Verheirateten stehn , wenn wir nicht an die Menschheit hinzugeben versuchten , was jene dem Manne , den Kindern geben . In solchem Falle wären sie sogar berechtigt , uns zu verachten . Jedenfalls zu verachten . Das wäre dann entschiedene Verkümmerung . Unmöglich , aber ganz , ganz unmöglich kann doch der Zweck , das Ziel von allem sein , daß wir Unverheirateten wirtschaftlich selbständig werden ! Nein , damit wäre ja noch gar nichts geschehn ! Wenn wir nur das erreichten , daß wir für unser eigenes Futter sorgen und unser eigenes Ställchen haben könnten , dann sagte ich auch : » Taugenichtse ! alle miteinander ! « Dann wären wir wirklich taube Blüten . Nein , dies Bestreben ist nur der Anfang . Der Zweck ist , die Hände frei zu bekommen , um der Menschheit dienen zu können , mit allen Kräften , mit allen wohlausgebildeten Kräften und mit unbegrenzter Liebe ! Das sagt man nur nicht . Leider sagt es niemand ! Aber ich glaube , alle , die es angeht , wissen es , oder sie fühlen es tief innerlich im Herzen . Es ist eine Art Freimaurerei unter allen , die es angeht , und der Grund davon kann ja unmöglich das eigene Futter und das eigene Ställchen sein . Darin kann das verbindende Geheimnis nicht beschlossen sein , das ist undenkbar . Ich , wenn ich reden könnte , wie die beredte Portia - - ! Ach , das war es ja , was ich sagen wollte zu den emporgewandten Hörern damals am ersten Tage im leeren Auditorium in der Universität . Zu den unsichtbaren Hörerinnen . » Der Mensch lebt nicht vom Brot allein ! « Und er lebt auch nicht , um des Brotverdienens halber . Nun , es ist gut , daß mich kein Mensch gehört hat ! Es sind so selbstverständliche Dinge , daß man sich schämen muß ! Aber vielleicht wäre es doch gut , wenn es zuweilen eine von uns offen ausspräche , wozu wir auf der Welt sind . Unsere Gegner würden uns zwar noch heftiger auslachen , aber - - Ja , mit unsern schlimmsten Gegnern , - das ist nun überhaupt merkwürdig ! Nietzsche - wahnsinnig . Guy de Maupassant - wahnsinnig . Strindberg - wahnsinnig . Ich will nicht sagen , daß es ein Symptom ist - aber - vielleicht ist es doch ein Symptom ! Wenigstens insofern , als es kaum lohnen dürfte , sich gegen uns auf Jene zu berufen , scheint mir . 16. April . Gestern sah ich zum erstenmale eine Gaskraftmaschine arbeiten , die zum Betriebe einer Druckerei dient . Die Explosionen werden zum Treiben benutzt . Das ist ein so großer Triumph über des » Feuers furchtbare Himmelskraft , « daß ich fast Bedauern mit ihm bekam . Der gefesselte Riese , der ins Joch gespannt , niedere Knechtsdienste thun muß . So hat man auch unsere Kräfte , unsere gottverliehenen Kräfte in den niedersten Dienst gespannt . Indem man uns alle freie Bewegung versagte , hat man uns klein gemacht und uns dann höhnend vorgehalten : des Hauses enge Grenzen , das sei unsere ganze Welt . Und die Schuld der Unterdrücker ist die Mitschuld der Unterdrückten geworden . Indem wir ' s uns so lang haben gefallen lassen , sind wir schlaff , träg , kleinlich , kurzsichtig , oberflächlich und listig geworden . Wir haben unsere Ketten sogar lieb gewonnen , wir finden uns anmutig in unserer Unselbständigkeit . Wir sind eitel auf Dinge , die man im Laden kauft . Nein , nein , so wie wir da sind , taugen wir gewiß nicht viel . Aber wir