wenn er ein Genie ist . Was soll denn das heissen , Herzchen . Für mich ? Ein schöner Unsinn , auch noch was mitzubringen . « Lotte murmelte etwas , von Dankbarkeit abtragen . Aber Frau Wohlgebrecht , die so etwas absolut nicht vertragen konnte , unterbrach sie eilfertig . » Also , das soll der Gerhart haben , und das ich ? « Sie küsste Lotte auf die in letzter Zeit recht schmal gewordene blasse Wange . Gerhart Schmittlein steckte den Kopf durch die Thür . » Ja , ja , wir kommen schon ! Was der Junge heut für ' ne Unruhe hat ! « Wenige Augenblicke später - Frau Wohlgebrecht hatte den beiden kaum Zeit zu einer Begrüssung gegönnt - standen sie unter dem Weihnachtsbaum , den Gerhart wunderhübsch und weihevoll mit weissen Lilien und goldbesternten Kerzen ausgeschmückt hatte . Lotte fand auf ihrem Platz ein paar nützliche Gaben von Frau Wohlgebrecht , daneben ein Buch , aus dem ein weisser Briefumschlag hervorsah und ein paar frische Blumen von Gerhart . Mein Gott , wie gut diese Menschen mit ihr waren ! Nachdem man einander dankbar die Hände gedrückt , ging Frau Wohlgebrecht in die Küche , um nach den Karpfen zu sehen . Einen Augenblick blieb es ganz still zwischen den beiden Zurückgebliebenen . Dann trat Gerhart auf Lotte zu , die mit niedergeschlagenen Augen vor ihrem Platz stand , seine Blumen in der Hand . Nur um etwas zu sagen , fragte er mit seiner leisen , warmen Stimme : » Freuen Sie die Blumen ein bischen , Lottchen ? - Das Buch wird Ihnen vielleicht heute noch nicht gefallen - ich muss Sie erst noch ein wenig dafür erziehen - und was darin steckt , das haben Sie sich ja ganz besonders bei mir bestellt . Das Gedicht auf das Grab Ihrer Mutter ! « Sie legte ihre Hand in seine schon lange ausgestreckte und hob den Blick mit sanfter , dankbarer Zärtlichkeit zu ihm auf . » Wie gut Sie sind ! Darf ich - ich möchte es am liebsten erst lesen , wenn ich ganz allein bin ! « Sie sah so hinreissend aus in ihrer hilflosen , dankbaren Hingabe , dass er sie am liebsten an seine Brust genommen und ihr blasses Madonnengesichtchen mit Küssen bedeckt hätte ; aber er bezwang sich . Er hatte es wohl gefühlt , wie schon die wilde Leidenschaft seiner Gedichte sie zurückgestossen . Sie musste es erst lernen , die Liebe zu begreifen , die sein Ideal war . So fuhr er ihr nur leicht und zärtlich über das schöne Haar . » Lesen Sie die Verse , wann Sie wollen , Lottchen . Morgen sagen Sie mir dann , wie sie Ihnen gefallen haben . « Lotte nickte stumm und machte langsam ihre Hand aus der seinen , heiss pulsierenden los . Sie fürchtete sich vor den glühenden Schauern , die sie das letzte Mal so nahe bei ihm durchhebt hatten . » Weshalb haben Sie sich so lange nicht sehen lassen , Fräulein Lottchen ? Waren Sie mir böse ? « » O nein , aber es gab viel zu thun , ich hatte zum Lesen keine Zeit - und auch nicht zum Kommen - « » Und mich fragen Sie gar nicht , weshalb ich seit jenem Abend nicht nach Ihnen gesehen - Ihnen nicht einmal geschrieben habe ? Haben Sie gar nicht daran gedacht ? « Lotte antwortete nicht . Sie konnte ihm doch nicht sagen , dass sie zwischen Bangen und zweifelnden Fragen und heisser , uneingestandener Freude an nichts gedacht hatte als an ihn . » Ich hatte auch zu thun , Fräulein Lottchen . Ich wollte Ihnen gern eine Freude bereiten - wissen Sie welche ? « Sie schüttelte den Kopf . » Ich habe ein paar Skizzen geschrieben , so im landläufigen Sinn , dran ist nicht viel , - und nun raten Sie einmal ! « Sie errötete und sah fragend