welcher ich unmöglich einverstanden sein konnte . Ich nahm daher die Gelegenheit wahr , dem Hadschi zu folgen als er vor dem Schlafengehen noch einmal nach seinem Pferde sah . Da waren wir allein . Mein ununterbrochenes Schweigen hatte die beabsichtigte Wirkung nicht verfehlt . Er empfing mich mit den Worten : » Du bist zornig auf mich , Sihdi , weil ich diesem hochmütigen Menschen meine Kurbadsch45 zu schmecken gegeben habe ? « » Natürlich ! Wunderst du dich vielleicht darüber ? « antwortete ich . » Nein ; aber er hatte es verdient . « » Die Klugheit verbietet sehr häufig , den Menschen nach dieser Art von Verdienst zu behandeln ! Du hättest schon unsere Namen nicht sagen dürfen ; es war auf alle Fälle besser , wenn er über uns im unklaren blieb . Aber du mußt jedem unbekannten Menschen gleich sagen , was für ein berühmter Kerl du bist ! « » Bin ich das etwa nicht ? « » Nein ! « » Aber du ? « » Auch nicht . Wir sind in gewissen Gegenden bekannt ; das ist alles . Wir beide brauchen uns gar nichts einzubilden ; es giebt überall Hunderte und Tausende von Menschen , die noch ganz andere Kerls sind , als du und ich ! Du aber denkst , ein Scheik der Haddedihn und ein hier im Oriente herumkrabbelnder abendländischer Dudi el Kutub46 seien die hervorragendsten und gewaltigsten aller Erdenbewohner , weil sie einmal einen Löwen geschossen haben oder vor einigen Kurden nicht gleich ausgerissen sind . Für so hochwichtige Leute darfst du uns denn doch nicht halten . Ich sage dir , wenn eine ganze Million Menschen unserer Sorte jetzt plötzlich stürbe , die Weltgeschichte würde ihren Gang sehr ruhig weitergehen ! « » Das glaube ich nicht , Sihdi ! « » Es ist aber so ! « » Nein , denn meine Haddedihn gehören doch auch zur Weltgeschichte , und wenn ich jetzt plötzlich stürbe , so würde die Haddedihnsche Abteilung der Geographie und Geschichte in die bittersten Thränen ausbrechen und eine sehr traurige werden . Und was soll aus dem Stamm der deutschen Beduinen werden , wenn du hier stirbst und nicht zu ihnen wiederkehrst ? Zunächst würde in deinem Harem sich ein großes Weinen und Klagen erheben , und von diesem deinem Frauenzelte aus würde sich dann eine niemals versiegende Flut der Thränen ergießen über alle Berge , Thäler und Ebenen deines Vaterlandes . Die Palmen eurer Oasen würden eingehen vor Schmerz und die Herden der Kamele hinsinken durch die Seuche unheilbarer Traurigkeit . Es würde ein großer , unendlicher Jammer ausbrechen - - - - « » Sei still ! « unterbrach ich ihn . » Meine Emmeh würde trauern und mir sehr bald nachfolgen ; davon bin ich überzeugt ; sonst aber dürfte deine niemals versiegende Thränenflut nur deine Phantasie überschwemmen . Wir sind nichts Besseres als andere Menschen und haben keine Ursache zu solchen Posaunentönen , wie du immer erschallen lässest , wenn von dir und mir die Rede ist . Hörst du wohl , ich sage dir und mir . Weißt du , was ich meine ? « » Nein . « » So oft ich von uns beiden spreche , bin ich so höflich , dich zuerst zu nennen ; das habe ich stets gethan . Du aber sagst stets mir und dir oder mich und dich , stellst also immer dich voran ! Das habe ich jahrelang beobachtet und niemals eine Ausnahme bemerkt . Kannst du dir wohl denken , als welchen Beweis ich mir diesen an und für sich geringfügigen Umstand wohl