halber Höhe begannen die Steinbrüche , die nach dem großen Frieden von Nürnberger Bürgern gekauft und ausgebeutet worden waren . Jetzt galt es , Gestrüpp und überhangende Äste aus dem Wege zu räumen , und man mußte vorsichtig sein , damit kein Rad dem Abgrund eines Bruches zu nahe kam . Drunten lagerte schwarzes Wasser und schien brunnentief zu sein . Der Regen bildete enge Ringe und der Himmel spiegelte sich darin mit düsterer Stirn . Schutt , Geröll und unbehauene Steine lagen umher ; allenthalben gab es Löcher und tückische Schluchten , Heidekraut und Brennnessel wuchsen an den Hängen . Die Brüche glichen zerstörten Häusern von Riesen und hatten etwas so frisch Verlassenes , daß man oft aus einem Abgrund den ungeheuern Leib des Bewohners auftauchen zu sehen glaubte . Es ward Abend . Dicke Pfützen von Regenwasser standen in den Höhlungen des Weges , die Räder fuhren hinein und das Wasser spritzte hoch auf . Erstaunlich war es , daß noch keiner an eine Rückkehr dachte , da doch nur Peinigungen und Mühsale zu erwarten standen . Sie blickten unerschüttert in die mysteriösen Weiten , und es war eine dumpfe Ergebung , die sie hinauswandeln hieß , verstummt vor dem unhörbaren Gebot eines Hüters in der Ferne . Wühlten Zweifel in ihrer Seele ? Waren sie zu müde , mit ihren Zweifeln sich abzufinden ? Zu stoisch oder zu sklavisch , den Willen der Idee zu brechen ? Zu feige , um sich bloßzustellen durch Ahnungen ? Ein geduldiger Fatalismus war über sie gekommen . Als es finster wurde , erhob sich ein ungestümer Sturm . Die Stämme erzitterten , die Pechfackeln verlöschten . Auf einmal , es mochte um die sechste Nachmittagsstunde sein , erschallten von vier Seiten im Dickicht des Waldes gleichzeitig Trompetensignale . Der ganze Wagenzug hielt fast mit einem Ruck still . Ein furchtbares Schweigen , eine wahre Totenstille entstand im Nu . Alle wußten , was nun kommen würde . Da oder dort , in einer Lücke des Gehölzes erschien ein Reiter in der Tracht der Nürnbergischen Bürgersoldaten , beleuchtet von den Fackeln , die sie am Bug des Pferdes befestigt hatten . Mit höhnischem Lächeln betrachteten sie den erstarrten Zug der Auswanderer ; sie verachteten die kriegerische Aufgabe , die ihnen zu teil geworden war . Die Stimme des jungen Wagenseil erschallte : zu den Waffen , zu den Waffen ! Ein heiserer Schrei , erstickt durch die Erkenntnis der Hoffnungslosigkeit und des Fehltritts . Da krachte donnernd eine Flinte ; der greise Rabbi Elieser sank , ohne einen Laut von sich zu geben , ins schwammige Erdreich , und sein altes Blut floß ungehemmt dahin und mischte sich mit dem Regen . Jetzt wurden die Gemüter aufgerüttelt . Viele waren plötzlich wie betrunken . Sie stürzten zu den Wagen , packten , was sie gerade fanden : ein Küchengerät , einen Strick , eine Latte , einen Eisenstab , einen Besen , eine Flasche , ein altes Türschloß , Lenkriemen für die Pferde , Steine , Stöcke und Baumäste , das alles sollte Schutz geben gegen die Waffen geübter Landsknechte . Nur zehn oder zwölf hatten Flinten aufzufinden vermocht , aber da sie nicht mit der Hantierung vertraut waren , ergriffen sie sie vorn am Lauf und schwangen die Kolben drohend in der Luft . Doch schon knallten die Nürnberger von allen Seiten ihre Gewehre los und ein Knabe und zwei Frauen folgten dem Elieser in den Tod . Die Weiber begannen ein herzzerreißendes Weinen ; ihr Wehklagen muß tief in den Schoß der Erde gedrungen sein , denn noch heute hört man es zur Nachtzeit dort in den Wäldern . Die Zigeuner allein verstanden zu schießen , aber