einem zweiten , kleineren Stücke gesprochen . Vielleicht , daß uns das noch eine oder die andere jugendliche Damenrolle bringt . Ach , ja ! das zweite Stück ! bitte , bitte , das zweite Stück ! Herzlich gern , meine Damen ; sagte Albrecht , wenn Ihre Geduld denn wirklich noch nicht erschöpft ist . Ich muß aber befürworten : es kann von einem eigentlichen Stück diesmal noch weniger die Rede sein , keinesfalls von einem Lustspiel ; höchstens von einem Schwank , einer Farce - Desto besser ! rief Luckow . Nun denn ! sagte Albrecht . Er hatte sich nicht wieder an den Vertikow gestellt , sondern auf einem Sessel Platz genommen , von dem aus er , wie vorhin , Klotilde im Auge behalten konnte , sich an ihrem glänzenden Blick und freudig zustimmenden Lächeln immer neuen Mut für seine Erzähleraufgabe zu trinken . Ein schönes , junges Mädchen aus bester Familie - nennen wir sie Erna - erwartet ihren Verlobten , einen jungen Offizier - Bravo ! rief Fritz Sudenburg . Wie heißt er ? Sagen wir : Udo - zu der gewohnten Besuchsstunde . Da der Erwartete für ihre sehnende Ungeduld zu lange ausbleibt , tritt sie an das Fenster und sieht ihn über den Platz auf das Haus zukommen , zu ihrem maßlosen Erstaunen in Begleitung einer ihr völlig unbekannten , jungen , sehr eleganten Dame . Sie sieht weiter , wie Udo sich an der Hausthür von der Dame verabschiedet , nicht ohne ihr , wie es scheint , verschiedenes Wichtige mitzuteilen , worauf er sich langsam über den Platz entfernt . Während sie vergebens nach der Erklärung eines so seltsamen Vorganges sucht und sich , trotzdem sie wohl die Thorheit empfindet , einer Regung von Eifersucht nicht erwehren kann , bringt der Diener eine Karte : Miß Jane Stephenson ! Es ist eine junge Amerikanerin , die Tochter einer der Mutter eng befreundeten Familie , welche nach Berlin gekommen ist , ihre musikalischen Studien zu vollenden . Sie kann haute erst eingetroffen sein ; als man sich gestern in dem vorausbestimmten Hotel nach ihr erkundigte , erwartete man ihre Ankunft stündlich . Erna geht der Fremden entgegen ; natürlich ist es dieselbe , die ihr Verlobter bis an die Hausthür begleitet hat . Das ist was für Sie , Stephanie , flüsterte Klotilde halblaut der Freundin zu ; Sie sprechen so wundervoll englisch . Ich nehme allerdings an , daß Miß Jane das Deutsche nur unvollkommen spricht und auch wohl versteht ; sagte Albrecht . Doch ist hier für die Darstellerin ein weiter Spielraum gelassen . Bitte , bitte , fortfahren ! Erna , immer noch unter dem Druck ihrer eifersüchtigen Regung , empfängt die Dame mit einiger Reserve , erhält aber alsbald eine Lösung des Rätsels . Miß Jane , als echte Amerikanerin , hat sich zugetraut , bewaffnet mit einem Plan der Stadt , die ja doch nur ein Dorf im Vergleich zu Newyork sei , allein den Weg von dem Hotel zu dem gesuchten Hause zu finden . Auf dem Platz , nachdem sie sich , um sich zu orientieren , ein paarmal umgedreht , sei sie , kurz vor ihrem Ziele , denn doch aus der Richtung gekommen . In ihrem Reisehandbuch habe sie gelesen , daß man sich in einem solchen Falle vertrauensvoll an einen » Constable « zu wenden habe , die auf jedem Platze , an jeder Straßenecke zu finden , an ihrer Uniform , Helm und Säbel leicht erkenntlich und die Zuvorkommenheit und Liebenswürdigkeit selbst seien . Gerade in dem Moment sei einer an ihr vorübergegangen , der natürlich sofort die Fremde in ihr erkannt habe , dann er habe sie sehr scharf fixiert ; sei auch auf ihren Anruf : heigh , Constable ! sogleich stehen geblieben . Nun müsse sie