habe gelten lassen ? « » Sihdi , von diesem Umstande weiß ich ja gar nichts ! « » Das ist es ja eben ! Wenn ich mit dir von uns beiden spreche , so denke ich nicht nur an die dir schuldige Höflichkeit , sondern auch an meine Freundschaft und Liebe zu dir , welche mich bestimmen , dich stets voranzusetzen . Du aber weißt nichts davon ; du denkst gar nicht daran , und weil du dich für einen ungeheuer bedeutenden Menschen hältst , bringst du dein liebes Ich ohne alle Ausnahme stets zuerst . « » Ist das wahr , Effendi ? « » Ja . « » Das möchte ich aber doch kaum glauben ! « » Ich könnte es dir beweisen , wenn auch nur indirekt . « » Wodurch ? « » Du weißt , daß ich in meinen Büchern auch unsere Reisen und Erlebnisse beschreibe . Du hast mich gebeten , dich ganz genau so zu schildern , wie du bist , um Allahs willen ja nicht anders . Das habe ich gethan , und nun kann jeder , der ein solches Buch in die Hand bekommt , nachschlagen und sich überzeugen , daß du mich immer hinter dich stellst , mich stets erst nach dir nennst . « Da faßte er mich schnell und kräftig am Arm , zog mich einige Schritte fort , als ob jemand dastehe , der seine Worte nicht hören solle , und fragte mich in erschrockenem , hastigem Tone : » Du , Sihdi , steht das wirklich in den Büchern ? « » Ja . « » Und jeder kann es lesen ? « » Meine Bücher befinden sich in mehr Händen , als du denkst . Hunderttausende haben es schon gelesen . « » Sei barmherzig und sag , daß es nicht so ist ! « » Das kann ich nicht , denn es ist wirklich so . « » Alla kerihm ! So sei Allah mir gnädig ! Was müssen diese Leute alle von mir denken ! Für was müssen sie mich halten , den Scheik der Haddedihn vom großen Stamme der Schammar ! Wenn mein Mich stets vor deinem Dich zu finden ist , ohne daß ich deinem Dir vor meinem Mir den Vortritt lasse , so ist zu befürchten , daß unser Uns auch stets an der unrechten Stelle steht ! Mein ganzer Ruhm ist hin ! Man wird mein Ich für ungeheuer rücksichtslos halten und mich mit Recht der unhöflichen und also unverzeihlichen Zurückstellung deines dir mit vollstem Rechte gehörenden Du beschuldigen ! Die Ehre meiner bescheidenen Unterwürfigkeit ist hingeschwunden und der Glanz meiner schönen Umgangsform in Finsternis verwandelt ! O Sihdi , warum , warum hast du das mir , deinem treuen Halef , angethan ! « » Du hast es so gewollt . Ich sollte dich ja nicht anders beschreiben , als du bist ! « » Das ist wohl wahr ; aber als ich diesen Wunsch aussprach , war mir das Mich und Dich ganz unbekannt . Nun ist dein Hadschi Halef im ganzen Abendlande ein anrüchiger Mensch geworden , und all mein einstiger guter Ruf hat sich in Schimpf und Schmach verkehrt . Ich bin eine verdorbene Wassermelone , ein fauler Apfel , ein wurmstichiger Buchecker geworden , den kein Sindschab47 verzehren mag ! Sei gütig gegen mich , Effendi , und sag , ob das nicht noch zu ändern ist ! « » Was einmal im Buche steht , kann leider nicht daraus entfernt werden ! « » Aber wie da , wenn du ein neues schreibst ? « » Da will ich dir ganz gern deinen Wunsch erfüllen und zeigen , daß du dich geändert hast . Nur muß diese Aenderung auch Wahrheit sein ! « » Sie wird es sein ; das verspreche ich dir ! Da du mein Freund bist , muß es doch wohl mich und dich betrüben , wenn - - - « » Halt ! « unterbrach ich ihn . » Da eben hast du wieder mich und dich gesagt und dich vorangestellt ! « » Sihdi , glaube mir , ich wollte hinterherkommen , bin mir aber in der Eile so verkehrt aus dem Munde gefahren , daß du keinen Platz gefunden hast , vor mir zu erscheinen . Ich bitte dich , mich stets und sofort zu erinnern , wenn du den Vorrang nicht bekommst , der dir gebührt ! Also diese Zurücksetzung des Dich hat mich bei dir um meinen Ruhm gebracht ? « » Nicht um den Ruhm gebracht ; ich habe nur sagen wollen , wie bezeichnend sie für dich und deine Art und Weise ist . Das war die Bestrafung deiner Unüberlegtheit im Verhalten zu el Ghani . Deine Peitsche heut kann uns sehr viel , sogar das Leben kosten . Er ist Araber , also rachsüchtig , und sodann gar Scherif ! Hast du denn die grüne Farbe seines Turbans nicht beachtet ? « » Sihdi , es wurde mir vor Zorn so grün vor den Augen , daß die Farbe des Turbans sich gar nicht extra unterscheiden ließ . Ich hoffe doch , daß du , wenn du unser Zusammentreffen mit den Mekkanern beschreibst , mich und die Kurbadsch nicht mit erwähnst ? « » Hm ! Diesen Gefallen möchte ich dir wohl gern thun , glaube aber , daß es mir nicht möglich sein wird . « » Warum nicht ? « » Weil sich wahrscheinlich die Folgen deiner schnellen Handlungsweise einstellen werden , und wenn ich von diesen erzähle , muß ich auch die Ursache , deine Peitsche , erwähnen . « » Das thut mir leid , sehr leid ! Du kannst dir doch denken , daß ich nicht gern als ein Mensch beschrieben sein will , der nichts als Dummheiten macht ! « » So hüte dich , welche zu begehen ! « » Das mir zu sagen , ist wohl leicht ; aber wenn es mir in der Zunge oder in den Gliedern zuckt , so springt die Katze heraus , ehe ich sie festhalten kann . Es ist mir aber ein gutes , ein sehr gutes Mittel der Bedachtsamkeit eingefallen , vorhin , als du die Bücher erwähntest . Ich habe mir vorgenommen , in diesen Büchern von jetzt an als leuchtendes Vorbild reiflicher Ueberlegung und ernster Behutsamkeit zu glänzen ; ich werde keinen Finger mehr eher bewegen , als bis ich mir ganz genau berechnet habe , welcher von den zehn , die ich besitze , es sein muß . Dabei aber mußt du mich als Freund unterstützen , indem du mich sofort an die Bücher , welche du noch schreiben willst , erinnerst , falls ich mich in Gefahr befinde , etwas zu sagen oder zu thun , was ich verschweigen oder unterlassen soll . « » Da bin ich einverstanden ; ich werde es gern thun . « » Aber das braucht keiner , der dabei steht , zu bemerken . Darum mußt du vermeiden , mir eine lange Rede zu halten , Sihdi ! « » Hast du mich als einen Freund von langen Reden kennen gelernt , Halef ? « » Nein . Aber auch mir wird ein einziges Wort genügen . « » Welches ? « » Kultub48 . Sag einfach Kultub , so weiß ich , was du meinst , ohne daß ein anderer es erfährt ! Sobald du dieses Wort aussprichst , werde ich sofort daran denken , daß ich den vielen , vielen Lesern deiner Bücher als erhabenes Vorbild und unerreichtes Muster aller irdischen und männlichen Tugenden zu gelten habe . Dieses Wort wird mich im größten Zorne beruhigen , indem es meinen Grimm mit Sanftmut übergießt ; es wird mich in jeder Aufregung , überhaupt in jeder Lage , zur Besinnung und Ueberlegung dessen bringen , daß derjenige Teil der Weltgeschichte , welcher von mir , von meinen Worten und Werken handeln wird , nichts enthalten darf , wodurch der Glanz meines Ruhmes verdunkelt werden könnte . Also nur dieses eine Wort Kultub brauchst du zu sagen , wenn du den wütenden Löwen , der ich zuweilen bin , schnell in ein stilles , geduldiges Lamm verwandeln willst . Dafür bin ich aber auch überzeugt , zur Besänftigung deines Zornes nun alles gethan zu haben , was du von mir verlangen kannst , und bitte dich , den überflüssigen Schwung , den ich meiner Peitsche gegeben habe , nicht wieder zu erwähnen ! « Mit diesen Worten war für ihn die Sache abgemacht , für mich aber freilich noch nicht , denn ich war überzeugt , daß die Folgen gewiß nicht auf sich warten lassen würden . Jetzt war es Zeit , uns schlafen zu legen ; ich sah also noch einmal nach dem Hedschihn , welches ich während dieser Reise ritt , und rief dann meinen Hengst Assil zu mir , denn er war jetzt ganz genau so mein Schlafkamerad , wie sein Vater Rih es früher gewesen war . Sein Hals diente mir als Kopfkissen , und vor dem Einschlafen sagte ich ihm die für ihn bestimmte Sure in das Ohr . Dann wurde es rundum still , denn außer dem einen Haddedihn , auf welchen die Wache gefallen war , hatten sie alle sich zur Ruhe gelegt . Später wurden wir durch einen Schuß aus dem Schlaf geschreckt ; die Geier hatten sich zu nahe an den Toten gewagt und waren von dem Wächter vertrieben worden . Als ich später wieder aufwachte , war es um die Zeit des Fagr , des Gebetes um die Zeit der Morgenröte . Die meisten der Haddedihn waren schon munter . Hanneh hatte das Feuer wieder angezündet , um den Morgenkaffee zu kochen , zu welchem die gestern übrig gebliebenen Brotkuchen verzehrt werden sollten . Hierbei will ich bemerken , daß der Beduine außerordentlich mäßig lebt und nur bei festlichen Schmausereien von dieser Regel eine Ausnahme macht . Der Fremde , welcher sich denselben Anstrengungen wie der Einheimische unterwerfen will , muß sich auch ganz derselben Mäßigkeit befleißigen , wenn er nicht von Krankheiten schnell dahingerafft sein will . Ich denke da noch heut mit großem Vergnügen eines Zusammentreffens zwischen mir und einem Wüstenreisenden , dessen Werke nicht unbekannt sind . Er erzählte mir mit großer , sichtlicher Befriedigung , daß er » in der Wüste « stündlich mehrere Glas Wasser getrunken habe . Er reiste mit vierzehn Zelten . Sobald diese aufgeschlagen waren , nahm er ein Frühstück zu sich , welches aus einer Flasche Wein , Sardinen , kalter Zunge und Biskuit bestand , hierauf aß er zu Mittag eine » Suppe ersten Ranges « ; so nannte er sie nämlich . Sie bestand , notabene für ihn ganz allein , aus drei Hühnern und einer ganzen Ochsenschwanz- oder Schildkröten-Konserve . Hierauf folgten Schafs- oder Lammbraten , eine Eier- oder Reisspeise , Biskuit nebst Wein und Kaffee . Dieser Herr versicherte mir im Tone stolzer Genugthuung , daß er » in der Wüste « niemals einen Beduinen besucht habe , ohne Handschuhe anzuziehen ! Und das , was er mir erzählte , hat er auch geschrieben und durch den Druck veröffentlicht ! Wenn es Europäer giebt , welche in südlichen Ländern in dieser ausgiebigen Weise für das Wohlbefinden ihres Körpers sorgen , so ist es gar kein Wunder , wenn die durch diese Völlerei erzeugten überschüssigen Säfte sich auf dem auch schon nicht mehr