sie hatten kein Ziel , denn die Pferde der Angreifer waren überaus unruhig und sprangen gequält von Baum zu Baum , während sie im Fackelfeuer ihre eigenen Schatten vor sich tanzen sahen . Viele alte Männer hockten mit fanatisch glänzenden Augen im Wagen , wo sich die Bundeslade befand , küßten die Schrift mit bebenden Lippen , beteten und sangen Psalmen . Die Kinder verkrochen sich unter die Räder , betäubt vor Schreck . Einer der Angreifer schrie auf seinem hockenden Gaul etwas von Ergeben und Umkehren , aber seine Worte verhallten , worauf er Befehl zu neuem Feuern gab . Nun mußten Boruchs Klöß und Wolf Bieresel an den Tod glauben und fielen hin und streckten sich aus . Mit ihren lächerlichen Waffen liefen die Juden auf ihre grausamen Feinde zu und fürchteten weder Sterben noch Wunden . Sie sahen nicht mehr , hörten nicht mehr , sie schrien hebräische Worte und ihre wunderliche Kleidung gab ihnen etwas Gespensterhaftes . Ein Teil stürzte zu Boden über Knorren und Wurzeln , denn das Erdreich war glatt und schlüpfrig , die nassen Zweige schlugen ihnen ins Gesicht , und dann lagen sie da und wälzten sich in konvulsivischen Zuckungen . Nichts mehr schien zu helfen , eine blutige Nacht schien im Nahen zu sein , da gellte plötzlich eine wie toll kreischende Stimme : Feuer ! der Wald brennt ! Und : der Wald brennt ! der Wald brennt ! lief es weiter in der Kette . Die Tannenstämme am zweiten Steinbruch waren wie von innen erleuchtet , in der Tiefe des Forstes stieg ein breiter Lichtkegel empor , ruhig und blendend . Die Luft war durchdrungen vom Purpur der Flammen , die nassen Blätter glänzten , das nasse Moos flimmerte . Schlängelnde Flammen spiegelten sich jäh im nachtschwarzen Moorwasser . Aufsteigend und aufsteigend wie aus einem unerschöpflichen Schlund vermehrte sich die Kraft der Feuersbrunst . Das feuchte Holz prasselte und knatterte , die Flammen leckten gierig von Baum zu Baum , angetrieben durch den sausenden Sturm , der von den Feldern herauffegte . Es wurde drückend heiß ; als ob sie aus den Wolken hervorgetreten wären , erschienen die Ruinen der Schwedenveste zwischen den Feuern . Schrei auf Schrei erschallte , Schreie gräßlicher Angst , wie sie der Wald niemals vorher und niemals nachher vernommen hat . Die Gäule der Landsknechte heulten mit Tönen , die stundenweit ins Land dringen und rannten unaufhaltsam den Abhang hinunter durch Gestrüpp und über Felsen . Ein junger Reiter , der Sohn des Nürnberger Stadtschreibers , blieb mit seinen langen Haaren an einem Ast hängen , während das tolle Roß weitersauste zur Tiefe . Hilflos , mit stets schwächer werdenden Rufen hing er wie einst Absalom und mußte die Flammen heranschleichen sehen , die ihn beleckten bei lebendigem Leib . Unter den Juden war die Verwirrung so groß geworden , daß viele geradewegs in das Feuer hineinflüchten wollten ; die mit Pferden bespannten Wagen rollten hinter den entsetzt fliehenden Tieren davon und wurden halb zerschmettert ; schmerzliches Stöhnen drang aus allen Ecken und die Zigeuner machten sich den Wirrwarr zu nutze und stahlen , was ihnen unter die Faust kam . In der größten Ratlosigkeit erschien Zacharias Naar . Er stellte sich vor die Fliehenden , erhob die Arme und vermochte ihren Lauf zu hemmen . Er führte sie so sicher durch die Flammen , als ob ihm diese aus Ehrfurcht den Weg frei gäben und alle folgten ihm wie Lämmer dem Hirten , und ruhig zogen die Fuhrleute die Wagen nach . Im Wagen des Maier Knöcker lag ein neugeborenes Wesen auf der bloßen Diele . Rahel , durch die Häufung von