ihr gegenüber immer im Nachteil . Freilich , deshalb behält er sich auch , während das Weib sich ausgiebt . Diese Schweigsamkeit ist der Boden der That , aber wie viele von den Frauen verstehen das Beste am Manne ? Wach , von tausend Gedanken bewegt , verbrachte Hildegard die Nacht . Auch am nächsten Morgen kam kein Brief . Frau Wallner kannte ihren Gatten zu genau , um nicht zu wissen , daß ihm alles Kleinliche fern lag . Aus Trotz schwieg er nicht . Er benützte auch sein Übergewicht als der Verdienende nicht , um ihr zu zeigen , wohin sie ohne seine Hülfe kam . Es mußte ihm irgendetwas zugestoßen sein . Entweder war er schwer krank , oder - Sie schauerte . Unter Thränen flehte sie zu Gott , daß er sie ihren Irrtum nicht so schwer büßen lasse . Nie hätte sie geahnt , daß ihre Seele , während sie diesem Manne Kummer auf Kummer bereitete , doch mit der seinen verwachsen war . Mechanisch trieb sie sich draußen herum . Hätte sie die Mittel zur sofortigen Abreise besessen ! So hieß es ausharren . Sie ging nach der Pomona , wo ihr Fräulein Kampfmann mitteilte , daß für den nächsten Monat eine Frauenversammlung anberaumt wäre , zu der auch das Ausland seine berufensten Vertreterinnen senden wolle . Für die Dauer des Kongresses seien acht Tage bestimmt . Es hätten sich hundertvierunddreißig Rednerinnen zum Wort gemeldet . Hildegard hörte zerstreut zu und ging bald nach Hause . Die erwünschte Nachricht war noch immer nicht eingetroffen . Auch der nächste Tag verstrich ohne Erfolg . Nun verließ Hildegard das Haus nicht mehr . Der nagenden Verzweiflung hingegeben , kauerte sie in einer Ecke des dunklen Hofzimmers und wartete und wartete . Und noch zwei weitere Tage vergingen . Länger ertrug sie es nicht mehr . Sie wollte sich Frau von Werdern zu Füßen werfen und sie beschwören , ihr das notwendigste Geld vorzustrecken . Verweigerte sie es , so wollte sie an ihre Freundinnen schreiben , oder an den Pfarrer ihrer Gemeinde . Scheiterte alles , dann - dann würde sie sich einfach durchbetteln . Aller Stolz , alle Härte , alles falsche Selbstbewußtsein war geschmolzen in der Glut ihrer reuigen Liebe . Eben als sie mit entschlossenem Gesichte sich erhob , um den Beginn ihrer Kreuzwege zu machen , klingelte es , und der Postbote erschien . Zitternd spähte sie nach den Schriftzügen auf dem Couvert . Sie waren von ihrem Gatten . Er lebte also , er lebte . Sie öffnete den Brief . Achtlos schob sie die Geldnoten , die zusammengefaltet zwischen den Blättern lagen , neben sich und las . » Meine liebe Hildegard ! Wenn du diese Zeilen erhältst , bin ich schon aus aller Gefahr und der Todesengel ist gnädig an unserm Hause vorübergezogen . Ich war sehr schwer erkrankt und hatte nicht wenig Mühe gehabt , den Arzt von seinem Vorhaben abzubringen , dich hierher zu rufen . Ich wollte dich nicht erschrecken und störend in deine Pläne eingreifen . Um dich nichts von meinem Erkranktsein merken zu lassen , durfte ich dir aber auch durch keine fremde Hand schreiben lassen . Ich selbst konnte keinen Finger bewegen . So mußtest du denn warten , meine arme Hildegard . Möge dir die Verzögerung der Geldsendung keine unangenehmen Folgen gebracht haben . Und knausere nicht allzusehr . Wenn deine Börse wieder frischer Füllung bedarf , lasse es mich wissen . Sei herzlich gegrüßt ! Einhart Wallner . « Wieder und wieder las sie den Brief . Wenig Worte und ein ganzes volles Herz . So war der Mann , der geschrieben hatte . Sein Stolz hatte den heißen Schrei seiner Sehnsucht nach ihr verstummen gemacht . Aber seine Güte gegen sie war offengeblieben . Jetzt , wo sie halb ertrunken war in dem Meer von Phrasen , die sie angehört hatte , schien ihr die