zu ihm auf , der schon wieder dicht vor ihr stand . » Ich habe die Skizzen verkauft , Lottchen , an eine grosse Zeitung und Geld dafür bekommen - eine ganze Menge Geld , und deshalb konnt ' ich Ihnen heut eine Weihnachtsfreude bereiten und morgen - « In diesem Augenblick trat Frau Wohlgebrecht ein , und mit ihr zog der würzige Duft der Weihnachtskarpfen in das Zimmer . » Schnell , schnell , Kinder , es ist angerichtet . « Sie gingen in das kleine Esszimmer nebenan . Gerhart hatte den Tisch mit Tannenzweigen geschmückt , die ihren Duft angenehm und echt weihnachtlich mit dem der Karpfen mischten . In der Mitte des Tisches stand eine Champagnerflasche , rings herum drei Weingläser . Sektkelche gab es im Hause Wohlgebrecht nicht . - Die gutherzige Wirtin strahlte , als sie Lottchens erstauntes Gesicht sah . » Na , was sagen sie nun , Herzchen ? Alles der Junge . « Und sie tätschelte den grossen Menschen zärtlich auf den Rücken wie ein kleines Kind . » Er hat Ihnen wohl schon gebeichtet , Lottchen ? « Aber das ganze gute Geld musste nun auch gleich zum Fenster hinaus ! » Für Sie hat er ja denn auch noch eine grosse Ueberraschung vor ! Darf ich Gerhart ? « » Weshalb nicht , Tantchen ! « » Für morgen hat er zwei Theaterbillette gekauft , zu einem neuen Stück im Deutschen Theater . Da will er mit Ihnen hingehen . « » Mit mir ? « » Ja , Fräulein Lottchen , mit Ihnen , wenn Sie meine Einladung nicht verschmähen ? « » Und Ihre Frau Tante ? « Frau Wohlgebrecht lachte . » Ich ? Gott soll mich bewahren ! Keine zehn Pferde kriegen mich in so ' n modernes Stück . Ich geh ' nur ins Schauspielhaus oder ins Berliner auf ' n Abonnementsplatz und seh mir den ollen Schiller an oder ' mal die » Zärtlichen Verwandten « , oder so was . » Gehen Sie in Gottes Namen allein mit ihm . Für mich ist so was nichts . « Lotte machte ein tötlich verlegenes Gesicht . » Na , Sie werden sich doch nicht genieren , Kind ? Wenn ich es erlaube , ist ' s auch in Ordnung und nichts dabei , und allzu etepetete muss man auch nicht sein , wenn man jung ist . « Gerhart , der Lotte gegenüber sass , warf ihr einen flehenden Blick zu . O Gott , nein , sie konnte nicht ablehnen . Sie durfte ihn nicht erzürnen , er hatte es wahrlich nicht um sie verdient . So hob sie die Augen mutig zu ihm auf und sagte ernst und herzlich : » Es ist nicht so wie Ihre Tante meint . Nur gegen mein armes Muttchen ist es nicht ganz recht gehandelt , wenn ich jetzt schon ins Theater gehe , aber dennoch , ich nehme es dankbar an . « » Bravo « , rief Frau Wohlgebrecht , die dem » lieben Wurm « gern das Beste gönnte . Gerhart sagte nichts . Er hob nur sein sektgefülltes Glas gegen sie auf und blickte sie mit strahlenden Augen an . Er versprach sich so unendlich viel von diesem Abend . Schwer hätte es ihn getroffen , wenn sie sich ernsthaft geweigert hätte . Im Laufe des Abends erzählte er ihr von dem Stück , in das sie morgen zusammen gehen wollten . Zwar hatte er es von der Bühne noch nicht gesehen , aber er kannte es längst vom Lesen . Es war Hauptmanns » Versunkene Glocke « . Als Lotte hörte , dass es ein tiefernstes Werk sei , was Herr Schmittlein ihr zeigen wollte , beruhigte sich ihr aufgeschrecktes Gewissen . Nein , damit würde sie an der toten Mutter kein Unrecht begehen . Auch von dem Dichter erzählte ihr Gerhart . Er sagte ihr , dass er ihn für den Genialsten unter den Modernen halte und dass es sein grösster Stolz sei , denselben Namen zu tragen wie er . So eilten die Stunden wie