sagen : ihr Grundsatz sei , sich über nichts in der Welt zu wundern ; aber , wie groß auch ihre Erwartungen von der Dienstwilligkeit der Berliner Konstabler gewesen - der hübsche , junge Mann habe sie weit übertroffen . Mit der größten Courtoisie habe er sich sofort erboten , sie bis zu dem gesuchten Hause , das übrigens ganz in der Nähe sei , zu begleiten , was er denn nun gethan , während der ganzen Zeit ein perfektes Englisch fließend sprechend . Sie würde , hätte sie dies nicht selbst erlebt , es für unmöglich gehalten haben . Ein gewöhnlicher Constabel , der durch seinen feinen Anstand , seine ritterliche Höflichkeit die most accomplished gentlemen ihres Heimatlandes beschäme ! Erna , die einen ausgeprägten Sinn für Humor besitzt , hat bei dieser völlig ernsthaft vorgetragenen Erzählung tausend Mühe gehabt , nicht in Lachen auszubrechen . Die Erklärung liegt ja auf der Hand : Udo hat die Dame nur bis an das Haus , nicht in das Haus begleitet , um seiner improvisierten Schutzmannsrolle treu zu bleiben . Natürlich wird er alsbald in Person erscheinen . Sie findet den Spaß zu gut , als daß sie nicht wünschen sollte , ihn noch ein wenig fortzusetzen . Die Berliner Konstabler , die man übrigens im Deutschen sehr bezeichnend » Schutzmänner « nenne , seien allerdings ein Elitecorps , alle ohne Ausnahme feingebildete , gentlemanlike Leute . Das sei aber freilich auch höchst nötig , denn die Unsicherheit in Berlin sei so groß ; jede anständige Familie in Berlin habe ihren Hauskonstabler , vulgo Schutzmann , der als ein Glied der Familie betrachtet werde und auf diesem Fuße ungeniert mit ihr verkehre . Das kommt nun doch der Miß , die erklärt hat , sich über nichts in der Welt zu wundern , ein wenig wunderbar vor ; sie deutet an , daß die neue Freundin hier ihrer Unkenntnis von Land und Leuten spotten wolle . Eine derartige Insinuation weist Erna , als fast beleidigend , zurück . Miß Jane müsse ihr verstatten , den Beweis ihrer Wahrhaftigkeit sofort führen und den Privat-Schutzmann der Familie herbeiholen zu dürfen . In diesem Moment öffnet sich die Thür und Erna ' s Bruder , ein Kamerad Udo ' s von demselben Regiment , tritt , zum Ausgehen gerüstet , ein , den Säbel an der Seite , auf dem Kopfe den Helm , den er beim Erblicken der schönen Fremden bestürzt abnimmt ! Hier ist er ! ruft Erna und läuft davon , unter dem Vorwand , die Mutter benachrichtigen zu müssen , nachdem sie zuvor den Namen der Fremden genannt , auf deren Kommen übrigens der junge Offizier , ebenso wie die anderen Mitglieder der Familie , vorbereitet ist . Also , Sie sind der Schutzmann der Familie , beginnt Miß Jane die Unterhaltung . Arnulf - kann er so heißen ? Warum nicht ! rief Franz Sudenburg . Wir haben drei Arnulfs im Re ' ment . Arnulf ist über den » Schutzmann « ein wenig verwundert ; aber warum sollte Erna ihn , als einzigen Haussohn und Vertreter des verstorbenen Vaters , der Dame nicht als Beschützer der Familie bezeichnet haben , woraus denn diese in ihrer mangelhaften Kenntnis der Sprache einen Schutzmann gemacht hat ? Nun entwickelt sich zwischen den beiden eine drollige Unterhaltung , in welcher die Fremde den » Schutzmann « buchstäblich und Arnulf allegorisch nimmt , bis die Widersprüche und Unmöglichkeiten sich so häufen , daß eine Erklärung stattfinden muß . Miß Jane ist empört , so arg gehänselt worden zu sein ; Arnulf , der sich mit jeder Minute heftiger in das junge Mädchen verliebt - Die Rolle spiele ich ! rief Fritz . - hält dafür , sie müsse eine eklatante Revanche nehmen . Miß