Schrecknissen erschüttert , war mit einer Frühgeburt niedergekommen . Sie lag regungslos auf nacktem Stroh , während draußen der große Tumult wie Laute aus einer fernen Welt zu ihr kam . Sie hörte , wie die beiden Ochsen vor dem Gefährt angstvoll blökten ; ein feiner Lichtschein , der stärker und stärker wurde , fiel in den Raum , aber auch das vermehrte ihr Wohlbehagen . Es war ihr , als stünde der Geliebte neben ihrem Lager und streichle sie , und sie sah einen alten , gepreßten Lederdeckel vor sich schweben , den sie oft in seiner Wohnung gesehen hatte , und der etwas Fremdes und Liebliches , etwas Märchenhaftes an sich hatte . Thomas Peter hatte sie oft zum Heiland bekehren wollen , aber was war ihr der Heiland und was war ihr selbst der Gott ihrer Väter neben der Liebe , die sie empfunden ! In ihr sang und klang es stolz von alten Liedern mit einem süßen , hallenden Kehrreim , da der Abend im Mai kommt und die Blüten zart umhaucht und die stille Nacht von Erwartung schwer ist . Holpernd rollte der Wagen gleich den andern unter der Leitung von Zacharias Naar ins Tal . Wortlos kniete Maier Knöcker vor dem Neugeborenen und achtete nicht das durchdringende Quietschen des Wurms . Er war völlig zusammengebogen , der Nathan , und schien nur noch ein Haufen von Kleidern . Er hatte die Fäuste geballt wie zum Schlag und bisweilen zitterte er am ganzen Körper . Das Wesen , das vor ihm sich wand , war ein Knabe . Sonst vermochte er nichts zu denken . In seinem Innern war ein Loch und um ihn herum war es kalt und finster . Ihm gegenüber saß sein Weib . Sie hatte Hilfe geleistet bei der Geburt . Sie war durch nichts bewegt worden . Es schien , als könne sie durch nichts mehr in der Welt überrascht werden , nicht durch Reichtum und Kleinodien , nicht durch Schmerzen und die Wandlungen des blinden Schicksals . Die Bauern standen auf den Feldern und sahen hinauf in die brennende Höhe und in den glühenden Himmel . Scheu wichen sie zurück vor den Juden , die sich langsam zu sammeln begannen . Aus allen Richtungen kamen die Verstreuten und fanden sich mit Freudenrufen ein . Für die Nacht wurde ein Lager bereitet ; die Zigeuner , deren Hilfe jetzt nötig gewesen wäre , waren spurlos verschwunden . Zacharias Naar stand sinnend an einem Ginsterstrauch und lächelte trüb seinem Werk zu , dem brennenden Wald . Noch in der Nacht kam eine große Menge von Bauern , mit Sensen , Beilen und Knüppeln bewaffnet und sie konnten nur mit Mühe und unter großen Opfern an Gold und Silber auf friedlichem Weg zum Abzug bestimmt werden . Am Mittag des nächsten Tages wollte man aufbrechen und den Marsch beschleunigen , um den Feindseligkeiten der Nürnberger zu entgehen und sich zum Weiterzug in den Schutz der Markgrafen von Onolzbach zu begeben . Der Morgen sollte der Bestattung der Toten gewidmet werden . Das Kind des Wolf Batsch und die Frau des Samuel Ermreuther waren in der Eile im Wald liegen geblieben und ihre Leichen waren verbrannt . Die Familie des Elieser war die ganze Nacht an der Leiche des Greises gesessen , während die Frauen an den Sterbekleidern näheten . Auch in den andern Wagen , in denen es Verstorbene gab , blieb das Licht brennen zu den aufrichtigen Tränen der Trauernden . Oft klang der Schrei des Wildes aus der Höhe des Waldes herab , wo sich das Feuer beruhigt hatte ; über der Ruine lag eine Rauchkrone , und die noch glimmenden Stamme leuchteten herrlich in die weite Ebene hinein . Der Morgen kam . Die Gräber waren rasch gegraben , denn das geschieht bei den Juden mit Hingebung , weil sie alles für