werden uns aufraffen ! Wir werden uns auf uns selber besinnen . Unserer gottverliehenen Kräfte werden wir gedenken , und die Ketten werden wir abstreifen . Dann wird der Himmelsfunke hell hervorlodern . So und so viele Intelligenzen mehr , so und so viele Menschen mit gutem Willen mehr - das ist doch wertvoll ! Das muß doch etwas ausmachen . Das muß man doch ernstlich in Betracht ziehn ! Ist denn bis jetzt solch ein Ueberschuß an gutem Willen in der Gesellschaft vorhanden , daß man uns alle nicht mehr nötig hat ? Nein , es giebt unendlich viel zu helfen , und die Helferinnen werden wir sein ! Ach , verschmäht doch unsere Mitarbeit nicht ! verschmäht unsern guten Willen nicht ! 20. April . Ich bin ganz zufrieden jetzt und vergnügt . Wir thun Kulturarbeit , gradezu in ausgeprägtem Maße Kulturarbeit , indem wir uns selbst zu kultivieren suchen . Und wir Frauen müssen diese unsere eigenste Sache in unsere eigenen Hände nehmen , denn unsere Männer haben zuviel mit der Kultivierung der Schwarzen und Braunen zu thun . Schulen für deutsche Mädchen sind ihnen weniger wichtig , als Schulen für deutsche Neger . Wie innig gerührt würde man höheren Orts sein , wenn die Kameruner sich ein Gymnasium ausbäten ! Gewiß käme man diesem fortschrittlichen Streben mit Huld und Bereitwilligkeit entgegen . Unseren schwarzen Brüdern würde man auf ' s Wort glauben , daß » ein Bedürfnis nach höherer Bildung bei ihnen entstanden ist « , unsere weißen Schwestern fertigt man mit schlechten Witzen ab ! Oh , ich bin sehr froh und vergnügt jetzt , ich bin jetzt vollkommen überzeugt , daß die höhere Kulturstufe auch für uns noch errungen werden kann . Wir sind ja in Bezug auf die Gleichberechtigung der Frau doch schon ziemlich viel weiter als zum Beispiel die Samojeden . Bei den Samojeden gilt die Frau für ein unreines Wesen und darf in Gegenwart des Mannes nicht essen . Bei allen rohen Völkern , deren höchstes Gut Körperkraft ist , sehn wir das Gleiche oder doch Aehnliches . Wir sind nicht mehr auf der Samojedenstufe , aber so schrecklich weit über sie hinaus sind wir auch noch nicht . In einem Soldatenlande kann die Frau nicht als gleichberechtigt angesehen werden , einfach deshalb , weil sie nicht einmal Gemeine wird ! Wir haben sehr viele Soldatenländer jetzt , darum ist zum Beispiel bei uns so wenig Verständnis für die Frauenbewegung . Die Militärherrschaft ist ein Zurücksinken auf die Samojedenstufe , und sie hat Samojedengefühle verbreitet . Nein , immer wird es nicht so fortgehn . Oh nein ! 1. Mai . Ein wunderschöner Morgen ! Es hat über Nacht geregnet nach langer staubiger Dürre , und nun ist alles so erfrischt ! Das nasse Gras blinkt , es blinkt das weiche , saftige , milchige Grün an den Bäumen . Noch sind Millionen von Knospen unerschlossen , aber sie harren - sie warten - - Nur die kleinsten Obstbäume und die Spaliere blühn ; die Apfelspaliere ziehen blühende , rosige Guirlanden , Vorläufer der Rosen . Auf den Wiesen leuchtet ' s von Sonnentupfen , vom goldgelben Löwenzahn . Leichter , bläulicher Nebel , lauter süße Verheißung umflort die Ferne , den Horizontrand nehmen zarte , weiße Wolken ein . Sanft blau ist der Himmel , holdes Gezwitscher auf allen Zweigen . Und der feuchte Duft , der vom Boden aufsteigt ! Ein solcher Morgen müßte es sein - solch ein lächelnd heraufgezogener Morgen ! Oh , ich sehe sie kommen , in blonden Flechten und braunen Locken maigrüne Kränze , rosige Wangen , brennend , voll Eifer , voll Lebensglut , Augen , aus denen es strahlt von gutem , heiterem Willen ! In weißen Kleidern die Jungen und die Alten , Rosengewinde tragen sie und Geigen und Flöten , und mit frohen Lauten singen sie das Lied : » Wir sind erwacht ! erwacht ! Wir sind eins , alle miteinander , selige Schwestern . Gebt uns freie Bahn ! Wir wollen unsern Menschenanteil an Eurer Pflicht und an Eurem Recht ! « - » Was wollt Ihr ? « ruft es uns entgegen , » wir verstehn Euch nicht ! « - » Was wir wollen ? wir schreiten an die Wahl , zur ersten Wahl , zur ersten Wahl schreiten wir , - Ihr begreift , daß dieser Tag ein Fest für uns ist ! « - » Das ist Unordnung ! das ist Aufruhr ! « ruft die Polizei . » Nein , das ist Frühling ! das ist ein Fest ! « rufen wir , und wir schreiten vorwärts . Auch Soldaten kommen , auch Soldaten ! » Wir werden auf Euch schießen , « sagen sie , » geht heim , oder wir schießen ! « Wir schwenken die Rosengewinde und werfen nach ihnen mit grünen Zweigen , unablässig tönen die Flöten und Geigen , unerschrocken strahlen die Augen , die rosigen Wangen . Der gute Wille strahlt ! » Ihr werdet nicht schießen , wir sind ja Eure Schwestern ! Und hier sind Eure Frauen , Eure Töchter , Eure Mütter sogar sind mit uns herausgezogen ! Dies ist kein Aufruhr , dies ist ein Fest ! « Sie blicken einander an , - sie zaudern , - sie staunen - sie sehn , da sind ihre Schwestern , ihre Töchter , ihre Frauen , ihre Bräute - sie fangen an zu lächeln . » Was ist das ? was ist das ? « Und langsam lassen sie die Waffen sinken und zielen nicht auf die Wehrlosen , die mit den grünen Zweigen winken ! - Nein , sie schießen nicht . Ich weiß es , ich sehe alles so groß und klar und deutlich vor mir . Schon erhebt da und dort einer die Stimme , um mitzusingen . Aus dem Gliede ist er herausgetreten , um der Braut die Hand zu drücken . So schön hat er sie nie vorher gesehn ! » Meine süße Rebellin ! « ruft er , und ergreift das Rosengewinde , das lässig nachschleift . Hand in Hand gehn sie schon , immer mehr treten aus dem Gliede , folgen dem Beispiel des Ersten . » Mutter ? auch du ? « ruft ein liebevoller Sohn , zögernd , zweifelnd . - - Liebevoll trifft ihn der Blick aus Mutteraugen : » Geleite mich ! « - » Nun in Gottes Namen ! wenn du dabei bist , kann es nichts Schlechtes , nchts Thörichtes sein , ich geleite dich , Mutter ! « - - Oh , schöner , oh wunderschöner Zukunftsmorgen ! Ich jubele und weine und falte die Hände und bete , daß es geschehe und daß ich ' s noch sehe ! Achtzigjährig und auf Krücken , mit wackelndem Kopf - meinetwegen ! Ich würde dennoch jauchzen , jauchzend meine Krücken schwingen und vor dem ewigen Einschlafen mitsingen das Lied : » Wir sind erwacht ! erwacht ! Wir sind eins , alle miteinander , selige Schwestern ! « 4. Juni . So lang nichts aufgeschrieben hier ! Es geht ja nicht , man muß seine Gedanken straff und stät auf die Arbeit richten . Es geht vorwärts , mir gehn immer mehr Lichter auf . Das eilige Fräulein fragte mich neulich in scharfem Ton , wie mir schien , weshalb ich ihren Rat nicht befolge und mich ausschließlich an die Vorbereitung zur Matura