ungewöhnlichen Wege des Tropenkollers Luft zu machen suchen ! Ich habe stets genau in derselben Weise wie die Eingeborenen gelebt und bin nie der Ansicht gewesen , daß ich mich durch den Genuß von Extraspeisen und Delikatessen vor ihnen auszeichnen müsse . Was sie hatten und aßen , das hatte und aß auch ich , und da ich diesen Grundsatz auch in jeder andern Beziehung verfolgte , so bin ich mit ihnen stets , auch ohne Tropenkoller , sehr gut ausgekommen . Als wir den Morgenkaffee zu uns genommen hatten , durften wir an unsern Aufbruch denken ; vorher aber hatten wir das zu thun , was zu thun wir uns durch die Malice el Ghanis gezwungen sahen : Wir mußten die Leiche des Münedschi vollends mit Sand bedecken , wenn wir uns nicht einer ganz unverzeihlichen religiösen Unterlassungssünde schuldig machen wollten . Es wurden einige Haddedihn damit beauftragt , denen Halef befahl , es nicht bloß bei dem einfachen Zudecken zu lassen , sondern einen hohen und möglichst festen Grabhügel aufzubauen , damit die Geier dann nicht zu der Leiche könnten . Meiner alten Gewohnheit folgend , mich womöglich um alles selbst mit zu bekümmern , ging ich mit diesen Leuten nach der Stelle , wo die Mekkaner ihren Toten liegen gelassen hatten ; Halef war auch dabei . Der Körper der Leiche war im Sande eingegraben , der Kopf noch nicht ; das Gesicht hatte man mit einem Zipfel des Gewandes bedeckt . Ich schlug diesen Zipfel zurück . » Allah w ' Allah ! « sagte Halef . » Welcher Ausdruck der Ehrwürdigkeit ! So wie diesen Mann habe ich mir die Propheten vergangener Jahrhunderte vorgestellt ! « Er hatte recht ; es ging mir grad so wie ihm . Ich hatte wohl noch selten ein so schönes , Ehrfurcht gebietendes Greisenangesicht gesehen , noch jetzt , im Tode , schön ! » Er hat nicht das Aussehen eines Toten , sondern eines Schlafenden , « fuhr Halef fort , » eines Schlafenden , der von Allahs Himmel träumt . Sieh , wie er selig lächelt ! « Es ist nach meinen Erfahrungen mit diesem sogenannten » seligen Lächeln « der Verstorbenen eine ganz eigene Sache , denn ich habe es am ausgeprägtesten , am ergreifendsten bei Personen gefunden , deren Ende ein gewaltsames gewesen war . Ich habe in den Zügen im Kampfe Gefallener kurz nach ihrem Tode den sprechendsten Ausdruck des Hasses , des Grimmes , der Angst , des physischen Schmerzes gesehen , und dann wahrgenommen , daß dieser Ausdruck sich sehr bald in denjenigen der Milde , der Ruhe , des Friedens verwandelte . Und wiederum sah ich Leute so sanft und kampflos hinüberschlafen , daß ich mir wünschte » so möchte einst auch dein Tod sein ! « , und dann nahmen ihre Gesichter nach und nach das Gepräge seelischer Angst oder körperlicher Pein , des Leidens an . Sollten die Affekte oder Stimmungen , welche im Augenblicke des für uns sichtbaren Sterbens vorherrschend sind , nur deshalb keine nachhaltige Wirkung hinterlassen , weil die eigentliche Trennung der Seele von dem Körper erst später , von uns unbemerkbar , erfolgt und der Geist erst dann das , was ihn bei diesem endgültigen Scheiden bewegt , zum Troste oder zur Warnung für die Hinterbliebenen auf das Angesicht schreibt ? Diese Frage gehört auch zu denen , welche wir Lebenden wohl aussprechen , aber nicht beantworten können . Indem ich die Züge des Münedschi betrachtete , fiel mir die