zu meiner Frau . Das arme kleine Ding liebt Sie herzlich und fühlt sich grenzenlos einsam . Ich kann aber nicht anders . Ich bin tagsüber an meine Redaktion gefesselt . Fangen Sie gleich morgen an , ja ? Ich möchte sie überraschen mit Ihnen ; sagen Sie aber nicht , daß Ihr Besuch nur auf meine Bitte erfolgt sei . Ja , wollen Sie , schlagen Sie ein « . Sie legte flüchtig ihre Fingerspitzen in seine dargebotene Hand . Dann ging er . Sie öffnete das Fenster und lehnte sich hinaus . Die Geschichte , die ihr Wewerka mitgeteilt hatte , beschäftigte sie . Ob sie wahr wäre ? Warum nicht ? Weshalb sollte er sie erfunden haben ? Das häßliche Aeußere des Mannes ließ auf ein ähnliches Inneres schließen . In seinen klugen Augen lag Berechnung . Und ein anständiger Mensch hätte sich gegen ein junges , schutzloses Mädchen auch nicht so betragen . Das war der beste Beweis für seine unvornehme Seele . Schmerz bereitete ihr das Gehörte nicht , aber eine leise Beschämung . Hatte sie doch gedacht , ihm wirkliches Interesse einzuflößen . Er verkehrte mit jungen Mädchen , um die Zärtlichkeit seiner alten Geliebten besser ertragen zu können . Dort entschädigte er sich für den bitteren Trank , der ihm im vergoldeten Kelche gereicht wurde . Und der » große Mann « hielt seine schützenden Fittige über diesen stolzen Charakter gebreitet und baute mit seinen weißen , vornehmen Händen an dem Piedestal , auf das er seinen Schützling stellte . Wie hochherzig ! Wenn es nicht zum Weinen wäre , wäre es zum Lachen . Mein Gott , in welche Gesellschaft bin ich geraten , dachte sie , und legte die Hände vor das heiße Gesicht ... 7 Als sie am nächsten Tag bei Schülers klingelte , öffnete ihr Alice selbst . » Du ! ? « Sie sah verwundert und erfreut aus . » Weißt Du , wer da ist ? Na leg nur erst ab . « Sie half der Freundin aus dem Jacket und führte sie in ihr Empfangszimmer . Von dem Sopha in der Ecke erhob sich - Lohringer . Er begrüßte Johanne . » Ist das nicht nett ? « rief Alice , » Sie zum ersten mal hier und nun kommt sie « . Sie schenkte der Freundin ein Schälchen Thee ein . » Du siehst schlecht aus , Liebchen , fehlt Dir etwas ? « » O nichts « sagte Johanne , mir gehts gut ; ich bin nur schnell gelaufen « . » Die Damen haben sich gewiß allerlei mitzuteilen « meinte Lohringer und wollte sich erheben . » Wie ? Sie wollen schon gehen ? Sie sind ja erst gekommen « . » Ihr Gemahl erlaubte mir auch nur einen Blick auf Sie zu werfen , Gnädigste . Gucken Sie doch morgen nachmittag mal zu meiner Frau , sagte er gestern , als er bei mir war , sie langweilt sich so . Ich habe nun seinen Wunsch erfüllt , finde Sie aber nichts weniger als gelangweilt « . » So , so « . Alice sah schmollend vor sich hin . » Also nur auf Bitten meines Mannes kamen Sie hierher . Ich dachte , es geschah aus eigenem Antrieb « . Er zerkrümelte gleichgültig ein Stückchen Kuchen zwischen seinen Fingern . » Sie haben mich ja gar nicht eingeladen , Frau Schüler « . » So « sagte sie linkisch . » Nun , ich will diese Versäumnis nachholen . Ich will sehr liebenswürdig gegen Sie sein « . » Das ist nett von Ihnen « sagte er lachend und versenkte seine Augen in die ihren . Johanne errötete , ohne zu wissen warum . » Haben Sie Tage nicht gesehen ? « fragte ihn Alice in leichter Verlegenheit . » Er versprach