halte . Ich konnte ihr die Versicherung geben , daß ich trotzdem noch Zeit habe , einige Kollegien zu besuchen . » Sie haben also jedenfalls viel Arbeitskraft , « sagte sie achselzuckend . Sie schien mir beleidigt , weil ich ihren Rat nicht genau befolgt . Hoffentlich wird sie mir wieder gut , wenn ich bald ein ordentliches Examen mache . Sie sagte mir , sie halte keine Studentin für voll , bevor sie nicht die Matura gemacht , ja sie halte diese , ohne Matura , sogar für gefährlich , für schädlich , gemeinschädlich . » Die Professoren scheren uns dann alle über einen Kamm , halten uns alle für gleich schlecht vorbereitet , « meinte sie . Das schien mir nun überängstlich . Ich möchte sie gern fragen , ob man denn für die abgelegte Prüfung eine Kokarde bekommt , die man sichtbar an sich trägt , aber ich weiß gewiß , ich werde diese Frage nicht thun , sie könnte beleidigend wirken . Doch glaube ich , sie verfällt in denselben Fehler , wie die Männer . » Niemand sollte zum Studium zugelassen werden , der nicht das Reifezeugnis besitzt , « sagen diese Männer . - » Gut , so gebt uns Schulen , gebt uns Gymnasien , wo wir dies Zeugnis erwerben können , « sagen wir . - » Nein , dafür ist kein Bedürfnis vorhanden , « erwidern sie behaglich , » das weibliche Geschlecht besitzt keine Anlage zur Logik , folglich wird es uns niemals gleich werden . « » Ist diese Antwort logisch ? « fragen wir bestürzt . » Nach männlichen Begriffen ist sie es , « erwidert man würdevoll . » Nun , ich habe trotzdem , trotz aller Schwierigkeiten die nötigen Kenntnisse erlangt , « sagen jene Studentinnen mit der Kokarde , » jetzt wird man mich hoffentlich zulassen ? « » Eine so erlangte Kokarde bedeutet nichts , ist nur Dressur , « heißt die Antwort , » wer nicht in Sexta mit Latein begonnen hat , dessen Latein ist nicht das echte , eingewurzelte , allein zum Studium befähigende und berechtigende ; die Mädchen aber waren niemals Sextaner und werden niemals Sextaner sein - wie wäre es also für sie möglich , jemals die echte und unverfälschte Kokarde zu erringen ? « » Gut , so gebt uns Schulen , gebt uns Gymnasien , « wiederholen wir , » damit wir echte Sextanerinnen bekommen . « » Nein , dafür ist kein Bedürfnis vorhanden , « schmunzelt es wieder , » es wäre sehr gefährlich , Mädchen so früh schon zum Studium zu bestimmen . Ihr Beruf ist , Gattin und Mutter zu werden . « » Ist es denn nicht gefährlich , Mädchen so früh schon zum Gattinnen- und Mutterberuf zu bestimmen ? Wo bleibt da Ihre Logik ? « » Logik , meine Damen , ist Männersache , bitte , mißbrauchen Sie dieses Wort nicht . « » Nein , nein , wir werden uns an diesem männlichen Privilegium nicht vergreifen , aber wie - ich bitte , bekommen wir doch diese verwünschte Kokarde ? « » Streben Sie ! streben Sie ! « » Aber Sie selber haben doch eben gesagt , daß Streben unnütz sei ! « » So streben Sie nicht ! besser ist es jedenfalls , ja besser ist es ohne Frage , Sie geben diese , wie Sie selber sagen , unerreichbare , verwünschte Kokarde auf ! Besser ist es , Sie verheiraten sich , viel besser ! « » Vielleicht aber möchte ich beides ? Sehr viele studierte Frauen sind verheiratet . « Bei diesem Punkt angekommen , verzerrt sich angstvoll das männliche Antlitz . Zwei zitternde Hände falten sich , und eine kläglich bebende Stimme fragt : » Um Gotteswillen ! und wer stopft die Strümpfe ? « 5. Juni . Ja , manchmal thut ein Wort doch viel ! Das Wort Kokarde hat mich zum Beispiel gänzlich von der Matura-Angst befreit ! Es wäre doch auch gar zu lächerlich , sich vor der Erwerbung einer Kokarde zu ängstigen . Man erwirbt sie eben und genug . Freilich - tragen werde ich sie niemals , die Kokarde , weder auf der Brust noch im Gesicht , wo sie so manche tragen . 