Jane , in ihrer Erregung auf und ab gehend , ist an das Fenster getreten und sieht den Offizier , der sich ihr vorhin für einen Schutzmann ausgegeben und so die ganze lächerliche Geschichte eingefädelt hat , auf das Haus zukommen . Arnulf , der ihr gefolgt ist und über die Schulter blickt , ruft : das ist mein zukünftiger Schwager , der Verlobte meiner Schwester ! Er wird sogleich hier sein , ebenso wie meine Schwester , nebenbei ohne die Mama , die gar nicht zu Haus ist . Hätten Sie Mut zu einem tollen Scherz , Miß Jane ? Ich habe Mut für alles , erklärt Miß Jane entschieden . Geben wir uns den beiden Verlobten ebenfalls für Verlobte aus ! Was ist geben aus ? fragt Miß Jane . Stellen wir uns ihnen als Verlobte vor ! Dann wir werden thun müssen wie Verlobte , sagt Miß Jane nachdenklich . Da Sie Mut für alles haben - Well , wir werden thun wie Verlobte , sagt Miß Jane . Sie nehmen vorn auf dem Sofa Platz in einer Vertraulichkeit , die man Verlobten gern gestattet . - Du , Fritz , sagt hier Franz Sudenburg , den Kameraden überläßt Du mir ! Ich habe zuerst auf ihn abonniert , entgegnete Fritz . Es tritt sofort noch der zweite auf , fuhr Albrecht lächelnd fort : Udo , dem Erna aus der Thür , durch welche sie vorhin verschwunden , entgegeneilt . Udo küßt seiner Braut zärtlich die Hand - Na , Franz , fragte hier Fritz . Abwarten , alter Sohn ! entgegnete Franz . Jetzt muß ich die beiden Ruhestörer aber wirklich zur Ordnung rufen , sagte Elimar mit freundlichem Ernst . Die beiden jungen Offiziere verbeugten sich und Albrecht fuhr fort : - küßt also seiner Braut die Hand , was Arnulf sofort auch bei Miß Jane thut , die diese Huldigung als etwas scheinbar Selbstverständliches hinnimmt und auch sonst in dieser Scene ihrem Wort von dem » Mut für alles « volle Rechnung trägt . Auf den Gesichtern Udo ' s und Erna ' s prägt sich tiefstes Erstaunen aus über das , was sie sehen müssen ; sie treten an die beiden auf dem Sofa , die in eine , wie es scheint , intimste Unterhaltung versunken , gar keine Notiz von ihnen nehmen , heran , und Erna stellt Udo als ihren Verlobten vor , der sich ungemein freue , die auf der Straße angeknüpfte Bekanntschaft fortsetzen zu können , und für den kleinen Scherz , den er sich erlaubt habe , um Verzeihung bitte . Miß Jane , ohne Arnulfs Hand zu lassen , erklärt : sie wisse nicht , was der » Herr Constable « unter dem Scherz , den er sich erlaubt haben wolle , verstehe ; freue sich aber , ihm und seiner Braut mitteilen zu können , daß sie sich eben mit seinem » comrade « dem » private constable of the family « , verlobt habe . Was dann Udo durch feurige Küsse auf ihre Hand bestätigt . Aber , Miß Jane , ruft Erna , die ihren Sinnen kaum noch traut ; es ist ja mein Bruder ! Haben Sie etwas dagegen , daß ich Ihren Bruder heirate ? Und ein Constabel schon gar nicht , sondern Offizier ! ruft Erna . Wie Ihr Verlobter ? Wie mein Verlobter . Da können wir uns beide nur gegenseitig gratulieren . Wenn bei Euch zu Lande die Schutzleute so liebenswürdig sind , wie sehr müssen es dann die Offiziere sein . Bravo ! riefen hier Fritz und Franz wie aus einem Munde . Nun , und ? und ? fragten die Damen . Der Rest versteht sich von selbst , meine Damen , sagte Albrecht . Miß Jane beweist , daß sie unter anderm den Mut hat , aus einem Scherz veritablen Ernst zu machen ; die Mama kommt hinzu und segnet einen Bund , durch den ihr Sohn zum glücklichen Gatten einer nicht nur reizenden , sondern auch - wie sie sehr wohl weiß - steinreichen Frau wird . - Und damit , meine Damen und