zum oberen Tore . Dort blieb sie stehen , bildete mit beiden Händen ein Schallrohr und rief : » Karle , gieh , sag ' s ack den Vater , er mechte glei amal rei kimma . ' s wäre ener dohie , der mit ' n raden wullte .... Ich kann ne verstiehn ! ... Ju , ju ! A Reiter . Mit an Pauer wullt ar raden , soit ar . « Das Mädchen kam von ihrem Posten zurück . » Der Bruder wird ' s ' n Pauern sagen , « erklärte sie , » daß er reinkommen soll . « Darauf nahm sie die Mistgabel wieder zur Hand . Der Fremde dankte ihr . Er war inzwischen abgestiegen , hatte dem Pferde die Zügel über den Kopf genommen , die Bügel in die Steigriemen hinaufgezogen und locker gegurtet , mit Handgriffen , denen man die alte Übung und die Liebe für das Tier ansehen konnte . Nun fragte er , ob er irgendwo einstellen könne . Die Mädchen sahen sich eine Weile unschlüssig an , dann erklärte Ernestine , im Kuhstalle sei noch ein Stand frei . Sie lief auch sofort zum Stallgebäude und öffnete die Tür . Der Fremde folgte ihr , das Pferd am Zügel . Jetzt , wo er sich auf ebener Erde bewegte , kam erst die Größe und Schlankheit seiner Figur zur Geltung . Der Vollblüter scheute vor der niederen Tür und dem Geruche , der aus dem Kuhstall drang . Mit fliegenden Nüstern und gespitzten Ohren stand der Gaul da und schniefte in tiefen , langgezogenen Tönen . Durch Klopfen und Zureden brachte sein Herr ihn endlich dazu , die verdächtige Schwelle zu überschreiten . » Das übrige besorge ich mir schon selbst ; danke Ihnen ! « rief er dann und verschwand , seinem Tiere folgend , in dem engen Pförtchen . Bald darauf trat der alte Bauer in den Hof . Seine Miene verriet Ärger . Er war schlechter Laune , daß man ihn von der Arbeit abgerufen hatte . Ernestine erklärte ihm , daß ein Herr zu Pferde da sei . Er sähe aus wie einer vom Rittergute , meinte das Mädchen , welches , wie es schien , seine Augen zu gebrauchen verstand . Die Laune des Alten verbesserte sich durch diese Vermutung nicht . Er fluchte und rief den Töchtern zu , ein andermal sollten sie solche Leute wegschicken . Inzwischen kam der Fremde aus dem Stalle heraus , in gebückter Haltung , um nicht an den Deckstein anzustoßen . Er begrüßte den Bauern , der die Hände nicht aus den Taschen nahm , mit Hutabnehmen und erklärte , er sei der neue Güterdirektor des Grafen , Hauptmann Schroff . Der Büttnerbauer sah den Mann mit wenig freundlichem Ausdruck an . Einer von der Herrschaft ! Von der Seite war ihm bisher niemals was Gutes gekommen . Da der Bauer sich , wie es schien , nicht dazu herbeilassen wollte , zu sprechen , fragte Hauptmann Schroff , ob er ins Haus treten dürfe , er habe mit Herrn Büttner ein Wort unter vier Augen zu reden . Der alte Mann ging , statt zu antworten , auf sein Haus zu . Der Hauptmann folgte . Im Zimmer trafen sie die Bäuerin . » Frau , gieh naus ! « rief ihr der Bauer kurz angebunden zu . Der Fremde unterließ es nicht , sich bei der Frau zu entschuldigen , er habe Wichtiges mit ihrem Eheherrn zu bereden . Der Büttnerbauer hatte sich in seine Ecke gesetzt und sah von diesem Verließ aus mit mürrischer Miene den Dingen entgegen , die da kommen würden . Der Hauptmann holte sich einen Stuhl herbei und setzte sich dem Alten gegenüber . Er schien das ablehnende Wesen des anderen absichtlich übersehen