mir , zu kommen , kam aber nicht mehr nach dem ersten Male « . » Ich habe ihn nicht gesehen , vielleicht aber kann Ihnen Ihre Freundin Auskunft über den berühmten Dichter geben « . » Sie irren « bemerkte Johanne trocken , » ich bin dem Herrn seit mehreren Tagen nicht mehr begegnet . « » Warum sagst du dem Herrn mit so verächtlicher Betonung ? « » That ich das « . Ihre Blicke beschäftigten sich angelegentlich mit der Bordure des Serviettchens . » Ich weiß es nicht « . » Ja überhaupt , das gnädige Fräulein hat sich merkwürdig verändert « . » Sagen Sie nicht das gnädige , sonst verderben Sie sichs mit ihr « . » Ich sah Sie nämlich neulich mit Tage und wunderte mich , nein , nein , Sie sahen mich nicht , - wunderte mich , wie ein junges Mädchen sich so schnell verwandeln kann « . » Wie sehe ich denn aus ? « Ihre Augen begegneten kalt den seinen . » Sie waren früher sehr hübsch und - uninteressant , jetzt sind sie sehr interessant und - weniger hübsch « . Alice konnte eine kleine Bewegung der Freude nicht unterdrücken . Sie würde ihre Freundin noch viel inniger geliebt haben , wenn sie weniger schön gewesen wäre . » Ich finde Sie haben recht « meinte sie . » Du grämst Dich über etwas , Johanne . Man merkts Deinen trüben Augen an « . » Ich wüßte nicht , worüber « sagte das junge Mädchen ruhig . » Mir steht Niemand so nahe , daß ich mich um seinetwillen grämen könnte « . » Mit neunzehn Jahren « rief Lohringer und schlug scherzhaft die Hände zusammen . » Sie reden wie ein über die Welt erhabener indischer Heiliger « . » Woher wissen Sie mein Alter ? « » Kann mich wahrhaftig nicht mehr besinnen . « Er dachte einen Augenblick nach . » Ich glaube von Schüler « . In diesem Augenblick trat der Genannte herein . Alle waren erstaunt . Er warf einen flüchtigen Blick auf Johanne , dann auf Lohringer und lachte . » Schaut mich nicht so verblüfft an , ich komme vom Leichenbegängnis eines Freundes , da wollte ich , bevor ich ins Bureau gehe , noch einen Blick herauf thun « . Er setzte sich zärtlich neben seine Frau . » Gieb mir ein Schälchen Thee . Haben Sie die gewünschten Papiere erhalten , Lohringer ? Wie gehts , Johanne ? Blaß und - zum Anbeißen schön . Na , gieb mir einen Kuß , Ali ! So ; adieu , meine Freunde « . Lohringer zog seine Uhr und erhob sich . » Ich werde mich ebenfalls empfehlen « . Schüler blieb unter der Thüre stehen . » Sie wollen fort ? Und Sie desgleichen , Johanne ? Na , dann , weißt Du was , kleine Frau ? Bist Du im Stande , in zehn Minuten ein Kleid überzuwerfen ? Um halb sechs erhalte ich einen interessanten Besuch auf meinem Bureau . Ali ben Hirun , der Indier , der Schlangen in Nähnadeln verwandelt und kleine böse Frauen in Eichkatzen , hat sich bei mir angekündigt . Willst Du ihn sehen ? Vielleicht verehrt er Dir eine indische Kostbarkeit , den Zahn eines heiligen Elephanten , oder einen versteinerten Wurm aus den Wunden eines sechstausend Jahre alten Säulenheiligen . Herr Lohringer ist gewiß so gütig , Fräulein Johanne nach Hause zu bringen . « » Warum denn ? « fragte das junge Mädchen , indes Alice sich umzukleiden eilte . » Weil ich es nicht für gut halte , daß Sie im Finstern den weiten Weg nach Hause machen . « » Es ist ja erst sechs « . Er lachte . » Es ist November , Fräuleinchen . Bitte wollen wir uns noch