Färbung des Gesichtes auf ; sie war blaß und totenähnlich , dabei aber von einem so eigentümlichen Ton , daß ich aufmerksam wurde . Ich legte die Hand an seine Wange und fühlte , daß sie kalt war . Ich entfernte den Sand von den Armen und den Händen ; diese letzteren hatten auch die Kälte des Todes . Nach der Trübung der Augen sah ich nicht , da ich ja gehört hatte , daß der Münedschi blind gewesen war . Leichengeruch gab es nicht , doch war die Todesstarre eingetreten , die aber ebenso wie die Kälte und die Veränderung der Hornhaut des Auges kein unzweifelhafter Beweis des wirklich eingetretenen Todes ist . Ich forderte einige Haddedihn , welche bei uns standen , auf , den Mekkaner ganz vom Sande freizumachen . » Warum das ? « fragte Halef im Tone der Ueberraschung . » Denkst du etwa , daß er noch lebt , Sihdi ? « » Das wohl nicht , « antwortete ich ; » aber ich habe das Gefühl , als läge auf dem Gesichte noch ein leiser , leiser Lebenshauch , der nicht auf wirklichen Tod , sondern nur auf Ohnmacht schließen läßt . « » Nur ohnmächtig ? Also scheintot ? Effendi , wir haben schon viel , sehr viel erfahren und gar manches erlebt , was kein anderer Mensch erleben wird , aber einen Scheintoten wieder lebendig zu machen , dazu haben wir doch noch keine Gelegenheit gehabt ! Was für ein großer Ruhm würde es für uns sein , wenn wir sagen könnten , daß sogar die Macht des Todes nicht vor uns standhalten könne ! Hier ist die beste , die allerbeste Gelegenheit dazu , dies zu beweisen ! « » Nur langsam , nicht wieder so vorschnell , lieber Halef ! Ich habe ja noch gar nicht behauptet , daß es sich hier nur um Scheintod handle ! Ich täusche mich jedenfalls , halte es aber doch für meine Pflicht , diesen Mann nicht eher vollends zu begraben , als bis ich mich überzeugt habe , daß der Tod wirklich eingetreten ist . « » Wie kannst du zu dieser Ueberzeugung gelangen ? « » Indem ich seine Atmung und den Puls untersuche . « » Die Atmung ? Er holt keinen Atem mehr ; das muß ja jeder sehen ! « » Das Atmen eines Scheintoten geht so leise vor sich , daß es nur bei der größten Aufmerksamkeit zu bemerken ist . Wollen sehen ! « Die Haddedihn hatten den Sand entfernt und den Körper neben die Grube gelegt . Ich kniete bei ihm nieder , schlug die Kleidung weit von der Brust zurück und hielt die Augen auf den Brustkorb gerichtet . Halef ließ sich zu gleichem Zwecke neben mich nieder . Es versteht sich ganz von selbst , daß alle andern Haddedihn nun auch herbeigekommen waren und in höchster Spannung im Kreise um uns standen . Noch war kaum eine Minute vergangen , so rief Halef : » Jetzt , jetzt hat er Atem geholt ! Hast du es gesehen , Effendi ? « Auch mir war es so gewesen , als ob eine ganz leise und sehr flache Bewegung des Thorax stattgefunden hätte ; aber selbst als sich das nach einiger Zeit wiederholte , glaubte ich , an der Wahrheit dieser Beobachtung zweifeln zu müssen . Ich ließ mir ein Stück Leder geben , rollte es zum Rohr zusammen und setzte es , die Haddedihn zum tiefsten Schweigen auffordernd , dem Mekkaner auf das Herz . Es verging wohl über eine Minute ; da glaubte ich , ein Geräusch gehört zu haben , sagte aber nichts ; dann hörte ich es wieder , auch zum dritten , vierten und fünften Male ; es waren die Diastolgeräusche , die zweiten kürzeren und helleren