ließ ihn mit seinem tückischen Blicke nicht mehr los : » Es darf ja einer sogar den Namen Gottes aussprechen « , munkelte er , » da wird der Name der Jungfer Reber wohl auch noch erlaubt sein . Schließlich ist sie ja doch nur ein Mensch wie wir . Oder was denn sonst ? « Und immer von neuem setzte er verbissen an , während Conrad sich verächtlich abkehrte , aber doch heimlich hinhorchte , wie ein Tiger , der gereizt wird und sich einstweilen noch beherrscht . » Ein Maul braucht deshalb noch lange nicht schmutzig zu sein , weil es Schwarzbrot ißt statt Weißbrot . Es gibt Mäuler , die Hühnchen fressen und sind doch schmutzig . « Und ferner : » Wenn einer schon reich ist und ein Rößlein im Stall hat und eine Uniform im Schrank , so hat er deswegen nicht nötig , solch einen hochmütigen Ton mit dem Volke anzuschlagen wie mit einem unsinnigen Stück Vieh . « Dann wieder nach einer Weile : » Er kommandiert auch nicht immer so laut , der Herr Leutnant . Daheim im Pfauen , dem Vater gegenüber , redet er einen sanfteren Violinschlüssel , vorausgesetzt , daß er überhaupt zu reden wagt . « Ein höllischer Pfiff durch die Finger schrillte Alarm . » die Oberwagginger ! « scholl es wie Kriegsruf . » Wo ? « brüllten Dutzende von weinheisern Kehlen . » Haraus ! « krächzten andere , und wie ein Rudel Hirsche brach die vollzählige Dorfmacht durch den Hag , um des Feindes ansichtig zu werden . Was im Wege stand , wurde rücksichtslos zu Boden gerannt , Tische mitsamt dem Geräte , Stühle zugleich mit den daraufsitzenden Zechern , einerlei wer oder was . Solange Conrad nur zufällig Stöße mit abbekam , hielt er an sich . Höchstens , wenn sie ihm über die Füße stampften , warf er die nächsten kurzerhand über den Haufen , verteidigungshalber , was diese auch keineswegs wichtig krumm nahmen , sondern sich gleichmütig wieder auflasen , als wären sie über einen Schemel gestrauchelt . Höchstens daß ihm einer oder der andere flüchtig die Faust wies . Einer entschuldigte sich sogar : » Ja so ! Uha ! Nichts für ungut , Herr « , stammelte er verträglich , mit linkischem Gruß . Ein Hieb jedoch traf ihn so spitzig , so ausdrucksvoll , so beredt in den Rücken , daß er Absichtlichkeit witterte , und wie er sich blitzschnell herumwarf , überraschte er hinter sich den Regenwurm , der keine Frist mehr hatte , eine harmlose Miene zurechtzulegen , sondern , sich ertappt fühlend , die Flucht ergriff , im Gewühl untertauchend , die Arme zum Schutz über den Kopf gekreuzt wie ein Schulbube . Er flugs ihm nach , mitten durch den Haufen , den er gewaltsam teilte . Am Gartenpförtchen hatte er ihn , packte ihn am Kragen und schmiß ihn mit einem Fußtritt auf die Straße . Es war sonst nicht seine Gewohnheit , der Fußtritt . Allein diesmal überkam es ihn wie eine Offenbarung ; diesem mußte er einen Fußtritt verabfolgen , seiner Schwester zu Ehren und dem schiefen Maul zuliebe . Nachher spürte er sofort eine wohltuende Zufriedenheit , so daß er ruhig den Aufmarsch der feindlichen Bauernheere besichtigen mochte , als Zuschauer . Die Niederwagginger waren bereits sämtlich draußen auf der Straße , gefolgt von dem Weibertrupp , der teils abmahnend , teils mit neugieriger Abenteuerlust sich anhängte , alle ohne Ausnahme mit erhöhtem Respekt vor den gewalttätigen Knaben . Erst hielten diese