Herren , schloß Albrecht , bin ich mit meiner schwachen Kunst zu Ende . Wenn Sie glauben , daß die harmlosen Scherze Ihren Zwecken genügen - Aber daran kann doch gar kein Zweifel sein , sagte Elimar . Das ist ja gerade , was wir brauchen . Ich bin überzeugt , dies im Namen der ganzen Gesellschaft auszusprechen . Der ganzen Gesellschaft ! - Freilich ! - Selbstverständlich ! kam es von allen Seiten . So werde ich die Rollen sogleich ausschreiben lassen , sagte Albrecht . Das kann in zwei Tagen spätestens geschehen sein . Wir müßten dann sofort an die Leseprobe und die Verteilung der Rollen gehen . Man war mit allem einverstanden . Auch wollte man vorläufig mit dem Heranziehen anderer Kräfte warten , bis sich herausgestellt haben würde , wie weit man mit den vorhandenen auskommen werde . Inzwischen war es spät geworden ; man durfte die Nachsicht der liebenswürdigen Wirte nicht länger in Anspruch nehmen . Doch ging der Aufbruch nicht so schnell von statten . Man war von dem Gehörten zu aufgeregt ; es gab für die nächsten Tage noch so vieles zu erwägen , festzustellen . Daß die eigentlichen Proben in den etwas engen Meerheim ' schen Räumen nicht würden abgehalten werden können , leuchtete allen ein . Stephanie schlug vor , in das elterliche Haus überzusiedeln ; es komme am Ende nicht darauf an , ob der Papa ein wenig früher oder später von ihrem Vorhaben Kenntnis erhalte . Man gab das zu ; aber die Leseprobe , verlangte Adele , müsse jedenfalls noch bei ihr stattfinden . Das alles wurde auf dem engen Flur verhandelt , während die Damen ihre Mäntel umgelegt bekamen und die Herren sich ihre Paletots und Überröcke anzogen , wobei es denn ohne einige Verwirrung und die obligaten : » Pardon ! « nicht abging . Albrecht sah sich in seiner Hoffnung , noch ein Wort mit Klotilde wechseln zu können , getäuscht . Sie sollte von den Sudenburgs , deren Equipage bereits seit einer Stunde vor der Thür hielt , nach Hause gebracht werden ; die beiden Lieutenants wichen ihr nicht von der Seite ; er mußte sich mit einem : Gute Nacht , Herr Professor ! und einem Händedruck begnügen , der ihm eine wenig flüchtig deuchte . Dann stand er mit den Herren von Fernau und von Luckow auf der Straße . Fernau , der noch auf einen Ball mußte - er war am Abend in voller Gesellschaftstoilette mit einem Ordensband im Knopfloch erschienen - rief eine vorüberfahrende Droschke an ; der Hauptmann , der für eine Strecke denselben Weg hatte , stieg mit ein ; man trennte sich mit den höflichsten Grüßen und seitens des Hauptmanns der Versicherung , daß er dem Herrn Professor einen ganz ungewöhnlich genußreichen Abend verdanke . Dafür hatte sich denn die Wagenthür kaum hinter den Eingestiegenen geschlossen , als Fernau in erregtem Tone rief : Aber , bester Luckow , wie können Sie so dem albernen Menschen noch mehr den Kopf verdrehen , als es unsere Damen , Gott sei es geklagt , schon gethan haben ! Das kann doch gar nicht Ihre wahre Meinung sein ! Das war ja positiver Blödsinn , was der Mensch da vorgebracht hat ! Bei Gott , ich habe mich ordentlich geschämt , aus purer Höflichkeit den Nonsens über mich ergehen lassen zu müssen ! Sollte hier nicht etwas wie Eifersucht mit im Spiel sein ? fragte lächelnd Luckow , der die Leidenschaft Fernaus für Klotilde wohl kannte . Der Legationsrat brauste auf : Nehmen Sie mir es nicht übel , Luckow , das ist beinahe eine Beleidigung . Ich eifersüchtig auf den Menschen ! Da könnte ich mit mehr Recht sagen : Sie protegieren ihn nur , weil Ihnen die Gelegenheit , mit Fräulein Stephanie