Ja ! : Wirlinger , ein Agitator . Das ist famos ! Sozial ! Und nun : Volk , Arbeiter , Studenten , .... Nein ! Erst noch eine Hauptperson ! : Martha , eine Prostituierte . Ah ! Das giebt was ! Da haben wir den Konflikt ! Ganz von selber kommt immer das Beste . Natürlich : Martha ! Das ist die Retterin ! Sie opfert sich ! Am Schluß bricht eine Revolution aus ! Er kam ganz ins Fieber . Die Prostituierte als Retterin ! Schopf als Typus des krämerischen Bourgeois . Walter Wild der Idealist . Clara das verführerische Weib . Wirlinger der dämonische Volkstribun . Und am Schluß die Revolution ! Er schrieb gleich die Schlußszene , ungeheuer wild und natürlich blos so in Umrissen hingeklitscht wie mit der Maurerkelle . Glockenarten Kanonenschläge . Barrikaden . Brand . Marseillaise . Carmagnole . Martha im schwarzen Hemd mit der roten Fahne . Aber auf einmal war Alles aus . Der Strom war vorbei geschossen . Es wollte nicht mehr fließen . Fortwährend drängte sich , schon bei diesem gewaltigen Hinpatzen der Farben , das Gefühl ein : Aber der erste Akt ? Wieso denn Revolution ? Natürlich muß sie kommen . Freilich ! Aber : Wieso denn ? Es muß doch irgendwie motiviert werden ? ! Und da blieb er stecken und kam nicht heraus . Das Schlimmste war , daß er sich in seinem dichterischen Tumulte zu lebhaft mit Martha beschäftigt hatte . - Ach , hols der Teufel ! Ich geh hin ! ... - Haha ! Ich , mit meinen zwanzig Pfennigen ! ... - Girlinger anpumpen ? ... - Ach der ! Schöne Redensarten ! Und dabei hat er Geld ! ... ....... die Ladenkasse ... ? ... ? ... ! ....... Es ginge ganz leicht .. Ich brauche blos ' nunter zu gehn ... Wiehr sitzt auf dem Stuhl an der Thüre ... Hinten auf dem Laden steht die Kasse , offen ... Ich komme durch die Hinterthüre und stelle mich vor den Laden und spreche mit dem Alten ... Und , während ich mit ihm spreche , halte ich die Hände auf dem Rücken und greife ganz einfach in die Kasse ... Immer , während ich mit ihm spreche ... Ich muß blos was Komisches erzählen ... Oder , nein , sicherer , ich sage : Sehen Sie , Vater Wiehr , da wird Einer arretiert drüben , vor Aeckerleins Keller ! Da stürzt er sicher gleich vor die Thüre ... Es wurde ihm unbehaglich heiß . - Aber das ist ja doch niederträchtig ! Das ist ja Diebstahl ! Pfui Teufel ! ... - Und , wenn sie ' s beim Abrechnen merken ? ... - Unsinn ! ... Sie rechnen ja gar nicht ab , Philemon und Baucis ! ... - Und schließlich , drei oder meinetwegen fünf Mark ... Das fühlen Sie ja gar nicht ... - Überhaupt : Diebstahl ! Mumpitz ! Ich solls ja so mal erben ! Lachhaft ! ... - Ich kann ' s ja auch später wiedergeben , wenn ich selber Geld habe ... - Natürlich : Das versteht sich von selbst . Mit Zinsen ! ... Und er stülpte sich seinen Hut auf und rannte hinunter . Viertes Kapitel Stilpe war nach Untersecunda versetzt worden , aber nur versuchsweise und mit Nachprüfung in der Mathematik nach einem Vierteljahr . Zudem fand sich in seinem Zeugnis eine Bemerkung , für die er nur die Bezeichnung Infam ! hatte . Es war da die Rede von » Zerfahrenheit « , » Unaufmerksamkeit « , » Allotria « . Wischiwaschi ! sagte Stilpe , kaufte sich eine Flasche Eau de Javelle und wischte die Bemerkung weg . Er that es in der Hauptsache wegen der alten Wiehrs , denn es lag ihm daran , daß diese nicht irre an ihm