Kriegsrat . » Punkt sechs schlagen wir los , nicht früher und nicht später « , lief es durch die Reihen . Dann nahmen sie die Jungfern in die Mitte und schlossen die Glieder ; hierauf drückten sie die Hüte tief über die Stirn und schritten mit geducktem Kopf scheinheilig fürbaß , dem Dorfe entgegen . Vor ihnen her in geraumer Entfernung , seitwärts im Kornfeld zur Linken der Kirschenallee , zog die Oberwagginger Dorfschaft mit ihren Weibern , ebenfalls in scheinfrommer Verfassung . Beide Haufen beobachteten einander , sorgsam darüber wachend , daß der Abstand zwischen ihnen sich weder erweitere noch verkürze . Von Zeit zu Zeit schnellte ein Kopf aus der Nachhut empor , wie ein Hahn , der krähen will , schickte rasch dem Feind ein fistelndes » Haraus « entgegen und versteckte sich hurtig wieder im Knäuel . So rückten die beiden Truppen allgemach vor , den Rain hinan , dem Pfauen entgegen . Conrad triumphierte ; nämlich die Nuß enthielt für ihn einen süßen Kern . Hatte er denn nicht dem Vater wohlmeinend vom Tanz abgeraten ? Und was für einen Lohn hatte er für seinen guten Rat geerntet ? Wohl denn , so möge ers haben . Und ein dämonischer Wunsch nistete sich in sein Herz , der Wunsch , daß Blut fließen möge , der Wunsch des mißhandelten Propheten . Wie er durch das verwüstete und vereinsamte Gärtchen , wo Bruch und Brocken umherlagen , nach seinem Platze zurücksteuerte , seufzte ihm Jucunde entgegen und warf sich erschöpft neben ihn auf einen Stuhl . Wie sie aussah ! Zerzaust und zerrissen , mit Wein übergossen , die Lippen hängend , das Auge glanzlos , und der Schweiß troff ihr von der Stirne . Das war nun also die verführerische Jucunde , welche das Gerücht wie die leibhaftige Todsünde ausmalte ! Eine klägliche Todsünde ! Das wenigste , was man von einer Todsünde verlangen kann - nicht wahr ? - ist doch , daß sie zum mindesten appetitlich sei . Pfui , wie sie sich von jedes Waggingers knotigen Armen hatte herumzerren lassen ! Freilich , man wußte ja ohnehin , daß sie keine Mutter Gottes war , allein wissen und mit eigenen Augen wahrnehmen ist mitunter zweierlei . Entschieden , hier war kein Aufenthalt für ihn . Was für ein Bock hatte ihn nur gestoßen , sich freiwillig in diese Spelunke zu begeben ? Er sah nach seinem Hut . Siehe , der war zerdrückt , zerknittert , überstäubt . » Eine Bürste « , befahl er hochfahrend . Bestürzt schaute ihn Jucunde an , schlich kleinmütig ins Haus und brachte die Bürste . Er säuberte Hut und Kleid , ohne daß sie wagte , ihm das Geschäft abzunehmen , so strenge gebärdete er sich . Endlich stammelte sie mit demütiger Stimme : » Oh , seid doch nicht ungehalten , Herr Reber ! oh , seid mir nicht böse ! Ich bitte Euch tausendmal um Verzeihung . Aber warum mußtet Ihr auch gerade einen Sonntag wählen ? Gibt es doch Tage in der Woche genug , ach Gott , wo wir stundenlang hätten zusammensitzen können , ohne gestört zu werden . - Was muß ich nur tun , damit Ihr mir nicht mehr gram seid ? « » Was bin ich schuldig ? « heischte er kalt und wollte sich erheben . Da fiel sie laut aufjammernd über ihn her und drückte ihn nieder : » Nein , nein , nein « , wehklagte sie erbärmlich , indem sie ihn verzweifelt umklammerte , » nein , jetzt geht Ihr nicht schon wieder fort . Jetzt , wo wir endlich allein sind , jetzt , wo ich