einmal setzen , wir gehen dann alle miteinander « . Er warf sich in einen Sessel . » Ich muß gleich fort « sagte Johanne hastig , » grüßen Sie Alice « . » Dann gestatten Sie « bemerkte Lohringer mit kühler Höflichkeit , » daß ich dem Wunsch unseres Wirtes Rechnung trage . Adieu , Schüler « . Dieser erhob sich . » Also wirklich ? Sie sind eine Satanin , Johanne . Möchte wohl wissen , was Sie heute vorhaben . Adieu , Lohringer ; gute Nacht , gnädiges Fräulein « . Sie traten auf den Korridor , wo eben eine ältere , nur notdürftig bekleidete Frau das Gas entzündete . Schüler fuhr bei ihrem Anblick heftig zurück und flüsterte ihr zornig etwas zu . Johanne riß ihr Jäckchen vom Kleiderhaken und eilte , von Lohringer gefolgt , hinaus . Draußen zog sie es an . » Weshalb eilen Sie so « fragte er lächelnd . » Das ist leicht zu erraten « antwortete sie . » Pflegen Sie durch die Langegasse oder über den Naschmarkt nach Hause zu gehen ? « » Wos näher ist « . Sie schritten ein Stück stillschweigend hin . Sie hatten den nächsten Weg eingeschlagen . » Die schönen Schaufenster « sagte er nach einer Weile , » nicht einen Blick erhalten sie von Ihnen . Sonst ist es das Entzücken der Damen , vor jeder dieser Spiegelscheiben stehen zu bleiben « . » Ich interessiere mich nicht für Putz « sagte Johanne apathisch . » Aber für Juwelen ? « » Auch nicht « . Er lachte . » Aber vielleicht für hübsche Kunstgegenstände , oder auch das nicht ? « » Augenblicklich auch das nicht « . » Wahrhaftig « er betrachtete sie von der Seite , » Sie sind eine seltsame junge Dame . Die Liebe interessiert Sie nicht und der Glanz der Welt läßt Sie kalt ; sind Sie etwa - fromm ? « » Nein « . » Auch nicht fromm ? « » Ich bin unzufrieden « . » Glückliches Kind « sagte er , » wenn ich noch unzufrieden sein könnte « . Er nahm den Cylinder ab und fuhr sich mit seinem Taschentuch über den Schädel . » Unzufriedenheit ist das Symptom der Jugend . Unzufriedene haben noch allerlei Wünsche . Sagen Sie doch , was wäre der Ihre ? Es interessiert mich insofern , als Sie einen ganz besonderen Wunsch haben müssen , da Sie die von Andern am meisten begehrten Dinge kalt lassen « . » Wunsch ? Ach Gott , ich möchte von hier fort sein - « » Ninive , nannten Sie einmal die Stadt « scherzte er . » und vergessen können , daß ich dagewesen sei « . » Haben Sie denn so traurige Erfahrungen gemacht ? « Er verlangsamte seine Schritte . » Ja , recht traurige « . » Schade , daß wir nicht näher mit einander bekannt sind , vielleicht würden Sie mir einiges mitteilen , vielleicht könnte ich Sie trösten « . » Das könnten Sie wohl nicht « meinte sie zögernd , » Sie müßten mich denn blind machen « . » O , wie meinen sie das ? « Er sah sie interessiert an . » Ich meine , man sieht allenthalben so Trauriges , daß einem das Herz schwer wird « . Er blieb stehen . » Hm . Ich glaube Sie zu verstehen , aber ich kann Ihren Mißmut nicht gut heißen . Er ist kindisch . Entschuldigen Sie meine Offenheit . Sie sollten lachen zu dem , was Sie sehen , und kein schweres Herz bekommen « . » Da müßte ich schlecht sein « . » O nein , liebes Fräulein , nur klug . Wenn es schlecht Wetter ist , schürzen Sie Ihr Kleid hoch , damit der Straßenschmutz es nicht berührt . Wollen Sie etwa Mitleid mit dem armen Schmutz haben und ihm zu Liebe