wurden . In sein Tagebuch schrieb er mit Geheimschrift pathetisch ein : » Nachdem ich wöchentlich und konsequent einige Diebstähle begehe , kommt es auf eine Urkundenfälschung nicht mehr an . Ich bin also ein Verbrecher ! ? Ha ! Das ist ausgezeichnet ! Wenn ich wöchentlich , wie Girlinger , 10 Mark Taschengeld hätte , brauchte ich nicht zu stehlen , und wenn die Pauker keine überflüssigen Bemerkungen schmierten , brauchte ich kein Eau de Javelle . Also ? Logik ? Schluß ? Die Hauptsache ist : Sich nicht erwischen lassen ! « An Girlinger verriet er von seinen Streichen nichts . Er wußte , daß dieser » unfähig war , derlei zu verstehen « . Und doch hätte er gerne Jemand gehabt , dem ers sagen könnte . Einmal hatte er bei Martha den Versuch gemacht , indem er sie fragte , sehr feierlich , was sie dazu sagen würde , wenn Jemand ihretwegen ein Verbrechen beginge . Es gruselte ihn angenehm , wie er das sagte . Sie aber antwortete blos : Den würd ' ch anzeigen . Das gab ihm einen Stoß , und er fand von jetzt ab , daß » diese Person sehr gewöhnlich « sei . Er war ihrer überhaupt überdrüssig und warf sich mehr ins Ideale , Heroische . Es kam ihm ein Wulst Gedanken wie : Neues Leben ! Freiheit ! Selbständigkeit ! Je näher die Mathematiknachprüfung rückte , um so dringlicher wurden diese Gedanken . Wenn er nun diese Prüfung nicht bestünde ? Die Perspektive war scheußlich , aber das scheußlichste an ihr war der Gedanke , daß er , der jetzt in Untersekunde mit Sie angeredet wurde , in Obertertia wieder gedutzt werden würde . Also : Das Symbol der Knechtschaft ! Aber auch , wenn er bestünde ! Wie gräßlich war diese ganze Schule überhaupt ! Und so noch vier Jahre bis zur Freiheit , bis zur Universität ! Und in diesen vier Jahren immer dieses leere Stroh , das Einem vorgeworfen wurde : Da , drisch , aber im Takt ! Und was waren das für Leute , die die Aufsicht dabei führten ! Oh , diese Druschmeister ! Herrgott , diese Professoren ! Ein paar waren ihm ja » interessante Knaben « ein bischen steifleinen und steifbeinen , aber man konnte ihnen gut sein , denn , nun ja eben : Sie waren interessant und hatten zuweilen menschliche Töne . Aber die Andern ! Diese kalten Pedanten ! Diese langweiligen Schablonenmeister ! Kalbsköpfe alle miteinander ! Er würde einmal eine aristophanische Komödie schreiben : Die Kaulquappen . Dazu , als Modelle , seien sie zu brauchen , sonst zu nichts . Ob wol Einer von diesen Plärrern eine Ahnung davon hätte , was hinter ihm , dem Stilpe , steckte ? Und solchen Leuten war er unterthan , er , der Ziele vor sich hatte , an die sie ebensowenig dachten , wie der Igel an ein Himmelbett ! Nein , er mußte fort aus dieser Sklaverei und fort auch aus diesem Sumpf mit der Person da , die wirklich kein Hetäre war , wie Aspasia . Ja , eine Aspasia , das wäre seine Retterin ! Ein Weib , himmlisch schön und von freier Nacktheit Leibes und der Seele , und voll Poesie ! Voll Ideal ! Ah ! Hellas ! Hellas ! HELLAS ! Pfui Teufel , was da auf seinem Arme stand , dieses blödsinnige Epsilon Gamma ! Was ging ihn dieses Deutschland an , ihn , den Kosmopoliten ! Er schrieb mit roter Tinte in griechischen Lettern Hellas auf eine Papptafel und hing diese über seinem Bette auf . Griechenland , ja , das war ein Wort und ein Ruf , und sein Schrei ! Aber nicht das , was