möglichst oft zusammenzukommen , zu verführerisch erscheint . Was ich gar nicht in Abrede stelle , erwiderte der Hauptmann trocken . Aber weshalb dazu diesen Menschen in unsere Gesellschaft ziehen , der nun einmal schlechterdings nicht dahin gehört ! Diesen aufgeblasenen , geckenhaften , vor Eitelkeit schier übergeschnappten Plebejer ! Es ist heute das letzte Mal gewesen , daß ich mich zu dieser lächerlichen Farce hergegeben habe . Der Hauptmann drückte auf den Gummiknopf im Wagen : Ich muß hier aussteigen . Gute Nacht . Ich denke , Fernau , Sie überlegen sich die Sache noch einmal . - Unterdessen war Albrecht durch die Straßen gestürmt , achtlos des sprühenden , kalten Regens , der eingesetzt hatte . An Nachhausegehen dachte er nicht . Was sollte er in seinem engen Hause bei seiner guten kleinen , langweiligen Frau mit diesem Sturm der Gefühle im Herzen ! mit dem Bilde der Zauberin im Herzen ! Ja , sie war eine Zauberin , die aus den Menschen machen konnte , was sie wollte : aus einem armseligen Schulmeister , der , in der elenden Frohnde seines Berufes hinkeuchend , sein Dasein so oft verwünscht hatte , einen Göttersohn ! Die letzte Berührung der kleinen Hand ! Nun ja , sie hätte von ihrer Seite wärmer sein können , länger währen können ! Aber dann die Späherblicke rings umher ! Dieser Legationsrat mit den stechendem schwarzen Kalmückenaugen , dem bei all seiner glatten Höflichkeit nicht über den Weg zu trauen war ! Und hatte ihn auch die Hand nur flüchtig berührt - eine Frau , eine Dame der feinsten Gesellschaft , die - ach , er konnte nicht zweifeln : sie liebte ihn ! Und : sie liebt mich ! sie liebt mich ! verzückt vor sich hinmurmelnd , rannte er weiter durch die leeren , dunklen , verregneten Straßen . - Als die Flurthür sich hinter ihren Gästen geschlossen hatte und sie sich wieder im Wohnzimmer befanden , war Elimar , seine längst vermißte Cigarre rauchend , schweigend auf und ab gegangen , während Adele , in die Sofaecke gelehnt , die Ereignisse des Abends rekapitulierend , jetzt zu der Verteilung der Rollen gelangt war , mit der sie nicht zurecht kommen konnte , da sie die Personen der beiden Stücke beständig durcheinander mischte . Aber darüber sei sie mit sich im reinen , daß sie die Haushälterin in dem zweiten - nein , in dem ersten - Stück spielen müsse , mit einer ungeheuren Haube auf dem Kopfe und einem kolossalen Schlüsselbunde am Gürtel . Ob Elimar nicht auch meine , sie werde sich so ganz vorzüglich ausnehmen ? Was soll ich meinen ? fragte Elimar , stehen bleibend . Mein Gott , Eli , wie zerstreut Du bist ! Was hast Du nur ? Mir geht die fatale Sache mit den beiden Künstlern durch den Kopf , sagte Elimar . Es ist recht unangenehm , daß das gerade bei uns passieren mußte . Ja , aber was können denn wir dafür ! rief Adele . Dafür ist doch Fräulein Stephanie verantwortlich , die sich die beiden Zankhähne ausgesucht und uns ins Haus geschickt hat . Meinst Du nicht auch ? Freilich , sagte Elimar . Er hatte gar nicht an die närrischen Künstler gedacht , sondern an Klotilde und den Professor . Als er , aus dem Rauchzimmer kommend , an die Gruppe trat , welche am Tisch um den Akademiker herumstand , hatte er zu seinem maßlosen Erstaunen die beiden gesehen , Schulter eng an Schulter geschmiegt . Er hätte sich einreden können , das Opfer einer Sinnestäuschung gewesen zu sein , denn in der That hatte seine seltsame Beobachtung , da sich die Gruppe alsbald löste , nur ein paar Sekunden gewährt . Aber , die beiden im weiteren Verlauf des Abends scharf beobachtend , waren ihm die höchst verdächtigen Blicke nicht entgangen , welche sie wiederholt in Momenten , die sie für sicher halten mochten , miteinander austauschten . Handelte es sich noch nicht um Liebe , so zweifellos um eine bereits recht vorgeschrittene Liebelei , die ihm schwere Sorge machte ! Kannte er doch Klotildens lebhaftes Temperament ! ihre Neigung , mit Männerherzen zu spielen ! die Leere , welche ihr eine sicher nicht sehr beglückte Ehe im eigenen Herzen ließ , auf diese gefährliche Weise auszufüllen ! Hatte er das alles doch vor fünf Jahren an sich selbst erfahren und seine ganze Festigkeit und Klugheit aufbieten müssen , sich aus der Gefahr zu retten ! Und diese Festigkeit und Klugheit - dem Professor mit seinen großen , lebenshungrigen Augen traute er sie schon gar nicht zu . Dergleichen Leute , besonders wenn sie aus niedern Kreisen stammen , sind in den weißen Händen einer gefallsüchtigen , keineswegs übrig gewissenhaften aristokratischen Dame weiches Wachs . Sie würde das Wachs schon zu kneten wissen ! sie ! Der arme Teufel mochte an das Heil seiner Seele denken ! Und an das seines Leibes dazu ! Viktor ließ seine Frau frei gewähren - zu frei vielleicht . Aber an seine Ehre durfte man dem alten Korpsburschen und Reservelieutenant nicht rühren ! und mit dem Schulmeister würde er verzweifelt kurzen Prozeß machen ! Vielleicht waren das alles nur kassandrische , schwarze Träume . Nur wäre es nicht das erste Mal gewesen , daß sein böses Geträume sich erfüllt hätte ! Jedenfalls wollte er die Augen offen behalten . Wenn Klotilde auf einen Menschen hörte , durfte er sich schmeicheln , daß er es sei . Zehntes Kapitel In seinem Gymnasium war man gewohnt , Albrecht Winter mit stolz erhobenem Haupt und erfolgbewußt leuchtenden Augen zu sehen , offen bewundert von seinen für ihn schwärmenden Schülern , heimlich sogar von denen seiner Kollegen , welche ihm sein stattlichschönes Äußere , die Vielseitigkeit seines Wissens , den leichten Fluß der Rede und die Erfolge in seinen verhältnismäßig jungen Jahren beneideten . Aber seit einiger Zeit schien er nicht mehr derselbe . In den Lehrstunden war er nicht selten zerstreut ; vergebens harrten die jungen Leute auf eine jener begeisterten Improvisationen , mit denen er sie sonst wohl entzückte , gerade wenn die trockensten Gegenstände behandelt wurden ; und er , dem früher niemals ein hartes Wort entschlüpfte , konnte bei geringfügigen Veranlassungen heftig und unduldsam werden . Die Kollegen sahen den freundlich gesprächigen Mann in einen Kopfhänger verwandelt , der sein Schweigen nur unterbrach , um eine bitter sarkastische Bemerkung in die Debatte zu werfen . Dann wieder eines Morgens erschien » Siegfried « , wie ihn der Schulwitz getauft hatte , strahlender als je , um bereits am nächsten Tage abermals die Beute seiner seltsamen Mißstimmung und Melancholie zu sein . Niemand wußte sich diese Wunderlichkeiten zu erklären ; er selbst freilich mußte sich heimlich eingestehen , daß seine Seele nur noch der Spielball der Leidenschaft war , die ihn für die schöne Frau von Sorbitz mit einer Gewalt ergriffen hatte , gegen welche er in sich keinen Widerstand fand . Das ganze Dasein drehte sich für ihn um die Frage : erwidert sie meine Liebe ? Glaubte er sie mit ja beantworten zu dürfen , schien ihm der herbstlich graue Himmel von rosigem Licht verklärt . Mußte er - und das war der weitaus häufigere Fall - an ihrer Gegenliebe zweifeln , sah er sich am sonnigsten Tag umgeben von den Schrecken des arktischen Eises unter einem Himmel , von