im Fluge dahin . Es war elf Uhr , als Lotte , von Gerhart geleitet , nach Hause ging . Während des kurzen Weges wurde kaum noch ein Wort zwischen ihnen gewechselt . Hand in Hand , als ob es nicht anders sein könne , gingen sie schweigend durch die stille , milde , sternenhelle Nacht . Lena schlief schon , aber Lotte konnte sich lange nicht entschliessen , ihr Lager aufzusuchen . Sie zündete die Lampe an und setzte sich mit Gerharts Gedicht unter den Weihnachtsbaum . Nachdem sie es gelesen hatte , zog eine grosse , weihevolle Zärtlichkeit in ihr Herz . Lotte wusste nicht , galt sie der toten Mutter , galt sie ihm , der der Teuren so herzliche Worte ins Grab nachgesungen hatte . Inbrünstig drückte sie das Blatt an die Lippen . Nachts musste es unter ihrem Haupte ruhen . So war es ihr , als habe sie von beiden ein Stück Liebe bei sich , von der Mutter und dem Freund . - Als sie am nächsten Abend neben Gerhart im Deutschen Theater sass , kam sie sich wie in einer anderen Welt vor . Sie hatte sich ein Berliner Theater zwar viel schöner , eleganter und lichter vorgestellt , als dieses grosse , düstere , unschmucke Haus , aber die überwältigende Menge von Menschen , die es füllte , die eleganten Festtagstoiletten der Damen , besonders in den Logen , das geheimnisvolle Raunen und Rauschen und Tuscheln , das Gesumm und Gesurr , ehe der Vorhang sich hob , war ihr schon etwas so ungewohntes , dass es ihr völlig den Kopf benahm . Gerhart hatte sich die für seine Verhältnisse ungeheuerliche Ausgabe gemacht , zwei Parquetplätze zu kaufen . So sassen sie mitten drinnen in dem bunten , lebhaften Getriebe , und Lotte kam sich in ihrem schlichten schwarzen Kleid unter all ' den geputzten , feiertäglich angethanen Menschen wie ein Schatten , wie ein Nichts vor . Nur wenn sie zu Gerhart aufsah , der ernst und feierlich dasass wie in der Kirche , fühlte Lotte sich wieder gehoben . War sie nicht an der Seite eines Dichters , als seine Freundin , als seine Vertraute ! Konnte dieser Dichter nicht einst ebenso gross und berühmt werden , wie der , dessen Werk sie nun hören und sehen sollte ! Und war diese Gemeinschaft nicht ein weit herrlicherer Schmuck als das prächtigste Festtagsgewand ! Mit einem Blick grenzenloser Dankbarkeit blickte sie zu Gerhart auf . Tief und lange erwiderte er den Blick und still liess sie es geschehen , dass seine Hand liebkosend wieder und wieder über die ihre fuhr . So , in weihevoller Stimmung sassen sie beide da , bis der Vorhang sich hob . Lotte lauschte vorgebeugten Hauptes . Es kam ihr schwer an , diese eigentümliche Sprache zu verstehen , die ihrem Ohr oft wie ein gänzlich fremdes Idiom klang . Aufs äusserste strengte sie sich an , dem Dialog und der Entwicklung der Handlung zu folgen ; sie wollte so über alles gern Gerharts Vertrauen rechtfertigen und eine Dichtung bewundern , die er so hoch stellte . Aber je mehr sie sich darein zu vertiefen suchte , je weiter die Handlung fortschritt , um so verwirrter und enttäuschter wurde sie . Das einzige , was sich für ihr Verständnis klar heraushob , war das Verhältnis des Glockengiessers zu seiner Frau . Und das missbilligte sie aus tiefster Seele . Dass Heinrich sein braves Weib verlassen konnte , das sich so herzlich um ihn gebangt hatte , dass er seiner kleinen Kinder vergass , um dem fremden , schönen Rautendelein zu folgen , darin konnte sie nicht , wie Gerhart , eine grosse , befreiende That erblicken . Wenn so viel Sünde nötig war , um den Menschen zum echten