dieses Lehrergesindel im Munde führte , sondern das , von dem Heine schrieb als dem Gegensatz zum Christentum . Denn mit dem Christentum war er nun auch im Reinen . Er nannte es die Weltmasern und that sich auf das Wort nicht wenig zu Gute . Eines Tages ging er mit Girlinger ins Rosenthal . Girlinger war sehr niedergeschlagen . Sein Vater war hinter seine Lektüre gekommen und hatte ihn vor der ganzen Familie als » unreifen Zusammenleser unverschämter Dummheiten « lächerlich gemacht und zugleich Maaßregeln getroffen , die seine Lektüre unter eine strenge Aufsicht setzten . - Der Herr Staatsanwalt hat ein Ausnahmegesetz über mich beliebt . Aber er soll sich irren . Ich bin nicht der unreife Knabe , für den er mich hält . Ich habe es deutlich bemerkt , daß er von den Sachen , die er verdammt , so viel versteht , wie ich von seinem Büttelamte . Ich lasse mich nicht knechten ! Ich werde es ihm zeigen ! - So ? Du ? Weißt Du , Dein Vater kennt Dich sehr gut . Der weiß , daß Du wie ein Pudel über den Stock springst , wenn Du auch vorher bellst . - Das wirst Du sehen ! Ich habe zwar nicht das große Maul wie Du , aber ich handle ! - Da bin ich gespannt . Wirst Du es mir nicht verraten ? - Nein ! Der Tag wird kommen , wo Dus siehst . - Dann muß er bald kommen ! - Wieso ? - Ich verrate auch nichts . Sie gingen schweigend nebeneinander her , und Stilpe hieb mit seinem Spazierstock in die Büsche . Endlich sagte er : - Nein , und wenn Du mir auch nichts sagst , ich will offen sein ! Aber gieb mir Deine rechte Hand , daß Dus niemand sagst . - Ja doch . - Nein , die Hand ! Und das ist wie geschworen ! - Ja doch . Hab ' ich schon was verraten ? - Also gut ! Und er blieb stehen und sagte leise , aber mit feierlichem Tone : - Ich gehe nach Griechenland . Girlinger sah ihn groß an : - Ja , kannst Du denn Neugriechisch ? Die Frage kam Stilpen unerwartet . Daran hatte er noch nicht gedacht . Er biß die Lippen ärgerlich aufeinander . - Natürlich nicht . - Ja , was für eine Sprache wirst Du denn dort reden ? - Es giebt eine deutsche Kolonie in Athen . Stilpe wußte davon eigentlich nichts , es war eine seiner rettenden Improvisationen , aber Girlinger fand sie plausibel . - So , nun ja , aber was willst Du in dieser deutschen Kolonie machen ? - Irgend was : Schreiber , Kopist , Sekretair , irgend so was ! Girlinger schwieg eine Weile . Dann meinte er : - Hast du denn Geld zur Reise ? Stilpe , langsam : - Ja . - Wieviel denn ? - Weiß ich noch nicht . - Ach so ... Ich habe hundertunddreiundfünfzig Mark . - Was ? Hundertunddreiundfünfzig ! Das ist ja kolossal ! - Das ist viel zu wenig . Ich habe gedacht , Du würdest mindestens tausend haben . - Ja , woher denn ? - Das ist einerlei . Girlinger sagte das etwas im Tone des entschlossenen Bösewichts der Bühne , dumpf , tremolo . - Nein , soviel kann ich nicht .. bekommen . - Was denkst Du denn , was die Reise kostet ? - Ich laufe natürlich . - Da werden sie Dich bald einhaben . - Ich werde sie auf eine falsche Spur locken . Natürlich denken sie Alle : Amerika . Übrigens : Du willst doch nicht etwa nach Amerika ? Girlinger lächelte spöttisch : - Du hältst mich für sehr dumm . Nein , ich denke an England . Und er setzte nun sehr kühl und eingehend auseinander , welche Vorzüge England habe : Keine polizeilichen Anmeldungen , Nachfrage nach deutschen Kräften für kaufmännische Korrespondentenstellungen u.s.w. , u.s.w. Er hatte Alles , nach seiner Weise , praktisch bedacht und sich über Alles in Büchern Gewißheit verschafft . Englisch und die doppelte Buchführung hatte er sich auch nach Möglichkeit beigebracht . Aber Stilpe übergoß ihn mit ganz anderen Argumenten für seine Idee : - Was ? England ? Dieses große Krämernest ? Dieses Land des Nebels und der Kommis ? Diese Insel der Pfeffersäcke ? Wo sie die Feigenblätter en gros fabrizieren aus Weißblech mit Ölfarbenanstrich ? Wo man Sonntags nicht niesen darf ? Ja , Mensch , kennst Du denn Byron nicht ? Byron , siehst du , der wollte lieber in Griechenland sterben , als in England leben . Nur Griechenland ! Nur Griechenland ! Denke doch : Dieser Himmel ! Diese Erinnerungen ! Und : Diese Weiber ! Ich sage Dir : Ehe diese Bande hier ihr Abiturientenexamen gemacht hat , sind wir berühmt . - Ach was , ich will frei sein und nicht dichten . - In Griechenland wirst Du frei sein ! Und warum verstellst Du Dich denn ? Ich weiß doch , daß Du noch viel ehrgeiziger bist , als ich . Und dann : Die Schönheit ! Die alte Kunst ! Die Akropolis ! Denke : Wenn wir da hinaufschreiten ! Und alles das Südliche überhaupt ! Ölbäume , Orangen , Citronen , Rhododendren ! Girlinger hatte allerlei praktische Bedenken , aber schließlich legte auch er es sich zurecht . Seine Phantasie war nicht so schnell losgelassen , wie die Stilpes , und sie schwärmte nicht ins Blaue , aber gerade diese Sehnsucht nach dem Süden war in ihm , und um so stärker , als er sich wirklich ein Bild vom Süden machte , während Stilpe nur den Abreiz von Worten spürte . Sie gingen mit dem Versprechen Girlingers auseinander , daß er am nächsten Sonntag , in zwei Tagen , seinen endgiltigen Entschluß kund thun wolle . Girlinger benutzte die Zeit , um gründlich über den Plan nachzudenken und nach Möglichkeit zu studieren , was ihm über das Griechenland von Heute zugänglich war . Stilpe aber schwamm in einem heißen Entzücken bei dem Gedanken , die große That im Verein mit Girlinger zu vollführen und weidete sich an der Vorstellung , welchen Eindruck es machen würde , wenn nicht blos er , der » zweifelhafte Schüler « , durchgebrannt und verschwunden war , sondern mit ihm der gepriesene Musterknabe und Primus . Mit besonderem Genusse stilisierte er sich im Geiste die Notizen , die über dieses Ereignis in den Blättern stehen würden . Er kam sogar auf die Idee , eine » Rechtfertigung « abzufassen , die er auf irgend eine Weise ( das Wie überließ er späterer Überlegung ) drei Tage nach ihrer Flucht ( Flucht ! ) von Leipzig aus dem Leipziger Tageblatt zukommen lassen wollte . Vielleicht durch den Deklamator ? Oder durch Martha ? Diese Frage beschäftigte ihn am meisten . Am Sonntag enthüllte ihm Girlinger in kurzen Worten , aber sehr ernst , daß er bereit sei , mitzugehen , aber nicht vor vierzehn Tagen . Denn es sei noch viel zu ordnen und zu bedenken . Er könne , Alles in Allem , 250 Mark zusammenbringen , teils durch Bücherverkauf , teils durch seine Schwestern . Mindestens so viel müsse aber Stilpe beschaffen . Diese Summe werde für jeden zur Hinreise genügen ( er hatte das Hendschelsche Kursbuch bei sich ) und außerdem Lebensunterhalt für zwei Wochen sichern . - Natürlich werden wir