ein gutes Werk ansehen , was für einen Verstorbenen geschieht . Die Weiber mußten in der Behausung bleiben , sie durften nicht mitgehen bei Begräbnissen , außer den nächsten Blutsverwandtinnen , und denen durfte sich während dieser Zeit kein Mann nähern , weil es hieß , der Engel des Todes tanze mit dem bloßen Schwert vor den Weibern her . Bevor der Körper in den Sarg gebettet wurde , begoß man ihn dreimal mit Wasser , und ein alter Chronist sagt schon , daß dies etwas anderes bedeute , als eine äußerliche Reinigung . Feierlich erklingen dazu die Worte des Propheten : ich will rein Wasser über euch sprengen , daß ihr rein werdet von eurer Unreinigkeit , und von all euren Götzen will ich euch reinigen . Und als die Begießung geschehen , faßte der Chassan den Körper bei der großen Zehe an und kündigte ihn der Gesellschaft der Menschen völlig auf . Dann wurde der Leichnam mit weißen Kleidern angetan , sein Haupt wurde mit dem Gebetstuch bedeckt und so wurde er in den Sarg gelegt . Und weil die Juden alle Erde außer der Erde Kanaans für unrein achten , so bedeckten sie die Augen des Toten mit einer weißen Erde , die aus dem heiligen Land sein soll , und auf die Erde legten sie zerbrochene Scherben von Töpfen . Dann wurde der Sarg zum Grab getragen , und es war üblich , ihn auf diesem Weg dreimal niederzusetzen . Und jeder Freund warf drei Schaufeln Erde in das Grab , und der nächste Blutsverwandte zerriß seine Kleider . Der Totengräber nahm dabei sein Messer und schnitt oben einen Riß in das Kleid dieses Leidtragenden , der dann den Riß mit der Hand vollendete . Die Sonne brach hervor aus den Nebeln , und leuchtend lag das Land . Langsam schritten die Leidtragenden zurück , wuschen dreimal ihre Hände , weil sie sich mit dem Tod verunreinigt haben und rissen dreimal Gras aus , um es rückwärts hinter sich zu werfen . Die Zurückkehrenden wurden mit der Nachricht empfangen , daß Maier Knöcker , der Nathan , in Wahnsinn verfallen sei . Der Eindruck dieser Kunde war nicht tief , um so weniger , als Zacharias Naar vor dem Aufbruch in Worten von eindringlicher Kraft den Mut und die Zuversicht schwellte wie der Sturm das schlaffe Segel . Sie vergaßen Not und Mühen wieder und weihten sich von neuem dem Glauben an die große Zukunft , an die Macht und Unumstößlichkeit des Langgehofften , Langentbehrten . In solchen Stunden des Vertrauens wirkte jede Herbstzeitlose , die kümmerlich aus den Feldern grüßte , als ein Freudezeichen , jeder Sonnenstrahl hatte etwas Liebenswürdiges und Ergreifendes . Der eine Mensch macht den andern gut und froh ; es ist ein stummes Zureden unter ihnen , ein wortloses Sichbestärken . Es ist , als ob das Unglück sie nun geweiht hätte zum Dienst des Glücks . Mit gutem Mut zogen also die Juden im Schein der Herbstsonne ins Tal der Rednitz hinunter . Drei Wagen , - die des Obadja Änsel , des Hutzel Davidla , des Simon Fränkel , - waren schon früher aufgebrochen und bildeten die Vorhut . Sie fuhren nicht mehr so langsam wie am vorhergehenden Tag . Die weißen Wagendecken leuchteten freundlich in der Landschaft , der Wald stand in seinem matten Grün wie eine niedere Wand am Horizont , der Himmel war klar und lichtbegossen , und die Helligkeit strömte verschwenderisch über die Gefilde . Weit drüben lag die alte Kadozburg und auf der andern Seite , kaum noch als zarter Umriß erkennbar , das Kaiserschloß von Nürnberg . Da sah der Hauptzug , wie die Vorhut im Gelände stille hielt . Maier Lambden hielt die Hand über die Augen und sagte , er sehe eine Anzahl fremder Wagen , die