Künstler zu machen , dann war ja das Talent weit mehr ein Fluch als ein Segen . O Gott , nein , sie konnte Gerharts Anschauungen über diesen Punkt ganz und gar nicht teilen . Für Lotte war das Scheiden Heinrichs von seiner Frau keine Notwendigkeit , sie konnte in dem Zusammenleben des Glockengiessers mit Rautendelein nichts poetisch Hinreissendes erblicken . Ganz im Gegenteil , abschreckend , verdammenswert schien ihr das eine wie das andere , und wie ein Stich ging ' s ihr durchs Herz bei dem Gedanken , dass Gerhart Schmittleins freie Liebe am Ende auch nichts anderes sei als das , was sie heute vor sich sah . Sie hasste das schöne Rautendelein mit all seinen Künsten und Wundern für das , was es an den armen Glockengiessersleuten verschuldet hatte . Auch für den schwermütigen Humor des Nickelmann , für den faunischen des Waldschrat zeigte Lotte nicht das geringste Verständnis . Von allen Personen des Stückes liess sie allein den Pfarrer , Frau Magda und die unschuldigen Kindlein gelten . Gerhart war in Verzweiflung . Ausserordentliches hatte er sich von dem Eindruck des Werkes auf ihr empfängliches Gemüt erwartet . Und nun musste er einsehen , dass er in seiner Hast , sie zu dem zu machen , was ihm einzig ersehnenswert dünkte , nur vorschnell und übereilt gehandelt hatte . Der Wunsch war diesmal der Vater eines gänzlich verfehlten Gedankens gewesen . Nicht sie , ihn traf die Schuld . Mehr als ungerecht , knabenhaft kindisch war es von ihm gewesen , von Lotte heute schon ein Verständnis für eine solche Dichtung zu erwarten . Bei der Ungeduld , die ihn marterte , Lotte ganz für sich zu gewinnen , war es doppelt hart , sich das eingestehen zu müssen . Alles , alles erwartete er von ihr . Mit Seele und Leib sollte sie sein werden , seine Muse , sein Geschöpf ! Beinahe vom ersten Augenblick an , da er sie gesehen , hatte er das Gefühl gehabt , dass es ohne dieses Mädchen jemals weder Erfolg noch Glück für ihn geben könne . Je länger sich dieses Zusammenschmelzen verzögerte , je brennender wurde sein Verlangen danach . Wie lange sollte er noch warten ? Von Kind an war er leidenschaftlicher Natur gewesen . Was er begehrte , musste er besitzen . Besass er aber erst einmal , so war es zumeist mit der Lust am Besitz auch schon vorbei gewesen . Oft schon hatte er begehrt , oft schon hatte der Ueberdruss am Erreichten ihn gepackt , aber so sehnsüchtig , so mit allen Fibern hatte er noch nie nach etwas verlangt , wie danach , die friedlich schlummernde Seele , die schlafenden Sinne dieses keuschen , reinen , zärtlichen Geschöpfs zu wecken . Dass er Lottes Herz längst besass , wusste er . Aber nach dieser altmodischen , madonnenhaften Liebe fragte er nicht . Er , der Verkünder der freien Leidenschaft , der moderne Rebell gegen alles Bestehende , wollte das Weib und seine Liebe so , gerade so , wie sein Programm es erforderte . Wie eine mächtig auflodernde Flamme wollte er des Weibes Liebe haben . Glut und Verheerung sollte sie bringen . Mit loderndem Wonnebrand den Geliebten umschliessen zu kurzem überseligem Rausch . Und wie ein Phönix aus der Asche dieses Glutenbrandes wollte er dann selbst zu höchster Meisterschaft erstehen . So und nicht anders wollte er lieben und geliebt sein . Als sie nach dem Schluss der Vorstellung durch die Strassen gingen , brannte das alles wieder in Gerhart auf . Mit ungeduldigem Zorn presste er ihre Hand zwischen seinen Fingern . Er war nahe daran brutal zu werden , aber ihre zärtliche Sanftmut