst , doch war es sehr leicht möglich , daß er während unseres Aufenthaltes in dem höchst ungesunden Basra einen Ansteckungsstoff in sich aufgenommen hatte , der nun in ihm zu wirken begann . Als wir höher kamen , erhob sich ein scharfer Wind . Die Nacht versprach sehr kalt zu werden , und das Gesicht Halefs zeigte eine Entfärbung , die mir nicht gefiel . Ich wünschte sehr , baldigst an eine vom Zuge freie Stelle zu kommen , wo wir zur Nacht bleiben konnten . Dieses Verlangen wurde auch sehr bald erfüllt , wenn auch in anderer Weise , als ich erwartet hatte . Wir erreichten das Ende oder vielmehr den Anfang des Regenbaches . Zwei Bergeshänge stießen zusammen und bildeten ein Becken , dessen undurchlässiger Felsengrund das Wasser angesammelt hatte . Es gab infolge der Feuchtigkeit da allerlei Gesträuch , mit Hilfe dessen man sich ein wärmendes Lagerfeuer gestatten konnte . Das war uns beiden natürlich sehr willkommen . Weniger erfreulich aber war , daß wir die Stelle schon besetzt fanden . Es lagen ein Dutzend Männer da , deren abgesattelte Pferde am Wasser grasten . Die Leute sprangen auf , als sie uns kommen sahen . Ihre zurücktretenden Stirnen und hohen Hinterköpfe ließen mich vermuten , daß sie Luren waren . Bewaffnet waren sie nicht besser und nicht schlechter als alle diese Bergbewohner . Ihre Kleidung war die gewöhnlicher armer Nomaden , und auch unter ihren Pferden gab es keines , welches einen besonderen Wert gehabt hätte . Ob wir in ihnen ehrliche oder unehrliche Leute vor uns hatten , das wußten wir natürlich nicht , doch waren wir gewohnt , vorsichtig zu sein . Daß sie uns mit neugierigen und unsere Pferde mit bewundernden Blicken betrachteten , konnte uns nicht auffallen . Und ebensowenig erregte es unser Bedenken , daß sie unseren Gruß nicht abwarteten , sondern uns in jenem Gemisch von Arabisch , Persisch und Kurdisch willkommen hießen , welches man in diesem Grenzgebiete so oft zu hören bekommt . Es gab unweit des Wassers einen alten Mauerrest , der gegen den Wind schützte ; jedenfalls die beste Lagerstelle hier an diesem Platze . Sie wurde uns sofort und freiwillig angeboten , und wir machten von dieser Zuvorkommenheit recht gern Gebrauch . Man fragte uns nicht nach Namen , Stand und Herkommen , auch nicht nach der Religion , was hier , wo Sunniten und Schiiten einander stets feindlich gegenüberstehen , eine Seltenheit war . Auch gab es keine der gewöhnlichen Aufdringlichkeiten , denen man bei dem Zusammentreffen mit derartigen Leuten fast stets ausgesetzt ist . Kurz , wir fanden keinen Grund , wegen der Anwesenheit dieser Männer um uns besorgt zu sein . Selbst als wir unsere Pferde abgesattelt hatten , belästigten sie weder die Tiere noch gaben sie ihre Urteile über sie in jener lauten lärmenden Weise ab , welche zudringlich ist . Auch unsere , besonders meine Waffen fielen ihnen auf ; das sahen wir ja , aber sie gestatteten sich nicht , uns nach ihnen zu fragen oder gar sie zu berühren und zu untersuchen . Wir waren in ihren Augen vornehme Fremde , denen sie mit Achtung und Rücksicht zu begegnen hatten . Diesen Eindruck machten sie auf uns . Sie gingen nur ein einziges Mal aus ihrer höflichen Zurückhaltung heraus . Nämlich als Halef Holz zu sammeln begann , um für uns ein Feuer anzuzünden , leisteten sie ihm bereitwilligst Hilfe ; dann aber hielten