Herztöne , welche ich bemerkt hatte ; die ersten Herztöne sind zwar stärker und länger , aber dumpfer und an Scheintoten nie zu hören . Jetzt war ich meiner Sache sicher und sagte , indem ich schnell aufsprang : » Halef , dein Wunsch ist erfüllt , denn dieser Mann lebt ; er ist nur scheintot , und mit Gottes Hilfe wird es uns gelingen , seine Seele zurückzurufen ! « » Hamdulillah ! Wir werden den Tod überwinden und dem Leben befehlen , wieder dahin zurückzukehren , wohin es rechtmäßigerweise gehört ! Wir werden es an seine Pflicht erinnern und nicht eher ruhen , als bis es uns Gehorsam geleistet hat ! Aber da ich nicht weiß , wie das zu machen ist , so fordere ich dich auf , Effendi , uns zu sagen , wie es geschehen soll ! « » Das wird durch den Itnaffas maßnu49 geschehen . « » Itnaffas maßnu ? Davon habe ich noch nie etwas gehört . Es ist doch keine Kunst , zu atmen ! Wenn man den Mund öffnet , geht die Luft ganz von selbst hinein . « » Dir das zu erklären , habe ich jetzt keine Zeit . Wir dürfen keinen Augenblick verlieren , wenn wir mit unserer Hilfe nicht zu spät kommen wollen . « » Aber ich darf mithelfen ? « » Ja . Ich werde dir zeigen , was du zu thun hast . « Der Oberkörper des Mekkaners wurde ganz entkleidet und , etwas erhöht , auf den Rücken gelegt . Ich zog seine Arme in regelmäßigen Intervallen vom Brustkorbe ab , langsam nach oben über den Kopf und drückte sie ihm dann wieder an den Körper . Halef mußte in den gleichen Intervallen ihm den Unterleib nach oben drücken , wodurch eine regelmäßige Erweiterung und Verengerung des Brustkorbes entstand , durch welche die Lunge gezwungen wurde , abwechselnd Luft aufzunehmen und wieder abzugeben . Natürlich hatte ich ihm vorher die Zunge so weit vorgezogen , daß ein Haddedihn sie fassen und festhalten konnte , weil durch sie sonst der Atmungsweg verschlossen worden wäre . Während wir in dieser Weise beschäftigt waren , wurde der Körper des Münedschi , auch an den Beinen , von noch zwei Haddedihn unausgesetzt sehr stark frottiert . Es braucht wohl kaum gesagt zu werden , daß der kleine , gesprächige Hadschi sich während dieser Arbeit fortwährend in Bemerkungen erging , die nicht zur Sache gehörten , von mir aber nicht zurückgewiesen wurden , weil dies auf seinen Eifer abkühlend gewirkt hätte . Dieser mußte im Gegenteile erhalten werden , denn unsere Bemühungen schienen lange Zeit ohne allen Erfolg zu sein . Es war wohl schon eine Stunde vergangen , und ich wurde von der einförmigen Bewegung müde . Eben wollte ich mich für einige Zeit ablösen lassen , als ich bemerkte , daß der Scheintote Farbe bekam ; da war nun freilich von Ermüdung keine Rede mehr . Schon nach kurzem holte er selbständig Atem und öffnete die Augen . Was für prachtvolle Augensterne das waren ! Ich habe viele , viele Reimereien gelesen und gehört , in denen von herrlichen blauen oder gar himmelblauen Augen die Rede ist , aber noch nie ein himmelblaues Augenpaar gesehen . Ich behaupte darum , daß es gar kein rein blaues Auge giebt . Hat es aber jemals wirkliche , herrliche , himmelblaue Augen gegeben , so sind es die des Münedschi gewesen , welche sich jetzt so weit öffneten und mit einem unbeschreiblichen Ausdrucke groß und voll auf den Hadschi richteten . Das war ein mir völlig unbekannter Glanz , ein Blick , der nicht