entwaffnete ihn . » Ich weiss , Sie zürnen mir . Haben Sie nur noch ein wenig Geduld ! Vielleicht lerne ich noch alles was Sie wünschen . Bitte , Herr Schmittlein , zürnen Sie mir nicht . Ich kann ' s nicht ertragen , wenn Sie böse auf mich sind . « Und dabei hob sie das feine , zärtliche Gesichtchen mit den warmen , unschuldigen Augen zu ihm auf wie ein Kind , das der Mutter Verzeihung erfleht . Er beugte sich zu ihr nieder und küsste sie auf den Mund , ganz kurz und sanft , um sie nicht noch mehr einzuschüchtern . Dann aber presste er , von Leidenschaft übermannt , ihre beiden Hände zwischen die seinen und stöhnte : » Versprich mir , dass Du mich begreifen willst , oder ich gehe zu Grunde . Durch Dich will ich werden , was ich werden kann . Du darfst mich nicht im Stich lassen , es wäre Sünde , Verbrechen . Schwöre mir , dass Du es nicht willst ! « » O Gott , ja - ja was Sie wollen , ich will es thun ! « » Du schwörst es ? « » Ja . « Und sie an sich pressend rief er : » Ich werde Dich an diesen Schwur erinnern . Bald , bald ! « Während Lotte und Gerhart Schmittlein so in schwermütigem seelischen Ringen den Feiertagsabend verbrachten , war Lena seit den letzten , für beide Schwestern überaus trüben Jahren , zum erstenmal wieder ganz in ihrem Element . Strehsens wohnten in Charlottenburg , nahe dem hinteren Eingang zur Flora . Schon der weite Weg mit der elektrischen Bahn machte Lena , wie alles Neue , das sich ihr bot , unbeschreibliches Vergnügen . Die festtäglich gekleideten Fahrgäste , die eleganten Fuhrwerke , die an ihr vorüberrollten , die langen Züge von Spaziergängern , die zu beiden Seiten der Chaussee sich ergingen , zu beobachten , war ein förmliches Fest für sie . Das Beste an dem langen Weg blieb aber , dass er Zeit gab , sich auszumalen , wie es bei Strehsens zugehen würde . Sie sah sich schon die Steinstufen zu der eleganten Villa , von der Clementine und Elisabeth so häufig sprachen - in Charlottenburg konnte man sich den Luxus erlauben , nicht in einer Mietskaserne zu wohnen - hinaufsteigen , sie sah die Salons sich öffnen , sie atmete schon den aristokratischen Duft dieses vornehmen Kreises . Als sie dann endlich vor der sogenannten Villa , einem schmutziggrauen , zweistöckigen Hause in der Wilmersdorfer Strasse stand , fiel es Lena nicht einmal auf , wie vollständig dies Haus hinter der Schilderung der Schwestern und ihren eigenen Erwartungen zurückblieb , so ganz war sie von der Aussicht kommender Freuden eingenommen . Die meisten Gäste waren schon in den zwei engen , mit altmodischen , verschossenen Möbeln und allerhand billigem Zierrat vollgestopften Zimmern versammelt , als Lena eintrat . Einen Augenblick lang war sie von dem Bewusstsein , zum erstenmal in eine Berliner Gesellschaft zu treten , so benommen , dass sie verlegen auf der Schwelle stehen blieb . Als sie aber fühlte , dass ihr das Blut heiss in das Gesicht schoss , trat sie rasch entschlossen auf die ihr entgegeneilenden Schwestern zu . Nein , sie wollte hier nicht als verlegenes , ungeschicktes Landgänschen auftreten und danach behandelt werden , um keinen Preis ! Nach kurzer Begrüssung nahmen Clementine und Elisabeth die junge Kollegin bei der Hand , um sie der Mutter zuzuführen . Die Frau Oberstleutnant , eine grosse , hagere Gestalt mit scharfen Zügen , stand in der Mitte des Zimmers , als die drei Mädchen an sie herantraten . Mit herabgezogenen Mundwinkeln lächelte sie Lena missvergnügt an . Sie hatte nicht viel Zutrauen zu dieser