Wortkargheit die lauteste Beredsamkeit zu besitzen . Jetzt begriff sie sein Schweigen bei all ihrem Beginnen . Es hatte ohne Worte zu ihr gesprochen . Und nun verstand sie ihn . - Sie schob die Geldnoten in die Börse . Ihr Reisegeld ! Dann packte sie ihre paar Habseligkeiten zusammen . Heute noch zu ihm , jubelte es in ihr . Plötzlich ergriff sie ein Bangen . Wie wenn die Besserung eine Scheinbesserung gewesen war und sie ihn schwer krank antraf ? Wenn er sie gar nicht erkannte ? Wenn er tot war ? Gab es nicht genug Fälle dieser Art , wo nach einer anscheinenden Besserung plötzlich eine Wendung zum Schlimmsten eingetreten war ? Und dazu kannte sie nicht einmal die Natur seiner Krankheit . Sie warf ihre Sachen flüchtig in den Reisekoffer , eilte hinab und winkte eine Droschke herbei . Die wichtigsten Kommissionen wurden besorgt , zuletzt fuhr sie vor das Geschäft , in dem Fräulein Schulze thätig war . Sie teilte ihr mit einigen Worten den Sachverhalt mit und verabschiedete sich von ihr . Gegen Abend fuhr sie nach dem Bahnhof . Hier mußte sie einige Stunden warten , bis der Zug abging , der sie nach der Heimat brachte . Sie benützte die Zeit und schrieb an ihre Bekannten hier einige Abschiedszeilen . Dann begann sie ungeduldig im Wartesaal auf und nieder zu schreiten , die Augen fast unverwandt auf die große Uhr über dem Eingang gerichtet . Endlich war es so weit . Die dampfende Lokomotive setzte sich schnaubend an die Spitze des Zuges . Der Schaffner forderte zum Einsteigen ein . Sie erhielt ein Coupé für sich allein . Als der Zug aus der Bahnhofshalle glitt , schloß sie die Augen und drückte sich still in eine Ecke . Aus dem Irrtum hatte sie Gott befreit , würde er sie nun auch noch vor der herbsten Qual behüten ? Würde sie die Erkenntnis nicht durch schweres Leid bezahlen müssen . Sollte sies besser haben , als so viele Andere ? Eigentlich wagte sies kaum zu hoffen . Und doch sagte sie sich wieder , erst in der Stunde , da der Mensch erkennen gelernt hat , übernimmt er die Verantwortung für sein Thun . Und sie war bisher wie eine Blinde hingegangen - nur ganz von Instinkten geleitet : das echte Weib , das Weib des geistigen Mittelstandes , in dem brave Eltern ängstlich jede Eigenart zu unterdrücken suchen , bis es , um über die eigene Banalität hinwegzukommen , später der ersten besten Verrücktheit , zur Beute fällt , die gerade im Schwang ist . 12 Als Hildegard nach langen , bangen Stunden endlich die Alpen , und von ihnen umkränzt den Spiegel des saphirblauen Bodensees auftauchen sah , vermochte sie ihrer Aufregung kaum mehr Herr zu bleiben . Sie warf einem Bahnhofbediensteten ihren Gepäckschein hin , gab ihre Adresse an , und flog ihrer Wohnung zu . Unterwegs wollte sie verschiedene ihr bekannte Leute auf der Straße anhalten , und die Frage an sie stellen , die ihr Herz bis zum Zerspringen beunruhigte . Lebt Einhart noch , lebt er ? Aber ihre zitternden Lippen vermögen kein Wort hervorzubringen . Vor ihrem Hause schöpft sie tief Atem , stürmt die Treppen hinauf , klingelt an , und eilt an der öffnenden Aufwärterin vorbei in sein Zimmer . Da sitzt er mit blassen eingefallenen Wangen in seinem Bett zwischen aufgesteckten Kissen . Sie fällt vor ihm nieder . Seine Augen öffnen sich weit , weit . Er sagt aber kein Wort , legt ihr nur langsam die Hand auf den Kopf . So bleiben sie beide lange Zeit . Dann faßt sie die schlanke , heiße Hand . » Magst du mich noch , Einhart ? « Er antwortete nicht . Er sieht ihr ins Gesicht , in die schönen , vom Weinen geröteten Augen , die alles Harte , Trotzige verloren haben . » Einhart , magst du mich noch ? « wiederholt sie leiser . Da geht ein Lächeln über sein Gesicht . » Nein , ich mag dich nicht mehr . « Sie steht auf und legt die Arme um seinen Hals . Er lehnt den Kopf an sie . » Magst du mich ? Jetzt ? « » Jetzt mag ich dich , weil ich dich zu verstehen beginne . Warst du nicht schlau ? Sag ehrlich , als ich von dir ging , wußest du nicht genau , daß ich mich in der Öde , die sie Freiheit nennen , nach dir besinnen würde ? « » Nein , das ahnte ich nicht « versetzt er offen . Sie sinnt einen Augenblick darüber nach , wie in dem männlichsten Manne doch das Kind mit all seiner jungen Naivität haften geblieben ist . Aber jetzt ruft diese Wahrnehmung kein höhnendes Lächeln mehr auf ihre Lippen , es treibt ihr Thränen in die Augen . Sie streichelt sein weiches braunes Haar , das an den Schläfen schon spärlich zu werden beginnt . Er muß fürchterlich viel in sich durchgelitten haben . Früher fand sie es nie der Mühe wert , sein Angesicht zu studieren . Jetzt entdeckt sie alle die kleinen Züge und Schatten , die stumm getragener Kummer ins Antlitz gräbt . Bitteres Weh ergreift sie . Am liebsten möchte sie ihr Gesicht in seine Hände legen und sterben , um ihr eigenes häßliches Bild nicht zu sehen , das ihr die Wundmale dieses Mannes da weisen . Aber sterben wäre feig . Neu aufbauen , neu aufbauen , was sie schon halb zerstört hat , das ist das beste , was sie thun kann . Und Gott sei Dank , daß sie es noch kann , und die Zerstörung , die sie angerichtet hat , keine vollständige war . » Einhart « sagt sie , sich auf den Bettrand niederlassend , » nicht wahr , wenn du wieder aufgestanden bist und dich gesund fühlst , beginnst du aufs neue zu malen . Nicht Porzellanteller , und auch nicht Muster für Kleiderstoffe . Schöne große Bilder in Öl , so wie du sie früher machtest . « ..... Er blickt sie verwundert an . » Wir wollen gemeinschaftlich das schönste Mädchen suchen , das deine Künstleraugen zu frohen Schöpfungen begeistert . Und dann ziehst du wieder am frühen Morgen hinaus in den grünen Wald und bannst die Goldtropfen , die die Sonne durch die Baumwipfel auf den Moosboden sickern läßt , auf deine Leinwand . Und das schöne Mädchen steht mit einem schlanken Henkelkrug an der nahen Quelle und lächelt dir zu . Ich indessen will zu Hause frische Blumen in dein Atelier stellen und den Tisch mit duftigen Früchten und blitzendem Geschirr schmücken , damit du , wenn du heimkommst , dich freust und mich lieb hast . « Er sieht sie immer verwunderter an . » Ich phantasiere nicht , Einhart , Gott ist mein Zeuge . Ich habe denken gelernt , das ist alles . « » Aber du wolltest doch eine moderne Streiterin im Kampf für Frauenfreiheit und Frauenrechte werden « meint er und lächelt schwach . Und da beginnt sie ihm zu erzählen . Sie entwickelt ihm das Bild des Zwistes , des Phrasengeklingels , der Verworrenheit der Bestrebungen , das sie kennen gelernt hat . Sie läßt vor seinen Ohren Fräulein Buturunds männermordende Schwerthiebe sausen und Frau Sanghausens Appell ertönen . Man hört die Verwundeten aus der Winselstimme der Frau von Werdern klagen , und sieht Tücher schwenken bei Tini Froßens herausforderndem Kampfruf . Einhart horcht und lächelt . » Das ist ja die reine Amazonenschlacht , was du da schilderst . « » Mal sie ! « ruft Hildegard . » Links den Chor der fliehenden Männer , rechts die Schar der sie verfolgenden Amazonen . Sie sind bis an die Zähne bewaffnet mit Federn , Linealen , Bleistiften , Pinseln . « » Und die Eine von ihnen , die am grimmigsten auf ihrem Pferde hinrast , trägt die Züge meiner Hildegard . « » Nein , nein , die laß eine weiße Fahne vor einem der verfolgten Männer senken . « » Ists wirklich so ? « fragt er . Statt der Antwort legt sie die Lippen auf seine Stirn .