dem der letzte Hoffnungsstern verschwunden war . Unterdessen hatten die theatralischen Angelegenheiten den erfreulichsten Fortgang genommen . Die Rollen der beiden Stücke , welche jetzt offiziell : » Das Schild « und » Der Schutzmann « genannt wurden , waren in kürzester Frist ausgeschrieben worden und bei der nächsten Zusammenkunft in Adeles kleinem Salon zur Verteilung gekommen . Hier hatte Albrecht eine erste schmerzliche Enttäuschung erfahren . Ein wie reiches Lob er auch für seine dichterische Leistung einerntete , und mit welcher Einhelligkeit man ihm die Rolle des Helden im » Schild « zuerkannte , seine stille Hoffnung , die angebetete Frau dann zur Partnerin zu haben , ging nicht in Erfüllung . Klotilde , die sein bittendes Augenspiel nicht zu verstehen , oder verstehen zu wollen schien , erklärte mit aller Entschiedenheit , eine Rolle nicht übernehmen zu können , bei der die Darstellerin auch tragische Töne in der Gewalt haben müsse . Das sei Stephanies Sache . Dagegen glaube sie , mit der resoluten Miß Jane des zweiten Stücks wohl fertig zu werden , wenn sie auch keine so perfekte Engländerin wie Stephanie sei , die mit ihren großen , dunklen , feuchtschimmernden Augen als geängstete junge Kaufmannsfrau brillieren werde . Und da Stephanie , der es vor allem um das Zustandekommen des Unternehmens zu thun war , sich damit einverstanden erklärte , wurde Klotildens Vorschlag zum Beschluß erhoben , zur besonderen Freude Luckows , der den ärztlichen Freund des Helden im » Schild « übernehmen sollte und sich so mit dem Gegenstand seiner stillen Verehrung in dem Rahmen eines und desselben Stückes umschlossen sah . Ein paar andere Rollen fanden leicht ihre Liebhaber . Für den Mann der Polizei schien der Legationsrat , der Luckows Rat , » sich die Sache noch einmal zu überlegen « , beherzigt hatte und am zweiten Abend pünktlich erschienen war , mit seinem Oliventeint und dem durchbohrenden Blick ganz der geeignete Repräsentant . Adele schwärmte für die Haushälterin ; Elimar erklärte , daß seine Schauspielkunst über den alten Diener Balthasar , der nur wenige Worte zu sprechen hatte , nicht hinausreiche . Für das kommerzienrätliche Elternpaar sollten zwei Befreundete des Sudenburg ' schen Hauses : ein älteres , behagliches , von aller Welt Tante Julie genanntes Fräulein , und ein jovialer Rittmeister von den zweiten Dragonern , Herr von Rotenburg , engagiert werden . Den durchtriebenen Ladenjüngling Fridolin zu übernehmen , erklärte sich der behende Lieutenant von Sperber gern bereit , zum großen Trost für Fritz und Franz Sudenburg , die als Offiziere im » Schutzmann « zu glänzen hofften und deren Hünengestalten sich für den windigen Schalk auch wenig schickten . Schwester Erna in der kleinen Posse würde bei Fräulein von Breitenbach , einem schönen , sanften Mädchen , vortrefflich aufgehoben sein . Zu der Komparserie in der Schlußscene des » Schilds « war der Andrang der Kameraden so groß , daß Fritz und Franz nur abzuwehren hatten . Dies alles war entweder schon auf der Leseprobe bei Meerheims festgestellt worden , oder , was man da noch nicht endgiltig machen konnte , auf der folgenden , welche bereits in der großen Sudenburg ' schen Wohnung stattfand , nachdem der Direktor erklärt hatte , gegen das Treiben der jungen Leute blind und taub sein zu wollen . Was denn freilich beides recht wünschenswert schien in Anbetracht des fortwährenden Kommens und Gehens der Theaterleute , welches die folgenden Tage brachten , und des nicht unbedeutenden Lärmens , den sie bei ihren