Freundschaft aus der Provinz . Als Lena aber eine durchaus korrekte Verbeugung machte und geläufig ein paar verbindliche Redensarten vorbrachte , war die Frau Oberstleutnant sofort entwaffnet . So viel gesellschaftliche Routine hatte sie dieser kleinen Bürgerlichen nicht zugetraut . Wahrhaftig , wenn man näher zusah , hatte dies hübsch gewachsene Mädchen mit dem frischen Teint , den blühenden Farben und dem prächtigen schwarzen Haar bedeutend mehr Chic und Eleganz als ihre eigenen hageren , blassblonden Töchter . Aus dem misstrauisch verzogenen Lächeln wurde eine wahrhaft freundliche Begrüssung . Die Frau Oberstleutnant , die noch immer viel auf die Dehors ihres heruntergekommenen Hauses hielt , war viel zu klug , um nicht auf den ersten Blick zu sehen , dass eine Persönlichkeit wie die Lenas , der abgestandenen Geselligkeit ihres Hauses nur nützen konnte . Sie hatte längst einzusehen gelernt , dass man in Berlin dergleichen auffrischende bürgerliche Elemente mit in den Kauf nehmen musste , wollte man auch nur einigermassen Oberwasser behalten . Es hatte Mühe gekostet die Kinder , die bei ihr im Hause lebten oder doch am meisten um sie waren , mit dieser Einsicht zu befreunden . Die Mädchen , durch die tägliche Berührung mit den unterschiedlichsten Elementen weitsichtiger gemacht , waren eher dahinter gekommen , dass die Mutter recht hatte . Bei ihrem Lieblingssohn Kurt , dem Leutnant , hatte es grösserer Anstrengungen bedurft , um den Beweis zu führen . Schliesslich , vor einigen Monaten etwa , hatte er dann aber einen gewaltigen salto mortale gemacht . Die meisten übrigen Bekanntschaften abschüttelnd , hatte er sich mit einer in Berlin sehr bekannten Persönlichkeit verbrüdert , mit dem jungen Bornstein , Chef eines der angesehensten Bankhäuser und nebenbei Gross-Grundbesitzer in der Nähe von Berlin . Arm in Arm mit Max Bornstein betrat Kurt von Strehsen auch jetzt wieder das Zimmer . Er eilte mit dem Freunde ohne Umstände geradewegs auf die Mutter und die sie noch immer umstehenden drei Mädchen zu . Ohne sich des längeren mit einer weitschweifigen Begrüssung seiner Familie einzulassen , zu der er selbst Bornstein kaum Zeit liess , bat er , den Freund und sich der jungen Fremden vorzustellen . Zeit zur Unterhaltung gaben Clementine und Elisabeth indes den jungen Leuten nicht mehr . Lena musste weiter , um endlich mit dem Papa bekannt zu werden . Durch eine , mit verblassten grünen Portieren verhangene Thür zogen die Schwestern Lena in ein halbdunkles Berliner Zimmer , in dem an der einen Längswand ein kaltes Büffet aufgestellt war . Der Herr Oberstleutnant sass an dem einzigen ziemlich breiten Fenster und stiess vernehmlich einen unwilligen Laut aus , als die Thür sich öffnete . Er trug ein schlechtsitzendes Civil und hatte die Kreuzzeitung vor sich auf den Knien , die er jetzt mit einem hörbaren Aufschlagen der Hand neben sich auf das Fensterbrett legte . Clementine und Elisabeth liessen sich von der menschenfeindlichen Stimmung des Vaters , an die sie wohl gewöhnt sein mochten , indes nicht im geringsten einschüchtern . Sie stellten ihm Lena , die er mit erzwungener Höflichkeit begrüsste , umständlich vor , richteten dann noch eine Unzahl möglichst überflüssiger Fragen an ihn , welche den alten Herrn vollends zur Verzweiflung brachten , und machten mit der wie auf glühenden Kohlen stehenden Lena erst Kehrt , als die Missstimmung des alten Herrn ihren Höhepunkt erreicht hatte . Lena , der die Situation immer fataler