Ihr Kleid unsauber machen ? Sollten Sie ihn beweinen ? Nein , Sie schreiten leichtfüßig drüber hinweg « . » Wie seltsam , daß Sie so sprechen . Gehören Sie denn nicht auch zu Jenen , mit denen Sie verkehren ? « Sie sah ihm neugierig ins Gesicht . Er schwieg ein Weilchen , dann sagte er nachlässig : » Nicht so ganz . Ich lebe hier , verkehre in allen möglichen Kreisen , ohne die Einen zu hoch , die Andern zu gemein zu finden . Ich kann nicht behaupten , daß die Fürstin Rammelsburg , bei der ich gestern meinen Thee trank , mir mehr imponierte , als - wen kennen wir gemeinschaftlich ? als etwa Frau Wewerka . Jede besitzt die Fehler und Vorzüge eben ihrer Klasse , die eine führt ein Battisttaschentuch an ihr Näschen , die andere ein baumwollenes . Der Effekt ist der gleiche . Aber - was ich sagen will , ich gehöre weder zu den Spitzbuben , noch zu den Biedermännern . Man braucht Wewerkas , um sich ihrer hier und da in heiklen Angelegenheiten zu bedienen . Man ist in einer vorgerückten Nachtstunde , nachdem man verschiedene Flaschen Sekt hinabgespült hat , nicht abgeneigt , mit Babinskys und Konsorten Bruderschaft zu trinken . Was schadet es ? Narren sind wir ja alle , nur giebt sich jeder anders . Ich meinerseits ziehe ja auch die vor , die ihr Narrentum in anständige Form kleiden . Aber - « über sein scharfgeschnittenes Gesicht flog ein gutmütiges Lächeln , » wer wird sich die Komik des Lebens zu Herzen nehmen ! « » Ich kann nicht so kalt sein « versetzte Johanne leise , » mich schmerzt all das , was ich sehe . Und dann der Gedanke , daß ich werden könnte wie sie . « » Warum nicht ? Es giebt Menschen , die ein Unrecht auf sich laden müssen , um nachher durch ihre Reue zu sittlicher Höhe zu gelangen . Vielleicht gehören Sie zu diesen . Ueben Sie immerhin ein bischen Niedertracht ; vielleicht finden Sie dadurch den Weg zu sich « . » Nein , nein « rief sie lebhaft , » lieber will ich nicht übermäßig gut werden , als auf unsauberen Nebenwegen zur Vollkommenheit gelangen « . Er zuckte die Schultern . » Was ist auch im Grunde unsauber ? dem einen dies , dem andern das . Was Ihnen schrecklich erscheint , empfindet zum Beispiel Ihr Freund Schüler als Verdienst « . » Mein Freund Schüler « rief sie mit Nachdruck und blieb stehen . » O Herr Lohringer , wie können Sie mir so unrecht thun ? Ist er nicht der Ihre mehr als der meine ? « Lohringer sah einem auffallend gekleideten hübschen Mädchen nach ; dann sagte er gleichmütig : » Ich habe das Schicksal , ein entfernter Vetter des Herrn von Buch zu sein , des Herausgebers der Zeitung , an der Schüler angestellt ist . Wenn er irgend ein Anliegen hat , das er sich nicht getraut dem Chef vorzutragen , wendet er sich an mich . Ich habe ihn einmal auf einem litterarischen Kongreß kennen gelernt . Das ist die Freundschaft , deren Sie mich bezichten , mein Fräulein « . » Bat er Sie heute zu sich ? « Ihre Augen hingen forschend an seinem Gesichte . Er sah sie an , zögerte , während ein fast unmerkliches Lächeln seine Lippen umspielte , und sagte dann : » nein « . Sie athmete auf . » Aber Sie sagten es doch « . » Das that ich nur , um die kleine Frau zu ärgern und ihr recht ungalant zu erscheinen « . » Wirklich ? Ich danke Ihnen « . Sie reichte ihm die Hand . Sie waren vor ihrem Hause angekommen . Er las mit seinem Scharfblick in ihrer Seele . » Gute Nacht , Fräulein Johanne , und lachen Sie , bitte ; Sie doch gewiß « . » Wenn ich kann « entgegnete sie , und ging hinauf . 