aus einem Gehölz herausgefahren kämen . Jetzt stiegen mehrere auf die Kutschböcke und sahen aufmerksam hinaus . Den meisten schlug das Herz in der Brust ; sie fürchteten einen neuen Überfall . Der junge Wagenseil , der vortreffliche Augen hatte , sagte , es seien Leute in fremdländischer Kleidung , aber er hielte sie für Juden . Dann sagte er , Obadja Änsel ginge den Vordersten der unbekannten Karawane entgegen . Dann sahen alle , wie sie sich trafen , und wie sie kurze Zeit miteinander redeten . Und dann sahen sie , wie der Obadja Änsel die Arme ausbreitete wie ein Ertrinkender und hinfiel wie ein Stock . Und dann liefen zwei nach und redeten ebenfalls und schienen in Weinen auszubrechen und gebärdeten sich wie Verrückte . Zirle stand und schaute unablässig in die Ferne , wo diese Bilder spielten und plötzlich stieß sie einen markerschütternden Schrei aus , als ob sie alles durch die Lüfte vernommen hätte und sank vom Wagen herab . Die vordersten Wagen kehrten um , kehrten zurück und in kurzer Zeit hatte sich ein tötender Bann von wildem Schmerz um die vorher so wanderungslustigen Menschen gelegt . Sabbatai Zewi war zum Islam übergetreten . Der Prophet , der seine Zeit beunruhigt hatte wie eine seltene Himmelserscheinung , hat bei Zeitgenossen und Nachwelt nur den Schatten des Geheimnisvollen hinterlassen . Wenn nicht seine außerordentliche Schönheit die Welt trunken gemacht , so war es doch der Zauber seines Geistes , die Größe seiner Seele oder das Hinreißende seiner Worte . Oder wäre es nichts dergleichen gewesen ? Es gibt Stimmen aus jener Zeit , die ihn dem Teufel gleich erachten oder einem schlechten Schauspieler oder einem Würfelspieler oder einem Lüsternen oder einem Charlatan . Aber wer kann den Beweggrund seiner Handlungen kennen ? Die Geschichte , wie ein leichtgläubiges Frauenzimmer , läßt sich betören von der Fabel und von der Fama und das ist gut , denn wie sollte der Nachgeborene die Fülle erdrückender Wahrheit ertragen , die sie ihm sonst nicht vorenthalten könnte ? Der fremde Zug , der den Weg der Fürther Juden so jäh gehemmt hatte , war ein kleiner Teil der Wiener Juden , die um diese Zeit von Kaiser Leopold des Landes verwiesen worden waren . Die Verzweiflung der Juden war groß . Es war , wie wenn ein hoffnungsvoller Sohn plötzlich hinstirbt , auf den man alles gesetzt , von dem man alles erwartet , und der nun geht . Doch es war schlimmer . Es war mehr als der Tod , schrecklicher als der Tod , etwas , das die ganze Haltlosigkeit des Lebens in einem grellen Blitz zeigte . Die Juden sind ein starkes und störrisches Volk ; doch sind sie nur groß , wenn ein wenig Gelingen bei ihnen wohnt , und sie sind nicht lange groß , denn sie brechen leicht in dem Erstaunen über ihre eigne Größe . Auch Sabbatai Zewi war ein Jude , vielleicht das klarste Bild des Juden , ein Stück Judenschicksal . Viele zogen wieder nach Fürth zurück . Einige Familien der österreichischen Vertriebenen , die große Not litten und furchtbare Entbehrungen hinter sich hatten , siedelten sich nebst einigen jungen Leuten aus Fürth in dem stillen Tale an . Bei ihnen blieb Thelsela , das Weib des blödsinnigen Maier Nathan , mit ihrer Tochter und ihrem Enkel , der der Stammvater jenes denkwürdigen Menschen wurde , von dem in den folgenden Blättern die Rede ist . Die Thelsela war zu müde geworden , nach der stiefmütterlichen Heimat zurückzukehren , an der Seite der Christen zu leben und stets durch den Ort , wo sie gelitten , an die Reihe ihrer Leiden erinnert zu werden . Sie verkaufte ihr Haus und baute