in diesem Klima vegetarisch leben . - Selbstverständlich . Eine ganze Anzahl praktischer Notizen hatte er auf einem Zettel zusammengeschrieben , und Stilpe mußte sich verpflichten , diese auch für sich anzuerkennen . Da hieß es : Es sind mitzunehmen pro Person : Ein Koffer mit : Einem Anzug ein paar Stiefeln Zwei Hemden drei paar Strümpfen ( NB . aus der Wäsche sind die Namenzeichen auszutrennen ! ! ) sechs Taschentüchern zwei Kragen . Die Koffer werden in St. ' s Gartenhaus in der Versenkung , wo jetzt das Gartengerät aufbewahrt ist , niedergelegt . Stilpe muß zwei Koffer stellen , da es für G. unmöglich ist , sich mit einem Koffer aus dem elterlichen Hause zu entfernen . Ein Revolver , wenn billig zu haben , ist wünschenswert . Stilpe fand den Revolver in allererster Linie für notwendig und machte sich anheischig , einen zu besorgen . - Natürlich einen , den man in die Brusttasche stecken kann ! - Ja , aber doch nicht allzuklein ! Bereits am Dienstag brachte Stilpe den Revolver mit in die Schule und zeigte ihn Girlingern auf der Retirade . - Bist Du verrückt ! Steck ihn sofort ein ! Und er ist ja viel zu groß ! - Ich werde doch kein Spielzeug mitnehmen ! Girlinger entfernte sich eilig , und als sie nach Hause gingen , sagte er sehr scharf : Wenn Dus so machst , nehme ich mein Wort zurück ! Überhaupt , wie benimmst Du Dich denn ? Alle Augenblicke nimmst Du mich auf die Seite und machst mir Zeichen . Jeder Mensch muß merken , daß wir was vorhaben . - Bring lieber Deine Wäsche ins Gartenhaus statt daß Du mir Moral schwingst . Meine Sachen sind alle draußen . - Bei mir geht das nicht so wie bei Dir . Hier ( er sah sich nach allen Seiten um ) sind zwei Kragen . Ich muß jeden Tag einzeln was bringen . Wenn ich nur wüßte , wie ichs mit dem Anzug mache . Ich kann doch nicht mit ein paar Hosen überm Arm in die Schule gehn . - Zieh den Mantel an und nimm sie untern Mantel ! Oder , halt : Ich komme und hole sie ! - Nein , nein , ich werde schon Alles selber bringen . Während so bei Girlinger die Schwierigkeiten mehr ins Einzelne gingen , hatte Stilpe nur ein großes Problem zu bewältigen : Das Geld . So viel war sicher : Die Ladenkasse reichte nicht . Man konnte sie höchstens mit fünfzig Mark ansetzen . Also denn erstmal alles verkaufen , was in Griechenland überflüssig war an Kleidern , Wäsche , Büchern . Geschah . Von Büchern entgingen nur Börnes Werke , Tannhäuser in Rom und Byrons Don Juan dem Deklamator . Aber Alles in Allem kamen nur vierzig Mark heraus . Wie wär es mit ein paar Anzügen Vater Wiehrs ? Ein Gedanke ! Der Mann hatte ja seine ganze Vergangenheit noch im Kleiderschranke hängen . Aber Vorsicht ! Vorsicht ! Und erst in den letzten Tagen . Auf fünfzig Mark konnte man das aber immerhin ansetzen . Fünfzig und fünfzig sind hundert , und vierzig sind hundertundvierzig ... Wenn ihm nur irgend ein Coup einfiele ! Das Geplempere mit kleinen Posten gefiel ihm gar nicht . Hm . Im Glasschrank stand so allerlei herum , auch Schmuckzeug ... Aber da verging ja kein Tag , an dem nicht Mutter Wiehr den Kram bestreichelte . Halt ! ... Aber nein ... nein ... ! ... Freilich , wenn gar nichts übrig blieb ... ? ... : Die Paten- und Konfirmationsgeschenke des verstorbenen Filius ... ? ... ! Die waren in dem verschlossenen Schranke in seiner Stube , und die