8 Er schlenderte noch eine zeitlang umher ; dann begab er sich nach Hause . Er wohnte in einem Riesenmietspalast im fashionabelsten Viertel der Stadt , in einem jener Häuser , wo man einander jahrelang auf der Treppe , im Flur begegnen kann , ohne zu wissen , wer der Andere ist , wie er heißt . Lohringers Wohnung , behaupteten boshaft einige seiner Freunde , gliche dem , der in ihr hauste . Sie habe schöne Einzelheiten , sei aber im Ganzen kahl . Sie hatten nicht unrecht . Aber das war erst nach seiner großen Wandlung so gekommen . Als Sohn begüterter Eltern , die längst tot waren , hatte er sich nach seiner Majorennerklärung sofort in den Strom des Lebens gestürzt . Vom Gymnasium mit guten Zeugnissen entlassen , immatrikulierte er sich auf der Universität , um verschiedene Fächer zu studieren . Er liebte Philosophie , hörte aber auch medizinische Collegia , trieb Nationalökonomie und interessierte sich lebhaft für Sternkunde . Man sah ihn am Seziertisch als eifrigsten Hörer Professor Körners , des berühmten Anatomen , und vermutete , er würde den andern Wissenschaften untreu und ganz Mediziner . Doch bald schlug er sein Quartier im eisernen Turm des Observatoriums auf und versenkte sich mit fieberhaftem Eifer in die Geheimnisse des Firmamentes . Eines Tages war er ganz von der Universität verschwunden . Er war an die Malerakademie nach Wien gegangen und schrieb seinen Freunden , sie sollten ihn in Ruhe lassen . Hier zeichnete und malte er ein Jahr . Man rühmte ihm gute Befähigung nach , wie ehedem seine Lehrer sein brillantes Auffassungstalent bewundert hatten . Er begann nebenher zu modellieren , und war eben im Begriff sich ein Atelier zu mieten , als ein Bekannter von ihm , der Musiker war und gute Erfolge als Komponist hatte , ihm einredete , er wäre nicht zum Maler , sondern vielmehr zum Musiker befähigt . Hierauf komponierte Lohringer mit Hülfe des Freundes einige Lieder , die von schönen , gefeierten Sängerinnen in den Musiksälen der Residenz gesungen wurden . Aber eines Tages war ihm auch dieser Sport langweilig geworden . Er besaß die Gabe , seine Empfindungen sehr gut schildern zu können , und ließ auf japanischem Büttenpapier , in nur zweihundert Exemplaren , seine fin de siècle-Gefühle drucken . Die Kritiker , meist gute Bekannte von ihm , erhoben ein Beifallsgeschrei und begrüßten in ihm ein Talent ersten Ranges . Wenn er nur ein bischen gläubiger gewesen wäre ! Aber er war ein kluger und ehrlicher Bursche , wenigstens ehrlich gegen sich selbst . Er warf die Feder fort , verabschiedete sich von seinen Bekannten und ging auf eine Reise um die Welt . Er sah viel Neues , genoß alles , was der Besitzer eines gewinnenden Aeußern und einer vollen Geldbörse genießen kann , und kam eines Tages hierher . Während all der Jahre , da er die verschiedenartigsten Wandlungen in sich durchgemacht hatte , war er nach außen hin immer der Gleiche geblieben , ein vornehmer Verschwender . Die Sektquellen bei ihm schienen von unversiegbarer Tiefe zu sein ; man genoß bei ihm die raffiniertesten Diners , und die schönsten Frauen stritten um die Ehre , an seinen Tafeln