Euch zum ersten Mal in meinem Leben habe . « Es schrie so viel wahrhaftige Herzensnot aus ihrer Stimme , aus ihren Augen , aus ihren Mienen , daß es ihn erweichte . Schließlich , nach Hause kam er immer noch reichlich früh genug für das , was ihn Liebliches dort erwartete . Er lehnte sich also wieder zur Ruhe . Da leuchteten zwei Sternchen der Dankbarkeit aus ihren guten Augen ; sie setzte sich neben ihn , schlug jedoch mißtrauisch die Hand über seinen Arm , als ob sie besorgte , er könnte ihr unversehens entschlüpfen , wie ein frisch zugelaufener Jagdhund , der noch nicht vertraut ist . Und um ihm die Abschiedsgedanken zu vertören , überschwemmte sie ihn mit Geschwätz . Zunächst mit vorrätigen Redensarten , dann allmählich , als sie inne ward , daß keine Hinterlist in ihm sei , mit echtem Geplauder aus dem eigenen Seelengrunde . » Es macht schönes Wetter heute « , warf sie ihm als ersten Brocken hin . » Und wüchsiges . Das Gras steht so hoch und saftig wie selten im Maien . Und den Kirschen hat die letzte Woche ebenfalls gutgetan ; wenn nur nicht wieder der Regen alles verdirbt . - Wie es grumselt von allen Seiten , schwarz von Volk , dem Pfauen zu ! Ja , Ihr seid reich , Ihr seid glücklich , Euch winkt das Leben . Wie kommt es übrigens , daß Ihr an einem solchen Tage nicht daheim seid ? Habt Ihr vielleicht wieder einen kleinen Verdruß gehabt mit dem Vater ? Es heißt , er sei böse gegen Euch . Ich kann nicht begreifen , wie es jemand übers Herz bringen kann , böse gegen Euch zu sein . Nun , es kommt mir zugute ; ich hätte nie zu hoffen gewagt , daß Ihr jemals zu uns kämet , so ein stolzer Herr zu so geringem Volk . « Mit einem Male jedoch trübte sich ihr Auge , und sie sah ihn vorwurfsvoll an , als ob er ihr etwas gestohlen hätte . » Das ist wohl eine Freundin Eurer Schwester , die Bernerin , die heute zur Aushilfe gekommen ist ? Schön ist sie , das ist wahr , sehr schön sogar ; so Schöne gibt es hierzulande keine außer höchstens Eure Schwester . Und einen prächtigen Staat hat sie ebenfalls . Ist sie denn reich ? Aber wenn sie reich ist , warum dient sie denn ? Man sagt , sie sei sonst für den Sommer im Kurbad , als Büfettdame . Ich kann es begreifen . So ein Paradiesvogel zieht natürlich alle Männer an . Es heißt , sie lasse sich vom Badewirt selber den Hof machen . Freilich , er ist ja seit zwei Jahren Witwer . Aber den wird sie doch hoffentlich nicht nehmen ! So viele Körbe , wie der schon erhalten hat , trotz all seinem Vermögen . Puh , der Greuel . Übrigens , so schön sie ist , wenn ich ein Mann wäre und die Wahl hätte : ich fände Euere Schwester doch noch schöner . Es kommt ja nicht einzig alles auf die Regelmäßigkeit an , sondern auch ein wenig auf den Ausdruck , wie man bei uns daheim sagt . Sie hat so etwas Liebliches um die Augen und den Mund ; ich muß immer an Euch denken , wenn ich sie sehe . Nun , dafür ist sie ja auch Euere Schwester . « Sie hielt an und schwieg . Nach einer Weile fuhr sie fort , mit einem kleinen Seufzer : » Ich kanns begreifen , daß Ihr nur ein rechtschaffnes Mädchen nehmen wollt . Und daß Euch keine absagt , davor seid Ihr sicher . - Es würde noch manche andere gerne in den Pfauen hineinsitzen , in das fürstliche Heimwesen ! « Empfindlich kehrte sie sich von ihm ab und blickte mit verschränkten Armen