dort drüben ein neues . Sie wollte nichts mehr vom Leben ; sie trug ihre Tage knechtisch und trug still . Jener Ort , der mit Erlaubnis des freundlichen Herrn von Onolzbach gegründet wurde , hieß zuerst Zionsdorf , welcher Name dann durch die einwandernden Christen in Zirndorf umgewandelt wurde . Er gedieh , die Felder um ihn herum waren fruchtbar und gern bereit , die anvertraute Saat zehnfach zurückzugeben . Zacharias Naar und Zirle blieben für immer verschwunden . Ihr Leben verlor sich in eine Folge von Sagen und schließlich wurden auch ihre Taten sagenhaft . Geschlecht auf Geschlecht erstand und verblühte , und eine neue Zeit kam . Und das Kommende war immer größer , freier und vollendeter , als das Vergangene , und der Jude , anfänglich nur Knecht , wert genug , den Fußtritt des übelgelaunten Herrn zu empfangen , tat seine Augen auf und erspähte die Schwächen und erriet die Geheimnisse dieses Herrn . Da griff er alsbald mit seinen Händen hinein in die Maschinerie der Völker und ihrer Gerichte und ihrer Kriege und oft verrichtete er ungesehen kaiserliche Dinge , wenn die Monarchen schliefen und die Minister schwach waren . Sabbatai wurde ein Moslem , und manche sagen zum Schein . Der Jude wurde ein Kulturmensch und manche sagen zum Schein . Manche sagen , der Verderber und der Verführer sitze in ihm und er verstünde die Bühne dieser Welt besser als ihre Erbauer . Dies ist sicher : ein Schauspieler oder ein wahrer Mensch ; der Schönheit fähig und doch häßlich ; lüstern und asketisch , ein Charlatan oder ein Würfelspieler , ein Fanatiker oder ein feiger Sklave , alles das ist der Jude . Hat ihn die Zeit dazu gemacht , die Geschichte , der Schmerz oder der Erfolg ? Gott allein weiß es . Vor den Blicken tut sich ein unermeßliches Bild auf , denn das Wesen eines Volkes ist wie das Wesen einer einzelnen Person : sein Charakter ist sein Schicksal . Erstes Kapitel Im Jahre achtzehnhundertfünfundachtzig fing es in den Ebenen der Rednitz und Pegnitz einige Tage nach Maria Himmelfahrt an zu regnen , und es regnete fast unaufhörlich bis Mitte August . Die Saaten gingen zugrunde und alles Land war ein einziger See . Bis ins Tal der Zenn hinein erstreckte sich die Überflutung und nach Norden in die Erlanger und Bayersdorfer Gegend . Graugelb und gurgelnd schlug das Wasser gegen die Eisenbahndämme ; die Fußstege waren weggerissen , die Hütten am Ufer zerstört ; tagelang sah man Bretter und Balken und Fetzen von Schindeldächern mit der Strömung hinuntertreiben . In der Fischergasse und am Schießanger in Fürth beleckte das Wasser die Häuser , füllte die Keller und schlug drohend an die Schwelle kleiner Krämereien oder an die Wohnungen der Goldschläger , deren Gehämmer sonst mit anziehender Taktmäßigkeit das ganze Viertel erfüllte . Wie eine geheimnisvolle Berginsel sah der Vestnerwald mit seinem viereckigen Turm in das überschwemmte Land . Wenn man von dort aus gegen Zirndorf hinunterblickte , ragten nur ein paar Pappeln oder die Bäume einer Obstanpflanzung oder quer durcheinander geschichtete Hopfenstangen oder der Pfahl , worauf bei Schützenfesten der bemalte Adler befestigt wird , aus dem Wasser hervor , das gelbschimmernd dalag , ohne sonderliche Bewegung wie ein matter Spiegel . Das Dorf selbst war zum größten Teil verschont geblieben , weil es etwas höher lag . Kein Rauch stieg aus den Schloten der Ziegelei am Eingang der Hauptstraße . Die roten Dächer sahen ergeben in das helle Grau des Himmels , und die Krähen , die mit unruhigerem Flügelschlag als sonst auf-und abflogen , stießen