die Honneurs zu machen . Eines Tages stand er als lustiger Kahlkopf vor dem Spiegel , was ihm aber näher ging : als Kahlbeutel . Das schwere Vermögen war dahin , dahin bis auf einen Rest Schulden . Max Lohringer war nicht der Mann zu verzweifeln oder in Ratlosigkeit zu versinken . Er schaffte seine Geliebten , seine Pferde , seine fürstliche Wohnung ab . In einer einsamen Nacht leistete er sich selbst Gesellschaft und fragte den vernünftigen Kerl in sich , was er wohl thun könnte , um das zu verdienen , was ihm bisher so unendlich gleichgültig gewesen war : Geld . Der vernünftige Kerl in ihm sagte : Mein Freund , dein Unglück ist deine Universalität . Du kannst alles , deshalb kannst du es in nichts zu etwas Bedeutendem bringen . Denn das Geschrei junger Leute von der Herrlichkeit vielseitiger Begabung ist Unsinn . Große Künstler , überhaupt große Menschen , die mit aller Willenskraft einem Ziel zustrebten , sind immer einseitige Leute gewesen . Wenn sie neben ihrer großen Lebensaufgabe noch anderem Sport huldigten , so ist dies noch allemal Dilettantenarbeit geblieben , die nur blinde Vergötterer als künstlerische That ausschrien . Da jedes Verhängnis aber bekanntlich außer einer Unglücks- auch eine Glücksseite hat , so ist diese Salonvirtuosität des Geistes , dieses Mädchenfürallestum , für eine Sorte von Leuten von nicht zu unterschätzendem Vorteil . Für die , die um Taglohn arbeiten müssen . Sie sind des Vormittags Photographen und schreiben des Abends eine Musikkritik . Sie singen den Ritter vom Gral und verzapfen Bier . Also Max Lohringer , ein Ganzes auf irgend einem Gebiet wirst du nicht leisten , aber es wird dir glücken , Geld zu verdienen , wenn du deine zwei Hälften ausspielst . Oder noch besser , teile dich in acht Achtel oder zwölf Zwölftel . - So sprach der vernünftige Kerl in Max Lohringer , und er predigte nicht tauben Ohren . Lohringer verkaufte seine Möbel , seine Bilder , alle im Laufe der Jahre gesammelten Kunstschätze . Er mietete sich diese kleine Wohnung in dem großen Zinshaus , stellte einfache Holzmöbel hinein , und begann Schritte zu thun , sich einen Lebensunterhalt zu suchen . Er fühlte sich innerlich nicht gebrochen . Als er alles verloren hatte , erkannte er , wie wenig er verloren hatte . Was geschieht da ? Als ob das Schicksal ihn für seine stoische Gleichgültigkeit belohnen wollte ! Eines Tages bekommt er eine amtliche Zustellung , daß eine Schwester seiner Mutter , um die er sich niemals bekümmert hatte , gestorben sei und ihn zum Erben eingesetzt habe . Viel wars nicht . Seine Zinsen betrugen viertausend Mark jährlich , ein Pappenstiel für den Lohringer von ehedem . Die Erhaltung seines Stalls hatte ihn mehr gekostet . Aber es war doch immerhin um nicht zu verhungern . Ein Anderer hätte sich nun zu dem Einkommen noch eine gut honorierte Stellung gesucht . Lohringer that anders . Der Müßiggang , das Ideal mancher Naturen , die zum Philister zu viel Künstler und vielleicht zum Künstler zu wenig Geniales haben , war seine Schwäche . Aufstehen , wenn andere Leute ihr Mittagbrot verzehren , in einem Klub Zeitung lesen und frühstücken , einer Matinee im Opernhaus beiwohnen , im Café etliche Billardpartien spielen , einige Stunden lang auf dem Sopha ausgestreckt ein gutes Buch lesen , vielleicht