düster zu Boden . Einsmals aber schaute sie ihn wieder freundlich an : » Übrigens will ich dankbar sein , daß Ihr überhaupt gekommen seid . Wenn Ihr wüßtet , wie wohl mir das tut , wie wohl ; ich kann Euch gar nicht sagen , wie wohl . - Aber schämt Ihr Euch denn nicht , am hellen Tage neben der Jucunde zu sitzen , so offen vor aller Welt ? « Er errötete . In der Tat , sie saßen wie in einem Schaufenster . Allein Furcht vor den Leuten war nicht seine Schwäche . Nach kurzem Bedenken rückte er vielmehr noch etwas näher an sie heran . Da strahlte sie wie ein Sommermorgen . » Wie mich das freut « , hauchte sie , » in die innerste Seele hinein freut , daß Ihr Euch meiner nicht schämt . « Und jeder Vorübergehende frischte ihren Blick auf . Hierauf sagte sie nichts mehr , sondern stemmte beide Ellenbogen auf den Tisch , legte den Kopf in die Hände und schaute ihm mit ihren übergroßen Rehaugen unverwandt ins Gesicht , um seine Gegenwart gründlich auszukosten . Auch er begann sich an seinem Plätzchen anzuheimeln . Seine Glieder , noch etwas vom Wein beschwert , gerieten in höckrige Stimmung , sein Wille entschlummerte , und das einfältige Geschöpf an seiner Seite , aus dessen treuem Herzen ihn Liebe in warmen Strömen wie Märzensonnenschein überflutete , tat ihm trotz allem auch wohl , sehr wohl sogar , offen gestanden . Mein Gott , sie sahen ihn anders an , zu Hause , der Vater und die Mutter . Und um seine ursprüngliche Härte wettzumachen , reichte er ihr gütig die Hand hin . Gierig ergriff sie dieselbe und liebkoste sie unaufhörlich mit schmeichelnden Wangen , glückselig , ihn berühren zu dürfen , wie ein Hund sich an seinem Herrn zu reiben liebt . Also beharrten sie hinfort voreinander , schweigsam und zufrieden , vergessend und genesend . Sie in seinem Anblick schwelgend , er vor dem Bilde Cathris feiernd , das unbehindert von Jucundens Gegenwart ruhig und deutlich in seinem Gedächtnis leuchtete . Die Natur tat das Ihrige , um Unruhe zu stillen und Unrast zu bannen . Die Kunst des Lenzes , zu prangen , ohne zu blenden , entfaltete sich nach der langen Regenzeit mit besonderer Kraft . Allüberall strotzte verhaltene Fülle , aus welcher Glut und Schatten gleicherweise Düfte lockten , nur andere . Man roch es wachsen . Eine hochschwebende , schneeweiße Schönwetterwolke schwamm herbei , um gleich einer Insel die Sonne wegzutragen , die Scheibe verhüllend , bloß an den Rändern einen blitzenden Strahlenkranz erlaubend . Darunter saßen sie nun wie unter einem Baldachin oder einem mit farbigen Gazen gedämpften Kronleuchter , kurz , unter etwas Großem , Hohem und Holdem , das sie vereinte und segnete . Sie urteilte offenbar nicht so strenge über die Jucunde wie die Menschen , die Sonne . Ein paar Dutzend große silberne Tropfen sprühten aus der Wolke herab in weiten Zwischenständen wie durch ein Sieb . Obgleich sie augenblicklich verdunsteten , so daß sie kaum die Erde erreichten , wurden sie doch von sämtlichen Amseln des Tales mit einer verzückten Symphonie empfangen . Mit Wohlgefallen schaute sich Jucunde um : » Jetzt kann man bald mähen . « » Herr Reber , Ihr verliert ja Euere Sporen ! « belehrte der Knecht , der in Gemeinschaft mit der Neuberin aufräumte . Das erwies sich als richtig . Der rechte Sporn war weg , vermutlich von den Bauern