sie sich wieder so entfernt von uns wie vorher . Trotz alledem beschloß ich , zu wachen , während der Hadschi schlafen würde . Die Ruhe that ihm not . Ich nahm von unseren Datteln und aß . Halef versicherte , weder Hunger noch Appetit zu haben . Das hörte ich nicht gern . Dann sah ich wiederholt , daß er in sich zusammenschauerte . » Friert dich wieder ? « fragte ich ihn . » Ja , « antwortete er . » Aber es ist wie ein Frieren ohne Kälte . Ich möchte gern etwas recht Heißes trinken . Meinst du , daß ich diese Leute hier um etwas Kaffee bitten dürfte ? « Die Nomaden hatten nämlich auf ihrem Feuer ein großes Blechgefäß stehen , in welchem sie Kaffee kochten . Der Geruch dieses Getränkes verfehlte auch auf mich seine Wirkung nicht . Ich ging also hin zu ihnen und brachte unser Anliegen vor . Ich sah ganz deutlich , daß man sich herzlich darüber freute , uns diesen Gefallen erweisen zu können . Der , welcher ihr Anführer zu sein schien , sagte : » Herr , Ihr steigt in großer Güte zu uns nieder . Wir sind arme Leute , und dieser Kaffee wurde so bereitet , wie er sich für uns ziemt . Ihr aber sollt einen anderen , viel besseren haben , der Euer würdig ist . Habt nur einige Minuten Geduld ; dann wird er fertig sein . « Wir hätten ihn ja auch so genommen , wie sie ihn hatten ; aber wenn man an Stelle des weniger Guten etwas Besseres bekommen kann , so wäre man ein Thor , es abzulehnen . Uebrigens pflegt man in jenen Gegenden dem Kaffee Gewürz beizumischen , welches nicht hinein gehört . Der , welchen sie jetzt tranken , duftete ziemlich stark nach Cardamomen , und das war weder nach meinem noch nach Halefs Geschmack . Ich erlaubte mir , ihnen dies zu sagen . Der Mann antwortete so schnell und bereitwillig , daß es mir unter anderen Umständen ganz gewiß aufgefallen wäre : » Wir werden den Eurigen nicht würzen , Herr . Aber unsere Bohnen haben einen etwas bitteren Beigeschmack , der euch ohne Gewürz mehr auffallen wird . Sie werden beim Händler in der Nähe einer bitteren Sache gestanden haben . Uns thut das nichts ; Euch aber wird es ungewöhnlich sein . « Die Verhältnisse in den Kaufläden des Orients sind so mangelhafte , daß es gar kein Wunder ist , wenn irgend eine Sache den Geruch oder Geschmack einer anderen » anzieht « . Daß der Kaffee ein wenig bitter schmecken werde , konnte also keinen irgend welchen Verdacht in uns erwecken ; aber der Eifer , mit dem es mir gesagt wurde , hätte meine Aufmerksamkeit erregen sollen . Diese Leute hatten , wie wir später erfuhren , uns schon lange Zeit , bevor wir sie bemerkten , von der jenseitigen Höhe herabkommen sehen und sich aus ganz bestimmten Gründen bei unserer Annäherung so gestellt , als ob sie keine Ahnung von uns gehabt hätten . Zu dem Plane , den sie ausführten , gehörte ganz besonders auch der Kaffee , den sie uns angeboten hätten , wenn ich nicht von selbst mit meiner Bitte gekommen wäre . Das Frostgefühl Halefs nahm zu . Es schüttelte ihn , und darum war es wohl begreiflich , daß er , als wir das heiße Getränk bekamen , einen großen Becher voll auf einmal leerte und ihn sich auch gleich wieder füllen ließ . Ich genoß meinen Teil langsamer . Er war stark , sehr stark . Ich nahm freilich an , daß die Ursache dieser Uebertreibung nur darin liege , daß wir für vornehme Leute gehalten wurden . Bitter war er allerdings auch , aber man hat in den fernen , einsamen Grenzbergen zwischen Khusistan und Luristan keine Ursache , den Feinschmecker herauszukehren , und so trank ich nach und nach ebenso viel wie der Hadschi - - drei große Becher voll . Ich that dies besonders in der Absicht , dadurch zum Wachen angeregt zu werden . Wir pflegten , abwechselnd zu wachen ; heut aber hatte ich mir im stillen vorgenommen , Halef nicht aus dem Schlafe zu wecken . Unsere Pferde grasten ganz in unserer Nähe . Sie waren gewohnt , sich nicht von uns zu entfernen . Und ebenso gehörte es zu ihrer Eigenart , daß sie sich nur gezwungener Weise zu anderen Pferden gesellten . Sie hatten ihre » Geheimnisse « . Was das heißt , habe ich an anderen Orten wiederholt gesagt . Hierzu muß noch erwähnt werden , daß sie von Halef dressiert worden waren , auf den zweimaligen Zuruf des Wortes » Litath « 26 und einen dazwischen tönenden Pfiff jeden fremden Reiter abzuwerfen . Der Beduine liebt dergleichen Dinge und hat auch Zeit genug , sie seinen Pferden beizubringen . Sie können unter Umständen von großem Nutzen sein . Mein Assil Ben Rih war gewöhnt , daß ich ihm des Abends , ehe ich mich schlafen legte , die Sure » Abu Laheb « langsam und deutlich in das Ohr sagte . Er hätte keinem Menschen Gehorsam geleistet , der dies nicht wußte und also unterließ . Ich that dies auch heut und streckte mich dann , in meine Decke gehüllt , neben Halef aus , obwohl es nicht meine Absicht war , einzuschlafen . Zunächst machte ich die Bemerkung , daß mich der starke Kaffee nicht nur an- , sondern sogar aufgeregt hatte . Meine Denkkraft war in die schnellste Bewegung gesetzt . Es jagte eine Vorstellung die andere ; ich konnte keine Idee festhalten . Dabei war diese innerliche Ruhelosigkeit keineswegs von der äußeren begleitet . Ich bewegte mich nicht . Es fiel mir gar nicht ein , auch nur ein Glied zu rühren . Ich hatte das Gefühl , daß ich mich überhaupt nicht mehr bewegen könne , aber zum festen , klaren Bewußtsein wurde es mir nicht . Zuerst sah ich die sich hetzenden Gedanken trotz ihrer Schnelligkeit deutlich an und in mir vorüber fliegen . Nach und nach verloren sie ihre Bestimmtheit ; sie wurden verschwommen ; dann konnte ich sie überhaupt nicht mehr von einander unterscheiden , und schließlich wußte ich von ihnen gar nichts mehr ; aber auch ich selbst war mir verschwunden , vollständig verschwunden . Später war es mir , als ob ich einigemale halb aufgewacht , aber sofort wieder eingeschlafen sei . Das wiederholte sich , bis mir irgend ein Etwas in mir zuflüsterte , daß ich in einem unnatürlich tiefen Schlaf liege , den ich unbedingt zu besiegen habe . Dieses Etwas war ich selbst ; ich hatte mich wiedergefunden . Und nun begann ein Ringen mit den widerstrebenden Augenlidern und der bleiernen Gliederschwere , die mich fest und unbeweglich an dem Boden halten wollte . Dazwischen hinein war es mir , als ob ich das Krachen des Donners höre . Das Rauschen des Windes und des Regens drang mir wie aus weiter Ferne an das Ohr , und dann kam es mir vor , als ob ich in kalter Nässe liege , welche den ganzen Körper durchdrang und ihn aber glücklicherweise auch endlich , endlich wieder bewegungsfähig machte . Ich strengte meinen ganzen Willen an , und da gelang es mir , den Oberkörper aufzurichten und die Augen zu öffnen . Was aber sah ich da ! Der Himmel war verschwunden . Ein fürchterliches Gewitter tobte . Ein Blitz zuckte nach dem anderen . Der Donner schien keine Pause zu kennen . Es ging Krach auf Krach und Schlag auf Schlag . Der Regen fiel wie eine kompakte Masse nieder . Er hatte das Felsenbecken , dessen Boden vorher nur bedeckt gewesen war , fast ganz bis oben angefüllt . Vor mir saß Halef , mit dem Rücken am Gemäuer lehnend . Seine Augen waren geschlossen . Er regte sich nicht . Seine Kleidung bestand nur aus Hose , Weste , Hemd und Stiefel . Der Regen troff von diesen vollständig durchnäßten Stücken . Das lenkte meinen Blick auf mich selbst . Auch ich hatte nur Hose , Weste , Hemd und Stiefel , ganz so wie Halef , weiter nichts , alles andere fehlte . Kein Mensch außer uns beiden ringsumher ! Die Nomaden waren fort , mit ihnen unsere Pferde , unsere Waffen und alles , was wir sonst noch besessen hatten . Ein Griff in meine Taschen zeigte mir , daß sie vollständig leer waren . Man hatte uns ausgeraubt , und wir mußten noch froh sein , daß wir nicht vollständig ausgezogen worden waren . Ich kann nicht sagen , daß ich über diese Entdeckung erschrak . Selbst wenn ich ein schreckhafter Mensch wäre , so würde der Zustand der Betäubung , dem ich mich doch noch nicht ganz entrungen hatte , eine so energische Regung , wie der Schreck ist , gar nicht zugelassen haben . Ich rieb mir die Stirn , und es gelang mir , zwei Gedanken herauszureiben . Der erste war , daß wir in dem Kaffee Opium oder etwas dem Aehnliches getrunken hatten . Opiate sind ja in Persien , ihrem Erzeugungslande , von jedermann sehr leicht zu haben . Und zweitens sagte ich mir , daß uns jetzt nichts so sehr wie ruhige Verlegung geboten sei . » Halef ! « rief ich dem Gefährten zwischen zwei Donnerschlägen zu . Er antwortete nicht . Ich wiederholte seinen Namen und schüttelte ihn am Arme . Die Wirkung war eine höchst sonderbare : » Litaht ! « rief er fast überlaut . Dann steckte er , ohne die Augen zu öffnen , den Zeigefinger krumm in den Mund , brachte einen schrillen Pfiff hervor und schrie dann das Wort zum zweitenmale . Das war das Zeichen für die Pferde , Fremden nicht zu gehorchen , sondern sie abzuwerfen . Warum jetzt dieses Zeichen ? Es war gewiß ein Zusammenhang der Ideen oder der Umstände , welcher ihn veranlaßte , es zu geben . Ich rüttelte ihn stärker und so lange , bis er die Augen aufschlug . Er starrte mich wie abwesend an . » Halef , weißt du wer ich bin ? « fragte ich . Da trat das Bewußtsein in seinen Blick , und er antwortete : » Mein Sihdi bist du . Wer denn sonst ? « » Wie befindest du dich ? Wie ist dir jetzt ? « » Warm , sehr warm , « lächelte er . Wie ? Warm ? Mich , den Gesunden , durchdrang eine eisige Kälte , und er , dessen Zustand mir Besorgnis eingeflößt hatte , fühlte sich warm , sogar sehr warm ! Wenn ich richtig vermutet hatte und eine Krankheit bei ihm im Anzuge war , so konnte die jetzige Durchnässung ihm im höchsten Grade gefährlich werden . Und da fühlte er sich warm ! War es etwa das Fieber , welches hier einmal als Wohlthäter auftrat und ihm das Leben rettete ? » Weißt du , wo wir sind und was geschehen ist ? « fragte ich ihn weiter . Er schloß die Augen , wie um nachzusinnen , und antwortete nicht gleich . Dann öffnete er sie wieder , sprang mit einem einzigen Rucke in die Höhe und rief aus : » Sihdi , du bist stets gegen den Gebrauch der Peitsche ; aber hier ist sie es , welche das erste Wort zu sprechen hat ! Es waren zwölf Mann . Sobald wir sie erwischt haben , bekommt ein jeder hundert Hiebe ; das macht zusammen zwölfhundert Hiebe . Welche Seligkeit für mich ! « Er stand da , stolz und gerade aufgerichtet , als ob ihm nichts , aber auch gar nichts fehle . Bis auf das Hemd ausgeraubt , vollständig mittellos , sprach er doch genau so , als ob er der Beherrscher der Situation sei . Darum sagte ich : » Rede mit Ueberlegung , lieber Halef ! Schau dich und mich an ! Wir sind Bettler ; wir sind ganz ohnmächtige Menschen ! « » Bettler ? Ohnmächtig ? Was fällt dir ein ! Wenn du nicht mein Sihdi wärest , so würde ich dir sagen , daß du dich schämen solltest , so ohne Selbstvertrauen zu sein ! Kennst du denn dich und mich nicht mehr ? Hast du vergessen , was wir alles erlebt und erzwungen haben ? Bettler und ohnmächtig ! Du bist der klügste Mann des Abend- und ich bin der pfiffigste Halef des ganzen Morgenlandes ! Grad daß wir vollständig ausgeraubt und scheinbar ohne Mittel und ohne Hilfe sind , muß uns willkommen sein ! Denn das giebt uns Gelegenheit , zu zeigen , was wir können ! Laß mich nur machen ! Ich werde überlegen . Ich habe nicht immer geschlafen ; ich bin auch aufgewacht ; aber bewegen konnte ich mich leider nicht . Ich habe gesehen , und ich habe gehört . Was ? Darüber will ich nachdenken . « Er setzte sich wieder nieder , obgleich die Stelle naß wie jede andere war . Den Kopf in die Hände legend , sah er auf die Erde . Dabei sagte er , indem er zwischen den einzelnen Worten oder Sätzen längere oder kürzere Pausen machte : » Ich wurde hin und her gewälzt , wachte aber nicht auf . - Ich fühlte fremde Hände in meinen Taschen , konnte mich aber nicht wehren . - - - Man hatte uns schon drüben auf dem Bergkamme stehen sehen , wo wir die Pferde ausruhen ließen . - - - Man beschloß , uns nicht zu überfallen und nicht zu töten , sondern mit Efjuhn27 wehrlos zu machen . - - - Dann war es Tag geworden . Ich hörte die Hufe der Pferde und dachte an unsere Hengste . Das gab mir Kraft , die Augen aufzuschlagen . Ich sah , daß die Diebe fort wollten . Eben schwangen sich zwei auf unsere Rappen . Der Grimm darüber machte mich sofort gesund , leider nur für einen Augenblick . Ich rief zweimal das Wort und gab den Pfiff . Die Hengste gehorchten sofort . Sie gingen in die Luft , und die beiden Kerle flogen in weitem Bogen auf die Erde nieder . Der eine stand wieder auf . Der andere aber konnte das nicht thun ; er mußte aufgehoben werden . Allah gebe , daß er ein Bein gebrochen hat , noch besser aber alle beide ! - - - Dann schlief ich wieder ein , doch nicht auf lange Zeit , denn ich sah sie fortreiten , da grad hinauf ; jenseits verschwanden sie . Die helle Morgensonne schien . Nun aber kam der tiefste Schlaf , aus welchem mich der Donner weckte . Ich setzte mich auf und lehnte mich hierher . Mehr zu thun , hatte ich nicht die Kraft . - - - Ich träumte allerlei , bis ich von dir aufgerüttelt wurde . - - - Das , Sihdi , ist es , was ich dir sagen kann , weiter nichts ! « Wie kam es wohl , daß er nicht so tief wie ich geschlafen hatte ? Hatten die in seinem Körper thätigen Krankheitserreger die Wirkung des Opiums abgeschwächt ? Wohl möglich ! Da umzuckte uns ein Blitz ,