Alten hatten eine große Scheu vor diesen Erinnerungen . Sie hatten sie verschlossen , um sie nicht zu sehen ; nie machten sie den Schrank auf . Da mußten ja wol auch noch Bücher sein und sonst was ... Das war aber doch ein verfluchter Coup ! Das war schon nicht mehr blos , pfui Teufel , Diebstahl , das war so was wie Frevel . Oder ? Stilpe versuchte , den Gedanken mit Gewalt loszuwerden und erging sich , um ihn beiseite zu schieben , dafür in den abenteuerlichsten Plänen . Sogar der schmierige Beutel des Deklamators tauchte auf und eine verbrecherische Intrigue mit der rosigen Gattin . Hatte sie ihm nicht kürzlich hinter dem Rücken des Alten zugelächelt ? Wie , wenn er mit ihr im Bunde den Alten ... ? Aber , duliebergott , das war ja eine Kriminalnovelle und kein Coup ! Immer wieder der verschlossene , große , braune Schrank ... Was da wohl alles drin steckte ... Natürlich zuerst sämtliche Hosen und Höschen , Jacken und Jäckchen des gepriesenen Filius , von der Wiege bis zur Bahre . Verdammt nochmal : Auch noch Rücksicht auf Sentimentalitäten , wo es seine Freiheit und Zukunft galt ! Da gabs doch kein Besinnen ! Dort der Tod ! Hier das Leben ! Hie Mottenfraß ! Hie Freiheit ! Er ging an den Schrank und versuchte seine Schlüssel am Schloß . Ging nicht . Also : Eintreten ! Einfach eintreten ! Er schlug mit der Faust auf die Schrankthüre . Aber wie er das Poltern hörte , lief er gleich weit weg und sah zum Fenster hinaus . Wozu überhaupt diese Menge Geld ? Hundertfünfzig waren auch genug . Er stellte das Girlingern vor . Aber der protzte seine ganze widerliche Konsequenz auf : - Wie wirs ausgemacht haben , so bleibts . Du hast mein Wort , und ich habe Deins . Stilpe empfand eine kochende Wut über dieses Benehmen . Nicht einmal sagen kann ichs dem Kerl , was ich vorhabe . Natürlich er : Jede seiner Schwestern giebt ihm fünfzig Mark . Und ich muß solche Gemeinheiten aushecken . Aber wart nur : Diese Erfahrungen , diese Kämpfe , die werden aus mir was Ganzes , Eigenes machen , wo Du blos eine Molluske bist und bleibst ! Ich bin der Kämpfende ! Ich werde den Sieg haben ! Und dann , oben auf der Akropolis will ich Dirs in ' s Gesicht schütteln mit meinen Fäusten : Ich habe stehlen müssen für meine Freiheit und unendliche Frevel auf mich geladen für meine Ideale ! Du aber bist blos der Pudel , der hinter mir herlief , aufgefüttert und vollgestopft , ohne Mark und Entschluß ! In diesem Aufsud stürmischer Gefühle fiel ihm Karl Moor ein , und er fühlte sich nun nicht blos gerechtfertigt , sondern geradezu verpflichtet , den Schrank aufzubrechen . Aber Vorsicht ! Vorsicht ! Und : Nicht zu früh ! Jetzt waren es noch sechs Tage bis zu dem Sonnabend , wo sie sich nachmittags im Gartenhause treffen wollten , um abends abzureisen . Von Girlinger fehlte immer noch die Hose und ein Hemd im Koffer , aber er konnte ihn nicht einmal mahnen , denn der Primus blieb aus der Schule weg und hatte ihm verboten , ihn zu besuchen . Er stelle sich krank , hatte er ihm geschrieben , um nicht unnötig durch ihn aufgeregt zu werden , auch habe er einen besonderen Tric vor mit dieser Krankheit . Im Übrigen solle er nur Alles genau nach Verabredung besorgen und thun . Sonnabend um 3 Uhr am Gartenhause ! Stilpe hatte einen grenzenlosen Respekt vor Girlingers kühler Klugheit , und er