zu wollen . » Also , Herr Büttner ! « begann Hauptmann Schroff , und schlug dabei mit der Reitgerte gegen seine gespornten und gestiefelten Beine , die er lang ausgestreckt hatte , » die Sache ist nämlich folgende : Mein Chef , der Graf , möchte gern Ihren Wald kaufen . Es ist ja darüber bereits früher zwischen Ihnen und meinem Vorgänger verhandelt worden , aber ohne Resultat . Der Herr Graf wünscht nun aber dringend , daß die Sache endlich einmal vorwärts rückt . Der Erwerb Ihrer Waldparzelle ist uns von ziemlicher Wichtigkeit ; ich sage Ihnen das ganz offen heraus . Das kleine Stück liegt gerade wie ein Keil zwischen zwei von unseren Hauptrevieren . Eine Verbindung der beiden Reviere ist aus wirtschaftlichen Gründen dringend erwünscht . Uns bedeutet dieser schmale Streifen die Möglichkeit , bei den Holzfuhren viele Kilometer zu ersparen . Ihnen dagegen nützen diese fünfzig bis sechzig Morgen so gut wie gar nichts . Im Gegenteil , der Wald kostet Ihnen höchstens etwas . Das bißchen Holz , was darauf steht , ist kaum der Rede wert . Der Boden ist entwertet durch die Streunutzung . Und dabei liegen doch Abgaben darauf . Wenn wir es in unsere Regie bekommen , würden wir sofort Kahlschlag machen lassen und neu aufforsten . Dabei werden die Arbeitslöhne natürlich nicht einmal herauskommen , so schlecht ist der jetzige Stand . Sie sehen demnach , Herr Büttner , das Interesse ist eigentlich auf beiden Seiten . Für uns , die Parzelle zu erwerben , für Sie , das Ding loszuwerden . - Also werden wir wohl handelseinig werden , denke ich , diesmal . « » Ich denk ' s ne ! « sagte der Bauer aus seiner Ecke heraus . » Aber , ich bitte Sie , bester Herr Büttner ! « rief der Hauptmann und kam dem Alten näher auf den Leib , sich mit Hilfe seiner langen Beine auf die Ecke zurückend . » Der Graf will Sie natürlich gut bezahlen , jedenfalls weit über den eigentlichen Wert des Grund und Bodens . Ich habe Vollmacht , Ihnen einen Preis zu bieten , der in dieser Gegend für Waldboden noch nicht bezahlt worden ist . « » Ich ha ' s an Vater vun Grofen schunstens zweemal soin lassen , ich verkefe meenen Busch ne ; und dos gilt a heite noch ! « » Aber , bedenken Sie doch nur , Lieber , Sie bekommen dadurch Kapital in die Hand . Ich glaube , Ihre Verhältnisse sind derart , daß Sie das ganz gut gebrauchen können . « » Wie ' s mir ergieht oder ne ergieht , das gieht niemanden uf der Welt nischt ne an ! « rief der Alte ; das Zittern seiner Stimme ließ die innere Erregung ahnen . » Herr Gott ! Mißverstehen Sie mich nur nicht ! Fällt mir im Traume nicht ein , mich in Ihre Verhältnisse zu mischen . Ich habe nur soviel sagen wollen , daß Sie , wenn Sie erst mal Ihren Wald los sind , alle Kraft auf die Verbesserung der Felder und der Wiesen verwenden können . Ich glaube , da ließe sich noch manches tun . Ich bin neulich mal über ihre Grundstück geritten . Da draußen am Waldesrande liegt ein ganzer Schlag , auf dem nichts wächst als Unkraut . « Der Bauer rückte in seiner Ecke unruhig hin und her , da jener ihn , ohne es zu ahnen , an der verwundbarsten Stelle traf . Da war ja sein ärgster Kummer , daß er das Büschelgewende schon zum zweiten Male mußte als Brache liegen lassen , weil es ihm an Arbeitskräften fehlte . Hauptmann Schroff fuhr unbeirrt fort : » Da ließe sich sicher noch vieles bessern . Und vor allem ! intensivere Wirtschaft , mein Lieber , intensiveres Düngen . Aber dazu ist Bargeld nötig . Ich meine , Sie sollten mit beiden Händen zugreifen , wenn Ihnen ein solches Gebot gemacht wird . « Der Sprecher merkte in seinem Eifer gar nicht , wie es in dem Gesichte des Alten wetterte und zuckte . Das waren ja alles Dinge , die er nur zu gut wußte , die er sich selbst wie oft gesagt , die aber im Munde des Fremden als beleidigende Vorwürfe wirkten . » Und nun noch eins ! « fuhr der Hauptmann fort , » etwas , das auch wieder das gemeinsame Interesse illustriert , welches Sie wie der Graf an dem Handel haben . Aus dem gräflichen Forste tritt nicht selten das Wild auf die Fluren hinaus , wahrscheinlich auch auf Ihre Felder ... « Jetzt riß dem Alten die Geduld . Die Erwähnung des Wildes , das ihm seine Saaten zertrampelte und sein Getreide abäste , wirkte wie ein Peitschenhieb auf sein bereits hinlänglich gereiztes Gemüt . Hochrot im Gesicht fuhr er auf und schrie los : » Wullen Se mich etwan zum Narren halen ! Kummen Sie und derzahlen mer von a Wilde ! Dos Ungeziefer frißt unsereenen bale ganz uf . Geklogt ha ' ch schun , aber hob ' ch denn a recht gekriegt ? Fir uns Pauern gibt ' s ja keene Gerechtigkeit ne gegen de Grußen . « Grollend setzte er sich wieder auf seinen Platz , verschränkte die Arme und sah den Fremden mit feindlichen Blicken an . Der gräfliche Güterdirektor schien mit bäuerlichen Sitten so weit vertraut zu sein , um zu diesem Zornesausbruch lächeln zu können . Er meinte in beschwichtigendem Tone : » Nur nicht gleich so hitzig , mein guter Büttner ! Lassen Sie mich Ihnen das mal in Ruhe erklären . Mein Graf will einen Wildzaun anlegen längs der bäuerlichen Grenze , so an zwanzig Kilometer lang und mehr . Dadurch soll das Übertreten des Wildes ganz verhindert werden . Aber dazu brauchen wir Ihren Wald , weil sonst eine Lücke entstehen würde in dem Zaun , verstehen Sie ? - Also wie steht ' s , sind wir handelseinig ? « Der Hauptmann streckte bei diesen Worten dem Alten die Hand hin . » Wenn es hierbei einen Vorteil gibt , so liegt er ganz unbedingt auf Ihrer Seite , sollte ich denken . « - Der Büttnerbauer preßte die Lippen aufeinander , runzelte die Stirn und blickte starr geradeaus , er vermied den Blick des anderen , wie einer , der sich durch Überredungskünste nicht irre machen lassen will . Gänzlich konnte er sich der Einsicht ja nicht verschließen , daß ihm hier ein günstiges Angebot gemacht wurde ; aber das alt eingewurzelte , bei den meisten Bauern tief eingefleischte Mißtrauen gegen alles , was von seiten der Herrschaft kommt , verhinderte ihn , nüchtern und vorurteilsfrei zu erwägen . » Sie sollten Ihren Frieden machen mit der Herrschaft , « sagte Hauptmann Schroff , als ahne er , was in der Seele des Alten vorgehe . » Vor allem , da Sie es jetzt mit dem jungen Grafen zu tun haben . Der Zwist , den Sie mit dem alten Herrn gehabt , könnte doch füglich mit ihm begraben sein . Ich glaube , es wäre kein Schade für Sie , wenn Sie sich mit uns stellten . Die Interessen von Bauer und Ritterschaft gehen vielfach Hand in Hand . Schließlich sind es doch verwandte Stände : Grundbesitzer . Die Größe des Besitzes bedeutet keinen so enormen Unterschied . « Dieser Versuch , ihn mit der Gemeinsamkeit der Interessen zu fangen , machte den Bauer nur aufstützig . Der Mann da entwickelte ihm viel zu viel Eifer . Nein , so beschwatzen ließ er sich nicht ! Daß der Graf nicht aus Liebe für die Bauern den Wildzaun errichten wollte , war klar . Wozu das Gerede ! Nur um so fester wurde der Alte in seiner Ansicht , daß er hier wieder einmal betrogen werden solle . » Nahmen Se sich ack keene Mihe wetter ! « sagte er in mürrischem Tone . » Ich verkefe nischt vom Gutte weg . Een fir allemal , nu ho ' ch Se ' s gesoit ! « Der Hauptmann hatte die ausgestreckte Hand wieder zurückgezogen . Die Sache ging doch nicht so schnell , wie er sich ' s gedacht hatte , mit diesem starrköpfigen Alten . » Sie werden sich ' s noch überlegen , Herr Büttner ! « meinte er . » Ich kann ' s ja begreifen , daß Sie an Ihrem Eigentum hängen . Vollständig vermag ich ' s zu verstehen , glauben Sie mir das nur ! Man hängt an der eigenen Scholle , ich weiß das aus eigener Erfahrung . Und das Herz blutet einem , lieber möchte man sich einen Finger von der Hand hacken lassen , als einen Acker weggeben vom ererbten Grund und Boden . « Hauptmann Schroff hielt einen Augenblick inne . Dem trüben Ausdrucke nach zu schließen , den urplötzlich seine sonst heiteren und offenen Züge annahmen , schien eine düstere Erinnerung durch seine Seele zu ziehen . Er schnipste mit den Fingern , wie um das zu vertreiben , und fuhr fort : » Sehen Sie , man kann darin aber auch zu weit gehen , ich meine , in jenem Festhalten . Dann wird eben Starrköpfigkeit und Vernarrtheit daraus . Lieber ein kleines Gut als ein großes , das man nicht voll bewirtschaften kann . Ich kenne Ihre Lage , Büttner ! Ich sage Ihnen so viel aus meiner eigenen Erfahrung heraus ; wenn Sie sich auf Ihren Willen versteifen , wenn Sie auf diesen Vorschlag hier nicht eingehen , werden Sie sich nicht halten können auf Ihrem Gute . « Jetzt hielt sich der Bauer nicht länger . » Ich ho mich gehalen dreißig Juhre lang , dar Herrschaft zum Trotze ! Mich wardt er ne uffrassen , wiet ' r ringsrim alles ufgefrassen hoat , mich ne ! Wenn der Pauer alle wird , wer is ' n dran schuld , wenn ne die Rittergitter ? Auf uns Pauern hackt a alles ei , de Beamten wie der Edelmann . Nu solln mer och noch ' s latzte Bissel hergahn , dos mer hoan . Vun Haus und Hof mechten se uns rungertreiba , alles mechten se schlucken , bis mir gar an Bettelstabe sein . Dazumal , als se teelten - regulieren taten se ' s heeßen - ' s is nu schun a Hardel Jahre har , mei Vater selch hot mer ' s derzahlt - do hat mei Grußvater an dritten Teel vun Gutte hergahn missen ans Rittergut . Und hernachen wor ' s immer no nich genug . Do mußte mei Vater selch no ane Rente abzahlen , wie viele Juhre durch ! - Nu sollt ees denka , mer wär ' frei gewurn , weil mer an Hofedienst und a Fronde los sen. Aber ne ! nu kimmt a Edelmann su vun hinten rim und mechte unsereenem ' s Gut abluchsen . Aber , da gibt ' s nischt ! Mir Pauern sein och nich mehr so tumm . Mir sein a nimmer de Untertanen mih vun an gnädigen Herrn . Wenn mir ne wullen , do brauchen mer ne ! Zun verkefen kann mich keener ne zwingen , och der Graf ne ! « Der Hauptmann hatte diesen Ausbruch bäuerlichen Selbstbewußtseins mit Verständnis und Teilnahme angehört . Sowie ihn der alte Mann zu Worte kommen ließ , sagte er : » Ich kann das alles mit Ihnen fühlen , Büttner ! Ich habe auch einmal ein Gut besessen , ein schönes , großes , vom Vater ererbtes Rittergut . Ich habe den Grund und Boden , auf dem ich geboren war , lieb gehabt , so gut wie Sie Ihr Gut lieben . Genau wie Sie dachte ich damals . Aber die Verhältnisse sind oft stärker als unser Wille . Was will man machen ! Ein paar Mißernten und dann die Hypotheken , mein Lieber ! die Hypotheken ! Das ist der zehrende Fraß , der den Grundbesitzer vernichtet . Das ist schlimmer als Feuersbrunst , Hagel und alle Ungewitter zusammen . Auf überschuldetem Grunde sitzen , das ist , als ob dir einer eine Schlinge um den Hals geworfen hätte , und wenn du die Füße losläßt , hängst du drinnen . Da gibt es keine Rettung . Der größte Fleiß , die größte Sparsamkeit nützen da nichts , du bist kein freier Mann mehr , du hängst von etwas ab , das du nicht kontrollieren kannst , und das lähmt dich . - Mit blutendem Herzen habe ich meinen Besitz fahren lassen müssen . Sequestration , Zwangsversteigerung , alles habe ich durchgemacht ! Sie sehen , mein guter Büttner , ich kann hier mitreden . « Der Hauptmann schwieg und strich sich mehrmals erregt den Bart , ihn von oben nach unten durch die hohle Hand gleiten lassend . Er seufzte . » Gott schütze Sie , mein Lieber , vor alledem ! « Der alte Bauer war stille geworden in seiner Ecke . Die Worte des anderen hatten Eindruck auf ihn gemacht . Hauptmann Schroff fuhr fort : » Es ist nicht leicht als älterer Mann , ein Stück hergeben von dem , was man durch ein ganzes Leben sich gewöhnt hat , als sein Eigentum zu betrachten . Sitzt da irgendwo in der Stadt ein Kerl , der hat eine Hypothek auf deinem Gute erworben . Und dieser Mensch , der mit dem Grund und Boden nicht das geringste zu tun hat , der nicht ackert , pflügt oder säet , der hat nun Gewalt über dein Gut . Der kann dich runtertreiben , wenn es ihm paßt . Wie eine Ware kommt dein Eigentum unter den Hammer . Und das , was Generationen gepflegt und kultiviert und gehütet haben wie ihren Augapfel , wird nun zerschlagen und zerschlachtet von Fremden . Und draußen sitzen wir ! Als älterer Mann mit Familie muß man sich nach Brot umsehen . Das ist nicht leicht , mein Lieber , das ist nicht leicht ! « Der Hauptmann schwieg und blickte gesenkten Hauptes zu Boden , als sei dort irgendetwas Interessantes zwischen seinen Stiefelspitzen zu erblicken . Auch der Büttnerbauer sagte kein Wort . Der Mann hatte recht ! so war es , genau so ! Wie oft hatte er nicht ebenso empfunden , wenn er mit Angstschweiß die Zinsen für seine Gläubiger aufzubringen sich mühte . Der Mann wußte wie es zuging , wahrhaftig , der durfte mitreden . Der Hauptmann riß sich aus seinem Nachdenken . » Nun wollen wir aber mal von unserer Sache reden , Büttner ! Ich weiß , wie ' s mit Ihnen steht . Ich gebe Ihnen den wohlgemeinten Rat : verkaufen Sie Ihren Wald ! Das ist das einzige Mittel , das Sie noch retten kann . Zahlen Sie von dem Erlös einen Teil der Grundschulden ab , sonst bricht Ihnen eines Tages die Geschichte über dem Kopfe zusammen . Es geht Ihnen dann wie mir , Sie kommen um alles . Das Angebot , welches Ihnen der Graf machen läßt , ist kein schlechtes . Nehmen Sie ' s an ! Ich spreche nicht etwa nur im Interesse meines Brotherrn , ich spreche zu Ihnen geradezu als ein Leidensgefährte . « Der Bauer schwieg eine Weile . In seinem Gesichte arbeitete es , als bewegten ihn die widersprechendsten Gefühle . Aber die Feindseligkeit war aus seiner Miene gewichen . Schließlich erklärte er mit gedämpfter Stimme , wenn er auch wolle , die Hypothekengläubiger würden es gar nicht zulassen , daß er das Gut verkleinere . Auf diesen Einwand war der Hauptmann gefaßt . » Natürlich würden die Gläubiger Einspruch erheben , wenn Sie das Pfandobjekt vermindern wollten ohne ihre Genehmigung . Mit den Leuten muß selbstverständlich verhandelt werden . Ich denke , wenn man ihnen eine entsprechende Abzahlung zusichert , werden sie sich bereit finden , die Einwilligung zur Dismembration zu erteilen . Es sind ja wohl lauter nahe Verwandte von Ihnen , die Gläubiger ? Die werden doch so viel Interesse für die Erhaltung des Gutes beweisen , daß sie sich in diese notwendigen Maßregeln finden . « - Der Bauer schüttelte mit bitterem Lachen den Kopf . » Han Se ne das Sprichwurt gehert : Blutsverwandte tut mer heeßen , die dich am erschten werden beeßen . « » Steht es so bei Ihnen ? Ich kenne das Wort ! es liegt was Wahres darin . Aber in Ihrem Falle , dächte ich , müßten die Verwandten ein Einsehen haben , wenn nicht aus Familiensinn , so vielleicht aus Egoismus . Die sind doch schließlich auch daran interessiert , daß das Gut in Ihren Händen bleibt . Denn können Sie sich nicht darauf halten , dann sind auch die Hypotheken gefährdet . Auf überschuldetem Besitz arbeitet der Eigentümer tatsächlich nur für die Gläubiger . Sie schinden und plagen sich , damit Ihre Verwandten den Zinsgenuß ungestört haben . So liegt die Sache doch in Wahrheit , mein Bester ! Habe ich recht ? « » Recht han Se ! Aber soin Se mal suwos zu an Gleibiger . Die gahn mer de Einwilligung ne , ich glob ' s ne ! « » Ich will Ihnen mal was sagen , Büttner ! « rief der Hauptmann , rückte dem Alten ganz nahe und legte ihm eine Hand aufs Knie . » Überlassen Sie die ganze Sache mir ! Ich will mit den Leuten verhandeln . Erfahrung habe ich mir ja gekauft in dieser Art Sachen . Ich glaube , ich werde die Gesellschaft so weit bringen , daß sie Konsens erteilen . Es ist ja tatsächlich nur eine Formensache . Nennen Sie mir mal Namen und Adresse der sämtlichen Hypothekengläubiger . « Der Alte kraute sich den Kopf ; er wollte sichtlich nicht mit der Sprache heraus . Schließlich gab er aber doch dem Drängen des Hauptmanns nach . Als der Bauer den Namen » Schönberger « nannte , stutzte der Hauptmann . » Mann ! Wie kommen Sie zu so einem ? « Der Büttnerbauer berichtete in umständlicher Weise die ganze Angelegenheit . Die Kündigung der Hypothek von seiten des Bruders , wie er sich dann umsonst nach Geld umgetan , bis er schließlich in der Stadt das notwendige erhalten habe . Hauptmann Schroff nahm eine bedenkliche Miene an und schüttelte unwillig den Kopf . » Die Sache will mir nicht gefallen , mein guter Büttner ! - Schönberger ! - Was mag das für ein Menschenfreund sein ? « Der Büttnerbauer meinte , es habe ihm ja kein anderer Mensch das Geld borgen wollen . Herr Schönberger sei gleich bereit dazu gewesen , und allzu hohe Zinsen habe er auch nicht gefordert . - » Trotzdem ! trotzdem ! « meinte der andere . » Oder vielmehr , gerade deshalb ! Aus Menschenliebe tut ' s diese Art gewöhnlich nicht . - Na , das ist nun nicht mehr zu ändern . - Also , mal die übrigen Gläubiger ! « Der Bauer berichtete , was sonst noch auf dem Gute an Schulden stehe . » Der Hauptgläubiger ist demnach Ihr Schwager Kaschel . Mit einer Hypothek steht er zudem an letzter Stelle . Was denken Sie , wenn ich mit dem Manne zuerst Rücksprache nähme ? Er wohnt ja hier am Orte ; ist Kretschamwirt , wie Sie sagen . « » Da mechte aber eener Haare uf ' n Zähnen han , « meinte der Bauer mit vielsagendem Lächeln , » wer Kaschelernsten kirren wollte . Dos is a Dreimalgenähter . Und a bieser Hund is a Lammel gegen den , das sag ' ch Se glei ! « Der Hauptmann meinte , er sei nicht furchtsam von Natur , und er wolle es auf den Versuch ankommen lassen . Er werde gleich einmal nach dem Kretscham hinüberreiten . Der Büttnerbauer sagte nichts weiter dagegen . Sie verließen die Stube . Der Hauptmann zog sich selbst sein Pferd aus dem Stalle , brachte die Sattelung in Ordnung und stieg auf . » Ich bringe Ihnen Nachricht über den Erfolg , Büttner ! « rief er im Abreiten . * * * Der Büttnerbauer sah dem Reiter eine Weile nach , bis er die Dorfstraße erreicht hatte und dort hinter Häuser seinen Blicken entschwand . Es hatte etwas Tröstliches für den alten Mann , daß dieser vornehme Herr alles das durchgemacht hatte , wovon er soeben erzählt . Er war ihm dadurch näher getreten . Der Bauer stand da mitten in seinem Hofe , die Hand am Kinn , und simulierte . Was das für eine Welt war ! man fand sich bald nicht mehr ein noch aus . Ein Hufnagel lag am Boden . Er beugte seinen alten , steifen Rücken und hob das verrostete Ding auf . Man durfte nichts umkommen lassen . - Er sah sich im Hofe um . Die Holzverschalung am Westgiebel der Scheune war an verschiedenen Stellen brüchig , an einem anderen Flecke fiel der Putz von der Wand . Kostete wieder Geld , das herstellen zu lassen ! Die neue Kuh war noch nicht voll bezahlt . Zu alledem rückte der Halbjahrstermin heran , wo wiedermal die Zinsen fällig waren . Woher das Geld dazu nehmen ! Hafer , Roggen , Stroh , das vorjährige Heu , alles war schon verkauft , Schüttboden und Banse waren leer . Auf den Feldern standen ja schöne Früchte . Wenn das Wetter weiterhin günstig war , würde er sogar eine ausgezeichnete Ernte machen . - Der Bauer wandte seine Schritte unwillkürlich dem oberen Hoftore zu , von wo aus man die Felder des Gutes in ihrer ganzen Ausdehnung überblicken konnte . Er deckte die Augen mit der Hand gegen die Sonnenstrahlen . Im klaren Mittagslichte lagen die Fluren vor ihm . Das Kornfeld wogte wie ein grünlicher See mit silbernen Wogenkämmen . Unabsehbar schien die Menge der Ährenhäupter , die sich da im Winde beugten und hoben in langgezogenen schwellenden und sinkenden Wellen . Und der Hafer , der eben die Schoßhalme treiben wollte , stand in dichten Beeten , eine dunkelgrüne , lebendige Matte , von ungezählten schlanken , spitzen Hälmchen . Und die Kartoffeln mit saftigem Kraut , kraftstrotzend , in langen , geraden Reihen , sorgsam gejätet und angehäufelt , daß es eine wahre Lust war für das Auge des Landmanns . Das war doch sein Eigentum ! Hundertfach hatte er es dazu gemacht