ein Rundgang durch die Kunstschätze der Stadt , später ein kleines ausgesuchtes Diner , hierauf ins Schauspiel oder in ein feines Variété-Theater , das war nach seiner Meinung ein reichlich ausgefüllter Tag . Er würde auf alle diese Genüsse verzichten haben können , wenn es hätte sein müssen . Aber da es nicht sein mußte , war er zufrieden und lebte nach diesem Rezept ein bescheidenes , behagliches Junggesellenleben , ohne Aufwand , ohne Freunde und Freundinnen . Nur manchmal , so alle Vierteljahre einmal , geschah es , daß er sich einschloß und ein Dutzend Flaschen leer trank . Man fand ihn dann , wenn er aus seiner freiwilligen Haft wieder hervorkam , ernsthaft und würdig . Es schien , als hätte seine Natur es nötig , von Zeit zu Zeit einen Exzeß zu begehen , um hernach doppelte Einkehr in sich zu halten . Ob er sich besondere Liebenswürdigkeiten in solchen Stunden sagte , wer weiß es . Jedenfalls lag ein guter Kern in ihm , viel Ehrlichkeit , und trotz allen wüsten Lebens in seiner Vergangenheit , eine gewisse unberührte Naivität Menschen und Dingen gegenüber , die ihm imponierten . Das » Kind im Mann « schien bei ihm noch nicht erstorben zu sein . - - - - Als er jetzt in sein Wohnzimmer trat , dessen Wände nur ein paar Zeichnungen bedeckten und dessen einfache Möbel auf einem blanken Parkettboden standen - er hatte seit seiner Verarmung eine Idiosynkrasie gegen Teppiche und Oelgemälde ( vielleicht weil er so auserlesene , wie er besaß , doch nicht mehr haben konnte ) , blickte ihm von seinem Schreibtisch ein rotes Rohrpostbrieflein entgegen . » Zu schade ! Wir gingen gar nicht fort , d.h. ich nicht ! Ich langweilte mich den ganzen Abend zu Hause . Bitte kommen Sie morgen . Vielleicht können wir einen Spaziergang mit einander verabreden . Alice Schüler « . Donnerwetter ! - Max zwirbelte seinen Schnurrbart , er war noch sehr schön , weich und dunkel - zwischen den Fingern . Er lädt mich ein , sie lädt mich ein . Er für die Andere , sie für sich selbst . Ein liebes , gutes Paar ! Es ist doch angenehm , wenn man der Vetter des Herausgebers einer Zeitung ist , deren Redakteur mehr Gehalt wünscht . Wenn die Personen nur etwas interessanter in dieser Geschichte wären . Johanne mit ihrem Jungfrauenpathos ... Lohringer drückte auf den elektrischen Knopf , daß das Zimmer taghell erleuchtet strahlte , trat vor den Spiegel , streichelte seinen Schädel und lachte ... 9 Etliche Tage später saß Johanne Alice gegenüber . Beide schienen sehr unruhig . Beide sahen zerstreut nach der Thür und erröteten bei jedem Geräusch . » Er wird kommen « sagte Alice und legte die bunte Stickerei , an der sie wie ein Kind mit dicken Kreuzstichen arbeitete , zur Seite . » Er wird kommen . Er kommt immer , wenn ich ihn darum bitte « . » Sonst nicht ? « fragte Johanne mit leiser Bosheit . » Ich weiß es nicht , ob er sonst käme « . Die junge Frau zuckte die Schultern . » Weißt Du , mir ists schon egal . Mag er denken , was er will ; wenn er nur kommt und mich unterhält . Er ist der einzige Mensch meiner Bekanntschaft , der etwas Vertrauenerweckendes hat . Man kann sich auf ihn verlassen « . » Ja er ist der Einzige , der wenn auch kein Heiliger , doch ein anständiger Mensch zu sein scheint « versetzte Johanne mit einem leisen Seufzer . » Warum meinst Du , daß