stellte sich irgend etwas unerhört Schlaues vor , das hinter dieser Krankheit steckte . Wer weiß : Er bringt vielleicht 500 Mark mit ! Wenn mans nur wüßte ! Nur wüßte ! Dann wäre auch diese infame Chose mit dem Schrank nicht nötig . Schon das Verkaufen von Vater Wiehrs Garderobe war eine verdammt schwierige Sache gewesen und es war blos Dusel , wenn es nicht zur Unzeit bemerkt wurde . Nun aber der Schrank ! Das Heiterste wäre , wenn mich Mutter Wiehr angeschwindelt hätte , und es gäbe da drin gar nicht diese kostbaren Konfirmationskleinodien und Taufbecher . Ob ich sie nochmal frage ? Er nahm wirklich einen Anlauf dazu , brachte es schließlich aber doch nicht übers Herz . Dafür machte er sich im Stillen einige moralische Komplimente über diese Feinfühlichkeit und fand , daß er eigentlich sein Gewissen dadurch für beruhigt ansehen könnte : Denn , wäre ich wirklich ein gemeiner Kerl , so hätte ich gefragt ; aber ich handle eben blos unterm Zwang der Verhältnisse und schone dabei nach Möglichkeit , was zu schonen ist . Unter diesen Erwägungen brach er kaltblütig den Schrank auf , nachdem er die Kammerthür verschlossen und das Schlüsselloch verhangen hatte . Schau , schau , gepfropft voll ! Aber ist es nicht sündhaft , alle diese Sachen von den Motten fressen zu lassen ? Es scheint , die guten Wiehrs wissen nicht , wieviel arme Jungens keine ganzen Kleider am Leibe haben . Natürlich ! Die Sentimentalität geht bei diesen Bourgeois Allem vor ... Der Überzieher da ist noch wie neu ... Herrgott , wieviel Hüte hat denn der Filius gehabt ? ... Sogar seine ersten Hosen sind noch da ... Übrigens : Insektenpulver haben sie doch gestreut ... Donnerwetter : Das kann mich ja verraten ! Die ganze Kammer wird stinken ! Er lief und öffnete die Fenster . Unten ging gerade ein Schutzmann vorbei . Stilpe machte eine Verbeugung : Das Auge des Gesetzes wacht ! Sie , Schutzmann , hier wird gestohlen ! Ja , das möcht er wohl , der Gute , daß ich ihn raufwinkte . Wird nicht verzapft ! Nun aber die Kleinodien ! In der Pappschachtel ? Nein : Seidene Tücher . Da könnt ich übrigens eins ... Unsinn ! ... Aber es scheint wirklich kein Edelmetall ... Er holte sich einen Stuhl und stieg darauf , um besser sehen zu können , was auf dem oberen Schrankbrett stand . Siehstewoll ? Der Kasten ist schwer . Und : Er klappert . Er nahm ihn langsam herunter . Es war eine alte Schatulle aus eingelegtem Mahagoniholze mit zopfigen Ornamenten . Ein kleiner Schlüssel mit herzförmigem Griff steckte im Schloß . Er trug die Schatulle auf den Tisch und schloß sie auf . Donnerwetter , was für ne Menge ! Zwei Uhren ! Eine silberne und eine goldene ! Und ditto zwei Ketten . Dieser Filius ist verzogen worden ! ! Und goldene Ringe gar dreie ! Was ? Auch goldne Manschettenknöpfe ? Das ist ja blödsinnig ! Am Ende hat der Junge auch noch eine Busennadel gehabt . Richtig ! ... Ekelhaft , das ! So einer muß ja ein Protz werden . Und dabei war er dumm wie ein Heuroß . Gut ! Gut ! Klappe zu ! Er stellte die Schatulle wieder an ihren Platz , lehnte die Schrankthüre fest an , klemmte ein bischen Pappe ein und hatte eine deutliche Empfindung von Zufriedenheit , wie er sah , daß äußerlich nichts an dem Schranke zu merken war . Was aber nun anfangen mit dem Zeug ? Er beschloß , es erst in Athen zu verkaufen . Trödler giebts dort sicher auch ... Nun kam der große Tag heran . Das letzte , was Stilpe ins Gartenhaus getragen hatte , waren seine Tagebücher und Manuskripte gewesen . Die letzten Worte in seinem Tagebuche lauteten schwungvoll so : Und nun , mein stolzes Schiff , stich aus ins Meer ! Du trägst mein Alles , und dein Zeichen heißt : Freiheit , Hoffnung und Zukunft . Meine Hand , Mit der ich nun die Ankerkette schnell Aufwinde , ist beschmutzt , doch wasch ich sie Im Meer der Schönheit , und ich schwöre : Nie , Bei allen Göttern , die ich suche , nie Soll wieder Schmutz an diese heiße Hand ! Die letzte Schulstunde , zu der er sich herabließ , war Griechisch . Es wurden unregelmäßige Verba abgefragt , und da er sich nicht vorbereitet , auch nicht einmal in der Vorpause , wie er sonst zu thun pflegte , in der Grammatik nachgelesen hatte , blieb er jede Antwort schuldig . - Warum haben Sie Ihr Pensum nicht gelernt ? Er lächelte und dachte bei sich : Freiheit , Hoffnung und Zukunft ! - Wollen Sie wohl antworten ? Warum haben Sie Ihr Pensum nicht gelernt ? - Es war mir zu langweilig . Der Professor schnappte nach Luft . Das war der Gipfelpunkt der Frechheit . Das war jenseits aller Bezeichnungsmöglichkeit . Nur das eine Wort : Karzer ! wühlte sich aus dem verstopften Sprachschatze empor . - Wie viel Stunden , Herr Professor ? fragte Stilpe mit unterwürfigem Lächeln . - Ist der Mensch verrückt geworden ? Die ganze Klasse hatte mit dem Professor nur diesen einen Gedanken und starrte auf den lächelnden Stilpe . Sein Nachbar rückte ein Stück von ihm ab . Er aber setzte sich gelassen und that , als ob die Sache für ihn erledigt wäre . Der Professor , eben noch violett , wurde weiß wie weicher Käse und rief , indem er sein Buch von sich warf : Verwegener Bube ! Ah ! Ah ! Am Montag werden Sie erfahren , was Sie sich zugezogen haben . Bei dem Worte Montag hätte Stilpe laut auflachen mögen , aber es kam ihm der Gedanke , daß man ihn gleich heute am Nachmittag einsperren könnte , und so hielt er sich stille . Als die Stunde vorüber war und die Sekundaner ihre Bücher zum Heimgehen packten , bildete sich ein Kreis um Stilpe : - Na , die Unverschämtheit kommt Dir teuer zu stehen , mein Söhnchen ... Du hast wohl Lust , geschwenkt zu werden ? ... Du bist wohl nicht bei Troste ? ... Stilpe lächelte blos geringschätzig . Gerne hätte er jetzt irgend eine kleine Andeutung gemacht . Es wurde ihm sehr schwer , sie zu verbeißen . Aber er überwand sich . Und nun kam er in Aufregung . Wenn er nur nicht noch zu Tische zu gehen brauchte ! Aber das mußte er natürlich , ganz abgesehn davon , daß er recht gut bei Appetite war . Kaum aber , daß er sich vom Tische erhoben und gesegnete Mahlzeit gewünscht hatte , lief er aus dem Hause und rannte durch die Straßen . Es war ein unfreundliches Spät-Frühlingswetter , Regen und Wind . Da er keinen Schirm hatte , war er bald ganz durchnäßt . Aber er lief , so unangenehm ihm diese eindringende Feuchtigkeit war , immer auf und ab und immer denselben Weg : Grimmaische und Petersstraße . Er wollte nicht eine Minute früher als Punkt 3 Uhr am Gartenhause sein , aber er wollte auch nirgends vorher einkehren , denn er fühlte , daß er nicht sitzen könnte . Sein einziger Gedanke war : Wenn wir nur erst im Zuge sitzen . Und dann bis Triest in einem