20. Juni . Nein , diese abscheulichen Chinesen ! Was die auch ausgedacht haben ! Und nicht etwa jetzt , sondern vor Gott weiß wievielen tausend Jahren , als sie ihre abscheuliche Schrift erfanden ! Für jedes Wort ein Zeichen , das sieht diesen fetten , glatten , gelben Schlitzaugen ähnlich ! Ein Zeichen , oder vielmehr ein Bild , und das Bild für Zank , Zwist , wie stellten sie es dar ? Durch zwei einandergegenüberstehende Frauen ! Ist das nicht eine heillose Unverschämtheit ? Ja , ja , so ist Männerwitz mit den Frauen umgesprungen , seit die Erde Menschen trägt ! Ist Zank und Zwist denn nur Frauensache ? Wer hat den Zweikampf bis heut mit einer falschen Gloriole umkleidet ? Wer erfand und pries die Massenschlächtereien , die Kriege ? Etwa die Frauen ? Ha , wenn sie uns nur beschimpfen können ! Wieviele Bände könnte man füllen mit falschen Anklagen gegen die Frauen aus den Litteraturen aller Völker ! Da war kein Kirchenvater zu fromm , kein Philosoph zu weise , er mußte ein Witzchen oder ein Zötchen reißen , wenn er auf die Frauen zu sprechen kam ! Die bösen Frauen ! ihre Verbrechen , ihre Laster , ihre Unvollkommenheiten schreien zum Himmel ! Und was thaten sie auf alle Beschimpfungen , auf alle Bedrückungen ? Sie fuhren fort , den Mann zu lieben und für ihn und durch ihn zu leiden ! Auseinandergefallen wäre alles , aufgefressen hätten sie sich wie wilde Tiere , wären die Frauen den Männern gleich gewesen , - so sehe ich die Sache an ! Oh , Ihr gelben und weißen Chinesen , schämen solltet Ihr Euch ! 21. Juni . Nein , es ist nicht wahr , daß die Frauen einander feindlich sind ! Nie werd ' ich es glauben . Zu oft hab ' ich das Gegenteil gesehn , erlebt . Das kann nur der oberflächlichste Beobachter annehmen in irgend einem Ausnahmefall , wo zum Beispiel Eifersucht eintritt . Die französischen Erzähler , die alle andern Völker in der Kunst übertreffen , ihre Frauen schlecht zu machen , wählen mit Vorliebe Situationen dieser Art. Die Frauen unter sich wissen von solcher Feindschaft nichts . Sie helfen sich , sie stehn einander bei , sie verstehn sich , sie möchten , daß all ihre Schwestern gut und glücklich wären ! Viele von ihnen verstehn heut das Glücklichsein nur noch innerhalb der engsten Grenzen , aber wir werden sie belehren , wir werden ihre Blicke erweitern . Sie sind dankbar für jede gut und ehrlich gemeinte Aufklärung . Sie stärken sich an einander , sie freuen sich an einander ! Wenn einer von uns etwas gelingt , so sind alle stolz darauf . Es giebt Kleinliche , es giebt Aengstliche in beiden Geschlechtern , aber ich habe ein unbegrenztes Zutrauen zu dem Schwester gefühl einer Frau für die andere , das sich stärken wird in dem Maße , wie wir alle freier und selbständiger werden ! 