er kein Heiliger sei ? « fragte Alice , der Freundin in die Augen blickend . » Er thut oft Aeußerungen , die darauf schließen lassen « . » Macht er Dir Liebeserklärungen ? « Johanne lachte . » Nicht die Spur . Im Gegenteil . Als er mich neulich nach Hause brachte , sah er unterwegs jedem hübschen Mädchen nach « . » Hat es nicht geklingelt ? « » Ja es hat geklingelt ? « Alice neigte sich mit errötendem Gesicht über den Theekessel und zündete den Docht an . » Herr Lohringer « meldete die kleine Zofe . ( Sie war erst seit kurzem hier . ) » Guten Tag ! ah , gnädiges Fräulein - « er verbeugte sich vor Johanne , » das ist nett ; wie gehts Ihnen ? sind Sie schon heiterer geworden ? « Sie ließen sich nieder . » Ich bin sehr heiter « meinte Johanne verlegen , » Sie auch ? « » Sie sehen es ja « scherzte er . » Wenn ich nicht heiter wäre , würde ich dann hierher kommen ? « Er sah ihr in die Augen . Sie schlug die ihren nieder . Seine Bemerkung mißfiel ihr ; sie wußte nicht warum . Unterdessen hatte Alice den Thee eingegossen und reichte ihn in winzigen Schälchen unher . » Ich habe die Eukalyptusmarmelade nirgends auftreiben können , Lohringer , wir wollen morgen zusammen nach Straffs Conditorei gehen , vielleicht finden wir eine andere Sorte , die Ihnen schmeckt « . » O sehr gütig , liebes , gnädiges Frauchen ! « » Schon wieder « rief Alice schmollend . » Haben Sie mir nicht neulich versprochen , mich einfach Alice zu nennen ? Vor der da « - sie deutete auf Johanne , » brauchen Sie sich nicht zu hüten , sie ist meine Freundin « . Um Lohringers Lippen zuckte es leicht . » Es ist nicht die geringste Ihrer guten Eigenschaften , daß Sie so klug in der Wahl Ihrer Freundinnen sind « . Die jungen Damen sahen einander an . Eine von uns ironisiert er , aber welche ? dachten beide . Lohringer beobachtete die jungen Gesichter , die seinetwegen in heißem Rot prangten . Es schien ihm Scherz zu machen , hier den Tausendsassa zu spielen . - Johanne trank ihren Thee hastig aus . » Ich mag die Leute nicht , die nie ernst sind « . » O ! ist das auf - Frau Schüler gemünzt ? « » Nein , auf Sie « . » Du brauchst ihn doch auch gar nicht zu mögen « rief Alice . » Woher wissen Sie das ? « meinte er . » Mir liegt sehr viel daran - « » Hoffentlich nur , daß ich Sie mag « . » Glauben Sie ? « Er sah Alice mit einem unverschämt harmlosen Lächeln in die Augen . » Ich bin ein guter Mensch , der das Gebot der Nächstenliebe befolgt « . » Und wer ist Ihnen der Nächste ? « Sie sprang auf und trat so dicht zu ihm , daß ihr Kleid ihn streifte . » Da nun doch Eine aufgestanden ist , stört es weniger , wenn auch die Andere sich erhebt . Leb wohl ! « Johanne reichte Alice die Hand hin . » Du gehst schon ? Hast Du es so eilig ? Nun , dann adieu « . Sie bemühte sich nicht , sie zurückzuhalten . Lohringer stand auf und verneigte sich vor Johanne . » Gnädiges Fräulein , behalten Sie mich nicht in zu schlechtem Andenken . Sehen Sie , Sie gefielen mir riesig , blos Ihr Pathos , Ihre tragische Art der Auffassung ist mir ärgerlich « . » Das bedauere ich sehr , aber ich bin eben wie ich bin ... « Sie versuchte zu lächeln , aber in ihren Augen lag ein Glanz wie von aufsteigenden Thränen . Sie schritt rasch hinaus . Draußen auf der Straße wurde sie so müde , daß ihre Füße sie kaum trugen