abgetreten ; der linke , schiefgedrückt und über die Hälfte eingerissen , hing schlaff über den Absatz . Conrad bückte sich , um ihn vollends abzuknappen . Doch Jucunde kam ihm zuvor , indem sie wie ein Wiesel glittlings unter den Tisch schlüpfte . Oder vielmehr wie ein Murmeltier , denn für ein Wiesel war sie zu fett . » Halt , das ist meine Sache « , wehrte sie unter dem Tisch hervor , » dazu bin ich auf der Welt , Euch zu bedienen . « Mit einem einzigen Ruck hatte sie den Sporn los , aber in ihrem Handballen klaffte eine häßliche Rißwunde , aus welcher Blut quoll . Erschrocken fuhr er auf und griff nach ihrem Arm . Sie aber entwand sich ihm lachend : » Oh , das ist gar nichts , das heilt in zwei Tagen « , scherzte sie , » wenn man nur gesundes Blut hat ! « Und da er immer noch bedenklich auf die Wunde starrte , deutete sie auf seinen Stuhl , daß er sich niedersetze . Er gehorchte , wenn auch zögernd . Hernach war alles wieder beim alten , außer daß sie von Zeit zu Zeit mit innigem Entzücken die verletzte Hand betrachtete , als wollte sie rufen : » Das hab ' ich von Euch , als Geschenk , zum Andenken , wenn Ihr nicht mehr da seid « , und daß er mitunter einen bedauernden Blick zu ihr hinübersandte , wobei sie jedesmal von erneutem Glück aufleuchtete , heiter und lustig . Benedikt , der Kutscher von daheim aus dem » Pfauen « , guckte über den Hag , sich räuspernd . » Was gibts schon wieder ? « fragte Conrad unwillig . Benedikt hüstelte : » Ich soll Euch ersuchen « , munkelte er , » ob Ihr nicht vielleicht so gut wäret , die Lissi dem Herrn Regierungsrat abzulassen , ausnahmsweise für heute , aus Gefälligkeit . Er hätte schon dreimal am Telephon danach gefragt . Man habe es ihm halt doch eigentlich sozusagen versprochen , wenn auch vielleicht mit Unrecht . « » Wenn man in anständigem Ton mit mir redet , wenn man mich anfrägt , wenn man mich manierlich darum ersucht , so ist das anderlei « , erklärte Conrad . » Wer hat Euch geschickt ? « » Euere Schwester , die Jungfer Reber . « » So nimm das Rößlein , es steht im Stall . Aber er soll gemach fahren , der Regierungsrat , damit er die Lissi nicht in Schweiß jagt . « » Ich fahre selber . « » Dann ists gut . « Doch Benedikt rührte sich nicht . » Und noch eins läßt Euch Eure Schwester sagen « , meldete er , mit dem Lachen kämpfend . » Ob es nämlich durchaus nötig wäre , daß Ihr mit der Jucunde auf dem Sperrsitz säßet , damit Euch ja die ganze Welt bewundere , oder ob Ihr Euch nicht lieber in eine Galerie zurückziehen möchtet . « » Durchaus nötig ists nicht « , erwiderte er trocken , » aber angenehm . Übrigens hat der Platz den Vorteil , daß er jeden Vorwand nimmt , auszustreuen , wir täten etwas Heimliches im Verborgenen . Sagt das meiner Schwester und einen freundlichen Gruß dazu . - Wie stehts im Pfauen ? Viele Gäste auf der Terrasse , wie es scheint ? « » Es wimmelt ! Man vermißt Euch schmerzlich an allen Ecken . Ja , und daß ich es nicht vergesse , Euer Vater hat darum herumgeredet , es würde Euch wahrscheinlich auch nicht das Leben kosten , wenn Ihr heimkämet und ein bißchen bei der Aufsicht behilflich wäret . Er habe bis dato keinen Menschen aufgefressen und hätte es auch heute nicht im Sinne . Es wäre ja Platz genug vorhanden für zwei . « » Das hat er gesagt ? Der Vater ? Zu Euch ? Das