dieser Welt anzugehören , sondern aus dem Jenseits zu kommen schien . » Sihdi , er ist wach ! Er atmet und schaut mich an ! « rief Halef überglücklich . » Durst ! « hauchte der Kranke . Es wurde Wasser gebracht ; wir setzten ihn aufrecht und flößten es ihm langsam und vorsichtig ein , fast nur tropfenweise . Durch diese langsamen und regelmäßigen Schlingbewegungen wurde sein noch schwaches Atmen unterstützt . Es besserte sich . » Danke ! « sagte er , als der ärgste Durst gelöscht zu sein schien . Dann sank er um , schloß die Augen wieder und schlief ein , wodurch aber das Atemholen nicht gestört wurde . Die Züge wurden im Gegenteile immer kräftiger und tiefer . » Hast du seine Augen gesehen , Sihdi ? « fragte mich Halef . » Ja , « nickte ich . » Und dich über sie gewundert ? « » Nein . Diese Augenfarbe hat nicht bloß der Norden . Ich habe sie sogar im Süden der Sahara an ganz dunkel gefärbten Leuten bemerkt . « » Das ist es nicht , was ich meine . El Ghani hat doch behauptet , daß El Münedschi blind sei ; das halte ich aber , seit ich diese Augen gesehen habe , für eine große Lüge ! « » Auch ich neige mich dieser Ansicht zu , doch ist es nicht unmöglich , daß wir uns täuschen . Warten wir es ab ! « » Aber was thun wir nun ? Wir müssen doch aufbrechen , und er schläft ! « » Wir dürfen ihn jetzt nicht stören , werden also bleiben , bis er erwacht . « » Und dann ? « » Dann werden wir ja mit ihm sprechen und also erfahren , was er zu thun beschließen wird . « » Gut , warten wir also ! Es zwingt uns ja nichts zur Eile , und so können wir , während er im Schlafe neue Kräfte sammelt , uns über die Kijahma50 freuen , durch welche wir seine schon abgeschiedene Seele aus dem Lande des Todes zurückgerufen haben . Hast du schon einmal von einer solchen Kijahma gehört , Sihdi ? « » Ja . Ich habe sogar eine Auferstandene sehr gut gekannt und außerordentlich lieb gehabt ; ich liebe sie noch heut , obwohl sie nun nicht mehr zu den Irdischen gehört . « » Wer ist das gewesen ? « » Meine Großmutter , die Mutter meines Vaters , welche der irdische Engel meiner Kindheit gewesen ist und jetzt nun sicher bei den Engeln weilt . Sie war , grad wie auch meine Mutter , so reich an Liebe , daß ich noch heute von und in diesem Reichtume lebe ; es ist das der größte Reichtum , den es giebt , mein lieber Halef . Die Verletzung eines Nerven war schuld , daß sie in Starrkrampf fiel und für tot gehalten wurde . Man bettete sie in den Sarg , und erst ganz kurz vor dem Begräbnisse , als die Leidtragenden den letzten Abschied von ihr genommen hatten , wurde entdeckt , daß sie noch lebte . « » Durch einen Zufall ? « » Halef , du weißt , daß es für mich keinen Zufall giebt . Wenn die allmächtige Weisheit Gottes Ursachen und Wirkungen miteinander verknüpft , deren Verbindung das schwache Auge des Menschen nicht zu erkennen vermag , so wird zur Erklärung das mir so unsympathische Wort Zufall hervorgesucht . Es ist das eine Kantara el humar51 , über welche sogar sonst ganz kluge Leute reiten . « » Lebtest du damals schon , als deine Großmutter scheintot war ? « » Nein . Sie ist zu jener Zeit noch jung gewesen , hat aber bis in ihr sehr hohes Alter oft von der entsetzlichen Angst gesprochen , welche ihr durch den Gedanken , lebendig begraben zu werden , verursacht worden war . « »