durch die Arbeit ! Da war nicht ein Fußbreit Land , den er nicht gepflegt hätte mit seinen Händen . Sein Acker war ihm vertraut wie ein Freund . Er kannte alle seine Eigenarten , seine Schwächen wie Vorzüge , bis ins kleinste hinein . Er stand zu diesem Boden , dessen Sohn er war , doch auch wieder wie die Mutter zum Kinde ; er hatte ihm von dem seinen gegeben : seine Sorge , seine Liebe , seinen Schweiß . Und nun drohten sich zwischen ihn und dieses Stück Erde , aus dem er und die Seinen Kraft und Nahrung zogen , nun drohten sich Fremde zwischen ihn und sein Eigentum zu drängen . Seinem schlichten , ungeschulten Verstande stellte sich die Gefahr dar wie eine Verschwörung teuflischer Mächte gegen ihn und sein gutes Recht . Von der Macht und Bedeutung des mobilen Kapitals , von jenen ehernen Gesetzen , nach denen ganze Stände und Geschlechter dem Untergange verfallen , andere emporhebend durch ihren Sturz , ahnte er nichts . Eines nur hatte er am eigenen Leibe erfahren : er kämpfte und rang durch ein langes Leben gegen eine Last , die auf ihn gelegt war , er wußte nicht von wem . Und je verzweifelter er sich aufbäumte gegen das unsichtbare Joch , desto schwerer und drückender wurde seine Wucht . Konnte ein Mensch das ahnen , der diese lachenden Fluren ansah ? Gottes Segen schien auf ihnen zu ruhen . Der Acker wollte seinem Pfleger so gerne zurückerstatten mit Zinsen , was er an Liebe auf ihn verwendet . Der Boden wollte dem die Treue halten , der ihm treu gewesen war . Halm an Halm drängte sich . Konnte der , dem solche Ernte in die Scheuer lachte , nicht guten Mutes sein ? Durfte es denn wirklich eine Macht geben auf der Welt , die ihm diesen Erntesegen , den der liebe Gott doch für ihn hatte wachsen lassen , streitig machte ? Es kam wie ein großes , dunkles Gespenst über die Felder gehuscht , ohne Beine und doch schnellfüßig - der Schatten einer treibenden Wolke . Es löschte allen Glanz von den Ährenwellen , es wischte die Farbenpracht der bunten Fluren aus , es legte sich wie ein düsterer Ton über alles . Der Schatten eilte über Haus und Hof , über die Feldmark in ihrer ganzen Breite , dem Walde zu . Der Bauer ließ die Hand von der Stirn sinken ; jetzt brauchte er sie vor den Sonnenstrahlen nicht mehr zu schützen . Er wischte mit dem Ärmel über die Augen hin und schneuzte sich . Toni kam aus dem Hause und meldete dem Vater , das Essen stehe auf dem Tische . Vom Felde her zog Karl mit den Pferden herein . Der alte Bauer meinte , sie sollten mit dem Essen immer anfangen , ohne ihn , er habe noch mit dem fremden Herrn zu sprechen . Hauptmann Schroff erschien nach einiger Zeit , er blickte mißmutig darein . » Es war nichts damit ! « rief er dem Alten schon vom Hoftore entgegen . » Sie haben recht behalten , Büttner . Ihr Schwager Kaschel - nun , ich will nichts weiter sagen . Ich bedaure Sie , Mann ! - Aus dem Dismembrationsplane kann nun nichts werden . Da bleibt nur noch eins übrig : mein Graf kauft Ihnen das ganze Gut ab , zahlt die Gläubiger aus , behält sich den Wald und läßt Sie als Pächter zeitlebens auf Hof und Felder sitzen . Einen anderen Weg sehe ich nicht ! « Da verfärbte sich das Gesicht des Alten . Er richtete sich zu seiner ganzen Höhe auf , und seinen knochigen Arm ausstreckend , rief er zornig : » Sahn