klingt ja beinahe glimpflich , das heißt , ich meine verhältnismäßig , an ihm selber gemessen . « » Zu mir , so wie ich dastehe . Die Neue , die Bernerin , die Cathri oder wie sie heißt , hat ihn herumgebracht . Eine Viertelstunde lang hat sie ihm zugesetzt und ihm alle Schimpf und Schande ins Gesicht gesagt , daß unsereiner vor Angst sich hätte verkriechen mögen . Aber er hat alles geduldig über sich ergehen lassen wie ein Schulkind , das der Lehrer abkanzelt . Nur so vor sich hin gemökt dann und wann , wenn es allzu grob hagelte . Bis er sich zuletzt zu dem Versprechen herbeiließ , Euch ein gutes Wort zu geben . « » Und das soll nun vermutlich das gute Wort vorstellen , die Versicherung , mich nicht auffressen zu wollen ? « Benedikt lachte mit breitem Maul . » Ja , er spendiert sie nicht mit dem Scheffelmaß , Euer Vater , die guten Worte ! Er ringts mühsamer zum Vorschein , ein gutes Wort , als der Armenverein einen Dublonen . Man sollte fast meinen , es erstickt ihn . « Conrad schwieg nachdenklich . Ihm war , als wäre er die längste Zeit von Hause fort und es müßte inzwischen in seiner Abwesenheit eine Unmenge der wichtigsten Dinge vorgefallen sein , von denen er Nachricht wünschte . » Wißt Ihr zufällig etwas von der Mutter , wie es ihr geht ? Ist sie immer noch oben , in der Schlafstube ? « » Man hat sie ins Dorf zur Großmutter getan , damit sie aus dem Geschäft herauskomme , wo sie sich doch nur unnütz selber aufregt und andern Leuten hinderlich ist . Die Bernerin , die Cathri , hat darauf gedrungen . « » Ein gescheiter Einfall das , der von der Cathri . Wenn etwas Vernünftiges geschieht , so hat doch gewiß sie es angeraten . « Der Kutscher lachte beifällig . » Ja , das ist eine Resolute . An der ist ein Mannsbild verlorengegangen . Soll ich auch sagen , was sie mir aufgetragen hat ? Ich übernehme keine Verantwortlichkeit dafür , ich melde einfach , was ein jeder mir aufträgt . Der eine sagt blau , der andere grün . Ihr sollt Euch lustig machen , läßt sie Euch sagen , und nicht zu früh heimkehren . Es gehe geradesogut ohne Euch und sogar noch viel besser . Jetzt müßt Ihr selber wissen , was Ihr zu tun habt . Mich geht das nichts an , ich mische mich nicht hinein . Also wie steht es jetzt eigentlich ? was muß ich daheim ausrichten ? kommt Ihr oder kommt Ihr nicht ? « » Ich komme , wenns Zeit ist « , erklärte Conrad ausweichend . » Und ich gehe denn jetzt also und nehme das Rößlein . Ist es recht so ? « » Es ist recht . « - » Nicht zu früh heimkommen « , wiederholte er verstimmt bei sich , nachdem der Kutscher abgetreten war . » Ja , ist ihr persönlich denn gar nichts daran gelegen , ob und wann ich heimkehre ? « Und verletzt biß er sich auf die Lippen . Als er wieder ausschaute , begegnete er den mutlosen Blicken der Jucunde . » Und jetzt geht Ihr also wieder heim ? « murmelte sie niedergeschlagen . Er erstaunte . Wer hatte denn von Heimgehen gesprochen ? Sie tat ihm leid . » Nein , ich bleibe noch ein wenig « , tröstete er . Sie aber schüttelte traurig den Kopf . » Ihr geht jetzt heim « , wiederholte sie trübsinnig . » Ich spüre es . Und kommt dann nie , nie mehr zu mir . Das ist das erste und letztemal gewesen . « » Niemand kann voraus wissen , ob etwas das letztemal gewesen ist . « » Doch , das kann man voraus wissen . Ich