geworden war , machte den Mädchen Vorwürfe , den alten Herrn um ihretwillen gestört zu haben . Die etwas burschikose Elisabeth lachte darüber laut auf . » Was sein muss , muss sein in einem guten Hause . Uebrigens können Sie sich trösten , Fräulein Weiss . Papa ist immer so . Geselligkeit ist ihm verhasst . Für ihn existiert nichts als die Kreuzzeitung und die Rangliste . Als sie das zweite Gesellschaftszimmer wieder erreicht hatten , traten Kurt und Max Bornstein den Damen ungeduldig entgegen . Die jungen Herren hatten es beide sehr eilig , ihre vermeintlichen Unterhaltungsrechte an Fräulein Weiss geltend zu machen , da sie vorher schnöde zu kurz gekommen waren . Leutnant Kurt , als der Sohn des Hauses , nahm die Priorität für sich in Anspruch . Als besonderen Beweis seiner Wertschätzung führte er das junge Mädchen in den beiden Zimmern umher und zeigte ihr die Familiengalerie der Strehsens an den grellfarbigen , geschmacklos tapezierten Wänden . Zuletzt führte er Lena vor die Haupt-Sehenswürdigkeit des Hauses , den eingerahmten Brief des Prinzen Friedrich Leopold , der seiner Zeit das Patengeschenk des hohen Herrn für Kurts jüngeren Bruder begleitet hatte . » Fritz Leopold « , so erklärte Kurt dabei , » steht jetzt in Graudenz und mopst sich in der langweiligen Garnison . Kann ' s ihm nicht verdenken « , fügte der Leutnant mit einem bewundernden , anzüglichen Blick in Lenas lebhafte dunkle Augen hinzu . » Werden in Graudenz schwerlich so viel reizende junge Damen zu finden sein wie in Berlin . « Lena lachte über das wohlfeile Kompliment , während Bornstein , der den beiden auf Schritt und Tritt gefolgt war , dem Leutnant einen finstern Blick zuwarf , der ungefähr zu bedeuten schien : » Was fällt dem dummen Jungen ein , hier schon wieder Süssholz zu raspeln ? « Sehr zu rechter Zeit erschien jetzt die Frau Oberstleutnant und rief ihren Sohn ab . Er sollte die Punschbowle ansetzen . Man wollte bald speisen , um nachher noch Gesellschaftsspiele vornehmen zu können . Bornstein zog bei dieser Ankündigung ein spöttisches Gesicht , und nur die Gewissheit , den Leutnant für den Augenblick los zu sein und die allerliebste kleine Telephonistin auf ein Weilchen für sich zu haben , liess ihn von einer ironischen Bemerkung abstehen . Zunächst versicherte er sich Lenas Tischnachbarschaft mit einem Eifer , als ob es nichts Wichtigeres auf der Welt für ihn gegeben hätte . Dann zogen sie sich in einen Winkel in der Nähe des bei Seite geschobenen Tannenbaumes zurück . Bornstein machte Lena auf ihre Bitte aus der Entfernung mit dem übrigen Teil der Gesellschaft bekannt . Er zeigte ihr den jüngsten Sohn des Hauses , einen langen Lichterfelder Kadetten , der heimlich Süssigkeiten knabberte und in tötliche Verlegenheit geriet , wenn ihn jemand ansprach . Da war ferner eine Tante , eine unverheiratete Schwester der Hausfrau , die mit ihren Falkenaugen jedes Pärchen neidisch verfolgte . Augenblicklich beobachtete sie ihre Nichte Elisabeth , die sich mit dem sehr spät erschienenen Assessor von Reibenstädt so laut über die Frauenfrage ereiferte , dass man die Schlagworte bis in den engen Winkel neben dem Weihnachtsbaum vernahm . Die letzte , Lena noch unbekannte Person war ein junges , sehr blasses , überaus einfach gekleidetes Mädchen , eine entfernte Verwandte des Oberstleutnants ; wie Bornstein erklärte , das Aschenbrödel des Hauses Strehsen . Dann kam der unermüdliche Erzähler von den Gästen des Hauses auf die Gastgeber selbst zu sprechen . In halblautem , ironisierendem Flüsterton erzählte er Lena von den einzelnen Mitgliedern der Familie , in die er durch Kurt eingeführt worden war . Der Freund selbst wurde dabei am wenigsten geschont . Ein guter Kerl sei er , ja , aber ein schrecklicher Windhund , vor dem sie auf der Hut sein müsse . Lena lachte über diese Warnung , wie über die meisten ungemein drollig hervorgebrachten Bemerkungen Bornsteins . Der aber nahm den Fall ganz ernst und erzählte ihr von haarsträubenden Dingen , die Kurt bei jungen Mädchen angerichtet habe . » Und sind Sie so viel tugendhafter als Ihr Freund , Herr Bornstein ? « fiel Lena ihm neckend ins Wort . Er schüttelte sehr energisch den Kopf mit dem nicht allzu vollen , ins rötliche spielenden Haar . » Mir gefällt nicht so leicht ein Mädchen « , sagte er bedeutungsvoll , Lena mit einem langen Blick ansehend , » wenn mir aber mal eins gefällt - « » Zu Tisch , zu Tisch ! « rief jetzt der scharfe Diskant Clementines . Lena nahm , ohne sich nur im geringsten merken zu lassen , wie sehr diese Bevorzugung ihr schmeichelte , Bornsteins Arm und liess sich in das Esszimmer geleiten , aus dem der Oberstleutnant jetzt verschwunden war . Wie Elisabeth ihr zuflüsterte , hatte er sich mit der Rangliste in sein Schlafzimmer geflüchtet . Bornstein führte Lena zu einem kleinen Tischchen , an dem das blasse Mädchen mit dem Kadetten sass . Da kaum für vier Personen Platz war , hatte Bornstein Kurt hier nicht zu fürchten . Uebrigens sass er bereits am andern Ende des Zimmers zwischen seiner Schwester Elisabeth und dem Assessor . Es schien beinahe , als ob er auf höheren Befehl seiner Mutter zur Beobachtung auf diesen ausgesetzten Posten kommandiert worden sei . Lena amüsierte sich köstlich über die Beflissenheit , mit der Herr Bornstein sie bediente . Häringssalat , Punschbowle , kalter Aufschnitt , alles kam nur so herangeflogen , kaum dass sie einen Wunsch geäussert hatte . Es war das reine Märchen vom Tischleindeckdich , das sie da erlebte . Wenn Lotte das gesehen hätte , oder lieber noch Franz Krieger , der sich einbildete , dass man gar keine Rolle in Berlin spielte , dass man höchst überflüssig , ja eigentlich nur zum Verhungern da sei , Lena hätte etwas darum gegeben . Nachdem Bornstein sich selbst versorgt hatte , setzte er sich dicht neben Lena , mit grosser Geschicklichkeit einen verhältnismässig breiten Raum zwischen ihnen und den beiden andern schaffend . Er fragte sie nach dem und jenem , ihre Heimat und ihre Häuslichkeit betreffend . Als das Mädchen bei diesem Thema bald ziemlich einsilbig wurde , nahm er selbst das Amt des Erzählers wieder auf . Er sprach ihr von seinem Gut , einige Meilen südwestlich von Berlin gelegen , von dem grossen , schön eingerichteten Herrenhaus , das die Leute das » Schloss « nannten , dem prachtvollen Garten mit seinen Obst- und Blumenzüchtereien , die beinahe eine Berühmtheit in der Gegend seien , von seiner Jagd in den umliegenden Forsten , zu der er Kurt im Herbst viel draussen gehabt hatte . » Sobald wir wieder gute Jahreszeit haben , müssen Sie mir einmal die Freude Ihres Besuches schenken . « Als Lena ihn verwundert ansah , fügte er rasch hinzu : » Mit den Strehsens natürlich , die mir ihren Besuch schon lange zugesagt haben . « Lena nickte in ihrer kurzen Art. » Wenn ' s Urlaub giebt und Strehsens mich mitnehmen wollen , mit Vergnügen . « Max Bornstein hatte zwar niemals daran gedacht , die Strehsens in corpore nach Dahlow einzuladen , aber um den Preis