Proben vollführten . Wollte doch des fröhlichen Lachens und lustigen Schwätzens kein Ende nehmen - Albrecht mußte nicht selten seine ganze Autorität aufbieten , den Übermut zu zügeln und die Herrschaften daran zu erinnern , daß man ja wohl zusammengekommen sei , um Komödie zu spielen . Das Amt eines Regisseurs war ihm als etwas Selbstverständliches zugefallen . Einmal schien es dem Dichter zu gebühren , und dann stellte sich auch bald heraus , daß er von theatralischen Dingen ein gut Teil mehr verstand als die übrigen Herrschaften , die nur immer von ihren Logenplätzen aus den Schaum des Trankes abgeschlürft hatten . Schon dem Studenten war das Theater eine Leidenschaft gewesen ; der Traum , dermaleinst als Schauspieler oder Dichter von der Bühne herab zu glänzen , hatte ihn unablässig verfolgt . Weit lieber , als mit seinen Kommilitonen , hatte er mit Schauspielern verkehrt und in ihrem Umgang die rauhen Manieren des Bergmannssohnes abzuschleifen versucht mit einem Erfolg , der für naivere Augen und Gemüter ein vollkommener war . Wie oft hatte er , als ein gern gesehener Zaungast , hinter den Coulissen gestanden , mit brennenden Augen und gespannten Ohren die Darstellung irgend einer Paraderolle irgend eines berühmten Mimen einsaugend , so daß er jeden Ton und jede Geste des Wundermannes mit verblüffender Treue kopieren konnte ! Wie oft hatte er mit der Vorführung solcher Künste der Heiterkeit eines Studentengelages , einer kollegialischen Tischgesellschaft erhöht ! Das alles kam ihm jetzt herrlich zu statten und ließ ihn unter diesen Dilettanten als ein durchgebildeter Künstler erscheinen , dessen Anordnungen man sich willig fügte , dessen Kritik und Korrekturen man sich gern gefallen ließ . Verehrter Herr Professor , kann ich das so machen ? - Lieber Herr Professor , meinen Sie , daß es so geht ? kamen die Fragen von allen Seiten ; und der Herr Professor war nie um eine entscheidende Antwort verlegen , wußte sofort die nötige Wendung , die obligate Stellung anzugeben ; sprach die betreffenden Worte in richtigem Ton und Tonfall mit so überzeugender Wahrheit , daß man schlechterdings nichts Besseres thun konnte , als ihm , so gut es gehen wollte , nachzuahmen . Das waren denn freilich Stunden , die seinem Selbstgefühl schmeicheln mußten und ihm ungemischte Freude gebracht hätten , nur daß den Sonnenglanz eine dunkle Wolke trübte , nur daß in seiner erregten Seele die eine Frage unbeantwortet blieb , von deren Lösung , mochte sie nun gut , oder schlimm sein , - das war seine Überzeugung - das Glück oder Unglück seines Lebens abhing . Er fühlte , daß seine Nerven es nicht lange mehr ertrügen ; er wollte Gewißheit um jeden Preis , und wenn sie ihn zerschmetterte , wie den Jüngling von Sais der Anblick der unverschleierten Göttin . Und es gab Momente , wo sich der Schleier heben zu wollen und ihm der Glanz der höchsten Himmel entgegen zu schimmern schien : ein wärmerer und immer verstohlener Blick aus ihren mächtigen Augen ; ein herzlicheres und immer geflüstertes Wort ; ein festerer und immer schnell wieder gelöster Druck der schlanken , kühlen Hand . Was aber verbürgte ihm , daß dies alles nicht Zufall , gesellschaftliche Höflichkeit , salonläufige Koketterie war , wenn dann wieder Tage kamen , an denen er sich auch nicht des geringsten Vorzugs vor den anderen Herren rühmen durfte , ja , er zu bemerken glaubte , daß sie ihn kühler behandelte als jene und einmal wieder die vornehme Dame herauskehrte , die den Abstand zwischen sich und dem Roturier nur zu vergessen schien ,