weiß , es ist das erste und letztemal gewesen . Sonst wäret Ihr nicht aus bloßem Versehen zu mir gekommen , aus eitel Trotz und Widerspruchsgeist , weil es zufällig daheim Verdruß gegeben hatte . Das weiß ich jetzt , denn ich habe es gehört . « Dann plötzlich wurde sie wieder weich . » Nehmt mirs nicht übel « , bat sie flehentlich , » daß es mir weh tut , wenn Ihr mich verlaßt ! Ich danke Euch gleichwohl . - Also , Ihr bleibt noch ein klein , klein wenig ? « Conrad blieb , aber nur noch mit dem Körper . Sie hatte recht . Es wollte ihn etwas heim . Irgend etwas Mannigfaches ließ ihm keine Ruhe mehr . Die Neugierde , was daheim geschehe , das bewegte Leben auf der Terrasse vor seinen Augen , das Bedürfnis mitzutun und mitzuhelfen , das Gelüsten , wieder mit Cathri zu verkehren . Das und noch manches Derartige , was ihm nicht völlig ins Bewußtsein trat , regte sich in ihm , während Jucunde ängstlich jede seiner Mienen bewachte . Horch , jetzt ging oben im Pfauen am hellen Nachmittag der erste Tanz los , eine aufgeregte Polka , aber noch ohne Überzeugung , schwächlich und freudlos im leeren Saale hallend . Sofort begann Jucunde mit näselnder Stimme mitzuträllern , automatisch , aus Schlappheit , nach Art hirnloser Dirnen , so daß er ihre Dummheit , von welcher er bisher bloß reden gehört , selber ermessen konnte . Im Gärtchen hatte sich mittlerweilen wieder eine Anzahl Leute eingefunden , deren Blicke beim ersten Geigenbogenstrich sich sämtlich nach den Fenstern richteten , von woher der Schall kam . Dadurch stockten die Gespräche , und nur abgebrochene Sätze wurden laut , gedämpften Tones , als fürchteten sie , die Musik zu beeinträchtigen . Bis allmählich , bei längerer Weile und Wiederholung des Rhythmus , die Unterhaltung wieder aufwachte . Aber die Gedanken blieben an den musikalischen Tanzboden gebunden , so daß sich jede Rede an langer Leine um den Pfauen drehte wie ein Pferd in der Reitschule . Eine bedächtige Bauernstimme sagte in lehrhaftem Ton : » Wenn man überdenkt , wenn man vergleicht , was der Pfauen vor zwanzig , dreißig Jahren war , ehe ihn der alte Reber übernahm , und was er jetzt ist ! Und alles ganz aus sich selber , ohne Unterstützung , ohne Geld , nichts als zwei fleißige Hände , ein aufgeweckter Kopf und eine ehrliche Leber . Acker für Acker einzeln erworben , heuer ein Feld und übers Jahr eine Wiese , aus den Ersparnissen , je nachdem das Geschäft günstig war , und die Wirtschaft allmählich vergrößert . « » Gehört die Matte unterhalb der Terrasse auch dazu ? « » Alles von oben bis unten , von der Terrasse bis an die Bahnlinie , der Rain und der Anger und noch ein Stück vom Rebberg dazu . « » Was ist denn eigentlich mit der Pfauenwirtin ? War sie immer so ? « » Die Pfauenwirtin ? Die Frau Reber ? Die Pfauenwirtin von Herrlisdorf ? Ich sag ' Euch , das war zu meiner Zeit die jovialste , lebenslustigste Frau im ganzen Kanton . Immer freundlich , munter und wohlauf . Und fleißig und tätig ! Ja , der hat der Alte viel zu verdanken . « » Lebenslustig ? Wer ? Die Pfauenwirtin Reber ? Lebenslustig ? Was ist denn da gegangen ? « » Ach , sie ist schwermütig geworden , seit dem Kindbett ihres Sohnes , Conrad , glaube ich , heißt er . Zuerst hat man sie in einer Anstalt versorgt , hernach , wie es etwas besser ging , hat man