schmerzlich-gellende Schreie aus . Den Wirten im Dorf ging es schlecht bei diesen feuchten Zeiten , besonders Sürich Sperling , dem Sebalderwirt und Herrn Ambrunn , der die » gläserne Burg « besaß . Das Turnerfest war auf den nächsten Sommer verschoben worden und die Fürther Kirchweih stand vor der Tür , wo ohnehin wieder alles Geld in die Stadt wandern würde . Als der Burgwirt keinen andern Ausweg sah , schickte er bei den Juden herum und ließ sagen , daß er koscheres Fleisch zum Aushacken bringen werde . Der Bauer litt gleichfalls schwer unter der Wassersflut und mancher , dem bislang eine selige Talerfülle im Beutel geklappert , schlich nunmehr gebückt und finster ins Wirtshaus , um seinen Groll zu vergessen . Zwischen Altenberg und Zirndorf wurde der Verkehr durch Boote vermittelt , und an einem Donnerstag fuhren zwei Kähne ungefähr gleichzeitig , der eine von Zirndorf , der andere von Altenberg ab und befanden sich einander in Sehweite , noch ehe jeder hundert Meter zurückgelegt hatte . Der Wind strich übers Wasser und warf lautlose Wellen auf . In kleinen Entfernungen erhoben sich die Chausseebäume aus der Flut , und das dünne Zweigwerk hing trauernd nieder und wurde vom Wasser bespült . Die Bäume zeichneten den Weg vor und die Boote näherten sich einander rasch ; das von Zirndorf kommende , in dem Sürich Sperling , seine zwei Knechte , der Milchmeier von Altenberg , der Metzger Frühwald von Fürth und ein fremd aussehender junger Mann saßen , glitt schneller dahin als das andere . Sie waren sich auf zehn Schritte nahe gekommen , und Sürich Sperling schrie eine Warnung hinüber ; doch es lag etwas Gehässiges in seiner Stimme , und es hatte den Anschein , als suchte er das kleinere Boot zu kentern . Die Bedrohten wichen furchtsam aus , aber Sürich Sperling , der das aus einer alten Kohlenschaufel verfertigte Steuer handhabte , richtete die Spitze des Kahns gegen die Breitseite des andern Fahrzeugs , und dieses stieß daher ziemlich heftig an einen Baumstamm . Gleichzeitig ertönte ein entsetzlicher Schrei aus fünf oder sechs Kehlen , und ein junger Mensch von etwa siebzehn Jahren stürzte kopfüber ins Wasser . » Laßt das Judenpack ersaufen , « sagte Sürich Sperling , und die zwei Knechte und Herr Frühwald begannen zu lachen , während sie hastig davonruderten . Selbst der schwarzbärtige junge Mann lächelte , offenbar nur um seinen Reisegefährten gefällig zu sein . Dann warf er stirnrunzelnd den Rest einer Zigarre ins Wasser und sah mit angestrengten Blicken nach der Stelle des Unfalls zurück . Etwas Düsteres und Drohendes glomm in seinen Augen , als er die Anstalten beobachtete , unter welchen die jüdischen Männer den Verunglückten aus dem Wasser zu ziehen suchten . Dort herrschte große Ratlosigkeit , der Kahn wurde vom anschwellenden Wind und von einer leichten Strömung fortgetragen , und die Köpfe waren so verwirrt , daß der eine Ruderer das Fahrzeug dahin und der andere dorthin lenkte . Keiner konnte schwimmen . Wasser war ihnen das unfehlbar totbringende Element ; und als Elkan Geyer in heller Angst um seinen Sohn den Rock von sich warf , um in die Flut zu springen , hielten ihn sechs Arme zurück , wobei das Boot fast zum Kippen gekommen wäre . Plötzlich stieß Bärman Schrot einen Freudenschrei aus . Agathon tauchte empor , erfaßte den weit überhängenden Ast eines Birnbaumes , dann schnellte er aus dem Wasser und kletterte mit erstaunlicher Behendigkeit ins Gezweig des Baumes . Als er oben saß , streckte er seinen Kopf wie aus einem Korbgeflecht heraus und sah spöttisch ins