28. Juni . Wie das dumm ist und fade und kleinlich und weibisch , sich einen Tag , einen ganzen , schönen , freien Sonntag , an dem sogar die Sonne scheint , und die Schneeberge vom Fuße bis zum Gipfel leuchten , zu verderben durch eine Laune , nicht meine eigene , sondern die schlechte Laune eines anderen , und wäre es selbst die Papa ' s ! Und so schwach ist es ! Ich kann also nicht gegen dieses flüchtige Ding , das sich schlechte Laune nennt , ankämpfen , ich lasse sie über mich Herr werden und mir den Tag , der ein Tag der Arbeit , der Heiterkeit , des Lebensgenusses sein sollte , einfach stehlen . Es ist zu toll ! Aber man ist so widerstandslos , wenn so etwas einen im Bett schon überfällt . Es kommt wahrscheinlich , weil man nichts an hat , oder doch beinahe nichts . Die Kleider geben doch immer eine Art Schutz ab , so etwas wie eine abstumpfende Watteschicht über das gar zu empfindliche Fell der Seele . Und noch dazu geht es mir sonst so gut , ich arbeite leicht und komme vorwärts . Es ist nicht , daß Mama schreibt , » das Geld kommt erst später , « das gehört schon so zu meiner Existenz . Ich kann dann , nach dem Ersten , nicht zum Mittagessen gehen , aber ich habe noch zehn Franken ; es geht schon ohne Mittagessen , jetzt , wo die Eier so billig sind . Nein , das ist es nicht . Aber Papa hat wieder zu wissen verlangt , wo » ich mich herumtreibe « und » auf wessen Kosten « , schreibt Mama . » Er hat mir gedroht , « schreibt sie , » und das hat er noch nie gethan . « Diese Worte hab ' ich den ganzen Tag nicht loswerden können . Und dabei glaube ich , daß es im Grunde Worte ohne Bedeutung sind , heut ausgesprochen und morgen vergessen . - Vielleicht ist es das Gewitter , das mir in den Gliedern liegt . Schön sieht ' s aus , der schwarzgraue Himmel mit der grellen , weißen Sonne , die Bäume wie lohend in grünlichem Feuer , mit wehenden Zweigen , das Gras vergoldet - - ich wollte , es käm ' eine Entladung , es grollt zu lange schon . - - - 10. Juli . Wenn es wochenlang geregnet hat und dabei kalt geworden ist , dann ist so ein Tag , wo wieder die warme Sonne scheint , wie ein allgemeiner Festtag ! Meine Wirtin sagt : » Das thut Einem ganz das Leben erquicken ! « und sie hat wirklich recht . Alles glänzt und strahlt . Man sieht : die Bäume sind im vollsten Grün , die Blumen blühen plötzlich überall wieder auf , das Gras steht üppig und dicht , und es sind Freuden da in Menge zu genießen , wo wochenlang die Hälfte aller menschlichen Arbeiten wie unnütz erschien . Wie jetzt die Gärtner wieder aufleben , und die armen , braunen Runzelweiber hinter ihren Blumenständern auf der Gemüsebrücke ! Dort steh ' ich gern und denke an mein altes , fernes Hamburg ! - - - 24. Juli . Beschlossene Sache jetzt - im Herbst mach ' ich die Matura . Mein Mathematiklehrer sagt , daß es geht . Ich machte einen Luftsprung in seiner Stube , so daß all die Zeitungen , mit denen sein Tisch statt der Serviette bedeckt ist , hoch aufflatterten . Er lachte mich mit offenem Munde an und sagte : » Sie sind noch sehr jung . « Nun war ich es , die lachte ! Ach , wenn nur das Geld nicht wäre , wie glücklich könnte man sein ! Man , zum Beispiel ich ! Aber kaum freu ' ich mich auf die Kokarde , gleich fällt mir wieder das Geld ein , das sie kostet . Ich muß es Mama bei Zeiten schreiben , wieviel ich dafür brauche , und ich zittere vor ihrer Antwort . Nun - ich muß hoffen , man kann ja nicht mehr , als arbeiten ! Mein Einsiedlerleben hat also doch gute Früchte getragen . Zuweilen kommt mir meine eigene Stimme so unbekannt vor , daß ich davor erschrecke wie vor einer fremden . So , in dieser Weise werd ' ich leben , bis ich auch mein juristisches Examen abgelegt habe . Und dann in die Welt , um zu helfen ! Das wird schön sein ! Mir gefällt das Wort » Fürsprech « so gut . Es klingt so viel traulicher , gutwilliger , hilfbereiter , als das durch tausend schlimme ironische Witze und Schnurren entstellte , verzerrte Wort » Advokat « . Hier sagt man » Fürsprech « . Ja , ein Fürsprech möcht ' ich werden für meine Schwestern ! Aber du - kannst du denn sprechen , schüchterne Fledermaus ? Oft , nachts , wach ' ich auf , zitternd , eiskalt , mit rasendem Herzklopfen ; dann - langsam - entsinn ' ich mich des schweren , immer wiederkehrenden Traumes : ich soll reden , ich will reden , und das Wort , das Wort ist nicht da ! Ich sehe Augen , die erwartungsvoll auf mich blicken , Lippen , die sich öffnen , wie um mir zu helfen , der Boden schwankt , - ich drücke die Hand an die Stirn - gleich , gleich ! im Augenblick wird es mir einfallen ! Wartet ! Wartet ! bitte , bitte , wartet ! Aber sie warten nicht sie schütteln die Köpfe , sie - - Oh , das ist ein entsetzlicher Traum , und er kommt so oft ! Und immer , hinterdrein , den ganzen Tag , sagt mir eine Stimme ins Ohr : » Es wartet etwas Schreckliches auf dich , gieb nur acht ! « Aber heute , heute bin ich keine Fledermaus ! Heute bin ich ganz lerchenleicht und fliege mit den weißen Wolken , den schnellen , schmalen , weißen Windsegeln durch einen göttlich blauen Sommerhimmel . Schöne Welt , - geliebtes Land , - Gefühl der Kraft , - übervolles Herz - wer kann glücklicher sein , als ich heute ! Die Großen sehn mich verwundert , spöttisch an , aber alle Kinder grüßen mich , reichen die Händchen , und ich halte sie so gern , diese kleine Hände , die einmal die Zügel führen werden , die Zügel der Zukunft ! Liebe Kinderchen , auch euch will ich helfen , auch euer Fürsprech will ich sein ! Bitten , flehen , raten , mahnen , daß eure Herzen warm und rein bleiben , daß eure lieben Augen keine Thränen der Kränkung , des Jähzorns , der Selbstsucht , des Elends trüb machen sollen ! Oh , nur Kraft ! Kraft ! endlose , unermüdliche Kraft ! damit ich euch helfen kann - das ist ' s , um was ich mit gefalteten Händen bitte ! 26. Juli . Wie Schuppen fällt es mir von den Augen , - buchstäblich so , als ob ein Vorhang weggezogen würde : es ist nie , aber auch nie der geringste Versuch gemacht worden , unser Rechtsleben auf das Christentum aufzubauen ! - Das rechtliche Verhältnis von Mensch zu Mensch ist einfach rein heidnisch geblieben . Ist das nicht eine ungeheure Thatsache ? Erklärt sie nicht sehr vieles , vielleicht alles ? Was bedeutet das in dürren , groben Worten ? Es bedeutet , daß wir das Christentum überhaupt niemals wirklich , sondern nur nominell angenommen haben , daß es niemals in das Bewußtsein eingedrungen ist , als eine Richtschnur unseres Handelns hier auf Erden , daß wir vom Christentum überhaupt nichts anderes in unser Vorstellungsgebiet hereingezogen haben , als was wir ohne Beeinträchtigung unseres Egoismus hereinziehen durften : das heißt , die Hoffnung auf das Jenseits , und namentlich die Vertröstung der Armen und Gedrückten auf diese Hoffnung . Das ist alles , was von dieser herrlichsten und erhabensten Lehre berücksichtigt worden ist , als ein staats- und ordnungerhaltendes Mittel , das in den Händen von Gewaltherrschern dazu dient , dem Schrei der Hungrigen zu steuern , und den Gedrückten willig und geduldig zu erhalten : » Für euch den Himmel , für uns die Erde . « So konnte der zweite ungeheure Irrtum entstehen , verhängnisvoller fast als der erste , daß man nämlich das so verstümmelte und seiner positiven Wirkung auf das Diesseits ganz entledigte Christentum eben dieses vermeintlichen Mangels wegen , als bedeutungslos für die Wirklichkeit , ja wohl gar als schädlich und entwicklungshemmend darstellte , und dieses Zerrbild mit dem vergessenen Original verwechselnd , die Religion der Liebe als Feindin bekämpfte ! Trauriger hat sich wohl nie ein Mensch verirrt , als diese sich verirrten ! Man brauchte nur die Evangelien aufzuschlagen , um zu finden , aber man schlug nicht auf , man suchte nicht , sondern man verachtete und bekämpfte . Ein Rechtsleben , gestützt auf das Christentum und seine Lehre von der Bruderliebe , von der schrankenlosen Vergebung , von der gegenseitigen Verantwortlichkeit - oh , es ist gar nicht abzusehen , nicht auszudenken , wo wir heute stünden , wenn wir wirklich Christen geworden wären , statt , auf heidnisches Recht pochend , nach wie vor in heidnischem Egoismus dem Eigentum als dem alleinigen Gott dieser Welt zu dienen und es anzubeten , und ihm , dem goldenen Kalbe , blutige Menschenopfer zu bringen und das Opfer alles dessen , was uns über das Tier und seine Begierden hinaushebt ! - - - Ganz fröhlich macht mich der Gedanke , daß ich nun weiß , warum alles so verrenkt und verbogen , so ungerecht und traurig ist , so roh und blutig und gemein ! Wir haben heute noch kein Christentum , aber es steht da vor uns , das unantastbare Ideal , und alle , alle müssen inne werden , daß wir darnach zu streben haben , als nach dem einzigen Mittel der Erlösung . 10. August . Kein Brief von Mama , kein Geld . Seit zehn Tagen kein warmes Mittagessen . Aber das schadet jetzt wenig , denn es ist heiß , man hat keinen Hunger , am wenigsten auf Fleisch . Meine Wirtin ist so gut , - ich gehe regelmäßig fort zur Mittagszeit , auch wenn ich nur ein paar Brötchen und Eier kaufe , sonst merkt sie etwas und fragt . Sie wollte mir schon gestern Suppe bringen . 16. August . Kein Brief , kein Geld ! Was jetzt ? Heute habe ich fast nichts arbeiten können . Wer weiß , was dort geschehen ist . Ich sorge mich auch so sehr um Mama . Was jetzt ? 20. August . Ich habe meine Uhr versetzt . Es fiel mir noch zu rechter Zeit ein . Jetzt , in den Ferien kann ich sie recht gut entbehren . Für Uhr und Kette hab ' ich achtundvierzig Franken bekommen , das ist etwas ; achtunddreißig fürs Mittagessen , vorigen Monat , hab ' ich wenigstens bezahlen können ; diesen Monat geh ' ich keinenfalls mehr hin ; Brot , Eier , Milch , etwas Obst - man wird sehr gut satt davon . Wenn ich nur wüßte , was zu Hause passiert ist ! Zweimal hab ' ich geschrieben , jetzt wag ' ich ' s nicht mehr ...... 1. September . Mama hat endlich geschrieben ! Ich habe geweint , als der Brief da war , ich