sie ein paar Jahr lang in den Bädern herumgeschleppt . Jetzt lebt sie , soviel ich weiß , seit Jahr und Tag daheim im Hause . Aber mit der Schwermut ist es immer noch beim alten , seufzt den ganzen Tag , schafft sich Sorgen über jede Kleinigkeit , macht sich und der Umgebung das Leben zur Qual und redet beständig von nichts als vom Sterben . Gütiger Himmel , wenn man einem das vorausgesagt hätte , vor dreißig Jahren ! So kann sich der Mensch ändern ! Ein Glück , daß der Alte so geduldig mit ihr ist , so ein Wüterich , als er sonst sein mag . Es ist geradezu rührend , wie sanft er mit ihr umgeht , alt und krank , wie er selber ist . « Conrad erbleichte , in ernste Gedanken versunken , indem er sich vornüber lehnte , um kein Wort zu verlieren . Das weckte Jucundens Eifersucht . » Wollen wir nicht lieber einen andern Platz aufsuchen , wo man ungestört ist ? « schlug sie übellaunig vor . Er gebot ihr ärgerlich mit der Hand Stillschweigen . Die zweite Stimme setzte wieder an : » Und der Junge ? der Sohn ? Was hört man von dem ? Ist etwas hinter ihm ? « » Man weiß noch nicht recht , wo es mit dem hinaus will . Zwar von seinem Militärdienst verlautet nur Gutes , es hat ihn alles gerne , seine Vorgesetzten wie seine Untergebenen . Dagegen daheim - « Jetzt verlor Jucunde die Fassung : » Schweigt doch , ihr albernen Menschen « , platzte sie mit ungezügeltem Ärger heraus . » Seht ihr denn nicht , daß er selber dasitzt ? « Da ward eine gewaltsame Stille der Verlegenheit im Gärtchen . » So , jetzt kann man doch wenigstens wieder sein eigenes Wort verstehen « , murrte Jucunde . Allein Conrad hörte sie nicht mehr ; eine peinliche Ungeduld , heimzukehren und vor allem loszukommen , hatte sich seiner bemeistert . » Ich werde nun auch aufbrechen müssen « , sagte er schonend , indem er gleichzeitig aufstand . » Also denn , Jucunde , was ist meine Schuldigkeit ? « Sie verzog den Mund und warf feindselige Blicke auf die Geldbörse , die er hervorkramte . » Ich habe Euch noch etwas Wichtiges mitzuteilen « , entgegnete sie ernst , mit rätselhaftem Ton , » aber Ihr müßt Euch erst setzen . « Hierauf , nachdem er sich widerstrebend niedergelassen , wandte sie ihm plötzlich ihr Gesicht zu , mit riesengroßen Augen , die ihn drohend anstarrten , wie die Mündung eines gewaltigen Doppelgeschützes , in dessen Innerem Feuer und Schwefel wohnt . Und während er betroffen herumriet , was das bedeute , schob sich hinterlistig ein Bein über das seinige . » Bleibt diesen Abend bei mir « , flüsterte sie . Sein Blut geriet in Aufruhr . Doch tat er sich Gewalt an , blickte weg und nickte ein verneinendes Zeichen . » Ich will aber , daß Ihr bleibt . Ich will es einfach « , zischelte sie dringender und schmiegte sich ihm noch enger an . Nun begann er zu kämpfen . Und seine eigenen Sinne wollten ihn in dem Kampfe verraten . Da gedachte er des Jawortes , das er der Feuerwehrmannschaft gegeben , und blitzschnell warf er sie mit beiden Armen brutal von sich , denn er wußte sich ihrer nicht anders zu erwehren . Jetzt änderte sie handkehrum ihre Haltung , erhob sich ruhig , setzte eine harmlose Miene auf , als wäre nichts gewesen , und geschäftsmäßig , mit einem verblüffenden Sprung über all die Verwirrung weg , die sie angestiftet , verkündete sie kühl : » Ein Fränklein und vierzig