Boot . » Komm , Agathon ! « rief Elkan Geyer mit der schüchternen Zärtlichkeit eines Schuldbewußten . » Mag nicht ! « schallte es kurz zurück . » Aber komm doch ! « bat Elkan erschrocken . Er kannte den wunderlichen Starrsinn seines Sohnes . » Ich will nicht . Ich will nicht mehr in euer Boot . « » Aber Agathon , deine Kleider sind naß , du wirst totkrank werden . « » Gut , so will ich totkrank werden . « » Hopp , mein Junge , hopp ! « rief Isidor Rosenau entschlossen und befehlend . » Ich will euch etwas sagen , « rief Agathon ernst . » Ich werde warten , bis Sürich Sperling zurückkommt und wenn es Nacht wird , und wenn es morgen wird . Ich will ihm sagen , daß er ein Hund ist , ich will ihm sagen , daß er es büßen muß . Ihr laßt euch ja alles gefallen . Wenn sie euch die Ohren abreißen , küßt ihr ihnen noch die Hand . Zu Hause könnt ihr dann schimpfen . « » Aber Agathon , komm doch , « flehte Elkan Geyer . » Du kannst doch nicht droben sitzen bleiben bis in die Nacht , Gott behüte . « » Ich bleibe sitzen , « beharrte Agathon und seine Augen funkelten . » So eine Verrücktheit ! « rief Isidor Rosenau entrüstet . Er packte sein Ruder und stieß den Kahn vom Baum . Elkan Geyer schlug jammernd die Hände zusammen und bat die Ruderer umzukehren , aber diese lachten ihn aus . Der Kahn flog rasch gegen das Dorf und Elkan Geyer wartete ungeduldig auf die Landung , um allein wieder zurückfahren zu können . Den Kopf in die Hand gestützt , sah er verträumt hinaus gegen den Horizont , wo ein trübes Rot die Wolken zu säumen begann und sich auch im Wasser spiegelte mit einem seltsam schwanken Schein . Es war überhaupt etwas Verträumtes in Elkans Wesen ; in seinem Blick lag flehende Hilflosigkeit ; sein frühergrautes Haar war Zeuge davon , daß er alles zu Herzen nahm , woran andere nicht lange tragen . Ja , wenn es andere fortwarfen , hob es Elkan Geyer erst auf , und er wußte seine Angelegenheit immer von einer Seite anzugreifen , von wo sie mißlingen mußte . Agathon fror auf seinem Baum erbärmlich . Aber er verzog keine Miene , wenn ihn auch schauderte in den nassen Kleidern ; er machte ein Gesicht , als gelte es , sich vor den eigenen Leiden zu verstecken . Friedlich gluckste das Wasser ; bei langem Hinlauschen war es , als plauderte es immer in demselben müden Tonfall mit hellen , wiederkommenden Lauten . In diesem Augenblick hatte er eine wunderliche Erscheinung . Aus dem Wasser hob sich ein Körper , die Arme breit in die Luft gestreckt , das Gesicht sehnsüchtig nach oben gerichtet . Lautlos wuchs die Gestalt herauf und ihre Muskeln schwollen wie unter einer gewaltigen Anstrengung . Daneben zeigte sich ein kleines Männchen , spitz , winzig , mit einem gefälligen Grinsen auf den Zügen , in beständigen Verbeugungen begriffen , und es reichte der großen Gestalt die Hand . Aber als diese die Hand nahm , sank sie tief und tiefer ins Wasser , wich angstvoll zurück , strauchelte und verflüchtigte sich im Dunst , der in der Ferne über dem Wasserspiegel lag . Mit vorgestrecktem Hals starrte Agathon hin und atmete tief auf , da er nichts weiter sah als die glatte Fläche und kein Geräusch vernahm als das klagende Glucksen des Wassers . Als es zu dämmern anfing , wurde ein Ruderschlag hörbar . Elkan Geyer kam . Agathon zögerte nicht mehr und ließ sich ins Boot hinab . Sie fuhren heim auf der stillen Fläche , über die es langsam hindunkelte , und sprachen kein Wort miteinander . Die Krähen flogen ums Boot , lautlos und geängstigt , und bisweilen war das Wasser von einer Schicht gelber Blätter bedeckt .